sein . Die außerordentlich heitre Laune des Herzogs fiel ihm immer mehr auf . Der sonst ziemlich trockne Herr erschöpfte sich in muntern Einfällen , die nur zuweilen einem eignen schwärmerischen Ernste Raum gaben . Seine ganze Stimmung schien eine erhöhte zu sein . Auch ein gewisses Zeremoniell hatte sich an der Stelle der sonstigen Ungezwungenheit eingefunden . Früher waren die fürstlichen Personen , jede für sich , wie die Dame ihre Toilette , der Herr seine Geschäfte beendigt hatte , in den Speisesaal getreten . Heute war von zwei Bedienten , nachdem die Gesellschaft eine volle Viertelstunde versammelt gewesen , die Flügeltüre aufgetan worden , und der Herzog hatte seine Gemahlin feierlich-zierlich an den Fingerspitzen in den Saal geführt . In gleicher Weise nahm er mit ihr nach aufgehobner Tafel seinen Rückzug , ohne weiter mit den Tischgenossen zu verkehren . Indessen hatte unser Freund nicht lange Zeit , über diese Verändrungen nachzudenken . Schon waren die jungen Edelleute wieder angekommen , welche , wie neulich die Rüstungen , so nun Lanze und Schwert probieren wollten . Hermann wurde beordert , die Recken zu empfangen , und der Übung als Waffenkönig vorzustehn . Wieder legte man im Ahnensaale unter schallendem Jubel die Panzer und Schienen an , die nun , glänzend , den Gliedern angepaßt , die vielen jugendlichen Gestalten kräftig hervorhoben . Der klirrende , schimmernde Zug stieg eine verborgne Treppe hinunter , um durch eine Hintertüre in das Freie zu gelangen . Alle waren außer sich vor Freude und Hermann hatte genug zu tun , um die lauten Ausbrüche des Entzückens , welche ungelegne Zuschauer herbeiziehn konnten , zu mäßigen . Draußen standen die Pferde der Ritter . Sie scheuten bei dem Anblicke ihrer verwandelten Gebieter , und prallten zurück . Die Reitknechte hatten einige Mühe , die brausenden Tiere zu begütigen , was indessen doch zuletzt den angewandten Schmeichelkünsten gelang . Man saß auf , und nach einigem Springen und Bocken schien die Gewandtheit der jungen Männer siegen zu sollen . Nur einer , ein ältlicher Herr , der es aber für seinen Vorteil ansah , sich so lange als möglich zur Jugend zu halten , konnte trotz aller Mühe nicht auf seinen Rappen gelangen , und mußte endlich von dem schweißtreibenden Werke abstehn . Er gab dem armen Tiere , welches in seiner Furcht vor dem stählernen Herrn wahrlich noch mehr ausstand , als er , einen ungerechten Schlag , ließ sich entwaffnen , und setzte sich in seinem grünen Nankingröckchen traurig unter eine Fichte . Seit der Zeit ward dieser Mann , welcher vorher das Fest eifrigst hatte betreiben helfen , ein Verächter desselben ; die andern aber gaben ihm unter scherzhafter Anspielung auf den Helden des Scottschen Romans den Spitznamen : el Desdichado , oder der Enterbte . Auch wir sind genötigt , ihn künftighin , wo er uns noch vorkommen sollte , unter dieser Bezeichnung aufzuführen , da die Geschichte seinen wahren Namen nicht aufbewahrt hat . Hermann ließ die Ritter nun zuvörderst einige Volten auf dem Turnierplätze machen , und dabei den Speer senkrecht im Bügel führen . Dann mußten sie in gleicher Weise , zwei Glieder tief und zwölf Lanzen hoch - denn im ganzen hatten sich so viele Kämpferpaare gemeldet - rund um den Plan sprengen . Diese vorläufigen Übungen gelangen vortrefflich , und gaben die besten Hoffnungen . Daß einige etwas hart die hölzernen Schranken streiften , andre nicht die völlige stallmeisterliche Sicherheit in den Sätteln behaupteten , konnte hiebei nichts verschlagen , da solche kleine Unregelmäßigkeiten kaum