die Gefahr erpreßte , der also gerichtlich ungültig werde . So rot und blau sein Kind angelaufen war , so vermischt alle Züge , doch schien es ihm wunderschön ; er konnte es nicht begreifen , wie es seine Frau zur Erhaltung ihrer Schönheit einer Amme übergeben mochte ; doch jetzt konnte er ihr in nichts mehr widerstreiten , nachdem sie seinetwegen so viel Schmerzen ertragen . Da sich Dolores bald ganz wohl befand , so wurde die Taufe beschleunigt ; dies war immer des Grafen heiligstes Sakrament : es hing mit seiner ganzen Ansicht von der Weltentstehung zusammen . Er wendete die höchste Vorsicht in der Wahl der Gevattern an , und ließ im Namen Kleliens ein eben eingesegnetes sehr schönes Mädchen dem Kleinen die hülfegelobende Hand auflegen . Doch verdarb ihm der Geistliche , der seine Aufklärung in einer langweiligen Vorrede beweisen wollte , die ganze Herrlichkeit der heiligen Handlung . ( Der Kleine wurde Karl genannt . ) Seine Frau konnte sich in das übrige Zeremoniell der Wöchnerinnen noch weniger finden , sie war zu gesund , um sich auf ihr Bette zu setzen . Zweites Kapitel Kleliens Verheiratung an den Herzog von A ... Vierzehn Tage nachher traf Kleliens Danksagungsbrief für die angewiesene Ehrenstelle ein , sie wollte sich nach allen Kräften des Kindes annehmen ; zugleich enthielt der Brief die unerwartete Nachricht , wie sie einem spanischen Herzoge von A ... , der auch in Sizilien große Güter besitze , in Palermo vermählt worden . Sie erzählte , wie sie einander bei einer Wasserfahrt begegnet , wie er in der Kathedralkirche an ihrer Seite geknieet , so fromm und bescheiden seine Liebe ihr kund getan ; sie rühmte gleich hoch seine Frömmigkeit und seine Talente , die in seiner Schönheit einen herrlichen Tempel gefunden ; sie erzählte , wie er ganz Europa durchreist , um den sittlichen Zustand aller Nationen kennen zu lernen ; wie er auch ihren Vater gekannt und lieb gewonnen habe , und ihre Muttersprache geläufig rede . - Dolores seufzte in sich bei diesem Briefe ; gewiß , dachte sie , wäre ich meinem Wunsch mitzureisen gefolgt , er hätte mich vorgezogen ; die weite große Welt stände mir dann offen ; schon das Spanische in der Geschichte wäre ihr willkommen gewesen ; aber dieser Glanz eines unermeßlich reichen herzoglichen Hauses , in alter und neuer Welt gleich begütert , gleich berühmt , eines Mannes , der in den ersten Stellen seines Hofes Zutrauen genossen , neben dem anständigen , aber mittelmäßigen Geschicke eines wohlhabenden Grafen , dessen höchster Ehrgeiz es war , seinen Bauerknaben auf die kürzeste Art etwas Geschichte und Lesen zu lehren , den Mädchen Kochen und allen eine gesundere und frohere Art zu leben , der das Hofgehen für einen harten Frondienst hielt : dieser Untergang von Licht zu Schatten blendete ihre Augen , daß sie übergingen . Sie blieb den Abend ganz ärgerlich ; der Graf aber , der so kleine Empfindlichkeiten schon in ihr als Vorboten großer Zärtlichkeit kennen gelernt hatte , nahm es wieder lachend auf , und belohnte es mit der Zärtlichkeit , die sein ganzes Wesen noch immer wie am ersten Tage ihrer Bekanntschaft bei jeder Berührung ihrer weichen durchsichtigen Hand belebte . Den andern Tag entschädigte sich die Gräfin wenigstens damit bei ihren Bekannten , daß sie erzählte von ihrem Schwager , von seinem Reichtume , seiner Pracht , daß er ihr eigentlich bestimmt gewesen , daß sie sich aber glücklich schätze , nicht in so fremde Gegenden wandern zu müssen . Ein anderer Brief von Klelien , voll treuer lebendiger Beschreibungen ihrer Güter , der Sizilianer , ihrer Feste , ihrer Lebensweise , enthielt auch die Nachricht , wie der Herzog sie in Angelegenheiten seines Hofes verlassen ; die Trennung hatte sie krank gemacht ; seitdem sie genesen , ging sie täglich nach dem Garten eines hochliegenden Nonnenklosters , um über das Meer zu sehen , wo ihr Mann gefahren , und eine Schar Mädchen zu unterrichten , die sie auf den Gütern auserwählt , um sie am Tage der Rückkehr ihres Mannes auszustatten ; » das alles « , schrieb sie , » kommt nicht aus mir , sondern ist Nachahmung meines lieben Schwagers , dessen Freundschaft mich noch hier zu manchem Guten aufmuntert , worauf ich sonst nicht verfallen wäre . « Der Brief beschämte etwas die Gräfin , die immer auf des Grafen Beschäftigungen mit einem eignen geistreichen Hochmute hingeblickt ; sie war ihm den Tag außerordentlich gewogen und wie liebreich sie sein konnte , wenn sie es wollte , das wissen alle Engel , die ihr dann aus den Augen blickten . Drittes Kapitel Der Marchese D ... So abwechselnd wirkte die Schwester mit ihren Briefen , mit ihrem Schicksale auf unser Haus ; ein paar Monate darauf wurde der Marchese D ... , ein Vetter des Herzogs von A ... bei der Gräfin angemeldet , der ihr neue Nachrichten von ihrer Schwester zu bringen versprach . Sie fand in ihm den gewandtesten liebenswürdigsten Mann ; sie konnte ihn mit niemand vergleichen ; alles an ihm schien eigentümlich ; er hätte auch ohne Reise so werden müssen ; aber er war gereist und redete die meisten Sprachen Europens . Er brachte ihr die Nachricht , daß ihr Schwager eilig an einen nordischen Hof gesendet worden , um ganz inkognito Angelegenheiten von größter Wichtigkeit abzumachen ; erlaube es seine Zeit , so würde er auf seiner Rückkehr sie besuchen ; ihre Schwester sei inzwischen aufs Land gezogen , um eine große öde , doch sehr fruchtbare Strecke Landes mit einem neuen Dorfe zu bevölkern ; sie habe sich aus England viel Ackergerät kommen lassen , und gelte in der ganzen Gegend für eine milde Heilige , von der niemand ohne Unterstützung und Trost gegangen . Der Marchese erbot sich alle Briefe , die sie ihr übermachen wollte , durch eine Adresse , die in Italien ihm eröffnet , viel schneller als bisher dahin zu fördern ; sie nahm das Anerbieten mit Vergnügen an , und beschrieb mit großem Anteile in einem versiegelten Briefe , den sie ihm für die Schwester übergab , die Freude an dem liebenswürdigen Verwandten : sie schätze sie glücklich , wenn der Herzog diesem Vetter auch nur nach gewöhnlicher Familienähnlichkeit sich nähere . Mit vielem Stolz zeigte ihn die Gräfin ihren Bekannten ; dem Grafen wußte er sich durch ein gefälliges Anschmiegen an seine Ideen eben so wert zu machen ; der Graf meinte sie schon in ganz Spanien realisiert und arbeitete Tage lang , ihm alles recht klar und deutlich aufzuschreiben , was er von allem in jenem Himmelsstriche für anwendbar halte . Schon darum war er es sehr zufrieden , als die Gräfin den widersträubenden Marchese fast zwang in ihr Haus zu ziehen : so konnte er mit ihm kürzlich diese Vorschläge durchgehen und sich über Lokalverhältnisse unterrichten . Der Marchese kannte alles , ja er vertraute dem Grafen unter dem Siegel der Verschwiegenheit , daß er von einer Gesellschaft , an deren Spitze der Friedensfürst stehe , abgesendet worden , alle Kultur der andern europäischen Staaten unbemerkt in das Land zu bringen , so daß die schweren Ketten des Vorurteils und der Gewohnheit unbemerkt nicht gebrochen , sondern verrostet , von sich selbst zerfallen würden . Bald kam die Zeit , wo Graf Karl mit den Seinen wieder aufs Land ziehen wollte ; der Marchese konnte sich wegen seiner geheimen diplomatischen Verrichtungen nicht von der Stadt entfernen , und die Gräfin , des Landlebens schon im voraus überdrüssig , täglich geschmeichelt durch neue Feste des Marchese , der sinnreich auch das Unbedeutendste geltend machen konnte , das Geld nie sparte , das Ausländische erhob , ohne das Inländische herabzusetzen , einen Fandango mit einem Walzer schloß , spanische Trachten den Frauen schneiderte und anpaßte und Deutsch von ihnen lernte : die Gräfin konnte sich nicht losreißen von ihm und eine kleine Kränklichkeit ihres Kindes gab den Grund , die Entfernung von einem geschickten Stadtarzte zu bedauern . Der Graf kannte zu genau den melancholischen Zug , den die meisten Schlösser des Landadels tragen , eingeprägt durch die Einsamkeit , welche notwendig aus der verschiedenen Bildung des Landvolkes hervorgeht , ja es war der eigentliche Geist seines Strebens , durch eine bessere Erziehung der Landjugend und selbst durch deren Rückwürkung auf die Eltern den echten Fortschritt