, von Jugend auf bei Alt und Jung beliebt . Antoine , seit langer Zeit ihr Verlobter , war als Matrose mit dem Phönix ausgegangen , sobald er heimkehrte , sollte die Hochzeit seyn und nun - dem alten Mann brach die Stimme vor innerer Bewegung , er vermochte nichts weiter hinzuzusetzen . « » Ich dachte an Vicktorinen und - ach ! hochwürdige Frau ! lassen Sie mich , was ferner sich mit der Unglücklichen begab , was mir das Herz zerriß , indem es mit einem Entsetzen mich erfüllte , das immer von neuem wiederkehrt , so oft ich daran denke - lassen Sie mich das alles nur noch mit wenigen kurzen Worten andeuten , um Ihrer und meiner zu schonen . » Wir kehrten in die Hütte zurück und - fanden Suzon nicht mehr . Sie war erwacht , und hatte sich hinter unserem Rücken hinausgeschlichen . Das furchtbare Brausen des Sturms , das wilde Toben der Wogen , bei dem wir nur mühsam , dicht zusammen gedrängt , uns einander verständlich machen konnten - wir hatten ihr Fortgehen nicht bemerkt ! « » Wir riefen Hülfe herbei , die wenigen Invaliden , welche die Zitadelle bewohnen , vereinten sich mit uns , der Fels , der Weg zur Stadt , die Kapelle , alles ward durchsucht , obgleich die Schrecknisse dieser entsetzlichen Nacht die Nachforschungen eben so gefährlich als mühsam machten , - alles war umsonst und Suzon blieb verloren ! « » Der Morgen graute , das Gewitter verzog , der Sturm legte sich , doch das erzürnte Meer siedete noch immer in innerlicher entsetzlicher Wuth , und die schäumende Brandung tobte weit über ihre sonst gewohnte Gränze am Ufer hin . Da ging endlich die Sonne auf , hell und heiter , als leuchte ihr Strahl nur Glücklichen , die smaragdnen Wellen erglänzten , sie hoben wie im feyerlichen Tanz die schaumgekrönten Häupter in unbeschreiblicher Pracht , und warfen im wilden Spiele die dunkeln Trümmer des gescheiterten Schiffes einander zu , ein trauriges Zeichen ihres Triumphs über zerbrechliches Menschenwerk . « » Wie ich zurück nach Marseille und in meine Wohnung gelangt bin , weiß ich kaum . Das in allen seinem Schrecken über allen Ausdruck erhaben große Schauspiel dieser unvergeßlichen Nacht , Suzon , Vicktorine , alles dieses vereint , drängte sich auf dem Wege in meiner Phantasie zu einem einzigen gewaltigen Bilde zusammen . « » Es war mir unmöglich , Marseille , wie ich es mir früher vorgenommen hatte , schon an diesem Tage zu verlassen , ohne vorher über das Geschick der armen Suzon und der Mannschaft des so nah ' am Hafen gescheiterten Schiffes zu einiger Gewißheit gelangt zu seyn . Alle , alle hatten wahrscheinlich im Zorn des empörten Elements den Untergang gefunden . « » Als am zweiten Morgen nach jener Schreckensnacht das wieder beruhigte Meer sich in seine alten Schranken zurückzog und die wilde Brandung sich legte , fanden die Fischer mehrere Todte , welche die Wogen dem mütterlichen Boden wieder zugeworfen hatten . Antoine war der erste unter diesen ; unfern dem Wohnorte seiner Braut lag er auf einer kleinen Erhöhung , halb bedeckt noch von den Wellen , die einzeln über ihn hinschlugen , und neben ihm seine bis in den Tod getreue Suzon . Kalt , erstarrt , durchnäßt , als hätte sie mit ihm die Gefahren des Schiffbruchs getheilt , hielt sie ihn noch immer fest umschlungen , und keine Gewalt vermochte die Liebenden im Tode zu trennen , denen Vereinigung im Leben nicht beschieden war . « » Die Unglückliche ! Nachdem sie aus der Hütte des guten Regnaud entfloh , stieg sie , wie man jetzt vermuthet , einen Fußpfad hinab , der schnurgerade ans Ufer führt . Niemand begreift , wie dieses Wagestück ihr in dieser entsetzlichen Nacht gelungen seyn kann , denn nur selten