Glanze der glücklichsten Stellung bewundert , verehrt , gesucht , gesehen ; neben ihr auf dem Rasen gesessen , mit ihr gelacht , und alle Ausfälle neckender Laune über mein Reiseproject erduldet . Und nun ! Ich konnte mich nicht einer Aufwallung von Mitleid mit der jungen , reizenden Frau erwehren . Es war mir ganz unbegreiflich , wie gerade sie zu der sentimentalen Schwärmerei kam ! Viel nachsichtiger als zuvor gegen sie gestimmt , bot ich ihr den Arm . » Ich danke Ihnen , « sagte sie mit kurzem Kopfnicken , mehr höflich als freundlich . » Sie wissen wohl von unsern ehemaligen Spatziergängen her , « fügte sie hinzu , » ich gehe lieber allein , man ist so freier . « Ich lächelte . Sie that nicht , als wenn sie es bemerkte . Ihr lag sichtlich daran , eilig nach Hause zu kommen . Sie sprang auch eine Strecke vor mir her die Treppe hinauf . Ihre Eile mußte meine Mutter befremden , die schon im Vorsaale stand , uns zu empfangen . Sie machte ein peinliches Gesicht , und sah verlegen nach mir hin , als fürchte sie , ich könne Elise gekränkt haben . Doch diese sah sich nicht sobald von einem tête-à-tête mit mir befreit , als sie unbefangen an dem Frühstück Theil nahm , und sich von Italien erzählen ließ . Man merkte aber nicht , daß sie sich Gewalt anthue ; doch nach einer Weile ward sie zerstreut . Sie rückte sich tiefer in das Sopha hinein , schlug die Arme übereinander , lehnte den Kopf zurück , ohne länger das Ansehen haben zu wollen , als interessire sie , was gesprochen ward . Auf eben diese Art wandte sie sich auch , während einer Pause , wie plötzlich von einer Empfindung getrieben , zu meiner Mutter , faßte sie bei der Hand , indem sie gerührt sagte : » Liebe Tante , es war mein Vorsatz von Anfang an , Sie meinetwegen in keine Verlegenheit zu setzen . Deshalb wollte ich Ihr Haus vor Curds Ankunft verlassen . Glauben Sie nur , ich weiß genau , wie unsicher er mit mir ist , und wie Sie das ängstigt . Ich würde mich auch jetzt gleich auf den Weg machen , und nicht so schwankend zwischen Mutter und Sohn , bei dem ersten Wiedersehen nach langer Trennung , stehen bleiben . Allein , ehrlich gesagt , weiß ich nicht recht , wohin ich mich sogleich schicklicher Weise wenden könnte ? und dann fürchte ich auch , Ihnen , liebe Tante , wehe zu thun . « Wir hatten vergeblich gesucht , sie zu unterbrechen . » O ! « rief sie aus , » ich fühle wohl , was Sie mir erwiedern müssen , was Sie auch in dieser Minute aus Ueberzeugung erwiedern werden , allein das ist doch alles nicht von Bestand . Es können tausend unzuberechnende Zufälligkeiten eintreten , von denen eine einzige hinreicht , Verdruß zu erregen . Wer Aergerniß gegeben hat , darf sich nicht wundern , wenn man sich über ihn ärgert , und besonders ein Weltmensch , wie Ihr Sohn , liebe Tante , der verzeiht nichts so schwer , als einen Eclat , der nicht niederzuschlagen ist . Ich habe die ganze Nacht die Sache hin und her erwogen , ohne etwas anders auszumitteln , als daß wir einander aus gegenseitiger Rücksicht soviel als möglich aus dem Wege gehen müssen . « » Um Alles in der Welt , Kind ! « fiel meine Mutter ihr ins Wort , » wie verstehst Du das ? Soll es von mir heißen , ich habe einen Gast in meinem Hause , und vernachläßige meine Schuldigkeit gegen ihn ? oder wollen mich die Leute glauben machen , Deine Familie habe Dich auch verstoßen , weil Du zu gewissenhaft und zu lebhaft