und die gemalte Quelle flüstert : » Schwester , ruhe an meinem Borde ! « Ich trat mit dem Butterbrote leise hinter Karl Buttervogel . Zum letzten Male stehe der Name in den Blättern ! Er hatte mich nicht kommen hören und knackte ruhig mit dem Instrumente , welches er aus der rechten Jackentasche gezogen hatte , seine Nüsse auf . Ich sah ihm über die Schulter . Aber ach ! da wankten meine Kniee , ich ließ das Butterbrot fallen , Karl ließ den Nußknacker fallen , ich hob den Nußknacker auf und Karl hob das Butterbrot auf ! Ich drückte den Nußknacker an meine Lippen . Er war es , er war es ! - Der alte , treue Knacker , die erste , auf Rucciopuccio hindeutende Liebe ! O ihn , ihn hatte ich gleich erkannt . Und hätte ich ihn denn auch verkennen können ? Des Menschen Antlitz und Gestalt wandelt sich leider mit den Jahren , ein Nußknacker bleibt , was er war . Ach , bitter-schmerzlich war dennoch dieses Wiedersehen ! Das teure Heiligtum meiner Jugend sah mich an , wie eine Ruine . Von dem Rot der Uniform war der brennende Glanz gewichen , die Farbe der Unterkleider ließ sich kaum noch erkennen , erloschen waren die schönen , grellblauen Augen , der Mund hatte durch das beständige Knacken seine beste Kraft verloren , einen Hut trug er kaum noch , nur den Schnurrbart hatte die Mißgunst der Zeiten verschont ; er hing schwarz und voll wie in jenen goldenen Tagen über den alt und müde gewordenen Lippen . Ein Strom von Tränen befreite die Brust . Dann faßte ich mich und dachte an mich und mein Geschick . Karl hatte das Butterbrot verzehrt und sah mich groß an . » Gelt « , rief er ( ich muß ja seine eigenen Worte brauchen ) » das ist ein närrischer Kerl ? - Ich habe den Schurken einmal vor vielen Jahren in einem italienischen Badenest auf ' m Kehricht hinterm Hause gefunden . Ich steckte ihn zu mir und brauche ihn seitdem fortwährend , und der Racker « ( ich erliege fast der Qual solche Worte zu schreiben ) » ist immer noch ganz . Dazumal diente ich bei vierzehn Berliner Edelleuten , die das Bad brauchten und sich zusammen einen Bedienten hielten . « » Fürst « , sagte ich ernst und gehalten , » verstellen Sie sich nicht länger . Weder Ihre Bedientenjacke noch die scheußlichen Ausdrücke , zu denen Sie Ihre edeln Lippen zwingen , um unerkannt zu bleiben , täuschen mich ferner . - Was Vorläufer ! Es kommt uns niemand nachgelaufen , und : Ich kenne keinen Größeren , die bedeutenden Strümpfe , das Pantoffelwesen , die Zeichen an der Schnuppe des Nachtlichts , mein Traum von Nizza , die trauernden Juden , die Wüste Sin , die da lieget zwischen Elim und Sinai , das waren schon Symbole , welche nicht trügen konnten . Nun die Melodie Ihrer Stimme , Ihr Fluch , jetzt gar der geliebte Nußknacker in Ihrer Hand , und endlich , daß Sie von dem Kehricht wissen und von der finstern Tat meiner verklärten Mutter , welche Nußknackern in jenes Elend verstieß - - alles das - - mein Gott , leugnen Sie doch nicht weiter , häufen Sie nicht unnütze Qual auf ein armes Mädchen , die immer Ihrer wert geblieben ist ! Sein Sie gut und liebevoll , lassen Sie die Maske fallen und sprechen Sie : Emerentia , ja , ich bin es . « » Was soll ich denn sein ? « rief er . » Ich bin kein Es . Ich bin , was ich bin - Donnerwetter ! « Seine rauhe Festigkeit machte mich doch einen Augenblick wieder zweifelhaft . » Wenn Sie es nicht sind « , sagte ich entschlossen , » so ist es Ihr Herr , denn einer von Ihnen beiden muß es sein . « Ich wollte gehn . Karl hielt mich aber am Kleide zurück . Mein Mittel hatte gewirkt . » Ich sehe wohl « , sagte er , » daß es Ihnen ein Ernst ist , wenn ich es bin . Also wollte ich Sie nur fragen , was daraus wird , wenn ich es bin ? « » Wenn Sie es sind « , versetzte ich , » so bin ich Ihre Freundin im reinsten Sinne des Worts . Mein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung auf diesen großen Moment . Gnädigster Herr ! