, daß er diese blasse Schönheit noch nie in so erhabenem Reiz gesehn habe . » Auf diese Weise « , begann Borromäus , » erscheint Ihr , die Sündige , in dieser erlauchten Versammlung ? Statt trauernde Witwe , wie eine reichgeschmückte Fürstenbraut , statt der büßenden Magdalena , eine heroische Judith ? Ist das Eure Reue und Zerknirschung ? Wollt Ihr auf diese Weise den zürnenden Schatten Eures Gemahls versöhnen ? « » Wäre ich die « , antwortete Vittoria stolz und mit fester Stimme , » für die ihr , die sich meine Richter nennen , mich ausgeben möchten , so hätte ich schon lange vorher mit kluger und berechneter Heuchelei meine Witwenschleier und schwarzen Trauergewande fertig und bereit gehalten , um mit verhülltem Antlitz , mit nachschleifendem Krepp und Tränen im Auge euer Mitleiden und Wohlwollen zu erschleichen - aber Schreck und Kummer haben mich so plötzlich überrascht , daß ich so künstlicher und hergebrachter Anstalten vergaß und mich lieber schmückte , weil dieser Tag meine Unschuld an das Licht bringen soll . « Ohne einen Wink oder die Erlaubnis ihrer Richter , nahm sie den Sessel ein , der allein noch unbesetzt im Saale stand . Einer der Richter erhob sich und las mit lauter Stimme die Anklage vor . Er erzählte die Vermählung des jungen Peretti , der den gütigen Oheim vermocht habe , ihn , der so größere Ansprüche hatte , mit einer nicht reichen , aber schönen Dame zu vereinigen , welche er leidenschaftlich liebte . Vittoria aber habe sich niemals dankbar bezeigt , sondern den Gemahl immer nur mit Kälte behandelt Sie habe es vorgezogen , statt eines einsamen , stillen Lebens , wie es ihr als der Nichte eines frommen Kardinals gezieme , ihr Haus zu einer poetischen Akademie , zum Sammelplatz von Fremden und Vornehmen zu machen , um hier in Vorlesung , Dichtkunst , Musik und Gesang , sowie sonderbaren und ärgerlichen Gesprächen , die sich für philosophisch ausgaben , zu schwelgen . Sie und die Mutter hätten den jungen Gemahl so sehr vernachlässiget , daß sich dieser am wohlsten außer seinem Hause befunden habe . Seinen Freunden habe er oft geklagt , wie sehr es ihm empfindlich falle , daß er in seiner eigenen Familie zurückgesetzt werde . Nun sei plötzlich dieser Jüngling in der Mitternacht auf ebenso schreckliche als verräterische Weise ermordet worden . Lange habe man schon davon geflüstert , daß diese Vittoria ihren Mann loszuwerden wünsche , um vielleicht eine andre noch vornehmere Ehe zu schließen . Schon einmal sei der verfolgte Peretti von einem Valentini fast tödlich verwundet worden . Seit lange sei ihr älterer Bruder , der ehrwürdige Bischof Ottavio mit der Schwester und Mutter in Zwist und habe sie fast niemals besucht , dagegen sei der zweite Bruder Marcello , der Mörder und Bandit , oft im Hause versteckt gehalten worden . Dieser Marcello habe in jener Nacht durch einen Vertrauten den Signor Peretti nach jenem Mordplatze beschieden : dieser Vertraute , Mancini , habe ausgesagt : noch beim Abschiede in jener Nacht habe die junge Gemahlin dem Manne , der zum Tode bestimmt war , laut ihre Verwünschungen nachgesendet . Die Mutter , Donna Julia , habe das tödliche Komplott mit Klugheit geführt , und Ursula , die alte Amme , sei Mitwisserin der Bosheit . Die Mörder seien alle , wie dieser Mancini aussagte , entflohen , der eine von ihnen ein Untertan eines großen , mächtigen Herrn , den er aber nicht nennen könne und wolle . Valentini habe aber seitdem geschrieben , daß er auf Anstiften die Tat verübt habe . Was sei also