warst , da zu schweigen , wo es keinen andern Kläger gegen Dich gab , als Dich selbst ? Einander aus dem Wege gehen ! auf dem Lande in einem Hause ! Du bedenkst die Unmöglichkeit nicht . « Elise umarmte sie begütigend . » Gute , beste Tante , « sagte sie , » mißverstehen Sie mich nicht , als wolle ich mich Ihrer Gesellschaft völlig entziehen . Bewahre mich der Himmel vor solcher Undankbarkeit . Allein jetzt , da Sie bessere Unterhaltung haben , geben Sie nicht allzu genau darauf Acht , wenn ich einmal an Ihrem Tische fehle , mein Zimmer Ihnen verschlossen bleibt , oder ein langer Spatziergang mich weiter von hier entfernt , als es gewöhnlich geschieht . Lassen Sie mich kommen und gehen , ohne Arges dabei zu haben . Begegnen wir einander , so verdenken Sie mir ' s nicht , wenn ich zurückbleibe , oder nicht Ihren Weg nehme . Denken Sie dann , daß ich es scheue , Ihnen lästig zu werden , und auch unfähig sei , mich gerade jetzt zu beherrschen . « Ich versicherte sogleich , ihre Aeusserungen möglichst leicht nehmend , daß sie von mir keine Belästigung zu fürchten habe , und da mein Aufenthalt überhaupt nur von kurzer Dauer sei , so hoffe ich , solle sie der nicht belästigen . Sie sah bei diesen Worten überrascht und ungewiß zu mir auf . Doch ließ sie es dabei . Auf ihrem klugen Gesicht lag allerlei , was ich nicht sogleich entziffern konnte . Meine Mutter war nun froh , daß sie nicht mehr an die Abreise dachte . Sie sagte ihr in meinem und ihrem Namen jede Bedingung zu , worauf sie , ein häusliches Geschäft zu besorgen , das Zimmer auf einen Augenblick verließ . Kaum daß sie sich entfernt hatte , so wandte sich Elise rasch zu mir . » Hören Sie , Curd , « sagte sie , in allem ihrem frühern überlegenen Ernst , » ich will annehmen , Sie meinen es gut mit mir . Es kann ja sein ! Was hätten Sie auch davon , mich zu kränken ! Deshalb verderben Sie mir nicht durch wohlfeile Witzeleien und magern Spott , über sentimentale Bizarrerie , meinen Lieblingsplatz unter den Eichen . Lassen Sie mich da machen , was ich will , und kümmern Sie sich nicht darum , wenn es Ihnen auch lächerlich vorkommt , daß ich meine Freude an den Thieren habe , die dort weiden . Manch armes Lämmchen , das auch keine Mutter hat , wie mein - - « Sie stand hier , von innerer Rührung überwältigt , vom Stuhle auf , und trat , mir den Rücken wendend , ans Fenster . Sie weinte bitterlich . Mir that es im Herzen wehe ; ich hatte nicht den Muth , sie anzureden . Kurz darauf war sie gefaßt genug , mich zu fragen , ob ich ihr versprechen wolle , auf die vorgeschlagene Weise , hier in Frieden mit ihr zu leben ? ihre Ruhe zu ehren , und nicht den Späher und Critiker gegen sie zu spielen ? Es versteht sich , daß ich mir in der Stimmung , worin wir gerade waren , keinen unzeitigen Scherz erlaubte , ganz ihren Befehlen zu gehorchen versprach , und zum Beweis meiner Willfährigkeit ihr nicht folgte , als sie , zufrieden mit meiner Zusage , in den Garten ging . Sie hätte auch wirklich in dem Augenblick von mir fordern können , daß ich sogleich aufbrechen und das elterliche Haus ihretwegen räumen sollte , ich wäre nicht im Stande gewesen , » Nein « zu sagen . Sie hatte mir ' s angethan , ich war wie bezaubert von ihr . Wahrhaftig , ein bischen Sünde , ein bischen Unglück macht die Frauen erst reizend , begegnet man ihnen nun noch dazu , ausgestoßen von der Welt , in irgend