der Zeit allgemein zu machen , und also die verschiedenen Stände in einen natürlichen Austausch ihrer Gedanken in gleicher Sprache wieder gesellig einander zu nähern , wie noch vor funfzig Jahren in vielen Gegenden Deutschlands Herren , und Diener an einem Tische mit einander aßen und außer der Beschäftigung keinen Unterschied an einander kannten . Die Freude und die Gesundheit von Frau und Kind lagen ihm näher als seine eigenen Wünsche ; er sah sie in der Stadt so heiter , wie er sie noch nie gekannt . Er selbst bat sie , in der belebten Stadt , wo sich alles nach geschlossenem Frieden neu begrüßte , noch einige Wochen zurückzubleiben , auch wollte er sie dann durch einen neuen Garten , den er in einem Walde entworfen , überraschen ; sie nahm diesen Vorschlag mit Weigerung an , sprach von ihrer Pflicht bei ihm zu bleiben , aber er drang aus Liebe darauf und so entfernte er sich von ihr seit ihrer Verheiratung zum ersten Male auf längere Zeit . Auch Liebe tut oft zu viel , auch sie kann irren . Viertes Kapitel Der Graf reist allein aufs Land Welche schöne Ewigkeit lebt in einer treuen Seele , als er allein auf seinem Gute seine Arbeit beschleunigte , nach wilden Vögeln jagte , nach Adlern , Falken und Geiern , die seine Singvögel störten ; ihm war so alles noch gegenwärtig , wie er als Knabe bei solcher Jagd sich erfreut , wie es ihn so unwiderstehlich über die Berge getrieben , wie er die Falken an die Türe seines Gärtchens angenagelt hatte , und sich als einen Beschützer der Unschuld und des Rechts geträumt . Wie er dann befriedigt die Schätze der dunkelen Erde aufgewühlt , sie ruhig besät und bepflanzt habe , feurig in der Lust seiner Kraft , welche den Spaten Stoß auf Stoß durch den tückischen Bau der Regenwürmer trieb , daß er wie ein Schlangentöter unter dem ringelnden Gewürme stand . Und neben diesem ersten Heldentume stand noch so fest in tiefer Seele die ganze Gegenwärtigkeit erster hoffender Liebe : wie ihm Dolores als Student bei jedem Glockenklange vorgeschwebt ; der Genuß hatte ihm nichts geraubt , er hatte nur dadurch an Erinnerungen gewonnen ; kein Augenblick war ihm leer und was ihn quälte , war allein , daß nicht gleich alles fertig war : Wege , Baumgänge , Denkmale , die er im Geiste schon deutlich sah ; daß er mit Händen nicht greifen konnte die Geliebte , die so deutlich ihm vorschwebte . In solcher Stimmung , wo die Idee sich nicht mit der Idee begnügen will , sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht , schweifte er jagend über den Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen , die ein untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte . Dort grub er in einem Hünengrabe nach dem Nachlasse eines Helden , von dem er endlich nichts mehr fand und kennen lernte , als die Asche in einem zerbrochenen Kruge , dabei eine Streitaxt , silberne Armringe und wenige erbeutete Münzen ; neben ihm einen Aschenkrug , dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schönstes und Liebstes , was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen , bezeichnete ; rings die Tränensammler leer und ausgetrocknet , - sehr rührend , noch ein Zeichen der Liebe und guten Zusammenlebens aus Zeiten und Völkern , von denen wir , wie von untergegangenen Tiergeschlechtern , nur riesenhafte Knochen haben , und die doch vielleicht unsre Voreltern waren . Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen vergessenen Denkmälern ; statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureißen , und in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositäten zu verschütten , zeichnete er alles treulich ab , stellte es dann wieder in die alte Ordnung , ummauerte es mit einer anständigen einfachen Architektur , daß der Schatz jedem , der sich dem eisernen Gitter näherte , sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die Hinfälligkeit des größten Einzelnen , ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes : Darum sei es der Helden größte Sorge , Heldenkinder zu erziehen . Väterlich voreilend dachte er dann , wie er seinen Sohn Karl unter großen unternehmenden Menschen