knüpfen . Es erklärt sich am besten , wie ein zum Volksbesitze erhobener Name noch lange ein schützendes Panier bleibt für die Entartung des Nachkömmlings , unter welchem er die ererbten Vorzüge zu genießen wagen kann , die er selbst zu erwerben nimmer vermocht hätte . Elisabeth , die klügste und eifersüchtigste Selbstherrscherin , hatte die Umgrenzung , womit ihr stolzer Adel ihren Thron zu umgeben sich für angewiesen hielt , schon dadurch zu durchbrechen gesucht , daß sie den Bürgerstand in seinen Rechten zu heben suchte , Talente in ihm für möglich hielt , sie folglich auch antraf , und zu sich erhob . Die Stütze , die sie auf diese Weise sich in den mittlern Klassen ihres Volkes bereitete , das hierdurch mit schon entwickelten Kräften Ziel und Richtung seines Strebens fand , gab ihr , ehe der Adel in seiner eingebildeten höheren Natur sich dieser ihm entgegenstrebenden Kraft bewußt ward , eine von ihm unabhängigere Stellung , die ihn , als er sie erkannte , einsehen lehrte , daß er seine Vorrechte an dem Throne durch etwas Anderes vertheidigen müsse , als durch die Länge des Besitzes . Aber gegen das Ende der Regierung König Jakobs war es kaum möglich , eine der unsterblichen Einrichtungen jener königlichen Frau in der Gestalt wieder zu finden , wie sie von ihr diesem Nachfolger überliefert waren . Der wohleingerichtete Mechanismus eines Staates läuft indessen , dem Anschein nach , eine Zeitlang noch ungestört in seinen Gleisen fort , wenn schon die leitende Hand fehlt , die ihm seine ursprüngliche Thätigkeit gab . Es ist dies oft wahrzunehmende scheinbare Fortbestehn unter der Bürgschaft einer gewesenen Größe nur allzu geeignet , diejenigen in selbstgenügendes Vertrauen einzuwiegen , die von Segnungen sich noch erreicht fühlen , welche sie schon längst aufgehört haben auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten . König Jakob besaß eine Menge ausgezeichneter Kenntnisse , die aber in ihm zu keinem Resultat von Bildung gediehen waren und ihn bloß mit der lächerlichsten Eitelkeit erfüllten , wozu schwache Geister sich stets durch die Anstrengungen berechtigt halten , die ihnen das Erlernen verursachte , und wodurch sie sich geneigt fühlen , ihnen einen überschätzten Werth beizulegen , wie dürftig sie auch dem leicht sich befruchtenden Genie zur Seite stehn . Seine schwache , durch Erziehung und langjährig beugende Verhältnisse völlig erdrückte Natur hatte keine Kraft , sich durch die hohe Stellung zu elektrisiren , zu welcher der Tod Elisabeths ihn rief . Ohne wahre Kraft war er eben so wenig fähig , ein Tyrann , als ein Wohlthäter seines Volks zu sein , und stets der Spielball Anderer , behielt er sich so wenig eigne Ideen vor , daß diese ihm unbestritten verblieben , da sie nur dienten , ihn über seine gänzliche Willenlosigkeit desto leichter zu täuschen . So nahm denn auch bald der Zustand bürgerlicher und geselliger Ordnung die hieraus nothwendig sich ergebende Umgestaltung an . Der Adel verbaute gar bald aufs Neue den Zugang , den Elisabeth sich zu jeglichem Verdienst zu eröffnen gewußt , und ohne Rivalität mit diesen Emporkömmlingen , ohne Aufmunterung von Oben zu einer höhern Entwickelung , abgeschnitten durch Jakobs weibisches Friedenssystem von jeder Kraftübung nach Außen , sank er nur zu bald in die rohe Ausgelassenheit zurück , aus der er kaum sich zu erheben angefangen . Alte Namen , Reichthum , äußere Schönheit ersetzten die Eigenschaften , die Elisabeth nöthig gemacht hatte . Die Folge hiervon waren Günstlinge , die sich jeden Uebermuth , jede Zügellosigkeit gegen das Volk , ja selbst gegen ihres Gleichen , und bis vor das Angesicht des Königs ungestraft erlauben durften . Der mittlere Bürgerstand , in seine frühere Beschränkung zurückgedrängt , gab entweder seine freiere