, nicht so weit , um wieder zu lieben . Der Gegenstand meines Mitleids wird kleiner als ich , und ich bedarf eines größeren , der mich ganz umfängt , hebt und trägt . Aber die meisten Frauen sind gutmüthiger und rührbarer als ich . Stirbt doch gar Corinna wegen dieses trübseligen Oswalds ! Das ist mir nun vollkommen unbegreiflich ! Für die Liebe leben , für den Geliebten leben oder sterben , wie ' s kommt , das ist einerlei ! - Aber nur nicht sterben , weil ein Mann mich nicht mehr liebt ! Die Männer müssen um die Frauen sterben , so schickt sich ' s ; das habe ich von jeher behauptet . « » Ja , « sagte ich , » Du hast darüber wundersam despotische Ansichten . « » Despotisch ? möglich ! doch nicht wundersam . Die Liebe ist unser Element , unser Königreich ; Ihr nehmt nur dann und wann eine Stelle darin ein , bringt ' s auch wohl zu einem Ehrenposten oder dergleichen . Wir sind heimisch , wo Ihr fremd - Herrin , wo Ihr Einwanderer seid ; dies Bewußtsein macht despotisch : wir wollen lieben über Alles , und lieben , nichts als lieben , Königin sein , von allen Gaben strahlend , im Reich der Liebe ! Darum , Mario , begreife ich , daß eine Frau sterben kann , wenn sie nicht mehr liebt ! macht ihr Herz seine Pendelschwingungen nicht mehr , so steht das Uhrwerk ihres Lebens still . Lieben ist : sich einem Gegenstand weihen ; aber muß der Gegenstand durchaus derselbe bleiben ? sind in uns keine Fortschritte , keine Umwälzungen , die einen andern bedingen ? können wir bei zwanzig Jahren reif genug sein , um unsre Entwickelung bei dreißig und deren Ansprüche vorherzuwissen und uns gleich von Hause aus dafür einzurichten ? Ich meines Theils hatte vor zehn Jahren kaum eine Ahnung von Allem , was ich geworden bin . Es mag ein hohes Glück sein , beim Eintritt ins Leben der Seele zu begegnen , mit der wir , bis zum Austritt aus demselben , verbunden bleiben ; aber es ist ein seltner Glücksfall , daß zwei Menschen durchaus gleichen Schritt halten in ihrer Entwickelung , und daß keiner den andern überflügelt . Darum sollte man nicht eine Ausnahme zur Richtschnur machen wollen ; nicht sagen : nur das Festhalten an einem Gegenstande ist Liebe . « » Vielleicht hat man zuweilen darin Unrecht , Faustine ! « entgegnete ich ; » nur bleibt es gewiß , daß häufig in dem Wechseln mehr Selbstliebe als Liebe liegt . Glaubst Du nicht , daß ein Mensch in Opfer und Entsagung bis zum Tode ebenso sehr der Vollendung entgegenreifen könne , als indem er Andern das Opfern überläßt ? Denk an Vinzenze Sonsky ! « » Ach , Vinzenze ! « rief Faustine ; » ich beuge mich gern vor ihr , denn mehr als sie kann der Mensch nicht thun . Aber das ist ein trauriges Beispiel ! sie hat sich geopfert , und doch ist Niemand beglückt , sie selbst todt , ihr Mann einsam im Alter , Ohlen einsam in der Jugend . O sage mir , daß Du glücklich bist , Mario . « Wenn sie in den Ausdruck der Liebe überging , war sie unwiderstehlich ; darin war sie ein Genie wie in ihrer Kunst ; dadurch beherrschte sie mich so maßlos , daß ich oft mit Erstaunen wahrnahm , wie sie meine Besonnenheit schwanken machte , meine Besonnenheit , die ich mit so eisernem Willen mir angearbeitet hatte ! Vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an war meine Seele ihr unterthan . Faustine veränderte nicht meine Richtung , aber indem ich dabei beharrte , sah