plündert , er spricht ihm alles nach , er tut , was dieser wünscht , er will gern ebenso erscheinen , wie jener . Dabei seine wahrhaft edle Liebe zur Musik , sein freier , künstlerischer Sinn , daß er am Narren die schöne Stimme und den Gesang zu schätzen weiß . Es entdeckt sich freilich nachher , daß er kein Freund von Zweikämpfen ist und sich in den Waffen und im Kriege niemals auszeichnen wird , indessen ist er auch in dieser Furchtsamkeit so gutmütig und niemals unedel , so daß ihm der Zuschauer seine Liebe nicht versagen kann . - Sie sehen also , Herr Graf , wie sehr ich recht habe , wenn ich wünsche , daß Sie diese feine Zeichnung nicht als Karikatur behandeln mögen ; nein , im Gegenteil , lassen Sie sich ganz ruhig gehen , spielen und sprechen Sie fast so , wie Sie es gewohnt sind und immerdar erscheinen : Ihr feiner Takt , Ihr eigener Witz wird Ihnen die Nuancen zeigen , Ihr Gefühl aber wird jene geistigen Modulationen Sie finden lehren , die sich einem gewöhnlichen Menschen niemals andeuten lassen , und die einem Geiste auseinanderzusetzen , wie der Ihrige , durchaus überflüssig ist . « Als Elsheim mit dem Professor durch den Garten ging , sagte er : » Verzeihen Sie , wenn ich Ihre Auseinandersetzung dieser Charaktere für Sophisterei halte . « » So ? « sagte Emmrich ruhig ; » geben Sie nur acht , der Erfolg wird mich rechtfertigen . « Leonhard war fast bekümmert , als der neue Theaterbau vollendet war . Er war übermäßig fleißig gewesen , er hatte allenthalben selbst Hand angelegt , er hatte sich meistenteils bis zur Ermüdung angestrengt , und seine Freunde , wie die Handarbeiter , hatten ihm mit Erstaunen zugesehen , weil es ihnen ein ganz neues Schauspiel war , daß ein Professor der Architektur den Hobel , Bohrer und die Säge so wenig scheue . War er dann gegen den Untergang der Sonne so durch und durch ermüdet , daß er den Augenblick des Schlafengehens mit Ungeduld erwartete , so war ihm unaussprechlich wohl , denn er konnte in dieser Ermüdung die Bilder und Gedanken auf Augenblicke vergessen , die ihn immerdar verfolgten . Mit sich unzufrieden und dennoch von süßen Vorstellungen trunken , war er am Morgen in den Garten gegangen . Die Frühsonne glänzte so lieblich durch die Linden , und sein Schritt trug ihn nach jener geheimnisvollen Laube , in welcher er schon zweimal an Charlottens Seite so selig gewesen war . Er leugnete es sich ab , daß er diese verführerische Schönheit aufsuche , er mußte sich aber sein Gelüst bekennen , als er völlig verstimmt wieder aus der leeren Laube trat . So ist der schwache Mensch , sagte er zu sich selber ; was suchst du hier , und was hättest du , wenn du sie fändest ? Soll dich diese Torheit denn immerdar quälen und dir jede Stunde verbittern ? Nein , ich bin ein Mann und bleibe meinen besseren Gefühlen getreu . - Mit einem Ausruf der Freude betrat er den sonnenbeglänzten Gang , denn Fräulein Charlotte hüpfte ihm dort vom Schlosse her entgegen . » So irrte ich mich doch nicht , Leonhard « , sagte sie mit ihrer Silberstimme , » wenn ich Sie im Garten wahrzunehmen glaubte . Nicht wahr , dieser Tag ist ein schöner , ein auserlesener ? Und diese Frühstunden sind so balsamisch , sie wirken so wohltätig auf alle unsere Gefühle , daß unsere Seele so wohlgemut aufblüht , wie die Rosenknospe . « » Ich war in dieser Laube « , sagte Leonhard , » und wähnte , Sie hier zu finden ; da meine Hoffnung mich trog , wollte ich das Angedenken jener süßen Augenblicke feiern , die ich dort genoß . « » Kommen Sie mit mir « , rief sie lebhaft aus , » ins Freie ; es gibt Zeiten und Stimmungen , in welchen uns auch der schönste Garten ängstigen kann . « Sie ließen das eiserne Gattertor hinter sich zufallen , und standen jetzt im Felde . » Wie herrlich die Ähren wogen ! « sagte sie ; » nicht