mag einer der kühnsten Bewohner dieser Küste den fast senkrecht steilen Weg bei hellem Sonnenscheine zu erklimmen . Wahrscheinlich fand sie zuerst beim grauenden Morgen den geliebten Todten , noch umspült von der Brandung , die ihn ans Ufer warf , und ihn wieder mit hinabzureißen drohete . Die erschöpften Kräfte der Armen vermochten nicht , ihn vollends an das Ufer zu ziehen , und so sank sie neben ihm hin und fand selbst den Tod in dem Bestreben , ihren Geliebten wieder ins Leben zurückzurufen . Es ist ein Geschick , über das sich weiter nichts sagen läßt ; hier bleibt nichts übrig , als schweigend in Ehrfurcht zu verstummen . « » Am zweiten Tage , ehe ich den Weg nach Toulon antrat , ging ich hinaus , um das Meer noch einmal zu sehen , doch den Felsen von notre Dame de la Garde mochte ich nicht wieder besteigen . Glänzend wie ein Spiegel , kaum gekräuselt von leicht dahin tanzenden Wellen , lag es vor mir , keine Spur mehr von der furchtbaren Empörung , in der ich es vor kaum acht und vierzig Stunden gesehen hatte . Sinnend verweilte ich lange in seinem Anschauen , alle Schrecknisse jener Nacht gingen nochmals an meinem Geiste vorüber , und ich faßte hier zuerst den Entschluß , welchen ich jetzt ausführe , indem ich diese Blätter und den Schlüssel zu dem Kästchen Ihnen , hochwürdige Frau , übersende . « » Mein Muth blieb indessen ungebeugt , und ich darf sagen , was ich sah und erlebte , hat ihn vielmehr neu gestärkt , obgleich das harte Geschick der armen Suzon und ihres Geliebten mich noch immer mit tiefer wehmüthiger Trauer erfüllt ! Drohen doch überall tausend Gefahren dem armen Leben des Sterblichen , selbst mitten im Kreise der Seinen , auf festem Boden , im sichern Hause . Ist doch die Erde ein weites Grab wie das Meer und jeder Athemzug ein unerforschtes Wunder , das unser Leben von einer Secunde zur andern fristet . Wahrlich , wir müßten entweder immer verzagen , oder immer vertrauen , und ich wähle mir das letztere . « » Am nämlichen Tage noch trat ich meine kleine Reise nach Toulon an ; ich suchte und fand neue Lebenskraft im Betrachten dieser , von allem mir Gewohnten so ganz abweichenden Pracht der Natur und es gelang mir nach und nach , mich von den düstern Bildern loszureißen , die noch immer auf meine Phantasie eindrangen . « » Alles ist hier anders wie bei uns und doch unendlich reizend ; keine Spur jener anmuthigen Frische , die in den schönen Thälern am Ufer der Elbe , des Rheins , der Donau , uns mit so unbeschreiblichem Wohlbehagen erfüllt . Weit und breit ist nur wenig Grünes zu entdecken , die Olivenbäume , die in den Steinklüften wurzeln , der Tymian , der Lavendel , alle die viel tausende Kräuter , die , wie ein Teppig , sich über die Felsen hinbreiten , zeigen meistens nur ein einförmiges Graublau , welches das dunkle , ans Schwarze gränzende Grün der malerischen Pinie nur selten unterbricht , aber ein süßberauschender Duft steigt Abends und Morgens aus ihnen auf . Der Oleander , der Rosmarin wachsen hier , mit der Myrthe vereint , zum hohen baumartigen Strauch heran . Die Tazette , der Goldlack , alle die vielen Blumen , die wir im Norden mühsam pflegen , gedeihen hier in der Wildniß weit üppiger als in unsern Treibhäusern . Myriaden von Cikaden klingeln wie mit Silberglöckchen vom Morgen zum Abend ihr eintöniges Lied und die malerisch gestalteten Felsen erglühen im Sonnenschein in einer Farbenpracht , die wir im Norden nicht kennen . « » Da ich erst spät gegen Mittag ausgereist war , so konnte ich Toulon nicht in Einem Tage erreichen , sondern mußte in Cujes , einem kleinen , mitten in einem Felsenkessel liegenden Orte übernachten ; dafür