wie ich sie sehr selten angetroffen habe . Ihr Besuch nahm ein Ende , ohne daß ich begreifen konnte , wie er zwei Stunden gedauert habe . Die langentbehrte Wohlthat eines freundschaftlichen Austausches von Gedanken und Gefühlen hatte mich so entzückt , daß das unerwartete Glück , welches sie mir verkündet , mich , so lange sie gegenwärtig war , wenig beschäftigte . Doch die Gelegenheit , es anzuerkennen , stand mir nahe genug . Juliens Zustand war jetzt so hülflos geworden , daß ihre Pflege und die Aufsicht auf ihr armes Kind , obgleich ich nun in . der ältesten Campell eine Art Wärterin für dasselbe bezahlte , mir sehr wenige Zeit zu arbeiten ließ . Die Kranke war so abgemagert , daß Bewegung und Stilleliegen ihr gleich schmerzhaft bedünkten ; meine ängstliche Unruhe war das einzige Gefühl , das der Tod noch nicht in ihr vertilgt hatte ; so wie ein kindisches Bewußtseyn ihrer Abhängigkeit von mir die letzte ihrer menschlichen Empfindungen zu seyn schien . Die Furcht vor dem Tode war in stumpfer Unterwürfigkeit unter die Nothwendigkeit untergegangen , und so sah ich sie gleich unbedürftig und unfähig , die große Stunde , der sie entgegen ging , würdig zu bestehen , vor meinen Augen verschmachten . Mit tiefer Wehmuth und unaussprechlichem Danke zu Gott saß ich Tage und Nächte an diesem jammervollen Todbette . Ich war mit dieser Sterbenden jung und thöricht gewesen , mich hatte eine Vaterhand aus dem Strom des Verderbens gerettet , auf den Wogen des Unglücks getragen , und ich fühlte tief in meinem Herzen : weinen konnte ich noch viel , fehlen noch oft , aber so sterben , so trost- und hoffnungleer sterben würde ich nie . Dann sann ich nach , was denn mein Verdienst sey , daß ich nicht von jenem Tage an , wo mich meine Verkehrtheit in Lord Friedrichs Hände übergab , gesunken und zu Grunde gegangen sey , wie meine unglückliche Gespielin , und gedachte der Demüthigung , die mich damals traf , und des Jammers , der ihr folgte , mit tiefem , innigem Dank . - Denn wahrscheinlich hatten sie mich gerettet . Diese Tage lehrten mich , welchen Schatz ich an Charlotte Graham gewonnen hatte . Durch mein Schicksal verschüchtert , wehrte ich mich anfangs vor der Anziehungskraft ihres Wesens und sagte mir oft : um eine wahre Freundin zu seyn , bedarf es mehr , wie dieses liebenswürdige Aeußere . Aber nun , da sie täglich Gesellschaften , in denen Beifall und Freude sie erwarteten , hintansetzte , um die Abende in meiner ärmlichen Wohnung die Pflege einer Sterbenden zu theilen , ward mir ihre Milde , ihre Geduld , ihre Frömmigkeit klar , und wir knüpften eine Freundschaft , die gewiß nur der Tod zu scheiden vermag . Sie fühlte viel zu zart , um mich , so lange Julie meiner bedurfte , zu einer Veränderung meiner Lage zu bewegen ; allein mein Besuch in Glen Eredine ward als eine so ausgemachte Sache angenommen , daß sie mich schon wie eine Bewohnerin von ihres Vaters Hause ansah . Sie machte die Eintheilung unsrer Zeit für jede Stunde des Tags ; unsre wissenschaftlichen Uebungen , unsre Lustwanderungen wurden verabredet ; alles , was sie beschäftigte , führte sie auf Glen Eredine zurück ; sie beschrieb mir die Naturscenen , die ich zeichnen sollte , den Felsen , wo der Widerhall meiner Harfe sollte antworten ; und wenn sie selbst sich auf ihren unabläßlichen Träumereien über ihr Heimathsthal überraschte , rief sie mit einem glänzenden Blick zum Himmel : » ach , es ist ja auch nirgend so schön « ! und legte die gefalteten Hände auf die Brust . Bei diesem nur ihren edeln Landsleuten