heitersten Laune die allgemeinste Unterhaltung zu beleben und den Hochmuth seines Verfahrens durch die sorgloseste Fröhlichkeit zu versöhnen wußte . Auch fehlte es ihm nie an diesem kleinen Hofstaate ; denn alle jungen Edelleute , die früher unter ihm gedient und jetzt theilweise schon zu hohen militairischen Posten gestiegen waren , bewahrten ihrem ehemaligen Anführer eine so innige Liebe und Verehrung , daß sie seine Nähe mit Freude zu der Stunde suchten , die ihm die angenehmste war . Die Rückkehr des Sohnes schien wirklich den letzten Krankheitsnebel von dem Marschalle genommen zu haben , und gewiß konnte man nicht ohne Interesse die rührende Lebendigkeit gewahren , mit der er erzählte , fragte und hörte . Die Kinderjahre Leonin ' s tauchten heute in ihm auf - und diese Erinnerungen mit ihrem weichen , innigen Karakter schlossen sich so wohlthuend an seine augenblicklichen Empfindungen , ohne sie zu sehr zu verrathen , daß Leonin , ganz hingegeben an die Worte des liebenswürdigen Alten , ihm mit allen Beweisen der Zärtlichkeit entgegen kam , um so seinem Herzen die vollste Befriedigung zu gewähren , ohne den Stolz des alten Kriegers durch das Zeigen zu großer Weichheit zu verletzen . Spät erst willigte er in die Bitten des Arztes , den kleinen Kreis zu entlassen ; und als Leonin aus den Zimmern seines Vaters in den vorderen Theil des weitläufigen Palais trat , überraschte ihn der merkwürdige Wechsel der Gegenstände , die in kaum größerer Verschiedenheit in einem Verhältnisse zu denken waren , das seiner Natur nach die vollständigste Uebereinstimmung hätte zeigen sollen . Die Marschallin hatte ihre Gäste entlassen - Leonin blieb unbemerkt auf einer Galerie stehen , die ihn einen blick in die Vorsäle thun ließ , durch welche sie jetzt mit eben dem ceremonieusen Pompe nach Hause zogen , wie sie angekommen waren . Mehrere bestiegen ihre reichen Portechaisen schon in diesen Vorzimmern ; Andere ließen sich von zahllosen Dienern mit hohen Windlichtern umgeben , indem die Damen , von ihren Verwandten und Freunden begleitet , mit aller Grazie , welche die Ermüdung noch zuließ , ihre Fingerspitzen auf den Arm oder auf die Schulter der sie begleitenden Cavaliere legten und den Pagen die Mühe überließen , ihre weitfaltigen Schleppen vor dem Gedränge zu schützen . Von diesen Gruppen richtete Leonin den Blick zu den prachtvollen Zimmern , denen sie zur glänzenden Staffage dienten . Jeder Luxus war hier verschwendet , den Reichthum , Sitte und Mode nur zu ersinnen gewußt ; und die Laune des alten Marschalls für die Ausstattung seiner Gemächer trat um so grillenhafter hervor . Sinnend lenkte Leonin seine Schritte nach den eignen Zimmern und fand hier die alten Diener seiner früheren Jugend , die ihn mit der zärtlichen Ehrerbietung begrüßten , zu der sein gütiger und sanfter Karakter seine Umgebungen berechtigte . Hier hatte jedoch der verschwenderische , glänzende Geschmack der Marschallin auch ihn erreicht . Die Zimmerreihe war vermehrt , eine herrliche Bibliothek , eine Gallerie mit den ausgezeichnetsten Gemälden und Kunstwerken , ein schöner Musik- oder Gesellschaftssaal war den Räumen hinzugefügt , die sein früheres Bedürfniß befriedigt hatten , und die , nun glänzender als je ausgestattet , dem jungen Erben sogleich anzukündigen schienen , die Zeit unscheinbarer Zurückgezogenheit sei vorüber . Die Ansprüche , die ihm aufgenöthigt wurden , wollten jedes Zurückweisen durch sich selbst