, dann wie aus der Ferne melodisch schallend , das Haus mit wunderschönen Weisen erfüllend , dann wieder weiter verhallend . Friedrich wagte kaum zu atmen , um die Zauberei nicht zu stören . Doch , je länger er den leise verschwindenden Tönen lauschte , je unruhiger wurde er nach und nach ; denn es war wieder jenes alte Lied aus seiner Kindheit , das er einmal in der Nacht auf Leontins Schlosse von Erwin auf der Mauer singen gehört ; auch schien es dieselbe Stimme . Er raffte sich endlich auf und trat leise vor die Tür hinaus . Da lag und schlief der Bediente quer über der Schwelle , wie ein Toter . Draußen sah er den Sänger im hellen Mondenscheine unter den hohen Eichen wandeln . Er lief freudig auf ihn zu - es war Erwin ! - Der Knabe wandte sich schnell , und als er Friedrich erblickte , stürzte er mit einem durchdringenden Schrei zu Boden , unter ihm lag seine Zither zerbrochen . Der Bediente auf der Schwelle fuhr über dem Schrei taumelnd auf . » Verrückt ! verrückt ! « rief er , sich aufmunternd Friedrich zu , und eilte sehr ängstlich in das Haus hinein , um seine Herrschaft zu wecken . Friedrich schnitt dieser Ausruf wie Schwerter durchs Herz , denn er hatte es aus des Knaben unbegreiflicher Flucht längst gefürchtet . Erwin sah indes wie aus einem langen Traume mit ungewiß schweifenden Blicken rings um sich her und dann Friedrich an , während sehr heftige innerliche Zuckungen , die sich immer mehr dem Herzen zu nähern schienen , durch seinen Körper fuhren . Abgebrochen durch den Schmerz , aber ohne sein schönes Gesicht zu verziehen , sagte er zu Friedrich : » Es war ein tiefes , weites , rosenrotes Meer , dich sah ich darin auf dem Grunde immerfort über hohe Gebirge gehen , ich sang die besten alten Lieder , die ich wußte , aber du erinnertest dich nicht mehr daran , ich konnte dich niemals erjagen , und unten stand der Alte tief im Meere , ich fürchtete mich vor seinen Augen . Manchmal ruhtest du , auf mich zugewendet , aus , da saß ich still dir gegenüber und sah dich vielhundert Jahre an - ach , ich war dir so gut , so gut ! - Die Leute sagten , ich sei verrückt , ich hörte es wohl und hörte auch draußen die Uhren schlagen und die Welt ordentlich gehn und schallen wie durch Glas , aber ich konnte nicht mit hinein . Damals war mir wohl , jetzt bin ich wieder krank . - Glaube nur nicht , daß ich jetzt irre spreche , jetzt weiß ich wohl recht gut , was ich rede und wo ich bin - das ist ja der Eichgrund , das ist die alte Mühle - « bei diesen Worten versank er in ein starres Nachsinnen . Dann fuhr er unter immerwährenden Krämpfen wieder fort : » Dort , wo die Sonne aufgehn wird , ist ein großer Wald , in dem Walde wohnt ein Mann mit dunklen Augen und einer langen Schramme über dem rechten Auge , der kennt mich und euch alle , er - « hier nahmen die Zuckungen in immer engern Kreisen auf einmal sehr heftig zu . Der Knabe nahm Friedrichs Hand , drückte sie fest an seine Lippen und sagte : » Mein lieber Herr ! « Ein plötzlicher Krampf streckte noch einmal seinen ganzen Leib , und er hörte auf zu atmen . Friedrich , außer sich , stürzte über ihn her und öffnete oben schnell sein Wams , denn es war dieselbe phantastische Kleidung , die der Knabe sonst auf dem Schlosse des Herrn v. A. getragen hatte . Wie sehr erschrak und erstaunte er , als ihm da der schönste Mädchenbusen entgegenschwoll , noch warm , aber nicht mehr schlagend . - Er blieb wie eingewurzelt auf seinen Knien und starrte dem Mädchen in das stille Gesicht , als hätte er es noch nie vorher gesehn . Leontin