sagte dann mit matter , aber entschlossener Stimme : Sobald der Graf aufgestanden ist , begib Dich zu ihm und übergib ihm diese Papiere ; bitte ihn , sie alsbald zu lesen und , wenn er sie gelesen hat , zu mir zu kommen , um mich sogleich den Eindruck kennen zu lehren , den sie auf sein Gemüth gemacht haben . Bitte ihn um die Menschlichkeit , mich nicht länger , als es nöthig ist , in der fürchterlichen Qual dieser Ungewißheit zu lassen ; sage ihm , es sei mein Vorsatz gewesen , daß er den Inhalt erst nach meinem Tode erfahren sollte , aber die Ereignisse des gestrigen Tages hätten mir die Nothwendigkeit gezeigt , ihn schon jetzt damit bekannt zu machen . Gehe nun und richte dieß sogleich aus , damit nicht die elende Feigheit der menschlichen Natur mich bestimme , meinen Vorsatz wieder zu ändern . Der Graf hatte sein Lager nach wenigen Stunden , in denen er die Ruhe vergeblich suchte , wieder verlassen ; es kämpften mancherlei Gefühle in seiner Seele ; er fühlte sich seiner Gemahlin so innig verbunden , er achtete ihren Geist , er ehrte ihren Charakter ; es war die einzige Frau , die ihm jemals eine heftige Leidenschaft eingeflöst hatte ; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung mit ihm , wie er damals meinte , auf ' s Schönste befriedigt . Sie hatte ihm nicht die gleiche Leidenschaft geheuchelt , aber ihm ihre innige , zärtliche Freundschaft versichert . Er durfte damals hoffen , in der Verbindung mit ihr ihr Herz lebhafter zu rühren ; er ahnete das Glück , eine blühende Nachkommenschaft um sich zu sehen , und hoffte , die Mutter seiner Kinder würde dann ihre scheue Zurückhaltung aufgeben , und die gemeinsame Zärtlichkeit und Sorge würde sie mit ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen . Wie ganz anders hatte sich Alles gestaltet . Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie verhindert , die Jahre der Jugend heiter zu genießen , und nicht einmal das hatte seine ausdauernde Liebe errungen , daß sie ihm ein Vertrauen geschenkt hätte , welches der alte sie begleitende Diener besaß ; er überraschte sie oft in Thränen , wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen , und nichts hatte sie vermocht , ihm den Quell der Thränen zu zeigen , den jener alte Diener kannte . In diesem innerlich nagenden Schmerze war sie früh verblüht , und auch die Hoffnung , einen Sohn als Stütze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen , war getäuscht worden , und er mußte sich gestehen , daß er sein ganzes Leben in trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte . Er fühlte mit lebhaftem Schmerz , daß etwas Fremdes , Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe , er mußte es sich sagen , daß , wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch wären , wie sehr sie sich gegenseitig schätzten und ehrten , doch die wahre innige Vereinigung fehle , die allein das Leben beglückt . Es hatte ihn immer befremdet , daß die Gräfin jede Annäherung an ihren Bruder mit Widerwillen zurückgewiesen hatte , und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der Abscheu , den sie öffentlich gegen diesen gezeigt hatte ; auch erfüllte es ihn mit Unmuth , wenn er daran dachte , welche Gespräche nach diesem unangenehmen Auftritte in der Nachbarschaft entstehen würden ; er zürnte über den Baron , der alles Dieß durch seine kindische Thorheit veranlaßt hatte , und grollte doch auch mit der Gräfin , die eine so unnatürliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder öffentlich gezeigt hatte . In diesen verschiedenen Empfindungen , die in seinem Busen sich nicht ausgleichen und ordnen wollten , wurde er von seinem jungen Vetter überrascht , der , wie es verabredet war , reisen wollte , aber vorher noch über das Befinden seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wünschte . Der Graf empfing ihn liebreicher als je , er fühlte inniger als sonst das Bedürfniß , Jemanden zu haben , der ihm angehörte , und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten , sobald als möglich zu ihm zurück zu kehren . Der junge Graf , obwohl er mit Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte , die ihm