Erfahrung und Empfindung in heiteren Gesprächen auszuwechseln , Entferntes und Nächstgelegenes lebendig durcheinanderzumischen ; stets schenkten Sie mir nachsichtsvolles Gehör , wenn , wie es wohl dem jüngeren Manne , der eben erst in eine völlig neue Welt eintrat und vielfach Ursache findet , unzufrieden mit sich selbst zu sein , natürlich zu geschehen pflegt , sich auch bei mir ein inniges Bedürfnis regte , mich einer gemütvollen , geistreichen Frau bescheiden mitzuteilen , Ihnen meine Verehrung für jenes edle Haus im ersten glücklichen Erstaunen auszudrücken . Nun heute wieder , wie gerne möcht ich den Zustand meines Innern offen und gläubig vor Ihnen enthüllen , doch Ihr Verstummen verschüchtert mir das Wort auf meinen Lippen ! wie gerne würden Sie meiner Unruhe hülfreich entgegenkommen , doch wird es schwer , den Faden des Vertrauens so schnell wiederaufzunehmen . Wohlan , meine teure , meine hochverehrte Freundin , lassen Sie mich wenigstens einige Augenblicke der schönen Täuschung leben , als säßen wir noch so wie ehmals gegeneinander über ! Erlauben Sie , daß ich erzähle , was in der Zwischenzeit sich mit mir begeben , in mir verändert hat . Lassen Sie mich keine Absicht nennen , wozu dies Bekenntnis dienen soll . Es soll nur sein , als spräche ich zu einer Dame , von der ich weiß , sie nehme an meinem Schicksale allgemeinen heitern Anteil , und aus deren Munde eine günstige Divination meines künftigen Geschickes zu vernehmen mich hoch beglücken würde . « Mit sanftem Lächeln forderte sie den Maler zu reden auf indem sie sagte : » Sie sollen eine emsige Zuhörerin haben , und was ihr an Prophetengabe mangelt , werden die redlichsten Wünsche für Ihr Wohl ergänzen . « Somit war Theobald im Begriff , seine Sache mit Agnesen , und wie sie sich durch Larkens ' Tätigkeit neuerdings umgestaltet , weitläufig darzulegen , und ebendamit auf indirekte Weise sich gegen Constanze zu rechtfertigen . Aber in dem Augenblick , da er beginnen will , überrascht ihn die ganze Schwierigkeit seiner Aufgabe und es tat wahrlich not , daß ihm der gute Geist noch schnell genug ein bequemes Mittel , sich aus dieser Verlegenheit zu retten , eingab , worauf er sagte : » So vermessen es sein würde , in Rätseln zu Ihnen reden zu wollen , so wenig kann es schaden , wenn ich zuvörderst , um die Kluft , welche sich zwischen uns gelegt hat , erst nach und nach und nur von weitem auszufüllen , dasjenige , was nun zu sagen ist , mit veränderten Namen in eine allgemeine Darstellung einkleide ; so werde ich unbefangner reden , ohne deshalb unverständlicher oder der Wahrheit ungetreu zu sein . « Sofort wurde denn das Verlobtenverhältnis eines Antonio zu Clementinen , von seiner ersten Entstehung bis zu dem drohenden Zerfall , es wurde das ungeheure Irrsal , wozu Elisabeth Veranlassung gegeben , in allen seinen Wendungen entwickelt . Einer Cornelia ward gedacht , Antonios Leidenschaft für diese nicht verhehlt , jedoch nur als einseitig zugegeben . Ein Mime Hippolyt löst heimlich den fatalen Knoten , doch daß er dies und wie er es auch bei Cornelien tat , davon schweigt Nolten mit Bedacht , als wenn er selbst nicht darum wüßte . Er hatte sich Zeit zu seiner Erzählung genommen , um so mehr , als er das gespannteste Interesse bei seiner Nebensitzerin wahrnahm ; auch wurde er , wie wohl zu merken war , vollkommen gut verstanden . Die ganze Geschichte , an sich abenteuerlich und unglaublich , gewann durch einen gewandten und lebhaften Vortrag die höchste Wahrheit . Endlich war er