lange mehr , so wird die Sichel in das Korn gehen , und der schönste Teil des Sommers ist dann vorüber . Alles Liebliche ist so flüchtig , alles Schöne hält uns nicht stand , und wir besitzen nichts , als nur wie in einem süßen Traum gefesselt ; wenn wir erwachen , hat uns die nüchterne Wirklichkeit um alle unsere Schätze betrogen . « » Gibt es kein Mittel « , antwortete Leonhard , » auch die Wirklichkeit zum Traum zu erhöhen ? Können wir nicht so viele Blumen mit verständiger und sorglicher Hand in unser Leben hineinpflanzen , daß einige immerdar blühen ? « » Nein ! nein ! « rief sie fast heftig aus , » in der Wahrheit , im eigentlichen wirklichen Leben gibt es kein Glück ; nur in der Täuschung glühen die Morgen- und Abendfarben , die die Nacht und der klare Tag vertreiben . Wenn wir entzückt und berauscht taumeln , wie im heftigen Tanz , so halten wir Takt mit der begeisternden Musik und schwingen uns harmonisch in ihrem wilden Rhythmus ; wollten wir dasselbe mit nüchternem Bewußtsein tun , es würde uns ewig nicht gelingen . « Sie bogen in einen Fußsteig , der durch das hohe Korn führte . » Dort am Saum des Buchenwaldes « , sagte sie , » wohnt die Schwiegertochter des alten Försters ; ihr Mann ist im vorigen Jahr gestorben , und ich habe mich mit dem artigen jungen Weibchen befreundet . Dort wollen wir ausruhen . « Die einsame Hütte war reinlich und anmutig , die frische Kühle , die vom Walde hereinwehte , war erquickend . Die junge Frau kam der reizenden Besucherin freundlich entgegen , und sie begrüßten sich als Bekannte . Sie stellte auf den Tisch von Nußbaumholz zwei Gläser Milch zur Erfrischung und entschuldigte sich dann , daß sie nicht unbedeutender Geschäfte halber zu ihrem alten Vater hinüber müsse . So saßen die beiden in der kühlen Dämmerung , und es schien , als könne keines von beiden das erste Wort finden , um ein Gespräch in den Gang zu bringen . Leonhard blickte sinnend umher , und es schien ihm , als wenn das Eintreten in das kleine Haus , sowie die Entfernung der jungen Frau , etwas Abgeredetes sei , welches der Zufall nicht so herbeigeführt haben könne . Warum ihn dieser Argwohn , oder diese Entdeckung , statt ihn fröhlich zu machen , schwermütig stimme , begriff er selber nicht . Charlotte stand auf und sah aus dem Fenster ; dann setzte sie sich wieder zu ihm und näher als zuvor , sah ihn mit ihrem süßen , verführerischen Lächeln an , und von den vollen roten Lippen sprang nur die einzige Silbe : » Nun ? « » Wie glücklich bin ich « , sagte er nach einer kleinen Pause » mich so an Ihrer Seite in dieser seligen Einsamkeit zu finden ! « » So ? « sagte sie , indem sie ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug ; » warum sind denn diese Augen so leuchtend und schön , warum ist denn diese Stirn so sinnend und gedankenreich , wenn Euer Wohlgeboren nichts Besseres zu sagen wissen - in einer Minute , auf welche ich mich schon seit lange gefreut habe ? O du Böser , Abscheulicher ! Wie klang neulich das vertrauliche Du so süß von deinen Lippen ! « Sie stand auf , umschlang ihn mit ihren Armen und küßte ihn lebhaft . » Ist es dir so recht , Anmaßender ? Dankst du es mir nun , daß ich dich so unendlich liebhabe ? daß ich dich anbeten muß ? O nein , du bist nicht wie die andern Männer . « » O Lottchen ! « rief Leonhard begeistert aus , » wie habe ich dich hier finden müssen , dich , du einziges Wesen ! Die Sinne vergehen mir , und die Welt verschwindet , wenn ich dich so in meinen Armen halte . « Die zärtlichsten Küsse unterbrachen und hemmten das Gespräch . Sie duldete seine Liebkosungen und freute sich der entzückten Worte , die er im Taumel über ihre Schönheit aussprach . » Ist das nicht ein Leben ? « rief sie endlich , » doch wohl besser , als euer einfältiges Komödiespielen ! So hin und her schlendern , so stammeln in Empfindungen , die auswendig gelernt sind , Worte die sich selber nicht verstehen ! Nicht wahr , ein Händedruck , ein Blick aus dem innersten Auge , und gar ein Kuß , ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufblüht , das ist ganz etwas anderes ? « » Geliebteste « , sagte Leonhard , » freilich ist alles vergänglich und muß es sein , aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf . « » O wie kann man , wie kann man ohne Liebe leben ? « erwiderte sie » sie ist das Licht und die Sonne unseres Daseins . An jedem Morgen denke ich zuerst an dich , ich warte auf dein Auge ; treten wir in den Saal , so suche ich dich unter den anderen ; ich hasse den , der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt . Dann hör ich deine Stimme - und was ist mir Musik gegen diese Töne , aus denen deine ganze Seele spricht ? Du erzählst , du streitest mit andern , dein Blick trifft den meinigen , der dich schon lange gesucht hat ; du redest mich an - mein Herz zittert ; du lächelst - das fällt in meine Brust , wie der Frühlingsregen in die Blumen ; du gehst - alles ist Schatten . Es wird Nacht . Ich sehe dich vor mir , ich halte dich in meinen Armen , ich träume von dir . Und nun der neue Morgen - und mit jedem Tage , mit jeder Stunde kommt man sich näher , man wird sich unentbehrlicher , Gemüt , Launen , Blicke , Akzente versteht man inniger - o mein Teurer , den Tod nachher , wenn das vorüber ist ; denn wozu noch leben ? O Himmel , wie dürr , wie elend war mein Gemüt und Herz , ehe ich dich kennenlernte ! Mit dir , in dir bin ich erst geworden ! Kannst du mich denn lieben , du Treuer , Einziger ? « » In diesem Kusse « , erwiderte er , » in dieser Umarmung mußt du es fühlen . Wer bin ich , daß du dich meiner so angenommen hast - was kann ich dir sein , dir , die du so reich begabt bist ? « » Schlage den hellen Blick nicht so nieder « , lispelte sie . » Du warst mir fremd , und doch liebe ich dich ; du wirst uns wieder verlassen müssen , und ich werde nicht aufhören , dich zu lieben . Ich weiß von dir nichts weiter , will nichts wissen , als daß du mein bist . Du bist vielleicht in deiner Heimat versprochen , wohl gar vermählt - kann sein ; damals war dir mein Herz noch nicht zugewendet , du kanntest mich noch nicht . Diese Stunden hier gehören uns und sollen uns heilig sein . Du weißt ja auch nicht , ob mein Herz nicht schon früher einmal verloren war ; welch Recht hast du , darnach zu forschen ? Nur die Gegenwart ist unser . « Es gibt Momente im Leben , in welchen ein Glück , selbst ein begehrtes , ängstigt und quält . Das Herz ist dann in seinen Gefühlen zerrissen und zerspalten ; der Geist und Wille können sich nicht aneignen , was doch schon ihr Eigentum ist . In dieser sonderbaren Stimmung war Leonhard jetzt , so Wunderbares erlebte er in diesen Stunden . An diesem schönen Busen , von diesen reizenden Armen umschlossen , so herzlich geküßt und mit Sehnsucht der Liebe angeblickt , fühlte er sich von einzigem Glücke , von hoher Wonne so mächtig umrauscht , daß seine Geister , auf jeden Atemzug lauschend , gleichsam betäubt wurden . Er wünschte , diese Momente der Seligkeit schon überlebt zu haben , um sich nur wieder besinnen zu können . Es war , als wenn sie in seiner Seele läse , denn sie schmollte mit ihm und sagte aufgeregt : » Aber nicht eifersüchtig , eifersüchtig laß mich nicht werden ; dies Gefühl ist das unerträglichste , welches der Mensch erleben kann . Du blickst Albertinen stets so freundlich , so lächelnd an ; du lauschest auf jedes ihrer Worte : oh , Liebster , quäle mich damit nicht ; denn dieses Wesen , so nahe sie mir verwandt ist , so verhaßt ist sie mir in allem , was sie tut und treibt . Sie hat es ganz verlernt , natürlich zu sein , sie denkt immer nur an sich und kann niemand lieben . Diese Prüderie und Selbstsucht ist meinem Gefühl unerträglich . Sei du aber auch nicht eifersüchtig , wenn ich einmal diesem oder jenem freundlich bin , wie ich es doch nicht vermeiden kann . « Die hölzerne Uhr an der Wand hatte schon wiederholentlich geschlagen ; jetzt schien Charlotte bedenklich zu werden , sie wand sich aus den Armen Leonhards , stand schnell auf , drückte ihm noch einen eiligen Kuß auf den Mund und ging vor den Spiegel , um Hut und Locken zu ordnen . » Die junge Frau wird mich draußen erwarten « , sagte sie dann , » sie begleitet mich zurück ; bleibe du aber noch hier , oder nimm einen andern Weg nach dem Schlosse zurück , damit niemand auf den Argwohn fällt , als ob wir so lange beisammen gewesen wären . « Sie nahmen Abschied , und Leonhard sah der schönen Gestalt nach , wie sie leichten Schrittes mit der jungen Frau dahinwandelte , beide in lebhaftem Gespräch . Er verließ nun das Haus und eilte sogleich in den nahen Wald , sprang über den Graben , der an der Straße hinlief , und vertiefte sich weit hinein , wo die Bäume am dichtesten standen , wo kein Fußsteig hinführte , und wo er hoffen durfte , von keinem menschlichen Wesen aufgefunden und gestört zu werden . Er warf sich nieder und verbarg sein Haupt in das Gras , ein Tränenstrom floß aus seinen Augen , und sein Herz klopfte so ungestüm , als wenn es ihm die Brust zersprengen wollte . Wer bin ich ? dachte er in diesen aufgeregten Schmerzen ; was will ich ? - Bin ich denn glücklich , oder in ein tiefes , tiefes Elend versunken ? - Noch niemals , niemals hat mein gieriges , trunkenes Auge solche Schönheit gesehen . - Seine Einbildung wiederholte ihm in Glut und Leben alles Reizende , alles Verführerische seiner Geliebten . - Schon in meiner Jugend , dachte er dann weiter , dort und hie , in Städten und auf dem Lande , war mir manche Schöne freundlich , manche reiche Witwe kam mir fragend entgegen ; - ich entzog mich allen , ich verlor mein Herz nicht , und muß jetzt , nach Jahren , im reifen Alter , so knabenhaft untergehen ? Sie ist mir Adelheid , und ich bin fast der betörte Franz . - Lieb ich sie denn ? Könnt ich denn wünschen , daß sie meine Gattin sein dürfte ? - Nein , beim Himmel nicht ! Wenn ich an Friederiken denke - wie bin ich beschäme ! - Wie erscheine mir Kunigunde wie ein großes mächtiges Heiligenbild , von einem alten Künstler auf Goldgrund gemalt ! - Jetzt versteh ich die alten wunderlichen Märchen , die ich wohl vormals habe erzählen hören , wie ein Mensch in den Venusberg gerät und dort für immer verloren ist , von bösen Geistern festgehalten , die ihn in der Gestalt blendender Reize und verlockender Lüste umgeben . Die alte Fabel von den Sirenen hat einen tiefen Sinn . - Ja , lieben , vergöttern muß man sie , man kann in Leidenschaft ihr Blut und Leben opfern , aber man kann ihr nicht vertrauen . Und ist jene Ehrfurcht , die ich hier nicht fühlen kann , nicht vielleicht das , welches das goldene Gespinst zerreißt , in welchem uns diese echte lüsterne Liebe gefangenhält ? - Wozu jene Achtung und Verehrung , die fast an Freundschaft für die Matrone grenzt ? - Und wagst du es , Elender , Undankbarer , dies ausgelassene , üppige Mädchen , diese köstlichste Frucht der Natur , die zum Schwelgen einlädt , nicht zu achten , weil sie vielleicht niemals die Talente einer Hausfrau und ehrbaren Gattin entwickeln wird ? So schön , so vornehm , so edel erzogen und mir so entgegenkommend ! - Das , du Eitler , ist auch ein Teil des Zaubers , der dich bestrickt ! - - Wenn ich jetzt an meine Arbeit zu Hause dort denke , an unsere kühle Wohnstube , den alten Nußbaum , die Bretter , meinen Magister und unser alltägliches Treiben - wie unbehaglich , beklemmend , nüchtern und fast