und Julie waren unterdes auch aus der Mühle herbeigeeilt . Sie schienen gar nicht erstaunt , Erwin hier zu sehen , noch weniger über die Entdeckung seines Geschlechts , sondern nur bestürzt über seinen jetzigen , unerwarteten Zustand . In stummer Geschäftigkeit , ohne sich wechselseitig zu erklären , waren alle nur bemüht , ihn ins Leben zurückzurufen - aber alles blieb vergebens , das schöne , seltsame Mädchen war tot . Julie hatte sie trostlos vor sich auf dem Schoße liegen . Sie ruhte wie ein Engel still und schön . Kein Atem wehte mehr säuselnd durch die zarten , roten Lippen , die sonst zu so wunderschönen Tönen sich auftaten , ihre großen Augen , so lieblich wild , waren auf ewig verschlossen , nur eine einsame Nachtluft bewegte noch ihre Locken hin und her . Leontin und Friedrich saßen stillschweigend gegenüber . Friedrich , dem jetzt auf einmal viele Sonderbarkeiten des Mädchens nur zu klar wurden , klagte sich in tiefem , stummem Schmerze bei sich selber an , daß er ihre zerstörende , verhaltene Liebe zu ihm so schlecht belohnt , daß er sie bei größerer Achtsamkeit hätte schonen und retten können . Währenddes fing jenseits über dem Walde der Morgen an zu dämmern und beleuchtete die seltsame Gruppe . Da kam plötzlich ein Bedienter von dem Schlosse des Herrn v. A. angesprengt und brachte atemlos die Nachricht , daß ein feindlicher Offizier mit seinem Trupp in der Nähe herumstreife und ihnen , wie er eben von Bauern erfahren , auf der Spur sei . Die Bestürzung aller über diese unerwartete Begebenheit war nicht gering . Leontin und Friedrich , die ein Schicksal verfolgte , waren in diesem Augenblick noch ohne weitern Plan ; soviel war gewiß , daß Julie zum Vater zurückkehren und das tote Mädchen mitnehmen mußte . Die Leiche wurde daher eiligst auf ein lediges Handpferd gehoben . Dabei entdeckte Julie ein reichgefaßtes Medaillon , welches das Mädchen auf dem bloßen Leibe hängen hatte , und das sonst niemand jemals bei ihr bemerkt . Es war das Portrait eines sehr schönen , etwa neunjährigen Mädchens . Sie nahm es ab und überreichte es Friedrich . Sein Gesicht veränderte sich , als er den ersten Blick darauf warf ; denn es waren die Züge der kleinen Angelina , mit der er als Kind so oft im Garten gespielt , und welcher , wie es ihm nun ganz klarwurde , das Kind Maria auf dem Heiligenbilde des verlassenen Gebirgsschlosses so auffallend ähnlich sah . Er betrachtete es lange gerührt und stillschweigend . Da fielen ihm die rätselhaften Worte wieder ein , die Erwin sterbend von dem Alten im Walde gesagt hatte . Er zweifelte nicht , daß dieser um vieles wissen müsse , was ihnen Licht über das sonderbare Leben der Verstorbenen und ihren Zusammenhang mit seiner eigenen Kindheit geben könne . Er erzählte es Leontin . Dieser erschrak darüber und ward bei jedem Worte aufmerksamer ; er schien den Alten selber schon gesehen zu haben , doch sagte er nicht , wann und wo . Die beiden Freunde beschlossen nun , jenen Winken Erwins zufolge die Richtung nach dem beschriebenen Walde hin zu nehmen , um dort vielleicht eine erwünschte Auflösung zu erhalten , da überdies jene Wildnis von Feinden rein und der Weg Leontin ziemlich bekannt war . Es wurde schnell alles vorbereitet . Sie nahmen herzlichen Abschied von Julie , mit dem Versprechen , einander so bald als möglich wiederzusehen , und Julie ritt nun mit ihrer süßen , traurigen Last , die sie in ihrer bunten Kleidung wie eine abgebrochene Blume auf einem Pferde neben sich herführte , von der einen Seite nach Hause , während sie von