so unverholen entgegen kam , wurde bestürzt über die Weichheit , die sein Oheim nicht beherrschen konnte ; er fürchtete , um die Gesundheit der Gräfin stehe es schlimmer , als man ihm sagte , und er nahm sich vor , sie wo möglich vor seiner Abreise noch zu sehen . Er verließ den Grafen , als Emilie eintrat , blieb aber im Vorzimmer , um durch diese die Erlaubniß zu erbitten , von seiner Tante Abschied zu nehmen . Emilie richtete den Auftrag der Gräfin weinend aus . Es war ihr , als ob sie den Willen einer Sterbenden berichtete . Der Graf empfing das Paket mit bewegtem Gemüthe und erwiederte mit unbeherrschter Rührung , daß er dem Verlangen der Gräfin genau nachkommen werde . Er verschloß sich in sein Kabinet , sobald er allein war , um sein Wort zu erfüllen . Als Emilie zur Gräfin zurückkehren wollte , traf sie auf den jungen Grafen , der ihr sein Anliegen vortrug ; sie versprach ihm , seinen Wunsch der Gräfin mitzutheilen , machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfüllung , weil die Kranke erklärt habe , daß sie zu schwach sei , selbst den Arzt zu sprechen , und vor allen Dingen Ruhe bedürfe . Es war also Emilien selbst überraschend , als die Gräfin nach kurzem Besinnen erklärte , daß sie den jungen Grafen sehen wollte , und Emilien bat , ihn sogleich herein zu führen . Dieser erschrak sichtlich , als er sich dem Lager der Kranken näherte und bemerkte , welche Verwüstung eine Nacht des Leidens hervorbringen kann . Die Gräfin bat ihn , sich neben ihr Bett zu setzen , und sagte , indem sie ihm die Hand reichte : Sie wollen uns verlassen , mein lieber Vetter , ich weiß , es ist nothwendig und Ihre Reise läßt sich nicht aufschieben ; aber ich bitte Sie , eilen Sie recht bald zu uns zurück . Ich weiß , Sie haben geglaubt , daß ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschließe ; Sie haben mir Unrecht gethan , es ist nie so gewesen ; mein Unrecht gegen Sie besteht einzig darin , daß ich mich zu selbstsüchtig in meinen eigenen Gram verloren habe und deßwegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte ; dieß Unrecht bitte ich Ihnen ab . Wenn Sie zurückkommen , werden Sie mich vielleicht besser finden , und dann , hoffe ich , werden Sie sich wohl in dem Hause liebevoller Verwandten fühlen , und jedes Mißtrauen gegen mich und den Grafen wird schwinden . Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rückkehr nicht mehr , vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt ; dann , mein theurer Vetter , dann bringen Sie ein kindliches Herz für Ihren Oheim mit und lassen Sie ihn fühlen , daß er nicht verarmt an Liebe ist , wenn auch mein Herz nicht mehr für ihn schlägt . Der junge Graf wollte antworten , aber die Wehmuth beherrschte seine Stimme . Die Gräfin schien ihm so krank , daß er in der That fürchtete , dieß seien die letzten Worte , welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen würde ; er beugte sich über ihre Hand und benetzte sie mit heißen Thränen , indem er sie küßte . Lassen Sie uns jetzt scheiden , sagte die Kranke , indem sie die Hand des jungen Mannes schwach drückte . Ich darf nicht die letzten Kräfte meines Lebens in Rührung und Wehmuth auflösen , ich muß mich sammeln , um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl sprechen zu können . Nicht wahr , Ihr Versprechen habe ich , Sie werden sich mit Liebe an sein edles Herz schließen ? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein , rief der junge Graf , sein Wohlwollen zu verdienen . So leben Sie nun wohl , sagte die Kranke , vielleicht sehen wir uns wieder . Der Himmel kann nicht so grausam sein , erwiederte der junge Graf , er wird uns allen Ihr theures Leben erhalten . So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden , sagte die Kranke mit matter Stimme , und Emilie führte den jungen Grafen hinaus , der seine Bewegung nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang , ihm zu sagen , welche Hoffnung sie hege . Diese antwortete ihm nur mit Thränen und deutete mit der Hand nach oben , zum Zeichen , daß sie nur vom Himmel Hülfe erwarte . St. Julien hatte sich einige Mal im Vorzimmer der Gräfin gezeigt , um