. Der Verbrecher hat über mich den Sieg davon getragen . Der Himmel mag Euch vergeben , von mir erwartet nun keine Schonung . Ich überantworte Euch dem Henker , der Schande Eure Buhlerin und ihre Brut . « - » Weib ! « donnerte der Wildmeister rollenden Auges : » Verhänge über mich , was Du willst . Die Meinigen schone aber . Schone sie , oder ich würge Dich hier zu Tode ! « - Schreckhaft fuhr Wallrade zurück , und erwiederte wie oben : » Um Euch ein neu Verbrechen zu ersparen , wohlan ! so wählt eine härtre Strafe freiwillig , härter als der Tod . Flieht hinweg von Euerm Herd .... laßt Alles dahinten , was Ihr mit sündiger Liebe umfaßt ; ... laßt Euern Namen vergehen und Euer Gedächtniß , wie das eines Gestorbnen , und ich will schweigen , will genug haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden , genug an der ewigen Trauer der verlassenen Waisen ! Aber fort müßt Ihr seyn , ehe noch das Abendroth niedergeht ; fort ohne jemals wiederzukehren , sonst nehm ' ich mein Gnadenwort zurück . Wählt ! Werdet flüchtig wie Kain und lebet , oder bleibt und sterbt mit den Euern ! « - Die Drohende ließ des vernichteten Mannes Hand los , und er enteilte wie wahnsinnig dem Aufenthalte seiner erbitterten Feindin . Im Sturme seiner Gefühle hatte er nicht die Hornklänge vernommen , die einen neuen Besuch angekündigt hatten , welcher eben die Treppe heraufkam . Der Kaiser war es wieder ; zu seiner Rechten die schüchterne und ängstliche Hausfrau des Wildmeisters , die ihrem verstörten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgniß zuwarf . Denn Sigmund war nicht der leutselige herablassende Fürst , wie er noch gestern sich gezeigt ; heute glühte die Röthe des Zorns auf seiner Stirne , und von beleidigtem Stolze , vielleicht auch von Eifersucht glänzten die Augen . Kaum eines Blicks würdigte er den Wildmeister . » Ihr kommt sehr spät , um meinen Willkomm zu empfangen ! « herrschte er dem Bestürzten zu : » Auch bin ich in Verlegenheit , wie ich Euch zu begrüßen habe : als einen minnelustigen Fant , der in einem fremden Garten Früchte naschen möchte , die ihm nicht bestimmt ; oder als einen schlauen , aber ertappten Kuppler . « » Kaiserliche Majestät ! « stotterte Bilger , empört und gekränkt . - » Als einen schlauen aber ertappten Kuppler ! « fuhr Sigmund kalt und vernichtend fort : » Ich sagte es , und wahr ist mein kaiserlich Wort , denn so eben hat erst der pflichtvergeßne Montfort das Städtlein und dieses Schloß verlassen . Rechtfertigt Euch nicht , fürchtet meinen Zorn , und weicht ihm aus . Euer Weib wird mich an Eurer Statt zu dem Gemache des Fräuleins von Baldergrün geleiten . « - Verächtlich wandte der Kaiser dem Betroffnen den Rücken , und Catharine , nachdem sie durch klagende Geberden den Antheil ausgedrückt , den sie am Mißgeschicke ihres Gatten nahm , folgte dem Herrscher unterwürfig . Wie ein Trunkner taumelte Bilger die Stiege hinunter , auf deren letzten Stufe Preyswerck , des Kaisers Hofnarr und lustiger Rath saß ; sein einziger Begleiter auf dem Ritte zum Liebchen . Der Bursche nickte freundlich mit dem geschornen Haupte dem Wildmeister zu , und sprach , indem er ihn am Saume des Gewandes festhielt : » Wollt Ihr ein schön Stücklein lernen , wie es die Sperlinge auf den Dächern , und die Narren auf allen Gassen singen ? « - » Laßt mich ; « gab Bilger unwirsch zur Antwort : » mir ist ' s jetzo wahrlich nicht um der Narren Gesang zu thun . « - » So ? « fuhr Preyswerck gemüthlich fort : » so ? dann müßt Ihr zwei Stücklein lernen . Das Erste heißt : Herrengunst und Vogelsang ist lieblich , aber dauert nicht lang - und das Andre , das Ihr nothwendig wissen solltet , wärt Ihr ein vollendeter Waidmann , ist nach des Roland ' s Melodie zu singen und klingt also : Edler Falk , man spannt auf Dich , schüttle Dein Gefieder ! Edler Falk , so flüchte Dich - kehre nimmer wieder ! « - » Habe Dank , ehrlicher Narr ! « erwiederte der Wildmeister : » Den Rath , den Deine lustige Zunge gab , muß meine Verzweiflung , befolgen . Grüße mein Weib tausendmal und dem Kaiser sage : Bei dem Zorne sey keine Gerechtigkeit , darum wollte ich auch keine von ihm verlangen , sondern hingehen , wo man mich nicht zwingt , ein lockres Weib statt des Wildes zu hüten . Catharine möge mein gedenken , und ... « Ausbrechende Thränen machten ihn hier in seiner Rede verstummen . Gewaltsam : riß er sich von dem lustigen Rathe los , stürzte in das Zimmer , wo seine Tochter harmlos spielte , drückte die Kleine unzähligemale an seine Brust , schwang sich auf ein ungesattelt Pferd , und verließ auf dessen schnellen Hufen das Haus , das er wie ein Geächteter und Gebannter zu fliehen gezwungen war . Der Gedanke , Sigmund ' s Entrüstung werde sich neu entzünden an Wallradens Wuth , gab seinem Rosse den scharfen Sporn , und weniger sein bedrohtes Leben suchte er in Sicherheit zu bringen , als seine Ehre , den Leumund der Gattin , und seines Kindes zukünftig Geschick . Vierzehntes Kapitel . Du fauler Bote ! Sag ' an Deine Post . Deine Zunge ist lahm , wie Dein Gaul . - Herr ! ich reite auch kein Freudenpferd . Alt . Schauspiel . Die merkwürdige Sitzung des Conciliums , in welcher die Väter desselben , um die Hyder , die die Christenheit umschlungen hielt , mit einem Streiche zu vertilgen , die Absetzung der drei Päpste beschlossen , und Papst Johann - zu ohnmächtig und zu staatsklug , um der Übermacht zu widerstreben - in eigner Person die Absetzungsformel verlesen hatte , war vorüber , und die Zuhörer , wie die Beisitzer , staunend über das bisher Unerhörte , begaben sich in zahlreichen gedrängten Scharen nach ihren Häusern . Dagobert in seiner geistlichen Tracht war mitten darunter , und schlenderte unbefangen , dem Vesperbrode entgegenharrend , durch die Straßen , als plötzlich unter dem Schwarme der Vorübereilenden , eine derbe Faust seine Rechte ergriff und herzlich drückte : » Hoch lebe das Concilium , alle drei heilige Väter und vorab der gefällige und nachgiebige Johannes ! « jauchzte der ungestüme Freund , der Gerhard in Lebensgröße war . - » Willkommen ! alter Kumpan ! « entgegnete ihm der froh überraschte Dagobert : » Bist Du wieder zu Tage gekrochen , wilder Jäger ? Haben sie Dich aus der Eulen Nest gelassen ? Und rede , wie kömmt ' s , daß Du frei und frank vor mir stehst ? « - » Für ' s Erste , « antwortete der Hülshofner , » neigt Euch in Demuth vor meinen Tugenden , die Ihr nie geahnt habt . Drei völlig und gut gezählte Wochen saß ich im Schatten , wo es nicht hinregnet noch schneit , wo nicht Thau noch Sonnenstrahl zu sehen , und während dieser Frist , die , reimweis zu reden , keine geringe ist , habe ich kein Einzigmal geplaudert , denn sonst stolzirtet Ihr wohl nicht so junkerlich