meine Gedanken ! - Dinge , über die ich nie etwas erfahren , die ich nie gelernt , oder vielleicht grade das Gegenteil davon , stehen hell und deutlich in meinem Geist . - Kann ich denn wissen , ob ich nicht vielleicht von einem Geist besessen bin ? - Und ist Besessensein nicht vielleicht ein Aufgeben der Individualität , und sind die Widerspenstigen , die sich dem Geist widersetzen , nicht vielleicht individuell stärker , als die vom Geist Durchdrungnen ? - Ach , liegt wohl die Stärke im Hingeben ? - Ist nicht manches im Geist und in der Seele Wirkung anderer Welten ? - Die Liebe , die Leidenschaft , ist die nicht Anziehungskraft von der Sonne ? - Wir saßen auf der Hoftreppe , ich und der Clemens , in der Dämmerung und schwatzten allerlei . - » Es ist alles recht lieblich , was du da vorbringst « , sagte er - » aber werd nur nicht faselig , manchmal ängstigt mich ' s , was aus dir werden soll , du zersplitterst deinen Geist , mit dem du dir eine so herrliche Freiheit erringen könntest . - Ach , kannst du dich denn nicht auf eins hinwenden mit deinen fünf Sinnen und das ganz auffassen ? - Wenn du sprichst , bist du gescheit und gibst manchen Aufschluß , von dem die Philosophen noch nichts wissen . - Schreib doch was ! - Hast du mir nicht Kindermärchen versprochen ? - Schreib doch alles auf , was du im Kloster erlebt hast , du kannst so schön davon erzählen . - Was treibst du denn mit der Günderode ? - Lernst du mit ihr ? - Ich hab so große Sorge um dich , ich muß manchmal die Hände ringen , daß alle Anmut deines Geistes den vier Winden preisgegeben ist . « - Der liebste Clemens ! - Ich mußte ihn küssen in der stillen Nachtdämmerung auf seine leuchtende Stirn unter den schwarzen Locken für seine Liebe . Es ward windig , da saßen wir beide in seinem Mantel gewickelt und sahen den Wolken zu , wie sie sich eilten , da sagte der Clemens so viel von Dir , was Dich gewiß freut , Du seist so hell wie der Mond . - Das flüchtige unstete Wesen , was Dich oft befalle , sei nur wie Wolken , die über den Mond hinziehen und verdunklen - aber Du selber seist reines poetisches Licht und Du drängest tief ins Gehör , der Klang Deiner Gedichte sei Geistesmusik , - - und dies sei jetzt nur der Eingang zum Geisteskonzert , in dem sich immer und nach allen Seiten Melodien entfalten ; und es sei so edel , sich innerlich einem solchen Leben hingeben , und so könnte und sollte ich auch mich sammeln , daß ich meinen Geist nicht wegwerfe und ein Leben führe , das würdig sei . - Was meinst Du , daß ich zu all diesem gesagt hab ? - Nichts ! - Mir wird bang einen Augenblick , daß ich so selbstverlassen bin , und daß sich mein Geist nichts um mich bekümmern will , in die Weite hinausschweift , wo eine Biene sich unscheinbare Blüten sucht , von denen nippt - aber Honig will er nicht machen , er verzehrt alles selber . - Da nun die Biene aus Instinkt Honig macht , mein Geist aber nicht , so wird der wohl nicht überwintern , wo er dann keinen Vorrat braucht , - er gehört wohl ins Land , wo ewiger Frühling ist . Der Clemens ist eben wieder in die Stadt , der ganze Himmel ist überzogen - da regnet ' s schon so gewaltig - ob er wohl schon in der Stadt ist ? - Er geht in ein paar Tagen zu Schiff nach Mainz und Koblenz und bleibt drei Wochen am Rhein , also wirst Du ihn sehen . Bettine Ich hab ihm versprechen müssen , daß ich bei seiner Rückkehr was wollt geschrieben haben , ich werde nie besser verstehen lernen , wie die Welt mit Brettern zugenagelt ist , als wenn ich versuche ein Buch zu