niedrig alles . Und doch , selbst in diesem prosaisch niedergedrückten Gefühl - welche paradiesische Heimseligkeit ! So verschwammen Gegenwart und Vergangenheit , Freude , Lust und Schmerz in seinem Gemüt ; er suchte in seinem Innern und konnte nirgend die geistige Kraft entdecken , alles dies mit einem kühnen Entschluß zu durchreißen und wieder der alte zu werden . So war die Zeit vergangen , er wußte nicht wieviel . Er stand auf und war so betäubt , daß er sich nicht erinnern konnte , nach welcher Gegend er gehen sollte , um wieder aus dem Walde zu finden . Indem er sich durch Bäume und Gebüsche drängte , fiel er wieder in den Zulauf und das Getümmel seiner Gedanken und Vorstellungen . Diese feine , geistige Sehnsucht , diese Fülle von Erscheinungen , sagte er wieder zu sich , dies Ahnden und die Entzückungen , alles dies , auf unser Irdisches geimpft und durch dessen Kraft so herrlich blühend - es muß sich also in jene Vernichtung stürzen , wie es die höchste Befriedigung sucht , und der Mensch muß mit dem Tiere am meisten in Verwandtschaft treten , wenn er sich am sichersten zum Engel berufen glaubt ? - O vieldeutiges Rätsel unsers Lebens ! Wie steht die Sphinx mit lauernden , lüsternen Augen vor uns und droht , uns zu verschlingen , wenn wir uns keck an die Auflösung wagen . Er konnte wirklich den Weg aus dem Walde nicht wiederfinden , und verstrickte sich immer mehr in den Gebüschen . Ihm schien nach dem Stande der Sonne , als wenn Mittag längst vorüber sein müsse , und nachdem er noch länger , ohne Erfolg , durch die verwachsene Wildnis gestrebt hatte , fühlte er sich matt und erschöpft . Als er sich ermüdet an den dicken Stamm einer alten Eiche lehnte , glaubte er in einiger Entfernung menschliche Stimmen zu vernehmen . Er ging der Richtung nach und schrie laut ; man antwortete , und nach einigen Minuten schimmerten sich bewegende Gestalten aus dem Grün der Bäume hervor . Nun drängte er sich durch und gelangte auf einen kleinen freien Waldplatz , wo er den Förster antraf , der seinen Gehülfen einige Bäume zum Fällen anwies . Der Alte war sehr verwundert , den Gast seines Herrn dort und fast mit zerrissenen Kleidern zu finden ; denn Leonhard hatte , besonders zuletzt , auf die Hemmungen der Gesträuche und Dornen nicht geachtet , indem er sie durchbrechend seinen Weg verfolgte . Der alte Förster ging jetzt mit ihm , indem er sagte : » Ei ei ! Herr Leonhard , Sie sind hier wenigstens anderthalb Stunden vom Schlosse entfernt . Ich will Sie begleiten , damit Sie sich nicht wieder verirren , auch habe ich dem Herrn Baron einen notwendigen Rapport abzustatten . « Sie gingen den Waldweg hinunter , und als sie in das Freie kamen , sah Leonhard , daß er im Wald die ganz falsche Richtung eingeschlagen und sich immer weiter vom Schlosse entfernt hatte . » Sie sind « , fing der Alte nach manchem andern Gespräche an , » ein recht tüchtiger Komödienspieler , und ich wundere mich nur darüber , wo Sie das alles , sowie auch unser junger Baron , gelernt haben können , denn auf den Schulen wird einem dergleichen doch wohl nicht beigebracht . Von dem Herrn Professor Emmrich ist es nicht zu verwundern , denn der soll schon einmal Komödiant gewesen sein und ein Direktor dazu ; auch von den Weibsleuten nicht , denn denen ist dergleichen angeboren . Ich tauge nicht dazu , weil ich vielleicht zu redlich und aufrichtig bin ; denn , um was recht Großes in dem Wesen zu leisten , muß man gewiß schon recht früh ein Tausendsasa gewesen sein . « Auf dem Felde begegnete ihnen der junge Baron , der , von einem Diener begleitet , spazierengeritten war . Er stieg ab und ließ den Reitknecht die Pferde nach Hause bringen , um mit dem Förster zu sprechen , der ihm Geschäftliches zu melden hatte . Nachdem dies erledigt war , und der