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen ! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen . Aber der Altar blieb bestehen ; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden , für welches ich ewig , Ihnen gegenüber Vorrat besitzen werde . « Karl kratzte sich im Kopfe ( der Ungeheure ! so tat er ) und sagte : » Ich denke nur immer noch , Sie haben mich bloß zum besten . Indessen aber will ich ' s versuchen , und wer mich anführt , den soll der Teufel holen . Das heißt also , Sie sind meine Freundin , heißt nämlich , wenn Sie meine Freundin sind , so müssen Sie auch dafür sorgen , daß ich mehr zu essen und zu trinken kriege . Wenn Sie auf diese Manier meine Freundin sind , so will ich ' s sein . Dann sehen Sie nur gleich heute zu , daß ich einmal ein rechtschaffen Stück Fleisch kriege . « Er spielte fürchterlich mit mir . Daß er seinen wilden Humor selbst in diesem großen Momente nicht ablegte ! O Männer , Männer , wie geht ihr mit uns um ! - Eine Lustigkeit der Verzweiflung ergriff mich , und in den Bahnen seiner ausschweifenden Laune ihm folgend , rief ich : » Sie sollen heute zwei Pfund Rindfleisch haben ! « Das erschütterte ihn . Er sah mein Leiden , welches durch den Scherz schauerte . Tränen traten in sein Auge , er sagte : » Sie sind doch sehr gut , und ich bin ' s denn also . « Er ging , übermannt von edler , menschlicher Rührung . In seinen Tränen fand ihn mein Gefühl , wie mein Verstand ihn schon früher erkannt hatte . Seiner Rolle blieb er sonst treu . Mittags meldete er sich um die zwei Pfund Rindfleisch . Ich gab sie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen , den Vater täuschend mit der Nachricht , die Katze habe das Fleisch gefressen . Er hat es rein aufgegessen ; seine Verstellung muß ihm doch schwergefallen sein . Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag , der Aschenbrödel ? Mit dieser Welt im Busen muß ich nun jetzt am Feuerherde stehen ! Auch war der Pfannkuchen versalzen und ungenießbar . * Heute ist es zu einer vollständigen Erklärung zwischen uns gekommen . Ich erinnerte ihn an unsere Spaziergänge bei Nizza , so an die Wechselverfertigung , an die sechste Elefantenkompanie und an die Kabale des Kaisers aller Birmanen . Ich erinnerte ihn an Hechelkram und an seine Rechte darauf . Ich nannte ihm den süßen Namen jener Zeit : Rucciopuccio . Ich fragte ihn , ob er wohl an alles das noch denke ? Er sagte zu allem ja . Auch in dieser vertrauten hingebungsvollen Stunde blieb er Bedienter in Wort , Gebärde , Haltung . Ich bat ihn herzlich , er möge doch mir gegenüber diese häßliche Hülle aufgeben und der Fürst sein . Er versetzte , es gehe nicht an , ich möchte ihn um Gottes willen zufriedenlassen . - Ich will nicht weiter in ihn dringen , er fürchtet vermutlich , daß , wenn er sich vor mir demaskiert , er sich auch sonst vergessen könne , denn welche unendliche Mühe muß den Hohen dieses angelegte niedere Wesen kosten ! Sein Inkognito hat vermutlich einen Doppelzweck . Mich wollte er unerkannt prüfen , und dann will er auch im