glücklich , um der unlängst verflossenen Tage oft zu gedenken , in welcher Leo sie umflattert hatte , und geschah es ja zuweilen , so erschienen sie ihr wie ein jugendliches Spiel , aus dem zu ihrem eigenen großen Glück nicht Ernst geworden war . Von Frau von Willnangen mütterlicher Freude , von Ernestos Triumph über den Scharfblick , mit dem er Augustens Herz durchschaut hatte , schweigen wir . In Adelberts Begleitung traten beide mit Augusten froh und hoffnungsreich den Weg in ihre Heimath an , wohin ihnen der General noch vor Ende des Winters zum Hochzeitfeste zu folgen versprach . Ein langer Brief von Gabrielen , der erste ausführliche , begrüßte Frau von Willnangen bei ihrer Ankunft zu Hause . » Ich weiß es , « schrieb Gabriele , » ich weiß , Ihr mütterlich liebendes Herz sehnt sich schon lange nach genauer Kunde vom Geschick des armen verwaisten Wesens , das Ihnen so viel , ach so unendlich viel verdankt ; aber ich weiß auch , Sie lassen statt aller Entschuldigungen meines bisherigen Schweigens die bloße Versicherung Ihrer Gabriele gelten , daß sie nicht schrieb , weil sie es nicht konnte , weil sie nichts zu schreiben wußte , so sonderbar dieses auch klingen mag . Den äußern Gang meines Geschicks meldete Ihnen Ernesto ; er , der theilnehmende Augenzeuge , vermochte dieß weit besser als ich . Schwindelnd , beinahe bewußtlos den widerstrebendsten Gefühlen zum Raube , war ich vom Wirbel des Lebens fortgerissen worden . Jede schicksalsschwere Minute übergab mich der ihr folgenden , ich konnte kaum die Gegenstände erkennen , an denen ich vorübergeschleudert ward , bis zur unabänderlichen Entscheidung meiner Zukunft , während jene Minuten sich zu weniger als vier und zwanzig Stunden an einanderreihten . Sie wissen es , ich that was ich mußte , ich duldete , was keine irrdische Macht von mir abzuwenden vermochte , doch am Ziele schwand meine Kraft . Ich ward krank , liebe , gütige Frau ! sehr krank . Aus der Betäubung , während welcher meine physischen Kräfte sich wieder gesammelt hatten , erwachte ich zum tiefsten Schmerz über den Tod meines Vaters , ich blickte in meinem Jammer um mich her nach Trost , ich erkannte den treuen Freund Ernesto und Annetten , alles andere aber war mir fremd , wildfremd , ich selbst sogar , ich und meine künftige Bestimmung . Das Fremde aber soll man nie beurtheilen , bis es zum Bekannten geworden ist , damit später keine Ungerechtigkeit uns zu Schulden komme . Darum mußte Ihre Gabriele wohl schweigen , es währte lange , ehe ihr alles klar ward . Nun bin ich genesen , bin meiner selbst wieder mächtig . Ich erkenne mich wieder ; mein Gefühl , mein Seyn , mein Leben , alles was mich umgiebt , ist mir deutlich geworden , so daß ich es nun wagen darf , Ihnen von allem Rechenschaft abzulegen . Vorahnend sehe ich , wie bei Lesung dieser Stelle meines Briefs Ihr Herz höher schlägt , wie Furcht vor der nächsten Zeile sie ergreift , und Sie Klagen erwarten läßt , welche alle Ihre Güte und Liebe nicht zu stillen vermögen . Nein , geliebte , mütterliche Frau ! beruhigen Sie sich , Ihre Gabriele klagt um nichts , als um den Tod ihres Vaters . Der lebensmüde Greis ruht im Grabe sanft und still von einem Daseyn aus , das er , ich bin dessen überzeugt , um keinen Preis wieder aufnähme . Gern und schnell entfloh sein entfesselter Geist zu Regionen des Friedens ; darum sollte ich nicht trauern . Aber ich bin eigennützig und in den Tiefen meines Herzens regt sich der Glaube , daß es meinem Streben gelungen seyn würde , ihm auch dieses irrdische Daseyn wieder lieb zu machen , wäre er mir nur nicht sobald entschwunden . Es dünkt mich oft hart , daß kaum ein einziger Augenblick seiner Zufriedenheit mir zum Lohne meines Gehorsams ward , und oft muß ich gewaltsam mich zusammennehmen , um mich daran zu erinnern , daß ich ja mein eignes Heil bereitete , indem ich ihm gehorchte ; daß ein qualvolles Daseyn , innere unauslöschliche Vorwürfe mein Loos geworden wären , wenn er in Unfrieden mit mir dieses Leben verlassen hätte . Und hast du denn Heil dir bereitet ? bist du glücklich ? Gabriele ! So höre ich Sie fragen . Glücklich , meine theure Freundin , glücklich ist undenkbar viel ! Wer ist denn glücklich ? Die Kinder sind es , auch ich war es , da ich ein Kind war . Ich war es auch noch in einem einzigen Thränenund Wonnenreichen Moment , an der ersten Grenze der Jugend , die jetzt in meinem kaum angetretenen achtzehnten Jahr mir schon so fern zu liegen scheint ! Und später , als die segnende Hand meines Vaters meine Stirn berührte , sein Dank bis in die tiefste Tiefe meines Gemüths erklang , war ich da nicht auch glücklich ? Ja ich erkenne es dankbar , ich war es , wenn gleich nur in seligen Momenten . Mir wurden Lichtpunkte im Leben , wie Wenigen , und damit darf das Kind Ihrer Wahl sich zufrieden gestellt dünken . » Gabriele du weichst der Wahrheit aus , du sprichst von der Vergangenheit , und verhehlst mir die Gegenwart ! « Nein geliebteste Frau ! ich weiche nicht aus , ehrlich und offen wie immer , will ich Wahrheit Ihnen geben . Ich bin zufrieden , denn ich bin resignirt , möchte ich sagen , wenn Sie diesen fremdartigen Ausdruck , für den ich aber in unserer Sprache keinen Ersatz zu finden weiß , nicht in zu trübem Sinne nehmen wollen . Friede mit mir selbst aus reinem Bewußtseyn entsproßen , giebt meinen Tagen Heiterkeit und meinen Nächten Schlaf . Was darf ich mehr wollen ? Alle jene Uebungen , jene süßen Beschäftigungen , die ich sonst unter Ihren Augen trieb , füllen auch jetzt in der Einsamkeit meine Stunden vergnüglich aus , mir bleibt Zeit für alles , was sonst auch mir lieb war . Meine äußern Umgebungen lassen mir nichts zu wünschen übrig . Eine reiche Kupferstichsammlung , mehrere vorzügliche Gemälde , plastische Kunstwerke , eine in frühern günstigern Jahren gesammelte reiche Bibliothek sind der Schmuck unseres Hauses und stehen mir stündlich zu Gebot . Wir wohnen in einer entzückenden Gegend ; mit unaussprechlicher Sehnsucht male ich mir des Frühlings Erwachen in diesen wunderherrlichen Thälern , auf diesen Rebenhügeln , wenn um sie die grünen Wogen des von Eisesbanden befreiten Stromes den fröhlichen Tanz wieder beginnen werden . Herr von Aarheim ( er selbst wünscht es , daß ich stets so ihn nenne ) Herr von Aarheim begünstigt freundlich und nachsichtig alle meine kleinen Liebhabereien , er ist wohlwollend , aufmerksam und gütig gegen mich . Ob er manche Sonderbarkeit , die uns bei seinem ersten Anblick von ihm auffiel , theilweise abgelegt hat , oder ob Gewohnheit sie mir weniger auffallend macht , wage ich nicht zu entscheiden ; so viel ist gewiß , daß diese seine Angewöhnungen sehr selten störend in unser häusliches Leben eintreten , und wo sie es könnten , fühle ich die Verpflichtung , jeden Mißton schonend und zuvorkommend abzuwenden , so viel dieß in meiner Macht steht . Auch ohne das Band , durch welches mein Vater in seinen letzten Stunden mich Herrn von Aarheim vereinte , wäre er als mein nächster Verwandter zugleich der natürliche Vormund und Beschützer meiner Jugend gewesen , und als solcher berechtigt , Achtung und Fügung in seinen Willen von mir zu fordern . Meine jetzige Verbindung mit ihm macht mir beides zur heiligsten Pflicht , ich übe sie gern , und seine wohlwollende