und freiherrlich hier herum . Der Syndikns , ein wahrer Pestilenzer , hat mir zugesetzt gleichwie mit glühenden Zangen , und dennoch , und dennoch ... dennoch nichts verrathen . Kreuz und Dorn und Stein ! ' s hat schier Funken gegeben . Die Pfaffen gaben verdammte Zeugschaft , die leichtfertigen Jägerinnen , deren Geschwätz mich in die klägliche Geschichte hinein gebracht hatte , meinten , sie müßten mir an den Hals zur Strafe , daß ich der Kaiser nicht gewesen , während das Klostergesindel mich braten wollte , weil ' s mir eingefallen , zur Unzeit kaiserliche Majestät zu seyn . Von Euch erfuhr ich nichts ; meine Herren von Frankfurt hatten mich aufgegeben ; ich saß in der Brühe , und ärgerte mich nur darüber , daß ich nicht einmal wußte , in welcher . Bald sollte ich einen Ketzer befreit , bald ein ganzes Kloster an den Rand des Grabes gebracht haben , und was des tollen Zeugs mehr ist . Ich spielte jedoch den Klugen , schwieg fein und säuberlich , und leugnete wie ein Heide . Zum Glück hatte ich vor der abscheulichen Verhaftung den wilden Jäger in Eure Obhut gebracht , und konnte mich herzhaft auf den langen Christoph berufen . Das drang denn endlich allgemach durch ; ich bekannte mich selbst nicht schuldig , leugnete daher auch alle Mitschuldigen , und heute bin ich denn auf Befehl des Kaisers , der den heutigen Tag als einen großen zu feiern gedenkt , nebst einer Menge von Leuten , die entweder einem Fastnachtsstreich oder einem minniglichen Abenteuer oder auch einem harten Gläubiger ihre Haft verdankten , in Freiheit gesetzt worden . Mein gutes Glück ließ mich alsobald auf Euch stoßen , von dem ich wenigstens als billige Entschädigung einen Imbis erwarte , wie er lange meinen Gaumen nicht gekitzelt . « - » Was meint Ihr zu gefalznen Hechten mit Peterlein , und einem Römer Weins aus der Marggrafschaft ? « » Sollst haben , was Dein Herz begehrt , « versicherte ihm der Jüngling freundlich : » Du bist der bravste Edelknecht in deutschen Landen , wie der verschwiegenste . Freilich trug auch die magre Kost im Gewahrsam viel zu dieser letztern Tugend bei ; indessen . « ... - » Indessen ist ' s doch immer lobenswerth ; « unterbrach ihn Gerhard fast grob : » Wie viele Leute gibt ' s , die selbst beim Wasserkrug das Maul nicht halten können ? Wunderbarer ist ' s , daß der alte Schneider Velsner , der die Larven hergeliehen , meine Verschwiegenheit theilte . « - » Das ging sehr natürlich zu , mein guter Altgeselle ; « erwiederte Dagobert halb scherzend , halb ernst : » der Tod tanzte mit ihm den Kehraus in der Dienstagsnacht . « - » Das haben sie beide brav gemacht ; « sprach Gerhard , andächtig ein Kreuz schlagend : » der weiße Tänzer , daß er kam , und der graue Schneider , daß er sich nicht sperrte , wie eine blöde Dirne . Ich wünsche dem wackern Meister die beste Kundschaft dort oben , obgleich ich ihn wieder bedauern muß , daß er gerade in Aschermittwochs Hungertuch gefallen ist . « - » Ei du armer Schelm ! « lächelte Dagobert : » siehst Du doch selbst aus , als ob Du dem Hungertuche gerade entschlüpft wärest . Zum Glück stehen wir , just vor der Herberge . Komm herein ; laß Dir ' s schmecken ; aus Dankbarkeit will ich Dein Küchenmeister und Mundschenk seyn . He da ! Wirth und Wirthin herbei ! Ihr Mägde und Kellerbuben spitzt das Ohr , denn der wackerste Kämpfer am Rheinstrome will