einem entlegenen Winkel auf dem Lande , wer kommt da nicht auf den Einfall , einem gefallenen Engel wieder aufhelfen zu müssen ? Ihnen gnädige Gräfin , darf man dergleichen flüchtige Empfindungen schon anvertrauen , ohne Furcht , mißverstanden zu werden , und so gehe ich denn noch weiter , und bekenne Ihnen , daß ich den ganzen Tag eine gewisse unruhige Verwirrung nicht los werden konnte , und noch spät Abends ein Paar Pferde müde reiten mußte , ehe ich hoffen durfte , es zu Hause auszuhalten . Mein heißes Blut sollte indeß durch eine ungeheure Mistification abgekühlt werden . Hören Sie nur , gnädige Frau ! Es war voller Abend , als ich endlich zurückkehrte . Meinem Versprechen getreu , umritt ich den Anger , die Bäume , Elisens Ruheplatz , in weitem Kreise . Gleichwohl zog es mich , zu sehen , ob sie wieder da säße . Ich hielt auf einer kleinen Anhöhe . Der schöne , grüne Teppich lag unter mir , ich wäre vor mein Leben gern darüber weggesprengt , zu der lockenden weißen Gestalt hin , die mit raschen , kurzen Schritten am Rande der Erlenbüsche auf- und abging , zuweilen still stand , umhersah , und dann , wie nach vergeblichem Warten , ihren Spatziergang aufs Neue fortsetzte . Ich wurde , je länger ich dies unstäte Umherwandeln beobachtete , immer gespannter . Es fing an zu dunkeln . Bald sah ich nichts mehr als Elisens Kleid durch die schwarzen Nachtschatten hin und wieder gleiten . Jetzt mit einemmale kam mir ' s vor , als verdopple sich dieser Schatten , und gehe auf der andern Seite neben ihr . Doch blieb er nicht immer sichtbar . Zuweilen verlor er sich im Gebüsch , dann mit einemmale sank er ganz zusammen , und schien nur bis an ihre Kniee zu reichen . Was ist das ? fragte ich mich , halb und halb meiner Sache gewiß . Ein Mann ! so wahr Gott lebt ! ein Mann ! rief ich , gab meinem Pferde die Sporen , und war , wie der Blitz , bei den Erlen . Indem sprang Jemand zwischen den knisternden Zweigen hindurch . Elise eilte pfeilschnell nach dem Garten zurück . Dort ereilte ich sie , nachdem ich mich vergeblich bemüht hatte , jenen Flüchtling zu erhaschen . Er war , wie vom Erdboden verschwunden . Das Gartenthor mußte von der andern Seite ins Schloß gesprungen sein . Elise quälte sich umsonst , es zu öffnen , als ich vom Pferde stieg , und dieses am Zügel haltend , mit den Worten zu ihr trat : » Warten Sie , Cousine , ich will Ihnen helfen . « » Ich danke , ich danke Ihnen , « entgegnete sie mit abgebrochener Stimme und schnellem , kurzem Athemzuge . Ich hatte ihre Hand beim Drehen am Schlosse berührt . Sie bebte wie von Fieberfrost geschüttelt . » Mein Gott , « rief ich bestürzt , » Elise , was ist Ihnen ? « » Lassen Sie es gut sein , « flehte sie kaum hörbar , » halten Sie Wort , Curd , forschen Sie nicht , es hilft zu nichts mehr ! Mein Gott ! « seufzte sie , einen Augenblick auf meinen Arm gestützt . » Bin ich doch bis zum Tode erschrocken ! « Doch gleich darauf nahm sie sich zusammen . » Es ist jetzt ganz vorüber , « lächelte sie . » Reiten Sie nun ruhig weiter , ich bin ja zu Hause . « Sie machte sich los , und ging hinein . Ich sah sie den Abend nicht wieder . Heute Morgen erschien sie auch nicht beim Frühstück . Ich höre , sie habe Briefe erhalten . Ihre Kammerjungfer versichert , die arme Dame bade sich in ihren Thränen . Ich bin geheilt , Gnädigste ! Ich weiß , was diese Thränen bedeuten . Ohne allen Zweifel