irgendwo ausbleiben , wo Mensch und Roß sich zusammenfinden . Man war daher kühn geworden , und wollte gleich mit dem Schwierigsten beginnen , mit dem allgemeinen Lanzenstechen , Zwölf gegen Zwölf . Hermann hielt es aber für ratsam , stufenweise zu verfahren , und bestand darauf , daß sich zuerst die Paare einzeln gegeneinander versuchen sollten . Er selbst begann , im knappen Collet auf einem leichtfüßigen Engländer sich wiegend , an der Sache Geschmack zu finden . Die Herzogin sah zwischen den Bäumen aus ihrer Droschke zu , und man will wissen , daß unser Freund mehr als nötig , sein Rößlein habe courbettieren lassen , obgleich er sich gewissenhaft bestrebte , nur an die ferne Cornelie zu denken . Wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt : die Schwächsten drängten sich zu den ersten Versuchen , während die tüchtigsten Reiter lächelnd warteten , um zuletzt das Hauptstück zu vollführen . Leider zeigte sich nur zu bald , wie gegründet Hermanns Vorsicht gewesen war , da auch sie das Geschick nicht abzuhalten vermochte , welches nun einmal in seinem Eigensinne jeden Versuch , dahingeschwundne Zeiten wiederzuerwecken , vereiteln zu wollen scheint . Man kann nicht sagen , daß diese Adlichen das Unmögliche gewollt hätten . Die Aussicht , mit zerbrochenen Gliedern vor Oheimen und Tanten , Schwestern und Bräuten im Sande zu liegen , hatte für keinen der Kämpfer etwas Erfreuliches ; es war daher durch eine stillschweigende Übereinkunft vorgesehen worden , daß so wenig Gefahr , als möglich , entstände . Man hatte die Schäfte der Lanzen dünn und von sprödem , zerbrechlichem Holze machen lassen . Es war mithin mehr Wahrscheinlichkeit vorhanden , daß diese schwachen Waffen auf der beschützten Brust der Gegner zerbrechen , als daß die Kämpfer von der Gewaltsamkeit des Stoßes zu Boden stürzen würden . Die ersten , welche gegeneinander ritten , waren zwei junge Vettern , namens Caspar und Max , denn alle diese Erben riefen sich gegenseitig fast nur bei ihren Vornamen . Sie sprengten hastig ein , und es wäre gewiß zu einem lebhaften Treffen gekommen , wenn nicht die Pferde , als man noch etwa sechs Schritte voneinander war , plötzlich stillgestanden hätten , so daß die Reiter , von dieser unvorhergesehnen Hemmung erschüttert , beinahe über die Hälse ihrer Tiere hinweggeflogen wären . Umsonst war alles Schenkelandrücken und Spornen ; die Pferde sahen einander feurig und wütend mit schnaubenden Nüstern an , ließen sich geduldig auf die Punkte , von denen ausgelaufen wurde , zurückreiten , rannten lustig vor , standen aber dann auf den Stellen , über welchen ein Zauber zu brüten schien , wie angemauert still . Nachdem diese Vereitlungen sich drei- bis viermal wiederholt hatten , wurde einigen Reitknechten geheißen , die Hinterteile der Widerspenstigen mit Peitschenhieben zu bearbeiten , was offenbar nur für einen Ausbruch roher Leidenschaftlichkeit gelten konnte , denn man durfte doch unmöglich beabsichtigen , am Tage des Turniers die Kämpfer auf eine so lächerliche und unwürdige Weise von hinten flott zu machen . Auch halfen jene Hiebe nur insoweit , daß die Pferde ausschlugen , und beinahe einen der Züchtiger getroffen hätten ; vorne wichen und wankten sie nicht . Hierauf stiegen Caspar und Max ab , schleuderten unter lauten , landüblichen Flüchen ihre Lanzen weg , und setzten sich zum Enterbten , der seinerseits bei dem Anblicke dieser Hemmung wieder etwas heitrer zu werden begann . Demnächst ritten zwei andre Vettern , welche Konrad und Bernhard hießen . Deren Pferde blieben keineswegs stehen , schossen vielmehr , als ihre Herrn eben meinten , einander mit den Spitzen der Lanzen erreichen zu können , recht und links abspringend , vorbei , im wütenden Laufe über die niedrigen Schranken hinwegsetzend , grade auf die Tribünen zu . Da die Pfeilerbogen derselben nicht so hoch waren , daß ein ausgewachsner Mann zu Pferde darunter wegkommen konnte , so wären die Reiter verloren gewesen , wenn sie sich nicht rasch bügellos gemacht und zur Erde gelassen hätten . Glücklicherweise lag auf jeder Seite ein großer Haufen Sand , welcher noch umher verbreitet werden sollte . Auf diese natürlichen Betten stürzten die Jünglinge , und diese Sandhaufen waren es , welche ihr Leben retteten . Denn obgleich dem einen das Blut aus Mund und Nase quoll , und der andre mehrere Minuten betäubt dalag , so zeigte sich doch , als man die Helme abnahm , und die Panzer aufschnallte , außer einigen Quetschungen und Schrunden kein Schaden . Sie standen auf , der Betäubte zuletzt , gingen zum Enterbten , dem die Schadenfreude immer heller aus dem Gesichte leuchtete , begehrten kein Lanzenrennen weiter , sondern nur den Feldscherer , der denn auch bald nachher mit Bindzeug und Seifenspiritus ankam . Hermann sah die Herzogin die Hände ringen und suchte alles fernere Stechen und Tjosten zu hindern . Seine Zurufungen fruchteten aber nichts . Gleichsam als ob der Anblick der Gefahr etwas Verführerisches habe ! Die folgenden sechs Paare stürzten sich nur noch heftiger in den Kampf . Bei ihnen nahmen Ungeschick und Zufall mannigfaltigere Gestalten an . Mehrere fielen ohne Umstände von den Pferden , einer stach , seine Lanze zu hoch führend , durch das Visiergitter des Gegners und bohrte diesem beinahe das Auge aus , etliche rannten so zusammen , daß , wie sie sich nachmals ausdruckten , ihre Rippen knackten . Auch die armen Tiere , welche nicht so geschickt , wie ihre Vorgänger , die Kämpfe des Mittelalters zu vermeiden wußten , litten , denn zwei Pferde wurden lahm und eins brach im Niedersitzen auf die Kruppe , einen Fuß . Kurz , es wurde offenbar , daß weder Rosse noch Reiter zu dem Ritterspiele paßten . Es waren noch vier Paare übrig , und grade die gewandtesten ; lauter Kavallerie-Offiziere . Obgleich diese mit bedenklichen Blicken das Schlachtfeld überschauten , so machten sie sich doch auch fertig , Wunden und Beulen zu gewinnen . Da hörte Hermann mehrere Male seinen Namen überlaut rufen , wandte sich um , und sah die Herzogin leichenblaß neben der Droschke stehn . Sie winkte ihn ängstlich herbei , und er verfehlte nicht , dem Zeichen eiligst zu folgen , nachdem er den noch unversehrten Kämpfern geboten hatte , wenigstens bis zu seiner Rückkunft ihren Eifer zu mäßigen . Ein Strom von Tränen floß aus ihren Augen ; die armen feinen Lippen zitterten , sie war außer sich . Ohne der Menschen zu achten , welche sich in großer Anzahl versammelt hatten , der Waffenprobe zuzusehn , ergriff sie leidenschaftlich seine Hand , verwünschte das Turnier , den unseligen Domherrn , welcher es angegeben , den Arzt , der ihr nicht mit besserem Rate beigestanden , Wilhelmi , dem Grillen lieber wären , als die Angelegenheiten seiner Freunde ; rief , daß wenn Hermann im Schlosse geblieben wäre , er es ihr ausgeredet haben würde . Augenblicklich sollten Schranken und Gerüste abgebrochen werden , denn sie wolle nicht eine zweite Angst , wie die heutige , erleben . Hermann gab ihr die heiligsten Versichrungen , daß niemand an Leib und Leben geschädigt sei , daß es doch noch zu einem schönen gefahrlosen Feste kommen solle , und daß er schon einen