wahrscheinlicher , als daß dieser Marcello , der offenbar der Mitwisser des Mordes sei , wo nicht das Haupt des abscheulichen Komplotts , mit der Schwester Vittoria vereinigt , um den im Wege stehenden unglücklichen Peretti zu entfernen , mit dem ruchlosen Bruder und der gottlosen Mutter für die Mörder anzusehn seien . Jetzt erhob sich vor dem Saale ein lautes Geräusch . Die Türen wurden gewaltsam aufgerissen , ein großer starker Mann stieß mit Ungestüm die Diener zurück und trat stolz herein . Es war der Herzog Bracciano , in seiner reichsten und kostbarsten Fürstenkleidung , mit allen Orden geschmückt und Ketten und Juwelen auf der Brust , sowie glänzende Steine am Hut . Er verneigte sich nachlässig , als er hereintrat . Vittoria ward rot , als sie ihn erkannte , senkte dann das Haupt und lächelte still in sich . Die Kardinäle waren bei dieser unvermuteten Erscheinung verlegen , und einer der Richter erhob sich in ängstlicher Eile , um für den Fürsten einen Sessel zu suchen . Er fand keinen und näherte sich Vittorien , als wenn er ihr bedeuten wollte , aufzustehen und dem Höheren Platz zu machen . Sie sah ihn nicht an und blieb ruhig , worauf er Miene machte , als wolle er sie vom Sessel aufheben . Da eilte der Herzog herbei , faßte mit starker Hand den Arm des Richters , führte ihn nach seinem Sitze zurück und drückte ihn hastig und gewaltsam auf diesen nieder . Hierauf nahm er eine Art Fußbank , oder kleinen Schemel , der im Winkel stand , trug ihn in die Mitte des Saals , legte seinen kostbar gestickten Mantel ab , breitete diesen über das demütige Brett und setzte sich darauf , ohne im mindesten seine stolze Miene zu verändern . Jetzt erhob sich Vittoria und trat vor ihre Richter . Sie vermied es , Farnese anzuschauen , der über ihre Gegenwart halb verlegen und halb erfreut war . » Wie schmerzt es mich « , begann sie mit fester Stimme , » in dieser hochehrwürdigen Versammlung den tugendhaften Montalto zu vermissen , dem ich vertraue , der mich einst liebte , in dessen Gegenwart , von seinem Blick befeuert , es mir noch leichter sein würde , alle diese leeren gehaltlosen Anklagen niederzuschlagen , und diese Verleumdung wie Staub von mir zu schütteln . Meine ehrwürdige , tugendhafte Mutter , die ihr ganzes Leben nur ihren geliebten Kindern zum Opfer gebracht hat , die von allen Freunden und Bekannten verehrt wurde , diese eine Mörderin ? Und wofür ? Weshalb ? Hat sie je Rang und Größe auf niedrige , oder gar schändliche Weise zu erringen gesucht ? Ihr ganzes Leben mit allen seinen Aufopferungen spricht für das Gegenteil . Ich darf wohl daran erinnern , denn die Sache ist ja stadtkundig , wie weder ich noch sie den Bewerbungen jenes jungen , reichen und mächtigen Luigi , der sich sogar Gewalttätigkeiten erlauben wollte , nachgab oder entgegenkam . War es uns denn um Glanz und Reichtum zu tun , so wurde er uns ja hier gewissermaßen aufgedrungen . Der große ehrwürdige Kardinal Farnese hat meine tugendhafte Mutter seit vielen Jahren gekannt , ja ich darf es sagen , ohne seine Würde zu kränken , er ist immerdar ihr wahrer Freund gewesen , und hat es niemals an Beweisen der Achtung und des Vertrauens fehlen lassen . Er mag jetzt dreist und entschlossen sagen , ob er diese abgeschmackte Anklage auch nur für möglich hält . - Ja , ich nenne sie abgeschmackt , und die hohe Versammlung verzeihe mir diesen Ausdruck , denn ich finde kein andres Wort für diese unzusammenhängenden , sich widersprechenden Aussagen . Sei es , ich liebte Peretti nicht ; - weiß