war Hugo hier . Hätte ich ihn zu der Stunde , auf dem Gebiet meiner Mutter gefaßt , er wäre nicht lebend von der Stelle gekommen ! Vergeben Sie , Frau Gräfin , daß ich soviel und so Unbedeutendes schwatze . Die neuesten Tagsbegebenheiten , selbst aus einem armen Dorfe , reißen stets die Feder wie die Gedanken mit sich fort . Ueberdem greift das hier Vorgefallene in das Gewebe der letzten Residenzgeschichten mit ein , und erhält dadurch einiges Interesse . Ich hoffe deshalb auf Ihre Verzeihung . Gewähren Sie diese Ihrem unterthänigsten Curd . Leontin an den Comthur Alles vergebens ! Ich kann sie nicht mehr auffinden ! Es ist , als wären sie von der Erde verschwunden . Bis hierher folgte ich einer Spur , die ich für die ihrige hielt , und die mich auch wirklich nicht betrog . Es war natürlich , meine Richtung nach der Heimath der Frau Oberhofmeisterin zu nehmen . Wir waren hierüber einig , wie Sie sich erinnern werden . Ich durfte gleichwohl nicht auf der großen Straße bleiben , gewiß , den Reisenden am wenigsten zu begegnen , wenn diesen , wie es das Ansehen hatte , daran lag , Widerspruch und Gegenrede auszuweichen . Ich fand auch bald in Gebirgshütten , in versteckten Thaldörfern oder in entlegenen Klöstern Nachricht von einer schönen , vornehmen Kranken , die , in Begleitung ihrer Mutter , schnell und geheimnißvoll durch diese Orte reiste , wenige Stunden der Ruhe gönnte , selten nur irgendwo an einem Orte übernachtete . Diese Eile , die glänzende Equipage , das Incognito , alles erregte meine Aufmerksamkeit . Die Leute erzählten gern davon , und vielleicht mehr und umständlicher , als es im Verfolg gewohnter Weise auf gewöhnlichem Wege geschehen wäre . Ich erkannte indeß hierin die vorgreifende Hand der Oberhofmeisterin , die das Wie so oft über das Was in ihrem leidenschaftlichen Wollen vergißt . So durchzog ich den Schwarzwald . Ich kam eines Abends bis zum Fuße eines der höchsten Berge . Der Weg über denselben war in der Dunkelheit nicht mehr zu finden . Ich kehrte in einem freundlichen Hof , bei wackern Leuten ein . Das geräumige Haus , die geordneten Umgebungen ließen auf gastliche Bewohner schließen . Ich konnte nicht zweifeln , daß diese , an ähnlichen Besuch gewöhnt , niemals durch denselben überrascht oder gestört werden würden . Gleichwohl nahm ich nach dem ersten treuherzigen Gruße einige Befangenheit auf den ehrlichen Gesichtern wahr , die mich verlegen machte . Es mußte irgend ein besonderer Fall sie persönlich getroffen , ihrer wohlwollenden Offenheit Zwang angelegt haben . Ich ward in ein großes , hallenartiges Gemach geführt , das eher einem Vorrathsgewölbe als einem Wohnzimmer ähnlich sah . Es standen offne und verschlossene Schränke , Kisten und Kasten , auch Handwerksgeräth und andere Gegenstände umher . Als ich mich ein wenig verwundert hier umsah , lächelte der Wirth , der allein bei mir geblieben , und ängstlich bemüht war , mir Bequemlichkeiten zu verschaffen , welche der , zur Aufnahme von Fremden wenig eingerichtete Raum , entbehrte . » Wir haben drüben einen Bau vorgenommen , « sagte er , indem sein Auge verschämt zu Boden sah . » Das Kämmerchen , in welchem wir fürs Erste eingeklemmt sind , hat nicht Platz für Gäste , « fuhr er mit abgewandtem Gesicht fort . » Wir hätten uns deshalb auch gar nicht unterstanden , einem vornehmen Herrn unser schlechtes Obdach anzubieten , wäre es nicht