aus . Es war bisher kein Schritt zu Scheidung der Gatten geschehen ; er hoffte das Schicksal des guten Mädchens auf irgendeine andere günstige Weise zu bestimmen ; er horchte , er gab nach , er gab zu verstehen und führte sich nach seiner Weise klug genug auf . Allein überwältigt war er stets , sobald er Anlaß fand , sein Räsonnement über Materien zu äußern , denen er eine große Wichtigkeit beilegte . Er lebte viel in sich , und wenn er mit andern war , so verhielt er sich gewöhnlich nur handelnd gegen sie . Brach nun einmal unter Freunden seine Rede los , wie wir schon öfter gesehen haben , so rollte sie ohne Rücksicht fort , verletzte oder heilte , nutzte oder schadete , wie es sich gerade fügen mochte . Den Abend vor Eduards Geburtstage saßen Charlotte und der Major Eduarden , der ausgeritten war , erwartend beisammen ; Mittler ging im Zimmer auf und ab ; Ottilie war auf dem ihrigen geblieben , den morgenden Schmuck auseinanderlegend und ihrem Mädchen manches andeutend , welches sie vollkommen verstand und die stummen Anordnungen geschickt befolgte . Mittler war gerade auf eine seiner Lieblingsmaterien gekommen . Er pflegte gern zu behaupten , daß sowohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung der Völker nichts ungeschickter und barbarischer sei als Verbote , als verbietende Gesetze und Anordnungen . » Der Mensch ist von Hause aus tätig , « sagte er ; » und wenn man ihm zu gebieten versteht , so fährt er gleich dahinter her , handelt und richtet aus . Ich für meine Person mag lieber in meinem Kreise Fehler und Gebrechen so lange dulden , bis ich die entgegengesetzte Tugend gebieten kann , als daß ich den Fehler los würde und nichts Rechtes an seiner Stelle sähe . Der Mensch tut recht gern das Gute , das Zweckmäßige , wenn er nur dazu kommen kann ; er tut es , damit er was zu tun hat , und sinnt darüber nicht weiter nach als über alberne Streiche , die er aus Müßiggang und langer Weile vornimmt . Wie verdrießlich ist mirs oft , mit anzuhören , wie man die Zehn Gebote in der Kinderlehre wiederholen läßt . Das vierte ist noch ein ganz hübsches , vernünftiges , gebietendes Gebot . Du sollst Vater und Mutter ehren . Wenn sich das die Kinder recht in den Sinn schreiben , so haben sie den ganzen Tag daran auszuüben . Nun aber das fünfte , was soll man dazu sagen ? Du sollst nicht töten . Als wenn irgendein Mensch im mindesten Lust hätte , den andern totzuschlagen ! Man haßt einen , man erzürnt sich , man übereilt sich , und in Gefolg von dem und manchem andern kann es wohl kommen , daß man gelegentlich einen totschlägt . Aber ist es nicht eine barbarische Anstalt , den Kindern Mord und Totschlag zu verbieten ? Wenn es hieße : Sorge für des andern Leben , entferne , was ihm schädlich sein kann , rette ihn mit deiner eigenen Gefahr ; wenn du ihn beschädigst , denke , daß du dich selbst beschädigst : das sind Gebote , wie sie unter gebildeten , vernünftigen Völkern statthaben und die man bei der Katechismuslehre nur kümmerlich in dem Was ist das ? nachschleppt . Und nun gar das sechste , das finde ich ganz abscheulich ! Was ? Die Neugierde vorahnender Kinder auf gefährliche Mysterien reizen , ihre Einbildungskraft zu wunderlichen Bildern und Vorstellungen aufregen , die gerade das , was man entfernen will , mit Gewalt heranbringen ! Weit besser wäre es , daß dergleichen von einem heimlichen Gericht willkürlich bestraft würde , als daß man vor Kirch und Gemeinde davon plappern läßt . « In dem Augenblick trat Ottilie herein . » Du sollst nicht ehebrechen , « fuhr Mittler fort . » Wie grob , wie unanständig ! Klänge es nicht ganz anders , wenn es hieße : Du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbindung ; wo du Gatten siehst , die sich lieben , sollst du dich darüber freuen und teil daran nehmen wie an dem