Verborgenen abwarten , welchen Erfolg seine Verwendungen an einige Mächtige des Hofes um Hechelkram haben werden . Ich sagte ihm diese meine Vermutungen in das Antlitz , und er antwortete : Es sei alles so , wie ich meine . Wie es ihm nur möglich gewesen ist , mich zu finden , da ich in Nizza Marcebille von Schnurrenburg-Mixpickel hieß ? Darüber werde ich ihn doch nächstens befragen . Die Entwickelung unserer Angelegenheit muß in Geduld abgewartet werden . Erfolgt seine Anerkennung als Fürst , so wird sich auch für mich das Stift finden . Ich erfülle mein Schicksal und bin ruhig . Eins geht mir aber im Kopfe umher . Er hat keine Gemahlin . Das wird meiner Stellung eine ihrer Blüten abstreifen . Ich wollte ja der segnende Schutzgeist seines Hauses sein , die Gatten miteinander versöhnen . Das fällt nun weg . So hält uns das Leben doch nie ganz Wort . * Daß er so gar nicht Rucciopuccion ähnlich sieht ! - Vergebens mühe ich mich ab , einen Zug der Vorzeit in seinem Gesichte zu erspähen . Aber freilich ist es denn auch einige Jahre her , daß wir auseinanderkamen - - Die dumme Lisbeth hat mir vor ihrem Abzuge mein Schreibzeug verkramt , ich muß mich mit Federn behelfen , die alle bequemen schriftlichen Ergießungen unmöglich machen . Sie ist ein abscheuliches Geschöpf - - und dann hat er viel auszustehen gehabt . Er bekam selbst hin und wieder von seinen Herrn Schläge . Natürlich ! Die indischen Fürsten sind Barbaren . Auch Münchhausen ist mir nun entziffert . Dieser hohe Geist , dieser neue Prophet der Natur und Geschichte wird der Kammerherr des Fürsten sein , oder sein Adjutant , oder sein Hofstaatssekretär , oder eine andre dieser reinen , idealen Gestalten . Auch ihm wird seine Rolle schwer , ich sehe es wohl . Sein schmerzliches Zucken , wenn er den Gebieter zum Scheine anfahren muß ! Neulich tat er so , als ob er den Stock gegen ihn brauche , und der Fürst tat , als schreie er . * Münchhausens Geschichten werden mir jetzt klar . Der Vater nimmt sie wörtlich und glaubt daran zum Teil . Ich ahnete gleich eine geheime Bedeutung - und habe mich nicht getäuscht . Die smaragdgrüne Bergebene Apapurin ... usw. ist unsere Jugend , goldgelbe Kälber der Empfindung grasen auf ihr , die Gedanken der Jungfrau sind pfirsichrot und alle Äußerungen ihres Wesens herb und keusch , wie Schlippermilch . Nachher spaltet sich die Welt ihres Inneren , diese Spaltungen und Unterspaltungen werden durch die sechs Gebrüder Piepmeyer angedeutet , einander zum Verwechseln ähnlich , wie unsere Spaltungen , dann kommt die Prosa des Lebens unter dem Bilde des Wachtfriseurs Hirsewenzel und flicht den großen Knoten widerstrebender Verhältnisse , den Rattenkönig gemischter Empfindungen . Manches einzelne bleibt mir freilich in jener Symbolik noch dunkel . Welcher Moment des weiblichen Lebens wird z.B. durch die Folgen der einzigen Lüge Münchhausens dargestellt ? * Ein köstlicher Genuß ist es , zu sehen , wie das Hohe , das Göttliche unter der Knechtsgestalt , in welcher es hin und wieder erscheinen muß , siegreich für den Kundigen hervorblitzt . Wiewohl mein erlauchter Freund den Bedienten zum Erschrecken natürlich spielt , so läßt sich Fürstenblut dennoch nicht verleugnen , und davon wurde mir heute die Erfahrung . Der Prätendent von Hechelkram putzte die Stiefeln seines sogenannten Herrn . Ich habe nun wohl sonst bemerkt , wenn ich die Diener dieses Geschäft verrichten sah , daß sie es in unedler gebückter Stellung , mit widerlich