eigenen Enthusiasmus für ihr Land , bei der innigen Ehrfurcht , mit der Miß Graham von ihrem Vater sprach , der , wie sie gestand , durch ihre Abwesenheit eine peinliche Leere empfände , konnte ich nicht begreifen , was sie in Edinburg festhielt . Geschäfte schienen es nicht zu seyn , denn nie hörte ich solche von ihr erwähnen , und Lustbarkeiten fesselten sie nicht , denn sie brachte ihre meiste Zeit in meiner kummervollen Wohnung zu . Endlich aber war unsre traurige Aufgabe gelöst . Mit kaum merklicher Stufenfolge sank Julie aus einem matten Schlummer in die Arme des Todes . Ich fühlte ihren unterbrochnen Puls , bewachte ihre seltneren Athemzüge ; allein ihr Leben schwand so leise , daß mir der Augenblick seiner Flucht nicht bemerklich ward . Ich erfüllte die letzte Pflicht der Freundschaft an ihr , ich bereitete sie mit frommen Händen und mancher Thräne der Wehmuth zu ihrem Uebergang ins Grab , ins unbeweinte Grab - denn meine Thränen galten ihrem Leben , nicht ihrem Tode - und ihr armer Knabe sah neugierig zu , wie die Männer den ungeschmückten Sarg aus dem Zimmer entfernten . Zwei Tage nach ihrem Tode empfing ich von ihrem Bruder die Versicherung , die Rechte von Lord Glendowers Erben vertheidigen zu wollen , zugleich auch die Anweisung , das Kind nach dem Tode seiner Mutter zu ihm nach London zu senden . Die Trennung von ihm ward mir unendlich schwer , ja ohne Miß Grahams klare Ansicht der Dinge , hätte ich mich vielleicht von meinem weichen Herzen bewegen lassen , ihn seinem natürlichen Beschützer zu entziehen . Sie bewies mir aber , daß des Knaben Wohl und meine weibliche Würde mir nicht erlaube , ihn in meinen Händen zu behalten , daß sein Oheim eben das für ihn thun würde , was mir zu thun möglich sey : er würde ihn in eine gute Pension thun . Sie hatte recht , aber mir schien meine Liebe ein Gewicht , das kein Vernunftgrund aufwiegen könnte . Dennoch erkannte ich die ihrigen an , ich beredete meine gute Frau Campell , gegen eine angemessene Belohnung meinen armen kleinen Liebling selbst nach London zu bringen . Seine Rechte wurden anerkannt ; und da Lord Glendower von Lady Maria nie Kinder erhielt , wurden Juliens Sohn alle die Vortheile des Glücks eingeräumt , die seine arme Mutter vergeblich um den Preis ihres Lebens hatte zu erlangen gestrebt . Nun mich keine unerläßliche Obliegenheit mehr fesselte , gab ich Miß Grahams Bitten nach und ward ihre tägliche Gefährtin . Edinburg mit seinen historischen Merkwürdigkeiten und seinen Umgebungen , voll der erhabensten Schönheiten der Natur , beschäftigte mich nun auf die anziehendste Weise , unsre Morgen waren den mannichfaltigsten Wanderungen geweiht , und die Abende in Gesellschaften zugebracht , in denen ich , ohne außerordentliche Vorzüge , alle Annehmlichkeiten vereint fand . Viel feine Sitten , also keine Sonderbarkeiten ; allgemeine Bildung , also keine Pedanterei ; viel guten Geschmack , also keine auffallenden Einzelnheiten . Von Miß Graham eingeführt , fand ich überall den schmeichelhaftesten Empfang , und die arme Fremde , der es nicht gelingen wollte , Arbeit zu ihrem täglichen Unterhalt zu finden , ward nun , da sie ihren Beitrag zur Kurzweil müßiger Stunden gab , von allen Seiten aufgesucht und bewundert . Nun sah ich mich wieder in der Lage , meinen alten Fehlern Raum zu vergönnen . Wohl nirgends hat weibliche Schönheit so große Geltung wie in der Hauptstadt von Schottland . Miß Grahams hohe Gestalt und meine Schlankheit , traten als neue Erscheinungen auf und fanden warme Bewunderer , doch