tafeln , wie sich ' s gebührt , und Eure sparsame Fastenküche es erlaubt . « - Gerhard nahm mit wichtiger Feierlichleit an dem Tische Platz , und Leuchter , Wein und Becher standen flugs vor ihm aufgepflanzt . - Dagobert machte sich ein Fest daraus , dem ausgehungerten Schlemmer selbst den würzigen Trunk von Badens Rebhügeln zu kredenzen . - Die Wirthin schleppte Teller und Pfannen herbei . - » So , mein alter Kämpe ; « scherzte Dagobert , während er ihm das Tellertuch um den Hals befestigte : » da sitzest Du wie der Kaiser am Krönungsbankett . Dein Bart könnte zwar saubrer geschoren , Dein Wamms reinlicher seyn , allein Dein guter Wille , der sich in der Art und Weise offenbart , wie Du nach dem Eßgeräthe langst , hilft allen übrigen Mängeln ab . Du wirst zwar den gewünschten Hecht vermissen , aber dieser nerrige Stockfisch mit Öl und süßen Rosinen ist auch nicht zu verachten , und solltest Du es für nöthig erachten , Deinen Durst erst zu reizen , so versehen jene gerösteten Picklinge , gewürzt vom scharfen Leipziger Senf , vollkommen den Dienst . So , mein Junge . Frisch in ' s Handgemenge ! ich will Dich kräftig unterstützen . « - Gerhard nahm sich des Verfechteramts eifrig an , und arbeitete bald mit vollen Backen , bald mit dem klingenden Messer , bald mit dem schäumenden Becher , auf dessen Grunde er dreimal ein Goldstück mit dem Gepräge des Freistaats Benegia fand . Dankbar drückte er dem Geber und Gastfreund die Hand und sprach : Solchen Bodensatz im Wein zu finden , lasse ich mir gefallen . Zu viel aber ist ' s der Freigebigkeit , da ich weiß , daß durch Eure Zwistigkeit mit dem wälschen Ohm Euer Geldseckel in Abnahme gerathen ist . - » Der Herzog Friedrich hat mir erlaubt , dann und wann aus seinem Beutel zu schöpfen , wenn ichs bedarf ; « antwortete Dagobert : » Bei seiner milden Hand magst Du Dich demnach für dieß Geschenk bedanken . « - » Ei , vor dem Herzog alle erdenkliche Ehrfurcht ! « sprach Gerhard mit einem Sonnenblicke der Behaglichkeit : » Es gab zwar eine Zeit , wo wir Beide nicht auf dem besten Fuße zusammen standen , allein diese Zeit ist nicht mehr . Was konnte ich in der That auch dafür , daß der wackre Herr damals in ein Reiterwamms zu kriechen beliebt hatte ? Am Kragen kennt man den Mann , lautet ein wahres und liebes Sprichwort . Wenn unser Vater Adam nicht die Kleider erfunden hätte , wären die vornehmen Herren übel daran , und nebenbei auch die gemeinen Leute , die am Ende nicht wissen würden , ob sie einem Andern oder sich selbst den Reverenz zu machen haben . Dem sey nun indessen , wie ihm wolle ; ich bin mit dem Herzog versöhnt , und empfange um so lieber die Goldpfenninge , die mir aus seinem Schatze durch Eure Freigebigkeit zufließen . « » Versöhnt ? « lachte Dagobert : » Altes Sieb , wie kömmst Du mit dem Habsburger zusammen , der Dich , - gerade heraus gesagt - ungefähr so leiden kann , wie der Rüde den Dachs ? « » Leiden konnte , Fröschlein , leiden konnte ; « versetzte Gerhard in seiner ungestörten Friedlichkeit , indem er die letzten Reste der Piklinge versorgte : » Seine herzogl . Gnaden sind aber jetzo mindestens nicht ungnädig auf mich . Im Gegentheil . Der versöhnliche Fürst hat mich durch den Herrn Schöffen von Braunfels auffordern lassen , das Turnier , das er am Zwanzigsten dieses Mondes März zu geben gesonnen , durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterkünste zu verherrlichen ; indem - wie er sich huldreichst auszudrücken geruhte - Keiner von allen anwesenden Kämpen im Bügel- und Ringelrennen , im Kolbenschlag und Fußkampf meines Gleichen sey . « » Beneidenswerther ! « rief Dagobert , ihm den vollen Becher zubringend : » Die Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf Deine Verdienste , und es kann Dir gar nicht fehlen , bleibt Deine Rechte nur gesund , und Dein Leib wohl genährt . « Das Letztere sey auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag , wo es gilt . Laßt sehen , Junker ; wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten ? - » Fünf Tage , mein Gesell ; « berichtete ihn Dagobert : » Bis dahin fey mein Gast . Du sollst einen dankbaren Schuldner an mir finden . Was das Concilium an eßbaren Stockfischen aufweisen kann , soll Dein seyn . Der beste Rebensaft werde Dir kredenzt . Verlangst Du Tafelmusik , sie soll Dir nicht fehlen ? Siehst Du reizende Aufwärterinnen gerne an Deinem Tische ? Ich schaffe sie Dir , anmuthiger als die plumpen Thurgauer Dirnen , die so eben die leeren Schüsseln wegtragen , sittsamer als die leichtfertigen Jägerinnen in Frau Waldina ' s Gefolge . Kennst Du das Mährlein vom Tischlein deck dich ? Meine Dankbarkeit soll es an Dir verwirklichen , und Dich in jene harmlose Zeit versetzen , wo Du noch , ein langknochiger Bube , die trägen Füße unter Deines Vaters Tisch stecktest , und ohne Sorgen verzehrtest , was sich gerade vorfand , unbekümmert , ob es die Vöglein vom Himmel , oder Dein Vater von der Heerstraße gebracht . « - Der unverzagte Esser ließ den Becher sinken bei diesen Worten , schlug die verglasten Augen auf gen Himmel , und eine Mischung von Wehmuth und lächelnder Erinnerung breitete sich über sein Antlitz . Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit weicher Stimme : » Ach , lieb Fröschlein ! Da habt Ihr ' s getroffen , wo meine Halsberge nicht zum Besten schließt . Mein rechtschaffner Vater .... Gott erhalte ihn bei der Seligkeit ! ... er starb wie ein wackrer Edelmann . Thut mir die Liebe , werthes Fröschlein , und thut mir Bescheid auf den Becher , den ich Euch feierlich zutrinke , als das Gedächtniß an einem ehrenwerthen Mann ! « - » Von Herzen gern ! « antwortete Dagobert , seinen Wunsch erfüllend : » Auf das Wohl eines Biedermannes trinke ich stets , säße er auch schon im Fegefeuer . Und auf Dein Wohl nicht minder , alte deutsche Haut , weil Du Deines Vaters Angedenken dergestalt in Ehren hältst . Das hätte ich nicht hinter Deinem groben Fell gesucht ; und wahrlich , ich werde hinter Deiner Tugend nicht zurück bleiben , wenn ' s einst Gott gefallen sollte , meinen Alten zu sich zu rufen . « - Da riß mit einem Male der Hülshofner die von wehmüthiger Weinlaune feuchtgewordnen Augen auf , sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besondern Ausdruck von Bedauern an , rieb sich die Stirne , wie einer dem etwas entfallen war , und der sich , jetzt fast zu spät , dessen verdrüßlich erinnert , und seufzte : Guter Junker ! wenn ein Sprichwort die Wahrheit sagt , so ist es dasjenige , welches lautet : » Im Wein ist Wahrheit ; Ihr habt die Ahnung , ich die Erinnerung wieder im Becher gefunden . Vergessen hatte ich schändlich , was Ihr doch wissen müßt . Faßt Euch , lieber freigebiger , theilnehmender Frosch ; und