denn der fromme , tugendhafte Borromäus , oder der hohe Medicäer , ob ich irgend Ursach hatte , diesen Mann zu lieben ? Hat er mich geliebt ? War er ein treuer Ehegatte ? Hat er mich nicht vielleicht tödlich verletzt und beleidigt ? Doch ich will nicht anklagen , wenn ich auch meinen Wandel nicht zu rechtfertigen brauche . - Mein unglücklicher Bruder Marcello - ja dieser ist das Unglück , der wahre Schmerz meines Lebens - wenn er mit den Mördern , wie es scheint , in Verbindung war , wenn er sie vielleicht führte - so ist es doch unbegreiflich , wie auf ein dunkles Wort von ihm , Peretti so wahnsinnig sein konnte , nach dem Ort der Bestimmung zu eilen . Er muß diesem Marcello also doch unbedingt vertraut haben , er muß sein Herzensfreund , sein Verbündeter , wer weiß zu welcher Freveltat gewesen sein . Und ich , die ich erst spät erfuhr , die ich mich entsetzte , als ich es vernahm , daß Marcello von Peretti oft in unserm Hause versteckt gewesen sei : ich soll gegen meine Ehre , Wohlfahrt und Leben ein solches Komplott geleitet haben ? - Ja , ich bekenne offen und laut : verwünscht habe ich diesen Peretti , als er in jener furchtbaren Nacht , trotz aller Bitten und Warnungen von uns eilte , als meine ehrwürdige Mutter , wie wahnsinnig vor Schmerz , weinend und schluchzend seine Knie umfaßte und er sie zurückstieß . - Man stelle doch diesen elenden , verächtlichen Mancini mir gegenüber , er wiederhole , Auge im Auge mir , jene furchtbare Anklage - ich weiß , ich behaupte es , er wird vor meinem Blick zuschanden werden , der Verächtliche , er wird meine Anrede und Frage nicht ertragen können . Man rufe den Valentini herbei , der jenen Brief soll geschrieben haben . Und dann - wenn ich denn dahin gezwungen werde - werde ich auch statt Abbitte und Bekenntnis eine Anklage anregen können , die vielleicht den Dreistesten und Übermütigsten , der sich so sicher dünkt , in Verwirrung , ja Betäubung versetzen möchte . Ich habe erfahren , was in jener Nacht vorfiel , als der arme , berauschte Peretti in sein Haus früher von jenem Festino zurückkehrte , als er uns gesagt hatte ; vielleicht läßt es sich wahrscheinlich machen , daß diese Nacht das Vorspiel zu jener trübseligen war , die wir alle beklagen . « - Die letzten Worte hatte sie an den Kardinal Farnese gerichtet , jetzt ging sie ganz nahe zu ihm , und sah ihn fest mit jenem durchbohrenden Blicke an , dessen Feuer noch niemand hatte ertragen können . Der Alte ward sichtlich verwirrt , er erblaßte , er wollte sich zusammenfassen , und man bemerkte das Zittern seiner Hände . Borromäus und Medici , als aufmerksame Beobachter , sahen alles und errieten noch mehr ; sie ahneten jetzt , daß die traurige Begebenheit ganz anders zusammenhänge , als man ihnen hatte vorspiegeln wollen . Borromäus ward sogar beschämt , und der Medicäer beschloß , die Sache so zu wenden , wie er es schon vor der Sitzung bedacht hatte , die nicht stattgefunden , wenn der fromme erzürnte Papst nicht mit zu großem Ernst sie verlangt hätte . » Und meine Lebensweise « , fing Vittoria wieder an : » also soll es verdächtig , tadelnswürdig sein , sich mit Poesie und Philosophie zu beschäftigen ? Mit Fremden , einem Tasso , Caporale und berühmten , edlen Männern , wie dem ernsten Greise Sperone , zu verkehren ? Ärgerliche Gespräche ? Wen haben sie geärgert ? War dies alles doch die einzige Ursache , wie er es selber hundertmal erklärt hat , daß der große Farnese unsre Familie so fleißig besuchte . Sind denn etwa geschminkte oder berüchtigte