Nun er wird gemeint haben , wenigstens unter seinesgleichen sollte er bekannt sein . So ein junger Bursche war natürlich tief unter ihm , und er ließ es Resli auch gehörig fühlen mit Manieren , Bemerken und Widersprechen , wie man es alle Tage hören und sehen kann , wo Notabilitäten zu sehen sind . Resli war bescheiden , aber nicht katzenbucklicht , er gab Bescheid , paßte dabei aber auf Gelegenheit wie die Katze auf die Maus , aber lange umsonst . Endlich fragte der Bauer : » Du wirst den Hof erhalten ? « » Allweg « , sagte Resli , » und wenn Ihr mir die Tochter gebt , so gibt sie eine Bäurin , die öppe de Kümi nicht zu spalten braucht . « » Es gibt Höfe droben « , sagte der Bauer , » ich möchte sie nicht geschenkt , und wenn man Schulden darauf hat , so wäre man ringer Polizeier , der doch noch öppe all Tag Brot bekömmt , bald hie , bald da . Es wird gemacht sein , du wirst den Andern doch öppe nicht viel müssen herausgeben ? « » Gemacht ist nichts « , sagte Resli , » aber öppe hart halten wird man mich nicht , sie sind alle gut gegen mich , und es meint öppe Keins , daß zLiebiwyl kein Bauer mehr sein sollte . Der Hof ist öppe nicht ganz eben , aber stotzig Land ist doch auch keins , und wenn einer zu ihm sieht , so wäre da unten in den Dörfern öppe nicht manches Haus , in welchem Platz hätte , was auf demselben gemacht wird . « » Ich habe heute vernommen , daß mir Laden nicht kommen , welche ich gekauft zu haben meinte ; jetzt habe ich zwei oder drei Bäume zu wenig . Fände ich bei euch welche ? Du hast mir letzthin davon gesagt , daß ihr Holz verkauft ? « » Oh , aparti verkaufen wir nicht Holz , aber wenn jemand mangelt und wir können ihm einen Gefallen tun , so sagen wir es ihm nicht ab « , sagte Resli , » In unserm Holzschopf wird wohl etwas von Laden sein , was Euch anständig wäre ; kommt und sucht Euch aus . « » So , habt ihr Vorrat auf den Kauf hin ? « fragte der Bauer . » Nein , aparti nicht . Aber wenn etwas Abgähndes ist im Walde oder andres , das mehr schadet , als ihm aufgeht , so machen wir es im Winter nieder , und was Laden gibt , tun wir zur Säge . Der Vater meint , man wisse nie , was es geben könne , und wenn man es brauche , so habe man es . Es sei ihm nichts mehr zuwider , als wenn man erst die ganze Welt aus gumpen müsse , ehe man an etwas hin könne . « » He , wennd meinst , ihr habet Laden , einen Baum zwei Zoll und zwei anderthalbzöllige , aber saubere , so wäre es möglich , daß ich die andere Woche hinaufkäme , wenn man etwa ein Roß entmangeln kann . « » Deren « , sagte Resli , » haben wir zum Auslesen , und wenn Ihr mehr mangelt , so braucht Ihr auch nicht weiter . Aber von wegen der Tochter möchte ich fragen , wärs Euch wohl anständig ? « » He « , sagte der Bauer , » pressiere wird das öppe nit sövli , man hat danach alle Zeit , davon zu reden , und ds Meitschi ist uns nit sövli erleidet , daß das so eys Gurts gehen muß . Man kann immer noch davon reden , und wenn ich die andere Woche hinaufkomme , so gibt vielleicht ein Wort das andere . « Weiter konnte es Resli nicht bringen , trotz allen diplomatischen Redensarten , und als er sagte , die Sonne sei schon teuf und er habe weit , so gab man ihm nicht zu verstehen , daß er bleiben könne , sondern man sagte , die Tage seien lang und finster werde es nicht , um zehne komme der Mond . Er mußte aufbrechen , lud aber vorerst noch grausam ein , daß der Bauer die andere Woche ja nicht fehlen und Frau und Tochter mitbringen solle ; sie seien doch noch nie da oben gewesen . Daß das Weibervolk die ganze Welt sehe , meinte der Bauer , halte er