nachsichtige Art mir zu begegnen , erleichtert mir vieles . Wahr ist es , wir leben sehr einsam , die Nachbarschaft ist wie ausgestorben , alles nun dem Winter auf dem Lande ausgewichen , dem lustigen Leben in den Städten zugezogen , nur wir allein von allen Güterbesitzern der Gegend , sind hier geblieben . Doch Sie wissen , Einsamkeit war von jeher die Freundin meiner Jugend , und jetzt bedarf ich ihrer doppelt . Denn ich hatte und habe noch manches mit mir allein abzumachen , wozu ich vieler Zeit bedarf . Herr von Aarheim glaubt auch , es wäre gut , wenn ich , ehe ich in die Welt gehe , mich erst in häuslicher Stille an meine jetzigen Pflichten gewöhne , und lerne , was künftig mir obliegen wird zu verwalten . Ich fühle , wie sehr er Recht hat , und selbst , wenn ich seinen Gründen etwas entgegen zu setzen wüßte , würde ich aus Wahl vermeiden es zu thun , denn das stille Familienleben auf dem Lande hat auch im Winter für mich großen Reiz . Sehnte ich mich nur nicht so unaussprechlich und oft nach Ihrer und Augustens lieber Gegenwart ! Vermißte ich nur nicht so schmerzlich den heitern belehrenden Umgang Ernestos , des treuen vielerfahrnen Freundes ! Herr von Aarheim gedenkt im nächsten Spätjahre eine Reise nach Italien zu unternehmen . Vielleicht gelingt es mir dann , während der Zeit seiner Abwesenheit mich in Ihrer geliebten Nähe für die lange Trennung von Ihnen zu entschädigen . Oft wenn mich gar zu sehr nach Ihnen bangt , beschwichtige ich mich selbst mit dieser lieben Aussicht . Es wird mir ja hoffentlich nicht schwer werden , Herrn von Aarheims Zustimmung zu einem Besuche bei Ihnen zu erhalten . Zwar liegt es in seinem Reiseplan , daß ich ihn begleiten soll , aber ich bin entschlossen , dieses nicht zu hun , und ich werde zu Hause bleiben , weil ich es für besser achte , jetzt noch Ottokars Nähe zu meiden . Ottokar ! Da steht er , der Name , den ich je wieder zu nennen , mir einst auf ewig verbieten zu müssen glaubte , und meine Hand zitterte nicht indem ich ihn jetzt niederschrieb . Daß er dasteht , sey Ihnen Bürge meines innern Friedens ; es ist der Name des Schutzgeistes meiner jetzigen Ruhe , und der ganzen Zukunft meines Lebens . Jetzt erst verstehe ich die wahre Meinung meiner verewigten Mutter , wenn sie mich lehrte : Liebe ist der Quell unaussprechlicher Seligkeit , durch sich allein , ohne Hoffnung , ohne Erwiderung , ohne Wunsch sogar . Ja wahrlich , in dieser höchsten Reinheit , muß sie die Seligkeit der Engel seyn , die von uns unerkannt , schützend uns umschweben ! Ich denke Ottokar , und bin versöhnt mit allen Ereignissen , die in einer Welt mich treffen können , in welcher auch er lebt , um seinetwillen liebe und ertrage ich alle Menschen , die mich in meinem Wirkungskreis berühren , die guten wie die bösen , die freundlichen wie die widerwärtigen . Er ist mir fern , und nie vielleicht sehe ich ihn wieder , aber er lebt , lebt wirklich , ist nicht das Geschöpf meiner Fantasie . Daß ich dieses mit Ueberzeugung weiß , beseligt mein Gemüth mit unnennbarem Frieden . In mir regt sich auch nicht der leiseste Wunsch , daß etwas in unserem gegenseitigen Verhältnisse anders wäre als es ist . Darum reise ich nicht nach Italien , denn alles muß so bleiben . Der Schmerz der Trennung ist vorüber , und nun halte ich mich an die Seligkeit , ihn gefunden zu haben . Meine Liebe ist ja nur Freude an seinem schönen Daseyn , und diese wird mich begleiten bis an mein Grab , sie wird mich bewahren , rein und treu mich schützen vor jeder zerstörenden Leidenschaft , sie kann nicht vergehen so lange ich lebe und sie zu erhalten braucht es keines Wiedersehens . Gewiß , meine liebevolle zweite Mutter ! Sie zittern nicht für Ihr Kind bei diesem Bekenntniß ? Zittern Sie nicht ! Ohne Erröthen darf ich sogar in Herrn von Aarheims Gegenwart Ottokars gedenken , ich dürfte es , wäre der Mann , dem mein Vater mich verband , zugleich der Gegenstand meiner freien Wahl . Ich kenne den ganzen Umfang der heiligen ernsten Pflicht , die mir auferlegt ward , aber mein Herz schlägt ruhig und zeiht mich keiner Untreue . Vor dem Altare gelobte ich Treue dem Gemahl , gefällige Achtung , Ergebenheit und liebevolle Theilnahme an allem , was ihn berührt in Freude und Leid ; mehr kann niemand geloben und ich werde halten was ich versprach . Was aber hat dieses Geloben mit dem Gefühl zu thun , das mein inneres Daseyn mit Ottokar aufs innigste verwebt ? Dieses ist nicht von dieser Welt , hat mit ihr so ganz und gar keinen Zusammenhang , daß jede ihrer Einrichtungen es nur entheiligen könnte . Wozu jemals geloben , Ottokar ewig zu lieben ? Gelobt man denn zu leben ? zu athmen ? Das kommt ja alles von selbst , und die Liebe , die ich meine , ist ja nur reines ätherisches Leben ohne Absicht , ohne Wollen entstanden , und kann nie vergehen . Wie ich Ottokars , so trug meine Mutter Ferdinands Bild in reiner , treuer Brust , und sie war das Muster der Frauen . Sie sehen demnach , meine theure zweite Mutter ! Sie können ruhig seyn um Ihr entferntes Kind . Ich bin zufrieden . Im Aeußern nichts , das tief mich verletzen könnte ; im Innern Kraft und Muth , Liebe und Frieden . Was darf der arme Mensch vom Schicksal Höheres fordern ? Ich wende den Blick hinab auf die Tausende , die neidend zu mir heraufblicken , und schaue nicht hinauf zu jenen , denen ein vollerer Freudenkranz , von wenigern Dornen durchflochten , gereicht ward , als mir . « Wer einer Feuersbrunst , oder der Raubsucht plündernder Feinde alle seine Habe hingegeben sah , der nimmt , was unverhofft ihm gerettet ward , so dankbar auf , als wäre es ein Geschenk . In der ersten Freude über das schon verloren Geglaubte dünkt man sich anfangs mit dem zehnten Theil seines Eigenthums beinah reicher als vorher im Besitz des ganzen , und nur allmählig gewöhnt man sich wieder , ein jedes gehörig zu würdigen . Gleich einem solchen , dem Feuer oder den Feinden entrißnem Kleinode , betrachteten Gabrielens Freundinnen diesen ihren ersten Brief seit ihrer Vermählung . Mit innerem Zagen und mit widerstrebender Hand hatte Frau von Willnangen ihn entsiegelt ; sie fürchtete in herzzerschneidenden Klagen ihres Lieblings die traurige Bestätigung aller der trüben Ahnungen lesen zu müssen , welche Gabrielens Geschick ihr in den dunkelsten Farben vorspiegelten . Was sie von ihr las , übertraf daher so ganz ihre Erwartung , daß wenig daran fehlte , sie hätte sich dadurch verleiten lassen , sie glücklich zu preisen . Freilich schwand dieser erste Freudentaumel früh genug , aber der tröstende Eindruck konnte dennoch nicht gänzlich verlöschen . Allen den lieben Sorgen , allen den mannigfaltigen Beschäftigungen , welche Augustens Ausstattung und Vermählung nothwendig machten , unterzog sich Frau von Willnangen von nun an mit weit leichterem Herzen , und auch die junge Braut gab an Adelberts Seite sich dem Glück unbefangener hin als zuvor . Gabrielens trauernde Gestalt war in manchen Momenten oft wie ein stiller Vorwurf zwischen Augusten und die Freude getreten . Die Ueberzeugung , daß die geliebte Freundin weit weniger beklagenswerth sey , als sie es sich gedacht hatte , schien ihr jetzt erst die rechte Erlaubniß zu geben , es sich selbst zu gestehen wie glücklich sie sich fühle . Der General Lichtenfels und