ritt ich aber auch schon mit Sonnenaufgang wieder aus , von meinem Bedienten und einem Postillion begleitet , der uns zum Wegweiser diente . Unsere Straße führte uns anfangs durch ein wunderschönes Felsenthal , am Ufer eines lustig rauschenden Bergwassers hin , dem von den Höhen eine Menge kleiner silberhellen Quellen zustürzten , als eilten sie , sich mit ihm zum fröhlichen Tanz durch das schöne Land hin zu vereinen . Wo nur ein urbares Plätzchen sich findet , wachsen hier Mandelbäume , Maulbeerbäume und Reben zwischen dem Gestein ; unzählige Blumen biegen sich neugierig vor , als wollten sie in dem klaren Gewässer sich spiegeln und alles grünt und blüht in üppiger Frühlingskraft . Doch dieses währte nicht lange , die Felsen erhoben sich kühner , das klare Strömchen verwandelte sich in einen scheltend und stürmend , zwischen engen Ufern daher rollenden Giesbach , und alles um uns gewann einen düsteren , wilderen Charakter , bis zuletzt jede Spur von Vegetation hinter uns zurückblieb und das enge schauerliche Thal von Oliulles uns aufnahm . In früheren Zeiten , selbst während der Revolution , war es als der Aufenthalt gefährlicher Räuberhorden berüchtigt , und auch jetzt hatte man uns ermahnt , es nicht unbewaffnet zu durchziehen . Denn der vieljährige Krieg hat die Menschen verwildert , und viele , die während desselben heranwuchsen und kein anderes Handwerk als Raub und Plünderung in fernen Ländern erlernten , üben dieses jetzt nothgedrungen im eigenen Vaterlande aus , besonders wo sie , gerade wie in diesem Thal , einen Ort finden , der von der Natur selbst zum Schauplatz dunkler Thaten bestimmt scheint . « » Nie sah ich eine furchtbarere Einöde ! Ein wild verworrenes Labyrinth grausenerregender Klüfte und Höhlen öffnet sich zu beiden Seiten der dicht am Bergstrom sich hinwindenden Straße und bietet dem Räuber überall sichere Zuflucht und Mittel zu entkommen . Zuweilen treten die überhangenden Felsen so nahe zusammen , daß kaum ein schmaler Himmelsstreif dem Wandrer sichtbar bleibt , und kein belebender Sonnenstrahl in die schauerliche Dämmerung hinabzudringen vermag . Hier verstummt alles Leben , kein Vogel singt in dieser furchtbaren Wüste , aus der selbst die genügsame Cikade entflieht , weil auch kein armes Hälmchen dem trocknen harten Steine mehr entsprießt . « » Tief in mich selbst versunken , ritt ich eine kleine Strecke voraus , dem einsamen dunkeln Pfad ' entlang , während mein Bedienter mit dem Postillion etwas zurückblieb , um sich von diesen Mordgeschichten erzählen zu lassen , deren Schauplatz er gerade in die Gegend hin verlegte , in welcher wir uns befanden . Meinem ehrlichen Dubois sträubte sich dabei das Haar himmelan , aber er horchte dennoch mit einem Interesse darauf , welches auch gebildetere Naturen , als die seine , nie ganz zu verläugnen vermögen , und verlangte immer nach einer zweiten furchterregenden Erzählung , wenn die erste eben zum Schlusse gekommen war . « » So gelangte ich , anscheinend ganz allein , zu einer Stelle im Thal , wo sich die Felsen dem Auge so wunderbar in einander schieben , daß der rückwärts Schauende eben so wenig begreift , wo er hergekommen ist , als man absehen kann , wo es hinaus will , wenn man den Blick vorwärts wendet . Und gerade in diesem ringsum von steilen Felsenwänden eingeschlossenen Platze sah ich plötzlich in geringer Entfernung aus einer der Seitenklüfte zwei mit starken Knütteln bewaffnete Männer hervorspringen , deren verwildertes Ansehen das traurige Gewerbe nur zu deutlich bezeichnete , welches sie hier treiben mochten . « » Wo hinaus ? « rief mir der Eine zu , der mir am nächsten stand , und