glaubt , daß ich Eure Bekümmerniß theilen werde , wie ein Bruder . Ja , ja ; schaut mich nur an , wie den Bischof die verwunderte Katze . Euer Lächeln wird sich verkehren in Trübsal . Euer Vater hat den Schöffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht . Er ruhe in Frieden ! « - Mit offnem Munde und gespannten Zügen saß Dagobert dem Hiobsboten gegenüber , dessen Weichmuth in eine Thränenfluth überging , die einige schnell geleerte Becher kaum auftrocknen konnten . » Sage mir doch , « fing Dagobert endlich kleinlaut an : » ist denn noch Fasching , oder heißt man am nächsten Sonntag : Lätare ? Unglücksrabe ! spricht der Rausch aus Dir , oder ist sie Wahrheit , die Botschaft , die Du mir , - dem Freien - ans Deinem Gefängniß bringst ? « - » Wahrheit , lieb Junkerchen ; « versicherte Gerhard ganz treuherzig : » die Sache ist die folgende . Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von Frankfurt , den Schöffen , die hier im Hause wohnen . Der alte Herr Holzhausen nahm sich heraus , mir einen Text zu lesen , wie er sich in keinem Evangelienbuche findet , mich einen Wüstling und Händelsucher zu nennen , und was dergleichen mehr ist , welches auch gerade nicht hieher gehört . Der Herr von Braunfels nahm sich meiner an , und die Beiden sagten sich derbe Worte .... « » Um Gottes willen ! « fiel Dagobert ein : » laß die Umschweife , vollende ! « » Ich bin ' s eben im Begriff , « versicherte Gerhard : » denn ich setze mit Sporn und Gebiß über den Streit der wohlweisen Herren weg , bis zu der Thüre , durch welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat , der seit geraumer Zeit weniger für die Stadt schreibt , als Boten reitet , und gerade wieder , mit Schriften beladen wie ein Maulthier , von Frankfurt daher getrabt kam . « Der Gruß von ihm war kurz , und er warf sich gleich mitten in das Gesprächsel . » Wißt ihr etwas Neues , ihr Herrn ? « rief er : » Am Abend des verwichnen Tages der heil . Felicitas ist zu Frankfurt unfern vom Hirschgraben der wackre Schöff und Altbürger Diether Frosch ermordet worden ! « - » Ermordet ? « rief Dagobert , entsetzt vom Tisch aufspringend : » Verdammt sey Deine Zunge , die solche Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte ! « - » Hat sich wohl ! « brummte Gerhard unwillig : » Wo der Kopf vergißt , schweigt auch die Zunge ohne bösen Willen . Erfahrt Ihr ' s doch jetzo zeitig genug . Sollt ' ich Euch das Vespermahl vergällen ? Wo wollt Ihr aber hin ? « - » Zu den Herren von Frankfurt ! « erwiederte Dagobert , und suchte sich ängstlich von dem Zurückhaltenden los zu machen . - » Nehmt doch Vernunft an ! « sprach Gerhard entgegen : » die Schöffen sind nicht daheim . Die Abgeordneten der Reichsstädte haben heut ein groß Convivium im goldnen Brunnen . « - » So will ich dorthin ! « rief Dagobert : » Laß mich ! « - » Bleibt doch ! « erwiederte Gerhard : » Ihr schlagt um Euch wie ein rasendes Füllen , aber ich leide es doch nicht , daß Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt . « - Dagobert besann sich , » Du hast Recht ; « sprach er : » ein schiefes Wort , ein schiefer Blick nur in dieser Stimmung von einem Fremden , der , wie begreiflich , mein Leid nicht fühlt , könnte mich zum Mord bewegen . Aber rede doch Du : sieh ! ich will mich zu Dir setzen , ganz ein Mann seyn , trotz Einem , aber sage mir , wie ging das