man ist des faden Spiels damit überdrüßig geworden . Die Mitglieder zerfallen jetzt in zwei Theile , in Adhérans und Croyans , Anhänger und Gläubige ; im Grunde sind ' s Namen für eins und dasselbe , einer davon gilt so viel als der Andre . Getrieben von unsäglicher Unruhe , unfähig den Zustand von Ungewißheit , Zweifel , banger Erwartung , in dumpfer Unthätigkeit länger zu ertragen , entschloß Richard sich zu dem Versuche , alte Verbindungen , vor denen er im Innern seines Herzens zurück schauderte , scheinbar wieder anzuknüpfen ; so viel dieses nämlich , ohne sich zu tief einzulassen , möglich war . Es schien ihm der einzige Weg , nicht ganz in Blindheit befangen , dem Verderben entgegen zu gehen ; das Unternehmen war nicht leicht , aber von den Umständen begünstigt , gelang es über alle Erwartung . Richard besuchte die eigentlichen Bundesversammlungen nicht , ließ weder als Gläubiger noch als Anhänger sich aufnehmen , gab sich aber das Ansehen , als ob bei seinen bekannten früheren Connexionen dieses ganz überflüßig wäre . Er mischte sich unter seine alten Bekannten , nahm mit so viel scheinbarer Unbefangenheit an ihren Privatzusammenkünften , an ihren Gesellschaften , sogar an ihren oft an wilde Ausgelassenheit streifenden Gelagen Theil , als habe nur zufällige Abwesenheit ihn eine Weile von ihnen entfernt gehalten . Und wo er anklopfte , wurde ihm aufgethan ; überall wo er sich zeigte , fand er unbedingt freundlichen Empfang . Auch jetzt , eben wie ehedem , bestand die größere Anzahl der Verschworenen aus jungen Leuten , welche mit dem ihrem Alter eignen Unbedachte in diese gefährliche Verbindung sich hatten hineinziehen lassen , und darin verharrten ; Richards gesellige Eigenschaften machten seinen Umgang ihnen wünschenswerth , Yakuchin hatten sie über neuere Ereignisse längst vergessen . Doch leider waren sie auch allmälig daran gewöhnt worden , Dinge gleichgültig anzuhören , gegen welche früher ihr besseres Gefühl sich mächtig empört hatte . Selbst in ihren Privatzirkeln fanden jetzt oft genug Debatten statt , die man sonst unter Pestels Vorsitz nur bei geschlossenen Thüren und mit der größten Vorsicht im Rathe der Alten zu halten wagte . Wahrscheinlich aber sahen die meisten der jungen Leute nur Gelegenheit zu hochtönenden Reden darin , wie sie zur Zeit ihrer Väter beim Anfange der Revolution in Paris gehalten worden waren , und blieben weit davon entfernt , den furchtbaren Ernst sich zu denken , der darunter verborgen lag . Was Richard den Tag über auf diese Weise erspähte , trug er Abends dem Grafen Stephan vor ; beide saßen oft bis zum Anbruche des Tages beisammen und wurden immer trostloser , je länger sie über die Möglichkeit hier Rettung zu finden sich besprachen . Das nächtliche Dunkel das sie umgab , verdichtete sich zu immer schwärzeren Schatten ; täglich wuchs die wahnsinnige Wuth der Häupter der Verschworenen , und unverhüllt trugen sie in ihren Versammlungen sie zur Schau . Alle ihre Gedanken waren auf Mord und Verderben gerichtet . Vieles was sie ersannen , gränzte durch unausführbaren Unsinn an das Lächerliche , aber es verfehlte dennoch nicht , auf die leicht verführbare Jugend den gewünschten Eindruck zu machen . Hingerissen von dem rhetorischen Pompe , in welchem diese Erzeugnisse einer zu völliger Unnatur verwilderten Phantasie vorgetragen wurden , gestalteten die Gesinnungen sich immer verkehrter , bis Alle zuletzt völlig damit einverstanden waren , vor keiner Unthat mehr zurückzubeben . Ruhig und gelassen im Äußern , wenn gleich innerlich schaudernd , stand Richard zufällig in einer nicht sehr zahlreichen