unrecht , irgend Jemand von der Thüre zu weisen , an die er geklopft hat . « Er sprach die letzten Worte lauter und zwangloser , als die frühern . Sie kamen ihm aus dem Herzen . Er hatte dieses nun erleichtert , und bezeigte sich während dem Herzutragen von Stühlen und Tischen , Speise und Trank , sehr herzlich und gesprächig . Nach einer Weile blieb er indeß weg . Es währte lange , ehe die Frau seine Stelle einnahm . Ich behielt Zeit , bei mir über aufsteigende Zweifel nachzudenken , welche diese sonderbare Aufnahme bei mir erregten . Wahr ist es , dachte ich , ich habe draußen ein Baugerüst , und auf der Flur Leiter , Karren , Maurer- und Zimmergeräth bemerkt , es mag mit dem Baue seine Richtigkeit haben , allein wenn ich nicht irre , so ist die ganze vordere Seite des Hauses überhaupt neu , und dieses Gewölbe , im Zusammenhange mit mehrern andern , tiefer hineingehenden Gemächern , gehört zu dem eigentlichen Hauptgebäude , das ziemlich geräumig sein , und ein wohnlicheres Unterkommen bieten mußte . Der redliche Mann stockte auch bei seiner Entschuldigung , als schäme er sich einer Lüge . Was steckt nur dahinter verborgen ? Die eintretende Wirthin unterbrach dies Selbstgespräch . Sie that sehr emsig , kehrte und wischte im Zimmer umher , ohne meine Fragen , in Betreff der jüngst hier Vorübergereisten sonderlich zu beachten . Sie hatte darauf nur allgemeine Antworten , meinte , so manch ' Einer ergehe sich , oder werde die Berge hinauf oder herab getragen , spreche bei ihnen ein , lasse auch wohl den stillen Hof bei Seite liegen , ohne daß sie es sonderlich wahrnähmen . Sie sah dabei gleichgültig die Zimmerwände an , und klagte , daß zwischen dem Schnitzwerk über der Thüre die Spinnen Jahr aus Jahr ein ihre Fäden zögen . Ich war den hausmütterlichen Blicken gefolgt , der ernste und großartige Charakter meiner Wohnung fiel mir aufs Neue auf . Ich äußerte dies , zugleich über den Ursprung und die frühere Bedeutung des ältern Theils des Hauses Erkundigungen einziehend . Die Frau gab keine befriedigende Auskunft , wußte nur Allgemeines von einer ehemaligen Abtei zu sagen , die hier gestanden , und über die umliegenden Klöster geherrscht habe . Dies Zimmer solle eine Capelle gewesen sein . Alle die Aecker und Wiesen , die Mühle und das ganze fruchtbare Thal habe dazu gehört . Später , als die Klöster zerstört und wieder erbaut worden , wäre eine neue Ordnung an die Stelle der alten getreten , die Abtei sei verödet und verfallen , an den Meistbietenden verkauft worden , und der Besitz ihrer Familie durch Erbschaft verblieben . Ich hatte ihr aufmerksam zugehört , doch entging mir eine sonderbare Unruhe im Hofe nicht , an welcher auch sie Antheil nahm , ohne es merken lassen zu wollen . Im Gegentheil , redete sie lauter , je achtsamer sie meine Blicke nach dem Fenster gerichtet sah . Ich konnte indeß hier nichts entdecken , die Nacht war sehr dunkel , oder schien mir doch so , da stark hervorspringende Mauerpfeiler und hohe , alte Bäume die nächsten Gegenstände draußen verdeckten . Es ängstigte mich dies , und überhaupt , hier wie eingesperrt sitzen zu müssen . Deshalb fragte ich , ob mich Niemand späterhin , wenn der Mond aufgegangen sei , über den Berg geleiten wolle ? Die Frau schüttelte den Kopf . » Es regnet , « sagte sie , » und der unsichere Schimmer hinter dem Gewölk macht die Führer nur irre . « Sie rathe mir im