fertig , und nach einigem Stillschweigen versetzte die Gouvernantin ( während sie ihn mit einem Blick ansah , worin er ihren Dank für die zarte Schonung lesen sollte , die er gegen ihre Freundin und gewissermaßen gegen sie selbst mit seiner Fabel beobachtet hatte ) : » Meint man doch wahrlich ein Märchen zu hören , so bunt ist alles hier gewoben ! « » Es stehen Beweise für die Wahrheit zu Dienste « , erwiderte Theobald ; » ja ich erbitte mir ausdrücklich die Erlaubnis , Ihnen dieser Tage einige Papiere vorlegen zu dürfen , welche Sie jedenfalls mit Interesse durchlaufen werden . « » Vielleicht « , antwortete die Gouvernantin , » kann ich anderwärts Gebrauch davon machen , der Ihnen wünschenswert sein dürfte . « » Was Sie tun werden , Gnädigste , habe meinen innigsten Dank voraus ! « versetzte Nolten mit einiger Hast , indem er ihr die Hand mit Ehrfurcht küßte . Sie war indessen nachdenklich geworden . Unvermerkt lenkte sie das Gespräch auf die Gräfin und es traten ihr Tränen in die Augen . » Leider muß ich Ihnen sagen , lieber Nolten « , fuhr sie fort , » es ist bei Zarlins seit einiger Zeit gar viel anders geworden ; auch unsre Kränzchen haben aufgehört . Constanze ist nicht mehr die sie war , ein seltsamer Gram wirft sie nieder . Lange wußte niemand die Ursache , selbst ich nicht , und mit Unrecht schrieb man alles körperlichem Leiden zu , denn freilich leidet ihre Gesundheit mehr als je . Aber Gott weiß , wie alles zusammenhängt . Vorgestern nachts , als ich allein vor ihrem Bette saß , sprach sie halb in der Hitze des Fiebers , halb mit Bewußtsein dasjenige aus , wovon ich glauben muß , daß es wo nicht der einzige , doch immer ein Grund ihres angstvollen Zustandes sei . « Nolten , den diese Worte eine rasche und voreilige Ahnung erweckten , tat sehr wohl , noch an sich zu halten , denn sogleich kam es ganz anders , als er erwartet haben mochte . » Ich bin überzeugt « , fuhr die Gouvernantin fort , » es handelt sich bloß um einen wunderlichen Zufall , um eine Kleinigkeit , worüber mancher lächeln würde ; gleichwohl ist jetzt sehr viel daran gelegen , und - werden mich völlig darüber aufklären können . - Sie haben ein Gemälde , worauf eine Frau abgebildet sein soll , welche die Orgel spielt ? « » Ganz recht . « » Sagen Sie doch , welche Bewandtnis hat es mit dem Bilde ? Kennen Sie eine solche Person ? Ist sie in der Wirklichkeit vorhanden ? « Nolten war durch die Frage natürlich frappiert . Er hatte , wie der Leser weiß , in der Skizze , die bei dem Gemälde zugrunde gelegen , jene Wahnsinnige kenntlich genug gezeichnet , ja er hatte noch auf Tillsens ausgeführtem Tableau dem merkwürdigen Kopfe durch wenig beigefügte Striche die äußerste Ähnlichkeit gegeben . Constanzen war das Bild immer sehr wichtig gewesen und Nolten erinnerte sich jetzt plötzlich des Traumes , den sie ihm damals mit so großer Bewegung entdeckt . Er sagte nun der Gouvernantin : daß , wenn er vorhin in seiner Erzählung von einer Zigeunerin gesprochen , ebendiese das Original zum Bilde des weiblichen Gespenstes sei . » Sonderbar ! « sagte die Gouvernantin , » sehr sonderbar ! - Wissen Sie nicht , ob die Person sich neuerdings in hiesiger Stadt gezeigt hat ? « » Vor etwa einem Monat wollen meine Freunde sie hier gesehen haben . « » Nun , Gott sei Dank ! « rief die Gouvernantin aus , » so ist es doch wie zu vermuten war ; so darf mir doch nun die Arme Trost und Vernunft nicht länger bestreiten ! « » Wer ? « fragte Theobald , » wer sah denn - ? doch nicht die Gräfin ? « » Nun