Entwickelung auf , oder widmete sich ihr doch nur ohne eine belebende Beziehung zu höherer Anerkennung , und der einzige Stand , welcher Vortheil dabei zu ernten schien , war der Handwerksstand , der , aufgemuntert von den ausgedehnteren Luxusbedürfnissen der Großen , Vortheil davon zog und in seinem äußern Aufwand bei weitem den unterdrückten Mittelstand überbot . So war denn allmälig die feine , bescheidene und ernste Haltung verschwunden , welche zur Zeit der königlichen Herrscherin selbst über die Feste und Gelage des Adels verbreitet sein mußte , sollten sie ihrem scharfen Tadel entgehen . Oft war eine ganze Straße , selbst ein Viertheil der Stadt , worin ein Großer ein Fest anstellte , in Unruhe und Aufruhr gebracht , und man sah zur Zeit , wo die Züge der Gäste mit ihren zahllosen Gefolgen von Dienern , Pagen und Anhängern sich zum Vereinigungspunkt begaben , die Läden geschlossen , die züchtige Jugend der Weiber und Mädchen versteckt , und die Hauptthüren selbst , die solche verführerische Besitzthümer beschützten , von Außen noch besetzt mit den wehrhaftesten Männern des Hauses . Diese geräuschvollen Zusammenkünfte , mit ihrer über ganze Gemeinden verbreiteten Unordnung , begünstigten nur zu oft die geheimen verbrecherischen Nebenabsichten , die , mit schamloser Gewalt unternommen , nur der Gewalt wichen und , ungestraft von Oben , zu kleinen Kriegen Anlaß gaben , die leider nur zu oft zum Nachtheil der Geringeren ausfielen . Das niedere Volk spielte dabei am häufigsten die Rolle der nur sinnlichen Eindrücken hingegebenen Kinder . Der Edelmann , der die schönste Gestalt , die schönsten Kleider , die zahlreichsten und kostbarsten Diener und die vornehmsten Anhänger besaß , war sicher , von seinem Beifallsgeschrei jeden Fußbreit Weges begleitet zu werden . Man hätte diese vornehmen Herren fast bemüht nennen mögen , dies noch zu vermehren , denn sie übten in geckenhafter Ausgelassenheit auf ihrem Wege tausend Dinge , welche die gute Laune des Volkes vermehren mußten , welches entzückt war , diese ihrem Standpunkte so weit entrückten Personen Handlungen begehn zu sehen , die sie ihnen näher stellten , wenn auch der redliche und gebildete Bürger sich mit Scham und Unwillen davon wegwandte . An dem Tage , wo wir unsere Leser in London einführen , umleuchtete den Vorplatz eines glänzenden Palastes ein Feuermeer von Pechfackeln und brennenden Holzstößen , deren Glanz die angrenzenden Straßen und den Himmel mit seinem düstern Nebelschleier erreichte . Man hätte wähnen können , dem Brande einer Stadt sich zu nähern , wenn man von ferne das tobende Geschrei der Menge vernahm , die sich diesem Schauspiele entgegen drängte , theils als Zuschauer , theils als Theilnehmer . Aber es war nur eins der früher erwähnten Feste . Der Herzog von Buckingham versammelte zuerst nach seiner Rückkehr aus Spanien die Großen des Landes , und seiner Einladung war man mit größerem Eifer entgegen gekommen , da allerdings die Macht und Gewalt des gefürchteten Mannes verdoppelt schien durch die ausgesprochene Freundschaft des Prinzen , die ihm seine unselige Herrschaft auch nach dem Tode des jetzigen Königs zu sichern schien . Seine zahllosen Feinde , unter die sich mit Recht die Besten der Nation zählten , gaben die Hoffnung auf , in der Zukunft das Ziel seines verderblichen Einflusses zu sehn , und Karl der Erste konnte später seine Thronbesteigung unter kein unglückseligeres Zeichen setzen , als das seiner Freundschaft für einen Mann , der in den Augen des ganzen Landes als Ursache aller dasselbe heimsuchenden Uebel galt . Dessen ungeachtet war zur Zeit , die wir erwähnen , sein Einfluß unantastbar , und für irgend einen Widerstand nicht der Augenblick da . Das sagten sich die Besten mit den Schlechten zugleich , und man sah sie