ich nach ihr , wie nach der Bussole hin , und in den Außendingen des Lebens behielt ich deshalb unumschränkte Gewalt , weil sie zu träg und zu gleichgültig gegen deren Handhabung war . Oft in diesen vier Jahren hatte sie mich gebeten , eine Reise in den Orient mit ihr zu machen ; oder wenigstens nach der Schweiz , die sie noch nicht kannte . Meinen Erziehungsprojecten zufolge sollte sie sich aber an den geregelten , einförmigen Gang der Existenz , im Verkehr mit Andern , wie in der bürgerlichen Stellung gewöhnen . Ich schlug es ihr unerbittlich ab , und sagte , ich hätte kein Geld dazu . Das glaubte sie leicht , und deshalb sagte sie ganz ruhig : » Ich werde suchen etwas zu verdienen . « Sie schickte ein eben vollendetes Gemälde zur Kunstausstellung nach Mailand , wie sie pflegte . Nach zwei Monaten händigte sie mir eine Anweisung an meinen Banquier in Florenz auf 8000 Franken ein . Ich fragte , ob sie eine plötzliche Erbschaft gemacht . » Nein ! « antwortete sie ; » ich hatte nach Mailand geschrieben , man solle den Ezzelino verkaufen , wenn sich Liebhaber fänden : das ist geschehen . Können wir nun in den Orient ? « Ich war ganz verdrießlich ; das wunderschöne Gemälde ging nach Rußland ! ich sagte , wenn sie mir genau ein ähnliches male , dann wollten wir reisen . ich wußte wol , daß sie es nicht thun würde . » Dieselbe Gedankenfrucht zweimal reifen lassen - kann sogar der liebe Gott nicht « - sagte sie . Aber sie malte Neues , und immer Schöneres . Dazwischen dichtete sie viel , meistens Lieder , tiefsinnig und lieblich wie sie selbst war , denen nichts zur Vollendung fehlte , als daß sie sich ein wenig Mühe gegeben hätte , um sie zu corrigiren . Wenn ich sie dazu ermahnte , so entgegnete sie , damit wolle sie sich beschäftigen , sobald die Zeit des Produzirens für sie vorüber sei . » Vor meinem Tode will ich es thun , damit die Welt wisse , was sie eigentlich an mir gehabt hat ; vorher lohnt ' s der Mühe nicht ! die beste Berühmtheit hebt nach dem Tode an ! wer populär war , wird selten unsterblich , « sagte sie . Ich neckte sie bisweilen mit ihrem Ruhmdurst . » O , « rief sie , » Bedürfniß des Ruhms ist nur Bewußtsein der Zukunft ! wer nicht an seine eigne Zukunft glaubt , verdient auch keine Gegenwart ; und man sagt mir doch - und ich meine mit Recht - ich sei ein großes Talent . Daß meine Gemälde nur in der Mode und deshalb zukunftlos sein könnten - fällt mir oft schwer aufs Herz . Ich weiß wol , daß ich einen köstlichen Schatz besitze ; jedoch , ob ich ihn zu Kleinodien oder zu Münzen oder zu was weiß ich ! verarbeite : das weiß ich nicht , wenigstens nicht genau . Wir irren uns über den Werth unsrer Schöpfungen , wie Mütter über die Schönheit ihrer Kinder . Von seinem Gedicht » Afrika « erwartete Petrark die Unsterblichkeit , und fand sie durch seine Sonette . Es wäre doch traurig , wenn ich nur Afrikas hinterließe ! « Endlich ging ich auf die orientalische Reise ein ; ich gönnte Faustinen und mir diesen Genuß . Ueberdies halte ich eine solche Anfrischung der Lebenselemente nicht blos dem Künstler nothwendig , sondern Allen , die sich jahrelang nur mit ihrem Geschäft und Beruf abgegeben haben . Man wird allzu einseitig , sobald man sich ihm ausschließlich widmet . Die Einseitigkeit hat auch ihr Gutes : sie macht zufrieden , sie lehrt das Geringe schätzen , sie erhält