suchte meinem Pferde in den Zügel zu fallen , während der Andere im gestreckten Laufe herbei eilte . Ich hatte indessen im Augenblicke , als ich ihrer ansichtig ward , eines meiner Terzerole hervorgezogen , und feuerte es nur über ihre Köpfe ab , denn warum sollte ich die armen Teufel zu verletzen suchen ? Der Schall vertausendfältigte sich bis ins Unendliche zwischen diesen Felsenmassen , und was ich dadurch beabsichtigte , war auch im nächsten Augenblick erreicht , denn der Postillion und Dubois bogen um die Ecke ; die Räuber flohen in ihre Schlupfwinkel zurück , sobald sie dieser Beiden gewahr wurden , und verschwanden blitzschnell vor unsern Augen . « » Herr , das waren böse Gäste ! « rief der Postillion , » laßt uns eilen , damit wir diese verwünschten Räuberwinkel in den Rücken bekommen . Ich ließ mir den Rath gefallen und nun ging es eine Weile so schnell vorwärts , als der , bald steil sich erhebende , bald dem Abgrunde sich zusenkende Weg es nur erlauben wollte . Die Felsen zogen sich in immer wunderbarer sich gestaltende , düstere Klüfte zusammen . Plötzlich sprang mein Pferd um die Seite ; ich suchte die Ursache seines Scheuwerdens und ward mit Entsetzen einen fast ganz entkleideten wahrscheinlich ermordeten Menschen gewahr , der , halb verborgen , in einer Felsenschlucht unfern dem Wege lag . Schnell sprang ich vom Pferde , um zu untersuchen , ob noch Leben in ihm sey ? Dubois Angst stieg zwar bis zum Lächerlichen bei diesem Verweilen an einem so berüchtigten Orte , und auch der Postillion wäre gern vorwärts geeilt , doch ich achtete nicht darauf , und da ich beiden in der nächsten Minute die Versicherung ertheilen konnte , daß der Beraubte nicht todt , sondern nur von einem Schlage auf den Kopf betäubt sey , so waren sie auch sogleich bereit , mir in dem Bemühen , ihn wieder ins Leben zu bringen , beizustehen . Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Unglückliche den nehmlichen Räubern in die Hände gefallen , denen wir kurz vorher begegneten ; Dubois und der Postillion besprachen dieses mit einander sehr weitläuftig , indem sie sich um ihn beschäftigten und zogen daraus den tröstlichen Schluß , daß die Räuber deshalb wohl schwerlich sobald sich wieder hieher zurückwagen würden . « » Mit welcher Freude ich endlich die erste Regung des wiederkehrenden Lebens in dem Verwundeten wahrnahm , vermag ich nicht zu beschreiben . Nie zuvor hatte ich gefühlt , was es heißt , ein Menschenleben gerettet zu haben , und ich schrie beinahe laut auf vor Entzücken , als sein Auge sich dem Lichte öffnete . Freilich sank er bald darauf , halb ohnmächtig wieder zurück , doch gelang es uns deshalb vielleicht um so besser , die nöthigen Vorkehrungen zu treffen , um ihn mit uns zu führen , ohne ihm zu große Schmerzen zu verursachen . « » Langsam schritt unser kleine Zug jetzt vorwärts , bis wir den nicht mehr sehr entfernten Ausgang des Thals erreichten . Tausend Gedanken und Empfindungen wogten indessen in meinem Gemüth ; Suzon und ihr schmerzliches Geschick standen von neuem vor meinem Geist , und die Ueberzeugung daß nur der Untergang jenes holden liebenden Wesens mich in der rechten Stunde zur Rettung dieses jungen Mannes herbeigeführt habe , erfüllte mich mit unaussprechlich tiefer Wehmuth . Denn nur um von Suzon noch Kunde zu erhalten , war ich später von Marseille ausgereist , als ich zuerst es mir vorgesetzt hatte . « » So geht das Leben durch Nacht zum Licht ! aus Untergang erwächst neues Entstehen , wie am Horizonte des gestirnten Himmels ein neues Sternbild glorreich sich erhebt , wenn andere nach vollbrachtem Laufe hinabsinken . Die anscheinend unbedeutendste