Adelbert theilten freudig die Hoffnungen , welchen Frau von Willnangen und ihre Tochter sich so unbedingt überließen , nur Ernesto ward sichtbar trübe und verstimmt nach Lesung des Briefes , der alle andern beruhigt hatte . Verstummend gab er ihn in die Hände der Frau von Willnangen zurück , und antwortete nur mit einem halberstickten Seufzer und abgewandtem Blicke ihren , um Bestätigung des eignen frohen Gefühls bittenden Augen . Nicht Gabrielens gegenwärtige Lage beängstigte so den treuen Beschützer ihrer Jugend . Er kannte die Elastizität ihres Gemüths , dessen Kraft zum Guten durch Uebung , auch der schwersten Tugend , nur erhöht , nicht gemindert werden konnte und baute fest darauf . Aber seit er Gabrielens Brief gelesen hatte , vermochte er es nicht ein banges Vorgefühl künftigen Unheils von sich abzuschütteln . Er zitterte vor dem Gedanken , sie einst , vielleicht bald die tiefe Einsamkeit verlassen zu sehen , in welcher ihr jetzt alle ihre Tage in steter Dämmerung , von lieben Erinnerungen umgaukelt , hinschwanden . Denn Ruhe , ungestörte einförmige Ruhe , dieses trübe Surrogat des Glücks , waren , seiner Ueberzeugung nach , alles , was die Freunde der armen Gabriele dieser von nun an noch wünschen konnten , damit nichts sie völlig aus dem schönen Traume erwecken möge , den sie , wie er fürchtete , schon halb erwacht , sich noch fortzuträumen bemühte . Es hatte wirklich den Anschein , als ob Ernestos fromme Wünsche für Gabrielens Ruhe auf das pünktlichste in Erfüllung gehen sollten , denn sie lebte lange Zeit am schönen Ufer des Rheins , in abgeschiedener , beinahe klösterlicher Einsamkeit . Nie sah man sie ausserhalb des Bezirks der zu ihrem Schlosse gehörenden Gartenanlagen , als in Herrn von Aarheims Gesellschaft , höchstens mochte sie es zuweilen an schönen Abenden wagen , allein oder nur von Annetten begleitet , in ihrer Gondel auf den goldig grünen Wellen des Stroms hinzugleiten . Argwohn und Eifersucht hatten ihrem Gemahle gelehrt , sie von allen Seiten so schlau einzuengen , daß es gar keines ausdrücklichen Verbots von ihm bedurfte , um Gabrielen jede Verbindung mit der Außenwelt unmöglich zu machen . Daß man in seinem Schlosse nach englischer Sitte die Tageszeiten eintheilte , die Frühstücksstunde auf den Mittag , die Mittagsstunde auf den Abend verlegte , damit war schon ein großer Schritt zur Absonderung von der ganzen Nachbarschaft geschehen , der größte aber dadurch , daß Moritz bei seiner Ankunft unterließ , mit seiner jungen Gemahlin die gewohnten Besuche zu machen , um sie vorzustellen . Nichts wird strenger und sichrer geahndet , als eine solche absichtliche Verletzung der allgemein hergebrachten Sitte , besonders in kleinen Städten , oder in einem nachbarlichen Kreise auf dem Lande . Man erklärt sich dadurch selbst in die Acht , und alle die , mit denen nicht seyn zu wollen wir bezeigen , halten sich durch unser Verfahren berechtigt , wider uns zu seyn . Die arme Gabriele würde dieses schwer empfunden haben , hätte ihre natürliche Anspruchslosigkeit sie nicht verhindert zu bemerken , wie man bei allen Gelegenheiten sogar ihre Existenz zu ignoriren beflissen war . Auch das aller unbedeutendste Geschöpf kann nicht so total übersehen werden , als sie es wurde , so oft ein seltner Zufall sie in die Nähe derer brachte , welche Herr von Aarheim ohne ihr Zuthun beleidigt hatte . Dieser fühlte das zu seiner großen Kränkung sehr deutlich , und strebte durch tausend kleine Künste es Gabrielen zu verbergen ; aber er hätte diese Mühe füglich sparen können , denn Gabriele schien in ihrer Lebensweise nicht die mindeste Abweichung vom allgemein