sogar einen gewissen Grad von Unschuld , indem sie manche Illusionen läßt - aber nicht alle Seelen sind für diese friedliche Beschränkung geboren . Der Eine fliegt lieber , der Andre geht lieber - Jeder nach seiner Eigenthümlichkeit ! Die Schattenseiten seiner Vorzüge hat jeder Charakter , jede Lage ; aber man bemerkt sie nur bei ausgezeichneten Charakteren und in ungewöhnlichen Lagen , weil bei den alltäglichen Mischungen kaum der Unterschied zwischen Licht und Schatten wahrgenommen wird . Das ist in der Ordnung ! man sieht nicht hin , wenn Jemand im Gehen stolpert ; will aber Jemand fliegen und die Schwingen brechen , so sieht es das stumpfeste Auge . Wir reisten zuerst nach Deutschland , um meine Eltern zu besuchen und ihnen Bonaventura zu präsentiren . Meine Schwestern waren jetzt alle drei verheirathet und mäßig glücklich mit kleinen Sorgen und manchen Freuden . Cunigunde war Braut . Nichts glich unsrer Ueberraschung , als sie uns den Verlobten vorstellte , einen benachbarten Landpfarrer von der Sorte , die man jetzt die fromme zu nennen pflegt , mit gescheiteltem Haar und niedergeschlagenen Augen , aus denen zuweilen hastige , stechende , inquisitorische Blicke schossen , die unbehaglich mit dem salbungsvollen Ton kontrastirten , und der ganzen Erscheinung etwas Falsches gaben . Faustine wünschte ihm Glück zu der Braut ; bei Cunigunden erstarb ihr das Wort auf den Lippen . Hernach sagte sie zu mir : » O Gott , welch ein matter , trister Gesell ! gegen den war ja Feldern ein Heros ! Und diese klare , bestimmte Cunigunde kommt mir ganz verwirrt vor , denn sie spricht von diesem Menschen , als sei er wenigstens ein Apostel . « » Lieber Engel , « entgegnete ich , » Du kannst Dir gar nicht vorstellen , zu welchen Schritten die Furcht treibt - eine alte Jungfer zu werden ! die liebenswürdigsten , ausgezeichnetsten Mädchen , zu denen Cunigunde gewiß zu zählen ist - verfallen bei dieser Lebenskrisis fast immer in ein Fieber , das ihnen die Besonnenheit raubt . So ist ' s Cunigunden gegangen ! und da sie diesen Mann unmöglich lieben kann , so hat sie sich für ihn fanatisirt . Wahrscheinlich wird sie später aus Stolz und Beschämung nie eingestehen , daß sie nicht vollkommen glücklich ist ; aber sie wird es gewiß nicht ! eine Ehe dauert etwas zu lange für den Fanatismus . « » Und Feldern ist doch ein schlichter , unverschrobener Mensch , « sagte Faustine niedergeschlagen , » trotz seiner Vorliebe für die conventionellen Formen . Sie sind ihm das , was ihm die Kleidung ist : ein Gesetz , das der Anstand gegeben hat . Aber dieser Mann , so gezwungen einfach , so manierirt schlicht - kann dessen Seele wahr sein ? « Meine Eltern freuten sich meines Glücks in Weib und Kind . Faustine war Aller Liebling , Aller Stolz . Die geistige Ueberlegenheit , welche mittelmäßige Frauen so unerträglich macht , daß man sie wie eine lästige Appanage betrachtet , etwa wie einen vornehmen Namen bei großer Armuth - schien Faustinen gegeben , um zu beweisen , daß die superiorste Frau die liebenswürdigste sei . Sie faltete still ihre Flügel zusammen , damit Niemand bemerken dürfe , daß er keine habe ; aber sie schüttelte sie und flog auf , bei der geringsten Anregung , und ließ in unsern Kreis den Glanz der Aether , die Blüten ihrer Region hineinspielen . Dann fuhren wir die Donau hinab nach Constantinopel , Griechenland und Palästina . Erwarten Sie keine Beschreibung der Reise , Gräfin ! gedenke ich jener Tage , so wühlt die Erinnerung wie eine himmlische Harpye in meinem Herzen . Faustine war selig , war von einem Reichthum , einer Vollendung , einer Süßigkeit , wie noch nie . Berauscht von den Quellen der Urgeschichte und der Urpoesie , die jenem Boden entquollen , sagte sie : » Ich bin allzu glücklich ! hier muß ich sterben - wäre der Tod nicht allzu grausig . Ich will leben ohne zu altern , schaffen ohne zu ermüden , genießen ohne mich abzustumpfen , forschen ohne zu zweifeln , ruhen ohne mich zu langweilen ! glaubst Du nicht , Mario , daß dies Alles hier , in diesen primitiveren Zuständen , leichter zu erreichen sei , als da draußen , in der verschrobenen , abhetzenden occidentalischen Civilisation ? « » Vor allen Dingen glaube ich , daß Du Dich binnen Jahresfrist glühend zur europäischen Civilisation zurücksehnen würdest , gegen die Du freilich oft genug zu Felde ziehst , wenn Du ihr bequem im Schooß sitzest , « sprach ich . » Und Bonaventuras Erziehung ruft uns zurück ! er ist nun bald vier Jahr alt , da muß er denn in irgend eine gelehrte Schule gesteckt werden , und seine schöne , frische , jauchzende Kindheit mit Studien von Dingen hinbringen , deren eine Hälfte er nicht braucht , und deren andre er vergißt . Armer Bonaventura ! wärst Du mein Sohn allein , so erzög ' ich Dich hier , fern von der demoralisirten Gesellschaft , fern von dem Wust pedantischer Gelahrtheit , mit der Bibel , der Geschichte , der Poesie und der Natur ; und wärst Du zum Jüngling herangereift , so ließe ich Dich nach Europa in alle Länder , zu allen Nationen , auf alle Universitäten ziehen , um die Gegenwart durch unmittelbare Anschauung kennen zu lernen . Die Männer-Erziehung ist heutzutag unausstehlich einseitig ! die armen Jünglinge werden mit Studien gepfropft , für das Procrustes-Bett des Staatsdienstes gepreßt , der von Allen dasselbe Maß verlangt , das Genie herunter - den Dummkopf herauf zerrt . Lernen müssen sie ! ob sie das Gelernte verarbeiten und wissen - darum kümmert man sich nicht . Die Meisten verkommen in dem Sumpf des Lernens , ohne sich zur Entwickelung geistiger Selbstständigkeit zu erheben . Bonaventura ! rief sie und hielt den erstaunten Knaben auf ihrem Schooß fest ; wenn Du in zwanzig Jahren eine Brille auf der Nase hast , Runzeln auf der Stirn , Falten um Mund und Augenwinkel , wenn Du pedantisch bist , mein Bonaventura , langweilig , unbeholfen , dürr an Leib und Seele , unerquicklich wie die personifizirte Vernünftigkeit , gehörig eitel auf Deine negative Entwickelung , - so verklage ich den Staat beim lieben Gott , weil dessen Geschöpf und mein Sohn so kläglich mißhandelt ward von dem Alles verschlingenden Moloch , dem wir unsre lieben Kinder auf die versengenden Arme legen müssen . « Ich bin aber der Meinung , daß Kinder in dem Lande und in den Verhältnissen zu erziehen sind , für welche die Geburt sie bestimmte . Exotische Erziehungen sind fast immer unverträglich mit der spätern Bestimmung , und die Gewöhnungen der Kindheit so stark , daß oft ein trauriger Zwiespalt entsteht , wenn man nicht gesucht hat , sie , wenigstens approximativ , jener anzupassen . Auf diese Einwendung entgegnete Faustine : » Ich hab ' auch nur gesagt : wenn Bonaventura mein Sohn allein