schreiben , und wenn nun gar der Clemens von einer freien Zukunft spricht , und daß ich , ohne ein Buch zu schreiben , nie meine Zukunft werde genießen ! - Ein Buch ist dick und hat viel leere Seiten , die alle vollzuschreiben kann ich doch nicht aus der Luft greifen , mir deucht dies erst recht eine Fessel meiner Freiheit . - Wenn ich mich an den kienernen Schreibtisch setze und es fällt mir gar nichts Extraes ein und ich schneide mit dem Federmesser eine dumme Fratze nach der andern in den Tisch , die mich alle auslachen , daß mir nichts einfällt , da werf ich mein Buch weg , wo lauter Versanfänge drin stehen und kein Reim drauf . - Es ist wirklich eine Unmöglichkeit . Ich möcht dem Clemens alles zulieb tun , was er will , aber ich hab einmal keine Gedanken ; andre Leute waren schon vor mir da , ich bin zuletzt gekommen , also was ich auch vorbringen könnt , so haben ' s andre schon früher erlebt ; ich ging einmal mit dem Clemens dies Frühjahr spazieren , da waren allerlei neu aufgeblühte Kräuter , die ich nicht kannte , die wollt ich brechen ; er sagte : » Wenn du bei jedem Mauseöhrchen oder Vergißmeinnicht hocken bleibst , so werden wir nicht weit kommen . « Daran denke ich jetzt immer , wenn ich was Neues in mir selber erfahr , daß andre dies alles wohl schon wissen und nichts Neues mehr für sie mehr sein mag , wie jene Violen und Gänseblümchen am Weg , die ich mir sammeln wollte . So schreib ich ' s denn nicht auf , und auch weil die Gedanken sich an mich hängen wie Schmetterlinge an die Blumen , wer soll sie haschen ? - Sie merken ' s gleich und fliegen davon , und fasse ich einen , so hab ich bald seine schöne Farbe abgewischt mit dem Schreibefinger oder seine Flügel erlahmen . Und so ein Gedanke in der Luft flattert so lustig , aber auf dem Papier kann er sich nicht wiegen wie auf der Blume ; und kann sich nicht auf die Rosen setzen von einer zur andern , er sitzt da wie angespießt . Ich seh ' s ja an denen paar , die ich so erwischt und aufgeschrieben hab . - Da war ich grad am End vom Garten , ich lief eilig hinein , weil ich ihn geschwind ins Buch schreiben wollt , eh ich ihn vergesse und jetzt , so oft ich das Buch aufmache , lacht mich der Gedanke aus und sagt : » Du bist recht dumm . « Jetzt will ich Dir nur gleich das Blatt herausreißen und da les ' die Gedanken , die ich wie Hasen auf einer dürftigen Jagd hab zusammenschießen müssen , und bin mit jedem einzelnen aus meinem Gedankenwäldchen nach Haus gelaufen , um ihn aufzuschreiben , und immer die drei Treppen hinauf . - Weißt Du was ? - Die drei Treppen waren mir nicht zu hoch , aber ich hab mich geschämt vor den drei Treppen , wahrhaftig , ich hab die Augen zugedrückt , weil ich dacht , sie merken ' s , daß ich so eine kümmerliche Natur hab und bring da die armen nackten Gedankenpfeilmuter an ; so heißen im Tirol die Schmetterlinge , ich hab ' s vorm Jahr auf der Messe gelernt bei dem Tiroler , der im Braunfels Handschuh verkauft , der mit dem schönen schwarzen Bart , Du weißt , Du sagtest , der habe ein Antlitz und kein Gesicht , ich fragte : » Was ist das , ein Antlitz ? « - Du belehrtest mich , das sei noch aus der Form Gottes , nach seinem Ebenbild geschaffen , aber Gesichter , die seien nur so nachgepetert , wo die Natur nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen ; und da hab ich Dich gefragt : » Hab ich ein Antlitz ? « - Da hast Du gelacht und gesagt : » Es steckt noch zu tief in der Knospe , ich kann ' s nicht erkennen . « Noch an jenem Abend hab ich mich vor den