kurzen , schnellen , heftigen Bewegungen ausführten - ein unerfreulicher Anblick ! Ganz anders , was ich heute sah . Karl saß . Er hielt sich vornehm nachlässig zurückgebeugt , er sah kaum den Stiefel an , langsam fuhr seine Hand mit der Bürste über diesen , der so tief unter seiner Würde war , hin und her - und berührte das gemeine Leder obenhin , nur zum Schein . Freilich wurde der Stiefel nicht ganz blank , und Münchhausen schalt Karln , sich verstellend , Faulpelz . - Das ist eine der schwersten Prüfungen , welche mir dieses Verhältnis auflegt , daß ich , um es in seiner ganzen Wahrheit zu zeichnen , so viele gemeine Fluch- und Schimpfwörter , euch , o ihr meine reinen Blätter , aufdrängen muß ! Der Fürst hat einen unglaublichen Appetit . Heute verzehrte er wieder eine ganze Bratwurst , und sie gehörte zu den größeren im Kreise ihrer Schwestern ! Das indische Klima wird so an ihm gezehrt haben . Wenn sie ihm nur bekömmt ! * Vor meinen Ohren summt ein altes Lied : Einst liebtest du den Nußknacker , Nach dem Nußknacker liebtest du mich ... So weit kann ich ' s , aber die folgenden Verse wollen mir nicht beifallen , wie oft ich ' s auch für mich hin singe . Dabei uns zu erkennen war in der fürchterlichen Stunde , wo uns die Juden schieden , das heilige Gelöbnis . Ich habe den Fürsten daran erinnert , aber auch er kann die folgenden Verse nicht finden . Mir ist es unmöglich geworden , dem wilden Humor , der in dem Namen : Karl Buttervogel flattert , mich ferner zu fügen . - Bin ich denn nicht ein Weib , d.h. ein Wesen ohne allen Sinn für Ironie ; tiefem , schlichtem Ernste einzig hingegeben ? Um mich nicht aus dem Bilderkreise , den der Fürst gewählt , zu entfernen , nenne ich ihn vor den andern Karlos den Schmetterling . Der Vater lachte , als er diese Bezeichnung zum ersten Male von mir hörte . Er versteht mich nie . Münchhausen begriff mich wieder ganz , begriff mich , ohne daß ein Wort der Erklärung zwischen uns gewechselt wurde . Er sagte : » Wenn der Esel « ( o Gott , wie leide ich ! ) » nur dadurch nicht stolz wird ! « Ja freilich wird , wenn so nach und nach über ihm das Licht verklärender Beziehungen und Bezeichnungen aufgeht , der angestammte Stolz sich herrlich zeigen ! O Münchhausen , Münchhausen , großer Herzenskündiger ! Viertes Kapitel Blätter aus dem Tagebuche eines Bedienten Auch Karl Buttervogel führte ein Tagebuch . Da er sich viel in der Welt umhergetrieben und bei hundert Herrschaften gedient hatte , so war es ihm zur Gewohnheit geworden , kleine kurze Notizen in seine Brieftasche einzutragen , die sich denn dort vermischt mit Anzeichnungen seiner Auslagen fanden . Die Brieftasche hatte Decken von ehemals rotem Schafsleder . Denn ihre Farbe war durch die rauhe Faust der Zeit allgemach ausgetilgt worden ; sie sahen jetzt fast aschgräulich aus . Vier Blätter gelben , oftbenutzten Pergamentes , auf welchem der Bleistift kaum noch eine Spur nach sich lassen wollte , waren eingeheftet ; die Seitentasche enthielt eine gemalte Blume , mit einem Reime darunter , einen kleinen immerwährenden Kalender und einen Kamm . Dieses ehrwürdige Altertum schloß folgende Herzensergießungen Karlos ' des Schmetterlings in sich : Erstes Blatt Den sechzehnten Juni : Ausgerissen von Stuttgart . Hab ' mein Putzzeug im Wirtshaus stehenlassen . Von der Rieke keinen Abschied nicht genommen . Ging zu rasch . * Den zweiundzwanzigsten Juni : Angekommen auf ' m Schloß durch Pferdsturz . Sehr viel Hunger und Durst gelitten . Flöh ' , Wanzen und sonstiges Ungemach . Gefallt mir hier gar nicht . * Vor Wachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Stüber Vor blauen Zwirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Stüber Vor Sachen aus der Apotheke . . . . . . . . 