wäre ! - jetzt bist Du mein Herr und der seine . « Der Orient war der Culminationspunkt meines Glücks . Nach Florenz zurückgekehrt , nahm Faustinens Wesen eine andre Richtung . Ein Hauch von Melancholie hatte immer um sie geschwebt , wie ein leichter Duft um Gebirge : jetzt verdichtete er sich oft zu Wolken , die ihre Heiterkeit überschatteten und ihre Beweglichkeit lähmten . Es geschah ohne äußere Veranlassung ; sie war nicht kränklich , sie hatte keine der Verdrießlichkeiten , der winzigen Sorgen , welche reizbaren phantastischen Personen unerträglich sind , keinen Unfall - es kam wie eine Schickung über sie : es war da . Ist es eine traurige Mitgift des Genies , daß er im Geben ein Crösus und im Genießen ein Uebersättigter ist - oder wähnt er leicht , das vorgesteckte Ziel nicht erreicht zu haben und nie erreichen zu können - oder läßt alles Erreichbare eine Lücke in ihm , und alles Sichtbare eine Oede - oder fühlt er vorahnend seinen Flug erlahmen - oder haben diese glühenden , dürstenden , strebenden Creaturen unaufgelöste Geheimnisse zwischen sich und dem Schöpfer , die sie auf alle Weise zu enträthseln suchen - genug , Faustine war verändert . Viele , ich weiß es , werden sagen : das Schicksal hatte sie verwöhnt , sie war übersättigt von Glück , sie machte sich Chimären , weil die Wirklichkeit sich für sie erschöpft hatte , man muß in sich das Genügen finden , und wer das nicht thut , ist ohne innern Gehalt , und Alles , was die Klugheit der Welt und die schnöde Mittelmäßigkeit zu ihrem eignen Vortheil vorzubringen wissen . Aber Faustine war nicht das Kind , das in Thränen ausbricht , weil es nicht den Mond haschen kann , und ihr Schicksal ist darum so traurig , weil es der Mittelmäßigkeit gleichsam gewonnenes Spiel giebt , indem sie Fehler beging , die jener nie einfallen würden . Es ist auch traurig lehrreich , indem es zeigt , wie der glorioseste Mensch untergeht , sobald er sein Ich in der Welt isolirt , sei es auf die feinste , die geistigste Weise . Aber das wird die Menge schwerlich bemerken ! sie versteht nur die Bestrebungen für das Ich , insofern sie sich auf Vermögen , Ansehen , schöne Kleider und ähnliche Aeußerlichkeiten beziehen . » Jetzt mag ich nicht mehr reisen ! « sagte Faustine ; » ich weiß nun , daß die Erde überall dieselbe ist , und der Mensch ist es auch . Nur die Oberfläche wird bei jener durch das Clima , bei diesem durch das Temperament verändert . Das Neue ist immer etwas Altes , und etwas Anderes ist immer dasselbe ; nur das äußere Kleid ward gewechselt . Das kann uns keine volle Befriedigung geben . « » Volle Befriedigung ist mir undenkbar für den menschlichen Zustand auf der Erde , « sagte ich , » der Moment , wo ich inne würde , am Ziel alles Strebens zu sein , und keine Arena der Wünsche und Kämpfe mehr fände , würde mich trostlos machen , statt mich zu befriedigen . Fertig sein und doch nicht vollkommen - ist wie das Leben in harter Gefangenschaft . « » Das äußere Leben kann fertig und das innere strebend sein , « sagte sie , » z.B. im Kloster . « » Oder in jedem andern Verhältniß , « setzte ich hinzu , » z.B. in der Ehe . « Sie war nicht trübe , nicht unzufrieden , nicht erkaltet gegen mich , nur von einer unbesieglichen Schwermuth . Ich bat , ich beschwor sie zu malen , zu dichten . » Wozu ? « antwortete sie . » Was nicht erster Ordnung