Entsetzliche zu ? Ich werde mich zwingen , mein Gebreste in meiner Seele zu verschließen , und nur dann weinen , wann Du es erlaubst ; sage mir aber , wie ward das Gräßliche vollbracht ? wie ward mein Vater ... o , mein Gott ! ... wie wurde er erschlagen ? « - » Junker ! « antwortete Gerhard , verlegen ob der nicht geahnten Heftigkeit des jungen Mannes : » Ihr fragt mich da nach Dingen , die ich eben so wenig weiß , als Ihr . Vielleicht aber « - hier nestelte er den weiten Ärmel seines Kollers auf ... » vielleicht belehrt Euch dieß Schreiben eines Bessern . Der Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit , und Euch es zu übergeben , vertraute mir ' s der Herr von Braunfels . Bis auf diesen Augenblick hatt ' ich ' s vergessen , doch kommt ' s auch jetzo nicht zu spät . « - » Da ! « fuhr er fort , indem er das wohlversiegelte Schreiben aus dem Ärmel fischte , und dem gierig darnach greifenden Dagobert langsam reichte : » Da ist der Brief , Euer Vater schreibt Euch darin die ganze Begebenheit selbst . « - » Er selbst ? « fragte verwundert der Jüngling , das Schreiben staunend in den Händen haltend , und einen Blick auf die Aufschrift werfend : » Wahrhaftig , er selbst ! fuhr er fort mit steigender Hitze : Einfältiger Weinschlauch ! und Du konntest mich beinahe zum Tode erschrecken ? Danke es dem Himmel , daß keine Waffe an meiner Hüfte hängt ! Dieser Augenblick wäre Dein letzter ! « - » Fröschlein ! Ihr redet irre ! « erwiederte Gerhard , der sich scheu in die Ecke schmiegte : » Was ficht Euch an ? Ist das der Dank für meine gutmüthige Theilnahme ? « - » Ich möchte lachen , wäre mir nicht so fürchterlich ernst zu Sinne ; « begann Dagobert auf ' s Neue : » lachen ob Deiner beklagenswerthen Einfalt . Mensch ! siehst Du denn nicht weiter als ein Maulwurf ? Du entsetzest mich durch die Botschaft von meines Vaters Tode ? kann aber der todt seyn , der mir von diesem Mord geschrieben ? « - » Ich dummer Hans ! « murmelte Gerhard durch die Zähne , und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne : » Dümmer als ein Gänserich . Es ist auch wahr . Vergebt , Fröschlein ; gestorben wird er nun wohl nicht seyn , aber Ihr werdet aus dem Briefe sehen , daß gewiß etwas Schreckliches vorgefallen . « - Dagobert wollte so eben , seinem Zweifel zu entgehen , die Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben lösen , als er noch einen Blick der Aufschrift schenkte . » Nein ! « rief er alsdann : » bei unsrer lieben Frau vom Berge ! Da hätte ich etwas Hübsches angerichtet . Das Schreiben gehört meinem würdigen Ohm , dem Prälaten . Der eifrige Mann würde mich in Bann thun , käme es verletzt in seine Hände . Vergib indessen meiner begreiflichen Neugier , wenn ich Dich jetzo allein lasse , zur Stunde , wo der Becher Dir am besten mundet . Ich denke das Versäumte nächstens einzuholen . Für jetzt aber eile ich , den Ohm , so leid mir ' s thut , aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu stören , denn bis morgen die Ungewißheit zu ertragen , vermag mein Gemüth nicht . Gute Nacht ! « - » Gute Nacht , Junker , « entgegnete Gerhard : » Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich ? « - » Sorge nicht ; « beruhigte ihn Dagobert : » Was kann der Mund , dafür , daß er einem ungeschickten Kopfe gehorcht ? Iß und trink ! die freie Tafel bis zum Tage des Turniers soll darum