wolle aufwachsen lassen , mehr dem Beispiele als der Lehre trauend ; wie er sich in allem versuchen solle , um sein Eigenes zu finden ; wie er des Jahres und der Tage Abwechselung in steter Abhärtung vergessen lernen sollte . Und von solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemüts , das leicht halb von einem , halb von dem andern erfüllt sein kann , wieder zur Mutter über , zu seiner Frau , von der er nun schon ein paar Wochen fern war ; und das ganze Heldentum , das sich vor seinen Augen aus den Knöcheln Funken schlug , schmolz in ein weiches Sehnen nach Genuß zusammen ; die Helden hatten ihm kein Ehrenlied abstreiten können , aber die wirkliche Sehnsucht entlockte ihm ein Liebesliedchen , das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete : » Was jagt mich , So matt und müde ? Ich such Dich In meinem Liede , Ich such Dich In meinem Jagen ; Hier muß ich Die Buchen fragen . Die Frage Im Widerhalle Wird Klage , Daß Laub schon falle ; Es falle , Weil es ermattet , Es walle , Wenn es Dir schattet . Das Windspiel Mit Deinem Bande , Vergißt Spiel Und spürt im Sande ; Es legt sich Mit seinem Munde , Es hört Dich , Verliert die Kunde . Es weint dann , Wie Kinder weinen , Und gräbt dann Mit seinen Beinen ; Begräbt sich Im tiefen Sande , Begrabt mich Im Heldenlande , In weichen Armen , In stillem Kuß , Zu lang mir Armen Fehlt der Genuß . Begrab mich Und meine Lieder , Bald komm ich Und hol Dich wieder . An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal geküßt ; in vierzehn Tagen bin ich sicher bei Dir . Könnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein ; sicher siehst Du es recht freundlich an , Du strahlender Augapfel im dunklen Laube . « - Also schloß sich dieser Brief . Fünftes Kapitel Die Gräfin Dolores mit dem Marchese D ... Politik . Alchemie . Verführung Die Gräfin verlor den Grafen , in der immer veränderten Gesellschaft des Marchese , bald aus den Gedanken ; mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde zum Schreibtische , klagte über seine Abwesenheit , erzählte von ihrem Kinde ; solch ein Wisch von einem Briefe , krumm und schief geschrieben , mit Kaffee und Tinte befleckt , konnte doch den Grafen selig machen ; es schien ihm so vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen , sondern so wie im gewohnten Morgengrüßen auch wohl dazwischen einmal zu gähnen . Inzwischen nahm die Gräfin ihre Gedanken , oder vielmehr sie fand sie und mehr , als sie sonst hatte , zusammen , sobald der Marchese zu ihr eintrat , ihr Zimmer aufräumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte . Da wir nicht Lust haben die Geschichte jedes Tages ausführlich vorzutragen , weil die gemeine Bosheit manches daraus erlernen könnte , so wollen wir das Betragen des Marchese durch einige frühere Beobachtungen über ihn deutlicher zu machen suchen ; bald möchte er sonst gar zu befremdend erscheinen . Aufgewachsen in der verderbten großen Welt von Madrid , mit einer Klugheit , die ihn selbständig machte , wo andre noch angeführt werden , suchte er ihren Genuß nicht in der rohen Art , die blind zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschöpft als befriedigt , nein , er wollte das Herrlichste alles mit ganzer Kraft genießen : dies meinte er das herrlichste Leben , die Mittel waren ihm Nebensachen ; sein Talent hatte ihm die meisten entweder eigen gemacht , oder unterworfen . Ohne lange Beratung mit sich , fast unbewußt traf er stets , ob er sich einem Manne von Bedeutung , oder einer schönen Frau mehr durch Lob oder Tadel nähere , mehr durch allgemeine praktische Gesinnung oder durch Sonderbarkeit , ob er besser imponierte oder sich belehren lassen müsse , ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene ; gewiß war er , besonders Frauen , bald so nahe bekannt , als irgend ein anderer , und gemeinhin viel vertrauter ; sie sagten ihm , was sie guten Bekannten lange verschwiegen , hatten sie gefehlt , so zeigte er sich noch fehlerhafter ; er zeigte ihnen so viele Häkchen , so viele Berührungen seiner reichen Natur , daß eines sicher fassen mußte ; hatte er aber nur einen Ton erkämpft , so ließ er ihn nicht mehr verstummen ; bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen , nicht eher ließ er nach . Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er sich selbst ganz leicht ; die quälende Tätigkeit seines Daseins fand ihr Ziel ; es tat ihm leid , wo es endlich öde und traurig ausging , aber er konnte nicht anders und er fühlte , daß er auch in seiner Natur genug gelitten und erduldet ; er gönnte auch andern ihre Prüfung . Von einem Don Juan war er schon dadurch unterschieden , daß er keinesweges bloß sinnlich war mit all und jedem Weibe : nur mit den sinnlichen war er sinnlich ; noch eifriger konnte er mit streng-moralischen sein Leben durchgehen und bessern , mit einer Religiösen beten . Hätte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt , er hätte sich durch des Teufels Großmutter vom Teufel los geschwatzt . Daß ihn Dolores sinnlich reizte , brauchen wir nicht zu erinnern ; beten und träumen war ihre Sache nicht , aber sie war die stolzeste , prächtigste Sinnlichkeit , die je über die Erde geblickt , als wäre sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen . Er sah bald , daß Glanz , Artigkeit , Schönheit sie nicht bezwinge ; sie war zu stolz , sie mußte gedemütigt werden , das war aber bei ihr nicht leicht . Er ließ einige Tücken gegen ein paar lockere Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgültigen Gesellschaftsspiele , die sie für immer aus der Gesellschaft entfernten ; das brachte manche gegen ihn auf : auch Dolores , die an ihrem Umgange Geschmack gefunden ; sie machte ihm Vorwürfe , er stellte sich so wütend , daß ihr vor ihm angst wurde ; das war kein Schauspiel , nein er fühlte es ganz so , als würde die Gräfin durch solchen Umgang entweiht ; etwas , das der Graf auch gefühlt , aber immer nur leise angedeutet hatte ; doch dachte sie heimlich dabei , daß ihrem Manne es eigentlich gebührt hätte , so zu handeln . Mit seinem Scharfsinne faßte er auch bald die schwache Seite der Gräfin , von der er sich ihr schnell , unabhängig von dem Reize seines Umganges , wichtig und unentbehrlich machen könne . Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Gräfin aufblitzen , und seine Härte , sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschließen ; ein Unrecht in einer Zeit , die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat , daß sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit mehr herabgewürdigt wird . Im elterlichen Hause war die Gräfin schon als Kind ganz an das Gegenteil gewöhnt worden ; Frauen wurden zu mancher geheimen Verhandlung gebraucht , öfter als Schiedsrichter über streitige Fälle ; sie erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift , und der Marchese überbrachte ihr deren bald viele , sehr verbotene , schwer zu erlangende , mit unter sogar Manuskripte , die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte . Jede Heimlichkeit führt zu einer andern und verpflichtet zu manchem , was nicht voraus zu sehen . Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung , Überbringung und Versteckung dieser politischen Gefährlichkeiten einen geheimen Gang aus , der sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Gräfin offen stand , wenn er , ohne die Vorzimmer zu durchlaufen , sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte . Sie gab ihm den Schlüssel ohne alle Nachgedanken , welches bedeutende Zeichen sie ihm damit schenke . - Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansätzen , Zweifeln an Verschwiegenheit , rätselhaften Andeutungen , welche alle Neugierde der Gräfin spannten , erklärte er ihr , daß er sie fähig glaube , einen ausgezeichneten politischen Einfluß zu gewinnen . Sie verbarg ihre ungemeine Freude über diese Äußerung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes , ob eine Frau nach ihren Verhältnissen dazu tauge . - » Das ist Torheit « , rief der Marchese heftig , » wären Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des nötigen Schreibens zu bringen ; ich halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung für viel geschickter zu