Gegentheil , daß ich jetzt ein Paar Stunden zu schlafen versuchen möchte . Frühe , mit Tagesanbruch , da lasse sich denn schon eher ein Bote finden . Sie machte sich während dem daran , mein Lager zu bereiten . Matratzen , Betttücher und Decken fanden sich in den Schränken vor . Sie ordnete alles aufs Beste , stellte die Lampe zurecht , und wünschte mir mit dem Zusatze eine gute Nacht , daß , wenn ich gegen Morgen aufbrechen wolle , ich den Schieber dort in der Mauerblende wegziehen sollte . Man sehe unmittelbar einem langen Gang hinunter , der zu ihrer Kammer führe . Ich brauche dann nur zu rufen , sie oder ihr Mann würden mich schon hören . Sie ging mit diesen Worten zu der gegenüber befindlichen Thüre hinaus , die sie hinter sich verschloß . Ihre behende Eile machte es mir unmöglich , sie hieran zu hindern . Indeß war mir diese sonderbare Vorsichtsmaßregel in dem anscheinend wohlgeordneten , ruhigen Haushalte höchst auffallend ; ich gerieth in allerlei widersprechende Besorgnisse , mit denen ich mich lange quälte , ohne an Schlaf zu denken . So , in dem alterthümlichen Gemache auf- und abgehend , fiel mir der Schieber in der Mauer , und die Möglichkeit wieder ein , Jemand errufen zu können . Unwillkührlich näherte ich mich der bezeichneten Stelle , um einen vorläufigen Versuch zu machen . Es gelang damit auch in so weit , als sich wirklich die Oeffnung in der Mauer vorfand , durch welche ich einem langen Gang hinuntersah . Allein es war dabei noch nichts sonderlich gewonnen , da es ungewiß blieb , in wiefern mich derselbe mit den Hausbewohnern in Verbindung setze ? Immer war ich sehr entfernt von den Letztern , denn es zeigte sich nur am äußersten Ende des Ganges eine einzige Thüre , und da ich diese , eben deshalb , weil es die einzige war , genauer betrachtete , und der Zugwind sie auf- und zuschlug , blieb mir kein Zweifel , daß sie nach einem mit Bäumen bewachsenen Vorhof oder Garten führe . Ich behielt keine Zeit , mir selbst in der ersten , unangenehmen Empfindung entdeckter Täuschung recht klar zu werden , denn , indem ich nachsinnend so stand , fiel ein schwacher Lichtstrahl durch jene Thür . Sie ward von Außen völlig aufgestoßen ; der Wirth , eine Laterne in der Hand haltend , trat herein , ihm folgten ein Paar rüstige Männer . Sie schoben etwas bei Seite , das ich nicht unterscheiden konnte . Dann stellten sie sich dicht zusammen , die Laterne ward höher gehalten , ich konnte ihnen ins Gesicht sehen , sie lachten , und schienen sich über einen Gegenstand , den sie einander zeigten , zu freuen . Bald hörte ich , daß sie Geld zählten . Mir gingen widrige Vorstellungen durch den Kopf . Ich hatte Leute und Wagen auf der nächsten Station zurückgelassen , und war , wie so oft in dieser Zeit , mit einem Miethpferde die Gegend durchstrichen . Bis hierher war mir nie das geringste Verdächtige aufgestoßen . Das Volk umher ist so offen , auch die Leute hier fand ich nicht anders , selbst in diesem zweideutigen Augenblick schüttelten sie sich treuherzig die Hände mit einer Miene , die auf nichts weniger als heimtückischen Raub schließen ließ . So trennten sie sich auch . Zwei gingen wieder dahin , woher sie gekommen waren . Der Hausherr verschwand an der Stelle , wo ich die Seitenwand zu Ende glaubte . Unschlüssig , ob ich gleich jetzt Lärm machen , ob ich Jemand herbeirufen und aufbrechen solle ? besann ich mich , daß