unsrer Handlungen zieht oft eine Kette von Folgen nach sich , bei deren Betrachtung uns , wenn wir den Blick rückwärts wenden , geheimnißvolle Schauer aus einer unsichtbaren Welt entgegen wehen . Daß ich zu übelgewählter Zeit einen Spaziergang unternahm , daran hing , allem menschlichen Absehen nach , das Leben dieses jungen Mannes , nebst allen den nicht zu berechnenden Folgen , die aus seiner Erhaltung , nicht nur für ihn , sondern für alle die entstehen können , welche mit ihm schon in Verbindung sind oder noch im Laufe der Jahre mit ihm in Verbindung kommen werden . Wie ernst ist das Leben und wie wichtig zugleich , wie abhängig von allem was wir Zufall zu nennen wagen ! Man darf darüber nicht zuviel grübeln , aber wie soll man es anfangen , sich dieser Gedanken zu entschlagen , wenn die Veranlassung dazu sich auf solche Weise uns entgegen drängt ! « » Der Anblick der unaussprechlich reizenden Gegend , welche dicht vor jenem Felsenthal mir überraschend entgegen leuchtete , entriß mich jenen vielleicht zu ernsten Betrachtungen . « » Ich gebe zu , daß der Kontrast mit der eben verlassenen Wüste nicht wenig dazu beigetragen haben mag , mir alles , was ich nun erblickte , in feenartigen Zauberglanze zu zeigen , doch für den Moment war mir wirklich , als sey ich plötzlich aus den Schlünden des Tartarus in Elisium versetzt , da ich im Dörfchen Oliulles zum erstenmal in meinem Leben die ländlichen Hütten von Orangenbäumen umgeben sah , aus denen Hunderte von Nachtigallen uns entgegen sangen , und deren immer grüne , im herrlichsten Blüthenschmucke prangende Zweige zugleich unter der schweren Last goldner Früchte sich beugten . « » Unser Postillion war glücklicher Weise aus diesem Dörfchen gebürtig , und so ward es uns nicht schwer , unsern Verwundeten hier einstweilen auf leidliche Weise unterzubringen , bis für dessen fernere Verpflegung besser gesorgt werden konnte . Ich ließ meinen Dubois bei ihm zurück , und ritt so schnell als möglich dem jetzt nicht mehr weit entfernten Toulon zu , von wo ich sogleich einen Wundarzt und eine Sänfte nach Oliulles absandte . Am nächsten Tage hatte ich schon die Freude , den Unglücklichen in meinem Gasthofe anlangen zu sehen , wo ich für seine Verpflegung selbst Sorge tragen kann . Bis jetzt liegt er äußerst schwach , beinahe regungslos da , doch seine Wunden sind an sich nicht gefährlicher Art , und der Arzt hofft mit Gewißheit , er werde genesen . Diese Hoffnung stützt sich hauptsächlich auf die innere Kraft einer jugendlichen unverdorbenen Natur , welche freilich durch mannigfaches Leiden , vielleicht sogar durch harte schwere Arbeit , untergraben zu seyn scheint , bei sorgsamer Pflege steht aber zu erwarten , daß sie bald wieder die Oberhand über Fieber und Schmerz gewinnen werde . « » Im Ganzem ist mir dieser noch sehr junge Mann eine höchst räthselhafte Erscheinung . Seine verfallne abgemagerte Gestalt , seine , wenn gleich fein geformten , dennoch hart gewordnen Hände voller Schwülen scheinen freilich zu beweisen , daß ihn bis jetzt das Leben nicht sanft bettete , und doch liegt ein gewisses unbeschreibliches Etwas in seiner sehr edlen Gestalt und mehr noch in seinem Benehmen , sobald er nur einen Augenblick seiner Besinnung mächtig wird , welches darauf hindeutet , daß er den gebildeten Ständen angehört , die wir die Höheren zu nennen gewohnt sind . « » Der Arzt verbietet ihm zu sprechen , was seine eigne Schwäche ihm ohnehin kaum erlauben möchte ; er liegt die größte Zeit des Tages in einem , an Bewußtlosigkeit gränzenden Hinbrüten fast ohne ein Zeichen des Lebens , und da die Räuber ihm alles , was er bei sich führen