solchen Verhandlungen . « Und nach diesen Worten überströmte er sie mit Erzählungen von französischen Frauen , die ihre Zeit geleitet . Er schloß mit den Worten : » Diese Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte , während alle die guten Mütter , wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird , von ihren eignen Kindern schon vergessen werden ; Sie sehen , es gibt eine höhere und eine gemeine Tugend ; die letztere kann jene nicht erkennen , sie ist über ihre Fassung , wohl aber jene diese , und darum glauben Sie wegen jener Äußerung nicht , daß ich mütterliche Tugenden verachte , die Sie Gräfin so schön und liebreich ausüben ; aber es gibt freilich etwas Höheres ! « - Die Gräfin drängte sich ungeduldig , dieses Höhere kennen zu lernen ; sie wünschte , die Geschichten jener Frauen zu lesen , und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwürdigen Memoiren , die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit , die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten , so lebendig entwickeln , daß eine gewöhnliche Untreue in der Ehe , aus Zuneigung , fast wie eine himmlische Tugend erscheint . Während die Gräfin Nacht und Tag ganz heimlich in diesen Büchern las , die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte , rückte er mit seinen politischen Absichten näher ; er erbat sich von ihr Kundschaft über einige fürstliche Häuser , die sie kannte ; was sie ihm flüchtig gesagt , stellte er mit großer Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen Darstellung zusammen , und er las es ihr spät Abends vor , so daß sie über sich selbst erstaunte , was er aus ihr bilde , chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit großer Sorgfalt , bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien . Unglaublich hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt ; sie zitterte , es zu verlieren und hätte es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben . Auch dazu gab der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die Gelegenheit ; er sprach von ihrem Talente , das Geheimste zu beobachten , von ihrer Darstellung mit einer Zuversicht , als wären diese Gaben allgemein anerkannt . Der Gräfin Zimmer schmückte sich jetzt mit französischer Gelehrsamkeit ; sie lebte sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen , und für den Marchese zu benutzen , so daß es bald in der Stadt hieß , sie sei die rechte Hand des spanischen Gesandten . Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse , die er ihr verbarg und nach denen sie strebte ; auch hielt er sich noch immer zurück , eine Art Herzensverständnis mit ihr zu eröffnen ; sie aber hatte den geheimen Wunsch , daß er ihr seine Liebe erklären möchte , die sie recht wohl in ihm erkannte ; daß sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen würde , dessen war sie gewiß , aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen , oder durch Äußerungen ihren politischen Gesellschaftsruhm stürzen . Er durchschaute sie , und tat noch immer voller Rücksichten , da er ihr Streben bemerkte , vor ihm als ganz rein zu erscheinen ; er glaubte immer noch , daß selbst die Furcht vor ihrem politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe ; als eine wunderschöne Frau könnte sie nach einigen Tränen darüber lachen ; er mußte sie ganz demütigen , daß sie sich sogar als lasterhaft erscheine und daß es ihm ganz überlassen sei , sie gesellschaftlich zu vernichten . Sie ganz zu demütigen , bot ihm der Zufall , den er oft schon belauert , die dienstfertige Hand . - Die Gräfin wollte einen Ball besuchen ; sie trat in ein Zimmer voll großer Spiegel , in dessen Ecke er sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte ; sie bemerkte ihn nicht , machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmütige , einige recht freundliche Gesichter ; dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst : » Heute bin ich unwiderstehlich , heute wird sich der Marchese doch vor mir demütigen müssen ; heute will ich ihn warten lassen , ehe ich ihm die Hand biete . Halt « , sagte sie weiter , » hier