unmöglich machen . Auch lag dies nicht in den Gefühlen , mit denen der junge Graf aus den Händen des alten Kammerdieners den neuen Besitz übernahm - er war nicht umsonst der Sohn dieser Aeltern - der Glanz und der Stolz , der ihm so reiche Nahrung bot , war ein bedeutender Antheil seines Blutes , und er wußte die ihm überall eingeräumte Wichtigkeit sehr wohl in sich zurecht zu legen . Auch wirkte gerade das , was häufig den Anregungen dieses Sinnes entgegen trat , sein tief und zart fühlendes Herz , dies Mal nur , jene Gefühle zu verstärken und ihnen eine Seele und höheren Genuß einzuhauchen ; denn er konnte sich seines Empfanges nicht bewußt werden , ohne die unaussprechliche Güte seiner Eltern aufs Neue zu empfinden - und wenn er , von seinem Vater so eben mit dem reichsten Strome seiner Liebe überschüttet , mit heimlicher unbefriedigter Sehnsucht nach dem mütterlichen Herzen hier eintrat , wie mußten da die Erzählungen des alten Kammerdieners ihn beglücken , die nur von der Sorgfalt handelten , welche die Marschallin mit eigner Anordnung und Aufsicht diesen Räumen geschenkt ! » O , wie sie mich liebt ! « sagte er leise vor sich hin , und ihm geschah , was so wunderbar das Herz zu beschleichen vermag - er liebte die spröde Mutter mit ihren kargen Gefühls-Aeußerungen in diesem Augenblicke , wo er fast heimlich , hinter ihrem Rücken in ihr Herz sah und ihre Weichheit für ihn herausfühlte , mit mehr Wärme , als den alten überströmenden Vater . Dieser letzte Augenblick vollendete den schönen Tag , der ihn mit einem Glücke überrascht hatte , auf welches er nicht gewagt zu hoffen , und das um so berauschender für ihn war , je mehr es in Uebereinstimmung blieb mit Allem , was ihm von Jugend auf theuer und erlaubt erschienen und dadurch ihn in der vollständigsten Selbst-Billigung erhielt . Als er endlich allein war und sich , der natürlichen Müdigkeit einer so großen Aufregung folgend , mit Behagen auf seinem Lager ausstreckte , trat Fennimor ' s Bild vor ihn hin und schien ihn zu fragen : welchen Antheil sie an den Eindrücken dieses Tages behalten , wohin er sie verwiesen in diesen prächtigen Räumen . Ach , es war ein tiefer Seufzer , den er nur als Antwort hatte ; es war ein Gefühl , dem Schmerze ähnlich - aber er hätte keine Erwiederung gewußt , und hätte sie die Frage selbst an ihn gerichtet . Sein böser Engel wiederholte ihm aber die Worte des Marquis de Souvré : ich überlasse es Euch zu denken , wie sie in die Welt Eurer Mutter passen wird ; - und ehe er sie zum Schweigen verweisen konnte , schrieen alle Stimmen in ihm : hier ist kein Raum für sie , nicht für den kleinsten Schritt ihres zarten Fußes ! Aber so fremd , so herausgerissen aus jenem ihm erst zu spät durch Fennimor enthüllten Zustande des Lebens , fühlte er sich hier , auf der alten Stelle der Heimath , wo seine frühsten Ueberzeugungen wurzelten , von ihnen aufs neue und in so überraschender und schmeichelhafter Art umschlungen , daß er sich mit Schrecken bewußt ward , wie jene Existenz - ein eben so heiliges Recht an ihm gewonnen . Aber , wenn körperliche Ermüdung zu einem überfüllten Seelenzustande hinzutritt , der uns doch die augenblickliche äußere Ruhe gönnt , pflegt die erstere zu siegen und der Schlaf die Pforten des Lebens zu verschließen . Leonin schlummerte so sanft , als ob das erste Wiegenlied ihn eingesungen . Die Marschallin von Crecy wußte genau , in welcher Stimmung ihr Sohn nach den Erlebnissen