Versammlung , in welcher Wuth , Unsinn und Mordlust den höchsten Gipfel erreicht zu haben schienen , neben Sergius . Kennst Du den ? fragte Sergius leise , und wies auf eine auffallend lange , hagre Gestalt , welche gleich bei ihrem Eintritte in die Versammlung von den Bedeutendsten unter den Anwesenden umringt wurde . Ich sah ihn oft , ohne jedoch seine nähere Bekanntschaft zu machen , oder auch nur seinen Namen zu erfahren ; das letzte Mal traf ich ihn auf dem großen Maskenballe in einer geschlossenen Gesellschaft , in welche Lunin kurz vor seiner Abreise mich einführte ; erwiederte Richard , der , um seinem Beobachtungssysteme unbeargwohnt folgen zu können , sich gern das Ansehn gab , als ob er mit Lunin und andern dieses Gelichters im besten Vernehmen stünde . Der ist der Mann , sieh ihn nur recht darauf an , der wird ausführen , wozu Dein Narr Yakuchin nicht taugte , der , Gott weiß wie , mit seinem sentimentalen Wahnsinne uns Alle aus der Fassung brachte ; flüsterte Sergius noch leiser . Übrigens , fuhr er fort , war es gut daß es damals so kam , wie es gekommen ist , und ich selbst , wie Du Dich erinnern wirst , trug nicht wenig dazu bei . Es war noch nicht an der Zeit , obgleich Pestel von Ehrgeiz geblendet es meinte . Jetzt haben die Umstände sich verändert ; was damals nur keimte , reift jetzt als Frucht der Ernte entgegen . Richard war unfähig ein Wort zu erwiedern , kaltes Entsetzen durchrieselte ihn . Daß Du den verrückten Schwächling so geschickt aus dem Wege zu bringen wußtest , Brüderchen , war ein Meisterstreich von Dir und Deinem Alten , den selbst Pestel und wir Alle Euch beiden , Dir und Andreas , hoch anrechnen , darauf verlaß Dich ; zu seiner Zeit sollst Du Beweise davon erhalten ; fuhr Sergius , ganz zutraulich geworden , fort . Jener Mann ist übrigens der Kapitain Yakubowitsch , von dem Du schon gehört haben wirst ; ein Charakter , der alten Römerzeit würdig , ein zweiter Brutus , wenn es jemals einen zweiten geben kann . Cäsars » auch du , Brutus ? « würde im Augenblicke der That auf diesen eben so wenig Eindruck machen , als es auf den alten Römerhelden ihn machte ; aber freilich hat unser Cäsar es nicht anders um ihn verdient . Acht Jahre lang trägt diese feste stolze Seele das glühendste Verlangen nach Rache mit sich umher , giebt keinem andern Wunsche Raum , und wird sie erringen , oder im Versuche untergehen . Die Zeit naht , die Stunde wird schlagen , und bald ! Sergius , von einem leichten Champagnerrausche ein wenig aufgeregt , schien ein Bedürfniß der Mittheilung zu empfinden , das in seiner natürlichen Stimmung ihm sonst nicht gewöhnlich war . Er zog mit dem willig und erwartungsvoll ihm folgenden Richard in eine Ecke sich zurück , und machte wirklich Anstalten als wolle er sein ganzes Herz vor ihm ausschütten . Der Anfang dazu war die Auseinandersetzung der Veranlassung des lange unauslöschlich gehegten Hasses gegen den Kaiser , welcher den Kapitain Yakubowitsch unwiderstehlich zu einem Verbrechen trieb , dessen Mißlingen , vielleicht auch dessen Gelingen , er nicht zu überleben entschlossen war . An und für sich lag in der Behandlung , welche der Kapitain auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers von Seiten der militairischen Behörden erfahren , nichts Außerordentliches . Die Strafe , die ihm zuerkannt wurde , war hart , aber unter den vorwaltenden Umständen keineswegs von der Art , daß er über Ungerechtigkeit sich hätte zu beklagen gehabt ; doch dem krankhaften Gefühle wird die leiseste Berührung zum stechenden Schmerze , und Ehrgeiz , durch einen Blick , durch ein unbedachtsam