Spiegel gestellt und gebetet , Gott soll mich doch aus der Knospe herauslassen mit einem Antlitz und nicht mit einem Gesicht ; denn wenn ich kein Antlitz hab , wie kann ich da einem Antlitz gefallen ! Noch an jenem Abend fragte ich die Frau Hoch , weil Wartfrauen von Schönheitsmitteln manches wissen , sie meinte , wenn man keine Sünde tue , so könne man nicht unschön werden , und wenn es darauf ankomme , so werde ich gewiß mich vor allen Sünden hüten ; wie aber die Frau Hoch drauß war , um den Kindchen die Suppe zu kochen , da kletterte ich vors Fenster auf das Blumenbrett und hockte mich ganz klein zusammen , wie sie wieder hereinkam , war ' s ganz still , es war dunkel und noch kein Licht angezündet , da meinte die Hoch , sie wär allein und wollte ihr Abendgebet hersagen , weil das Kindchen noch schlief . - » Jetzt geh ich ins ewige Leben , sprach er mit freudiger Seele , neigte das Haupt und erbleichte . « Das hörte ich auf dem Blumenbrett vom Gebet der Frau Hoch . Ich dachte , ob es wohl unrecht sein möge , sie zu belauschen , und da fiel mir meine Antlitzknospe ein , ob die vom Meltau der Sünde hierdurch könne angegriffen werden , denn so gescheit war ich wohl , daß dies keine Kapitalsünde sei , aber weil ich absolut wollt wunderschön sein und ohne den geringsten Tadel , so hielt ich mir die Ohren mit beiden Händen zu , um nichts zu hören , da ließ ich die Stange los vom Brett und wär schier in den Hof gefallen . Ich konnt mir die Ohren nicht versperren , wenn ich nicht fallen wollt , und da hört ich sie noch singen : Wenn der goldne Morgen blinkt , Der zu dieser Hochzeit winkt , Wo die reinen Seraphinen Bei der hohen Tafel dienen . - Da sang ich die zweite Stimme , die Hoch sieht sich in allen Ecken um , holt Licht , sucht oben auf dem Ofen , auf dem Vorhanggestell und überall und kann mich nicht finden . Ich pflückte eine Nelke vom Stock und stellte mich in den Fensterrahm , den stieß ich auf und reicht ihr die Nelke . Da stand sie mit ihrem kleinen Wachsstock und beleuchtet mich und meint , ich wär eine Erscheinung . Ich bin ihr aber um den Hals gefallen , denn ich hab die Frau sehr lieb . Ich fragte , ob ' s eine Sünde sei , daß ich ihr zugehört hab , sie sagte : » Das ist grad keine Sünde , aber Sie hätten können in den Hof fallen , und da wollen wir lieber ein Danklied singen , daß Sie nicht gefallen sind . « - Hier hast Du das Lied , zu dem ich eine Melodie gemacht hab . Der du das Land mit Dunkel pflegst zu decken , Ach , reine mich von jedem leisen Flecken . Reich mir der Schönheit Kleid , Daß ich an jedem Morgen meiner Blüte Erkennen mag , wie deine Gnad sie hüte . Obschon die Sonne entzogen ihre Wangen , Obschon ihr Gold der Erde ist entgangen , Das kränket mich nicht sehr . Erleucht in mir nur deines Geistes Licht , Dadurch der Schönheit Geist wird aufgericht . Kann ich des Nachts gleich nicht zum Schlafen kommen , So mag dies meiner Schönheit dennoch frommen , Das endet , wenn man stirbt . Gib nur , o Gott , daß ich so Nacht wie Tag Der Schönheit Ruhe mir erhalten mag . Wenn du mich willst , o Schöpfer , einst genießen , Muß über mich der Born der Schönheit fließen , Wie wollt ich fröhlich sein ! - Sonst acht ich nichts , was Mut und Blut beliebt , Noch was die Welt , noch was der Himmel gibt . Die Hoch sagte : » Sie haben das Lied schön verketzert , kein Mensch wird ' s für ein Andachtslied erkennen . « - » Ich hab es doch mit wahrer Andacht gesungen , ist es eine Sünde , so wollen wir lieber ein Bußlied singen , damit mir nicht gar noch