Gedanken darüber habe , den er ihr sofort mitteilen werde . Er hob sie sanft in den Wagen , und hieß den Kutscher auf der Stelle nach dem Schlosse fahren . Sie ruhte willenlos auf dem Sitze , ließ geschehen , was er anordnete , und bat ihn nur beim Wegfahren mit leiser Stimme , ja gleich nachzukommen . Er eilte zu den Edelleuten zurück und verkündete ihnen den Willen der Fürstin . Die noch nicht gekämpft hatten , waren im stillen zufrieden , daß es nicht dazu kommen sollte . Aber alle riefen : » Was wird nun aus unsren schönen Mänteln und Trikots , worin wir tanzen wollten ? « » Sie werden alle in Ihren Mänteln tanzen , es gibt doch ein Fest ! « versetzte Hermann zuversichtlich . » So ? « fragte der Enterbte höhnisch . » Wollen Sie etwa eine Freiredoute geben ? « Man warf die Rüstungen ab . Zwei Birutschen wurden vom Schlosse herbeigeschafft , in welche man die Wunden und Gequetschten lud . Langsam ritten die unversehrt Gebliebenen beiher . Die Reitknechte folgten mit den hinkenden Pferden an der Hand . Das , welches den Fuß gebrochen hatte , und jämmerlich stöhnte , blieb zurück . So sehr verunglückte eine Nachahmung des Turniers bei Ashby de la Zouche im neunzehnten Jahrhundert . Siebentes Kapitel Unangemeldet , - denn die ganze Dienerschaft befand sich noch auf dem Turnierplatze - trat Hermann in das Zimmer der Herzogin . Sie war nicht dort . Die Vorhänge waren der Sonne wegen niedergelassen ; eine sanfte Dämmerung erfüllte den heimlichen Raum . Hermann warf seine verlangenden Blicke umher , und empfand ganz den süßen Schauder , der uns ergreift , wenn wir für uns die stillen Umgebungen der Frauen mustern dürfen , mit denen sich unsre Einbildungskraft beschäftigt . Seine Augen schweiften von der halbfertigen Stickerei , auf der ihre Hände gelegen hatten , zu den Blumen , die ihr Hauch berührte , von da zu den Porträts , an denen manche Erinnrung haften mochte . Die Blätter dieses Gebetbuchs empfingen ihre unschuldige Morgenandacht , in jenem Sessel mit dem gestickten Fußbänkchen davor , ruhte sie gewiß aus , wenn sie vom Spaziergange zurückkehrte ! Schon wollte er sich bescheiden wieder in das Vorzimmer zurückziehn , als er in der Ecke den Papagei gewahr wurde , der , wenn wir nicht irren , schon zuweilen in diesen Geschichten erwähnt worden ist . Die Klappe des Schreibtisches war offengelassen worden , Papiere , aus farbigen Mappen hervorsehend , lagen darauf . Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht , vieles herausgezerrt , zerbissen , auf den Fußboden gestreut . Jetzt saß er auf dem Rande eines Korbes , welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel diente , und zerstörte mit großer Emsigkeit ein paar feine rote Blättchen , die er zwischen Klauen und Schnabel hin- und herzog . Hermann wollte ihm den Raub abjagen ; der Papagei ließ die Blätter in den Korb fallen und entfloh mit lächerlichen Sprüngen . Hermann sah in dem Korbe die halbzerrißnen Blätter auf andern gleichfarbigen liegen ; er mußte sie für Wegwurf halten und konnte meinen , wenigstens keine Indiskretion zu begehn , wenn er sich dieselben zueignete . Die Handschrift der Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen ; in seinen unklaren verworrnen Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus , er wollte etwas von der Fürstin besitzen , heute besitzen , er drückte unwillkürlich seinen Mund auf die Blätter , und schob sie unter die Weste ; auf seinem Herzen sollten sie ruhn . Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Corneliens seiner Seele vorüber , schon hatten seine Finger die Blätter gefaßt , um sie an ihren Ort zurückzubringen , als das Erscheinen der Herzogin , die aus dem anstoßenden Gemache in das Zimmer trat , dieses gute Vorhaben vereitelte . Verweint trat sie ihm , schamrot er ihr entgegen . » Das gehört auch noch zu den übeln Folgen solcher Zerstreuungen , worin ich seit vier Wochen lebe , daß man das nächste vergißt « , sagte sie , indem sie die Verwüstung erblickte . » Ich kenne den Schelm und seine Unarten , und lasse ihn hier uneingesperrt bei den Papieren zurück . « Hermann hob die am Boden liegenden Blätter auf , sie ordnete sie , so gut es in der Schnelligkeit gehn wollte , in die Mäppchen ein , und sagte : » Es sind meine Erinnrungsblätter , ich hatte heute ein Bedürfnis , darin zu lesen . Welchen eignen Eindruck macht eine solche Lektüre ! Wie vieles schreibt man auf , worüber man kurz nachher lächeln muß , oder wovor man auch wohl zu erröten hat . - Aber nun , mein Helfer und mein Trost , zur Hauptsache ! Die ganze Gegend ist in Erwartung unsres Festes , es kostet leider , wie ich aus den Rechnungen , die mir nach und nach jetzt schon vorgelegt werden , sehe , Tausende , und doch ist es , wie wir heute erfahren haben , nicht zustande zu bringen . Was für Unglück hätte ich anrichten , welche schreckliche Gewissensbisse hätte ich mir zuziehn können ! Mit Schauder denke ich an die Auftritte , die ich draußen sah . « » Beruhigen sich Ew . Durchlaucht « , sagte Hermann . » Ich hoffe , Ihnen einen Plan vorlegen zu können , dessen Ausführung Sie , den Herrn , und alle Gäste zufriedenstellen wird . « » Ich bin begierig , ihn zu vernehmen « , sagte die Herzogin . » Mein Gedanke ist folgender « , versetzte Hermann . » Die Idee zu dem Feste ist aus dem Bewußtsein Ihres Standes hervorgegangen , es sollte ein adliches sein . Dabei müssen wir also stehnbleiben . Aber warum gehn wir in so entlegne Zeiten zurück ? Warum wählen wir eine Darstellung des Ritterwesens , mit welchem , wenn wir die Sache näher betrachten , unsre heutigen Begriffe durchaus nicht mehr zusammenhangen ? Lassen Sie uns also immerhin einige Jahrhunderte weiter vorrücken und ein Fest aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und Augusts des Starken veranstalten , in welches die Blüte der ersten Klasse der Gesellschaft fiel . « » Und das wäre ? « fragte die Herzogin . » Ein Caroussel « , versetzte Hermann . Sie haben gewiß , meine Fürstin , von den prächtigen Lustbarkeiten gelesen , die in dieser Art besonders am sächsischen Hofe gefeiert worden sind . Auch sie geben reichliche Gelegenheit , Figur , Anstand , Geschick zu zeigen , auch bei ihnen empfängt der Kavalier aus den Händen der Dame den Dank ; Galanterie und Sitte haben auch da freien Spielraum . Und alles ist mit einigen Quadrillen , mit dem Stechen nach dem Ringe und nach dem Türkenkopfe abgetan . Jeder wird sein Vergnügen haben , und wir dürfen vor keiner Leiche besorgt sein . « Die Herzogin entzückte dieser Vorschlag . » Aus welcher Verlegenheit retten Sie mich ? Wie erkenntlich muß ich Ihnen sein ! « rief sie . Hermann fuhr fort : » Alle Anstalten zu dem Turniere können wir auch zu dem Caroussel gebrauchen ; an dem Kostüm der Damen und Herren braucht kaum etwas geändert zu werden , denn es ist nichts törichter , als in solchen Fällen , worin es doch nur auf gesellige Freude ankommt , gelehrt sein zu wollen . Schließt sich an unser Ringelrennen ein Ball für die Herrschaften , ein Scheibenschießen für Diener und Untertanen an , so wüßte ich nicht , wie es einen bunteren und lustigeren Tag geben könnte . « Hermann bekam