des gestrigen Tages sein mußte , und sie war ihrer Sache so gewiß , daß der Marquis de Souvré auch nicht das kleinste Zeichen des Einverständnisses von ihr empfing , als er ihrer Einladung zum Frühstücke Folge leistete . Leonin war wirklich nur Sohn . Seine ganze Empfindung für seine Mutter war zurück gedrängt von dem kurzen , kalten Empfange und nur dadurch angewachsen ; und der Morgen vor der Stunde , wo sie ihn zu sich beschieden , hatte nur jedes Gefühl höher gesteigert , da er sich überschüttet von ihren Aufmerksamkeiten fand , und in jedem Anspruche überboten durch die erweiterten Ansichten , womit die Bildung und der steigende Luxus der Hauptstadt in gleichem Maaße hervortraten . Doch fühlte er sich geneigt , auch diese ausgezeichnete Ausstattung mehr dem Verstande und der hohen Bildung seiner Mutter zuzurechnen , da keines der durchreisten Länder ihm dafür einen Maaßstab hatte geben können ; denn Frankreich stand damals in jeder Hinsicht an der Spitze Europas , und die wohlbewanderte Marschallin hatte eben deshalb nur das Vorhandene zu sammeln gebraucht . Dennoch trieb ihn seine Devotion anzunehmen , als habe sie alle diese Dinge erst ins Leben gerufen . Zu dieser Stimmung fügte die Marschallin nun noch ihren Empfang , als er am Morgen in einem zauberisch eingerichteten kleinen Saale , der in die herbstlich gefärbten Laubpartien des Gartens blickte , ihr entgegen eilte . Dieser schöne Raum trug den ganzen Wohllaut der Ruhe und des geistvollen Luxus , der die Seele zugleich zu berauschen und zu erheben scheint . » Hab ' ich Dich wieder , mein lieber Flüchtling , « sagte sie mit dem süßesten Ton ihrer Stimme und zog ihn auf das Fauteuil nieder , auf dem sie behaglich in ihrem Morgenkleide ruhte - » jetzt wollen wir uns gehören und die lange Entbehrung nachholen . Wie viel näher wirst Du mir gerückt sein durch so vorgeschrittene Bildung , wie diese schönen Reisen Dir gewährten . - Das wird das Herz der Mutter erquicken , die darum lange darbte ! « Mit welchem Entzücken sah Leonin , während sie sprach , in die immer noch schönen und jetzt so milden und weichen Züge der Mutter , indem er seine Augen antworten ließ , und immer und immer wieder ihre Hände küßte . » O , möchtet Ihr Euch nicht täuschen , meine theure , theure Mutter ! « rief er endlich , » möchten Eure Erwartungen , Eure Opfer , Eure große Güte sich einigermaßen belohnen durch das , was Ihr in Eurem Sohne finden werdet ! « » Nun « , lachte die Marschallin , » werden wir vor allen Dingen nicht zu tragisch ! Eine Mutter , sagt man , soll nicht schwierig sein , in ihren Kindern einige Wunder von Liebenswürdigkeit zu entdecken , und so bilde ich mir zum Beispiel ein , Louise , die dort hinter Dir , wie ein Jäger auf dem Anstande , steht , ist das artigste Schooßkind der Erde ! « » Louise , Louise ! « rief Leonin und schloß das schöne Kind , das nur mit Mühe der Mutter Worte schweigend angehört hatte , jubelnd in seine Arme : » Mein holdes Kind ! meine Louise ! bin ich auch noch Dein liebster Bräutigam , wie Du mich immer nanntest - hast Du auch nichts vergessen ? « » Ach , Leonin , « rief Louise - » wie hätte ich denn in meinem Kloster andere Gedanken haben sollen , als Dich ! Die Nonnen nannten Dich meinen Schutzheiligen , weil ich - sieh ' hier , da ist es ! - dies kleine goldene Herz , das Du mir einst schenktest , aufgehangen hatte , und darunter einen kleinen Altar gebaut , worauf Blumen standen und Kerzen . « » O , Du süßes Kind ! « rief Leonin , und in diesem Augenblicke dachte er zuerst mit der alten Liebesstärke an Fennimor ; denn eben erst hatte er die Stelle gefunden , wo sie hin paßte - seine Schwester würde sie lieben und verstehen ! - O , welch ' ein Wonnehauch erschütterte seine Nerven bei dem ersten Einklange seiner jetzigen Welt mit jener stilleren auf Ste . Roche ! » Mutter , Mutter , « rief glühend in der doppelten Empfindung Leonin - » welch ' ein holdes Kind ist unsere Louise geworden ! Wie engelgut , daß Du sie jetzt herriefest - mir diesen Boten des Glückes auf die Schwelle stelltest ! « » Nun diesen Dienst , « sagte die Marschallin trocken , » hat sie sich selbst gethan ; denn sie war ein frommes , fleißiges Kind bei ihren Nonnen , und wie ich sie so fand , war ich ihr die Gerechtigkeit schuldig , sie der Welt vorzustellen . Nun wollen wir sehen , « fuhr sie mit dem schmeichelhaften Lächeln der Ueberzeugung fort , » wie sie sich hier machen wird . « - » O , gut ! gut ! vortrefflich ! « rief Leonin , sie wieder an sich ziehend , » ihre unverdorbene Seele wird sie überall den rechten Weg führen . « » Auch habe ich keine Furcht deshalb , « fuhr die Marschallin in etwas höherem Tone fort , » es ziemte mir als Mutter sehr wenig , nach der Erziehung , die ich meinen Kindern gab , zu bezweifeln , daß sie stets dessen eingedenk sein werden , wozu ihre hohe Geburt und ihre großen Besitzthümer sie verpflichten . - Dies ist eine Gabe des Himmels und eine strenge Anforderung zugleich , uns jederzeit über die Masse zu erheben ; denn wir bleiben auf solchem Höhenpunkte der Gesellschaft nicht unangefochten von anmaßlichen Ansprüchen , denen wir zu begegnen lernen müssen . - Doch mache kein so langes Gesicht , meine kleine Louise , komm ' her und sei getrost ! Schwer nur ist das Ungewohnte , und Dir , mein holdes Kind , waren die Sitten der Crecy und Soubise schon in der Wiege Schutz für spätere Tage . « - » Laßt uns jetzt , wie in alten Zeiten , gemeinschaftlich frühstücken , ich will heute Nichts als eine glückliche Mutter sein und , wenn ich zwischen Euch sitze , träumen , Ihr wäret noch dieselben kleinen Kinder , die aus meinen Händen bedient sein wollten . - Marquis , « rief sie dem eintretenden Souvré entgegen , » Ihr müßt heute durchaus mit mir empfindsam sein , so sehr sich dagegen auch Euer Naturell sträubt - eine Mutter , die so lange kinderlos war als ich , hat auch ihr Recht ! « » Ha ! « lachte der Marquis und umarmte den ihm tief bewegt entgegen eilenden Leonin - » seid sicher , Frau Marschallin , ich kam in derselben Stimmung hieher und denke Eure bezaubernde Empfindsamkeit gewiß so lange zu theilen , als Ihr es selbst aushalten werdet . « » Thut das , mein liebenswürdiger Kavalier ! « sprach die Marschallin , an der Tafel Platz nehmend . » Ihr habt immer die présence d ' esprit , zu fühlen , was gerade passend ist . - Ein vollkommener Edelmann , mein Sohn , « fuhr sie fort , » von dem Madame Henriette letzthin zum Könige sagte : er hat die Feinheit des Verstandes , zu errathen , was wir nothwendig denken müssen , wenn wir selbst noch damit fremd sind . « » Ach , « rief Souvré lachend - » Madame findet es oft sehr bequem , wenn der Freund des Grafen Guiche vorher weiß , was sie denken wird . « » Lassen wir das ! « - schnitt die Marschallin seine Rede ab . - » Du wirst über unsern Hof erstaunen , mein Sohn , und wahrscheinlich um so mehr , nachdem Du andere Höfe