nicht für nötig ; wenn er sie an alle Orte führen sollte , wo sie nicht gewesen , so hätte er mehr zu tun , als er möchte , und sei z ' alte für noch anzufangen . Mehr wollte er nicht sagen , und mehr ließ er ihn nicht sagen , weder zu einem Zeichen noch zu einem Worte hinter seinem Rücken gab es Zeit oder Raum ; er begleitete Resli bis auf die Straße und hütete Haus und Straße mit scharfen Blicken , daß keine Maus was Geheimes hätte tun können , geschweige denn ein Meitschi . Erst als er sich überzeugt hatte , daß Resli in der Ferne wirklich verschwunden , ohne Versuche zu weiterer Annäherung , ging er ins Haus zurück und nahm die Weiber scharf ins Gebet : Wie der dahergekommen , was sie mit ihm gehabt und warum sie ihm aufgewartet hätten , als ob er bereits Hochzeiter wäre . Die Mutter machte sich ganz unschuldig . Sie wies das Zuckerstöcklein vor ( den Kaffee verschwieg sie ) , das hätte er als Kram gebracht für seine Verpflegig , und da hätte sie ihn müssen hinein heißen und ihm etwas Warms machen , wegem allgemeinen Gebrauch ; an etwas anders hätte sie nicht gesinnet . Da sei aber Anne Mareili dazugekommen , und die hätten gleich mit einander getan wie dGöhle , bsunderbar wenn sie draußen gewesen . Sie hätte darauf Anne Mareili oft gehen heißen und ihm gesagt , es komme nicht gut , es solle selbst sagen , ob es nicht so sei , aber es hätte nicht darum getan . So unschuldig kam Anne Mareili nicht davon . Es bekannte offen , daß es dem Resli bekannt , es sage nicht Nein , er solle nur auch machen , daß der Vater Ja sage ; den Kellerjoggi aber , den nehme es allweg nicht , lieber wollte es sich rösten lassen wie Kaffeebohnen . » Selb wär z ' probiere « , sagte der Vater und weiter nichts , wüst tat er gar nicht . Das wars , was Anne Mareili grusam verwunderte , aber einen ganzen Tag umsonst , denn erst am folgenden Tage konnte es die Mutter ihm erzählen , wie Kellerjoggi den Vater erzürnt und wie dieser es ihm nun weisen wolle . Kellerjoggi hatte nämlich eingewilligt , sein Vermögen dem Anne Mareili verschreiben zu lassen , und es war abgeredet worden , an einem Markttag an einem gewissen Orte zusammenzutreffen , um den Kontrakt schreiben und dann alsobald verkündigen zu lassen . » Nun kömmt Kellerjoggi nicht , sondern schickt ihm so einen Lumpenhund und Bauerngumper , wo an allen Orten sind und nichts begehren , als die Leute hineinzusprengen und Bauern zu betrügen . Mit dem soll der Vater es ausmachen und schreiben lassen , und der fängt aufs neue zu märten an und will den Vater überreden , der Ehekontrakt pressiere nicht sövli ; wenn man es begehre , so könne man wohl zuerst verkünden lassen , das hätte nichts zu sagen . Da ist der Vater bös geworden und hat ihm gesagt , ob er meine , er habe einen Schulbub vor sich , der nicht wisse , daß eine Verkündigung ein Lätsch sei , und wer daraus wolle , Haare lassen müsse . Er sei aber z ' jung und z ' dumm dazu . Dem Kellerjoggi solle er nur sagen , mit der Sache solle es nichts sein , und meinen solle er nicht , daß er am Dorngrütbauer einen Narren habe , mit dem er machen könne , was er wolle . « Gab was der Lumpenhund gesagt , Kellerjoggi habe Rückenweh und könne das Fahren nicht ertragen , habe der Vater nichts hören wollen , sondern sei in der Täubi fortgegangen ; des Wartens habe er jetzt genug , und es gebe noch Andere für sein Meitschi als so alte Böck und Sünder , habe er gesagt . » Allem an hat einer von unsern Buben dem Alten es gchläfelet , Resli sei da . Nun wird er gedacht haben , besser könnte das sich nicht schicken , um es dem alten Hung zu weisen , und darum hat er nicht wüst getan , ds Konträri , dSach ist ihm noch recht gewesen . Und wer weiß , jetzt kommt die Sache vielleicht noch gut , wenn nur dr Ätti bald fährt und den Kellerjoggi nicht etwa ein anderer Laun ankömmt , daß er daherkömmt und dem Kübel wieder einen andern Mupf gibt . Oder der Ätti änderte Sinn , aber ich glaube es nicht , ds Geld ist ihm lieb und zwänge noch lieber ; aber wenn öpper gescheiter sein will als er und ihn zum Narren halten , das mag er nicht erleiden , da reut ihn kein Geld mehr , da will er für ds Tüfels Gewalt ds Gegeteil von dem , was er gerade vorher het welle zwänge für ds Tüfels Gewalt . Er ist e Kuriose , üse Ätti . « Der Eröffnung hörte Anne Mareili mit großer Andacht zu ; ein Berg glitt ihm vom Herzen , vor ihm tat der Himmel sich auf , aber wie er herunter war , rutschte langsam der Berg wieder das Herz hinauf , der Himmel schloß sich wie ein Blitz , und schwarze Angst umfloß es wieder , schwarz und immer schwärzer . Auf einem Felsenvorsprung im Meere , auf den er sich zur Ebbezeit hinausgewagt , ist einer rasch von der Flut erfaßt , der Rückweg ihm abgeschnitten worden ; er muß warten , muß hinaussehen ins weite Meer , sehen , wie die Wogen schäumen , steigen , muß sie fühlen , wie sie lecken an seinen Füßen , höher und immer höher , und langsam rinnt die Zeit vorüber , und wilder wird die Flut , und je wilder sie wird , um so langsamer rinnt die Zeit . Wie hoch die Flut steigen wird , wer sagt es ihm , wer kennt des Mondes Launen , des Windes Tücke , was beide über ihn verhängen ? Ob er nach einer Stunde auf eigenen Beinen gerettet ans Ufer geht oder als Leiche von mutwilligen Wellen ans Ufer gespült wird , weiß nur der , der jede Tücke kennt und jede Laune . Und nun ein junges Mädchen , das den Himmel offen vor sich sieht , aber es darf den Fuß nicht heben , es darf nicht hinein ; es muß warten , und wie lange , weiß es nicht , sechs Tage , sechs Nächte , sechs Wochen vielleicht , und ob es hineingetragen oder versenkt wird in der Lebensflut tiefuntersten Grund , das hängt nicht von Wind oder Mond ab , nicht von der Gnade dessen , der Wind und Mond regiert , sondern von den Launen zweier alten Vögel , zweier durchtriebenen Käusene , die nichts wissen von Menschenglück und Menschenliebe , sondern nur spielen Trumpf um Trumpf und stechen , was vorliegt , Herz oder Dame oder Bub , Karten ziehen , je nachdem der Teufel sie sticht . Und auf dieses Stechen und wie dr Teufel die Alten sticht , muß das Mädchen warten , kann nichts daran machen , muß warten Tag um Tag , und wie manchen noch , das weiß es nicht . Wer weiß nun , was so einen alten Käusi angeflogen kömmt über Nacht , was ihn sticht , was ihn plagt , ein böser Husten oder was anderes ? Wer weiß , was er am Morgen stechen will , ob das Herz oder die Sau ? Wer alte Käusene kennt , welche Launen regieren , die leben , je nachdem der Teufel sie sticht , ohne Gewissen und ohne Erbarmen , der kann sich denken , wie es Anne Mareili sein mußte . Jetzt war sein Glück seinem Vater recht , weil er damit den Kellerjoggi so recht , wie man sagt , abetüfeln konnte ; aber wenn Kellerjoggi kam und sich unterzog , sein Rückenweh recht groß machte , seinen Agenten recht dumm , der nicht gewußt , was er redete , zu nichts den Auftrag gehabt , so war die ganze Freude aus und der Friede unter den Sündern wieder hergestellt . Und wenn der Vater dann noch hinfuhr , wie er versprochen hatte , so war er imstande , sie dort im Ungewissen zu lassen , bis er recht wohlfeile Laden gekauft , und dann erst zu sagen , sie sollten nur