bei wirklich böser Absicht diese dadurch nicht verhindert , der Augenblick nur beschleunigt , und meine Lage mißlicher werden müßte , da sich ohnfehlbar Alles gegen mich bewaffnen würde . Auf jeden Fall , dünkte es mir , wäre meiner würdiger , den Ausgang ruhig abzuwarten , wodurch ich mir denn auch die Beschämung möglichen Irrthums ersparte . Es blieb bei allem dem eine peinliche Nacht , die ich durchwachte . Ich saß lange vor einem Tischchen , auf welchem die Lampe stand . Müde und doch gespannt , kämpfte ich zwischen Schlafen und Wachen , schloß und öffnete die Augen , die ich nur unter unsäglicher Anstrengung offen erhielt . Oefter mußte ich sie fest auf einen Gegenstand heften , um sie nur nicht zufallen zu lassen . In solchem Moment sehe ich zwei verschlungene Buchstaben , die mit scharfer Nadel in die glatt polirte Tischplatte hinein gezeichnet sind . Sichtlich ein Gedankenspiel , das sich mehrmals wiederholte . Es war ein E und ein H. Es war Emma ' s Hand , die mechanisch den stummen Gedanken des Herzens hingezeichnet hatte . Weg war jetzt aller Schlaf . Ich starrte die wohlbekannten Schriftzüge an , als könnten sie mir die lang gewünschte Auskunft geben . Hier war sie also gewesen ! Vor diesem Tischchen hatte sie gesessen ! Vielleicht wie ich , den Kopf in die eine Hand gestützt , während die Andere jene Zeichen malte ! Aber wann ? wann war das ? Wohl ganz kürzlich erst ! Wohl gar heute ! in dieser Nacht ! - Ein entsetzlicher Gedanke flog an mir vorüber . Wenn sie es waren , wenn man sie auf dem gefahrvollen Bergübergange beraubt , mißhandelt , erschlagen ! - Meine Sinne verwirrten sich ! Ich stürzte ans Fenster , ich rüttelte an der Thüre , ich rief donnernd dem langen , unheimlichen Gang hinunter . Es währte einige Minuten , ehe man mich vernehmen mochte , dann eilten aber von allen Seiten Herr und Frau und Knechte und Mägde herbei . Alle zeigten sich eben so betroffen als besorgt um mich . Einen Augenblick stand ich ihnen verlegen gegenüber . Die Todesangst um Emma riß mich indeß in den vorigen Ungestüm zurück . Ich fragte gebieterisch , was aus den Reisenden geworden sei , die hier verweilt , hier gewohnt hätten , die erst kürzlich aufgebrochen seien , deren Handschrift , deren Namenszug ich hier auf dem Tischchen wiedergefunden ? Ich weiß es gewiß , setzte ich leidenschaftlicher hinzu , erst in dieser Nacht verließen sie dies Haus . Ich habe alles gesehen und gehört , was sich zugetragen hat . Der Wirth stutzte , sah seine Frau an , dann lächelte er sorglos , legte mir die Hand auf die Schulter , und meinte : » Was kann das Alles helfen , wahr bleibt wahr . Aber lassen Sie es gut sein . Die Herrschaften wollten nicht , daß man ihnen folge . Sie haben hier rasten müssen , weil die junge Dame nicht weiter fortkonnte . Nun , wir räumten ihnen unsere ganze Wohnung ein . Das währte so einen Tag nach dem andern . Besser ward es mit der Kranken nicht . Da meinte die Mutter , sie wollten in aller Stille ihren Weg fortsetzen . Den nächsten Morgen sollte es geschehen . Nun kamen Sie gestern Abend hier an , lieber Herr ! Wegweisen durften wir Sie nicht . Wir brachten Sie darum hierher , in die alte Rumpelkammer . Es war uns peinlich genug , aber die alte , gnädige Frau befahl es so . Nachher forschte sie uns genau über Sie aus . Wir mußten ihr Alles sagen . Ich weiß nicht , was ihr in der Beschreibung so auffiel , daß sie ihrer Tochter ängstlich zuwinkte , dann mit ihr heimlich redete , sie leise bat und bestürmte , und nach einer Weile erklärte , sie wolle gleich abreisen . Ich solle ganz im Geheim für ein Paar sichere Träger und Boten mit Laternen sorgen . Unsere Gegenvorstellungen führten zu nichts . Sie blieb unbeweglich , sparte weder Geld noch Ueberredung , und war in einer Stunde auf und davon . Es ging Alles glücklich . Ich begleitete sie . Jetzt muß sie schon eine bedeutende Strecke über das Gebirge hinaus sein . « » Wohin ging ihr Weg ? « fragte ich innerlich froh , ihnen so nahe zu sein . Ich erhielt unbestimmten Bescheid . » Es theilen sich dort unten verschiedene Wege , « hieß es , man könne nicht wissen , welchem die Reisenden gefolgt wären . Ich merkte wohl , daß die Oberhofmeisterin Sorge getragen hatte , sich der Verschwiegenheit ihrer redlichen Wirthe zu versichern . Deshalb eilte ich fortzukommen . Während mein Pferd gesattelt ward , ging ich mit der Wirthin , Emma ' s Zimmer zu besehen . Es trug noch die Spuren ganz neuerlicher Bewohnung . Am Boden lagen getrocknete Blumen , Papierschnitzelchen , Haarnadeln . Ich sammelte , was ich in der Eile bekommen konnte , und die Stühle , worauf der Koffer gestanden , die übereinandergeworfenen Bettdecken , die leeren Tassen , ein kleines Medizinfläschchen mit unbeschreiblicher Rührung anstarrend , zerknitterte ich krampfhaft die in den Händen haltende Papiere , als mir einfiel , ob keines derselben mir vielleicht ein hindeutendes Wort verrathen könnte . Ich trat zum Fenster , ich rollte Eins nach dem Andern auf , nur ein einziges war beschrieben , und enthielt folgende Worte : » So lange Dein Sommer währt - da ! ja da ! Wenn aber der Winter kommt , die Natur todt , der Boden starr , die Luft schneidend wird , dürre Halme , von Reif überglast , in Deiner Hand zerbrechen , Einsamer ! wie wirst Du frieren ! wie wird Dein Herz verschmachten ! « Giebt auch die Treue jemals sich selber auf ? Ich bin der Gräfin Tag und Nacht nachgeeilt , ehrwürdiger Herr ! - Niemand weiß von ihr . Am Wohnorte der Oberhofmeisterin ist man so unwissend über sie , als ich es bin . Morgen werde ich Audienz beim Fürsten und seiner Gemahlin erhalten . Vielleicht daß dort ! Abends . Sie sind über Basel nach der Schweiz gegangen , und von da nach Italien . Ich folge ihnen sogleich . Gott leite meine Schritte ! - Madame Lindhof an den Amtmann Du schickst den Fritz allein mit der Kalesche zurück . Du kommst also immer noch nicht nach Hause ? Mich dünkt , lieber Sohn , Deine Gegenwart wäre hier sehr nöthig . Der Regen hält so lange an . Die Arbeit liegt . Ohne Dich wissen sich die Leute nicht zu helfen . Ich fürchte , Du wirst in diesem Jahre einen großen Schaden in Deiner Wirthschaft erleiden . Wenn nur Deine Wünsche bei allem dem noch erfüllt würden , und die ungelegene Reise zu etwas führte ! Ich gestehe Dir , mich ängstigt der verlängerte Aufenthalt in der Residenz aus tausend Gründen . Der Fürst kann leicht Dein Gesuch übel aufnehmen , und es müde werden , Dich zu begünstigen . Und am Ende ist es doch auch wohl mehr Unbestand , als der Verlust Deiner guten Frau , was Dich hier wegtreibt ! Laß Dir die offenherzige Bemerkung nicht mißfallen , lieber Sohn . Ich sage es , wie ich denke ; und denke es , weil ich Dich kenne . Glaube mir , in der Jugend sucht der Mensch gar zu gerne nach einem Vorwande