Buhlerinnen zu uns gekommen , wie es doch an so manchen Höfen geschieht , die dort geduldet , ja bewundert werden , die herrschen dürfen , - So mag nach meiner Rechtfertigung , die ich , wenn ich muß , noch viel bestimmter aussprechen kann , die Versammlung über mich beschließen . « Es war nicht zu verkennen , daß alle in Verlegenheit waren , denn sie hatten einen ganz andern Ausgang erwartet . Es schien auch dem Befangensten einzuleuchten , daß nur die Tugend so stolz und dreist sprechen könne . Man vermutete , daß ein andres , schlimmeres Geheimnis hinter diesem laure . Man sah , wie still und verlegen , fast demütig , der großherzige Kardinal Farnese war , der in seiner triumphierenden Schadenfreude erst dieses Verhör am eifrigsten gefordert hatte . Auch dem nicht Scharfsichtigen fielen jetzt die Widersprüche in der sonderbaren Anklage auf und alle waren still und sahen vor sich nieder . Man wußte ja , wie oft Zeugen oder Verbrechern Worte in den Mund gelegt wurden , um ihnen auf diesem Wege ihre Verzeihung zu erleichtern , um irgendeinem Gegner zu schaden . War doch auch der elende Mancini , der auf der scharfen Folter alles sollte ausgesagt haben , schon freigelassen , man hatte ihn nur verwarnt , das römische Gebiet bei Todesstrafe niemals wieder zu betreten . Wußte man denn die Summe , die er vielleicht von jenen erhalten hatte , denen seine Entfernung notwendig war ? Valentinis Selbstanklage hatte noch weniger zu bedeuten . Ohne daß es mit einer Silbe ausgesprochen wurde , hatte Vittoria schon einen vollständigen Sieg erfochten , worüber der Engländer entzückt war , den die schöne große Frau und ihre heroische Entschlossenheit begeistert hatte . Jetzt erhob sich der stolze Bracciano und wendete sich , nachdem er alle durch eine Verbeugung begrüßt hatte , an den Kardinal Farnese , der sich die Miene gab , als wenn er tiefsinnig in seinem Gedenkbuch etwas Wichtiges einzeichnete . » Ihr , verehrter Freund « , sprach Bracciano mit lauter Stimme , » werdet also , wie die edle Witwe wünscht , ihre Tugend und Unschuld am besten und kräftigsten bezeugen können . Soll Euer Stillschweigen nicht für Lossprechung gelten , oder verlangt der Heilige Vater und das Kollegium der Kardinäle die Fortsetzung des Prozesses , so erkläre ich hiermit , daß ich imstande bin , den wahren Mörder anzuzeigen , was ich auch gewiß tun werde , wenn man mich zum Äußersten zwingt . Aber zum Äußersten , ich wiederhole es , werde ich dann getrieben . Alle meine Macht , Mannschaft , mein Ansehn , meine Reichtümer , meinen Einfluß werde ich dann rücksichtslos daran strecken , mit meinem Gut und Blut eine verleumdete Unschuld zu verteidigen und zu erretten . Es komme dann , was kommen mag , und meine Gegner mögen sich dann selber die möglichen Folgen zuschreiben . Dann eröffne ich aber zugleich , wie und wo ich es erfahren habe , wozu dieser arme Peretti von einem großen , mächtigen Manne gemißbraucht werden sollte ; wird dies weltkundig , so steht es dahin , ob noch irgend jemand , selbst der edle Oheim , das Schicksal des Unglücklichen sonderlich bedauern würde . « Alle verstummten , und sahen nach Farnese , der heftig in sich kämpfte , seine Fassung nicht völlig zu verlieren . Er war vernichtet , denn was Vittorias Rede nur angedeutet , sprach der Herzog deutlich aus : daß er selbst in jener Nacht die schändliche Abrede angehört hatte . Mit einem stolzen Gruß wendete sich Bracciano nach der Tür . Einer der Schreiber eilte ihm nach und sagte demütig : » Exzellenz , Ihr