ja ! « » Himmel , und wo ? « » In der Kirche . « Jetzt rief der Maler sich auf einmal einen Umstand ins Gedächtnis , den man sich vor mehreren Wochen in der Stadt erzählte und woraus er damals nicht eben sonderlich viel zu machen wußte . Constanze hatte nämlich , bei nicht völligem Wohlsein , sonntags die Frühkirche besucht und während des Gottesdienstes den sonderbaren Zufall gehabt , daß sie plötzlich mit einem für die Zunächstsitzenden sehr vernehmlichen Laut des heftigsten Schreckens bewußtlos niedersank . Sie mußte nach Hause getragen werden , wo sie sich in kurzem zu erholen schien . Die wahre Ursache des Unfalls blieb durchaus Geheimnis . In der Kirche selbst wollten einige bemerkt haben , daß die Gräfin unmittelbar , bevor sie ohnmächtig geworden , den Blick starr nach dem offenstehenden Haupteingang gerichtet , wo sich mehreres gemeine Gassenvolk unter die Türen gepflanzt hatte . Niemand aber gewahrte unter dieser bunten Gruppe den Gegenstand einer so außerordentlichen Apprehension , niemand war versucht , denselben in der gleichwohl stark genug hervorragenden Gestalt einer Zigeunerin zu suchen . Es war bei Theobald nun gar kein Zweifel mehr , daß jenes ungeheure Wesen , so wie einst bei Agnesen mit Absicht , so nun hier bei der Gräfin unwillkürlich ihn abermals verfolgte . Es fing dieser Eigensinn des Schicksals ihm nachgerade ängstlich zu werden an . Er hatte Mühe , seine Gedanken davon loszumachen , und auf die Gegenwart , auf Constanzen zurückzulenken . Ihr Zustand bekümmerte ihn sehr ; denn aus allem , was die Gouvernantin von eigenen Äußerungen Constanzens wiederholte , ging hervor , daß das Entsetzen über die Erscheinung in der Kirche unmittelbar mit jenem Traume zusammenhing , und daß die Gräfin seit diesem Auftritte mit heimlichen Gedanken an einen frühen Tod umgehe . Der Maler versank in stilles Nachdenken , und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust . Wie vieles , dachte er , muß hier zusammengewirkt haben , um den hellen und festen Geist dieses Weibes zu betören ! Wie sehr ist nicht zu glauben , daß dies Gemüt lange zuvor mit sich selbst uneins gewesen sein müsse , eh solche Träume es gefangennehmen konnten ! Er enthielt sich nicht , dergleichen gegen die Gouvernantin zu äußern , die ihm mit traurigem Kopfnicken beistimmte . Sie sah ihn an , und sagte : » Vergessen wir nicht , unsre Freundin ist krank , und - krank in mehr als einem Sinne . « Ein Besuch , welcher in dem Augenblick angesagt wurde , nötigte Theobalden zum Aufbruch . Er empfahl sich mit der Bitte , in diesen Tagen nochmals erscheinen zu dürfen . Die versprochenen Papiere sandte er noch denselben Abend nach , jedoch mit Auswahl , und namentlich ward jene Nachschrift zu Larkens ' Brief mit schonendem Bedacht zurückbehalten . Obgleich er sich die Unterredung mit der Gouvernantin in gewissem Betracht nicht besser hätte wünschen können , denn eine vollständige Ausgleichung des widerwärtigsten Mißverständnisses war damit auf das sicherste eingeleitet , so war er doch seitdem von einer unbegreiflichen Unruhe umgetrieben . Er konnte den Tag nicht erwarten , an dem er endlich die Stadt würde verlassen können . Unverzüglich fing er daher an , seine Anstalten zur Abreise zu treffen , besorgte die Angelegenheiten seines Freundes , und machte nur die notwendigsten Besuche ab , da ihm ein ungehöriges , obwohl aufrichtiges Mitleid , womit man überall den Scheidenden betrachten zu müssen glaubte , allzu verdrießlich fiel . An den Herzog richtete er ein