dieselben gefügigen Schritte thun , bloß darin unterschieden , daß es dem Einen ein patriotisches Opfer dünkte , während der Andere sich und seinen Vortheil damit zu fördern oder zu schützen suchte . Buckingham kannte alle seine Feinde . Zahllose Spione durchkreuzten für ihn jeden ihm wichtig scheinenden Punkt ; jeder schändliche Dienst der Art ward mit einem Aufwande belohnt , der die Erfüllung der nächsten Anforderung schon im Voraus sicherte . Jeder war um so pünktlicher in seinem Dienste , als über den Beauftragten ein zweiter ihm unbekannter Wache hielt , und wie Buckingham Verrath zu bestrafen wußte , darüber raunten sich selbst die Mitglieder dieser Bande nur mit Grauen ihre Erfahrungen zu . So erreichte oft den edel Zürnenden in der Zurückgezogenheit , die er dem fahlen Glanze des Hofes vorzog , die Strafe für ein gerechtes Wort , welches die Noth und Verwirrung des Landes ihm abgepreßt : und das Mißtrauen , das sich so in die innigsten Verhältnisse drängte , und keine Einigkeit der Meinungen und Ansichten sich herstellen ließ , war eine der teuflischen Absichten Buckinghams , die er leicht erreichte . Zu seinen kleinen Belustigungen gehörte es , bei seinen Festen oft alle die zu bitten , die ihm als einander bitter grollend bezeichnet waren . Er wußte , daß sie lieber einen Feldzug unternommen hätten , als den kurzen Weg zu seinem Palaste , und er schwelgte in der Freude , sie nun doch dem Zwange sich beugen und vor ihm erscheinen zu sehen . Sie hatten an einem solchen Tage oft alle Schattirungen des Uebermuths zu ertragen , und waren bald der Gegenstand seiner kindischen Neckereien , bald seiner gröbsten Vernachlässigung . Man wußte oft , daß Frauen , zweideutig in Ruf und Sitte , Königinnen des Festes , die edelsten und vornehmsten Damen ihnen nachstehen , und ihren Launen und Wünschen unterworfen sein würden . Dennoch wagten diese hier weniger wegzubleiben , als aus den Gemächern der Königin ; denn welche hätte nicht einen Gatten , Sohn , Vater oder Bruder zu schützen gehabt , und wer konnte nachweisen , daß Buckingham eine Vernachlässigung verziehen oder übersehen hätte ! Schon hatten sich am erwähnten Abend die glänzenden Räume in allen Richtungen mit den ausgezeichnetsten Personen des In- und Auslandes gefüllt . Die schönsten Frauen in dem kostbarsten Putze , die Männer mit Allem , was ihnen Auszeichnung verleihen konnte , und einem zahlreichen Gefolge von Pagen und Dienern , welche die Vorhallen einnahmen , Alles drängte sich durch und in einander , und suchte mit Höflichkeit oder mit Gewalt den Vortheil eines Platzes zu erringen , der dem Range oder Interesse des Geladenen entsprechend schien . Aber obgleich die Mehrzahl sich schon beisammen fand und die Zeit bedeutend vorgerückt war , fehlte doch dem Ganzen sichtlich der Mittelpunkt , der Wirth selbst , der allein so viele sich widerstrebende Elemente , wie diese Säle umschlossen , zu verbinden unternehmen konnte . Es war deutlich zu sehen , wie beim langen Harren , das den Gästen auferlegt war , und das sie als eine neue Anmaßung und Kränkung des übermüthigen Mannes anzusehen hatten , die scheinbare Heiterkeit oder Ruhe und Würde , womit der denkende Theil der Gesellschaft beim Erscheinen sich ausgerüstet hatte , dem Gefühl des Ueberdrusses und des unwilligen Erstaunens wich . Nur die völlig gedankenlose Jugend schwärmte in gewohnter Weise lärmend und neckend umher , und brachte Bewegung um die in festen Gruppen sich zusammenziehenden Gleichgesinnten . Vergeblich bemühten sich die zahllosen Anhänger und bevollmächtigten Gesellschafts-Kavaliere mit dem glänzenden Troß vornehmer Hausdiener des Herzogs , Leben in dies sterbende Fest zu bringen . Der Herzog selbst nur konnte die Last heben , die sich , je länger , je mehr auf Alle niedersenkte . Selbst die Marquise von St. Pol , die , im vollen Besitze seiner Gunst , sich als die Königin des Festes ansehen durfte , und zu deren Füßen Buckingham die Anordnung dazu , von ihr bestimmt oder genehmigt , verfügt hatte , unterlag allmählig der übeln Laune , die diese Vernachlässigung ihr gab , und ließ sie die Bemühungen aufgeben , womit sie bisher ihre und des Herzogs Anhänger unterstützt hatte . Die Gesellschaft , eines allgemeinen Interesses beraubt , gerieth daher auf die Verfolgung ihres eigenen und besondern , was vielleicht noch anziehender und beglückender für die Mehrzahl war ; doch waren genug unter den Anwesenden , die mit argwöhnischem Hasse aus dieser neuen Beleidigung des gesammten höchsten Adels , mit Einschluß der Minister und nächsten Umgebungen des Königs , das über jede Rücksicht hinaus gestiegene Ansehn des gefährlichen Günstlings sich prophezeiten ; Andere wieder , die sich in banger Furcht ihr Sündenregister überhörten und sich schaudernd fragten , welche Rolle sie in dieser allgemeinen Verdammniß übernehmen würden , während die Edelsten und Besten mit Scham und Unwillen sich an einem Platze sahen , der sie zu einer solchen Kränkung verdammte , und den zu verlassen , sie jeden Augenblick von ihrem bessern Gefühl sich aufgefordert fühlten , wäre nicht Gefahr vorhanden gewesen , dadurch eine Verfolgung über sich und die Ihrigen herbei zu rufen , welche abzuwenden , außer aller menschlichen Macht lag . So entstand ein fast allgemeines , aus den verschiedensten Interessen hervorgehendes Verlangen , den Herzog zu erblicken , woran sich die Jugend mit der Hoffnung auf die endliche Eröffnung des Tanzes und die Hungrigen mit der Sehnsucht nach den Freuden der Tafel anschlossen . Doch dies Verlangen ward immer aufs Neue getäuscht , und das drückende Gefühl der stolzen englischen Barone steigerte sich noch durch das Hinzukommen der fremden Herren , welche Spanien und Frankreich mit großem Aufwande und in bedeutender Anzahl an dem Hofe des Königs unterhielt , welche Buckingham herbeigerufen , sein Fest zu verherrlichen , und welche nun die ersten Personen des Königreichs unter der unartigen Nachlässigkeit eines Mannes sich scheinbar beugen sahen , dessen unbeschränktes Ansehen sie dadurch anzuerkennen schienen . Man sah die spanischen Herren , an deren Spitze sich der junge und schöne Herzog von Samalca befand , nach einer sehr ernsten Erwägung der vorwaltenden Umstände sich in die kalte und steife Haltung begeben , die den Urheber der Beleidigung zu erwarten schien , und der junge Herzog , der sonst gegen die blonden Schönheiten Englands nicht unempfindlich war , wollte , seiner Haltung nach , nur der Gesandte Spaniens sein . Ganz verschieden war dagegen das Benehmen der französischen Herren . Diese schienen sich ganz ihrer heitern unbefangenen Natur hinzugeben , und die Unbill , die ihnen nebst der ganzen versammelten Gesellschaft widerfuhr , entweder noch gar nicht zu bemerken , oder sie als einen neuen muthwilligen Scherz des liebenswürdigen Herzogs ansehn zu wollen . In ihrer Mitte befand sich ein Mann , dessen Kleidung den Geistlichen verrieth , und dessen unscheinbare Bildung , so wie sein zurückhaltendes Betragen , ihn leicht hätte übersehen lassen können , wäre er nicht der Gegenstand großer Aufmerksamkeit seiner Gefährten gewesen , die nicht aufhören konnten , ihn mit Fragen , Anreden und Mittheilungen , wie es schien , eher zu belästigen , als zu erfreuen . Sein braunes , breites Gesicht , in allen Verhältnissen verzeichnet , bewegte sich beim Sprechen fast gar nicht , seine tiefliegenden Augen waren außer ihrer Kleinheit noch halb geschlossen , also fast nicht gegenwärtig , und nur ein breiter Mund entwickelte bei einem schnell vorübergehenden Lachen , beinah erschreckend zwei