kennen lerntest - er muß nothwendig der vollkommenste in Europa sein , da hier sich die höchsten Tugenden , die bezauberndsten Schönheiten mit der erhabensten Geistesbildung vereinigen . « » Es kann uns auch schwerlich entgehen , « erwiederte Leonin , » daß der Ruf dieses außerordentlichen Hofes seinen Einfluß über alle anderen erstreckt , und jeder seinen Anspruch auf Feinheit und Glanz , durch einige mehr oder weniger glückliche Nachahmungen des Versailler Hofes zu legitimiren sucht . Es entstehen jedoch daraus viele Mißgriffe , die oft äußerst lächerlich werden ; denn zu den erhabenen Formen , die unser König seinem Frankreich verlieh , gehört auch das Naturell des Franzosen , sie aufzufassen . Besonders bieten die deutschen Höfe manches komische Schauspiel einer Nachahmungssucht , zu der ihnen jede Naturgabe fehlt . « » Sie werden es , denke ich , noch theuer bezahlen , unsere Lachlust gereizt zu haben ; « lächelte der Marquis vor sich hin - » wer sich aufs Nachahmen einläßt , versäumt immer , seine eigenen Fähigkeiten kennen und anbauen zu lernen . Ich gönne es zwar als guter Franzose dem übrigen Europa , daß es sich müßig in die Fenster seiner Reiche legt und neugierig nach Frankreich ausschaut , wie es thut und läßt ; aber das Haus , welches hinter ihnen liegt , bleibt um so länger wüst und unheimlich , da sie den Blick davon abziehen ; und wenn solche rohe und barbarische Staaten versuchen wollen , uns nach zu kommen , so wird daraus doch bloß ein eitler Firniß , der kaum die ursprüngliche Rauhheit überglättet . « » Ja , « sagte die Marschallin scherzend , » ich schließe es immer in mein Dankgebet ein , in Frankreich geboren zu sein , besonders in Paris , und in Verhältnissen , welche mir gestatten , dem größten Fürsten , den Gott je der Erde gab , mich nahen zu dürfen . « » Der Marquis Vieuville hatte die Aufmerksamkeit , mir gestern zu sagen , daß die Majestäten nach Dir , mein Sohn , gefragt und Dich ohne die Probe des Adels-Heroldes zu empfangen denken , welches allerdings eine Ehre ist , die man Deinen Eltern erzeigt . Aber außer dem Grafen Harcour , der auch , wie unsere Familie , zu den Vettern des Königs gehört , und welcher mit unserem erhabenen Monarchen in einem Zimmer erzogen ward , ist eine solche Auszeichnung , mir erinnerlich , nicht geschehen . Als dieser junge Graf von Harcour von seinen Reisen kam , und der König es vernahm , sagte Seine Majestät zu dessen Vater : wen mir der Graf Harcour als seinen Sohn zuführt , der soll die Ahnenprobe geleistet haben . « - Dieses behagliche Gespräch , in welchem die Marschallin sich nur in ihrer Natur brauchte gehen zu lassen , um ihren Nebenzweck dennoch zu erreichen , den Sohn zugleich in alle Interessen zu verflechten , die ihn von seiner romantischen Richtung abzuziehn vermöchten , ward plötzlich durch die Meldung unterbrochen , daß der Marschall von Crecy seine Zimmer verlassen habe , sich hierher begebend . Ein dunkler Schatten glitt zürnend über das Gesicht der Marschallin bei dieser Nachricht , und Leonin mußte noch überdies gestehen , daß er vergessen habe , seiner Mutter diesen Besuch zu melden , den der Marschall ihm schon bei seinem früheren Morgenbesuche angekündigt . Louise war aber nach dieser Botschaft sogleich freudig aufgesprungen und ihrem Vater über die Vorsäle entgegen geflogen . Jetzt hörte man auch schon die rauhe , lachende Stimme des alten Herrn , der mit Louisen scherzte , und seine Gemahlin