allgemein verbindliches Billett , das er nicht ohne ein Lächeln zusammenfalten konnte , weil es ihm diesmal gelungen war , mit mehreren Worten so viel wie nichts zu sagen . Am herzlichsten entließ ihn Tillsen und der Hofrat , welch letzterer ihm in den wunderbarsten Ausdrücken eine nie genugsam ausgesprochene Neigung auf einmal verraten zu wollen schien , indem er zugleich auf ein besonderes Verhältnis anspielte , das längst zwischen ihnen beiden bestünde , und welches zu entdecken er sich bis auf diese Stunde nicht habe entschließen können ; auch jetzt überrasche ihn der Abschied des Malers dergestalt , daß er notwendig eine andere Zeit abwarten müsse . Theobald , welcher den Alten von jeher im Verdacht gehabt , als ob er mit einiger Schalkheit gerne den Geheimnisvollen spiele , achtete wenig auf diese dunkeln Winke , obgleich dem guten Manne die Rührung sichtlich aus den Augen sprach . Sein letzter Ausgang am Schluß der vielgeschäftigen Woche war zu der Gouvernantin . Unglücklicherweise war eben Gesellschaft dort und die liebenswürdige Frau konnte ihm nur wenige Augenblicke allein auf ihrem Zimmer schenken . Sie zog einen versiegelten Brief hervor und sagte : » Ihre neulichen Mitteilungen haben der Gräfin ein unerwartetes Licht gegeben , von dessen erster erschütternder Wirkung ich jetzt nichts sage . Ich danke Gott , daß dieser Kampf vorüber ist . Empfangen Sie hier das letzte Wort von unsrer Freundin . Seitdem sie den Entschluß gefaßt , sich Ihnen zu offenbaren , ist endlich ein Schimmer von Frieden bei ihr eingetreten , den zu befestigen ich mir nach Kräften angelegen sein lasse . Nur was dies Blatt betrifft , so darf ich nicht verschweigen , daß es im ersten Schmerz geschrieben wurde , wo es schien , als ob sie nur im ungemessensten Ausdrucke ihrer Schuld einige Erhebung und ein willkommenes Mittel gegen völlige Verzweiflung habe finden können . Schließen Sie also aus diesem Briefe nicht auf ihren Zustand überhaupt , den sicherlich die Zeit auch heilen wird . Vielleicht erkennen Sie in diesen Linien , deren Inhalt ich wohl ahnen kann , noch jetzt das schöne Herz , das sein Vergehn mehr als genug empfindet . Gewiß , ich darf das sagen , ohne eben entschuldigen zu wollen - ach leider , daß ich es nicht kann ! Aber wie gerne wollen wir der Armen alles vergessen , wenn sie nur erst ihre Ruhe wiedergewonnen hätte ! O wüßten Sie , Nolten , welche traurige Besorgnisse mir die Richtung einflößte , der sich ihr Geist starrsinnig hinzugeben drohte . Und noch bin ich nicht aller Sorge los . Zu oft noch seh ich ihren Blick nach jener trüben Seite hingekehrt , von wo sie sich ein frühes Grab verkündigt glaubte . Denn selbst durch Ihre freundschaftlichen Aufschlüsse , sosehr sie uns zustatten kamen , konnte diese Vorstellung nicht ganz zerstört werden . Freilich sieht sie nun alles bis auf einen gewissen Grad natürlich an , weil aber doch etwas Außerordentliches an dem Zusammentreffen der Begebenheiten nicht zu leugnen und jener frühere Eindruck auch nicht so schnell auszutilgen ist , so kann sie den Gedanken an eine solche Vorbedeutung nicht von sich wegbringen . Aber lassen Sie mich abbrechen , eh ich weich werde , und ins Klagen falle . Wie sehr bedaure ich , daß Sie eben jetzt so eilig von uns müssen - und doch , es wird auch wieder gut für beide Teile sein . Und nun « ( sie ging an einen Schrank und holte ein schönes Futteral hervor , das sie ihm in die Hand drückte ) , » zwei Freundinnen bitten , dies zu dem Hochzeitsschmuck der lieben Braut