Reihen glänzend weißer Zähne , die während des Sprechens sich niemals zeigten . Man sah den Grafen von Salisbury sehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit einer Auszeichnung begrüßen , die er sonst nur in politischer Beziehung anzudeuten pflegte , und die augenblicklich die Stellung dieses unscheinbaren Mannes für die Anwesenden bestimmte . Er mußte dem Grafen folgen , um einigen andern Personen vorgestellt zu werden , und es ließ sich bald erkennen , daß seine Herüberkunft aus Frankreich erst kürzlich erfolgt sei . Selbst Lord Membrocke , der Gefährte Buckinghams und mindestens so übermüthig , wie sein Beschützer , eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen , die ihm selten eigen war ; und daß die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen konnten , zeigte der wunderlich schnelle und stechende Blick , womit er den Kavalier überlief , und die feine Weise , womit er den Lord zwar als Bekannten , doch mit einer kühlen Zurückhaltung empfing , die zum ersten Mal einen Stolz durchblicken ließ , den seine frühere Haltung kaum hatte ahnen lassen . Lord Membrocke schien jedoch hierauf wenig zu geben und im Gegentheil entschlossen , sich ausschließlich seiner Person zu bemächtigen , als Lord Saville ihm etwas zuflüsterte , was die Farbe Membrocke ' s änderte und ihn bald den Augen der Menge entschwinden ließ . Ein unbeschreiblich verächtliches Lächeln glitt über das starre Gesicht des Fremden . Sein Auge verfolgte einen Augenblick die Richtung , in welcher der Lord davon eilte , während ein Unbekannter an ihn selbst ein Wort zu richten schien , dessen Empfang er mit einem leichten Neigen des Kopfes andeutete . Doch wenn auch , wenigstens für einen Theil der Gesellschaft , die Ankunft der Fremden eine Art von Zerstreuung gewährt hatte , so kehrten doch bald Alle zu dem lastenden Gefühl der Beleidigung zurück , die mit jeder ablaufenden Stunde drückender und nicht mehr durch die Versicherung gemildert ward , daß der Herzog noch bei Hofe sei ; indem Jeder wußte , daß der Hof wohl von Buckingham , aber Buckingham nicht vom Hofe abhänge . Unruhe und Verdrießlichkeit erreichte schon die Dienerschaft an den Portalen des Schlosses , als plötzlich die dienstthuenden Vorreiter des Herzogs in den Hof sprengten , die Wachen ins Gewehr traten und alsbald die Karosse des Herzogs mit dem lang ersehnten Gebieter daher flog . Seine erste Bewegung war , dem Thürsteher , der so eben seine Ankunft donnernd verkündigen wollte , Schweigen zuzuwinken , und , anstatt die Treppen nach den Gesellschaftssälen hinauf zu steigen , bezeichnete er dem voraneilenden Diener den Weg über eine Seitentreppe nach seinen Gemächern . Erschrocken fast blickte Maxwell , der erstere Kämmerer des Herzogs , seinen Herrn an , als er ihn in ungeordneter Kleidung und mit nachdenkenden Mienen , ohne einen der ihn sogleich umgebenden Diener zu sehen , durch die halb erleuchteten Gemächer nach seinem Schlafzimmer eilen sah , als habe er von der Richtung seiner Schritte kaum Kenntniß . Maxwell , sogleich ein besonderes Ereigniß ahnend und eben so entschlossen , sich allein in dessen Kenntniß zu setzen , entfernte aus eigener Machtvollkommenheit die sich ihm nachdrängenden Dienstbeflissenen . Er fand bei seinem Eintritt in das Schlafzimmer des Herzogs denselben bereits aller der Kleidungsstücke entledigt , welche die Bequemlichkeit hinderten , und beschäftigt , einen großen seidenen Mantel um sich zu ziehen , worin er sich , von Maxwell unterstützt , sogleich zur behaglichen Ruhe in die Kissen seines Ruhebettes warf . Maxwell , der dies für die Vorbereitung einer frischen Toilette hielt , beeilte sich , vor den Augen des Herzogs einige neue sehr kostbare Anzüge auszubreiten , in steigender Ungeduld das erste Wort des