Ueblichen zu finden . Briefe , welche sie von den Freunden ihrer Jugend empfing , oder an sie schrieb , waren in ihrem gleichförmig-stillen Leben die einzige Auszeichnung eines Tages vor dem andern und eine unbestimmte süße Sehnsucht bemächtigte sich ihrer allmählig in dieser ungestörten Einsamkeit . Oft saß sie Stundenlang allein , das blühende Lockenköpfchen auf die weiße Hand gestützt , in dämmernden Träumen verloren . Hell und einzeln perlten Thränen unter den langen seidnen Augenwimpern hervor , und fielen langsam herab , wie wenn der West eine tropfenschwere Rose wiegt . Ein namenloses süßes Weh durchzuckte schmerzlich und freudig ihr volles Herz , dann nannte sie leise Ottokars Namen , und blickte verwundert , gleichsam sie zählend , auf die Thränen , die ihrem Auge entquollen , sie wußte nicht warum . Zum Glück wurde Frau von Willnangen und Ernesto durch den Ton , der in Gabrielens Briefen vorzuherrschen begann , auf die jetzige Stimmung ihres Lieblings sehr bald aufmerksam gemacht , und ihre warnende Stimme kam nicht zu spät , um die Träumerin zu erwecken . Gabriele riß sich mit gewohnter Kraft plötzlich empor . Die Gefahr bei diesem süßen Verlieren in sich selbst entging von nun an ihrem klaren Blicke nicht , noch weniger die Nothwendigkeit , in nützlicher Thätigkeit Schutz gegen jene Lähmung des Geistes zu suchen , deren leises Heranschleichen sie jetzt deutlich erkannte . Ein würdiger Gegenstand dieser Thätigkeit zeigte sich ihr , so wie sie nur Gewalt genug über sich gewann , den Blick auf das ihr Zunächstliegende zu wenden . Seit Moritz so einsam auf dem Lande lebte , hatte er sich mit seiner gewohnten Oberflächlichkeit auf die praktische Oekonomie geworfen . Und sie bot seiner Vorliebe für neue Erfindungen ein unübersehbares Feld . Täglich ward etwas Neues unternommen , sein unruhiges , in sich selbst sich zersplitterndes Wesen erlaubte ihm aber nicht , irgend etwas vollenden zu lassen . Was gestern erbaut ward , mußte heute wieder eingerissen werden ; Menschen und Thiere wurden stündlich von den nothwendigsten Feldarbeiten abgerufen , um zur Fröhnung irgend einer momentanen Laune ihres Gebieters ihre Kräfte herzuleihen . Die alten treuen Arbeiter , welche an dem Boden , den ihre Urgroßväter schon im Schweiße ihres Angesichts gebaut hatten , sich eine Art von Anrecht erworben zu haben glaubten , sträubten sich vergebens gegen dieses Verfahren ; vergebens vertheidigten sie ihre alte Art das Land zu bauen mit dem , dem Landmann eignen Widerwillen gegen alle Neuerungen . Die Starrsinnigen wurden des Dienstes entlassen und Fügsamere traten an ihre Stelle . Pflüge und Pflüger , Hirten und Heerden , Pflanzen und Gärtner wurden mit unendlichen Kosten aus dem Auslande verschrieben , aus England , aus der Schweiz , aus Spanien sogar . Die Umgegend füllte sich mit fremdartigen Gestalten , Abentheurer aller Art drängten sich herbei , welche Herrn von Aarheim mit den niedrigsten Schmeicheleien zu gewinnen wußten , und die ganze Nachbarschaft sah in stiller Schadenfreude zu , wie er , der sich das Ansehen gab , klüger seyn zu wollen als alle , auf das gröbste hintergangen ward . Alle diese Mißbräuche konnten Gabrielen nicht entgehen , sobald sie mit Ernst um sich blickte , und indem sie solche gewahrte , mußte sie zugleich die Verpflichtung fühlen , die gutmüthige Schwäche ihres Gemahls nicht länger als unthätige Zuschauerin mißbrauchen und verspotten zu lassen . Das Beispiel ihrer Mutter schwebte ihr vor , die mit sanfter Hand und klugem Auge der Verwaltung der Güter von Schloß Aarheim vorgestanden hatte , und das Gefühl , wie unendlich viel zur