hingeworfenes Wort tödtlich zu verletzender Ehrgeiz , war die unheilbare Krankheit des Hauptmann Yakubowitsch . Schon die Möglichkeit einer Zurücksetzung war genug , um ihm das Leben zu verbittern , und für jede andre Gunst des Geschickes ihn fühllos zu stimmen . Täglich sich häufende Übertretungen der Duellgesetze hatten vor mehreren Jahren den Kaiser bewogen , die strengere Ausübung derselben ausdrücklich und ernstlich anzuempfehlen ; und es ward beschlossen , bei dem ersten Übertretungsfalle diejenigen , welche sich dessen schuldig machten , ohne Ansehen der Person , genau nach dem Buchstaben des Gesetzes , exemplarisch zu bestrafen . Leider traf Yakubowitsch das Loos einer von diesen zu sein . Nicht als Hauptperson , aber doch wegen thätiger Theilnahme an einem Duelle , dessen unglücklicher Ausgang ein sehr vornehmes Haus seines hoffnungsvollen Erben beraubte , und viele der ersten Familien des Landes tief betrübte , wurde er von der Garde , bei welcher er stand , zu einem andern Regimente versetzt . Unter den vorwaltenden Umständen konnte diese , ihn freilich degradirende Strafe , in den Augen seiner Kameraden durchaus nichts seiner Ehre Nachtheiliges haben ; eher hätte diese , nach dem allgemeinen Begriffe von Ehre , darunter gelitten , wenn er den einzig offnen Weg ihr zu entgehen eingeschlagen hätte , indem er seine Theilnahme an dem Duelle verweigerte , oder gar , um es zu verhindern , als Angeber desselben auftrat . Dennoch brachte sein tief verletzter Ehrgeiz ihn darüber dem Wahnsinne nahe . In wildem unaustilgbarem Ingrimme über das , was er eine himmelschreiende Ungerechtigkeit nannte , erklärte er , ein Leben nicht länger fortschleppen zu können , das von nun an auf ewig ehrlos geworden sei , und würde gewiß in seiner Verzweiflung es freiwillig beendet haben , wäre er nicht gerade im entscheidendsten Augenblicke dem Obrist Pestel in die Hände gefallen . Pestel war gewiß nicht fähig , die große Brauchbarkeit dieses Mannes , als Werkzeug zur Beförderung seiner Absichten , zu verkennen . Hastig fuhr er auf den Unglücklichen los , wie eine giftgeschwollene Spinne auf die arme Mücke losfährt , die im Vorüberstreifen ihr Gewebe berührt . Fein und gewandt wußte er von allen Seiten ihn zu umgarnen , umklammerte den künstlich Gefesselten mit aller Riesengewalt seines ihm himmelweit überlegenen Geistes , blies jeden in der Brust desselben glimmenden Funken zur unvergänglich lodernden Flamme alles verzehrenden Rachegefühls an , und ließ acht Jahre lang von ihm nicht ab , um seiner gewiß zu bleiben , sobald er ihn bedurfte . Er ist fest entschlossen , die erste Gelegenheit zur Rache zu ergreifen , und wenn die That mißlingen sollte , mit einer zweiten , bereit gehaltnen Kugel ein Leben zu enden , dessen Last er schon lange unwillig trägt ; setzte Sergius seiner , freilich in ganz anderm Tone gegebenen Darstellung der Verhältnisse des Kapitain Yakubowitsch hinzu . Und , Brüderchen , die Gelegenheit auf die er wartet , steht vor der Thüre : höchstens noch zwei kurze Monate und unsre Zeit beginnt ! flüsterte er mit vor Entzücken heiserer Stimme , mit funkelnden Tigeraugen und einem überkräftigen Händedrucke ihm ins Ohr ; Du kennst ja die Festung Beleja Tserkoff ? - Du kennst sie nicht ? - gleichviel , Du wirst sie kennen lernen , fuhr Sergius in seiner halb berauschten Stimmung fort , die ihn fortwährend zur Mittheilung trieb : dort soll Revue gehalten werden , doch wer sie halten wird ? und über wen sie gehalten werden soll ? das ist ja eben der Spaß dabei , davon lassen gewisse Leute sich nichts träumen . Die werden sich wundern ! lachte