hatte noch eben Zeit genug , die prätensiöse Ruhe wieder anzunehmen , die sie einen Augenblick bei der unwillkommenen Botschaft erschüttert zeigte . Louise halb im Arm tragend , trat der Marschall auch jetzt ein und ging kräftigen Schrittes auf seine Gemahlin zu : » Aha , Madame , hier sind Sie im Neste mit ihren Küchleins ! Nun , ich muß Sie überraschen und bei der Veranlassung Dank sagen für geleistete Pflege und Glückwünsche abstatten zu dem wiedergekehrten Sohne ! « - » Marschall , Marschall , « rief seine Gemahlin , » es scheint mir , Sie machen sich zu früh heraus ! Ich fürchte , Sie werden meine Pflege aufs Neue nöthig machen . - Nehmen Sie meinen Glückwunsch zurück , ich zweifle nicht , daß er in Erfüllung gehen wird . « - » Ich auch nicht , Madame ; « sagte der Marschall , » denn er scheint mir ein tüchtiger , offener , treuherziger Junge ! - Nun , nun , Schelm , halte die Ohren zu , wenn ich Dich lobe - wirst tolle Streiche genug gemacht haben , das liegt den Crecy ' s für ihre Jugendzeit in den Gliedern ! Also , da sei weder hochmüthig , noch verzagt ; denn ich hab ' es in Deinem Alter eben so gemacht - aber dann war es auch vorbei . Als sie mich einrangirten in die Reihe der großen Herren , die den Thron tragen , mein Sohn - da war ich mit eins nur der Graf von Crecy - und Du hättest sehen sollen , wie sie Alle die Augen aufsperrten , als der tolle , wilde Junge seinen Platz überall einnahm , wie die Andern ! Aber sie hatten vergessen , daß es den Crecy ' s im Blute liegt , daß sie nicht die alten Sitten und Rechte ihrer Väter zu lernen brauchen . Später ersah mir die Königin die rechte Braut - denn das muß man Deiner Mutter lassen , die Soubise ' s sind so alt , wie die Crecy ' s , daran war kein Tadel ; und so sind denn alle Thorheiten vernarbt , und der Name Crecy in Ehren geblieben . - « Der Marschall ahnte nicht , wie seine Rede , die er mit voller Ueberzeugung sprach , hier die verschiedenste , aber in Allem gleich bedeutende Wirkung hervorrief . Die Marschallin wendete fast mit Verachtung die Blicke von dem Redenden , während sie sich nicht verhehlen konnte , er habe eine ihrer Minen ungeschickt , aber nicht wirkungslos in die Luft gesprengt . - Der Marquis de Souvré aber genoß mit einem kalten Lächeln die Ueberzeugung , wie weit die Aeußerungen beider Aeltern Leonin von seinem arkadischen Glücke verschlagen mußten - während dieser mit gesenktem Kopfe und Auge den Strom über sich ergießen fühlte , der ihm seine Hoffnungen , seine Erinnerungen fast weg zu spühlen drohte . Wo nur anfangen - diesem felsenfesten Baue hundertjähriger Ansichten gegenüber , die von dem sich empor schwingenden Zustande des Landes und ihres stolzen Königs eine neue Wichtigkeit , einen höheren Werth noch erhielten . In sich fühlte er weder Trost , noch Rath , und nur das gewöhnliche Auskunftsmittel blieb ihm übrig - er hoffte auf die Gaben des Zufalls . » Wahrlich , Marschall , « erhob jetzt seine Gemahlin die Stimme , » Sie stellen das höchst passende Bild eines würdigen Lebens dar , und gewiß belehrend für Ihren Sohn , wenn auch das erste Kapitel Ihrer Jugend billig überschlagen werden könnte . « » Ja , ja , « lachte der selten so milde angeredete Marschall , » so sind die Frauen ! Was sie nicht verstehen , das tadeln sie . Habt erst Blut in den Adern , Sehnen und Muskeln , wie die unsrigen , und dann fragt nach , ob man nicht erst seine Luftsprünge machen muß , ehe man am Kamine