mein Geschmack an diesen Huldigungen war vorüber ; mir war bei dieser meiner Rückkehr in die Gesellschaft eine Schüchternheit vor meiner eignen Schwäche geblieben , die mir Wachsamkeit gegen mich selbst gebot . Ein genugthuenderes Vergnügen , wie der Beifall der Männer , gab mir Charlottens edle Uneigennützigkeit in der getheilten Bewunderung der Menge ; sie erfreute sich des kleinen Gewichtes , das meine Waagschaale niederdrückte - es entstand aus den sieben Jahren frischerer Jugend , die ich vor ihr voraus hatte . - Es gingen andre sieben Jahre vorüber , und dann gebührte ihr der Kranz der Schönheit , denn ihre Züge , von dem Zauber nie alternden Geistes beseelt , trotzten dem Einfluß der Zeit . Seit Juliens Tod war es zwischen uns ausgemacht worden , daß ich Miß Charlotte nach Glen Eredine begleiten würde ; mein Aufenthalt in Edinburg gefiel mir aber so wohl , daß ich nicht sehr ungeduldig auf unsere Abreise drang , um so weniger , da meine Freundin , so sehnsuchtsvoll ihre Blicke nach ihren Bergen gerichtet waren , sie doch täglich verschob . Eines Abends , wie wir die Sonne von einer der romantischen Felshöhen um Edinburg untergehen sahen , blickte sie begeistert nach Westen und rief : » Ach , sie sinkt hinter Benarde hinab ! « - » Man sollte glauben , Charlotte « , sagte ich lächelnd , » Sie hätten nicht weit von Benarde Jemand bestellt , der mit Ihnen diese letzten Strahlen zugleich begrüßen sollte . « - » Das ist ein empfindsamer Einfall « , rief sie lachend , » den könnten Sie gar nicht haben , hätten Sie nicht selbst schon solche fantastische Rendezvous gehabt . Gestehen Sie , Ellen , Sie haben geliebt ! « - » Ich ? nein , ich habe nicht . « - » Kind , sehen Sie nicht so unschuldig aus ! Warten Sie nur , bis Sie Bruder Heinrich kennen lernen ! Dann wollen wir sehen , wie es um die Unverletzbarkeit Ihres Herzens aussehen wird . « - » Grade wie jetzt . Hätte die gefährdet werden können , so wäre es schon vorlängst geschehen . « - » Das wäre ? Was , liebe Ellen , hat Sie denn so unverletzbar gemacht ? « - » Die Neigung eines der edelsten und weisesten der Menschen , meine Freundin . Ich hatte einst das Schicksal , die Aufmerksamkeit Ihres Landsmanns , des großmüthigen , beredten Maitland auf mich zu ziehen . « - Miß Graham schreckte auf , antwortete aber nicht . » Kannten Sie ihn ? « fragte ich , sie ansehend . - Hohe Röthe deckte ihr Gesicht ; » ja , ja , ich kannte ihn « , sagte sie zögernd und schien in tiefe Gedanken zu sinken . Wir schwiegen eine Weile . Charlottens Fassung schien mir ein Geheimniß zu verrathen , in das mein Schicksal verflochten war . Es konnte mich nicht befremden , daß Maitland mit Miß Graham zusammengetroffen , und daß er in ihr alle die Vorzüge gefunden , die sein männlicher Geist suchte und einst gütevoll sich bemühen wollte , in mir zu entwickeln . Es kostete mir einen schweren , aber nur kurzen Kampf , meinen unausgebildeten , aber im lebendigen Keim stets noch in meinem Busen schlummernden Hoffnungen zu entsagen . Aber die Vernunft gebot es ; die Entsagung gelang , doch dem Schmerz um sie gebot ich nur augenblickliches Schweigen ; er sollte mir jetzt die Selbstherrschaft nicht rauben . Jetzt bedurfte ich es , den freimüthigen Verkehr zwischen mir und Charlotten wiederherzustellen ; es war mir unleidlich peinigend , neben der Freundin , die mich mit beispielloser Großmuth behandelt hatte , in diesem Augenblick so abgeschieden zu stehen . Den Uebergang zu finden , ward mir schwer , denn trotz der Freimüthigkeit in Charlottens