launenhaften Mannes erwartend , der indessen mit halb geschlossenen Augen und fast träumend die Gegenwart seines Dieners nicht zu bemerken schien . Doch eben so schnell aus einem Zustand in den andern übergehend , flog er nach einigen Augenblicken wie ein Blitz empor und forderte mit einer bis zum Zorn gesteigerten Ungeduld ein Kästchen , was Lord Saville abgegeben haben müsse . Es stand vor seinen Augen , und seine unscheinbare Hülle rechtfertigte sehr wenig das grenzenlose Entzücken , womit der Herzog es jetzt an Brust und Lippen drückte , und nun mit den Händen und Maxwells Hülfe und allen zur Hand sich findenden scharfen Werkzeugen eine Hülle nach der andern löste , bis endlich ein seidenes Tuch von Purpurfarbe , mit goldenen Lilien besäet , dem Herzog in die Augen fiel . Er stieß nun die Hände Maxwells zurück , um es mit den zärtlichsten Liebkosungen zu bedecken , die er nur unterbrach , um ein in Gold und purpurrothen Sammet gefaßtes Kästchen hervorzuziehen , welches beim schnellen Oeffnen das Bild einer schönen Dame im glänzendsten Schmucke gewahren ließ . Wir enthalten uns , die Ausbrüche einer leidenschaftlichen Liebe , wie sie der Herzog von Buckingham zu empfinden vermochte , hier aufzuzeichnen . Maxwell , an solche Scenen gewöhnt , dachte mit einem höhnischen Lächeln der Marquise von St. Pol , die noch gestern in Person der Gegenstand von Aeußerungen war , die jetzt einem todten Bilde und einem seidenen Tuche verschwendet wurden . Zu genau diese Zustände kennend , um den Herzog früher davon abziehen zu wollen , als diese Emfindungen in ihm von selbst sich erschöpften , und hinreichend belehrt , daß dies seine Geduld nicht über Gebühr in Anspruch nahm , zog er sich hinter die Barriere der aufgerichteten Prachtkleider zurück , jeden Ausruf des Herzogs mit einem Lächeln des Spottes und der Verachtung begleitend . Aber der Herzog schien dies Mal die vorwaltende Liebesangelegenheit mit Gedanken ernsterer Natur vereinigen zu müssen ; es schien in ihm ein Streit zu walten , der nur dann einzutreten pflegte , wenn ihm Zweifel kamen , welches ihm das Vortheilhafteste , Bequemste oder Belustigendste sein möchte . Offenbar neigte sich aber dem abwesenden Gegenstande , der sich ihm in dem reizenden Bilde personifizirte , sehr bald die Wage , und er brach in einige gottlose Eidschwüre aus , ihrem Besitze jedes andere Interesse der Erde zu unterwerfen . Welche lächerliche Träume einer empfindsamen Knabenwelt , setzte er lachend hinzu , sind überdies diese sogenannten Bande der Natur , und existiren sie hier noch ? Einem unbekannten Wesen , dessen Dasein man mir zu verhehlen wagte , als es mir noch von Werth sein konnte , sollte ich jetzt vielleicht dieses Wiedersehen opfern ? Dieser Knabe Karl , der die blödsinnige Vorstellung hegte , mir ein albernes Geheimniß zu entziehen , und die strafenswerthe Kühnheit , es wirklich auszuführen ! Ihren Plänen , nachdem sie ergraut und in sich selber zusammengefallen , sollte ich die Hand bieten , da sie sich selbst dem Grabe verdammt haben , und damit zugleich dem süßesten Glücke , welches mir in Dir , Du himmlisches Bild , lächelt , selbstmörderisch entgegentreten ? Die Entscheidung ist nicht schwer , und sie ist geschehen , rief er mit einer gellenden Stimme , die das ganze Grauenhafte eines überschrienen Gewissens in ihrem Laute trug . Zurück sank er in seine Polster , und indem er das Kästchen mit dem Gemälde nach allen Richtungen drehte und schob , sprang plötzlich der Deckel von einander , und ein fein geschriebenes Blatt , eng mit farbiger Seide umstrickt , fiel dem Herzoge entgegen . Doch das Glück , sich in den Besitz des Inhalts zu setzen , sollte ihm verzögert werden , denn nach einem kurzen tobenden Gepolter im Vorzimmer und dem Gezänk abwehrender Diener ward