er frohlockend in sich hinein . Dann erzählte er sprachselig weiter , wie der Kaiser mit jener Revue , die zu Anfang des Sommers Statt haben solle , eine Art ländlicher Fête für die in jener Zeit zahlreich um ihn versammelte kaiserliche Familie zu verbinden beabsichtige . Ein großer Park in der Nähe jener Festung wurde zu diesem Zwecke eingerichtet ; sowohl der Kaiser selbst als seine hohen Gäste sollten in einzelnen , im Parke zerstreut liegenden Pavillons vertheilt , jeder mit seiner Dienerschaft für sich allein , die Nacht zubringen , und schon wurde Alles aufgeboten , diese Gebäude zu kleinen Feenpalästen umzuwandeln , in welchen der ausgesuchteste Luxus unter dem einfachen Scheine idyllischer Ländlichkeit , wie die Großen sie lieben , sich verbarg . Bei nächtlicher Zeit sollten in gemeine Soldaten verkleidete Verschworene in diesen , der Freude geweihten Aufenthalt einfallen ; dort sollte unter dem Alles verhüllenden Schleier der Dunkelheit das Gräßliche vollbracht werden ; ohne Schonung des edelsten unschuldigsten Blutes , waren dreizehn Opfer jener Nacht schon gezählt ; schaudernd wenden wir uns von diesen Gräuelbildern ab , auch wenn sie nie zur Ausführung kommen ; wer möchte bei ihnen verweilen ? Sobald er sich ohne Verdacht zu erregen von Sergius losmachen konnte , eilte Richard hinweg ; er war nicht im Stande die vertraulichen Mittheilungen , die ihn überströmten , länger auszuhalten . Der hellerleuchtete Saal wurde ihm darüber zur düstern Mörderhöhle ; die Gesellschaft , die ihn umgab , erschien ihm würdig eine solche zu bewohnen ; und die Luft die er athmete roch wie Blut . Er eilte ins Freie , draußen umwehte ihn frische Kühle , doch er empfand sie nicht . Zürnend blickte er empor zum prachtvoll gestirnten Himmel , und ballte in ohnmächtigem Ingrimm die Fäuste und wünschte , wie einst Samson , die das Dach tragenden Säulen mit einem Rucke zusammenreißen zu können , um die unter demselben hausende Rotte und müßte es sein , sich selbst mit unter den Trümmern desselben zu begraben . Er schalt den Mond und die Sterne , weil sie so klar und freundlich auf diesen Inbegriff Abscheu erregender Gräuel hinabblickten ; doch was konnte das Alles helfen ? Die Nacht war schon weit vorgerückt ; aber wie hätte Richard es ertragen können , mit den Schreckbildern , die seine überreizte Phantasie erfüllten , sich zwischen den vier Wänden seiner einsamen Wohnung einzusperren ? Schon allein der Gedanke war ihm fürchterlich . Zwecklos irrte er in den stillen verödeten Straßen der gewaltigen Kaiserstadt umher ; Zufall oder Gewohnheit führten ihn , ehe er es gewahr wurde , an das Hotel des Grafen Stephan , jetzt der einzige Punkt auf der ganzen weiten Erde , wo er hoffen durfte , für das was so entsetzlich ihn bedrängte ein offnes Ohr , ein theilnehmendes Gemüth zu finden . Einige Fenster waren ungeachtet der sehr späten Stunde noch hell erleuchtet . Der Anblick zog mächtig ihn an ; das Thor stand noch offen , Richard flog die Treppe hinauf , zwischen die schnarchenden Diener hindurch , die in Decken und Mäntel gewickelt , sich überall hingebettet hatten , wo sie ein dazu bequem taugliches Plätzchen zu finden meinten . Oben trat ihm Walter entgegen : Sie wollen zu meinem Herrn ? er kann Niemand , er kann auch Sie jetzt nicht sehen . Für mich ist er immer sichtbar , das weißt Du ja , alte Seele ; ich sehe er ist noch wach , und habe höchst Wichtiges ihm vorzutragen ; erwiederte Richard und wollte an ihm vorbei . Seit diesem Morgen ringt die Gräfin mit dem Tode ; sprach Walter mit tiefer bebender Stimme , kaum vernehmbar , und vertrat ehrerbietig