18 Stüber Vor einen Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Stüber Vor waschen zu lassen . . . . . . . . . . . . . . . 8 Stüber Vor meinem Herrn vor eine gemeinnützliche Kollekte . . . . . . . . . 3 Heller was mir alles mein Herr noch zahlen muß . Seit Lichtmeß keinen Lohn nicht gekriegt . Tut drei Gulden sechs Kreuzer per Monat , zusammen zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer . * Den sechsundzwanzigsten Juni : Seit drei Tagen nichts zu fressen gehabt . An mein ' Rieken kontinuierlich immerwährend gedacht . Ist kaum noch auszustehen . Sichtlich mager geworden . * O Rieke , dein Getreuer Aus Schwaben oder Bayern , Dem ist es nicht gegonnen , Wenn abends sinkt die Sonnen , Daß er an deiner Brust Dich kußt nach Herzenslust . Vorstehenden Spruch gemacht gestern nacht als den achtundzwanzigsten Juni , da ich nicht schlafen konnt ' von wegen Hunger und Flöh ' . Zweites Blatt Den fünften Juli : Lange nichts eingeschrieben in die Brieftafel . War zu beschäftigt die Zeit her . Außerordentlich mich verbessert in meiner ganzen Lag ' und Kondition . Fräulein verliebt in mich . Durchaus nicht gewißt und erfahren , wie sich ' s zugetragen . Gefragt und getribeliert und endlich auf den Kopf mir zugeschworen , ich sei ' s. Nicht ausweichen gekonnt und endlich zugesichert , ich wollt ' s sein , wenn und wofern ich meine gehörige Verköstigung erlange . Meinen alten Nußkracher mir fortgenommen und dazu geweint . Glaub ' , sie ist verrückt . Sogleich am nämlichen Tag zwei Pfund Rindfleisch gegessen . Sehr schönes Gefühl danach gehabt . Zum erstenmal wieder in Ruh ' an mei ' Rieken gedacht . * Den siebenten Juli : Über alles und jedes befragt , als zum Exempel von Fürst und Hechelkram und seligen Spaziergängen in Nitze und von Rutscheputsche . Kein Wort verstanden , indessen aber mir alles gefallen gelassen und immerdar ja gesagt . * Den achten Juli : Große Gewissensbisse gehabt um mei ' Rieken . Bratwurst gessen , wornach sich die Beängstigung gemindert . Nicht dafür gekonnt , daß ich in dies Malheur verfallen . Drittes Blatt Den neunten Juli : Schönes Gefühl empfunden durch die neue Lieb . Sehr geschmeichelt gefühlt von der Lieb vornehmer Person . Gar nicht mehr den Bedienten gefühlt in der neuen Lieb . Stiefeln in diesem Gefühl geputzt . Angeschnauzt von meinem Herrn und abgeschwartet5 in der Still ' , weil Stiefeln nicht blank gewest . Alles verschmerzt im Gefühl der Lieb . Abends zwölf harte Eier gessen . Äußerst selig zu Bette gangen . * Vor Flecke aus dem Tuch zu bringen nimmt man Toback , kocht ihn ab und schmiert ' s Tuch mit ein . Dann gebürstet und am Sonnenschein getrocknet , ist alles ' raus . Viertes Blatt Den zwölften Juli : Heut meinen Entschluß gefaßt nach langem Kampf . Mich risalfiert , Rieken ewig zu lieben und das Fräulein zu heiraten , wofern mir mei ' fernere gute Verköstigung zugesagt wird . Alle Andenken verbrannt von Rieken , um nicht wieder Kampf zu leiden . Dennoch äußerst viel Furcht gehabt vor dem alten Baron , von wegen zum Hausnausschmeißens , wenn ' s ' rauskommt . Vier Stüber vom Fräulein geschenkt gekriegt , um mir ein ' Erholung zu machen . * Angespielt heute von ferne auf fernerweite gute