zu legen und ihr zu sagen , wie sehr sie in der Ferne gekannt , wie schwesterlich geliebt sie sei . Leben Sie wohl , und denken gerne mein . « Ehe Theobald noch recht zu danken wußte , hatte sie sich bereits , ihre steigende Bewegung zu verbergen , leise zurückgezogen . Eilig ging er nach seiner Wohnung , aufs höchste erstaunt über die rätselhaften Dinge , die er soeben gehört . War es denn nicht , als sollte ihm ein Verbrechen Constanzens entdeckt werden ? Sprach nicht die Gouvernantin so , als wüßte er bereits darum ? - Auf seinem Zimmer angekommen , verschloß er hinter sich die Tür und las wie folgt : » Nicht einen letzten Blick der Neigung , kein Auge des Mitleids sollen Sie diesem Blatte gönnen , das von dem jammervollsten , ach zugleich von dem unwürdigsten Weibe kommt ; denn ( davon hatten Sie bis diesen Augenblick noch keine Ahnung ) so wie mein Unglück , ist auch meine Schuld ohne Grenzen . Nie kann ich hoffen , Sie mir zu versöhnen , ja wäre das möglich , ich kann keine Vergebung , auf ewig keine , von mir erhalten . Aber die Strafe , die ich schrecklich genug im eigenen Bewußtsein trage , bin ich im Begriff aufs höchste zu schärfen , indem ich meinen Frevel vor Ihnen enthülle , indem ich freiwillig Ihre ganze Verachtung , Ihren gerechtesten Haß auf mich ziehe . Was hält mich ab vom entehrendsten Bekenntnis ? Ist man noch eitel , ist man noch klug , sucht man ängstlich noch einigen Schein für sich zu bewahren , wenn man einmal sich selbst zu verachten einen verzweifelten Anfang gemacht hat ? Gleichgültig verzicht ich auf die kleinen Künste , womit wir Armen sonst in solchen Fällen der Bedrängnis uns vor uns selbst und vor Ihrem Geschlechte beschönigen . Hinweg damit ! Dem besten , dem edelsten Manne zeige sich , ganz wie es ist , das elende Geschöpf , das ihn so unerhört betrogen . - Erfahren Sie ' s also , Constanze war ' s , durch deren Tücke Ihnen Ihr harmloser Anteil an jener letzten Abendunterhaltung in unserem Hause so schwer zu stehen kam , und - so wollte es die Wut eines Weibes , dessen entschiedene Liebe sich beispiellos hintergangen wähnte - ich hätte vielleicht , o ich hätte gewiß , wär es in meiner Macht gestanden , die Grausamkeit aufs äußerste getrieben . Der Himmel fand noch zeitig ein wunderbares Mittel , mich einzuschrecken , mich zu züchtigen . Nun auf einmal zum törichten Kinde verwandelt , von Göttern und Geistern verfolgt , eilt ich in meiner Herzensnot , Sie zu befreien . Es gelang , und durch dieselbe Hand zwar , an die ich Sie zuerst verraten . O Schande , Schande mein kurz gemeßnes Leben reicht nicht hin , sie zu beweinen , wie sie es verdient , und - nein ich schweige ; daß Sie nicht etwa denken , ich gehe darauf aus , durch übertriebne Selbstanklagen mir einen Funken gerührter Teilnahme zu erschleichen , so entsag ich der Wollust , mich jetzt im Staube vor Ihnen zu winden . Aber hassen Sie , verdammen Sie mich keck , ja dürft ich mein ganzes Geschlecht wider mich aufrufen , möchten die Besten desselben mich fremd aus ihrer Mitte weisen ! das härteste Gericht , dürft ich ' s erdulden , damit ich doch den einzigen Trost genösse , meine Buße vollendet zu sehen , eh mein beflecktes Dasein sein Ende erreicht ! Gott , du Gerechter , weißt , ob ich mich solcher Missetat je fähig halten konnte , bevor du mir diese Versuchung bereitet ! Doch daß ich sie so schlecht bestand , das öffnet mir schaudernd die Augen über mich selbst , über mein gesamtes Wesen . Die schönen Stunden auch , wo mich die Liebe mit Hoffnungen