aber entschlossen ihm den Weg . Erbleichend vor der Todesbotschaft taumelte Richard zurück , die Sinne vergingen ihm . Walter wurde in das Innere der Zimmer abgerufen , und nach einigen , in bewußtlosem Zustande hingebrachten Minuten , fand Richard , er wußte selbst nicht wie , auf der Straße unter freiem Himmel sich wieder . Der Tag begann so eben zu grauen , die Stadt lag noch in tiefen Schlaf begraben ; nur hin und wieder wankten in der Ferne einige , in ihre Mäntel dicht eingewickelte Gestalten still ihren Wohnungen zu . Nur zwei davon schritten Arm in Arm , leise und eifrig mit einander sprechend , ziemlich nahe an Richard vorüber , ohne ihn zu bemerken . Wir übergeben ihren Staub den Winden , flüsterte Einer von Beiden ; die Stimme war Bestujeffs , an dem Gange seines Begleiters glaubte Richard den Obrist Pestel zu erkennen . Und wie von verfolgenden Furien vorwärts gejagt , setzte er von Neuem seinen einsam traurigen Lauf fort . Von seinem Herzen getrieben , kehrte er wieder und immer wieder zu Stephans Wohnung zurück , weilte ängstlich aufhorchend unter den erleuchteten Fenstern , hörte das Todesröcheln der Sterbenden , die laute Jammerklage seines verzweifelnden Freundes , doch nur in seiner Phantasie . In der Wirklichkeit war Alles still , nur einmal sah er Walter am Fenster stehend , in betender Stellung , die Hände zum Himmel erhoben . Der erquickende Hauch des immer lichter anbrechenden Morgens , der jeden nach schlaflos hingebrachter Nacht Erschöpften einzulullen pflegt ; verbunden mit Richards nach unerhörter Anstrengung doch endlich ermüdeter physischer Kraft , fingen zuletzt an , ihre Rechte geltend zu machen . Nur einmal noch wollte er das Dach sehen , in dessen Nähe er sich eben befand , unter welchem Helena vielleicht von ihm träumend schlummerte , und dann von freundlicheren Bildern begleitet zu Hause gehen , um selbst , wenn gleich nur auf kurze Zeit , Ruhe und Vergessenheit auf seinem Lager zu suchen . Zu seinem Erstaunen sah er , indem er dem fürstlich Andreas ' schen Palais sich näherte , die Thorflügel desselben weit geöffnet ; im Hofe wie in der Vorhalle war Alles in lebhafter Bewegung , angefüllt mit Wagen und Pferden und der emsig durcheinander wogenden Dienerschaft . Der ihm wohlbekannte Reisewagen des Fürsten wurde so eben in die Remise geschoben . Wenige Augenblicke früher hätte Richard ganz unvermuthet Augenzeuge der unerwarteten Ankunft seines väterlichen Freundes und Wohlthäters werden können . Jetzt war Alles rings umher Lust und Leben , Alles verkündete die glückliche Heimkehr des Gebieters . Gott sei Dank ! Gott sei Dank ! betete Richard unter Freudenthränen aus tief bewegter , mächtig erleichterter Brust , sah noch eine Weile dem fröhlichen Tumulte zu , und eilte dann in seliger Erwartung des morgenden Tages seiner Wohnung in einer Gemüthsstimmung zu , die jemals wieder zu gewinnen er noch vor einer halben Stunde kaum für möglich gehalten . Selten genug mag einem von uns ein Morgen aufgegangen sein , der völlig ungetrübt , ohne jede herbe Beimischung , alle die goldenen Hoffnungen erfüllte , die wir am Abende zuvor von ihm hegten , und alle die Knospen in voller Blüthenpracht sich erschließen ließ , von denen wir beim Untergange der Sonne es erwarteten ; diese Erfahrung machte am folgenden Tage auch Richard . Mit tief zerrissenem Gemüthe , ermattet bis zum Umsinken von den heftig auf ihn einstürmenden Ereignissen der vorigen Nacht , war er durch die unverhoffte Ankunft des Fürsten Andreas plötzlich aus einem Extreme in das andre geworfen worden . In seiner damaligen Stimmung wirkte überraschende