mochte , nahmen , so blieb mir nichts , was mich in meinen Vermuthungen über seine früheren Verhältnisse leiten könnte . Gleichwohl ahnet mir zuweilen , er sey vielleicht ein Deutscher und dieser Gedanke erhöht meine Freude über seine Rettung um ein Großes . Freilich haben Luft und Sonne sein Gesicht gebräunt , so , daß er sich in dieser Hinsicht durchaus nicht von den Eingebornen des Landes unterscheidet , doch seine Locken sind blond , und einigemal glaubte ich deutlich zu hören , wie er , o mein Gott ! seufzte , wenn seine Wunden ihm stärker schmerzen mochten . « » Morgen kehre ich nach Marseille zurück , denn die Geschäfte , welche mich dort erwarten , erlauben mir nicht , nur noch einen Tag länger in Toulon zu verweilen . Der Unfall meines Unbekannten hat indessen die Wachsamkeit der hiesigen Polizei nun belebt , Gensd ' armes durchstreifen das Thal von Oliulles nach allen Richtungen hin , und die große Straße wenigstens ist in diesem Augenblick vollkommen sicher . « » Mein Unbekannter bleibt indessen unter dem Schutze eines wackern Deutschen , Namens Weiler , dem Chef eines hiesigen bedeutenden Handelshauses zurück . Denn wo wäre eine bedeutende Stadt in Europa , in der man nicht Deutsche anträfe ? Auch der Arzt ist einer , wie so viele der geachtetsten Aerzte in Frankreich . Beide ahnen mit mir in dem Unbekannten einen Landsmann , und pflegen deshalb seiner um so mehr mit wahrhaft brüderlicher Theilnahme . Weiler ist sogar entschlossen , ihn in sein Haus aufzunehmen , sobald der Gesundheitszustand des Kranken dieses erlaubt . So weis ich ihn denn gut versorgt und kann leichten Muthes von ihm scheiden ; ich lasse ihm meine Adresse und die meines Hauses zurück und Herr Weiler will sich mit mir vereinen , um ihm die Heimkehr zu den Seinen auf jede Weise zu erleichtern . Und nun leben Sie wohl , hochwürdige Frau , Sie werden jetzt in langer , langer Zeit nicht wieder von mir hören , aber ich weis , Sie vergessen meiner dennoch nicht . Lebe wohl , Geliebte ! Vicktorine ! Du schönes holdes Licht meines Lebens ! Lebe wohl mein Vaterland ! Europa , lebe wohl ! Mein Schiff liegt im Hafen vor Marseille zur Abfahrt bereit . Es ist ein trefflicher Seegler , der Kapitain ein erfahrner verständiger Seemann . Die Stürme der Tag- und Nachtgleiche sind vorüber , und alles weissagt mir eine schnelle glückliche Fahrt . « » Mein Herz schlägt hoch in Freude , daß ich nun endlich dem mir gesetzten Ziele zueilen darf ; die Hoffnung des schönsten Wiedersehens winkt mir durch den Schleier , der die ferne Zukunft verhüllt ; was ich auf Erden noch zu ordnen hatte , ist jetzt geordnet , und so rufe ich frischen Muthes aus voller Brust : Glück auf ! « Schon das wohlbekannte Wappen , mit welchem dieser Brief gesiegelt war , hatte wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen , in den Augen der Tante die Aehnlichkeit der Schriftzüge auf der Adresse , mit den ihr unvergeßlichen , einer längst zu Staub eingesunknen geliebten Hand zu erhöhen . Als sie nun vollends auch den kleinen goldnen Schlüssel aus seiner Verhüllung wickelte , welcher in dem Briefe lag , strahlte ihr ein zweiter heller Lichtschein aus ihrer fernsten Vergangenheit so blendend entgegen , daß sie darüber das Bewußtseyn der Gegenwart verlor . Ihre zitternde Hand vermochte es kaum , den Schlüssel fest zu halten ; sie betrachtete ihn genauer ; er war es , unverkennbar derselbe ! Sie drückte beinahe unwillkührlich auf eine oben am Griffe angebrachte Rosette , diese wich noch wie ehemals dem leisen Drucke und schob sich zurück . Anna glaubte zu träumen . In unbeschreiblicher Bewegung brachte sie jetzt auch das Kästchen