nach ihrem Befinden zu fragen , jetzt traf er auf den jungen Grafen , und dieser theilte ihm in heftiger Bewegung die Unterredung mit , die er eben mit seiner Tante gehabt hatte . Beide Freunde trennten sich hierauf mit Thränen , und der junge Graf beschwor St. Julien , ihm einen Eilboten zu schicken , wenn der Zustand der Gräfin schlimmer werden sollte , da er aus Rücksicht für seine Eltern seine Reise nicht aufschieben dürfe . St. Julien suchte den Grafen auf , um in dessen Nähe Trost in der quälenden Unruhe zu finden , die ihn zu zerstören drohte ; dieser hatte sich in sein Kabinet verschlossen und war für Niemand zugänglich . Der bekümmerte junge Mann schlich nun zu Dübois , der ihn dadurch einiger Maßen aufrichtete , daß er ihm vertraute , wie die Gräfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei , daß ihr aber Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewährt habe , sich durch den starken Willen der Seele wieder zu erheben , und daß er auch dieß Mal nicht verzage , wiewohl er zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe . So schwach dieser Trost auch war , so ergriff ihn St. Julien doch als eine sichere Hoffnung ; er konnte den Gedanken nicht fassen , daß die Gräfin aus dem Leben scheiden sollte ; es schien ihm , als würden dadurch die Wurzeln seines eignen Daseins gestört . Dübois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurück und St. Julien begleitete ihn . Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiederte Emilie , die Gräfin sei ruhig , wolle aber Niemanden sprechen , als den Grafen , und auch diesen nur , wenn er von selbst käme , rufen sollte ihn Niemand . Der junge Mann hörte die ihm so theure Stimme , die Jederman den Eintritt versagte , er schlich also hinweg und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu beruhigen . Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Händen empfangen , er hatte sich in sein Kabinet verschlossen , um es sogleich , wie seine Gemahlin es wünschte , zu lesen , und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor , daß er sich mit todten Buchstaben beschäftigen sollte , in den Augenblicken , da die Krankheit des theuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfüllte . Warum sollte er überhaupt lesen , was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte ? In allen Dingen , auch hierin , schloß er seine Betrachtungen endlich , will ich ihr meine Liebe beweisen , ich will jedes andere Gefühl beherrschen , jeden anderen Gedanken verbannen und thun , was sie von mir fordert . Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte , setzte er sich an seinen Schreibtisch , löste das Siegel , entfaltete die Blätter und las Folgendes : II Wenn diese Blätter in die Hände meines Gemahls fallen , hob die Handschrift der Gräfin an , dann hat vielleicht das Herz aufgehört zu schlagen , das ihn so innig liebte und ehrte , und dennoch nie den Muth finden konnte , ihn in die Tiefe des Jammers blicken zu lassen , an dem es verblutete . Ach ! nur zu gewiß ist es , die erste Falschheit führt unsägliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an das andere . Hätte ich sprechen dürfen vor unserer Verbindung , wie mein Gefühl mich trieb , ich hätte mir selbst und auch dem theuersten Freunde meines Herzens all den Kummer erspart , der aus dem Gefühle entspringen mußte , daß ich ihn fortwährend über mich täuschte . Hätte ich auch später geredet , so wäre dann vielleicht die Innigkeit auch eingetreten , die mir den dornenvollen Pfad des Lebens erleichtert hätte , aber die Furcht , daß mein theurer Gemal das erste Verschweigen nicht verzeihen würde , schloß fortwährend meine Lippen , und wir wandelten durch meine Schuld zwar neben einander , aber nicht mit einander auf dem Pfade des Lebens . Der tiefe Schmerz über dieß Unglück und über mein Unrecht , wodurch es herbei geführt worden ist , bestimmt mich , alle erlittenen Qualen noch ein Mal durchzufühlen und diesen Blättern meine Leiden zu vertrauen , damit sie ein Mal , wenn auch erst nach meinem Tode , meinen Gemahl das Wesen ganz kennen lehren , das so unglücklich an seiner Seite wandelte und ach ! in