Erreichung dieses Vorbilds ihr noch mangle , durfte Augustens Tochter nicht abschrecken , ihm wenigstens von ferne nachzustreben . Zum Glück fand Gabrielens Unerfahrenheit bald einen verständigen und treuen Beistand in einem alten Wirthschaftsbeamten , dem einzigen aus der vorigen Zeit , der unter einem wüsten Haufen aus allen Theilen Europens zusammen gelaufnen Gesindels noch da stand . Eine Art von Scheu vor seiner durch lange Dienstjahre bewährten Treue hatte Herrn von Aarheim abgehalten , ihn , gleich den übrigen alten Dienern zu entlassen . Die Gärten waren der erste Gegenstand , welchen Gabriele unter ihre besondere Obhut nahm . Dieß schöne Gebiet gehört ohnehin , wenigstens zur Hälfte , in das Reich der Frauen , und Herr von Aarheim trug freudig seiner Gemahlin alle vom Gartenbau handelnde Bücher aus seiner Bibliothek selbst herbei , sobald sie nur den Wunsch äußerte , sich mit der Oberaufsicht desselben zu beschäftigen . Der Gedanke , daß Gabriele beginne , an seinen Verbesserungsplanen Theil zu nehmen , entzückte ihn um so mehr , da seiner Meinung nach gerade der Theil derselben , welchen sie erwählte , sie immer mehr von der Außenwelt trennen und in die Nähe des Schlosses bannen mußte . Sie begann ihr neues Geschäft mit dem größten Eifer zu treiben . Die Tische in ihrem Zimmer waren bald mit Plänen zu Gartengebäuden , Anlagen und Treibhäusern aller Art bedeckt , sie kamen nach und nach unter ihren , durch vieles Zeichnen geübten Augen ins Daseyn und der große Garten ward unter ihrer Leitung sehr bald ein Paradies voll Duft und Blumen und Früchte . Herr von Aarheim , im Entzücken über das Gedeihen der exotischen Pflanzen , welche er mit großen Kosten aus fremden Ländern hatte kommen lassen , übersah es gern , daß Gabriele deshalb auch die Einheimischen nicht verbannte und Weinstöcken und Obstbäumen nicht minder die ihnen zukommende Pflege angedeihen ließ , als dem Pisang oder der Ananas . So verging das erste Jahr ihrer Ehe . Uebung vermehrte Gabrielens Kraft und Moritz bemerkte mit Erstaunen die ernste Thätigkeit seiner jungen Gemahlin . Die Gewandtheit , die Sicherheit , die Ruhe , mit der sie alles vollbrachte , was sie unternahm , erregten seine Bewunderung , während ihr ganzes Betragen ihm eine Achtung einflößte , vor der das ängstliche Mißtrauen , mit welchem er sie bisher bewacht hatte , es wenigstens nicht wagte , sich zu zeigen . Seine innere Unruhe , die ihn von jeher rastlos in der Welt nach Neuigkeiten herumjagte , erwachte , so wie er in Hinsicht auf Gabrielen ruhiger zu werden begann , und unwiderstehlicher als je fühlte er in sich den Wunsch , ihr nachgeben zu dürfen . Des ökonomischen Steckenpferdes , so wie der ländlichen Einsamkeit war er eigentlich längst überdrüssig geworden ; nichts konnte ihm daher erwünschteres kommen , als daß Gabriele späterhin ihre Neigung erklärte , sich nicht allein der Gärten , sondern auch der ganzen Verwaltung des Gutes anzunehmen . Er fand die Bereitwilligkeit zu bequem , mit der sie ihn so mancher , ihm jetzt höchst lästigen Sorge überhob , als daß er sie sich nicht recht gern hätte gefallen lassen sollen , um so mehr , da er sich dabei das Ansehen geben konnte , als erzöge er sich in seiner Gemahlin eine Schülerin seiner außerordentlichen ökonomischen Kenntnisse . Vielleicht war er auch eitel genug , sich dieses selbst einzubilden , während Gabriele , nach dem Rathe ihres redlichen Inspektors allmählig alle schädliche Neuerungen abstellte , welche Herr von Aarheim eingeführt hatte , und nur die bessern beibehielt , ohne daß dieser irgend eine Veränderung bemerkt hätte . Immer sorgloser , faßte er