habt Euern Mantel vergessen « ; er machte Miene , ihn herbeizuholen . » Kind « , sagte der stolze Mann , » was kümmert dich das ? Laß liegen , ich bin es nicht gewohnt , die Stühle , auf denen ich sitze , mit mir zu nehmen . « - So verließ er den Saal . - Jetzt erhob sich Farnese , und sagte , indem er die Versammlung eilig verließ : » Ich bin in meinem Gewissen gezwungen , alles das zu bestätigen , was der edle Herzog oder die verständige , tugendhafte Witwe selbst ausgesagt haben , ich halte sie für völlig unschuldig , und erkläre , daß wir durch falsche Angeber sind getäuscht worden . « Der Medicäer erhob sich hierauf und sprach : » Vittoria Accorombona , verwitwete Peretti , wir sprechen Euch hiermit jedes Verdachtes an dem Morde des Gemahls frei , los und ledig . Aber in dieser unruhigen Zeit , verfolgt von mächtigen Feinden , wie Ihr es seid , bedrängt von gewalttätigen Bewerbern , die , wie Ihr selber wißt und ausgesagt habt , keine Mittel scheuen , selbst die schrecklichen nicht , ist es unsre Pflicht , Euch auf einige Zeit von der Welt abzusondern , um Euch Sicherheit zu gewähren . Daß Euer kleines Haus Euch diese nicht verleiht , daß es nicht ziemlich ist , länger im Palast des Herzoges zu verweilen , muß Eurem hohen Verstande selber einleuchten . Der Governador in eigner hoher Person , der Neffe und weltliche Stellvertreter unsers Heiligen Vaters , hat Euch die Ehre erwiesen , Euch hierherzuführen , er wird Euch gleichfalls zurückbegleiten , und Euch einen Teil seiner eignen Wohnung , zum Schutz , in Castell Angelo anweisen . Nicht als Gefängnis bezieht Ihr diese Burg , sondern als wahres Asyl , um Euch wie vor Verleumdung , so auch vor persönlichen Angriffen zu schützen . Der Heilige Vater wird sich auch erweichen lassen , und Euch die völlige ungehemmte Freiheit wiedergewähren , die Ihr scheinbar nur auf einige Zeit verliert , wenn sich alle diese ungestümen Wogen verlaufen haben . « Im Vorsaal empfing der Governador die Losgesprochene und führte sie nach der Engelsburg , wo sie mehrere Zimmer bewohnen sollte , um weder Bracciano , noch andre ihrer Freunde oder Feinde auf einige Zeit zu sehn . Als im Palast der Medicäer der Kardinal Fernando und der Ritter Carre angekommen waren , sagte der letztere : » Diese herrliche Frau sollte die Königin eines großen Reiches sein . « » Man sagt « , erwiderte der Medicäer , » daß sie sich schon jetzt mit Bracciano verlobt habe . Sei sie übrigens unschuldig , so darf doch unsre Familie diese unkluge Ehe nicht zugeben , damit die rechtmäßigen Kinder nicht in der Erbschaft verkürzt werden Diese Mißheiraten haben schon Unglück genug hervorgebracht Ich zitterte , daß sie mir von meiner jetzigen Schwägerin , Bianca Capello sprechen würde . Aber die Frau ist hochbegabt und verständig . « Fünftes Buch Erstes Kapitel Es schien , als sollte in Rom und dem Kirchenstaate mehr Ruhe einkehren und doch zeigte sich plötzlich eine Landplage , die schlimmer , als alle früheren , auch noch das gemeine Volk drückte und es zur Verzweiflung brachte . Eine Hungersnot brach ein , so gewaltig und furchtbar , wie man sich keiner ähnlichen erinnern konnte . Es war dem Armen , dem gemeinen Manne unmöglich , das zu erschwingen , was nur das gewöhnliche Brot , die alltäglichsten und wohlfeilsten Nahrungsmittel kosteten . In solchem Elende wird der Mensch zum Tier und es läßt sich nichts erdenken , was der aufgereizte wütige Pöbel dann nicht für erlaubt hält : jede Schranke erscheint ihm dann als Grausamkeit , und jedes