hocken bleibt und mit dem Haushofmeister die Rechnungen durchsieht ? - Weiß Gott , ich möchte keinen Jungen , der nicht ein Paar dumme Streiche auf der Rechnung mit nach Hause brächte . Aber dann auch quittirt , mein Junge , und das sein , was von Gottes Gnaden den Crecy ' s obliegt ! « Er hatte Leonin wieder bei den Schultern und schüttelte ihn nach seiner derben Liebesweise , indem er sein Auge suchte ; aber dies lag noch trübe gesenkt , und die Lippen waren so trocken , daß er ihnen kein Wort zumuthen konnte . » Sieh ' mal , wie der Junge heute blaß und matt aussieht ! - Ja , ja , Madame , « fuhr er etwas erzürnt fort , indem er die Augen umherwarf , » das ist der Parfum Eurer sybaritischen Gemächer ; die entnerven den Sinn des Mannes und machen ihn zum Schwächling . Hier würde ich auch zum Narren ! « - » Mäßigen Sie sich , Marschall , und schätzen Sie es wenigstens , daß ich Ihnen diese Räume nie zu Ihrem Gebrauche aufnöthige . Das Hotel Soubise hat Waffensäle genug , denke ich , in denen Sie Ihren Geschmack befriedigen können ; schlecht würde es zu unserem Ansehn passen , darin die Gemächer zu vermissen , welche im Geiste des glänzenden Hofes eingerichtet sind , den zu behaupten , auch uns zukommt . « » Sie haben immer Recht , Madame ! « sagte der Marschall spöttisch ; denn er fühlte sich stets von ihrem Verstande überboten . Aber er grollte um so mehr der unliebenswürdigen Form , in der sie ihn zurecht zu weisen , nie unterließ . » Auch , « fuhr er fort , » kam ich nicht her , mich an Ihren Bedürfnissen zu ergötzen , sondern , um meinem Sohne anzukündigen , daß ich ihn selbst seinem Könige und Herrn vorzustellen entschlossen bin . « Nach Dank aussehend , richtete er liebevoll seine Augen auf Leonin , und dieser eilte auch , ganz seine Güte fühlend , ihm zu danken . » Könnte ich nur diesen Beweis Ihrer Liebe ohne Furcht für Ihre Gesundheit annehmen , mein theurer Vater - was könnte mir dann Ehrenvolleres , Lieberes geschehen , als meinem angebeteten Könige an der Seite meines Vaters zuerst nahen zu dürfen ? « » Laß das Geschwätz von meiner Krankheit , Junge ! « entgegnete der Vater mürrisch ; » bin ich krank ? - Sieht so ein Kranker aus ? - Ich erwarte den Ceremonienmeister , Herrn von Dreux , und werde das Nöthige mit ihm verabreden ; denn Du sollst mir , je eher je lieber , die große Taufe der ersten Kniebeugung erhalten . Dann sind Sie daran , Madame , dann mögen Sie ihm ein Fräulein aussuchen , auf deren Schultern ein Wappenschild ruht , neben dem das der Crecy-Chabanne sich zeigen mag - das überlasse ich Ihnen ; denn mit dem Weiberzeuge weiß ich nicht Bescheid ! « Die Marschallin hatte diese ganze Rede ohne Unterbrechung sich entwickeln lassen , da Vieles ihr darin zu Hülfe kam , und das , was ihr nicht behagte , mit einem Worte von ihr widerlegt werden konnte . Sie saß daher so ruhig in ihrem Armstuhle , als wäre sie völlig allein , und spielte gleichgültig mit den Frangen ihrer Morgen-Mantille . » Haben Madame noch etwas zu erinnern ? « rief der Marschall , ungeduldig über ihr beleidigendes Schweigen . » Sie sind , wie immer , zu rasch , mein Herr ! « erwiederte sie mit höflichem Lächeln , » und werden Herrn von Dreux in Verlegenheit setzen ; denn , was soll er Ihren Anfragen entgegnen , da seine erste Erkundigung sein müßte , ob der junge Graf schon majorenn , und von seiner Familie in den Rang eingesetzt ist , der ihm allein den großen Anspruch der Präsentation