der andern gegen Sonnenaufgang in den großen Wald fortzogen . Einundzwanzigstes Kapitel Der Morgen stieg dampfend aus den Wäldern , als die beiden Grafen schon fern über einen einsamen Wiesengrund hinritten , der seltsamen Ereignisse dieser Nacht gedenkend . Der Weg war für jeden Fremdling fast ungangbar , die Entfernung , die sie in den wenigen Stunden zurückgelegt , ziemlich beträchtlich , sie konnten schon langsamer und gemächlicher ziehn . Da erzählte Leontin Friedrich Folgendes : » Es war ein schöner Sommermorgen , da Julie in ihrem Schlafzimmer , das , wie du weißt , auf den Garten hinausgeht , noch schlummerte , als sie draußen von einer bekannten Stimme mit einem bekannten Liede geweckt wurde . Sie trat in den Garten hinaus und sah Erwin , der wieder auf der Blumenterrasse saß und in das glänzende Land hinaussang . Mit pochendem Herzen flog sie zu ihm und fragte ihn nach seinem Herrn . Der Knabe sah sie aber starr an , er war blaß und seltsam verwildert im Gesichte , und aus seinen verwirrten Antworten bemerkte sie bald mit Schrecken , daß er verrückt sei . - In solchem Gemütszustande hatte er uns nämlich in jener Nacht auf dem Rheine so unbegreiflich verlassen , und auf unzähligen Umwegen zu dem Schlosse des Herrn v. A. sich geflüchtet , wahrscheinlich aus Eifersucht , denn die beiden Jäger , die wir damals in der alten Burg trafen , und die dann mit uns auf dem Rheine fuhren , waren , wie ich nachher erfuhr , niemand anders , als Romana und meine Schwester Rosa , welche Erwin bei dem schnellen Lichte des Blitzes , gleichwie mit schärferen Sinnen , plötzlich erkannt hatte . « - Friedrich verwunderte sich hier über die gewagte Kleidung der beiden Weiber und beklagte das unglückliche Ohngefähr , indem ihm dabei alles , was in jener Nacht vorgegangen , wieder erinnerlich ward . - Leontin fuhr fort : » Erwin verriet durch seine jetzige verwirrte Unachtsamkeit und seine tiefe , unüberwindliche Neigung zu dir gar bald sein Geschlecht . Das unglückliche Mädchen sang sehr viel , und ihre Lieder zeigten oft eine zeitig aufgereizte und heimlich genährte , heftige Sinnlichkeit . Von ihrem frühesten Leben war auch jetzt nicht das mindeste herauszukriegen . Julie bot alles auf , sie zu retten . Sie nannte sie Erwine , gab ihr Frauenzimmerkleider , suchte überhaupt alles erinnernde Phantastische aus ihrer Lebensweise zu entfernen und taufte sie so , nach dem gewöhnlichen Verfahren in solchen Fällen , in gemeingültige Prosa . Das Mädchen wurde dadurch auch stiller , aber es war eine wahre Grabesstille , von der sie sich nur manchmal im Gesange wieder zu erholen schien . So traf ich sie , als ich verwundet auf dem Schlosse ankam . Mein erster Anblick verdarb auf einmal wieder viel an ihr , doch nur vorübergehend . Viel heftiger , und uns allen unerklärlich aber erschütterte sie der Anblick der alten Mühle , wohin wir sie mitnahmen , als ich hingebracht wurde ; sie zitterte am ganzen Leibe . Julie nahm sie daher künftig niemals mehr mit dorthin . Gestern aber war sie ihr heimlich nachgeschlichen , und sie war es , die du im weißen Gewande singend vor der Mühle trafst . Wir waren in nicht geringer Besorgnis , daß sie dich nicht so plötzlich wiedersehe , und Julie schickte sie daher heimlich mit dem Bedienten sogleich wieder auf das Schloß zurück . Dort muß sie aber in der Nacht ihrer alten Knabentracht habhaft geworden und noch einmal entwichen sein . « Der Schluß von Leontins Erzählung bestätigte Friedrichs Ahnung , daß Erwin wirklich dasselbe Mädchen sein müsse , das ihm