Betragen , hatte meine Vertraulichkeit mit ihr Grenzen ; wenn sie einmal einen Punct angedeutet hatte , den sie nicht berührt haben wollte , so getraute ich mich nie mehr ihm zu nahen . Wir wanderten noch stumm neben einander , als sie sagte : » Ellen , Sie sind beleidigt , denn ich that Ihnen eine Frage , die sich selbst die vertrauteste Freundin versagen soll . « - » Nicht doch , liebste Charlotte , Sie dürfen alles fragen ; ich will Ihnen gern ... « - » Nein , nein ! solche Fragen sollen nicht gethan und nicht beantwortet werden . Ist eine Liebe glücklich , so gesteht sie der Liebende gern ; ist sie unglücklich , so ist ihr Geständniß eine Herabwürdigung , die kein Mensch von dem andern fordern darf . « - Gott ! sollte das dein Loos seyn , dachte ich , so soll dein edles Herz wenigstens durch mich nicht leiden , du sollst wissen , daß ich dir nicht im Wege bin . Mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen nahm ich wieder das Wort : » Charlotte « , sagte ich , » Sie müssen meine Beichte anhören , sie ist sehr demüthigend , wenn gleich nicht in der Art , die Sie bezeichnen . Ich muß Herrn Maitland die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß er mich nie in den Fall setzte , ihn ausschlagen zu können . Er sah ein , daß ich zu seiner Gattin nicht geschickt war , und in demselben Augenblick , wo er seine Schwachheit eingestand , entsagte er ihr auf immer . Sehen Sie nicht ungläubig aus , Charlotte ! Weder ein hübsches Gesicht , noch ein großes Vermögen , wie ich damals besaß , konnten Herrn Maitland verleiten , seine Hand einem herz- und gedankenlosen ... Doch seitdem habe ich mich verändert , sehr verändert . Aber wahrlich , Charlotte , ich stehe Niemandem im Wege , der Maitland so glücklich machen möge , wie ich .... « - Ich mußte innehalten , und Miß Graham ersparte mir das Ende meiner Rede , indem sie meine Hand liebevoll drückte und sich dann mit einem eben vorbeigehenden Bekannten unterhielt . Von dieser Zeit an sprach sie , so offen sie sich über alle Gegenstände ausließ , nie mehr von Maitland , und sie gewann dadurch an Achtung bei mir ; denn sie bewies damit , nach meiner Ansicht , sowohl ihre Herrschaft über ihre eigne Empfindung , als ihre Schonung für Andere . Jedesmal , wenn ich Charlotte beobachtete , ward es mir räthselhafter , wie Maitland nicht mit ihr sympathetisch empfinden mußte . Alle Anlagen , die sich in ihm zu dem Mann ausgebildet hatten , den sein Vaterland ehrte , der seine Freunde beglückte , hatten sich in Charlotten als weibliche Tugenden entwickelt , die sie zur Führung des Hauswesens , zum erfreuenden Mittelpunct des gesellschaftlichen Kreises geschickt machten . Ein Gegenstand , der ihr Gespräch um so häufiger betraf , war ihr Bruder Heinrich , der mit ihr in dem innigsten Verhältniß zu stehen schien . Da mir aus Cecilens abenteuerlicher Erzählung ein Zweifel aufgestiegen war , ob die Veranlassung seiner frühern Auswanderung nicht nachtheiliger für ihn und seine Angehörigen gewesen seyn möchte , wie der Familienstolz der Hochländerin eingestehen konnte , war ich zu schüchtern , über seinen Aufenthalt im Auslande , seine Schicksale , nachzufragen ; da ich in Glen Eredine alle diese Umstände zu erfahren hoffte , begnügte ich mich auch immer mit dem , was mir Charlotte zu sagen für gut fand ; und wenn ich Herrn Heinrich hätte schildern sollen , so wäre er als funfzehnjähriger Knabe dagestanden , wie er in Plaid gewickelt und den Knotenstock in der Hand , von Bouoghrin herabsteigend , die Kühe von Glen