ist , braucht gar nicht zu sein , und erster Ordnung sind etwa zwei oder drei Bücher und ebenso viel Kunstwerke : sie bestimmten eine Zeit , sie brachen eine Bahn , sie gaben eine Richtung . Dies hängt nicht sowol von dem ab , der sie schrieb , malte oder baute , sondern davon , daß Gott ihn im rechten Moment , als er ein tüchtiges Werkzeug brauchte , auf die Welt schickte . Ein solcher Genius ist für alle Zeiten groß ; nur für eine Epoche es zu sein , ist demüthigend ! denke doch : Gluck wird unsterblich genannt , aber von 1000 Menschen gähnen 999 bei seiner Musik . « » Nach dem Urtheil der Menge darfst Du nicht hören , denn zuweilen beherrscht falscher Geschmack , durch irgend welche Laune einer Sommität sanktionirt , lange Epochen . Während des Baustyls der Renaissance war der gothische verachtet ; erst jetzt lernt man allmälig ihn bewundern . « » Freilich , er ist erster Ordnung ! « sagte sie traurig . Wie diese Muthlosigkeit mich grämte ! wie ich sie anflehte , mir deren Grund zu sagen ! ich warf ihr Mangel an Vertrauen vor . » Nein ! « rief sie , » meine Seele liegt offen vor der deinen ! aber Du , Mario , Du willst nicht sehen , was ich doch ganz klar und deutlich sehe , daß meine Zeit aus ist . Schweig ! schweig ! « rief sie , als ich antworten wollte ; » weshalb sollte ich das nicht sehen ? weiß doch die Wasserlilie ihre Zeit , steigt zum Blühen auf die Wellen empor , und sinkt dann in die Tiefe zurück , befriedigt , still , mit dem Schatze seliger Erinnerungen . Die Blume weiß , wann ihre Zeit vorüber ist , und der Mensch bemüht sich , es nicht zu wissen ! Diese Jahre mit Dir , Mario , waren meine höchste Blütezeit ! « » Du liebst mich nicht mehr ! « rief ich mit bitterm Schmerz . » Thor ! « sagte sie ruhig , mit jenem extasischen Lächeln , das ich nur auf ihrem Antlitz gesehen habe ; » Thor ! hast Du nicht das Tabernakel meines Herzens berührt ? ist nicht Bonaventura Dein Sohn ? Nein , Mario , ich liebe Dich , ich habe nichts so wie Dich geliebt , ich werde nach Dir nichts lieben , aber über Dir - Gott ! O Engel , meine Seele hat mit der deinen in solchen Extasen der Liebe und Begeisterung geschwelgt , daß Alles , was ihr in dieser Region widerfahren kann , nur Wiederholung , und vielleicht .... eine matte sein dürfte . Wir haben mein Herz so nach seinen Schätzen durchgraben , daß die Goldminen .... vielleicht erschöpft sind . Ehe die trostlose Gewißheit uns kommt - « » Faustine ! « sagte ich - ich weiß nicht , mit welchem Ton ; denn sie fiel mir zitternd in die Arme und sprach ganz , ganz leise : » Ah , wenn Du mir zürnst , hab ' ich keinen Muth Dir meine Seele zu entfalten . « Ich erkannte wohl , daß ich sie nicht einschüchtern durfte , umarmte sie und fragte gelassen , was sie denn zu thun gesonnen sei . Sie erwiderte : » Ich will die Minen verschütten ! ist noch edles Metall darin , so mög ' es in der Tiefe ruhn ! oben darauf will ich Blumen pflanzen . « » Aber was mögtest .... was willst Du thun ? « rief ich in Todesangst . » Ganz Gott angehören und in ein Kloster gehen , « sagte sie ; ich aber sprach bestimmt : » Nie , Faustine ! nie , niemals . « Ich bemühte mich , die Sache für eine momentane Aufregung zu halten , zu glauben , daß irgend ein Buch , irgend ein Gespräch mit ihrem Beichtvater sie lebhaft erschüttert habe ; doch ihre Lektüre bestand grade jetzt