damals in jener fürchterlichen Nacht in der Mühle Feuer gemacht und hinaufgeleuchtet hatte , womit auch ihre schon bemerkte Ähnlichkeit vollkommen übereinstimmte . Er versank darüber in Gedanken und sie beschleunigten beide stillschweigend wieder ihre Reise . Gegen Abend erblickten sie auf einmal von einer Höhe fern unten die Kuppeln der Residenz . Ein von plötzlichem Regen angeschwollener Gebirgsbach hinderte sie zugleich , ihren Weg in der bisherigen Richtung fortzusetzen . Sie blieben eine Weile unentschlossen stehen . Die Dämmerung fing indes an , sich niederzusenken , da bemerkten sie mit Verwunderung Feuerblicke und schnell entstehende und wieder verschwindende Sterne in der Gegend der Residenz , die sie für Raketen hielten . » Das sieht recht lustig aus « , sagte Leontin . » Hier können wir ohnedies nicht weiter , laß uns einen Streifzug dorthinaus wagen und sehen , was es in der Stadt gibt . Wir kommen wohl in der Dunkelheit unerkannt durch und sind , ehe der Tag anbricht , wieder im Gebirge . « - Friedrich willigte ein , und so zogen sie ins Tal hinunter . Noch vor Mitternacht langten sie vor der Residenz an . Der ganze Kreis der Stadt war bis zu den höchsten Turmspitzen hinauf erleuchtet , und lag mit seinen unzähligen Fenstern wie eine Feeninsel in der stillen Nacht vor ihnen . Sie hatten die Kühnheit , bis ins Tor hineinzureiten . Ein verworrener Schwall von Musik und Lichtern quoll ihnen da entgegen . Herren und Damen wandelten wie am Tage geputzt durch die Gassen , unzählige Wagen mit Fackeln tosten dazwischen , sich mannigfaltig durchkreuzend , eine fröhliche Menge schwärmte hin und her . - » Nun , was gibt ' s denn hier noch für eine rasende Freude ? « fragte Leontin endlich einen Handwerksmann , der , ein Schurzfell um den Leib und ein Glas Branntwein hoch in der Hand , unaufhörlich Vivat rief . Der Mann machte eine verteufelt pfiffige Miene und hätte gern die Unwissenheit der beiden Fremden tüchtig abgeführt , wenn ihm nicht eben sein Witz versagt hätte . Endlich sagte er : » Der Erbprinz hält heute Hochzeit mit der schönen Gräfin Rosa . Wer will mir da Branntwein verbieten ! Mag der Gräfin voriger Bräutigam Wasser saufen , denn er ist lange tot , und ihr Bruder mit den Engeln Milch und Honig trinken , denn er treibt sich in allen Wäldern herum . Hol der Teufel alle Ruhestörer ! Friede ! Friede ! Es leben alle Patrioten , vivat hoch ! « - So taumelte der Branntweinzapf wieder weiter . Die beiden Grafen sahen einander verwundert an . An Friedrichs Brust schallte die Neuigkeit ziemlich gleichgültig vorüber . Er hatte Rosa längst aufgegeben . Seine Phantasie , die Liebeskupplerin , war seitdem von größern Bildern durchdrungen , alle die hellen Quellen seiner irdischen Liebe waren in einen großen , ruhigen Strom gesammelt , der andere Wünsche und Hoffnungen zu einem andern Geliebten trug . - Ein Bürger , der ihr Gespräch mit dem Betrunkenen mit angehört hatte , war unterdes zu ihnen getreten und sagte : » Es ist alles wahr , was der Kerl da so konfus vorgebracht . Die Gräfin Rosa hatte wirklich vorher schon einen Grafen zum Liebhaber ; der ist aber im Kriege geblieben und es ist gut für ihn , denn er ist mit Lehn und Habe dem Staate verfallen . Der Bruder der Gräfin ebenfalls , aber wir wissen von sicherer Hand , daß man gegen diesen nicht streng verfahren wird und ihm gern verzeihen möchte , wenn er nur zurückkäme und Reue und Besserung verspüren lassen wollte . « - Leontin lachte bei diesen Worten laut auf und gab seinem Pferde die Sporen . » Frischauf ! « sagte er zu Friedrich , » ich ziehe mit den Toten , da die Lebendigen so abgestanden sind ! Ich mag keinen von ihnen mehr wiedersehen , kommen wir wieder zurück auf unsere grünen Freiheitsburgen ! « Sie waren indes an das fürstliche Schloß gekommen . Tanzmusik schallte aus den hellen Fenstern . Eine Menge Volks war unten versammelt und gebärdete sich wie unsinnig vor Entzücken . Denn Rosa zeigte sich eben an der Seite ihres Bräutigams am Fenster . Man konnte sie deutlich sehen . Ihre blendende Schönheit , mit einem reichen Diadem von Edelsteinen geschmückt , funkelte und blitzte bei den vielen Lichtern manches Herz unten zu Asche . - So hatte sie ihr höchstes Ziel , die weltliche Pracht und Herrlichkeit , erreicht . - » Sie taugte niemals viel , Weltfutter , nichts als Weltfutter ! « schimpfte Leontin ärgerlich immerfort . Friedrich drückte den Hut tief in die Augen , und so zogen die beiden dunklen Gestalten einsam durch den Jubel hindurch , zum Tore hinaus und wieder in die Berge zurück . Nach mehreren einsamen Tagereisen , wobei auch die schönen Nächte zu Hülfe genommen wurden , kamen sie endlich immer höher auf das Gebirge . Die Gegend wurde immer größer und ernster , kaum noch lagen mehr einzelne Hirtenhütten in den tiefen , dunkelgrünen Schluchten hin und her zerstreut , es war eine grenzenlose Einsamkeit , nebenaus oft Streifen von unermeßlicher Aussicht . Ihre Herzen wurden wieder stark und weit , und voll kühler Freudenquellen . Da erblickten sie sehr unerwartet mitten in der Wildnis einen niedrigen , zierlichen Zaun von weißem Birkenholz , dem es ordentlich Mühe zu kosten schien , die wilde Freiheit der Natur , die überall ihre grünen , festen Arme wie zum Spotte ungezogen durchstreckte , im Zaume zu halten . Sie lachten einander beide bei dem ersten Anblicke an , denn überraschender konnte ihnen nichts kommen , als gar eine moderne englische Anlage in dieser menschenleeren Gegend . Sie ritten längs des Zaunes hin , aber nirgends war die geringste Spur eines Einganges . Sie wußten wohl , daß sie bereits in dem großen Walde sein mußten , den Erwine sterbend meinte , auch waren sie nach der langen Tagereise begierig , endlich einmal Menschen , Speise und Trank wiederzufinden , sie banden daher ihre Pferde an und sprangen über den Zaun hinein . Ein niedlicher Schlangenpfad , mit weißem Sande ausgestreut , führte sie dort bis an ein großes , dichtes Gebüsch von meist ausländischen Sträuchern , wo er sich plötzlich in zwei Arme teilte . Sie schlugen nun jeder für sich allein einen derselben ein , um so desto eher zu einer erwünschten Entdeckung zu gelangen . Doch diese schmalen Pfade gingen seltsam genug in einem ewigen Kreise immerfort um sich selber herum , so daß die beiden Grafen , je emsiger sie zuschritten , zwar immer ganz nahe blieben , aber einander niemals erjagen oder zusammenkommen konnten . Einige Male , wo die Gänge sich plötzlich durchkreuzten , stießen sie unverhofft aneinander , trennten sich von neuem und standen endlich , nachdem sie sich beinahe müde geirrt , auf einmal wieder vor dem Zaune , an demselben Orte , wo sie ausgelaufen waren . Sie lachten und ärgerten sich zugleich über den sinnreichen Einfall . Doch machte sie diese kleine Probe aufmerksam und neugieriger auf die ganze sonderbare Anlage . Sie nahmen daher noch einmal einen beherzten Anlauf und drangen nun mitten durch das dicke Gehege gerade hindurch . Da kamen sie bald auf einen freien Platz zu einem Gebäude . Ihre Augen konnten sich bei dem ersten verwirrenden Anblick durchaus