nicht weiter Mühe haben , aus der Sache werde nichts , er tue es nicht . Wenn es draußen doppelte an der Türe , so fuhr es hoch auf ; wenn es von weitem ein Wägelein hörte , so zitterte es , bis es sich vergwissert hatte , daß nicht der Kellerjoggi darauf sitze , und wenn der Vater vom Hause wegging , so stund es in alle vier Ecken Kehr um Kehr und hatte nicht Ruhe , bis der Vater heim war , bis es wußte , was er für ein Gesicht heimgebracht . Ein Tag nach dem andern ging um , ohne daß einer dem Vater den Kellerjoggi oder einen andern Sinn gebracht ; aber es kam der Sonntag , der Vater war auch noch nicht gefahren , und wenn er fahren wollte , das wußte niemand , und niemand fragte ihn . In diesem Hause ward nicht Familienrat gehalten , wie es sonst wohl in andern geschieht , hier war unumschränkte Despotie . Der Vater wollte , daß die Söhne reich blieben , er sorgte dafür , aber er befahl , und in sein Regiment sich zu mischen , das wagte niemand . Und wenn er Argwohn faßte , einer seiner Söhne hätte Mut , den Kopf aufzuheben und etwas von eigenem Willen spüren zu lassen , so drückte er ihm den Kopf nieder , daß derselbe froh war , ihn unten zu behalten . Er zog die Söhne zu Bauern , ließ sie zAcker fahren und handeln ; aber wenn er irgend merkte , daß einer derselben anfing zu glauben , er verstehe die Sache und möge mit Kauf und Verkauf bald den Vater , so war er imstande , ein Pferd , welches einer seiner Söhne eingekauft , unter dem Preise wegzugeben , nur um denselben demütigen , ihm vorhalten zu können , wieviel an einem Roß , welches derselbe eingekauft , verloren gegangen und daß solche Schnuderbuben doch nicht meinen sollten , sie könnten schon etwas . Wohl , das würde gehen , wenn der Alte nicht noch immer das Heft in der Hand behielte ! So führte er ein Regiment , und wenn ein Kind etwas fragte , so sagte er : » Lue de « , und wenn sonst jemand etwas von ihm wissen wollte , so sagte er entweder ebenfalls nichts oder das Gegenteil von dem , was er eigentlich im Sinne hatte . Nur der Mutter sagte er zuweilen etwas , wenn sie sich nämlich recht demütig und stille verhielt . Rührte sie sich , zeigte sie Neugierde , so sagte er ihr : » Ja wolle , am ene sellige Babi wird man öppis sagen , das dKing uf dr Gaß nit sölle wüsse . Geh und köhl de Säue ; für selligs het me dWyber , i ds Angere häb dNase nit , sust überchunst druf , es geyht dih o hell nüt a. « Da aber doch selten ein Mensch ist der nicht seine Stunden hat , in denen er gerne schwatzt oder der nicht gerne einmal die Perücke abzieht und ist , wie er ist , und schwatzt , wie ihm ist , und selten einer ist wie Ludwig der Vierzehnte , den auch sein Kammerdiener nie in seiner Gemeinheit , sondern stets nur in der Perücke gesehen , so packte er zuweilen bei seiner Frau aus , was er dachte , was er wollte ; dann mußte sie ihm gellen , ihn rühmen und hatte vielleicht einige gute Stunden , wo sie meinte , sie seien Beide recht gute Freunde . Aber sie brauchte dieses Gefühl nur einigermaßen merken zu lassen , so gab er ihr einen Tätsch , daß sie merken konnte , daß ihr Mann sie nicht zum Freund , sondern nur zum Hund wolle . Was sie in solchen Stunden erfuhr , das sagte sie manchmal Anne Mareili , weil es verschwiegen war und sie nicht verriet . Die Buben aber erfuhren nichts davon , denn sie zeigten eine souveräne Verachtung gegen das Weibervolk ; dem ließen sie es auf allen Suppenbröcklene merken , wer da einmal zu befehlen hätte . An einem Sonntag ging der Dorngrütbauer selten aus , wenn er nicht irgend einem Geschäft nachfuhr mit Roß und Wägeli , manchmal