ein Bart davon wächst . « Die Hoch sagte : » Ach , gehn Sie doch , das wär Ihnen grad recht , wenn Ihnen ein Bart wüchse . « Am andern Morgen ging die Tonie zum Tiroler und ich ging mit , um mir sein Antlitz einzuprägen , ich dachte , wenn man sich so was tief in die Seel schreibt , so blüht ' s am End mit einem auf , und weil die Tonie Handschuh aussuchte , setzte sich ein Schmetterling , der vom Main herübergeflogen kam , auf den Strauß an seinem Hut . » Ach , guck den Schmetterling , den haben die Blumen an deinem Hut herbeigelockt ! « - Der Tiroler fragte : » Was ist das für ein Ding , ein Schmetterling ? « und sieht ihn fliegen und ruft : » Ei was , das ist ja ein Pfeilmuter und kein Schmetterling . Du bist ein Schmetterling ! « und kriegt mich um den Hals und küßt mich auf den Mund . Die Tonie macht ein bös ' Gesicht und kauft gleich keine Handschuh mehr bei ihm und geht fort . » Na , « ruft er ihr nach , » nehm ' Sie ' s nit übel , das Mädel nimmt ' s ja auch nit übel auf « , und die Tonie mußt ' lachen und die Handschuh kaufen . Die Geschicht wollt ich als immer aufschreiben , weil sie mir gefällt , aber zu einem Buch paßt sie nicht , denn sie ist ja gleich aus , und was soll dann weiter passieren ? - Der Clemens meint , ich soll alles schreiben , was mir durch den Kopf geht , er denkt , es wär Markt da ; er schreibt , ich soll aus dem Kloster alles aufschreiben , aber nun les nur erst die dummen Gedanken , die in meinem Buch stehen , ob man da was Vernünftiges dran schreiben kann , und hab ' s noch dazu auf den Deckel inwendig geschrieben weil ich meint , ich wollt ' s recht voll schreiben , ja , hat sich was , ich bin schon über vier Wochen noch immer am Deckel . Da steht erstens obenan : Ob Tugend nicht auch Genialität sein möchte , und ob wir vielleicht nur deswegen so mühselig hinanklettern zum Erhabenen , weil wir kein Genie haben . Das war auf der Pappel , an der ich so bequem hinaufklettern kann , ich sah die Vögel geflogen kommen und dacht in mir , du hast kein Genie , du mußt mühselig zu allem hinanklettern , und dann kannst du dich nicht oben erhalten , mußt immer wieder hinunter . - Und da fühlt ich recht in mir , wie alles in mir schwankt , nichts erreichen kann , wie ein Feuer in mir braust , jede Kunst liegt in mir so nah , ich mein , ich hätte sie schon in mir , die Wangen glühen mir gleich so hoch , sie brennen mir , wenn ich nur in die Ferne denk , da liegen mir goldne Berge . Ich steh da , als hätt ich nur den Zauberstab in der Hand , alles inwendig im Geist , aber wenn ' s heraus soll , da bleib ich beim Buchdeckel und muß mühselig Sandkörnchen für Sandkörnchen zusammentragen . Wie ich von der Pappel herunter die Trepp herauf war und hatte meinen ersten papiernen Gedanken aufgeschrieben , der mich noch immer anlachte - so wollt ich doch noch ein bißchen im Abendschein mich wiegen , denn beim Wiegen kommen mir Gedanken . Kaum war ich der halben Pappel hinaufgeklettert , so fiel mir schon wieder was ein , ich klettert also gleich wieder herunter und wieder die Trepp hinauf und schrieb auf : Der ganze Mensch muß in sich einverstanden sein nämlich Herz und Kopf und Hand und Mund . Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dacht , vor dem hätt ich immer auf der Pappel können sitzen bleiben , und es tat mir schon leid , daß ich das Buch mit bekleckst hatte , aber weil der Clemens gesagt hatte , ich soll alles schreiben , was mir durch den Kopf geht , so wollt ich ' s durchsetzen . Jetzt gefällt mir aber doch etwas in dem Gedanken , ich kann ihn ja zu was Großem machen , wenn ich einen großen Sinn hineinlege , und wenn ich alles , was ich so schreib , ohne zu wissen warum , mit Gewalt wahr mache . - Ja , ich fühl , es hängt mit dem ersten Gedanken zusammen , es ist die Genialität der Tugend , wenn der ganze Mensch in sich einverstanden ist , und es ist gewiß , was die meisten nicht tun . Ach , nun kommt mir gar die Moral in Weg , laß mich nur lieber die Gedanken weiter abschreiben , dann kleb ich den Deckel zu vom Buch , daß ich sie nicht mehr seh . - Dann fallen mir vielleicht bessere Sachen ein , die nicht so steifstellig sind . Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert , denn es ist mir grad , als kämen mir nur da oben Gedanken , aber kaum war ich droben , so mußt ich auch schon wieder herunter , und der kam mir ganz begeisternd vor , so daß ich mit großen Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam . Den Geist nähren , das ist Religion . Ja , wenn ich das könnt , dacht ich , wie ich wieder auf meiner Pappel saß und jetzt nicht mehr herunter wollt ; denn es war so schön geworden der ganze Himmel , Abendrot , und der Luftkristalle unendlich viele , die schnell im Purpur anschossen , was hab ich alles gesehen von Farben und von wogenden Wipfeln , die sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne , und wie war die Natur so gütig gegen mich , grad als ob ich sie nicht verleugnet hätt gehabt mit meinem Aberwitz auf dem Papier . Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor , wenn ich in der Natur bin ; könnt man ihr nicht lieber zuhören ? - Ja , Du meinst , davon denkt man ja , daß man ihr zuhört , nein , das ist doch noch ein Unterschied . Wenn ich der Natur lausche , Zuhören will ich ' s nicht nennen ; denn es ist mehr , als man mit dem Ohr fassen kann , aber lauschen , das tut die Seele . - Siehst Du , da fühl ich alles , was in ihr vorgeht , ich fühl den Saft , der in die Bäume hinaufsteigt bis zum Wipfel , in meinem Blut aufsteigen , ich steh so da und lausch - und dann - da empfind ich - ich denk aber nicht grad oder doch nicht , daß ich ' s wüßt , aber wart nur einmal , wie ' s weiter geht . - Alles , was ich anseh - ja , das empfind ich plötzlich ganz - grad , als wär ich die Natur selber oder vielmehr alles , was sie erzeugt , Grashalme , wie sie jung aus der Erd heraustreiben , dies fühl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen , alles fühl ich verschieden . - Seh ich den großen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg , er hatte beinah schon abgeblüht , jetzt ist ein Nachschuß da , das betracht ich alles , das dringt mir alles mit etwas ins Herz , soll ich ' s Sprach nennen ? - Mit was berührt man denn die Seel , ist die Sprach nicht die Lieb , die die Seel berührt , wie der Kuß den Menschen berührt ? - Vielleicht doch , nun , so ist das , was ich in der Natur erfahr , gewiß Sprache ; denn sie küßt meinen Geist , - jetzt weiß ich auch , was Küssen ist ; denn sonst wär ' s nichts , wenn ' s das nicht wär ' , jetzt geb acht : Küssen ist , die Form und den Geist der Form in uns aufnehmen , die wir berühren , das ist der Kuß , ja , die Form wird in uns geboren . Und darum ist die Sprache auch Küssen , es küßt uns jedes Wort im Gedicht , alles aber , was nicht gedichtet ist , das ist nicht gesprochen , das ist nur gegautzt wie die Hunde . Ja , was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele berühren , und was will der Kuß anders , er will die Form in sich saugen und die Seele berühren , alles das ist eins , ich hab ' s von der Natur gelernt , sie küßt mich beständig , ich mag gehn und stehn wo ich will , sie küßt mich , und ich bin auch schon so ganz dran gewöhnt , daß ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme ; denn die Augen sind der Mund , den die Natur küßt , siehst Du , so fühl ich auch , daß mich eine Knospe anders küßt als eine Blume ; denn warum , sie sind verschieden in der Form , dies Küssen ist aber Sprechen , ich könnt sagen : » Natur , dein Kuß spricht in meine Seele hinein « - ja , das ist auch ein Gedanke , den ich ins Buch geschrieben hab , aber den wollt ich stehen lassen , an ihn kann ich noch weiteres anknüpfen . Ach , wenn ich mich so umseh , wie sich alle Zweige gegen mich strecken und reden mit mir , das heißt küssen meine Seele , und alles spricht , alles , was ich anseh , hängt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen , und dann die Farbe , die Gestalt , der Duft , alles will sich geltend machen in der Sprache , nun ja , die Farbe ist der Ton , die Gestalt ist das Wort , und der Duft ist der Geist , so kann ich wohl sagen , die ganze Natur spricht in mich hinein , das heißt , sie küßt meine Seele , davon muß die Seele wachsen , es ist ihr Element ; denn alles hat sein Element in der Natur , was Leben hat . Der Seele ihr Element ist also das Schauen , das ist das Lauschen , sie saugt alle Form , das ist Sprache der Natur . Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele , und diese Seele will auch geküßt sein und genährt , grad wie meine Seele von ihrer Sprache genährt wird , wenn ich so durchdrungen war von ihr ( denn es gibt Augenblicke , wo die Seele wie ein Feuer ist von Leben , wo sie ganz und gar nur das ist , was sie in sich aufgenommen , nämlich Selbstsprache der Natur , da erkennt sie die Natur wieder als nahrungsbedürftig ) , so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder in sie hineingesprochen , ich hab sie geküßt mit meinen Seelenlippen . Sieh , das war Geist , der war nicht gedacht , der war ursprünglicher Lebensgeist ohne Erdform , Gedanken ist die Erdform des Geistes - aber mein Geist hat diese Form nicht angenommen , als er mit ihr sprach , es war nicht Gedanke , es war nicht Gefühl oder Empfindung ; denn das deucht mir auch noch verschieden , es war Wille - ja Wille war ' s , der sah so rasch und fest die Natur an , als wolle er ihr nun wieder schenken alles , was sie ihm gab , nämlich Leben . - Das ist ' s , alles ist ein Wechselwirken , alles , was lebt , gibt Leben und muß Leben empfangen . - Und glaub nur nicht , daß alle Menschen leben , die sind zwar lebendig , aber sie leben nicht , das fühl ich an mir , ich leb nur , wenn mein Geist mit der Natur in dieser Wechselwirkung steht . - Da weiß ich auch , daß Tränen noch gar keine Folgen von Schmerz zu sein brauchen oder von Lust - sie können auch eine natürliche Folge sein , wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist . - Denn ich muß oft plötzlich weinen , ohne vorher gerührt zu sein , das ist also gewiß , wenn die Natur mich so erfaßt , heimlich meine Seele erschüttert , daß sie weinen muß . Und oft leg ich mich auch am Boden auf die sammetschwarze aufgepflügte Erde , die so warm von untenauf dampft , und das wärmt mich , weil ich dann frier - ja , der Geist friert in mir , da leg ich mich am Boden hin , da wird gleich der ganze Geist wieder warm , da fühl ich ' s , wie ' s durch den Kopf zieht und durch die Brust , und da muß ich gleich die Hände betend zusammenhalten . Siehst