nicht aus dem labyrinthischen , höchst abenteuerlichen Gemisch dieses Tempels herausfinden , so unförmlich , obgleich klein , war alles über- und durcheinandergebaut . Den Haupteingang nämlich bildete ein griechischer Tempel mit zierlichem Säulenportal , welches sehr komisch aussah , da alles überaus niedlich und nur aus angestrichenem Holze war . Sie traten hinein und fanden in der Halle einen hölzernen Apollo , der die Geige strich , und dem der Kopf fehlte , weil nicht mehr Raum genug dazu übriggeblieben war . Gleich aus dem Tempel trat man in einen geschmackvollen Kuhstall nebst einer vollständigen holländischen Meierei in der neuesten Manier , aber alles leer . Über der Meierei hing , wie ein Bienenkorb , eine Art von schwebender Einsiedelei . Den zweiten Eingang bildete ein viereckiger Turm , wie bei den alten Burgen , der eine Ruine vorstellen sollte , und auf dessen Mauer hin und her Blumentöpfe mit Moos umherstanden . Über das ganze Gemisch hinweg endlich erhob sich ein feingeschnitztes , buntes , chinesisches Türmchen , an welchem unzählige Glöcklein im Winde musizierten . Unter diesem Türmchen in dem innersten Gemache saß inmitten des getäfelten Bodens ein unförmlicher , kleiner Chinese von Porzellan mit untergeschlagenen Beinen und dickem Bauche , und wackelte einsam fort mit dem breiten Kahlkopfe , als der einzige Bewohner seines unsinnigen Palastes . » Nein , das ist zu toll ! « sagte Leontin , » was gäb ich drum , wenn wir den Phantasten von Baumeister noch selber in seinem Zauberneste überraschten ! Das ist ja ein wahrer Surrogattempel für allen Geschmack auf Erden . « Währenddes waren sie endlich in dem letzten Gemache des Gebäudes angekommen , welches mit großen , goldenen Buchstaben » Gesellschaftssaal « überschrieben war . Sie erstaunten auch wirklich beim Eintritte nicht wenig über die ungeheure Gesellschaft , denn Wände und Decke bestanden daselbst aus künstlich geschliffenen Spiegeln , die ihre Gestalten auf einmal ins Unendliche vervielfältigten . Ihr Kopf war ganz überfüllt und verwirrt von dem Gesehenen . Kein Mensch war in der weiten Runde zu hören , es grauste ihnen fast , länger in dieser Verrückung so einsam zu verweilen , und sie begaben sich daher schnell wieder ins Freie . Sie durchstrichen darauf noch den andern Teil des Parks , der auf die alltäglichste Art mit Trauerweiden , Baumgruppchen , Brückchen usw. angefüllt war . Auch die üblichen Aushängetafeln mit Inschriften waren im Überfluß vorhanden , nur mit dem Unterschiede , daß hier alle von einer ungeheuren Länge und Breite waren , so daß sie die jungen Bäume , an denen sie befestigt , fast bis auf die Erde herunterzogen . Unsere Reisenden verweilten verwundert hin und wieder , und lasen unter andern : » Wachsen , Blühen , Staubwerden . « - Gleich daneben stand auf einer andern Tafel die erste Strophe von : » Freuet euch des Lebens ! « usw. nebst einigen andern Zoten . So von groben Bäumen verfolgt , waren sie endlich am andern Ende des sonderbaren Parks angekommen , wo derselbe wieder durch ein niedliches Zäunchen von dem Walde geschieden war . Noch eine ungeheure Inschrift begrüßte sie dort folgendermaßen : » Gefühlvoller Wanderer ! stehe still und vergieße einige Tränen über deine Narrheit ! « Darunter stand nur noch halbleserlich mit Bleistift geschrieben : » Und dann kehre wieder um , denn mir bist du doch nur langweilig . « Nicht ohne Bedeutung , wie es schien , stieß diese letzte Partie des Gartens , welche besonders kleinlich aus allerlei Zwergbäumen nebst einem kaum