aus den alten römischen Geschichtschreibern , und ihr Beichtvater , der zugleich der der halben Florentiner Welt war , Pater Gerolamo , war mir sehr wohl bekannt als ein ruhiger , milder , kluger Mann , ohne alle ascetische Anforderungen . Wir waren dazumal in Pisa , theils weil der Hof sich für einige Monate dort aufhielt , theils weil Faustine eine besondere Vorliebe für diese melancholische Stadt hatte . Wir bewohnten den Palast Lanfranchi am Lung ' Arno , wo Lord Byron während seines Aufenthalts in Pisa wohnte , und bei uns lebte Graf Kirchberg , ein alter Freund Faustinens , der so eben nach Italien gekommen war . Zufällig oder absichtlich - ich weiß es nicht - äußerte er einmal im Gespräch mit mir , Andlau sei von den Aerzten seiner Gesundheit wegen nach Italien geschickt , er glaube nach Rom . Ich bat Kirchberg , nichts davon gegen Faustine zu erwähnen , sie sei ohnehin in einem krankhaft erregten Zustand . Er fand das auch , denn er hatte sie wirklich lieb . Nur Gleichgültige sahen uns mit immer gleichem Auge an . Wir machten täglich weite Spazierritte mit ihr , daran fand sie viel Vergnügen ; und fast täglich auch ging sie in das Campo santo , » um Studien zu machen , « wie sie sagte . Doch umsonst begehrte ich , daß sie dort Zeichnungen und Skizzen entwerfe . » Ich sehe und denke - ist denn das nicht genug ? sehen nicht die meisten Leute , ohne zu denken ? « fragte sie . » Für Dich ist ' s nicht genug , Du mußt schaffen ! « rief ich , und wie aus einem Munde mit mir sprach Kirchberg , der gegenwärtig war : » Sie müssen produziren . « » Immer soll ich mich ganz extraordinär benehmen , Ihr wunderlichen Leute , « sagte sie mit ihrer alten Heiterkeit ; » aber doch nur grade so weit , wie Euch das Ungewöhnliche nicht extravagant erscheint . Ach , wie seid Ihr so schwerfällig , Ihr Subtilen ! - Aber heut ' hab ' ich wirklich Lust , das Innere des Campo santo zu zeichnen ; Ihr könnt allein spazieren reiten ! « Dieser Entschluß wurde dahin abgeändert , daß sie erst mit uns einen Spazierritt machte , worauf wir sie zum Campo santo begleiteteten und ihr Pferd mitnahmen . Sie blieb allein unter der Obhut der Kustoden . In zwei Stunden sollte ich ihr den Wagen schicken . - Ich war höchst befremdet , als der Wagen leer zurück kam und der Diener meldete , der Kustode habe gesagt , die Signora sei schon vor einer Stunde fortgefahren . Ihr Zeichnenbuch brachte er ; der Kustode hatte es im Campo santo auf der Erde gefunden . Ich glaubte , Bekannte hätten Faustine zu einer Spazierfahrt entführt ; doch war mir bänglich zu Muth , weil sie niemals bestimmte Stunden versäumte . Jetzt war es halb 5 ; um 5 speisten wir , aber sie war um halb 6 noch nicht da . Dies überschritt all ' ihre Gewohnheiten ! mich befiel unsägliche Angst , Kirchberg konnte mich nicht beruhigen ; ich ließ aufs Gerathewohl anspannen . Da kam sie auf einmal , zu Fuß , im Reitanzug , leichenblaß , verstört , athemlos . Wie zerbrochen fiel sie in meine Arme , und ächzte : » Er ist da ! er ist da ! er stirbt und will mich nicht sehen . « Andlau war in Pisa , todtkrank an seinen alten Brustwunden . Der milde Tag hatte ihm große Sehnsucht gegeben , das Campo santo zu sehen , und er war in Begleitung seines Arztes hingefahren . So wie Faustine ihn gewahrte , erkannte sie ihn , trotz der Verwüstung der Krankheit , und flog