der Verbindung mit ihm so glücklich hätte sein können , wenn sein früheres Leben sich hätte anders gestalten wollen . Sein großmüthiges Herz wird dann vielleicht meine Qual beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen . Ich muß , um über mich selbst vollkommenen Aufschluß zu geben , der Jugend meiner Eltern erwähnen . Mein Vater war in seiner Jugend ein schöner Mann ; er war einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn für liebenswürdig . Ich habe kein Urtheil darüber , denn ich habe ihn in so früher Kindheit verloren , daß sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dämmert . Er war Protestant , und die Aufklärung , die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten Menschen bemeisterte , ergriff auch ihn und ließ ihn in aller Religion nur eine weltliche Anstalt sehen , durch welche die Moralität des Volks erhalten und den Fürsten das Regieren erleichtert würde ; bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht ein , daß die Religion jemals ein Hinderniß seiner Wünsche sein könnte , und er überließ sich der Liebe zu meiner Mutter , ohne nur daran zu denken , daß sie der katholischen Kirche angehörte . Meine Mutter war von beschränkten Eltern geboren , und ihre Erziehung wurde durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet ; also war es begreiflich , daß sie nur einen Weg zur Seligkeit kannte und außerhalb ihrer Kirche nur Verderben erblickte . Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel , den einflußreichen Beichtvater für sich zu gewinnen , indem er mit jugendlichem Leichtsinn den beschränkten Priester hoffen ließ , die Verbindung mit meiner Mutter könne ihn wohl bestimmen , sich in den Schooß der katholischen Kirche in der Zukunft aufnehmen zu lassen ; nur jetzt , gab er zu verstehen , machten es ihm weltliche Rücksichten unmöglich , daran zu denken . Er erlaubte sich diese Falschheit ohne Vorwürfe seines Gewissens , denn ihm war die Religion überhaupt gleichgültig , und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel , seinen Zweck zu erreichen , wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter hinterging . Es ist natürlich , daß die Neigung meiner Mutter für meinen Vater mächtig in ihrem Herzen wuchs , da die Hoffnung sich damit verband , sein ewiges , wie sein zeitliches Glück zu begründen , und es ist begreiflich , daß auch die Eltern bald für einen Plan gewonnen wurden , den der Beichtvater unterstützte . Mein Vater hütete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und ließ alle Schritte geschehen , ohne eine andere Ansicht über die Religion der Kinder auszusprechen , die aus dieser Ehe entspringen könnten , als die , welche von seinen Schwiegereltern angenommen wurde , und diese glaubten , daß die Kinder eines Mannes , der selbst sich mit der katholischen Kirche vereinigen wollte , nicht anders , als in den Grundsäßen dieser Kirche erzogen werden könnten . Mit dieser Falschheit von der einen und Beschränktheit von der andern Seite wurde die Verbindung geschlossen , und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer Vermählung trotz der Beschränktheit des Geistes , in der man sie hatte aufwachsen lassen , daß an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei , und er verwundete ihr Herz , wenn er sich schonungslos darüber zu scherzen erlaubte , durch welche Mittel er sie gewonnen habe . Die Gesellschaft meines Vaters bestand aus jungen Leuten , die mehr oder weniger seinen Meinungen über Religion anhingen , und meine Mutter mußte oft Gespräche anhören , von denen sie in frommer Einfalt glaubte , ihr frevelhafter Inhalt müsse das Feuer des Zornes vom Himmel herunter auf die sträflichen Häupter der Leichtsinnigen rufen . Mit Schmerzen sah der Beichtvater , wie gröblich er sich hatte täuschen lassen , und die Eltern der unglücklichen Frau suchten durch fromme Werke den Himmel wegen ihres Irrthums zu versöhnen . In dieser Lage der Dinge wurde die Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Unglück betrachtet , denn man fürchtete mit Recht , daß auch die Kinder der katholischen Kirche würden entzogen werden und so auch diese Seelen