bemerkbaren Wasserfalle bestand , auf einmal an den dunkelgrünen Saum des Hochwaldes . Zwischen Felsen stürzte dort ein einsamer Strom gerade hinab , als wollte er den ganzen Garten vernichten , wandte sich dann am Fuße der Höhe plötzlich , wie aus Verachtung , wieder seitwärts in den Wald zurück , dessen ernstes , ewig gleiches Rauschen gegen die unruhig phantastische Spielerei der Gartenanlage fast schmerzlich abstach , so daß die beiden Freunde überrascht stillstanden . Sie sehnten sich recht in die große , ruhige , kühle Pracht hinaus und atmeten erst frei , als sie wirklich endlich wieder zu Pferde saßen . Während sie sich so über das Gesehene besprachen , verwundert , keine menschliche Wohnung ringsum zu erblicken , fing indes die Gegend an etwas lieblicher und milder zu werden . Vor ihnen erhob sich ein freundlicher , bis an den Gipfel mit Laubwald bedeckter Berg aus dem dunkelzackigen Chaos von Gebirgen . Hinter dem Berge schien es nach der einen Seite hin auf einmal freier zu werden und versprach eine große Aussicht . Sie zogen langsam ihres Weges fort , der Himmel war unbeschreiblich heiter , der Abend sank schon hernieder und spielte mit seinen letzten Strahlen lustig in dem lichten Grün des Berges vor ihnen . Friedrich hatte lange unverwandt in die Gegend vor sich hinausgesehen , dann hielt er plötzlich an und sagte : » Ich weiß nicht , wie mir ist , diese Aussicht ist mir so altbekannt , und doch war ich , solange ich lebe , nicht hier . « - Je weiter sie kamen , je erinnernder und sehnsüchtiger sprach jede Stelle zu ihm ; oft verwandelte sich auf einmal alles wieder , ein Baum , ein Hügel legte sich fremd vor seine Aussicht wie in eine uralte , wehmütige Zeit , doch konnte er sich durchaus nicht besinnen . So hatten sie nach und nach den Gipfel des Berges erreicht . Freudig überrascht standen sie beide still , denn eine überschwengliche Aussicht über Städte , Ströme und Wälder , so weit die Blicke in das fröhlich-bunte Reich hinauslangten , lag unermeßlich unter ihnen . Da erinnerte sich Friedrich auf einmal : » das ist ja meine Heimat ! « rief er , mit ganzer Seele in die Aussicht versenkt . » Was ich sehe , hier und in die Runde , alles gemahnt mich wie ein Zauberspiegel an den Ort , wo ich als Kind aufwuchs ! Derselbe Wald , dieselben Gänge - nur das schöne , altertümliche Schloß Ende ich nicht wieder auf dem Berge . « - Sie stiegen weiter und erblickten wirklich auf dem Gipfel im Gebüsche die Ruinen eines alten , verfallenen Schlosses . Sie kletterten über die umhergeworfenen Steine hinein und erstaunten nicht wenig , als sie dort ein steinernes Grabmal fanden , das ihnen durch seine Schönheit sowohl , als durch seine mannigfaltige Bedeutsamkeit auffiel . Es stellte nämlich eine junge , schöne , fast wollüstig gebaute weibliche Figur vor , die tot über den Steinen lag . Ihre Arme waren mit künstlichen Spangen , ihr Haupt mit Pfauenfedern geschmückt . Eine große Schlange , mit einem Krönlein auf dem Kopfe , hatte sich ihr dreimal um den Leib geschlungen . Neben und zum Teil über dem schönen Leichnam lag ein altgeformtes Schwert , in der Mitte entzweigesprungen , und ein zerbrochenes Wappen . Aus dieser Gruppe erhob sich ein hohes , einfaches Kreuz , mit seinem Fuße die Schlange erdrückend . Friedrich traute seinen Augen kaum , da er bei genauerer Betrachtung auf dem zerbrochenen Schilde sein eigenes Familienwappen erkannte . Seine Augen fielen dabei noch einmal aufmerksamer auf die weibliche Gestalt , deren Gesicht soeben von einem glühenden Abendstrahle