bis zum letzten Hauch . L. Uhland Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen . Er musterte mit schnellem Blick die Eintretenden ; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer von Hardt , der andere war - jener Krämer , den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte . Der letztere warf seinen Pack , den er auf dem Rücken getragen , ab , riß das Pflaster weg , womit er ein Auge bedeckt hatte , richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf , und stand nun als ein untersetzter , starkgebauter Mann , mit offenen , kräftigen Zügen vor ihnen . » Marx Stumpf ! « rief der Geächtete mit dumpfer Stimme , » wozu diese finstere Stirne ? Du bringst uns gute Botschaft ! nicht wahr , sie wollen uns das Pförtchen öffnen , sie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann ? « Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn . » Machet Euch auf Schlimmes gefaßt , Herr ! « sagte er . » Die Botschaft ist nicht gut , die ich bringe . « » Wie « , entgegnete jener , indem die Röte des Zornes über seine Wangen flog , und die Ader auch seiner Stirne sich zu heben begann ; » wie , du sagst , sie zaudern , sie schwanken ? Es ist nicht möglich ; sieh dich wohl vor , daß du nichts Übereiltes sagst ; es ist der Adel des Landes , von dem du sprichst . « » Und dennoch sage ich es « , antwortete Schweinsberg , indem er einen Schritt weiter vortrat ; » im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich es sagen , sie sind Verräter . « » Du lügst ! « schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme . » Verräter , sagst du ? Du lügst . Wie wagst du es , vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben ? Ha ! gestehe , du lügst . « » Wollte Gott , ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre , ein Hund , der seinen Herrn verläßt . Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen , Ihr habt Euer Land verloren , Herr Herzog ! Tübingen ist über . « Der Mann , dem diese Rede galt , sank auf einen Stuhl am Fenster ; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen , seine Brust hob und senkte sich , als suche sie vergeblich nach Atem und seine Arme zitterten . Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm . Vor allen Georgs , denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt , in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war . Er war es selbst , es war Ulerich von Württemberg ! In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorüber , wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen , wie er ihn tief in der Erde Schoß besuchte , welche Worte jener zu ihm gesprochen , wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und angezogen hatte ; es war ihm unbegreiflich , daß er nicht längst schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war . Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen . Man hörte nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes , der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien . Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg , sie traten zu Ulerich , sie faßten sein Gewand und Schienen ihn erwecken zu wollen ; er blieb unbeweglich und stumm . Marie hatte weinend in der Ferne gestanden , sie nahte sich jetzt mit unsicheren zagenden Schritten , sie legte ihre schöne Hand auf seine Schulter , sie blickte ihn bange an , sie faßte sich endlich ein Herz und flüsterte : » Herr Herzog ! hie ist noch gut Württemberg alleweg ! « Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust , aber seine Hände drückten sich fester auf die Augen , er sah nicht auf . Jetzt nahte auch Georg . Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses Mannes in die Seele , jene gebietende Erhabenheit , die er ihm , als er ihn zum erstenmal gesehen , gezeigt hatte ; jedes Wort , das er damals gesprochen , kehrte wieder , und der junge Mann wagte es , zu ihm zu sprechen : » Warum so kleinmütig , Mann ohne Namen ? Si fractus illabatur orbis , impavidum ferient ruinae ! « Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulerich von Württemberg . Sei es dieser sein Wahlspruch , sei es jene Mischung von Seelengröße , Trotz und wahrer Erhabenheit über das Unglück , was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des » Unerschrockenen « erwarb - er zeigte sich von diesem Augenblick an , seines Namens würdig . » Das war das rechte Wort , mein junger Freund « , sprach er zur Verwunderung aller mit fester Stimme , indem