Verköstigung , wofern geheiratet werden soll . Mißverstanden geworden . Mich entschlossen , nächstes Mal mich deutlicher zu machen . * Den vierzehnten Juli : Künftigem Schwiegervatern heute vor Pläsier die Stiefeln ausgezogen . Ihn dabei bedeutsam angeblickt , um die Entdeckung vorzuspielen . Auch nicht verstanden worden . Nachgerade bänglicht . Gar keine Lust mehr zum Dienen bei Münchhausen . Gar zu viel gewißt von seinen Geheimnissen und seit jeher keinen rechten Respekt nicht vor einem chemisch-präparierten Menschen gehabt . Durch die neue Lieb ' vollends ganz stolz geworden . Mich erniedrigt gefühlt durch die einförmigen Rockausklopfereien und sonstigen Amtsverrichtungen . Will Fürst von Hechelkram werden , wann ' s nicht anders ist und das Fräulein darauf besteht . Soll mir sagen , wo ' s Fürstentum liegt , damit ich drum einkommen kann . * Am selbigen Tag , nachts : Mein Herr von Münchhausen heute abermals seine Schmierereien vorgenommen und mir dadurch ganz widerwärtig geworden . Mir vorgenommen , bei erster Gelegenheit grob zu werden , um auf eine feine Manier aus dieser Sklaverei zu kommen . Gefällt mir jetzt recht wohl hier . Übrigens doch eigne Lag ' , und weiß der Schinder , was draus werden soll . In ein so wunderbares Verhältnis war Fräulein Emerentia mit ihren Gedanken , Träumen und Empfindungen geraten . Man kann sich daher vorstellen , wie es ihr Bewußtsein verletzen mußte , als der Vater die Besorgnis vor einer Mariage zwischen ihr und Münchhausen äußerte . Übrigens wußte sie kaum noch , ob sie auf der Erde wandelte . Sie dachte und sah nur den Prätendenten von Hechelkram , den Altar der Freundschaft und das ihr winkende Stiftskreuz . Der kleine Haushalt litt freilich sehr unter dieser glücklichen Entwirrung schwieriger Verhältnisse . Auf die Suppe mußte nach und nach ganz verzichtet werden , da sie niemals zu genießen stand , oder der Schulmeister hatte mit seiner schwarzen auszuhelfen . Alles Fleisch aber stahl regelmäßig die Katze , weil der maskierte Fürst unersättlich war . Der alte Baron wünschte sich hundertmal des Tages über verdrießlich seine Lisbeth zurück . Wo er die Katze , die vermeintliche Räuberin der Speisen sah , schlug er nach ihr ; ach , er wußte nicht , daß Karlos der Schmetterling die Schlange war , die er am Busen nährte . Nannte nun gar seine Tochter diesen Namen ( und sie nannte seit der großen Entdeckung Buttervogeln nie anders ) so wollte er , nachdem er einige Male über den blühenden Tropus gelacht hatte , schier verzweifeln , denn er begann zu fürchten , daß sein armes Kind sich mit starken Schritten einer unglückseligen Verwandlung nahe . Fünftes Kapitel Der Autor fährt fort notwendige Erklärungen zu geben Aber der alte Mann hatte noch andern Verdruß . Es ist eine bewährte Erfahrung , daß der Mensch Leckerbissen , wie Kaviar und Gansleberpasteten schleunig müde wird und nur die einfachste Speise , das Brot , immer essen mag . So geht es auch mit den Nerven des geistigen Gaumens . Sie stumpfen sich rasch gegen den wollüstigsten Kitzel ab ; Erschütterung und Staunen werden ihnen bald trivial . Wer Märchen hörte , sehnt sich doch wieder bei Gelegenheit nach der trockensten Zeitung ; woraus abzunehmen , daß alle , welche mit Wundern auf die Menschen wirken wollen , mit Wundern sparsam sein müssen . Wie groß war dem alten Schloßherrn sein Gast im Anfang vorgekommen , wie hatte seine Seele sich in dessen Erzählungen so ganz befriedigt gefühlt , und wie bald