die Thür des Kabinets rasch geöffnet , und Sir John Saville stürzte , bis an die Schwelle von den Dienern verfolgt , in dasselbe herein . Maxwell , froh über eine Dazwischenkunft , die den langweilig werdenden Zustand des Herzogs hoffentlich unterbrechen mußte , verschloß schnell hinter dem Eingedrungenen die Thür , neugierig der Bewegung Beider lauschend . Doch keineswegs schien der Herzog gesonnen , das dreiste Verfahren seines Quasi-Freundes gütig aufnehmen zu wollen . Und darf man fragen , sprach er , sich in den Kissen aufrichtend und zornig blickend , was Lord Saville mit der angenehmen Vertraulichkeit , die er sich eben herauszunehmen beliebt , andeuten will ? Haben meine Diener das Versehen gemacht , Euer Gnaden herbei zu rufen , so bitte ich mir den Schurken zu bezeichnen , der mich veranlaßt , Euch selbst jetzt ankündigen zu müssen , daß ich allein sein will . Ja , wollen Euer Gnaden sich verantworten oder sich lieber entfernen ? Ich habe das Erstere nicht nöthig , brauste Saville mit roher Stimme auf , und erkläre , das Letztere nur in Eurer Gesellschaft zu thun . Es überschreitet fast das Maaß der Möglichkeit , den von Beleidigungen sprechen zu hören , der in demselben Augenblicke nicht allein mich , sondern alle Herzöge , Grafen und Barone , inklusive der sämmtlichen Großwürdenträger der Kirche der drei vereinigten Königreiche mit Schmach und Beleidigungen überschüttet und seine besten Freunde unter der Marter nutzloser und verachteter Höflichkeitsspenden zur Verzweiflung bringt . Euer Liebden , unterbrach ihn Buckingham , ohne allen Zorn sich behaglich dehnend und an den Seidenfäden des entdeckten Briefchens zupfend , Euer Liebden scheinen sich übel zu befinden . Man spricht in London von böslichen Fieberanfällen , die eine schnelle Zerstörung des Gehirns bewirken . Oder habt ihr an einem Schenktische repräsentirt ? Oder haben die nächtlichen Gelage einer Woche Euch zu einem Tags-Träumer gemacht ? Ich nehme vielen Antheil an Eurem bedenklichen Zustande . Maxwell , wo stehst Du , unthätiger Schuft , während mein bester Freund in so betrübter Lage sich befindet . Einen Lehnstuhl ! eile ! eile ! öffne sein Wamms ; wo sind die heilsamen Tropfen der Mutter Kleratri , welche selbst gegen den Tod an den luftigen Balkonen der zeitlichen Gerechtigkeit sich unfehlbar zeigen ! Oder seid ihr nüchtern , Mylord , und durch eifrige Studien über die Tischzeit getäuscht ? wie Gelehrte denn pflegen , aus Hunger geistreich und belehrend zu werden ; ich bitte Euch , befehlt ! - Maxwell , Couverts ! Laßt auftragen , wenn in diesem elenden Junggesellen-Hotel heute schon Feuer auf dem Heerde brannte . Spart Cure jämmerlichen Späße , Mylord , rief immer erhitzter Saville , und glaubt nicht , mich damit zu täuschen . Ihr wißt sehr wohl , daß ihr eure Diener mit Einladungen durch London gejagt , um heute einen Hof in Eurem Hause zu halten , bei dem Euch die vornehmsten und wichtigsten Personen des Landes den Tribut ihrer abgezwungenen Unterwerfung darbringen sollen . Ihr wißt sehr wohl , daß Ihr die empörende Unverschämtheit habt , dies Fest seit vier Stunden ohne den Wirth bestehen zu lassen ; Ihr wißt , daß Ihr Euch damit so viele Feinde macht , als dies Haus Häupter zählt , während Ihr wie ein Kind in Euern seidnen Windeln liegt und Seide zupft . Doch Alles wird sein Maaß finden , und Ihr werdet dieses Fest mit Verfolgungen bezahlen müssen , die zahlloser sein werden , als die Haare Eures Hauptes . An ihrer Spitze steht mit drohenden Blicken schon jetzt die entthronte Königin des Tages , die Marquise St. Pol . Dies Fest , das Ihr durch alle Künste der Ueberredung ihr als ein Geschenk zur Annahme aufdrangt , sie sieht es jetzt als eine öffentliche boshafte Beschimpfung von Euch an . Der Kreis der zurückweichenden