Freude auf ihn , wie ein Rausch auf einen durch langes Entbehren aller Kraft Beraubten wirken mag ; lieber noch möchte ich einem hartbeängsteten Kinde ihn vergleichen , das , obgleich noch immer in drohender Gefahr schwebend , jubelnd meint , nun wäre alles gut , weil es die Mutter kommen sieht . Auf das ihm eingeräumte Sohnesrecht sich verlassend , eilte Richard lange vor der üblichen Besuchsstunde zum Fürst Andreas , und kam doch nur eben zeitig genug an , um die Hinterräder der Staatskutsche desselben um die Ecke beugen zu sehen . Bei der kräftigen , keine Ermüdung kennenden Natur des alten Herrn , und der unermeßlichen Anzahl von Besuchen , die nach so langer Abwesenheit abzustatten ihm oblag , konnte niemand etwas Auffallendes hierin finden ; dennoch fühlte Richards leicht verletzbare Empfindlichkeit durch das , was gewiß nichts weiter als Zufall war , sich unangenehm berührt . Sinnend stand er ein paar Augenblicke im Portal , und überlegte ob er versuchen solle den Fürstinnen seinen Glückwunsch zu bringen , obgleich er wohl im voraus wissen konnte , daß sie in dieser frühen Morgenstunde noch nicht sichtbar wären ; ein leises Geräusch bewog ihn sich umzuwenden , hinter der großen Treppe in Dunkelheit verborgen , öffnete sich eine kleine Thüre ; Richard kannte sie wohl , sie führte gerade in ' s Kabinet des Fürsten und nur seine Vertrautesten hatten den Schlüssel dazu . Jetzt schlich eine in ihren Mantel gehüllte Gestalt vorsichtig hinaus , und suchte durch die in den hintern Theil des Gebäudes führenden Gänge sich zu verlieren . Mit leisen weit ausholenden Schritten eilte Richard dem Manne im Mantel nach , der ihn erwartend stille stand , sobald er ihn kommen sah . Es war Sergius . Du schon hier ? wie hast Du seine Ankunft so frühe schon wissen können ? fragte Richard hastig auf ihn einfahrend . Ich war weit früher hier als er selbst . Seine fürstliche Gnaden ließen sich erwarten , und das war mir eigentlich ganz recht ; ich gewann dadurch Zeit den kleinen Rausch auf seinem Diwan verdampfen zu lassen , den Du vermuthlich mir wirst gestern Abend angemerkt haben : erwiederte Sergius sehr heiter . Aber wie kamst Du denn dazu ihn hier erwarten zu wollen : rief Richard aufs Höchste gespannt . Wie ich dazu kam ? lustige Frage ! lachte Sergius : wie kommt man dazu einer Einladung Folge zu leisten ? ich erwartete ihn hier , weil er wünschte , daß ich ihn erwarten sollte , und Ort und Zeit mir dazu bestimmt hatte . Weil er es wünschte ! Ort und Zeit bestimmt , Dir ? wiederholte Richard , ganz außer aller Fassung . Aber wie kommst Du mir denn heute vor ? krank bist Du nicht , und an ein Räuschchen ist bei Dir nüchterner Seele besonders in so früher Tageszeit gar nicht zu denken ; erwiederte Sergius , und sah sehr verwundert ihn an . So wie Du zu Andreas stehst , kann es Dir doch kein Geheimniß geblieben sein , daß er dem Bunde seine Ankunft am heutigen Tage vorher gemeldet hat ? obgleich er seine Familie durch dieselbe zu überraschen Willens war . Doch halt ! nun ich es recht bedenke , Du gehörst ja gewissermaßen doch auch zu derselben ; darum , darum ! daran habe ich gar nicht gedacht ! Richards Gesicht erheiterte sich bei dieser Bemerkung ; aber Du ? noch immer begreife ich nicht , wie Du dazu kamst , ihn schon in der Nacht hier zu erwarten ? fragte er nochmals . Weil er durch einen besondern Expressen mich ganz insgeheim dazu aufgefordert hat ; war die Antwort . Es sollte ein Geheimniß zwischen uns bleiben , denn wir sehen nicht ein , warum Pestel überall und in Allem die Finger haben muß ; darum habe ich es auch Dir verschwiegen , obgleich ich voraus setzen konnte , daß Du in Deinem bekannten Verhältnisse zu Andreas darum wüßtest . Nimm ' s nicht übel , Brüderchen , doch Vorsicht ist immer gut , und Pestel noch etwas schlauer als der Teufel selbst . Richard war wie aus den Wolken gefallen . Aber ich verweile hier zu lange , fuhr Sergius fort : Lebe wohl , Brüderchen , auf glückliches Wiedersehen ! Du gehst ? wohin ? rief Richard , den Forteilenden beim Arme ergreifend . Stehenden Fußes nach Mohilov : war die Antwort , ich mußte nur noch vorher mit Andreas Rath pflegen ; nun ist alles in Ordnung , und nun laß mich gehen . Apropos ! setzte er noch einmal umkehrend hinzu , wir haben auch Deinen Yakuchin todtgeschlagen , Andreas und ich ; unterwegs werde ich nebenher seinen Todtenschein besorgen ; es ist so am besten , auf diese Art sind wir ihn , und er uns mit guter Manier los . Ungeheuer ! schrie Richard , und packte ihn wüthend bei der Brust . Oho ! oho ! ob Du dumm bist ! ob Du ein Narr bist ! hast nicht einmal so viel Verstand , so etwas figürlich zu nehmen ! plagt Dich der Teufel ? rief lachend Sergius , machte sich von ihm los , und lief davon . Erstarrt , versteinert stand Richard da , bis die unheimliche Erscheinung am Ende des dunkeln Ganges seinen Blicken entschwand . Er fühlte als durchbohre ein heftiger stechender Schmerz ihm das Herz , als zöge es in kurzen Schlägen ängstlich flatternd zu eisiger Kälte sich zusammen , um gleich darauf hochanschwellend , ihm Luft und Athem rauben zu wollen . In der peinlichen Überraschung , in welche dieses seltsame Zusammentreffen ihn versetzt hatte , wußte er nicht mehr das innere Gefühl , das ihn übermannte , von blos physischem Schmerze zu unterscheiden . Was so am Herzen ihm nagte , waren die giftigen Bisse der Schlange des Argwohns , des Mißtrauens , die Sergius mit lachendem Muthe , absichtlich oder unabsichtlich hinein geworfen hatte . Sollte , mußte er dem Glauben an den Mann entsagen , zu welchem er von Jugend auf gewöhnt war , wie zum Schutzgeiste seines Lebens hinauf zu blicken ? Konnte Andreas mit dem Jünglinge , den er Sohn nannte , wirklich ein unwürdiges Spiel treiben , während er einen Sergius in den geheimsten Rath seiner Seele eindringen ließ ? Es war unmöglich , und doch , sprach nicht der Augenschein dafür ? Ängstlich sah er nach Hülfe in dieser Seelennoth sich um , nach Rettung vor den Zweifeln , die sein besseres Gefühl verwarf , und die doch unabwendbar sich ihm aufdrängten . Nur einer , außer seinem lang entbehrten Freunde Eugen , lebte auf Erden , der im Stande gewesen wäre , ihn hier gegen sich selbst in Schutz zu nehmen , seinen wankenden Muth zu stärken , das unerklärlich Scheinende zu erklären , die fein gesponnene List , die ihn umgarnen sollte , an ' s Licht zu ziehen , und ihn zu lehren Lüge von Wahrheit zu unterscheiden : Graf Stephan ! Zu ihm eilte er ohne Säumen ; Walter hatte ihn kommen sehen und trat ihm unten an der Treppe entgegen . Zu eigner höchster Beschämung mußte der Anblick des kummerbleichen , treuen Dieners an die erhöhten Leiden der Gräfin ihn erst erinnern , an die er über Alles was in den letzten Stunden über ihn herein gebrochen , nicht mehr gedacht . Ich wußte wohl daß Sie heute Morgen nicht ausbleiben würden ; die Wahrheit zu gestehen , ich erwartete sie schon früher : rief Walter ihm entgegen . Sie lebt ? fragte Richard ängstlich hastig . Noch lebt sie , und kann nach dem Ausspruche der Ärzte noch viele Tage , ja selbst wochenlang in diesem qualvollen Zustande der Erlösung harren : war die Antwort . O beten Sie mit mir zu Gott , daß er bald ende ! mein unglücklicher