der glücklichsten Zukunft täuschte und eine fromme Weihe über mein kommendes Leben harmonisch zu verbreiten schien - mit Tränen sag ich mir , daß selbst der Wert so reiner Augenblicke , so himmlischer Entschlüsse , nichtswürdig in jenem ungeheuern Abgrunde verschwindet , den dieses Herz , sein selbst unkundig , mir bis daher verbarg . Nun ich mich aber kenne , nun , Gott sei gepriesen , weiß ich auch , wohin mein Trachten gehen muß . Doch davon red ich Ihnen nicht , ich habe das mit einem Höhern . Nehmen Sie meinen Dank für die Mitteilungen an die Niethelm ; sie sind mir treulich zugekommen . Ich wäre verloren gewesen ohne sie ; drum tausend , tausend Dank für die Barmherzigkeit ! Aber mit welchen Empfindungen hab ich zugleich in die Wege blicken müssen , in denen Ihr Geschick Sie führte ! Nur eine Heilige wie Agnes , wird mit Kinderhänden den wunderbaren Schieier lüpfen , der über Ihrem Schicksal liegt . In diesem herrlichen Geschöpf fürwahr ist Ihnen die Befriedigung Ihres höchsten Strebens aufbehalten . - Leben Sie wohl ! wohl ! Ach aus dem tiefsten Grund der Seele wünsch ich , fleh ich , es möge Ihnen wohl ergehen . Welch einen Trost ich darin für mich suche , ahnet Ihnen kaum . Und dürft ich nur einmal im Leben Agnesen umarmen , den Engel , den ich preise ! Sie ist die Glücklichste auf Erden , ich aber bin die erste , die dieses Glück ihr gönnt . Lebt beide wohl , Ihr Teuren , und laßt mich ; Ärmste für Euch beten . « Wir lassen nun über dem bisherigen Schauplatze von Noltens Leben den Vorhang fallen , und wenn er jetzt sich aufs neue hebt , so treffen wir den Maler bereits seit zweien Tagen auf der Reise begriffen . Wohin er seinen Weg nehme , fragen wir nicht erst . Wir denken uns übrigens wohl , daß eben nicht die leidenschaftliche Wonne des Liebhabers , wie man sie sonst bei solchen Fahrten zu schildern gewohnt ist , auch nicht die bloße kühle Pflicht es sei , was ihn nach Neuburg führt ; es ist vielmehr eine stille Notwendigkeit , die ihn ein Glück nur leise hoffen heißt , welches leider jetzt noch ein sehr ungewisses für ihn ist . Denn eigentlich weiß er selbst nicht , wie alles werden und sich fügen soll . Beharrlich schweigt sein Herz , ohne irgend etwas zu begehren , und nur augenblicklich , wenn er sich das Ziel seiner Reise vergegenwärtigt , kann ein süßes Erschrecken ihn befallen . Er hat mit seinem muntern Pferde schon in der vierten Tagreise das Ende des Gebirgs erreicht , das die Landesgrenze bezeichnet und von dessen Höhe aus man eine weite Fläche vor sich verbreitet sieht . Es war ein warmer Nachmittag . Gemächlich ritt er die lange Steige hinunter und machte am Fuß derselben Halt . Er führte sein Pferd seitwärts von der Straße , band es an eine der letzten Buchen des Waldes , wo zwischen kleinem Felsgestein ein frisches Wasser vorquoll . Er selber setzte sich auf eine erhöhte , mit jungem Moos bewachsene Stelle und schaute auf die reiche Ebene , welche in größerer und kleinerer Entfernung verschiedene Ortschaften und die glänzende Krümmung eines ansehnlichen Flusses zeigte . Ein Schäfer zog pfeifend unten über die Flur , überall wirbelten Lerchen , und Schlüsselblumen dufteten in nächster Nähe . Den Maler übernahm eine mächtige Sehnsucht , worein sich , wie ihm deuchte , weder Neuburg , noch irgendeine bekannte Persönlichkeit mischte , ein süßer Drang nach einem namenlosen Gute , das ihn allenthalben aus den rührenden Gestalten der Natur so zärtlich anzulocken und doch wieder in eine unendliche Ferne sich ihm zu entziehen schien . So hing er seinen Träumen nach und wir wollen ihnen , da sie sich von selbst in Melodieen auflösen würden , mit einem liebevollen Klang zu Hülfe kommen . Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel , Die Wolke wird mein Flügel , Ein Vogel fliegt mir voraus . - Ach sag mir , alleinzige Liebe , Wo du bleibst , daß ich bei dir bliebe ! Doch du und die Lüfte haben kein Haus . Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen , Sehnend Sich dehnend In Lieben und in Hoffen . Frühling , was bist du gewillt ? Wann werd ich gestillt ? Die Wolke seh ich wandeln und den Fluß , Es dringt der Sonne goldner Kuß Mir tief bis ins Geblüt hinein ; Die Augen , wunderbar berauschet , Tun als schliefen sie ein , Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet . Ich denke dies und denke das , Ich sehne mich , und weiß nicht recht , nach was ; Halb ist es Lust , halb ist es Klage . Mein Herz , o sage , Was webst du für Erinnerung In golden grüner Zweige Dämmerung ? Alte , unnennbare Tage ! Aber nicht allzulange konnte sich das Gefühl unseres Freundes in so allgemeinem Zuge halten . Er nahm eine alte Locke Agnesens vor sich , es lag neben ihm im Grase blitzend das kostbare Kollier der Gräfin ( denn dies war der Inhalt jenes zierlichen Futterals ) , der Brief des Schauspielers ruhte auf seiner Brust . Zärtlich drückte er alle diese Gegenstände an seinen Mund , als hätten sie sämtlich gleiches Recht an ihn . Ein leichter Regen begann zu fallen und Theobald erhob sich . Wir lassen ihn seine Straße ungestört fortziehn und sehen ihn nicht eher wieder , bis er mit dem vierten Sonnenuntergang im letzten Dorfe angelangt ist , wo man ihn versichert , daß er von hier nur noch drei kleine Stündchen nach Neuburg habe . Auf dieser letzten Station wollte er übernachten , sich zu stärken , sich zu sammeln . Er tat dies nach seiner Art mit der Feder in der Hand und legte sich sodann beruhigt nieder . Der Morgen graute kaum und der Mond schien noch kräftig wie um Mitternacht , als Theobald den Ort verließ . So wie der Tag nun unaufhaltsam vordrang , zog sich die Brust des Freundes enger und enger zusammen ; aber der erste Blitz der Sonne zuckt jetzt im roten Osten auf und entschlossen wirft er allen Kleinmut von sich . Mit einer unvermuteten Wendung des Wegs öffnet sich ein stilles Tal , das gar kein Ende nehmen will , aus ihm entwickelt sich ein zweites und drittes , so daß der Maler zweifelt , ob er das rechte wähle ; doch ritt er zu , und die Berge traten endlich ein wenig auseinander . » Herz , halte fest ! « ruft er laut aus , da er auf einmal den Rauch von Häusern zu entdecken glaubt . Er irrte nicht , schon konnte man des Försters heitere einstockige Wohnung mit ihren grünen Läden , einzeln an die Seite des Bergs hinaufgerückt , unweit der Kirche , liegen sehn . » Herz , halte fest ! « klingt es zum zweitenmal in seinem Innern nach , da ihn die Gassen endlich aufnahmen . Er gab sein Pferd im Gasthof ab , er eilte zum Forsthaus . » Herein ! « rief eine männliche Stimme aufs Klopfen an der Tür . Der Alte saß , die Füße in Kissen gewickelt , im Lehnstuhl und konnte vor Freudeschrecken nicht aufstehn , selbst wenn das Podagra es erlaubt hätte . Wir sagen nichts vom hellen Tränenjubel dieses ersten Empfangs und fragen mit Nolten sogleich nach der Tochter . » Sie wird wohl « , ist die Antwort , » ein Stückchen Tuch drüben auf den Kirchhof zur Bleiche getragen haben ; die Sonne ist gar herrlich außen ; gehn Sie ihr nach und machen ihr gleich