sichert . « Der Marschall drehte sich so wild ab , als hätte er einen Stich erhalten - seine Gemahlin fuhr mit der höchsten Ruhe fort : » doch ist Ihre Genesung um so willkommener , da jetzt kein Hinderniß mehr vorhanden scheint , diese Familien-Angelegenheit dem Ansehn unseres Hauses gemäß auszurüsten . Unsere Vettern , die Herzöge von Lesdiguères und Tremouille , sind mit ihrer Gegenwart bereit , und der Prinz von Courtenaye , wie der Marschall von Tessé wünschen zu unterschreiben . Ich zweifle nicht , daß die Majestäten Jemanden beordern werden , den Tag zu ehren , und ich habe , in Voraussetzung Ihrer Genehmigung , diesen Tag auf morgen festgesetzt . « - Der Marschall hörte diese wohl geordnete Entgegnung seiner Gemahlin unter so wilden Grimassen seines alten , vernarbten Gesichtes an , daß , wer ihn kannte , genau wußte , er war geneigt , mit seiner kalt überlegten Gemahlin in die Esse des Kamins zu fahren ; obwol er zur Erhöhung seines Zornes einsah , daß ihm keine Stelle blieb , die er angreifen , an der er seine Wuth kühlen konnte , sondern , daß ihm , wie immer , die Rolle eines Schulknaben zufiel , der sich seiner Unzulänglichkeit überführt sieht und schweigend den Verweis hinnehmen muß . » Nun , « brummte er , dumpf und zornig blickend , » Madame sind , denke ich , nicht minder rasch , als mir so eben vorgeworfen ward ; ich habe , wie immer , mich nur in Ihre Anordnungen zu fügen - doch später , Madame , später werde ich meine Pflicht bei Seiner Majestät erfüllen ! « » Herr von Vieuville , « fuhr die unerschütterliche Marschallin fort , » hat mir gesagt , daß Seine Majestät unseren Sohn zuerst in den Apartements der Madame Henriette von England im kleinen Zirkel sehen will , um ihn dann später bei der Königin als schon bekannt zu finden . Die Auszeichnung , ihn ohne weitere Ceremonien als unseren Sohn anzuerkennen , findet so am besten ihren Platz . Gewiß wird sich Madame freuen , bei dieser Gelegenheit den Marschall von Crecy in ihrem Privat-Zirkel zu sehen ! « » Nun , « schrie der Marschall , dem dieses letzte Abschneiden seiner Pläne zum offenen Ausbruche seines schwer bekämpften Zornes verhalf , » so mögen mich doch alle Geier aus dem Wappen der Crecy zerreißen , ehe ich in diese Narrenbude von Bänkelsängern und Gauklern bei dieser weinerlichen Madame Henriette eintrete ! Den Erben eines der größten französischen Namen dort seinem großen Könige vorzustellen , hieße über den Helmsturz die Weiberhaube ziehen ! - Für dies Geschäft danke ich , Madame ; und da Sie Alles so wohl eingerichtet haben , Alles zu verderben , worauf mein altes Vaterherz sich gefreut hatte , so überlasse ich Ihnen auch den Rest , den auszuführen ich zu stolz bin ! « - Und damit stürzte er , wie ein verwundeter Löwe , aus dem Salon , und die Diener , die , schnell vor ihm her eilend , die Thüren aufrissen , wußten das oft Erlebte , daß der Marschall sich dem Willen seiner Gemahlin hatte unterwerfen müssen . » Du wirst Dich wundern , mein Lieber , « fuhr die Marschallin mit der größten Ruhe fort , » Deinen Vater noch so lebhaft zu finden . Gottlob es ist ein sehr tröstliches Zeichen seiner wieder gewonnenen Kraft ; wir wollen die kleine Störung verschmerzen , die doch eine glückliche Verkündigung seiner Genesung ist . - Denn so sehr es zu beklagen bleibt , daß der Marschall niemals den Ueberblick seiner Verhältnisse behält , so muß man ihm doch zugestehen , daß er mit vielem Takte sich leicht