Herr möchte sonst noch vor ihr seinem unsäglichen Jammer erliegen ! Wenn Sie jetzt ihn sähen , Sie würden ihn nicht wieder erkennen . Ich muß ihn sehen , o laß mich zu ihm , bat Richard : ich will in die Pflege der geliebten Kranken mich mit ihm theilen , mit ihm weinen , mit ihm klagen ; doch sehen , sprechen muß ich ihn , und ich weiß es thut ihm wohl , wenn er es gleich nicht glauben mag . Richard wollte an Walter vorbei eilen , doch dieser hielt ihn abermals zurück : Ich darf , ich kann es nicht zugeben , sprach er bittend aber entschlossen . Das Verbot meines Herrn muß in seinem Elende mir heilig sein , seinen Befehlen gehorchen ist ja leider alles was ich für ihn thuen kann , habe ich doch sogar vor kaum einer Stunde den Fürsten Andreas abweisen müssen . Andreas ! er war schon hier ? rief Richard sehr überrascht . Er wollte nur noch einen Besuch machen und dann wieder kommen , war die Antwort : ich sollte unterdessen alles anwenden , um ihm Zutritt zu meinem Herrn zu verschaffen , doch sehe ich dazu keine Möglichkeit vor mir , er hört , er empfindet nichts als - dem armen Walter brach die Stimme , er konnte nicht vollenden . Ach Gott , es ist doch aber auch zu viel ! das Leiden ist zu groß ! setzte er schluchzend noch hinzu : Tag und Nacht liegt der Graf vor dem Sterbebette , auf dem Boden , für alles andre gefühllos ; sogar die Nachricht von der Ankunft des Fürsten , seines ältesten Freundes , machte keinen Eindruck auf ihn . Er kommt ! Er kommt ! dort die Straße hinauf : rief Richard freudig , und stürzte hinaus , dem Wagen des Fürsten entgegen : dieser hielt , der Kutschenschlag wurde aufgerissen , Richard sprang hinein . Im engsten Raume der verehrten Gestalt seines väterlichen Beschützers gegenüber , wichen Argwohn , Mißtrauen , alle jene gehässigen Empfindungen , welche Sergius diesen Morgen in ihm zu erwecken gewußt , aus Richards Herzen . Nur unbeschreibliche Freude des Wiedersehns nach so langer Trennung erfüllte es ganz . Auch der Fürst empfing ihn , wie ein Vater den lange entbehrten geliebten Sohn ; drückte umarmend ihn an die Brust , streichelte liebkosend seine lichten Locken und lobte den klugen Einfall , ihn gleichsam so im Fluge aufzufangen ; denn , sprach er lächelnd , an ein ungestörtes , wirklich genußreiches bei einander Sein , ist für uns sobald noch nicht zu denken . Doch laß den ersten Tumult nur geduldig vorüberstürmen ; unsre Zeit wird auch kommen , wenn erst alles Wichtige und Unbedeutende beseitigt ist , das im wunderlichsten Durcheinander mich kaum zu mir selbst kommen läßt . Jetzt nahte auch Walter ; sehr bewegt vernahm Andreas seinen Bericht , drang nochmals ernstlich aber vergeblich darauf , Zutritt bei seinem Freunde zu erhalten , und setzte endlich , nachdem er Richard aus dem Wagen steigen lassen und ihm zugerufen , sich ja zur Mittagstafel einzustellen , seine pflichtmäßige Visitenreise durch Petersburg fort . Der heutige Tag war und blieb für Richard ein den widersprechendsten Gefühlen Preis gegebener , an welchem Freud und Leid sich wunderlichst durchkreuzten . Jede Stunde desselben schien etwas Neues bringen zu wollen - am Ende löste doch alles in Nichts sich auf , und während Richard ungewöhnlich viel zu erfahren und zu erleben meinte , blieb es im Grunde doch beim Alten . Daß er unter solchen Umständen es nicht bis zur Langenweile bringen konnte , ist wohl leicht zu erachten ; aber es kamen doch Momente vor , wo es ihn bedünken wollte , als habe ein zweiter Josua die Sonne in ihrem Laufe still stehen heißen , und werde es für heute gar nicht Abend werden . Denn ohne daß sie deshalb , im