Gesetz als Willkür und Wahnsinn . Alle Welt entsetzte sich vor den Greueln , die jetzt täglich und stündlich zur Sprache kamen . Auch dem Feigsten zwang Notwehr und Verzweiflung die Waffen in die Hand . Man raubte und stahl , man ermordete sich am lichten Tage , vor aller Augen , und die Gerechtigkeit war viel zu schwach , diesen Abscheulichkeiten Einhalt zu tun . Öffentlich zogen die Banditen in großen Scharen durch die Stadt . Die Großen quartierten sie in ihren Palästen ein , unter dem Vorwand , daß sie ohne diese Bewachung ihres Lebens nicht sicher sein würden . Sooft der Kardinal Farnese ausfuhr oder ritt sei es zum Besuch , sei es zu Geschäften , so begleitete ihn zum Schutz ein Heer gemieteter und bewaffneter Banditen , deren Anblick so schreckerregend war , daß alle Welt mit Entsetzen vor ihnen floh . Auch die verschiedenen Parteien dieser Banditen gerieten zuweilen in den Straßen der Stadt ins Handgemenge , und nicht selten blieben die Erschlagenen auf den Plätzen liegen . Der alte Papst war in Verzweiflung , als er diesen Unfug mit jedem Tage mehr anwachsen sah . Er fühlte die Abnahme seiner Kräfte und sein herannahendes Ende . Er vergoß bittere Tränen , daß alle Versuche , dem furchtbaren Unheil und der Verzweiflung des Volkes Einhalt zu tun , vergeblich waren . Alle Klugen und Verständigen seiner Umgebung , alle Entschlossenen sprach er um Rat und Hülfe an . Borromäus und der Medicäer rieten ; aber alle Mittel , die versucht und aufgeboten wurden , waren zu schwach . Diese furchtbaren Banditen wurden von Grafen und Baronen angeführt , die sich verarmt und verzweifelnd zu ihnen geschlagen : sie machten aus Raub und Mord und bezahlter Rache ein ehrenvolles Gewerbe , und da sie von den größten Baronen , Herzogen und Kardinälen in der Stadt öffentlich beschützt und als Freunde anerkannt wurden , so überstieg , wie es begreiflich ist , ihre Frechheit alle Grenzen . Auch der Sohn des Papstes , Buoncompagno , der Governador von Rom , suchte seinem ehrwürdigen Vater zu helfen und ihm Rat zu erteilen . » Glaubt mir « , sagte dieser in einer traulichen Stunde zu ihm , » dieses Übel ist mehr in der Stadt , als außerhalb der Mauern . Diese Frevler und freien Banden sind alle miteinander einverstanden , sie werden dadurch reich , daß unsre armen Römer des Hungertodes sterben . Sie streifen bis vor die Tore Roms und nehmen den Landleuten die Lebensmittel , Mehl , Korn , Gemüse , alles , was diese zur Stadt führen . Dann lassen sie es durch die Ihrigen zu ungeheuren Preisen auf den Märkten verkaufen . Das Volk weiß es auch , und lästert nicht diese Bösewichter , sondern die schwache Regierung . Es ist keine andre Hülfe , wir müssen einmal mit Strenge , Gewalt , ja , wenn es nicht anders möglich ist , mit Grausamkeit einschreiten . Die meisten Paläste sind mit diesem Raubgesindel angefüllt , sie wohnen sicher darin , wie in Festungen , machen ihre Ausfälle , plündern , morden und kehren öffentlich in diese zurück . « Der Papst war selber schon längst dieser Überzeugung gewesen . Jetzt ließen er und der Gouverneur den Obersten der Häscher Roms , den Barigell Bozela zu sich entbieten . Ihm ward strenge anbefohlen , alle Häscher um sich zu versammeln , neue anzuwerben , und sie zu bewaffnen . Sein Auftrag war , alle Banditen , die sich betreffen ließen , in der Stadt zu ergreifen , und diejenigen , die sich in den Palästen versteckt hielten , aus diesen mit Güte oder Gewalt herauszunehmen , weil die Gerechtigkeit des Asyls diesen Häusern schon längst