verloren gehen würden . Indeß wurde es nothwendig , diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen , und wie man es befürchtet hatte , lachte mein Vater nur über die Hoffnung , daß er die Erlaubniß geben würde , seine Kinder katholisch zu erziehen . Man bediente sich selbst der List , um ihn dazu zu vermögen , sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfüllen , indem man ihm vorstellte , da ihm alle Religion gleichgültig sei , so könne er ja leicht zugeben , daß die Mutter , die sich nicht zu seinen Ansichten erheben könne , den Trost habe , daß die Kinder ihren Glauben theilten . Mein Vater stellte die weltlichen Nachtheile dagegen auf , die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse der katholischen Religion erwachsen müßten , und nach langem Unterhandeln konnte endlich nur mit Mühe erreicht werden , daß die Söhne der Religion des Vaters , die Töchter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten . Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor , das Kind , welches meine Mutter noch unter ihrem Herzen trug , möge eine Tochter sein , ganz entgegen den gewöhnlichen Wünschen der Familien , die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu erbitten pflegen . Auch diese Gebete erhörte der Himmel nicht , und das Entzücken der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt , als man ihr nach überstandener Qual den neugebornen Sohn hinreichte . Die Freude des Vaters war laut und heftig , ein glänzendes Fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen , und mit innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen Prediger die heilige Handlung verrichten . Der Beichtvater meiner Mutter tröstete sie mit dem Gedanken , daß noch nichts verloren sei , weil die Taufe , in welcher Kirche sie auch gefeiert werde , immer die gleiche Gültigkeit habe und es immer noch in der Macht meiner Mutter stände , die junge Seele dem wahren Heile zuzuwenden . Dieser Gedanke entzündete eine neue Hoffnung in der Brust der unglücklichen Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem Kinde zu , dessen Seelenheil sie gefährdet wähnte . Wenn sie in blinder Zärtlichkeit sich ganz dem Kinde hingab , alle seine Wünsche befriedigte , selbst die , welche der verkehrteste Eigensinn aussprach , so täuschte sie sich selbst und bildete sich ein , es geschähe , um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten , um ihn durch diese Liebe später zum wahren Heil zu leiten ; es entging ihr der Widerspruch , daß sie den später leiten wollte , von dem sie sich schon als Kind völlig beherrschen ließ . Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich , weil er ihn mit dem gewöhnlichen Stolz der Väter als Fortpflanzer seines Namens betrachtete , und weil er den Plänen der Mutter , die er gar wohl bemerkte , entgegen wirken wollte , und so kam es , daß dieses Kind im frühesten Alter der unumschränkte Gebieter des Hauses war , dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu betrachten sich gewöhnten . So verwöhnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden , und als meine Eltern die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu müssen glaubten , fühlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung , einem Kinde das Dasein zu geben . War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine Tochter inbrünstig gewesen , so wurden jetzt weder Gebete noch Gelübde gespart , und meine Mutter gelobte dem Himmel , Falls er ihr eine Tochter schenken würde , sie dem Dienste des Himmels zu weihen , um in ununterbrochenen Gebeten die Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen . Dieß Mal wurden ihre frommen Wünsche erhört , und ich Unglückliche erblickte das Licht des Tages . Meine Mutter empfing mich mit Entzücken in ihren Armen , aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mütterliche Brust , sondern als ein Sühnopfer , welches sie wähnte vom Himmel errungen zu haben ; nicht um mein selbst Willen widmete sie mir ihre Sorge und Pflege , sondern weil ich nun da war , um ein ganzes Leben hindurch für einen begünstigten Bruder zu beten . Auch mein Vater begrüßte meinen Eintritt in ' s Leben nicht mit Liebe ; er blickte mit Kälte auf mich , weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte , mich in der katholischen Kirche erziehen zu lassen , denn es ging ihm , wie vielen Freigeistern , die ich später kennen lernte , die alle Religion hinwegspotten wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht lösen konnten , in denen die Sekte sie hielt , in der sie geboren waren . War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders groß gewesen , so wurde um so stiller die heilige Handlung begangen , die mich auf katholische Weise zur Christin weihte . Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem Einflusse ihres Beichtvaters überlassen mußte , so gewöhnte er sich , mich von der Geburt an als ein seiner nicht würdiges Wesen anzusehen , und betrachtete um so mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigenthum , und so kam es denn , daß meine Erziehung von der frühesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde , daß ich dem Zwecke , wozu man mich bestimmte , einem Bruder das Heil zu erringen , einst vollkommen entsprechen könnte . Ich war kaum fünf Jahre alt , als ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde das Leben meines Vaters in Gefahr brachte . Es war ihm nicht entgangen , welche Pläne meine Mutter mit mir hatte , ob er gleich nicht ahnete , daß ich geopfert werden sollte , um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten ; da ich aber seinem Gefühl völlig fremd blieb und er alle Neigung allein seinem Sohne zuwendete , so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb , als meinem Bruder dadurch der ungetheilte Besitz des Vermögens gesichert wurde , welches durch die Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden . Da ihm der gefährliche Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte , ob er gleich von den Aerzten noch einige Zeit nach dem unglücklichen Sturze erhalten wurde , so richtete er sein Testament ganz zum Vortheile meines Bruders ein , und da meine Mutter während seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit Hülfe des Beichtvaters versucht hatte , so erregte dieß nicht nur seinen Zorn , sondern auch die Sorge , daß nach seinem Tode derselbe Eifer für die Seele meines Bruders sich zeigen würde , und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde , der meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte , damit , wie er unverholen äußerte , der Knabe nicht durch die Mutter den Händen der katholischen Priester übergeben werden möchte . Meine unglückliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes , daß sie den Mann ihrer Liebe verlor , ohne , wie sie meinte , seine Seele gerettet zu haben , und daß gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde , um dessentwillen sie nur noch lebte . Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmöglich gemacht wurde , unmittelbar für seine Bekehrung zu wirken , in welchem Gedanken sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte , so blieb nichts übrig , als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken , und ich wurde zu allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten . Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde , daß mein Leben dem Dienste Gottes im Kloster geweiht sei , so hegte ich selbst auch keinen andern Gedanken , und da meine Mutter den Einfluß lebensfroher Gespielen fürchtete , so erzog sie mich in völliger Einsamkeit ; ich sah beinah nur den Beichtvater und sie ; und als Grund für diese Zurückgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung zum Klosterleben angeführt , so daß ich nicht Theil nahm an den wenigen Gesellschaften , die meine Mutter besuchte , und auch das Gesellschaftszimmer verließ , wenn zuweilen Besuch bei uns erschien . Ich fügte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit ; ich lebte in Träumen , die meine Phantasie erzeugte ; ich bildete mir innerlich ein wunderbares , reiches Leben und hielt mich so für alle äußeren Entbehrungen schadlos . Mein lebhafter Geist , der mit nichts genährt wurde , mußte alle Beschäftigung in sich selber suchen und führte mich oft an die Gränze des Wahnsinnes , denn ich glaubte selbst an meine wachen Träume . Die einzige Störung dieses einsamen , träumerischen Lebens trat ein , wenn uns mein Bruder , von seinem Vormunde begleitet , besuchte . Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne , und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzählte , so regte sich zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust , Theil an seiner Freude zu nehmen . Auf meine Mutter machten diese Besuche , nach denen sie sich so heftig sehnte , jedes Mal den traurigsten Eindruck , und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden verdoppelt , um eine Bekehrung zu erflehen , die immer zweifelhafter zu werden schien . Mein Bruder hatte ungefähr das Alter von sechzehn Jahren erreicht , als ich bemerkte , daß sein Betragen gegen uns anders wurde . Er kam jetzt zuweilen allein , theils weil seinem Vormunde der Aufenthalt bei uns langweilig war , theils weil er glaubte , mein Bruder sei so befestigt in seinen religiösen Ansichten , daß die Mutter keinen Einfluß mehr auf ihn würde ausüben können . Diese Besuche gewährten dieser einen kaum mehr gehofften Trost ; mein Bruder spottete nicht mehr über meine Bestimmung , ja er konnte mit Bewunderung von der Heiligkeit eines einsamen , Gott geweihten Lebens sprechen ; er ließ in solchen Stunden meine arme Mutter hoffen , daß , sobald er das mündige Alter erreicht haben würde , er sich in den Schooß der katholischen Kirche würde aufnehmen lassen , und es bedurfte keiner großen Ueberredung , um die Mutter und den Beichtvater zu überzeugen , daß diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen gehalten werden müßten , damit dieser nicht den Sohn auf ' s Neue von der Mutter trennte . Die arme Frau hatte sich ohne große Kunst von dem Manne täuschen lassen , der ihre Liebe gewann , und ließ sich nun noch bereitwilliger von einem Knaben hintergehen . Sie bemerkte es nicht , daß sie diese frommen Aeußerungen jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen mußte , die mein Bruder von ihren Ersparnissen empfing . Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr mäßiges Einkommen bestimmt , da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren , so hatte sie durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel , und mein Bruder hatte nicht so bald Kenntniß von diesem Zuwachs , als er ihn für sich benutzte , durch eine Heuchelei , die der Beweis einer großen Schlechtigkeit gewesen wäre , wenn er diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dünkel für das Zeichen eines starken Geistes gehalten hätte , der sich erlauben dürfte , die Schwachheit einer bigotten Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen . So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten , ehe er sein mündiges Alter erreichte , und diese fing an die Entbehrungen zu fühlen , die sie sich aus Liebe für diesen Sohn selbst auferlegt hatte ; doch machte ihr dieß keinen Kummer , denn für mich war gesorgt , indem ich aus der Welt schied , und sie selbst konnte dann bei dem geliebten , geretteten Sohne den Rest des Lebens in heiliger Freude hinbringen . Ich war noch sehr jung , aber ich sah mit Befremden die bedenklichen Mienen , die mein Bruder zu solchen Träumen machte , wenn sie ihm mitgetheilt wurden . Ich war ungefähr funfzehn Jahr alt geworden , und meine Mutter fing sich an ernstlich darüber mit dem Beichtvater zu berathen , in welchem Kloster ich meine Probezeit hinbringen sollte , als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam und unserem Leben eine neue Wendung gab . Diese Tante hatte sich mit einem bedeutenden Vermögen , die Schönheit der Natur zu genießen , nach der Schweiz zurückgezogen ; sie war alt und kinderlos , und forderte meine Mutter auf , mit mir zu ihr zu kommen , damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen müsse , und versprach zugleich , wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig erfüllen wollte , sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen . Niemand unterstützte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder , und als meine Mutter