um Holz aus , manchmal um eine Kuh oder sonst was . Er rechnete am Sonntag , und nachmittags war meist jemand da , der mit ihm verkehren wollte , bald ein Metzger , bald ein Zinsmann , bald ein Nachbar , der Rat suchte , bald ein Anderer , der Geld wollte . An jenem Sonntag tat er wie gewohnt , und Anne Mareili bebte nur vor einem heranfahrenden Kellerjoggi ; aber es wußte doch immer , was ging , und hatte den Vater sozusagen unter den Augen . Wie erschrak es aber , als er , sobald er zu Mittag gegessen hatte , sich sunndigte , den Hut bürsten ließ und abzog , ohne zu sagen wohin , aber in der Richtung eines Wirtshauses , wo des Sonntags Kellerjoggi gewöhnlich seinem Namen Ehre machte und welches zwischen Schüliwyl und Aufbigehrige lag . Unwillkürlich zog es Anne Mareili dem Vater nach , aber bis es sich zweggemacht , war er seinen Augen längst entschwunden , aber dennoch mußte es gehen . Es werde ihm neue so angst , sagte es der Mutter , es düechs , es müsse ein wenig voruse . » He nun , so geh « , sagte die Mutter , » aber mach , daß du heim bist für dSach z ' mache ! Auf die Jungfrauen kann man sich nicht mehr verlassen , gäb wie man es ihnen sagt ; wenn die hinter sieben Zäunen ein Bubenbein sehen , so bringt man sie mit keinem Lieb mehr ab Platz . « Anne Mareili ging der Richtung nach , in welcher der Vater gegangen war , aber keine Spur vom Vater fand sich mehr . Wege liefen nach allen Richtungen aus , es wählte nicht , lief den geradesten ; bald stand vor ihm das Dorf , wo ihre Kirche stund , und nun fiel auf einmal ihm die Verlegenheit aufs Herz , was es dort machen , was es zWort haben wolle , und wenn es durchs Dorf durch sei , wohinaus es dann wolle . Wenn es gesagt hätte , es wolle ein Kehrli machen , spazieren gehen , man hätte es angesehen wie einen Stier ohne Hörner , ein Schwein ohne Ohren , und bis dato noch schämen ehrbare Mädchen auf dem Lande sich des Kehrlis und Spazierens ohne Ziel ; sie spazieren auch , aber sie haben entweder etwas beim Schuhmacher zu verrichten oder möchten sehen , was ihr Flachs mache oder der Hanf auf der Rösti . Dann war es so früh , und es kam daher wie aus einer Kanone ; so wegen mir nichts und dir nichts kömmt man aber nicht so früh und so wie aus einer Kanone . Da fing es an zusammenzuläuten zur Kinderlehre . Beruhigend klangen die Töne in sein verwirrt und ängstlich Herz hinein , sie waren wie das Öl , das Aarons Haupt umfloß und Ruhe in sein Herz ihm goß ; vor ihm ging es auf wie ein groß und herrlich Tor , das in kühle , friedliche Hallen führt aus heißem Gewühle . In die Kinderlehre , düechte es ihns , möchte es einmal wieder ; seit es die Erlaubnis zum heiligen Abendmahl erhalten , war es nie in derselben gewesen . Daß Baurentöchter dieselbe besuchen , ist nicht Mode , kein guter Schick ist dort zu machen , keine Kurzweil ist darin zu treiben , und wo es nicht Mode ist , geht man nicht hin , so ume vo wege nüt mag man sich nicht auslachen lassen . Nur so arme Mädchen und zuweilen auch ein sinniger Bube kommen her , die es einsam anweht draußen in der Welt , die Heimweh haben nach dem Orte , wo sie die Liebe Gottes angeweht , wo sein Licht helle Strahlen in ihre Herzen geworfen , die ein Heimweh haben nach dem Lehrer , der ihre Herzen einem höhern Sinne aufgeschlossen , dessen Worten sie es angefühlt , daß er ein Herz für sie habe , wie keines auf Erden für sie geschlagen , daß sie ihn so recht aus Herzensgrund erbarmen , daß er sie retten möchte aus des Verderbens Schlund mit allen Kräften und von ganzer Seele . Wie wohl tut es ihnen , wenn sie ihn sehn , wenn sie die alten und doch immer neu werdenden Lehren hören ! Und wenn sie fühlen , daß unter ihnen der Boden wankt , daß die Wellen der Welt die Scholle , auf der sie stehen , vom Ufer reißen , so wenden sie nur um so inniger ihre Blicke nach dem treuen Lehrer , und Tränen drängen sich ins Auge , und jede Träne ruft : Wenn der es wüßte , was würde er sagen ! Da wird oft das Herz so heiß , Bekenntnis um Bekenntnis drängt sich hervor bis an die Schranke der üblichen Sitte ; da erkalten sie wie Lava in des Meeres Schoß , und was der Lehrer wohl im Auge sah , das überschritt die Lippen nicht , das versteinerte nach und nach . Wenn dann im Herzen die Welt erkaltet , da taut wohl das versteinert Gewesene wieder auf ; er hätts gut mit mir gemeint , heißt es dann , aber was will me ? Ih ha mih gschoche , u du ischs gange , wies gange ist . Wenn ich ihn nur noch einmal sehen könnte und der liebe Gott mir verzöge , so wärs , was ich wünschte . So dünkt es manches arme Mädchen und zuweilen auch einen Buben , die fühlen , daß kein Herz so warm für sie schlägt als das da innen . Diese haben eben kein Vorwort nötig , wenn sie in die Kinderlehre gehen wollen ; die , wenn sie nicht narrochtig tun , laufen unbeachtet . Anne Mareili hatte den Pfarrer auch geliebt , es düechte ihns immer , er meine es so gut , kein Mensch so auf der Welt ; mit keinem Lieb hätte man es von einer Unterweisung abgehalten , und als sie zu Ende waren , düechte es ihns , es wäre ihm jemand gestorben und zwar das Liebste , welches es auf der Welt hatte . Es hatte darauf einige Male gesagt : » Es düecht mih , ih möcht zKingelehr . « Dann hatte die Mutter gesagt : » Was witt doch , du Göhl , es düecht mih , du söttisch gnue Kingelehr übercho ha . Es geyht ja ke Mönsch , was witt doch ? DLüt lache dih ume us . « So hatte es die Mutter abgehalten , und Anne Mareili ließ sich abhalten , es hatte es nicht besser gesinnet . So halten noch viele Eltern ihre Kinder vom Gottesdienst ab , und nicht nur vom Gottesdienst , sondern auch von Gott selbst . Wartet nur , ihr Toren ! Wenn ihr eure grauen Haare mit Jammer zur Grube tragt , dann schreit ihr vielleicht nach Gott ; aber zwischen euch und eurem Gott stehen dann eure Kinder , die ihr an Teufel und Welt verraten , und wie wollt ihr erlöst und selig werden , so eure Kinder durch euch verführt und verflucht sind ? Jetzt düechte es Anne Mareili , dahin möchte es einmal wieder , und alsbald fiel ihm bei , wenn es die Leute frügen , was es da wolle , so könne es zWort haben , sie hätten einen Ackerbub und es nähme sie wunder , wie der antworte und ob ihm der Herr wohl erlauben würde . Das könnte freilich noch Mancher zWort haben , um zur Kinderlehre zu gehen ; aber leider sind der Mütter , der Väter gar zu viele , die sich nie darum kümmern , wie ihr Kind dem Herrn antworten könne in der Kinderlehre , die sich ebenso wenig darum bekümmern , was einst ihr Kind dem Herrn antworten müsse am Tage des Gerichtes . Aber wartet nur , es kömmt eine Stunde , wo ihr anhören müßt , ihr mögt wollen oder nicht , was das Kind antworten muß , und wehe dann euch , wenn das Zeugnis gegen euch ist , euch anklaget als Seelenmörder , und Seelenmörder ist noch ganz was anderes als Leibesmörder ! Dann gehen euch die Ohren auf , sie mögen verpicht sein wie sie wollen , und die Predigt könnt ihr nicht verschlafen , wie manche auf Erden ihr auch verschlafen habt ; die Donner des Zornes Gottes wecken , darauf könnt ihr euch verlassen . Anne Mareili mäßigte , sobald es den Fund getan , seinen Schritt und ging ganz zimpferlich ins Dorf , wie es