hell beleuchtet wurde . Er erschrak und wußte doch nicht , warum ihn diese Mienen so wunderbar anzogen . Endlich nahm er das kleine Porträt hervor , das sie auf Erwinens Brust gefunden hatten . Es waren dieselben Züge , es war das schöne Kind , mit dem er damals in dem Blumengarten seiner Heimat gespielt ; nur das Leben schien seitdem viele Züge verwischt und seltsam entfremdet zu haben . Ein wehmütiger Strom von Erinnerung zog da durch seine Seele , dem er kaum mehr in jenes frühste , helldunkle Wunderland nachzufolgen vermochte . Er fühlte schaudernd seinen eigenen Lebenslauf in den geheimnisvollen Kreis dieser Berge mit hineingezogen . Er setzte sich voller Gedanken auf das steinerne Grabmal und sah in die Täler hinunter , wie die Welt da nur noch in einzelnen , großen Farbenmassen durcheinander arbeitete , in welche Türme und Dörfer langsam versanken , bis es dann still wurde wie über einem beruhigten Meere . Nur das Kreuz auf ihrem Berge oben funkelte noch lange golden fort . Da hörten sie auf einmal hinter ihnen eine Schalmei über die Berge wehen ; die Töne blieben oft in weiter Ferne aus , dann brachen sie auf einmal wieder mit neuer Gewalt durch die ziehenden Wolken herüber . Sie sprangen freudig auf . Sie zweifelten längst nicht mehr , daß sie sich in dem Gebiete des sonderbaren Mannes befänden , zu dem sie von Erwin hingewiesen worden . Um desto willkommener war es ihnen , endlich einen Menschen zu finden , der ihnen aus diesem wunderbaren Labyrinthe heraushelfe , in dem ihre Augen sowie ihre Gedanken verwirrt und verloren waren . Sie bestiegen daher schnell ihre Pferde und ritten jenen Klängen nach . Die Töne führten sie immerfort bergan zu einer ungeheuren Höhe , die immer öder und verlassener wurde . Ganz oben erblickten sie endlich einen Hirten , welcher , auf der Schalmei blasend , seine Herde in der Dämmerung vor sich her nach Hause trieb . Sie grüßten ihn , er dankte und sah sie ruhig und lange von oben bis unten an . » Wem dient Ihr ? « fragte Leontin . - » Dem Grafen . « - » Wo wohnt der Graf ? « - » Dort rechts auf dem letzten Berge in seinem Schlosse . « - » Wer liegt dort « , fuhr Leontin fort , » auf der grünen Höhe unter den steinernen Figuren begraben ? « - Der Hirt sah ihn an und antwortete nicht ; er wußte nichts davon und war noch niemals dort hinabgekommen . - Sie ritten langsam neben ihm her , da erzählte er ihnen , wie auch er weit von hier in den Tälern geboren und aufgewachsen sei , » aber das ist lange her « , sagte er , » und ich weiß nicht mehr , wie es unten aussieht . « Darauf wünschte er ihnen eine gute Nacht , nahm seine Schalmei wieder vor und lenkte links in das Gebirge hinein . - Sie blickten rings um sich , es war eine weite , kahle Heide und die Aussicht zwischen den einzelnen Fichten , die hin und her zerstreut standen , unbeschreiblich einsam , als wäre die Welt zu Ende . Es wurde ihnen angst und weh an dem Orte . Sie gaben ihren Pferden die Sporen und schlugen rechts den Weg ein , den ihnen der einsilbige Hirt zu dem Schlosse des Grafen angezeigt hatte . Es war indes völlig dunkel geworden . Die Gegend wurde noch immer höher , die Luft schärfer ; sie wickelten sich fest in ihre Mäntel ein und ritten schnell fort . Da erblickten sie endlich auf dem höchsten Gipfel des Gebirges das verheißene Schloß . Es war , soviel sie in der Dunkelheit unterscheiden konnten , weitläufig gebaut und alt . Der Weg führte sie von selbst durch ein dunkles Burgtor in den altertümlichen , gepflasterten Hof , in dessen Mitte sich ein großer