endlich gar den Muth , Gabrielen erst auf Tage , sodann auf Wochen sich selbst zu überlassen , und zuletzt sie zur unumschränkten Regentin seines Gutes und seines Hauswesens zu machen , während er in den naheliegenden Städten umherzog , oder sich auf kleinen mineralogischen Reisen in das Gebürge vertiefte . Bald unter dem Vorwande des Heimwehs , bald ganz ohne Abschied in der Stille , verschwanden nun auch nach und nach die fremden Abentheurer , welche Herr von Aarheim früher um sich her versammelt hatte ; eigentlich wohl , weil keiner von ihnen unter der Oberaufsicht des alten Inspektors mehr seine Rechnung fand . Die alten , von ihnen vertriebenen deutschen Gesichter erschienen wieder , doch Herr von Aarheim nahm von allen diesem keine Notiz . Wenn er zuweilen eine Säemaschine oder einen neuerfundenen Pflug in Aktivität erblickte , war er vollkommen zufrieden , gab sich das Ansehen , als sey er überzeugt , daß alles noch nach seiner Vorschrift betrieben werde und vermied jede Aufklärung oder Rechenschaft , welche Gabriele ihm zu geben stets bereit war . Sein ewig wechselnder Sinn hatte ihn eigentlich dem Himmel zugeführt , indem er ihn der Erde abwendete , und es war nicht sowohl Vertrauen in Gabrielens Kenntnisse , als Ueberdruß und Eckel an seiner ehemaligen Lieblingsbeschäftigung , was zu diesem Benehmen ihn bewog . Quadranten , Globen , Ferngläser aller Art , gaben jetzt seinen Zimmern das Ansehen eines Observatoriums , aus welchem Fellenberg , Thaer und Arthur Young völlig verbannt wurden , denn Astronomie war für dem Augenblick sein Lieblingsstudium geworden . Diese neue Leidenschaft begann endlich , ihn so mächtig zu beherrschen , daß er , der früher die Reise nach Italien aufgegeben hatte , um Gabrielen nicht zu verlassen , sich jetzt mitten im Kriege nach England schlich , einzig um in Slowe auf Herrschels hohem Sessel in den Lüften zu schweben , mit einem Fernglase in dessen kolossalen Tubus zu kuken und dessen neuerfundenen Kometenjäger zu bewundern . So waren drei Jahre verstrichen , und Gabriele hatte in steter Einsamkeit , fern von den Freunden ihrer Jugend , ihr zwanzigstes Jahr vollendet , doch war sie durch einen ununterbrochenen Briefwechsel mit Ernesto , Augusten , Frau von Willnangen , sogar mit der guten alten Frau Dalling , die rege Theilnehmerin an allen ihren Leiden und Freuden geblieben . Ja dieser war es eigentlich , welcher noch Abwechselung und Bewegung in den Lauf ihres Lebens zu bringen vermochte , denn ihre eigene Existenz glitt so einförmig an ihr vorüber , daß das Schwinden der Tage ihr nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar werden konnte . Die Zeit , welche sie bei ihrer Tante verlebt hatte , die Tage voll Schmerz und Lust im Hause der Frau von Willnangen , ja selbst Ottokars Bild schwebten nur noch in dämmerndem Scheine vor ihrer Seele , wie die Tage der Kindheit vor dem innern Auge des lebensmüden Greises schweben , der liebend noch an ihnen hängt , obgleich er es nicht mehr vermag , sie noch deutlich aus der weiten Ferne zu erkennen . Im ruhigen Bewußtseyn erfüllter Pflicht , aufrecht erhalten durch rege Thätigkeit , konnte Gabriele nicht in dumpfe Apathie versinken . Der Anblick der Natur , das Gelingen ihres Strebens , ließ sie nicht unergötzt , aber kein frohes , glückliches Empfinden röthete je ihre Wangen höher , strahlte in ihrem Blick , oder beschleunigte das ruhige Pulsiren ihres Herzens zu rascheren Schlägen . Sie war ruhig , so ruhig , daß sie fast keinen Wunsch mehr kannte , und dieses Gefühl theilte sie in ihren Briefen ihren Freunden mit . Ernesto selbst mußte endlich aufhören , für ihre