Förster sich dann entfernt hatte , nahm der Baron seinen ermüdeten Freund unter dem Arm , um ihn so nach dem Schlosse zu führen . » Ei ! ei ! « sagte er im Gehen , » welche Abenteuer hast du denn zu bestehen , daß du sogar das Mittagessen versäumst ? und wie siehst du aus ! Matt , erschöpft , das Halstuch zerrissen , Kleid und Weste voll Moos und Dornen ! Wir ängstigten uns schon alle an der Tafel , die Weiber am meisten . Alles forschte nach dir . Bediente wurden ausgeschickt , um dich zu suchen . Hat dich eine Fee entführt ? Bist du unter Räubern gewesen ? Hast du eine geraubte Prinzessin verteidigt und erlöst ? Denn , bei Gott , du siehst so der Alltäglichkeit entrückt , so völlig verabenteuert aus , daß dir durchaus etwas höchst Seltsames muß begegnet sein . « Leonhard war ziemlich verlegen , und sein Lachen , mit welchem er diese Fragen beantwortete , hatte etwas Erzwungenes . Er war noch immer zerstreut , sammelte sich aber und erzählte dem Freunde , daß er sich auf einem einfachen Spaziergange im Walde verirrt , dort ermüdet einige Zeit geschlafen habe , nachher ganz betäubt in eine falsche Richtung geraten und von Dornen und Gestrüpp so zerkratzt und zerrissen worden sei . Sie standen jetzt vor dem Eingange am Dorf , der Seite gegenüber , wo der Garten lag ; man hatte von hier den Blick auf die Hauptfaçade des Schlosses . Der Baron sah seinen Freund mit scharf prüfendem fast mißtrauischem Blicke an , den Leonhard nicht zu ertragen vermochte . » Setze dich hier in den Schatten dieser Linde « sagte Elsheim dann , » wir wollen es noch dämmernder werden lassen damit dich dort oben nicht alle Welt examiniert ; dann kleidest du dich um und holst an der Abendtafel wieder ein , was du am Mittag versäumt hast . Auch bin ich selbst müde genug , um gern in diesem duftenden Schatten auszuruhen . « Sie setzten sich und hatten jetzt , abseits von der Landstraße und ziemlich verborgen , die Aussicht auf diese , sowie auf das Schloß . » Du wirst es mir nicht ausreden « , fing Elsheim wieder an , » daß dir heut nicht etwas Außerordentliches begegnet wäre , denn so ganz träumerisch und verstimmt habe ich dich noch niemals gesehen . Du willst mich aber nicht zu deinem Vertrauten machen . Und vielleicht wäre es doch gut , und möglich , daß es dir manchen Kampf ersparte . « » Du quälst mich , Freund « , rief Leonhard aus , » und ganz ohne Not , denn mir ist wahrlich nichts widerfahren , das nur des Erwähnens würdig wäre . « » Verschlossenheit , und gegen den Freund « , sagte Elsheim wieder , » ist himmelweit von Diskretion verschieden . Ich habe viel in dieser Zeit über deine weise Theorie nachdenken müssen , die du mir so schön unterweges entwickeltest , von der geraden und krummen Linie . Die Sache verdient gewiß bedacht zu werden . Suche nur die krumme Linie künstlich wieder zurechtzuführen , wenn auch freilich so mancher Schnörkel und willkürliche Ausbeugung und Schwankung sich nicht in Regel und Zahlenverhältnis auflösen läßt . « Leonhard wollte verdrüßlich werden , und in seiner sonderbaren Stimmung erschien es ihm fast , als wenn sein Freund Händel an ihm suche . Er wollte antworten , aber seine Aufmerksamkeit , sowie die des Freundes , wurde auf das große und ansehnliche Gasthaus des Dorfes gelenkt , vor welchem jetzt ein eleganter Reisewagen hielt , aus welchem zwei Männer stiegen . Sie sprachen mit dem Kutscher und dem Wirt der Schenke , schüttelten lachend ihre Kleider zurecht , und kamen dann Arm in Arm die breite Landstraße herauf , anscheinend um das Schloß in der Dämmerung , welche bereits einbrach , in Augenschein zu nehmen . Als sie näher kamen , hörten die Freunde , wie einer von beiden mit überaus wohlklingender voller Stimme sagte : » Ja wohl ist es besser , sich nach dem langen Fahren erst die Füße