Eredine wiedergewann . Daß dieses Bild nicht mehr zu dem Heinrich , aus dessen Briefen mir Charlotte oft vorlas , paßte , bekümmerte mich wenig . Er schrieb ihr wie ein Freund dem Freunde , und doch mit der Zartheit , welche die Verschiedenheit des Geschlechts dem Mann von Gefühl zur Pflicht macht . Sie war seine Almosenpflegerin , und so wenig er seit langen Jahren in seinem Thale gelebt hatte , kannte er jeden Clansmann und bestimmte ihm die Gabe , die ihm nützen konnte . Das Ansehen , der Ton , in dem er sie behandelte , hatten etwas Patriarchalisches , und oft , das gestehe ich , konnte ich seine Befehle nicht mit den englischen Begriffen von persönlicher Unabhängigkeit vereinigen . Was er gebot , athmete Uneigennützigkeit und gerechtes Urtheil , er sprach , wie ein unumschränkter Fürst , und handelte , wie ein gütiger Vater . Da Charlotte durch seine Aufträge in den Angelegenheiten des Clans in die verschiedensten Verhältnisse verwickelt ward , und dabei das Schloß ihres Vaters durch die herzlichste Gastfreundlichkeit einer Menge Besucher stets offen stand , schien mir der Aufenthalt daselbst die entgegengesetztesten Beschäftigungen zu vereinigen , und sehr begierig , dieses alles mit eignen Augen zu sehen , hörte ich es sehr gern , wie mir Charlotte endlich den Tag unserer Abreise verkündete . An einem schönen Septembermorgen machten wir uns auf den Weg . Obgleich ich mich an der Seite des Wesens befand , das mir auf Erden das geliebteste war , konnte ich Edinburg doch nicht ohne eine dankbare Thräne verlassen . Ich hatte dort die furchtbarsten Bedrängnisse erlebt , mein Geist war dort gereift , mein Herz gereinigt , und in der letzten Zeit hatte ich dort zum ersten Mal die Freuden der guten Gesellschaft , ohne den thörichten Flitter der großen Welt , genossen . Während dem ersten Tag unsrer Reise kamen wir durch ein so reiches , ebnes Land , daß ich , hätte nicht ein dunkel gefärbter Streif den westlichen Horizont bezeichnet , würde geglaubt haben , in England zu seyn . Ich bewunderte diese Gegend nach meinem englischen Maßstab von einem schönen Lande . » O wenn Sie erst mein Thal werden sehen und meine felsigen Hügel ! « rief Charlotte und sah auf den dunkelnden Wolkenstreif hin , der alle die Herrlichkeit deckte . Gegen den Abend fing sich dieser Streif an in Hügelformen zu vertheilen , wo graue Felsen die Höhen , und tiefe Schatten die Thäler ahnen ließen . Am folgenden Morgen waren alle Umgebungen verändert ; Kornfelder und Laubbäume hatten einförmigen Haiden Platz gemacht , hier und da von Schaaftriften unterbrochen , oder da , wo ein Bach durch sie hinfloß , durch das Grün , welches an seinen Ufern entsproß . Nur selten erblickte man kleine Birkenhäufchen , gewöhnlich drei und drei , deren bebendes Laub in der stillen Oede flüsterte . Wenn wir langsam die steilen Höhen hinangefahren waren , bot uns die Aussicht eben so eine Haide , wie wir sie unten verlassen hatten , und stiegen wir in eine kleine Senkung hinab , so war es , um sogleich noch viel höher zu klimmen . Endlich in einem engen Thal , das uns reich und einladend empfing , zeigten sich menschliche Wohnungen ; die Kleidung der Einwohner bedeutete uns , daß wir die Hochlande erreicht hatten . » Mein nie erobertes Land « ! nannte es Charlotte . » Wie der Römer die kleinen Menschen in Staub getreten hatte , trieb ihn die Tapferkeit unsrer Väter hinter seine Mauern zurück . Willkommen , meine Ellen , in dem Hochland , wo nie ein Freund einen Verräther , und nie ein Feind einen Feigling fand ! « - setzte sie , meine Hand schüttelnd , hinzu , indeß ich , noch ungewöhnt an diese rauhe Natur , etwas verwundert ihr hochherziges Entzücken mit den uns umgebenden Naturschönheiten zusammenstellte . Allein noch waren wir fast eine Tagereise von Charlottens Heimathsthal entfernt . Die Berge wurden steiler , die Thäler bekleideten sich mit reicherem Grün , als Charlotte auf einige Gebäude zeigte , den Ort , wo wir sollten zu Mittag speisen und unsern Reisewagen mit einem andern Fuhrwerk vertauschen , weil jener auf den uns nun bevorstehenden Wegen nicht weiter fortzukommen vermochte . Dieser Gasthof war noch einer der besten ; die aus Steinen und Rasen zusammengefügten Mauern waren so niedrig , daß ich von dem auf ihnen ruhenden Dach ohne Mühe die schönsten Glockenblumen pflückte ; überhaupt bot dieses , mit Moos und Schlingpflanzen bedeckt , von Herbstblumen einzeln durchwebt , einen höchst malerischen Anblick dar . Der Schornstein bestand aus einem alten Faß , dessen abgesprungene Reifen mit dicken , aus Haidegras gedrehten Bändern ersetzt waren . Dennoch zeichnete sich dieser Gasthof vor den ihn umgebenden Hütten durch ein Glasfenster an der einen Seite der Thür und ein Schild an der andern aus . Auf diesem war eine Flasche nebst einem Glas gemalt , und mit großen , erst kürzlich erneuten gelben Buchstaben auf schwarzem Grunde , las man : Jeder Pilger ist willkommen , Mag er kommen oder gehn . Will er in dies Wirthshaus gehn , Wird er freundlich aufgenommen . Kaum hatten wir die Hausthür erreicht , so fuhr ein solcher Schwarm von Kindern heraus , daß es mir räthselhaft war , wie sie darin hatten herbergen können . Daß sie alle barfuß waren , wunderte mich , da ich von dieser Landessitte schon unterrichtet war , nicht mehr besonders , und ihr übriger Anzug war mehr abgeschmackt , als ärmlich . Selbst der kleinste Knabe trug schon die kriegerische Mütze der Bergschotten , ihr Tartan oder kurzer Rock war an einem scharlachrothen oder blauen Kittel befestigt und auf dem Rücken zugeschnürt , als wollte man diesen Naturkindern die Versuchung ersparen , sich dessen eigenmächtig zu entledigen ; den Mädchen zeigte die Sitte in diesem Stück mehr Vertrauen , denn ihr Oberkleid , das in einer weiten Jacke , oder einem Stück farbigen , um die Schulter geworfenen Tuch bestand , war unter dem Kinn , vermittelst einer großen metallnen Nadel oder hölzernem Pflock zugehalten . Dieser abgeschmackte Anblick ward durch den unpassenden Ernst ihres Benehmens noch erhöht . Sie sahen vielmehr ehrbaren alten Familiengemälden , wie lebend jugendlichen Geschöpfen ähnlich . Schweigend und sich neigend sahen uns die Mädchen vorübergehen , und die Knaben , ihre Mütze in der Hand haltend , blickten uns ehrenvest nach . Die Hütte war in zwei Theile geschieden , deren einer , wie ich bald durch den Rauch unterschied , mit Bauern , die um einen Haufen glühender Kohlen , auf dem Fußboden gelagert , angefüllt war ; Miß Graham und ich begaben uns in den andern , als Staatszimmer geachteten , Theil . Man mochte , um ihn uns einzuräumen , erst so eben die Gäste herausgeschickt haben , denn auf dem gestampften Lehmboden und auf dem eichnen Tische lagen noch die Käserinden , Gerstenkuchen und angeschnittnen Zwiebeln , um kleine Landseen von Whisky gestreut . Die gute Wirthin hob aber diesen kleinen Uebelstand zu ihrer völligen Beruhigung , indem sie mit dem Zipfel ihrer Schürze über den Tisch hinfuhr und mit sichtbarer Freude wahrnahm , wie sogleich der Haushund und ein paar Hühner den Boden von