Damen , der sie zu Anfang wie ihr Gefolge umgab , wird immer weiter , und immer kälter wenden sich die Blicke von ihr ; denn man wagt eben so wenig die zu verachten , die Buckingham ehren will , als man sie zu beschützen denkt , wenn er sie aufgiebt . Doch alle tragen eine und dieselbe Last der Beleidigung , Alles trägt mit der Marquise denselben heißen Wunsch , sich zu rächen und zu entfernen . Die Gesellschaft ist in Parteien getheilt , die Minister des Königs , Salisbury an ihrer Spitze , die Grafen von Cumberland , Sussex , Clifford , Sommerset , Clarendon stehen als Oberhäupter und beherrschen mit ihren zornigen Blicken ihre um sie versammelten Anhänger . Die schottischen Barone , die irischen Pairs blicken erstaunt auf dies Schauspiel einer vor ihren Augen geschehenen Demüthigung ihrer stolzen englischen Nachbarn und nehmen dann , so viel ihr mattes Ehrgefühl es zuläßt , ihr Theil für sich davon , während die Bischöfe , Dechanten und Kapläne mit Nasen , an deren zorniger Gluth Ihr Eure Kapaunen rösten könntet , umhergehen , und vergeblich den besänftigenden Geruch Eurer Tafel erwarten . Auf , thörichter Mann , fuhr Saville fort , in seinen früheren Unwillen verfallend , aus dem er sich selbst fast herausgeschwatzt hatte , auf , beeilet Euch , wieder gut zu machen , was noch möglich ist ! Aber ihm schallte statt der Antwort ein so übermäßiges Gelächter des Herzogs entgegen , so heftig , so anhaltend und ausgelassen , daß Saville , dessen völlig gehaltloser Karakter unfähig war , eine Meinung irgend einer Art gegen den prachtvollen übermüthigen Buckingham festzuhalten , zuletzt mit fortgerissen , ihm gegenüber in einen Sessel sank und , in dies Gelächter des Herzogs einstimmend , kaum einzuhalten im Stande war , als Buckingham schon die thränenden Augen sich zu trocknen begann . Saville , Krone aller lustigen Spaßmacher meines frivolen Hofstaats , kein Königreich nehme ich für den unsäglichen Spaß , den Du vor mir vorüber führst ! Welch ein Fest konnte die erschöpfte Kasse Deines herzoglichen Freundes schaffen , welches nur den hundertsten Theil des Vergnügens abwarf , das diese Deine unvergleichliche Beschreibung über meinen Geist verbreitet . Wahrlich , ich bin erquickt , als hätte ich in Aether gebadet , meine Nerven haben Elastizität gewonnen , und es scheint mir werth , diesem abgenutzten Leben noch einen Gedanken zu widmen . O des bezaubernden Anblicks , diese stolzen Gesellen wie die Schulknaben im Sonntagsputz gedemüthigt zu haben ; sie sich selbst züchtigen zu sehen , Einer in der eingebildeten Größe des Andern ; ihre ohnmächtigen Rachegedanken zu errathen , die Keiner länger Muth hat zu verfolgen , als so lange ich fern bin ; diese hochmüthigen Ladys , die vergeblich ihre Tugendlarven abzogen , meiner kleinen Favorite zu huldigen , und die nun in der Enttäuschung sich selbst herabgesetzt sehen ! Höre auf zu lachen , armseliger ausgebrannter Kopf , und sage mir , wenn es Dir möglich ist , ob Du oder ich oder irgend ein Mensch der Erde sich ein so reizendes Vergnügen ausdenken konnte , wie hier sich im Reiche des Zufalls gestaltete . O Du unvergleichlich liebenswürdiger Bösewicht , lallte hier Saville , aus seinem Lachen sich heraus kämpfend , wie war es möglich , dieser tragischen Begebenheit die allerlächerlichste Seite abzugewinnen und mein vom Zorn exaltirtes Blut so abzukühlen ? Ja , es ist wahr , Buckingham , sie gehen mit tollen Gesichtern umher , und wir , Membrocke , Cork und Norris , haben uns oft die Handschuhe in die Zähne gestopft , um nicht über ihre jämmerlichen Fratzen laut aufzulachen ; aber dessenohngeachtet sage ich Dir , es war ein lästiger Spaß für uns , Deine Marschälle des Bankets ! Ich dachte , sie würden uns an die Gurgel fassen für jede Artigkeit , die wir hervorbrachten