etwas zu vertreten , als gleich dort in der Schenke Platz zu nehmen , die freilich für eine Dorfherberge reputierlich genug aussieht . « » Aber halt ! « rief der andere , indem sie jetzt der Bank unter der Linde ganz nahe gekommen waren , » - sieh , Freund , von hier nimmt sich das Schloß am besten aus . Es kann nicht so ganz neu sein , denn es ist noch in einem guten Stil gebaut . « » Ja wohl « , sagte der erste , » es ist so vollständig , solide und würdig . Das Verhältnis der Fenster zu den Mauern grenzt noch nicht an unsere Treib- und Sommerhäuser . « » Und der Giebel « , rief der zweite , » so stark und vorragend , die beiden viereckigen Türme an den beiden Seiten , die gewiß auch zu Treppen dienen , der große breite Eingang , in dem die Tür doch nicht zu hoch ist : alles sieht so sicher aus . Das Tor für die Einfahrt der Equipagen ist gewiß auf der andern Seite , im eigentlichen Hofe . « Und mit diesem , fuhr der erste fort , » muß dann unmittelbar der Garten verbunden sein , wenn Verstand in der Sache sein soll . « » Nein « , sagte jener , » sieh , noch verständiger ist der Eingang zum Garten gleich rechts vom Hause , wenn mein scharfes Auge mich nicht trügt . Das Wichtigste aber , Kamerad , ist , daß das ganze Haus mit seinem Apparat so aussieht , als wenn dort hinter den Fenstern und Mauern etwas recht Wunderbares , Apartes und Närrisches vorgehen müßte ; nicht wahr , Freund ? « » Du hast recht , Bruder « , sagte der erste lachend ; » wie habe ich das nur übersehen können ? Es quillt ja aus allen Wänden und duftet in der ganzen Atmosphäre hier so , als wäre der Steinklumpen bloß deswegen so hübsch und reputierlich ausgeführt worden , damit Schnurren , poetische Schwänke , Albertäten , Konfusionen und Liebesgeschichten dort ausgesponnen würden . Ja wohl flüstern die schönen Linden dort am Schloß nicht vergeblich den Fenstern zu . Und wenn die verteufelten Nachtigallen erst so rechts und links schlagen , um alle ihre zackigen und kugligen Passagen abzuorgeln , so muß die Verrücktheit dort hinter den Mauern , wenn nur irgend junges Blut in den Stuben wohnt , nicht zum Aushalten , viel weniger zum Haushalten sein . « Elsheim hatte die beiden Schwätzer schon erkannt und ging jetzt lachend auf sie zu . » Sein Sie mir gegrüßt , meine Herren Musiker ; erinnern Sie sich meiner noch aus jener kleinen Stadt , in welcher Sie sich aus Mutwillen arretieren ließen , statt ein Konzert zu geben ? « » Ei , Baron ! « riefen die Fremden , und umarmten lachend den schnell Wiedererkannten . » Dies Haus ist mein « , fuhr Elsheim fort , » und paßt es irgend zu Ihrem Geschäft und Ihrer Reiseabsicht , mir ein paar Tage zu schenken , so werden Sie mich sehr glücklich machen . « » Wir sind so frei jetzt , wie die Fliege in der Luft « , sagte der Sänger , » wir kriechen also gern bei Ihnen unter . « » So werde ich Ordre geben « , sagte Elsheim , » daß Ihre Koffer nebst Ihrem Wagen bei mir untergebracht werden ; nur ist mein Haus sehr überfüllt und es frägt sich daher , ob es Ihnen nicht zuwider sei , beide ein einziges großes Zimmer mit einem geräumigen Alkoven zu bewohnen ? « » Nicht im mindesten « , antwortete der Klavierspieler , » denn das sind wir gewohnt . Wenn zwei vertraute Freunde im fremden Hause beisammen sind , so ist das der Einsamkeit , die oft lästig werden kann , sehr vorzuziehen . « Die beiden Fremden begleiteten Elsheim und Leonhard sogleich in das Schloß . Dieser eilte auf sein Zimmer , kleidete sich schnell um , und kam dann zum Abendessen in den Saal zurück . Hier waren die fremden Musiker schon wie einheimisch ; sie sprachen mit jedem , am meisten jedoch mit Emmrich , dem sie schon seit früheren Jahren bekannt waren . Als man sich an der Tafel ordnete , gelang es Leonhard nicht , neben Charlotten seinen