auf der rechten Backe noch etwas Schminke - nun soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden ? - Wenn der Marchese wüßte , daß ich mich schminkte , ich wäre verloren , dann wüßte es alle Welt . - Und mein Mann , was würde der sagen , dem ich so heilig versprochen , keine Schminke aufzulegen : solch Versprechen kann aber nicht gelten . « - Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der Erschreckten leicht und liebenswürdig geschickt zu Füßen , und sagte spottend : » Ja wohl muß es der hochmütige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen , damit alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen , Sie verderben sich sonst wahrhaftig die schöne Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen denken Sie gar nicht . « Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied , das der Graf ihr einmal zärtlich warnend verfertigt hatte , als er das erste Schminktöpfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden ; der Graf hatte es ihm gegeben , indem er ihm versichert , daß sich die Gräfin seit der Zeit gar nicht mehr schminke , weil sie es ihm damals heilig versprochen . Hier dies Lied : Siehst du in den hohen Spiegel , Deine Locken gleich zu ringeln , Scheint ein Bübchen , das hat Flügel , Dich mit Blumen zu umzingeln : Dann erscheinen in dem Spiegel Noch der holden Mädchen drei , Binden dieses Knaben Flügel , Anmut bindet Lieb und Treu . Willst du freundlich gern sie sehen , Bleiben freundlich sie ergeben , Willst du dich nur spiegelnd sehen , Mögen sie wohl frei verschweben ! Klage nicht , daß Schönheit fliehet , Schneller flieht das Irrlicht dann ; Bind es nicht durch Kunst , es glühet , Was uns wärmt , auch brennen kann . Sonnenstrahl , wie warm und helle , Kannst die Wange bald versengen ! - Ei wer sieht ' s im Tanz so schnelle , Alle Farben da sich drängen : Amor schwingt die Fackel helle , Sieht so listig auf den Grund , Sieht so leicht die falsche Stelle , Schminke küsset nicht sein Mund . Wer sich Amor kann verstecken , Kann auch nimmer selig lieben , Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken , Kann das Kindlein hart betrüben : Sei auch Lieb durch Schönheit flüchtig , Wir entfliehen ja mit ihr , Blühe Wein , und trage tüchtig , Schönre Kinder bleiben hier . Statt des einen Amor viele , Viele Amors ohne Flügel Kränzen Grazien im Spiele , Und du siehst doch ohne Spiegel : Siehst du deine Schönheit wieder In den Kindern , die einst dein , Schlage nicht die Augen nieder : Ach wie schön , so schön zu sein . Tausendmal verfluchte die Gräfin in sich dieses Lied ; aber der Marchese schenkte ihr keinen Vers ; immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut ; sie kannte seine Tücke , seine Kunst in lächerlicher Übertreibung . Zum erstenmal glaubte sie etwas ganz Unverbesserliches getan zu haben , und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg wurde ihr eiskalt , und die Gedanken vergingen ihr . Noch ein Vers und sie hätte in Ohnmacht vor ihm gelegen ; jetzt brach ein Tränenstrom aus ihren Augen ; sie war artig und schwach wie ein Kind , dem man über eine Kleinigkeit zum Spaß harte Vorwürfe gemacht hat , und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben . Das war so ihre Art ; sie fühlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Höhe , daß sie nichts dawider hatte , als ihr der Marchese die Tränen von den Wangen küßte ; sie wollte ihn gar nicht loslassen ; » schweigen , schweigen ! « rief sie schluchzend ; er versprach es ihr mehrmals und ohne daß weiter zwischen ihnen etwas gesprochen wurde , hauchte sie sich in die Hände , um die Tränen zu verwischen und die Augen zu erfrischen ; der Marchese führte sie an den Wagen . So viel Gewalt sie sich antat , sie konnte nicht ihre gewöhnliche Lustigkeit auf dem Balle erreichen , und ihr , die sonst Nächte durchtanzte und am Morgen so klar wie ein Falke aus den Augen sah , fielen sie diesen Abend bald zu , und sie eilte nach Hause , in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu finden , wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen , der ihr noch jeden