herbei , welches Raimund ihrer Bewahrung anvertraut hatte . Ohne es genauer zu betrachten , hatte sie es damals weggestellt , und hätte nicht Raimund jetzt durch sein Schreiben sie dazu berechtiget , so würde sie es ihm gewiß bei seiner Rückkunft ganz unberührt wieder gegeben haben , ohne daß es ihr je eingefallen wäre , die Chatulle aus der Verhüllung zu ziehen , die solche von allen Seiten dicht umgab . Mit strahlenden Augen , mit einem Gefühle ohne Namen , erkannte Anna auf den ersten Blick jetzt das aus seinem Futterale gehobene Kästchen für das nämliche , welches einst Bernhard von Leuen als ein von seiner Mutter ererbtes Familienkleinod mit der größten Sorgfalt aufbewahrte . Wie oft hatte sie die alte , mit Gold künstlich eingelegte Arbeit , alle die unendlich feinen Blumen und in einander verschlungnen Züge mit ihm bewundert , die das Elfenbein schmückten , aus welchem die Aussenseite dieses kostbaren Behältnisses bestand ! Sie versuchte es , mit dem zierlichen Schlüssel zu öffnen , das Schloß wich , das Kästchen sprang auf und leuchtend wie sonst , glänzte die Silberplatte ihr entgegen , welche das Innere desselben oben und unten und von allen Seiten bedeckte . Alle die seeligen Stunden , welche sie im entzückenden Gefühle des ersten Aufkeimens reiner jugendlicher Liebe bei der Herzogin von P * * * mit Bernhard durchlebte , gingen bei diesem Anblick wieder an ihr vorüber , und weit drängten sie die Gegenwart zurück . Anna glaubte wieder Bernhards leisen Tritt zu hören , als schliche er herbei , als wolle er , wie er einst im fröhlichen Scherz gethan , über ihre Schulter blicken , um in dem kleinen Raume der hellspiegelnden Fläche sein Bild mit dem ihrigen zu vereinen . Wunderbar durch sich selbst getäuscht , glaubte sie das Wehen seiner Nähe zu empfinden , unwillkürlich warf sie einen Blick in das Innere des Kästchens - doch ach ! nicht das Bild des Geliebten , nicht das ihrer eignen längst entschwundnen Jugendblüthe lächelte ihr daraus entgegen - sie erblickte nichts weiter als ihre jetzige gealterte Gestalt . Ergriffen von der unnennbaren und doch so menschlichen Trauer um den versunknen Frühling ihres Lebens , bedeckte sie bei diesem Anblick ihr Gesicht mit beiden Händen , und sank mit einem kaum zu unterdrückenden Schrei des Entsetzens in ihren Armstuhl zurück , als habe erst in diesem Moment eine feindliche Gewalt ihre Jugendherrlichkeit mit einem Schlage zerstört . Was sie gelitten , was sie verloren , alle längst verjährten Schmerzen , die sie im Laufe ihres Lebens gefühlt und überwunden , drangen jetzt mit unsäglicher , neubelebter Gewalt auf sie ein ; das Gefühl des Alters überwältigte sie plötzlich mit seiner ganzen Trostlosigkeit , ihr starkes Gemüth unterlag dem Schmerze über den entsetzlichen Unterschied zwischen jetzt und damals , als diese nämliche Platte das leztemal ihr Bild ihr gezeigt hatte , und sie brach in bittre heiße Thränen aus , wie sie nie wieder sie weinen zu müssen gehofft hatte . Wir alle , Männer und Frauen , würden fühlen , wie Anna damals empfand , dürfte das Alter uns so plötzlich nahen , als der Tod , zu unserem Heile es darf ; aber die , ihre Kinder immer schonende Natur führt uns glücklicherweise in leisen Uebergängen , von Stufe zu Stufe dem Ziele unmerklich näher , das der blühendsten Schönheit , wie der unverwüstlichsten Jugendkraft , unvermeidlich , wenn gleich meistens unbeachtet gegenüber steht . Annas lang geübte Gewalt über sich selbst gab ihr indessen bald wieder Kraft genug , um den Inhalt des Kästchens näher zu untersuchen . Sie fand darin alles wie Raimund es ihr geschrieben hatte , eine versiegelte Abschrift