den nahrhaften Resten säuberten . Während dem begann sie mit Miß Graham ein Gespräch , in welchem sie alle mögliche Fragen anbrachte , nur nicht die , welche ich bei meinem Eintritt in jeden Gasthof von jeher zuerst gehört hatte : was wir zum Mittagsessen verlangten . Allein das wäre auch eine zwecklose Frage gewesen , denn auf unser Nachforschen erfuhren wir , daß alle Möglichkeiten auf eine alte Henne beschränkt waren . Alsobald erschien eine rüstige Bäuerin mit rothen , bis an die Knie nackten Beinen und bloßem Kopf , dessen Haar nur mit einem blauen Zwirnband aufgeknüpft war ; sie legte Reisig in den Camin - denn mit diesem war das Gemach versehen - kniete am Boden , faßte ihr kurzes Röckchen mit beiden Händen und fachte aufs geschickteste die Flamme an . Jetzt trat auch unser Wirth in seiner eigenthümlichen Landestracht ein . Zu meinem Erstaunen reichte er Miß Graham seine Hand zum freundschaftlichen Gruß , setzte sich ohne Umstände zwischen uns nieder und begann ein politisches Gespräch Eben so empört über seine Unverschämtheit als über die Höflichkeit , mit welcher Miß Graham sie duldete , suchte ich jener durch meine Bitte um ein Glas Wasser ein Ende zu machen . Ohne sich zu rühren , trug er der Magd mein Verlangen auf und setzte seine Unterredung fort . Sobald ich dazu kommen konnte , warf ich Charlotten ihre nachsichtige Gutmüthigkeit vor ; sie sah mich aber verwundert an und sagte : » Nun ? was sollte ich denn thun ? Es ist ein vernünftiger Mann und ein Gentleman dazu . « - » Gentleman ! « rief ich spottend . - » Und warum das nicht ? Er ist meines Vaters Vetter im dritten Glied und mit der besten Familie in Perthshire verwandt . « - Es war offenbar , daß Miß Graham und ich mit dem Worte Gentleman einen verschiedenen Sinn verbanden . Vermöge seiner Vorfahren mußte ich aber dennoch diesem Gentleman Platz an unserm Eßtisch gestatten . Unsre unglückliche Henne hatte ein großes Stück frischen Lachs zur Begleitung , von welchem Miß Graham mich bat , um unsrer Wirthin willen zu kosten . Gegen das Ende der Mahlzeit schob die Wirthin eine große hölzerne Bettstatt von der Wand , öffnete einen Mauerschrank und nahm einen großen Käse nebst einem Topf gesalzner Butter heraus , welches beides sie vor uns auf den Tisch stellte ; dazu brachte sie uns frische Haferkuchen , die auf der wollnen Decke des besagten Betts zum Abkühlen ausgebreitet gewesen waren . Ich mochte meinen Ekel nicht sorgfältig genug verbergen , denn die junge Bäuerin sagte sogleich : » Es ist einzig , um sie reinlich zu erhalten ; denn man ist nirgend sicher , daß nicht Rußtropfen herabfallen , als unter dem Betthimmel - das Bett hatte oben eine Bretterdecke , die vor Alters Betthimmel hieß . Unerachtet dieser Entschuldigung hatte mich ein solcher Widerwille ergriffen , daß ich sehr froh war , unsre Pferde ankommen zu hören , und mit Verlangen an die Thür lief , um die uns vom Schloß Eredine entgegengeschickte Begleitung zu sehen . Sie bestand in drei kleinen Pferden , zwei für Miß Graham und mich , und das dritte zum Fortbringen unsers Gepäcks . Das letzte war , ungefähr wie ein Zigeuneresel , auf jeder Seite mit einem Korbe versehen , die beide mittels ein paar Stricken über seinen Rücken gehängt waren . Ein Packknecht stopfte Miß Grahams Mantelsack in den einen , und wie er wahrnahm , daß der meine für den gegenüberhängenden zu leicht sey , füllte er den übrigen Raum mit einigen Torfklösen aus , um das Gleichgewicht zu erzwecken . Außer diesem Packknecht waren wir eine jede mit einer Art Laufer