sich Dorngrütbauern Tochter ziemte , suchte so unbemerkt als möglich zur Kirche zu gelangen , und wenn ihns jemand ansprach , so brachte es seinen guten Grund vor , gegen welchen man ihm gewöhnlich einwendete : » He , was witt , laß du die zusammen machen ; gäb du gehest oder nicht , es fällt doch wies will oder wie der Herr den Laun hat . Komm , in der Kirche schläfert es dich nur , und in der Luspinte wird getanzt ! « Als Anne Mareili in die Kirche kam , hatte es verläutet , der Herr den Psalm verlesen ; schon ging die Orgel , mit gwunderigen Augen sahen sich die Kinder nach ihm um , daß es ganz rot ward und fast reuig , daß es gekommen . Während die Orgel ging , gingen seine Gedanken dem Vater nach , sahen , wie er den Kellerjoggi fand , wie sie Frieden machten , sah den Tritt vor dem Taufstein und dachte sich , wenn es da knien müßte mit dem alten , an Leib und Seele wüsten Manne , sich verkaufen lassen mußte mit Leib und Seele , wie es unter Christen , und zwar unter den vornehmsten am öftersten , üblich und bräuchlich ist . Immer lebendiger trat ihm der Alte vors innere Gesicht ; es sah ihn dort knien , sah sich an seiner Seite , sah , wie der Pfarrer las und immer las und immer näher die Stelle kam , wo es Ja sagen sollte ; immer enger schnürte sich sein Herz zusammen , es dünkte ihns , als müßte es ersticken oder geradeaus in die Kirche hineinrufen : Nein , Nein und immer Nein in alle Ewigkeit . Da schwieg plötzlich die Orgel ; aber seine Beklemmung löste sich nur langsam , Göller und Hemde und Kittel , alles war ihm zu eng geworden , denn wo es einem zu eng ums Herz wird , da ist kein Göller weit genug , da ist selbst Gottes weite Welt zu eng . Aber wenn es einem zu eng wird in der weiten Welt , da findet man wohl ein ruhig , frei Plätzchen im eigenen Herzen , wenn man ein Herz darnach hat . Da begann der Pfarrer zu reden : Wie es draußen in der Welt wandelbar sei , das Wetter unterm Himmel wie die Zustände auf Erden , wie auf den Sonnenschein der Regen folge , auf den Sommer der Winter , auf gute böse Jahre , und Trübsale wechselten mit Glück und Freude . Dieser Wechsel sei aber nicht ungefähr oder komme aus Bosheit , sondern aus Gottes väterlicher Hand . Das aber sei wichtig und nie zu vergessen ; denn wie draußen es wechsle , solle es nicht wechseln in des Menschen Seele , denn es solle eben der Mensch über den Wechsel sich erheben und zu einem bleibenden , unveränderlichen Wesen werden , er solle nicht gleichen der wechselnden Welt , sondern dem Vater im Himmel , in welchem kein Schatten der Umkehr und des Wandels sei . Um aber so zu werden , müsse der Mensch es wissen und nie vergessen , daß er ein Kind unter des Vaters Auge sei , der jedes Haar an seinem Haupte behüte und keines ausfallen lasse ohne seinen Willen , jede gute Gabe gebe und jede Züchtigung ; dann vermöge er den kindlichen Sinn zu bewahren , der dankbar bleibe dem Vater in guten Tagen , willig und geduldig in Trübsalen , in guter Zuversicht auf die Zukunft , gleichmütig und demütig immerdar in festem Glauben , daß denen , die Gott lieben , alle Dinge zur Seligkeit dienen müßten . Wo aber der Mensch sein Auge nicht also fest und unverwandt auf Gott gerichtet halte , nicht es immerfort läutere im Anschauen seiner Herrlichkeit , da werde es getrübt vom Wechsel der Welt und ändere Farbe mit jedem Wechsel . Dessen sei Zeugnis das Leben so vieler Menschen , in dem Übermut wechsle mit Kleinmut , Hochmut mit Niederträchtigkeit , eitles Wesen mit Jammersucht , Leichtsinn mit Trübsinn . Man solle doch nur in die Häuser schauen , und wo man sehe