seines letzten Willens , und die , sein nicht ganz unbeträchtliches Vermögen betreffenden Documente . Sie nahm alles dieses heraus und bereitete sich nun , die verborgenen Fächer des Kästchens zu öffnen , von deren Daseyn Raimund nichts wußte , und die auch ihr verborgen geblieben wären , wenn nicht Bernhard von Leuen sie einst zufälliger Weise damit bekannt gemacht hätte . Dabei war sie überzeugt , daß Raimunds Vater seinem Sohne das Daseyn dieser Fächer noch zu entdecken gewünscht hatte und daß nur das schmerzliche Gefühl , dieses nicht mehr zu vermögen , die letzten Stunden des sterbenden Greises beunruhigt haben mochte . Uebrigens konnte in dem kleinen Behältnisse diese verborgenen Fächer niemand ahnen , der nicht in das Geheimniß eingeweiht war . Denn die mit Gold eingelegte Arbeit , welche die elfenbeinerne Aussenseite fast über und über bedeckte , nebst den sehr massiv scheinenden silbernen Platten im Innern desselben waren mehr als hinlänglich , um die Dicke und Schwere des Deckels und Bodens vollkommen zu motiviren . Abermals schob jetzt Anna am Griff des Schlüssels die Rosette zurück , welche einen kleinen Magnet verbarg , dessen Kraft ein fast unsichtbares , im Innern des Kästchens angebrachtes stählernes Knöpfchen beseitigte und beide , im Deckel und im Boden angebrachte Silberplatten sprangen im nämlichen Momente auf , so wie sie die dadurch jetzt sichtbar gewordne Feder berührte . Mehrere Papiere , größtentheils Briefe , füllten , zierlich zusammengefaltet , beide , so lange verborgen gebliebene Fächer des Kästchens aus . Anna heftete den trüben Blick lange darauf , ohne daß sie es wagte , die Papiere zu berühren , denn ihr scharfes Auge erkannte sogleich in einigen von diesen Bernhard von Leuens Schriftzüge , und ihr war , als wolle der bleiche , längst geschlossene Mund des Todten noch einmal sich öffnen um ihr freundlichen Gruß aus einem höheren Leben zu senden , und ihr wirklich zu entdecken , was ihrem ahnenden Gemüthe schon längst , wenn gleich dunkel und unbestimmt , vorgeschwebt hatte . Mitten unter den Papieren schimmerte eine kleine Kapsel ihr entgegen ; mit zitternder Hand ergriff und öffnete sie diese , und fand darin einen Ring mit Bernhards Bildniß . Die edlen Züge , das seelenvolle Auge , im kleinsten Raum aufs treuste wieder gegeben , ganz so , wie sie zum erstenmal ihn sah , leuchteten ihr in blühender Jugendfrische entgegen , von blitzenden Diamanten umgeben . Sogar das Kleid schien dasselbe , welches Bernhard von Leuen bei jenem der Herzogin von P * * * zu Ehren gegebnen Feuerwerk trug . Das dunkle Behältniß , welches das schöne Miniaturbild so lange aufbewahrte , hatte die Farben vor dem Verbleichen geschützt , sie strahlten noch im ursprünglichem Glanze , und Anna erkannte mit erhöhter Wehmuth die Arbeit eines ehemals berühmten , jetzt ebenfalls schon längst entschlafnen Künstlers darin , der vor langen Jahren zu den Hausfreunden ihres Vaters gehört hatte . Sie betrachtete das Kleinod genauer , und unwiderstehlich drang sich ihr die Ueberzeugung auf , daß dieser Ring ihr zum Brautgeschenk bestimmt gewesen sey , ehe ein unseeliges Mißverstehen Bernhard von ihr entfernte ; denn ihr eigner Namenszug mit dem des Geliebten zierlich verschlungen , war der innern Seite desselben eingegraben . Jener wilde Schmerz , den sie so eben mühsam niedergekämpft hatte , erwachte bei dieser Entdeckung nicht wieder , wohl aber bemeisterte sich ihrer ein tiefes Gefühl inniger Wehmuth , dem sie ohne Widerstand mit schmerzlicher Freude sich hingab . Sie zog ein Gemälde Bernhards hervor , welches sie nie von sich lies , und das ihn so darstellte , wie er war