unumschränkte Vollmacht , alles , was die Umwandlung des Festes erforderte , zu verfügen . Die Herzogin händigte ihm die Schlüssel zu den Zimmern ihres verstorbenen Schwiegervaters ein , worin sich , wie sie meinte , einige Abbildungen befänden , die ihm bei Ausführung des neuen Plans nützlich sein würden . Sie selbst übernahm es , den Herrn , welche bei dem Caroussel tätig sein sollten , die Ändrung des Festspiels anzuzeigen ; was die übrigen Gäste betraf , so war man übereingekommen , daß es klüger sei , diesen nichts zu sagen , da sie doch hinnehmen müßten , was ihnen geboten werde . Während Hermann sich in den Zimmern des alten Herrn umsah , empfing der Arzt seine Boten , die er nach der Hütte der Alten , und hinter dem Domherrn her gesandt hatte . Der erste meldete , er habe die Alte nicht in der Hütte betroffen , und in letztrer eine greuliche Zerstörung alles dessen , was nicht niet- und nagelfest gewesen , wahrgenommen . Der zweite , welcher zu Pferde dem Domherrn nachgesetzt war , gab das Wort des Rätsels an . Er hatte den Flüchtigen in einem kleinen Orte getroffen , wo er mit Flämmchen und der Alten ganz geruhig zu Tische saß und speiste . Nach einigem Hin- und Widerreden erfuhr er den ganzen Hergang . Die Alte hatte in der Wut alles in ihrer Hütte zerschlagen und war dann wie rasend der Spur des geraubten Kindes nachgelaufen . Halbtot erreichte sie den Entführer , und beide , Flämmchen und sie , erklärten ihm , er müsse sie entweder zusammen mitnehmen , oder zusammen entlassen . In seiner jetzigen Stimmung war ihm die braune Greisin ein erwünschter Zuwachs , leicht entschloß er sich , sie ebenfalls zu behalten . Dem Arzte ließ er auf dessen Anfordrung , das Mädchen zurückzuschicken , sagen , es bliebe beim Erziehen und Heiraten . Zum ersten Male war dieser entschloßne Mann in Verlegenheit . Wir dürfen bei dieser Gelegenheit sagen , daß der Beweggrund zu seiner Handlungsweise gegen den Domherrn nicht bloß die Lust gewesen war , psychologische Experimente anzustellen , sondern hauptsächlich in dem Mißtraun gesucht werden mußte , welches er gegen Hermann fühlte . Dessen ganzes Wesen , diese Mischung von Leichtsinn und Ernst , von Frühreife und Jugendlichkeit war ihm unverständlich , und da er nur das , was er begriff , gelten ließ , so hielt er ihn lieber für einen charakterlosen Abenteurer . Er fürchtete , daß jener nicht wiederkommen , daß ihm die Last der Obsorge für das verwaiste Mädchen bleiben werde , und diese wollte er auf die Schultern des Domherrn abladen , aber freilich nicht so übereilt , bei nächtlicher Weile , auf eine Art , die üble Nachreden geben konnte . Nun war aber Hermann zurückgekehrt . Was sollte er ihm sagen , wenn dieser das Mädchen forderte ? Er war äußerst verdrießlich auf sich , auf die Menschen , auf die Welt . Am meisten schmerzte es ihn , von einem Narren überlistet worden zu sein . Indem er noch erwog , wie er dem jungen Vormunde den Handel am wenigsten zu seinem Nachteil darstellen solle , trat dieser in sein Zimmer . Zufällig war er mit den beiden Boten des Arztes zusammengetroffen . Es waren Bürgersöhne aus dem Städtchen . Sie kannten Hermann , er hatte im Winter oft mit ihnen gejagt ; es bestand zwischen ihnen eine Art von Kamaradschaft . Voll , bis zum Überfließen , von ihrem Geheimnisse , teilten sie es ihm nach den ersten Begrüßungen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit . » Ich weiß alles « , rief Hermann dem verlegnen Arzte zu . » Nur eine Frage : Ist der Mann , der sich so rasch in unser Geschäft gedrängt hat , gut , gesetzt , zuverlässig ? « » Das möchte ich von ihm mit Sicherheit behaupten « , antwortete der Arzt kleinlaut . » So danke ich Ihnen und ihm , daß mir eine Sorge abgenommen worden ist , der ich doch auf die Länge nicht gewachsen war « , sagte Hermann . Der Arzt sah ihn verwundert an . Jener händigte ihm eine Rolle Gold ein und fuhr fort : » Wenden Sie dieses Geld , welches mir von milder gnädiger Hand für das Mädchen vertraut war , zu ihrem Besten an . Ich sage mich hiemit von ihr los , da sie einen andern Beschützer gefunden hat . « Nach seiner Entfernung brach der Arzt in ein bittres Gelächter aus . Er schwor sich zu , niemals wieder vor der Beständigkeit und Konsequenz eines Menschen Furcht zu hegen , und erklärte ein für allemal das ganze Geschlecht nur für die höchste Gattung des Tierreichs . Und doch tat er unsrem Freunde unrecht . Dieser war , sobald er nach dem entscheidenden Augenblicke mit Cornelien zur Besinnung kam , in die unruhigste Stimmung geraten . Er fühlte einen Wendepunkt seines Lebens , und fühlte sich doch auf keine Weise der Zukunft gewachsen . Daß ein neuer Zwiespalt in ihm entstand , als er die Türme des Schlosses wieder erblickte , daß dieser wuchs , da die schöne Fürstin ihn begrüßte , wollen wir grade nicht billigen , gewiß aber ist es , daß er in den Gemächern des schlafen gegangnen Herrn Dinge zu sehn bekam , welche ihn außer Fassung bringen , und sein Wesen an der Wurzel erschüttern mußten . Es hätte eine übermenschliche Kraft dazu gehört , sich in solcher Verfassung mit etwas andrem , als mit sich und mit seinem Geschicke zu beschäftigen . Er freute sich , daß die Tage bis zur Ankunft des Oheims , der über sein Los das Urteil fällen mußte , in wechselnder Beschäftigung vergehn sollten . Denn darin war er glücklich zu preisen : kein Zweifel , kein Leid versenkte ihn unnütz grübelnd in sein Ich , wo so viele Menschen fruchtlos die Auflösung ihrer Bedrängnisse suchen , fruchtlos , weil alle Selbstbetrachtung nur tiefer zerstört . Ihm sagte ein geheimer Glaube , daß die Fragen in uns , und die Antworten in den Dingen liegen , denen er deshalb , wie es mit ihm auch stehen mochte , immer in Liebe und Freundlichkeit zugetan blieb . Man sah ihn daher auch jetzt unbefangen scherzen , plaudern und die Zurüstungen , über welche er selbst im stillen lächelte , eifrig besorgen , während er kaum noch wußte , was aus ihm werden solle , ja , wer er nur sei ? Achtes Kapitel Über Wilhelmi hatte er durch den alten Erich , der ihn jetzt bediente , nur in Erfahrung gebracht , daß er im Kruge wohne , und daß ein Schrank das Unglück herbeigeführt habe . Er konnte sich hieraus nichts zusammensetzen , und der verdroßne Alte gab keine weitern Erklärungen . Er war einigermaßen in Verlegenheit , wie er sich bei dieser Zwistigkeit benehmen solle , als ein Billet Wilhelmis ihn ohne Verweilen zu dem Freunde rief . Wilhelmi saß in einem elenden Dorfstübchen und schnitt Federn , deren schon eine große Menge zugespitzt auf dem Tische lag . » Ich will « , rief er Hermann entgegen , » den Undank beschreiben , aber so viele Federn ich schon fertig habe , ich denke doch , es sind noch nicht genug , und da schneide ich denn immer noch ein paar mehr . « » Liebster « , sagte Hermann , » was tun Sie hier ? Wie war es möglich , daß zwischen Männern , welche so sehr zueinander gehören , wie Sie und der Herzog , sich der Zwist einschleichen konnte ? « » Ich bitte dich , nenne mich du « , versetzte Wilhelmi . » Schon mit dem Ihr kam das Unglück in die Welt , da gewöhnte man sich , einen Menschen , einen Mitbruder im