nicht wegfallen ! « - Der Prälat staunte nicht wenig , die Stille seines Hauses durch ein ungebührliches Pochen und Lärmen gestört zu sehen , und traute kaum dem Bericht des zur Pforte gesandten Dieners , der die Ankunft des Neffen verkündete , welcher Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe . Der furchtsame Geistliche , der sehr geneigt war , an eine beabsichtigte Gewaltthätigkeit seines Wildfangs von Anverwandten zu glauben , rief Fiorillen herbei , die ihn nur mit Mühe von dem Vorhaben abhielt , seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu versammeln . » Entschuldigt meinen seltnen , späten und überlästigen Besuch ! « rief Dagobert beim Eintreten : » Mein Geschäft bei Euch ist kurz , aber um so dringender ! « - Der Prälat lief einige Schritte zurück , da Dagobert ' s Hand rasch nach dem Gürtel fuhr , um den Brief herauszuziehen , und die Versicherung Fiorillens , es sey wirklich nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe , welches der Vetter bei sich trage , konnte Monsignore kaum beruhigen . Dagobert war genöthigt , ihm wie einem widerstrebenden Kinde die Finger zu öffnen , und den Brief hineinzulegen , mit der Bitte , doch ja alsobald den Inhalt desselben ihm mitzutheilen . Nun begann der Muth des Prälaten wiederum zu wachsen . » Per Dio e la santissima vergine ! « rief er mit aufgeblasenen Backen , da er den Ungrund seiner Besorgniß einsah : » heißt das nicht die Roheit eines deutschen Lümmels auf die höchste Spitze steigern ? Wie nanntest Du Dich vorhin ? Einen seltnen , späten , überlästigen Gast ? Ja wohl ; eine Lüge sagtest Du mindestens nicht in diesen Worten . Ist das eine seine Zucht und Sitte ? Überfällt bei Nacht und Nebel , einem Buschklepper gleich , seinen Ohm , einen Prälaten , der noch obendrein aufgebracht gegen ihn ist , und mit Recht ungehalten auf seinen Lebenswandel . Und warum dieser stürmische Überfall , der manchem weniger Beherzten den blassen Tod hätte zufügen können ? weshalb dieser Gräul ? Um einen Brief zu überbringen , der morgen eben so gut gelesen werden könnte , denn heute . « - » Mag seyn , Ohm ; « erwiederte Dagobert : » ich kann Euch aber darum doch nicht helfen . Meine Besorgniß ist zu groß . Meinem Vater ist ein Unfall zugestoßen , dessen nähern Verlauf ich heute noch wissen muß . « - » Höre doch einmal zu , Fiorilla ! « seufzte der Prälat , trostlos die Hände faltend : » Höre doch , wie der Gelbschnabel zu mir spricht . Wie ein Guardian zu einem Novizen . Was geht mich denn seine Besorgniß an ? Warum muß ich denn gerade heute noch das Schreiben lesen ? « - » Weil es meinen Vater betrifft ; « versetzte Dagobert heftig , der freilich nur Euer Bruder ist , und weil ich - kurz und gut - nicht eher aus dem Hause gehe , als bis ich weiß , was den Meinen zugestoßen . - » Du wirst sehen , « raunte der Prälat Fiorillen in ' s Ohr - Du wirst sehen , er setzt uns noch auf die Gasse , und macht sich breit in meinen vier Pfählen . Sieh nur , er glüht im Gesichte wie ein Kobold . Ob er betrunken ist , oder ob er am Veitstanz laborirt , oder - was den deutschen Bären öfters zu begegnen pflegt - gerade von einer verderblichen Lust zu morden und zu wüthen befallen ist - wer weiß das ? - » Thut ihm deshalb den Gefallen , den er verlangt ; « ermahnte Fiorilla : » Sohnesliebe spricht aus ihm . « - » Nun , wenn Du meinst ; «