von den Päpsten genommen sei , es also nur ein schädlicher Mißbrauch heiße , wenn die Adlichen unter diesem nichtigen Vorwande Mördern und Räubern einen Zufluchtsort gestatten wollen . Der Barigell folgte dem Befehl , und man hoffte , jetzt dem Übel gesteuert zu sehn . Die Hungersnot ließ endlich nach , aber aus dieser Maßregel erzeugte sich neues Unglück . Man hatte wiederum mit dem berüchtigten Piccolomini kapitulieren müssen , der die zahlreichsten Banden , viele Herren und Edelleute unter ihnen , führte , und mit Rom in einem förmlichen Kriege begriffen war . Er zog sich wieder in das florentinische Gebiet zurück , dankte für jetzt viele seiner Söldlinge ab , und versprach , sich ruhig zu verhalten . Auch mit andern Anführern wurde unterhandelt , und so konnte Rom wieder etwas freier atmen , allgemach fiel wieder der hohe Preis der Lebensmittel , und man hoffte auf Ruhe . Jetzt glaubte man sich kräftig genug , um mit jenen Banditen , die zu Zeiten sich in Rom selbst aufhielten , dreister verfahren zu können . Es war ein Haus ausgeraubt , einige der Frevler waren gefangen worden und andre hatten sich in den Palast des Raimund Orsini gerettet , um hier eine Zuflucht zu suchen . Der Barigell , der durch die neuesten Vorfälle mehr Mut bekommen hatte und der durch den strengen Befehl des Governador , wie des Papstes , bevollmächtigt war , drang mit seinen Häschern in das Haus , um die Flüchtlinge zu fordern und in das Gefängnis zu führen . Der Graf war abwesend und mit einigen Freunden auf einem Spazierritt begriffen . Die Diener weigerten sich , die Banditen herauszugeben und beriefen sich auf das Recht des Asyls und die Unverletzlichkeit des Hauses . Der Anführer widersprach , das Recht sei längst aufgehoben und vernichtet , und kein Mensch dürfe sich seiner rechtmäßigen Obrigkeit widersetzen . Während dieses Streites und Zankes kam Graf Raimund mit seinen Genossen vom Spazierritt zurück . Der junge Mann war nicht ganz so wild und ungestüm , wie sein Bruder , Luigi , aber nicht minder stolz und hochfahrend , auf seinen Adel und die Hoheit seines Blutes eitel , und unfähig eine Beleidigung , oder was er die Verletzung seiner Rechte nannte , zu erdulden . Er erstaunte , den Obristen der Häscher mit seinem Gefolge in seinem Hause zu finden . Er zwang sich erst höflich zu sein , und erkundigte sich nach der Ursache dieses Besuchs . Der Barigell antwortete daß er auf allerhöchsten Befehl verschiedene Banditen verlange die der Graf ihm ausliefern möge . » Ich erstaune , Mann , über Eure Dreistigkeit « , rief Graf Raimund : » habt Ihr vergessen , wem dieser Palast gehört , und wer ich bin ? Dürft Ihr mein angebornes Recht so frech verletzen , und mit diesen Euren saubern Gesellen über die Schwelle meines Hauses schreiten ? « » Herr Graf « , rief ihm Bozela entgegen , » mein und Euer Gebieter ist der erlauchte Governador , von Seiner päpstlichen Heiligkeit gar nicht einmal zu sprechen . Auf deren ausdrücklichen Befehl bin ich hier , und so wie ich diesen allerhöchsten Gewalten Gehorsam leisten muß , werdet Ihr es auch . « » Welche neue , nie erhörte Sprache ! « rief der erbitterte Graf . » Woher diese Frechheit ? Ich befehle Euch , augenblicks mein Haus zu räumen , und jene beiden Gefangenen sogleich in Freiheit zu setzen , wenn Ihr nicht meinen Zorn und Eure Züchtigung erfahren wollt . « » Züchtigung ? « schrie jetzt im Jähzorn Bozela . » Wer seid Ihr denn eigentlich , Ihr kleines Männchen , daß Ihr also sprechen dürft ? « Jetzt machte sich der eine