gleichgültigen Plural zu betrachten , wo individuelle Beziehungen auslöschen . Das verrückte Sie hat aber den Greuel vollendet , nun ist der andre nichts als ein Konglomerat dritter Personen , eine Versammlung toter Atome , die man heute braucht , morgen wegwirft . Aber Du um Du , das heißt Auge in Auge , Arm gegen Arm , in Liebe oder Haß . « » Bester « , rief Hermann , » lassen wir die Abschweifung ! Soll ich dich du nennen , so schenke mir auch ein brüderliches Vertraun . Was hat euch entzweit ? « » Ein Schrank . Du lachst ! Ja , ja , nichts weiter als ein Schrank , ein elender Schrank . Aber in diesem nichtsnutzigen Kasten siehst du ein Gleichnis und Symbol von dem ganzen Tun und Treiben dieser abgelebten Klasse . Sie fühlen sich überholt von dem Sturmschritte der Zeit ; Ehre , Mut , kriegerische Tapferkeit sind bürgerlich geworden , da suchen sie sich denn an Strohhälmchen festzuhalten , und das nennen sie altväterliche Gesinnung . Sie haben mich fortgejagt , wie einen ausgedienten Jagdhund , und werden mich auf dem Dünger sterben lassen . Mühevolle Tage , durchwachte Nächte , ausgeschlagne Verbesserungen meiner Lage , Treue , Fleiß , alles gilt vor diesen nur den Taglohn , womit sie uns von Morgen bis Abend abzufinden meinen . Natürlich ! Der Schrank muß stehn bleiben , das gehört auch in das System des historischen Bestandes der Rechte . Wilhelmi kann eher fort . Bravo ! Ist es denn wahr , daß der Herzog sich jetzt , da er Turnier halten will , für einen Abkömmling Karls des Großen hält ? O glaube mir , diese Anmaßungen , diese Herzlosigkeiten werden ein furchtbares Ende nehmen ! Das Schicksal wird auftreten und wenig danach fragen , ob sie den Schrank stehnlassen wollen oder nicht . « Noch mehrere und krausere Redensarten bekam Hermann zu vernehmen , die ihn ungeduldig gemacht haben würden , hätte er nicht das tiefe Leiden des rechtschaffnen Freundes in Gesicht und Mienen gesehen . Er hörte also geduldig zu und aus , bis der gekränkte Hypochondrist sich erschöpft hatte , und fähig war , auf die Frage : Was es denn nun eigentlich gegeben habe ? ohne Umschweife zu antworten . Die Geschichte war ziemlich einfach . Wilhelmi hatte schon längst , wie wir wissen , Ordnung im Archive stiften wollen , welches durch die Vereinigung mehrerer Registraturen von andern Gütern des Herzogs eine ungeheure Überfüllung bekommen hatte . Nicht bloß Wertloses und Reponiertes lag über- und untereinander , selbst Urkunden hatten schon aus Bergen von Akten mühsam hervorgezogen werden müssen . Es schien , um diesen Wust zu lichten , und Platz für das Aufbewahrungswerte zu gewinnen , kein andrer Rat möglich , als die Repositorien bis unter die Decke des Gewölbes zu erhöhn . Dieser Einrichtung stellte sich nun hauptsächlich ein Schrank von gewaltiger Tiefe und Breite entgegen , welcher zwei Drittel der einen Wand bedeckte . Wilhelmi bestand darauf , das riesige Möbel zu entfernen , der Herzog wollte es nicht von der Stelle gerückt wissen . Hierüber kam es zwischen beiden zu einem heftigen Auftritte , welcher damit endigte , daß Wilhelmi seinen Dienst aufsagte , und der Herzog ihm erwiderte , er halte niemand , der nicht bei ihm bleiben wolle . Seit diesem Tage lebte er im Kruge , wollte abziehn und ließ doch seine Sachen im Schlosse , indem er sich vorsagte , daß er die Geschäfte erst ordnen müsse , gleichwohl aber von Tage zu Tage verschob , Hand daran zu legen . Seine beste Lebensnahrung entging ihm , seit er nicht mehr von den Blicken der Herzogin zehrte . Er sah übel aus . Hermann suchte den trübsinnigen Lieben , der ,