erlosch dieser Genuß ! Es liefen nicht vierzehn Tage ins Land , so fühlte sich der Baron von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost unmustern , wie damals , als er seiner Erwartungen müde zu den Journalen griff , und damals , als er der Journale müde , sich nach einem gleichgestimmten Freunde sehnte , und damals , als er des gleichgestimmten Freundes , nämlich des Schulmeisters müde , heftig nach , er wußte selbst nicht wem ? verlangte . Zuerst glaubte er , es liege ihm im Unterleibe und nahm ein Brechmittel ein . Das Mittel wirkte , sein Zustand blieb aber derselbe . Allgemach erkannte er die wahre Ursache - Münchhausen war ihm langweilig geworden , wie seine Erwartungen , die Journale , der Schulmeister . Seine Geschichten klangen ihm jetzt lange nicht seltsam genug , die ausschweifendsten Abenteuer kamen ihm schal vor . Er pflegte nunmehr , wenn Münchhausen einen Bericht vollendet hatte , zu versetzen : » Ist noch gar nichts , Liebster , Bester , mir ist einmal ganz etwas anderes widerfahren . « Worauf er seinerseits sich bemühte , Überbietendes vorzutragen , freilich selten über den ersten Anlauf hinausgelangte . Der Freiherr hatte nach der Novelle von seinen sechs Geliebten viel und mancherlei hören lassen , was leider durch das Sieb der Geschichte gefallen ist . Einiges ist indessen aufbehalten geblieben . Münchhausen erzählte von dem Fürstentume Sprenkel , worin er einstmals , da man nach Ständen verlangend gewesen , Stände aus Blätterteig verfertiget habe . Diese Repräsentanten von Blätterteig hätten allen verfassungsmäßigen Nutzen gebracht , bis der Nachfolger gekommen wäre und sie aufgegessen hätte , weil er willens sei , neue von Spritzkuchenteig backen zu lassen . Der alte Baron versetzte : Das sei gar nichts , Blätterteig könne ein jeder essen . Er habe einmal gesehen - - - Münchhausen erzählte von dem Kaisertume Kleinchina , rechts von Großchina im Stillen Weltmeere über Formosa hinaus belegen , worin der Patriotismus im Frieden so stark geworden sei , daß alle Jahre am Geburtstage des großen Goldfisches ( so heiße nach orientalischer Sprechsitte der Kaiser von Kleinchina ) die Mandarinen der ersten drei Rangklassen in den Thronfarben anliefen , nämlich braun und blau . Der alte Baron versetzte : Das sei gar nichts ; die Färbung der Haut möge wohl von einem Ausschlage , von einer Art Nesselsucht herrühren ; dergleichen pflege sich rasch wieder zu verlieren . Er habe einmal gesehen- - - Münchhausen erzählte vom tiefsinnigen polnischen Starosten , der ein tiefsinniges Buch über die Kunst der Gegenwart geschrieben , und selber aus Kunstenthusiasmus in Tiefsinn verfallen sei , worin er sich für einen Pinsel gehalten habe und zwar für den Pinsel seines Lieblingsmalers . Die Geschichte war wirklich anmutig und lieblich anzuhören , denn sie lehrte weiter , daß der tiefsinnige Pole oder polnische Tiefsinn als Pinsel gerade so sich benommen und ausgedrückt habe , wie früherhin , so daß zwischen dem ehemaligen Starosten und nachmaligen Pinsel durchaus kein Unterschied bemerkbar gewesen sei . Er folge , sagte Münchhausen , in diesen Angaben nur dem Kammerdiener des Polacken , dem grimmen Hagen aus Nibelungenland , welcher für eine Zulage von sechs polnischen Gulden zum Jahresliedlohn das tiefsinnige Buch seines Brotherrn den Deutschen zugänglich gemacht habe . Der alte Baron versetzte : Es sei gar nichts , daß ein Mensch sich für einen Pinsel halte , da so viele Pinsel überzeugt