Begleiter des Grafen , Rusticucci , auch ein junger Mann , herbei , sowie der dritte , Graf Savelli , ein Schwager Raimunds . Sie waren besorgt , daß Orsini sich in seinem Zorn vergessen könnte und ritten jetzt ganz nahe zu ihrem Freunde heran . » Männchen ? « schrie Raimund erbost , » wenn ich jetzt meinen Dienern dort befehle , Euch zu züchtigen , Unverschämter , so bekommt Ihr nur , was Euch gebührt . Dankt es meiner Mäßigung und Großmut , daß es nicht geschieht , weil Ihr meinem Zorne zu niedrig seid . « Rusticucci wollte vermitteln , Savelli riet abzusteigen , aber schon hatte sich das Volk bei dem lauten Gezänk versammelt , und drängte sich an das Haus ; die Diener , die sich im Palast befanden , waren durch die Häscher abgeschnitten von ihren Herren , und konnten nicht durchdringen , um diesen beim Absteigen zu helfen . So schrie jetzt alles durcheinander , und im Volksgedränge bemerkte man den alten gebrechlichen Montalto , der sich vergeblich bestrebte , die freie Straße zu gewinnen , um zur Kirche , die er besuchen wollte , hinzulenken . Nun hatte der Barigello auch schon alle Fassung verloren und schrie mit seiner donnernden Stimme : » Ihr , der Herr Raimund ? Großmütig ? Elender Wicht ! Ihr seid selber ebenso schlimm , wie jenes Gesindel , denn Ihr beschirmt diese Räuber und Mörder , Ihr zieht Vorteil von diesen Landflüchtigen , Ihr seid ein Empörer und Rebell gegen Eure Obrigkeit und unsern Heiligsten Vater , und wenn ich wollte , so könnte ich Euch selber als Gefangenen in den Kerker werfen , und wenn ich es jetzt nicht tue , so bin ich , als Amtsverwalter der Großmütige gegen Euch ! « » Nichtswürdiger Hund ! Bestie ! « schrie der Graf , von Wut ganz außer sich : » die Kanaille will wie ein Prinz reden . « Und mit diesen Worten holte er mit der Reitpeitsche aus , und schlug von oben dem nahe stehenden Barigello so heftig über das Antlitz , daß dieser im ersten Augenblick glaubte , blind zu sein . Als der plötzlich reißende Schmerz , der ihn betäubt hatte , entwichen war , sah er sich nach seinen Leuten um , winkte , und auf dies früher verabredete Zeichen donnerten zehn Schüsse aus den scharf geladenen Doppelhaken . Ein Schuß ging dicht dem Kardinal Montalto vorüber ; entsetzt sprang das Volk auf die Seite , die Straße ward für den Augenblick frei . Der junge Rusticucci lag , aus der Brust blutend , seinem Rosse hintenüber , er griff ohnmächtig mit den Händen auf die Steine , als wenn er sich aufrichten wollte , das Pferd schlug hinten aus , sprang seitwärts und schleppte ihn eine Strecke über das Pflaster , bis er als Leiche niederfiel . Graf Raimund war totenbleich , er blutete stark , auch in die Brust getroffen , seine Leute hoben ihn vom Roß und trugen den Ohnmächtigen nach seinem Zimmer , andere Diener rannten nach Ärzten . Savelli hing über den Hals seines Pferdes vorn , er nannte wimmernd den Namen seines Schwagers , Luigi Orsini ; ein Stallmeister empfing ihn in seinen Armen , und da er ebenfalls ohne Besinnung war , ward er auch , indem er viel Blut verlor , in den Palast getragen . Ein stummes Entsetzen hatte sich des Volkes bemächtigt . Aber , sosehr diese geringen Menschen vom Adel waren gequält und mißhandelt worden , so betrachteten sie doch mit Grauen diese blutige Tat der Häscher . Die Jünglinge , die so schmählich endigen mußten , dauerten sie so sehr , daß sie Tränen vergossen , und sich nicht fassen konnten , wie sie mit ihren Augen etwas so Ungeheures erlebt und gesehn hatten , was ihnen selbst nach der Tat