er seine Hände sinken ließ , sein Haupt stolzer aufrichtete , und das alte , kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte , » das war das rechte Wort . Ich danke dir , daß du mir es zugerufen . Tretet vor , Marx Stumpf , Ritter von Schweinsberg , und berichtet mir über Eure Sendung . Doch reiche mir zuvor einen Becher , Marie ! « » Es war letzten Donnerstag , daß ich Euch verließ « , hob der Ritter an ; » Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir , wie ich mich zu benehmen habe . In Pfullingen kehrte ich ein , um zu probieren , ob man mich nicht kenne , aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen Schoppen , als habe sie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht gesehen , und ein Ratsherr , den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten hatte , trank mit mir , als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken getragen . Der junge Herr dort war auch in der Schenke . « Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen munterer als man bei so großem Unglück hätte denken sollen , fragte er : » Nun Georg , du hast ihn gesehen ; sah er so recht aus wie ein schäbiger , filziger Krämer ? Wie ? « » Ich denke er hat seine Rolle gut gespielt « , antwortete der junge Mann lächelnd . » Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen . Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer : Augsburger , Nürnberger , Ulmer , alle mögliche Städtler , und jubelierten mit den Reutlingern , daß man die Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen genommen , die Ihr ihnen aufgesetzt habt.35 Sie schimpften und sangen Spottlieder über Euch , die bewiesen , wie sehr sie Euch noch immer fürchten . Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen . Das Herz pochte mir , als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal vor meinen Blicken lag , und die festen Türme und Zinnen von Tübingen vom Berg herüberragten . « Der Herzog preßte die Lippen zusammen , wandte sich ab und sah hinaus ins Weite . Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf seinen Herrn , doch jener winkte ihm , fortzufahren . » Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen . Die Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt , und nur wenige Truppen standen mehr im Lager , das sie über dem Ammertal auf dem Berge geschlagen hatten . Ich beschloß , mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen , wie es mit dem Schloß stehe , ehe denn ich auf dem geheimen Wege zur Besatzung ginge . Ihr kennet die Herberge in der oberen Stadt , nicht weit von Sankt-Georgen-Kirche , dort trat ich ein und setzte mich zum Weine . Die bündischen Ritter , so erfuhr ich unterweges , kehrten oft dort ein , daher schien mir dies der beste Platz zu meinem Zweck . « » Ihr wagtet viel « , unterbrach ihn Herr von Lichtenstein ; » wie leicht konnten Leute da sein , die Euch abkaufen wollten , und da wäre der Krämer bald entdeckt gewesen ! « » Ihr vergeßt , daß es Festtag war « , entgegnete jener ; » ich hatte also guten Grund mein Bündel nicht aufzupacken und anzupreisen nach Krämersitte . Doch so leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden , habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam verkauft ! Weiß Gott ich hätte lieber mit ihm gestritten , daß er es gleich hätte brauchen können . - Es war noch das Hochamt in der Kirche , daher war niemand in der Herberge ; vom Wirt aber erfuhr ich , daß die Ritter im Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht haben . Als die Kirche aus war , kamen richtig wie ich mir gedacht hatte , viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk . Ich setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank , wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so großer Herren . « » Wen sahst du dort ? « fragte der Herzog . » Ich kannte einige , andere erriet ich aus dem Gespräch , das sie führten . Es war Frondsberg , Alban von Closen , die Huttischen , Sickingen und noch viele ; bald trat auch der Truchseß von Waldburg ein . Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht als ich ihn sah denn er wird noch nicht vergessen haben , wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nürnberg von der Mähre warf . « » Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein ? « unterbrach ihn Georg . » Breitenstein ? daß ich nicht wüßte , doch ja , so hieß wohl jener , der den Hammelschlegel auf einem Sitz verzehrte ! Jetzt fingen sie an von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand . Sie sprachen hin und her , oft flüsterten sie auch untereinander , doch ich habe gute Ohren und vernahm was mir nicht lieb war . Der Truchseß nämlich erzählte , daß er einen Pfeil in die Burg habe schießen lassen , mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion . Es muß dies schon mehrere Mal geschehen sein , denn die Ritter verwunderten sich nicht als er weiter fortfuhr und sagte , wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe . « Des Herzogs Stirne verfinsterte sich . » Ludwig von Stadion ! « rief er schmerzlich . » Ich hätte Häuser auf ihn gebaut ! Er war mir so lieb , ich tat ihm alles , was ich ihm an den Augen ansehen konnte - er hat mich zuerst verraten ? ! « » Im Brieflein stand , daß er , der Stadion und noch zwölf andere der Fehde müde seien , auch schon halb und halb willens gewesen , sich zu ergeben ; Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten . « » Um den hab ich ' s nicht verdient « , sagte Ulerich ; » ich war ihm gram , weil er mich oft getadelt hat , wenn ich nicht nach seinem Sinne tat . Wie man sich irren kann in den Menschen . Hätte man mich gefragt , wer mich verraten würde und wer dagegen spreche , ich hätte dort den Stadion , hier vielleicht Georg von Hewen genannt ! « » Im Brieflein stand auch noch weiter , daß Euer Durchlaucht vielleicht Entsatz bringen oder , wenn dies nicht möglich , auf geheimen Wegen in die Burg sich begeben wollen . Die Bündischen sprachen mancherlei hierüber . Sie waren aber darin einig , daß man die Besatzung zu einem Vergleich bringen müsse , ehe Ihr heranrücket oder gar ins Schloß kämet . Denn dann , meinten sie , können sie noch lange belagern müssen . Wie ich nun dies alles hörte , schien es mir nicht geraten , durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken , denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben , und dann war ich verraten . Ich beschloß den Tag noch zu warten ; hörte ich bis Samstag früh nichts Schlimmeres über die Besatzung , so wollte ich ins Schloß dringen und Euer Durchlaucht Schreiben übergeben . Ich streifte im Lager und in der Stadt umher , und niemand hielt mich an ; auch suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten ; so kam der Nachmittag . « » Das war noch freitags , an dem Fest ? « fragte Lichtenstein . » Am heiligen Freitag war ' s. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem Schloß , und schrie hinauf , ob sie im Schlosse bauen ? Ich stand nicht weit davon , und sah wie Stadion auf den Wall kam und antwortete : Nein ; denn es wäre wider den Pakt des Stillstandes ; aber ich sehe , daß Ihr im Feld bauet . Georg von Frondsberg rief : So es geschehen , ist es ohne meinen Befehl geschehen ; wer bist du ? Da antwortete der im Schloß : Ich bin Ludwig von Stadion . Drauf lächelte der Bündische und strich sich den Bart. Ist ' s also wie du sagst , rief er , so will ich ' s wenden , ritt zu ein paar Schanzkörben und warf sie um . Dann rief er dem Stadion zu , mit einigen Rittern herabzukommen , und miteinander einen Trunk zu tun . « » Und sie kamen ? « rief der Herzog ; » die Ehrvergessenen kamen ? « » Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein Platz , dort sieht man weit ins Land ; hinab ins Neckartal , hinauf die Steinlach , hinüber an die Alb und Zollern , und viele Burgen schmücken die Aussicht . Dorthin ließen sie einen Tisch bringen und Bänke , und die Bundesobersten setzten sich zum Wein . Dann ging das Tor von Hohen-Tübingen auf , die Brücke fiel über den Graben , und Ludwig von Stadion mit noch sechs andern kamen über die Brücke ; sie brachten Eure silbernen Deckelkrüge , sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten Wein , sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und setzten sich , besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein . « » Der Teufel gesegne es ihnen allen36 ! « unterbrach ihn der Ritter vom Lichtenstein , und schüttete seinen Becher aus . Der Herzog aber lächelte schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink , fortzufahren . » So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten bis sie rote Köpfe bekamen und taumelten ; ich stand nicht ferne und keine ihrer verräterischen Reden entging mir . Als sie aufbrachen , nahm der Truchseß den Stadion bei der Hand ; Herr Bruder , sagte er , in Eurem Keller ist ein guter Wein , lasset uns bald ein , daß wir ihn trinken . Jener aber lachte darüber , schüttelte ihm die Hand und sagte : Kommt Zeit , kommt Rat . Wie ich nun sah , daß die Sachen also stehen , beschloß ich mit Gott mein Leben dranzusetzen , und in die Burg zu den Verrätern zu gehen . Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde , wo der kleinere , unterirdische Gang beginnt . Ungesehen stieg ich hinab und drang bis in die Mitte . Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen Knecht hingestellt ; er legte an auf mich , als er mich durch die Finsternis kommen hörte , und fragte nach der Losung . Ich sprach , wie Ihr befohlen , das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn Eberhards im Bart Atempto ; der Kerl machte große Augen , zog aber das Gatter auf und ließ mich durch . Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor , und kam heraus im Keller . Ich schöpfte einige Augenblicke Luft , denn der Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang . « » Armer Marx ! geh trinke einen Becher , das Reden wird dir schwer « , sagte Ulerich ; willig befolgte jener das gütige Geheiß seines Fürsten , und sprach dann mit frischer Stimme weiter : » Im Keller hörte ich viele Stimmen , und es war mir als zanke man sich . Ich ging den Stimmen nach , und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und trinken . Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere der Seinigen . Sie hatten Lampen aufgestellt und große Humpen vor sich ; es sah schauerlich aus , fast wie das Femgericht . Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein Faß und hörte was sie sprachen . Georg von Hewen sprach mit rührenden Worten zu ihnen , und stellte ihnen ihre Untreue vor ; er sagte , wie sie ja gar nicht nötig haben , sich zu ergeben , wie sie auf lange mit Vorräten versehen seien , wie Euer Durchlaucht ein Heer sammeln werden , Tübingen zu entsetzen , wie eher die Belagerer in Not kommen , als sie . « » Ha ! wackerer Hewen ! und was gaben sie zur Antwort ? « » Sie lachten und tranken ; Da hat es gute Weile , bis der ein Heer sammelt ! wo das Geld hernehmen und nicht stehlen ? sagte einer . Hewen aber fuhr fort und sagte , wenn es auch nicht so bald möglich sei , so müssen sie sich doch halten bis auf den letzten Mann , wie sie Euch zugeschworen , sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn . Da lachten sie wieder und tranken und sagten : Wer will auftreten und uns Verräter nennen ? Da rief ich hinter meinem Faß hervor : Ich , ihr Buben , ihr seid Verräter am Herzog und am Land ! Alle waren erschrocken , der Stadion ließ seinen Becher fallen , ich aber trat hervor , nahm meine Kappe ab und den falschen Bart , stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem Wams . Hier ist ein Brief von eurem Herzog , sagte ich ; er will ihr sollet euch nicht übergeben , sondern zu ihm halten ; er selbst will kommen , und mit euch siegen oder in diesen Mauern sterben . « » O Tübingen « , sagte der Herzog mit Seufzen , » wie töricht war ich , daß ich dich verließ ! zwei Finger meiner Linken gebe ich um dich , was sage ich zwei Finger ; die Rechte ließ ich mir abhauen , könnte ich dich damit erkaufen , und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen ! Und gaben sie nichts , gar nichts auf meine Worte ? « » Die Falschen sahen mich finster an , und schienen nicht recht zu wissen was sie tun sollten . Hewen aber vermahnte sie nochmals . Da sagte Ludwig von Stadion : Ich komme schon zu spät . Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde mit dem Bunde begeben , und den Herzog solche allein ausmachen lassen . Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land , so wollen sie getreulich zu ihm stehen , aber aufs Ungewisse wollen sie den Krieg nicht fortführen , denn ihre Burgen und Güter werden so lange beschädigt und gebrandschatzt , bis sie nicht mehr gegen den Bund dienen . Ich verlangte nun , sie sollen mich hinaufführen in den Rittersaal , ich wolle versuchen , ob nicht Männer da seien , das Schloß zu halten , ich zählte auf , wen ich noch für treu halte die Nippenburg , die Gültlingen , die Ow , die beiden Berlichingen , die Westerstetten , die Eltershofen , Schilling , Reischach , Welwart , Kaltenthal - der von Hewen aber schüttelte den Kopf und sagte , ich habe mich in manchem geirrt ! « » Und Stammheim , Thierberg , Westerstetten , meine Getreuen hast du sie nicht gesehen ? « » O ja , sie saßen im Keller beim Stadion , und tranken Euren Wein . Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen . Selbst Hewen , selbst Freiberg und Heideck , die mit ihm waren , rieten ab , sie sagten , die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander , der Stadion habe die Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der Knechte . Wenn ich hinaufgehe , komme es im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe , und es bleibe ihnen als den Geringeren nichts übrig , als zu sterben . So gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden , so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen , als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden Da blieb mir nichts übrig als sie zu bitten , sie möchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Töchterleins annehmen , und ihnen das Schloß bei der Übergabe erhalten . Einige sagten zu , andere schwiegen und zuckten die Achsel , ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ und Ritter , sagte fünf von ihnen auf , und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod , wenn der Krieg zu Ende sei ; dann wandte ich mich und ging auf demselben Wege aus der Burg , wie ich gekommen war . « » Herr Gott im Himmel ! hätte ich dies für möglich gehalten « , rief Lichtenstein . » Zweiundvierzig Ritter , zweihundert Knechte , eine feste Burg , und sie doch verraten ! Unser guter Name ist beschimpft ; noch in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen , und wie sie ihr Fürstenhaus im Stich gelassen ; das Sprichwort Treu und ehrlich wie ein Württemberger ist zum Hohn geworden ! « » Wohl konnte man einst sagen , treu wie ein Württemberger « , sprach Herzog Ulerich , und eine Träne fiel in seinen Bart. » Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms , und mit den Kurfürsten , Grafen und Herren zu Tische saß , da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer Länder . Der eine rühmte seinen Wein , der andere sprach von seiner Frucht , der dritte gar von seinem Wild , der vierte grub Eisen in seinen Bergen . Da kam es auch an Eberhard im Bart. Von euren Schätzen weiß ich nichts aufzuweisen , sagte er , doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald , und komm ich nachts durch die Berge und bin müd und matt , so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand , ich grüße ihn und leg mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein . Des wunderten sich alle und staunten und riefen : Graf Eberhard hat recht ! und ließen treue Württemberger leben . Geht jetzt der Herzog durch den Wald , so kommen sie und schlagen ihn tot , und leg ich meine Treuen in die Burgen , kaum wende ich den Rücken , so handeln sie mit dem Feind . Die Treue soll der Kuckuck holen - doch fahre fort ; gib mir den Kelch bis auf die Hefe , ich bin der Mann dazu ohne Furcht den Grund zu sehen . « » Nun , daß ich ' s kurz sage , ich hielt mich noch in Tübingen auf , bis ich Gewißheit bekäme , wegen der Übergabe . Gestern am Ostermontag sind sie zusammengekommen , sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt , und nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen , um fünf Uhr abends haben sie das Schloß übergeben . Ihr seid der Regierung förmlich entsetzt . Prinz Christoph , Euer Söhnlein behält Schloß und Amt Tübingen , doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Obervormundschaft , und in das übrige heißt es , werden sich die Herren teilen . Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben , ich habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht , ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt , aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen , mein Schmerz war nie so groß als in jener Stunde , wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen , als ich ihr rotes Kreuz Württembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah ! « So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg . Die Sonne war während seiner Erzählung völlig heraufgekommen , auch an den äußersten Bergen war der Nebel gefallen , und was um die fernen Höhen von Asperg zog , war ein Duft , der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing , und die Gegenden , über welche er sich breitete , nur in noch reizenderem Lichte durchschimmern ließ . Angetan mit dem sanften Grün der Saaten , mit den dunkleren Farben der Wälder , geschmückt mit freundlichen Dörfern , mit glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in seiner Morgenpracht . Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken . Die Natur hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben , das Kummer und Elend nicht zu brechen vermochte ; nicht zu jeder Stunde , nicht jedem teilte er seine Empfindungen mit , und wenn ein großes Unglück über ihn kam , pflegte er zu schweigen und zu handeln . Auch in diesen schrecklichen Momenten , wo mit der letzten , festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war , verschloß er einen großen Schmerz in einer tapfern Brust . Wer stand je an dem Sarg einer Mutter , und fühlte nicht , wenn er den letzten Blick auf die teuren , bleichen Züge , auf den verstummten Mund warf , bittere Empfindungen in sich aufsteigen ? Es ist die Reue , was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt . Man erinnert sich , wie unendlich viel sie für uns getan , wie sie uns als Kind so liebreich hegte , wie ihr kein Opfer zu schwer ward , das sie dem Jüngling nicht gebracht hätte . Und wie haben wir vergolten ? wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe , wir glaubten , es müsse nun einmal so sein , wir waren sogar undankbar und murrten , wenn nicht alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden , wir verpraßten ihr Gut , und achteten nicht auf ihre stillen Tränen . Jetzt wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht , wo dieses Ohr auf immer verschlossen ist , das nur auf unsere Wünsche lauschte , wo diese Hände unsern letzten Druck nicht mehr fühlen , diese Hände , die uns mühsam nährten : jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue , Dankbarkeit , Liebe unsere Brust , deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen , sie glücklich zu machen ! Ein ähnliches Gefühl der Reue war es , was drückend auf der Brust Ulerichs von Württemberg lag , als er auf sein Land hinabschaute , das auf ewig für ihn verloren schien . Seine edlere Natur , die er oft im Gewühle eines prächtigen Hofes , und betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet hatte , trauerte mit ihm , und es war nicht sein Unglück allein was ihn beschäftigte , sondern auch der Jammer des okkupierten Landes . Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen Freunden wandte , staunten sie über den Ausdruck seiner Züge . Sie hatten erwartet , Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne , in seinen Augen zu lesen , aber es war eine tiefe Rührung , ein stiller , großer Schmerz , was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab , den sie nie an ihm gekannt hatten . » Marx ! wie verfahren sie gegen das Landvolk ? « fragte er . » Wie Räuber « , antwortete dieser ; » sie verwüsten ohne Not die Weinberge , sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer , Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld , und treten nieder was die Pferde nicht fressen . Sie mißhandeln die Weiber und pressen den Männern das Geld ab . Schon jetzt murrt das Volk allerorten , und lasset erst den Sommer kommen und den Herbst ! Wenn aus den zerstampften Fluren kein Korn aufgeht , wenn auf den verwüsteten Bergen keine Weinbeere wächst , wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer , die der Bundesrat umlegen wird , bezahlen müssen - da wird das Elend erst recht angehen . « » Die Buben ! « rief der Herzog , und ein edler Zorn sprühte aus seinen Augen ; » sie rühmten sich mit großen Worten , sie kämen um Württemberg von seinem Tyrannen zu befreien , es zu entheben aller Not . Und sie hausen im Lande wie im Türkenkrieg . Aber ich schwöre es , so mir Gott eine fröhliche Urständ gebe , und seine Heiligen gnädig sein wollen meiner Seele , wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift , ich will kommen und mähen und Garben schneiden - in ihren Gliedern , ich will kommen mit schrecklichen Winzern , will sie treten und keltern und ihr Blut verzapfen . Ich will rächen was sie an mir und meinem Land getan , so mir der Herr helfe . « » Amen ! « sprach der Ritter vom Lichtenstein . » Aber ehe Ihr hereinkommt , müßt Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land . Es ist keine Zeit zu verlieren , wenn Ihr ungefährdet entkommen wollet . « Der Herzog sann eine Weile nach , und antwortete dann : » Ihr habt recht , ich will nach Mömpelgard ; von dort aus will ich sehen ob ich so viele Mannschaft an mich ziehen kann , um einen Einfall in das Land zu wagen . Komm her du treuer Hund , du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung . Du weißt nicht