versehen , der neben den Pferden herlief und die Obliegenheit hatte , sie bei beschwerlichen Stellen zu führen ; endlich erblickte ich noch ein halbes Dutzend derbe Hochländer , die ohne eine andre Verbindlichkeit , als die Liebe zu ihrem Häuptling , diese vierzehn Meilen zu Fuß hergekommen waren , seine Tochter ins Vaterhaus zurück zu geleiten . Also gerüstet , zogen wir aus . Unsre Begleiter schienen ohne alle Anstrengung Schritt mit den Pferden zu halten , und mit ihnen allen unterhielt sich gelegentlich Miß Graham in ihrer Landessprache , sie antworteten ihr bereitwillig und ohne alle Scheu , doch keiner sprach sie unaufgefordert an , noch willigte je einer von ihnen ein , so lange sie mit ihm sprach , sein Haupt zu bedecken . Heinrichs Name ward so oft in allen diesen Gesprächen genannt , daß ich sehr neugierig wurde , deren Gegenstand zu erfahren . Obschon ich mit Charlottens Hülfe mein Erlernen des Gaelischen fortgesetzt hatte , war es mir doch zu wenig geläufig , um diese Landleute zu verstehen , und Charlotte fing an über meine Fragen um ihren Bruder so listig zu lachen , daß ich sie um einen Aufschluß zu bitten Bedenken trug . Endlich konnte ichs aber doch nicht lassen ; ich sah so unbefangen wie möglich aus und fragte : » Charlotte , von was spricht der Knecht mit solchem Eifer ? « - » Mein Freund Kenneth « , antwortete sie mit Nachdruck , » erinnert mich daran , wie Heinrich einst seiner Amme Schaafe aus dem Schnee rettete . Fragen Sie ihn selbst , er spricht englisch . Kenneth ! die arme Miß Percy kann kein Gaelisch ; erzählt ihr die Geschichte auf Englisch ! Für euern Freund Heinrich sprecht ihr ja gern ein gutes Wort . « - Der Mann grüßte ehrerbietig , doch ohne den Rücken zu beugen , und sagte : » wenn er hier wäre , bedürfte er keines Andern , um einer jungen Dame ein gut Wort für sich zu sagen . « Darauf erzählte er sehr umständlich , wie Heinrich und er die felsige Seite des Benarde hinangestiegen seyen , um beim tiefsten Schnee von einem Felsen , mitten in einem rundum eingeschloßnen Abgrund , die Schaafe eines Hüttenbewohners nach Hause zu holen . - » Ist euch denn in den Hochlanden das Leben um einige wenige Schaafe feil ? « fragte ich . - » Meint Ihr nicht , Lady , daß ich das Recht hatte , für meiner Mutter kleine Heerde das Leben zu wagen ? Und das wißt Ihr wohl , daß es mir nicht zukam , dem jungen Herrn es zu verbieten . Sein Leben ! Alle Schaafe in Argyll wären nicht kostbar genug , um ein Haar seines Hauptes zu erkaufen . - Darauf wendete er sich zu meinem eigentlichen Begleiter und sagte mit großem Ausdruck eine gaelische Phrase , die ich ihn bat mir zu übersetzen , sie besagte : » Ein Mann kann seinen Freund lieben , aber sein Pflegbruder ist ein Theil seines Herzens . « » Meine Mutter « , nahm Kenneth wieder das Wort , » würde an jenem Tage , hätte Herr Heinrich mich nicht begleitet , das liebste Lamm ihrer Heerde verloren haben . Die Kälte packte mich , ich wollte mit Gewalt einen Augenblick schlummern , das litt er nicht ; aber fürder zu gehen , war ich zu betäubt ; da zog er mich , er trug , er schleppte mich - ich weiß nicht , wie er mich großen Kerl die Felsen hinan mit sich fortbrachte ; wie ich aber meine Augen wieder öffnete , sah ich meine Mutter vor mir , die rief : » » Er hat mir die Stütze meines Alters gerettet . « « - Nun , Gott segne es ihm um ihretwillen ! ohne seine Hülfe hätte eine fremde Hand ihr Grab mit Rasen bedeckt . « Kenneth hatte seiner Lady Befehl erfüllt , jetzt zog er sich wieder bescheiden zurück