ihm mit einem Weheruf entgegen . Andlau aber streckte die Hand abwehrend aus , und sank ohnmächtig in die Arme des Arztes . So ward er in den Wagen und in seine Behausung gebracht ; Faustine begleitete ihn verzweiflungsvoll . Der Arzt beschwor sie , den Kranken zu verlassen , als er wieder zur Besinnung gekommen , da ihr Anblick ihn tödtlich erschüttere . » Er soll mich auch nicht sehen , « sagte sie und rang die Hände ; » aber lassen Sie mich nur hier im Vorzimmer , damit ich ihn sehen kann . « So blieb sie zwei Stunden . Andlau erholte sich momentan . » Er fragte nicht den Arzt nach mir , und wo ich geblieben sei , « sagte Faustine traurig ; » da fiel mir ein , wie Du besorgt sein müßtest , Mario , und ich kam heim . « - Dies erzählte sie Alles so hastig , so abgebrochen , daß wir sie kaum verstehen konnten . Kirchberg ging sogleich zu Andlau ; er kannte ihn aus früherer Zeit . Sie gab ihm einen Diener mit , der ihr jede Stunde Nachricht bringen sollte . Anfangs lautete sie immer gleichförmig . Faustine ging den ganzen Abend auf und ab im Zimmer und sagte zuweilen : » Mario ! Mario ! Mario ! ich tödte ihn ! dem Clemens hab ich Leib und Seele getödtet ; .... Ihm , das Herz .... und jetzt auch den Leib . « Gegen Mitternacht kam Kirchberg und fragte Faustine , ob sie noch einmal Andlau sehen wolle ? er werde den Morgen nicht erleben . Sie stürzte sich in den Wagen ; Kirchberg begleitete sie . Er sagte mir hernach , sie habe sogleich neben Andlau niedergekniet , der mit geschlossenen Augen und schon über den Todeskampf hinaus auf dem Bett gelegen . Sie sagte fast unhörbar : » Anastas ! « - und er , der nichts mehr beachtete , hörte auf ihre Stimme , öffnete die Augen , lächelte , versuchte die Hand ihr zu reichen , sagte » Ini ! « und verschied . Ihr gehörte jeder Hauch seines Lebens , auch der letzte . In der folgenden Nacht , bei Fackelschein , fuhren wir in einer Barke mit seiner Leiche den Arno hinab nach Livorno , wo sie auf dem protestantischen Gottesacker ihre Ruhestatt fand . Faustine war dabei . Sie schien absichtlich all diese Emotionen zu suchen , vielleicht in der Hoffnung , ihrem Schmerz dadurch einen Ausweg zu bahnen . So macht man Wunden größer , damit die Kugel oder der Splitter herausgenommen werden können . Aber bei ihr blieb der Splitter . Sie verfiel in herzzerreißende Trauer . Zuweilen sagte sie mit heißer Sehnsucht : » O , wenn Gott mir doch einen großen Gedanken in die Seele hauchen wollte , so wie sonst , daß ich ihn ausbilden , ihn auch Andern verständlich machen , und mich daran erfreuen könnte ! aber nichts ! nichts ! meine Seele ist dürr und öde , keines Aufschwungs mächtig , ausgesperrt aus ihrem alten Himmel der Begeisterung , der Phantasie , der Kunst . Laß mich einen neuen suchen , Mario ! den , welchen die Religion uns verheißt . Laß mich den Rest meines Lebens einzig Gott weihen , und in ein Kloster gehen . « » Du tödtest Dich ! « sagte ich mit dumpfer Verzweiflung . » Nein , « antwortete sie , » dort werd ' ich still werden . Mario , dies Fieber in mir , das durch nichts auf der Welt gestillt werden konnte , nicht durch die Liebe , nicht durch den Schmerz , nicht durch das Glück , nicht durch den Genuß , durch nichts , nichts , was sonst der Menschen Lust und Wonne oder ihre Vernichtung ausmacht - dies Fieber , das mich rastlos umhertreibt ,