seien , Menschen zu bedeuten . Er habe einmal gesehen - - - Münchhausen sagte , wenn ihm diese Geschichte keine Verwunderung abzwinge , so werde ihn doch ein Beweis seines eigenen Genies in Erstaunen setzen . Er habe nämlich bei dem jetzigen Aufschwunge künstlerischer Begabung auch in sich das plastische Element gefühlt und sei deshalb Diszipel einer berühmten Akademie geworden . Die Methode und Influenz habe sich zum Erstaunen an ihm bewährt , denn er sei in der ersten Woche schon Leonardo da Vinci , in der zweiten Michelangelo , in der dritten Raffael gewesen - öffentlichen gedruckten Nachrichten zufolge . In der vierten sei aus ihm eine Komplikation von Vinci-Angelo-Raffael geworden . Späterhin habe er sich auf das Niederländische geworfen und nach vierundzwanzig Stunden der kleine Rembrandt geheißen . » Mich ennuyierte aber die Malerei « , fuhr Münchhausen fort , » beschloß Bildhauer zu werden und zwar fürs erste Phidias . Natürlich auch durch höhere Richtung , Vorsatz und Erleuchtung von oben . Ich schlief eines Abends mit diesem Gedanken in einem Butterkeller ein . Wie ich hinein gekommen , gehört nicht zur Sache ; genug , ich schlief im Butterkeller . In der Nacht hatte ich Träume von Götter- und Heldengeschichten , merkte wohl , daß ich mit den Fäusten umherhantierte , wußte aber doch nicht , was ich eigentlich machte , weil ich immer halb im Schlaf blieb . Am andern Morgen kam der Butterhändler in den Keller , mit der Lampe , leuchtete umher und schrie : Herrjemine , was ist aus der Butter geworden ! - Ich wachte nun auf , sah mich um und erstaunt ' ein wenig , denn siehe da , ich hatte im Schlaf , bloß mit der Hand die Gruppe der Zentauren und Lapithen gebildet aus Butter , im ersten , strengen , erhabenen Stil . Die Töpfe waren alle leer , so hatte ich in der Butter gewirtschaftet . Mein Butterhändler wollt ' anfangs keifen , nachher beruhigte er sich , weil er merkte , daß mit dem Werke ein gut Stück Geld zu verdienen sei . Wir trugen die Buttergruppe vorsichtig die Treppe hinauf und setzten sie in die Sonne , um ihr die rechte Beleuchtung zu geben . Das war aber nicht wohl bedacht , denn in der Sonne schmolzen die Figuren , erst die Lapithen und dann die Zentauren . War das nicht wundersam ? « » Was ? Daß Sie Zentauren und Lapithen aus Butter machten , oder daß dieses Gebilde , als Sie ihm die rechte Beleuchtung gaben , schmolz ? « fragte der alte Baron . - » Letzteres « , erwiderte Münchhausen . » Um ein solches Kunstwerk hätte der Himmel schon einmal den Gang der Naturgesetze unterbrechen können . Daß die Butter in der Sonne zerging , daß kein Wunder geschah , finde ich wundersam . « Der alte Baron versetzte : » Das ist vollends nichts , denn es lautet zu subtil . « So wollte keine Erzählung vor dem Sinne des Schloßherrn mehr Stich halten . Münchhausens Genie hatte sich in der Meinung seines Wirtes rascher abgebraucht , als ein Ministerium des Julithrons verwittert . » Kann er mir denn nicht echte Merkwürdigkeiten erzählen ? « rief der alte Mann oft bitterböse , wenn ihn sein Gast verlassen hatte , » so etwas - so etwas - - was sich gar nicht erzählen läßt ? « Nur zwei Abenteuer waren es , auf welche die Wißbegierde des alten Barons sich noch einigermaßen gespannt hielt : Münchhausens Fata unter dem Vieh , insbesondere unter einer Ziegenherde am Helikon , und dann , wie er unlängst in Schwaben Poltergeister und Dämonen kennengelernt . Auf beide hatte der Freiherr zu öfterem im voraus