die köstliche Überraschung ! Ich kann nicht erwarten , euch beieinander zu sehn ! Ach mein Sohn ! mein lieber trefflicher Herr Sohn ! sind Sie denn auch noch ganz der alte ? Wie so gar stattlich und vornehm Sie mir aussehen ! Agnes wird Augen machen ! Gehn Sie , gehn Sie ! Das Kind hat keine Ahnung . Diesen Morgen beim Frühstück sprachen wir zusammen davon , daß heute wohl ein Brief kommen würde , und nun ! « - Theobald umarmte den guten Mann wiederholt und so entließ ihn der Alte . Im Vorbeigehn fiel sein Blick zufällig in die Kammer der Geliebten , er sah ein schlichtes Kleid von ihr , das er sogleich wiedererkannte , übern Sessel hängen ; der Anblick durchzückte ihn mit stechender Wehmut , und schaudernd mußte sein Geist über die ganze Kluft der Zeiten hinwegsetzen . Der Weg zum Kirchhof hinter dem Pfarrhaus zwischen den Haselhecken hin , wie bekannt und fremd war ihm alles ! Das kleine Pförtchen in der Mauer stand offen ; er trat in den stille grünenden Raum , der mit seinen ländlichen Gräbern und Kreuzen die bescheidene Kirche umgab . Begierig und schüchtern sucht er die Gestalt Agnesens ; hinter jedem Baum und Busch glaubt er sie zu erspähen ; umsonst ; seine Ungeduld wächst mit jedem Atemzug ; ermüdet setzt er sich auf eine hölzerne Bank unter den breiten Nußbaum und überschaut den friedsamen Platz . Die Turmuhr läßt ihren festen Perpendikeltakt vernehmen , einsame Bienen summen um die jungen Kräuter , die Turteltaube gurret hie und da , und , wie es immer keinen unerfreulichen Eindruck macht , wenn sich unmittelbar an die traurigen Bilder des Todes und der Zerstörung die heitere Vorstellung eines tätig regsamen Lebens anknüpft , so war es auch hier wohltuend für den Beschauer , mitten auf dem Felde der Verwesung einzelne Spuren des alltäglichen lebendigen Daseins anzutreffen . Dort hatte der benachbarte Tischler ein paar frisch aufgefärbte Bretter an einen verwitterten Grabstein zum Trocknen angelehnt , weiter oben blähten sich ein paar Streifen Leinwand in der lustigen Frühlingsluft auf dem Grasboden , und von ganz eigener Rührung mußte Theobald ergriffen werden , wenn er dachte , welche Hände dieses Garn gesponnen und sorglich es hieher getragen , wie manche Stunde des langen Tages und der langen Nacht das treuste der Mädchen unter wechselnden Gedanken an den Entfernten , in hoffnungsreichem Fleiße , mit dieser Arbeit hingebracht , während er , in übereiltem Wahne , mit sündiger Glut eine fremde Neigung pflegte . Jetzt hatte er kein Bleibens mehr an diesem Ort , und doch konnte er den Mut auch nicht finden , Agnesen geradezu aufzusuchen ; er trat unschlüssig in den Eingang der Kirche , wo ihn eine angenehme Kühle und , trotz der armseligen Ausstattung , ein feierlicher Geist empfing . Haftete doch an diesen braunen abgenützten Stühlen , an diesen Pfeilern und Bildern eine unendliche Reihe frommer Jugendeindrücke , hatte doch diese kleine Orgel mit ihren einfachen Tönen einst den ganzen Umfang seines Gemüts erfüllt und es ahnungsvoll zum Höchsten aufgehoben , war doch dort , der Kanzel gegenüber , noch derselbe Stuhl , wo Agnes als ein Kind gesessen , ja den schmalen Goldstreifen Sonne , der soeben die Rücklehne beschien , erinnerte er sich wohl an manchen Sonntagmorgen gerade so gesehen zu haben ; in jedem Winkel schien ein holdes Gespenst der Vergangenheit neugierig dem Halbfremden aufzulauschen und ihm zuzuflüstern : Siehe , hier ist sich am Ende alles gleichgeblieben , wie ist ' s indessen mit dir gegangen ? Zur Emporkirche stieg