Du , das ist alles nicht gedacht und ist doch Geist . - Geist , der mit der Natur in Wechselwirkung ist - ich bin ordentlich froh , daß ich heut das Wort gefunden hab , ich hätt schon früher mit Dir davon gesprochen , aber ich fand die Worte nicht - aber ich könnt Dir noch ganz andere Sachen sagen - ach nein , ich fürcht mich gar nicht vor Dir , daß Du mich schelten solltest , Du wirst wohl auch mit mir einverstanden sein , daß , soweit der Geist seinen Flug erheben mag , soweit darf er auch , warum hat ihm Gott Flügel gegeben , Geist ist ja eigentlich Fliegen . - So muß ich lachen über die Lotte , wenn die von Konsequenz spricht , das ist kein Geist - Inkonsequenz ist Geist - im Flug hin und her schweben , alles , was er berührt , gleich mit ihm zusammenfließen , das ist Geist , daß er gleich sich verwandle in das , was er berührt , so verwandelt der wahre Geist sich in die Natur , weil die ihm begegnet allüberall , weil ihr Berühren mit ihm allein Geist ist , er wär nicht , wär die Natur nicht leidenschaftlich seiner bedürftig , das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben , Geist ist fortwährendes Lebendigwerden , um die Natur zu küssen , seine Formen in sie prägen ; die Natur saugt die Geistesformen in sich , davon lebt sie , und Geist fließt durch alle Gestalten mit ihr zusammen , so faßt die Natur sich selber in ihren Formen , das ist eben der ganz göttliche Reiz in ihr , Reiz ist Zauber , wo kann Zauber her entstehen als durch das Sichselbsterfassen ? - Ja , das ist schon wieder was Neues , das wollen wir morgen besprechen . Heute abend tut mir der Nacken weh vom Schreiben - das wollt ich nur noch sagen : mein Geist oder durch mich spricht der Geist mit ihr , und dabei bin ich ganz unregsam , ich besinn mich nicht , ich denk nichts , ich hab keine Betrachtung , aber nachher kann ich davon erzählen , wie Du siehst , heut zum erstenmal , also erzeugt das Ineinanderfließen des Geistes mit der Natur doch Gedanken , die man nachher hat . - Was sind das aber vor Gedanken , einer könnt sagen , es sind Lügen oder Dummheiten , Fabeleien und also keine Gedanken ; denn was kann ich ' s beweisen , oder zu was frommen und führen diese Gedanken . Ja , das ist es eben , Geistesgedanken berühren nichts , was schon da ist , sie erzeugen neu , da siehst Du wieder , daß ich recht hab ; weil der Geist und die Natur sich einander berühren , so sind sie fortwährend lebendig und erzeugen fortwährend neu ; denn wir sollen übergehen in ein neu Leben nach diesem Leben , wie sollen wir ' s aber anfangen , wenn der Geist sich nicht selber hinüber erzeugt in die andre Welt ? - Er muß sich also selbst wie ein klein Kind im Mutterleib tragen , er muß mit sich gesegnet ( guter Hoffnung ) sein und muß sich nähren , bis er selbst als Frucht in sich reif wird , dann bringt er sich zur Welt , wo , wie und wann , - das ist alles einerlei ; eine reife Frucht kommt allemal zur Welt , die Welt ist da vor der Frucht , sie kann nicht aus jener Welt , in das ihr Leben überstrebt , herausfallen , sie kann nur in sie geboren werden . Der Geist also , der fortwährend mit der Natur sich küßt , das heißt , der ihre Sprache trinkt , der nährt sich selbst in ihr , um sich zu gebären , die Natur tut das auch , sie reift sich für die künftige Frucht des Geistes in ihrem Bemühen mit ihm , und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer höher gereiften Natur übergehen ; denn Gott läßt nie von der Natur , überall ist sie es , die der neugebornen Seele wieder begegnet , wieder