Glück eines heitern Tages . Sollte sich irgend in ihrem Verhältnis etwas trüben , so sollst du suchen , es aufzuklären ; du sollst suchen , sie zu begütigen , sie zu besänftigen , ihnen ihre wechselseitigen Vorteile deutlich zu machen , und mit schöner Uneigennützigkeit das Wohl der andern fördern , indem du ihnen fühlbar machst , was für ein Glück aus jeder Pflicht und besonders aus dieser entspringt , welche Mann und Weib unauflöslich verbindet ? « Charlotte saß wie auf Kohlen , und der Zustand war ihr um so ängstlicher , als sie überzeugt war , daß Mittler nicht wußte , was und wo ers sagte , und ehe sie ihn noch unterbrechen konnte , sah sie schon Ottilien , deren Gestalt sich verwandelt hatte , aus dem Zimmer gehen . » Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot , « sagte Charlotte mit erzwungenem Lächeln . » Alle die übrigen , « versetzte Mittler , » wenn ich nur das rette , worauf die andern beruhen . « Mit entsetzlichem Schrei hereinstürzend rief Nanny : » Sie stirbt ! Das Fräulein stirbt ! Kommen Sie ! Kommen Sie ! « Als Ottilie nach ihrem Zimmer schwankend zurückgekommen war , lag der morgende Schmuck auf mehreren Stühlen völlig ausgebreitet , und das Mädchen , das betrachtend und bewundernd daran hin und her ging , rief jubelnd aus : » Sehen Sie nur , liebstes Fräulein , das ist ein Brautschmuck , ganz Ihrer wert ! « Ottilie vernahm diese Worte und sank auf den Sofa . Nanny sieht ihre Herrin erblassen , erstarren ; sie läuft zu Charlotten ; man kommt . Der ärztliche Hausfreund eilt herbei ; es scheint ihm nur eine Erschöpfung . Er läßt etwas Kraftbrühe bringen ; Ottilie weist sie mit Abscheu weg , ja sie fällt fast in Zuckungen , als man die Tasse dem Munde nähert . Er fragt mit Ernst und Hast , wie es ihm der Umstand eingab , was Ottilie heute genossen habe . Das Mädchen stockt ; er wiederholt seine Frage ; das Mädchen bekennt , Ottilie habe nichts genossen . Nanny scheint ihm ängstlicher als billig . Er reißt sie in ein Nebenzimmer , Charlotte folgt , das Mädchen wirft sich auf die Kniee , sie gesteht , daß Ottilie schon lange so gut wie nichts genieße . Auf Andringen Ottiliens habe sie die Speisen an ihrer Statt genossen ; verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender Gebärden ihrer Gebieterin , und auch , setzte sie unschuldig hinzu , weil es ihr gar so gut geschmeckt . Der Major und Mittler kamen heran ; sie fanden Charlotten tätig in Gesellschaft des Arztes . Das bleiche himmlische Kind saß , sich selbst bewußt , wie es schien , in der Ecke des Sofas . Man bittet sie , sich niederzulegen ; sie verweigerts , winkt aber , daß man das Köfferchen herbeibringe . Sie setzt ihre Füße darauf und findet sich in einer halb liegenden , bequemen Stellung . Sie scheint Abschied nehmen zu wollen , ihre Gebärden drücken den Umstehenden die zarteste Anhänglichkeit aus , Liebe , Dankbarkeit , Abbitte und das herzlichste Lebewohl . Eduard , der vom Pferde steigt , vernimmt den Zustand , er stürzt in das Zimmer , er wirft sich an ihre Seite nieder , faßt ihre Hand und überschwemmt sie mit stummen Tränen . So bleibt er lange . Endlich ruft er aus : » Soll ich deine Stimme nicht wieder hören ? Wirst du nicht mit einem Wort für mich ins Leben zurückkehren ? Gut , gut ! ich folge dir hinüber ; da werden wir mit andern Sprachen reden ! « Sie drückt ihm kräftig die Hand , sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an , und nach einem tiefen Atemzug , nach einer himmlischen , stummen Bewegung der Lippen : » Versprich mir zu leben ! « ruft sie aus , mit holder , zärtlicher Anstrengung ; doch gleich sinkt sie zurück . » Ich versprech es ! « rief er ihr entgegen , doch rief er es ihr nur nach ; sie war schon abgeschieden . Nach einer tränenvollen Nacht fiel die Sorge , die geliebten Reste zu bestatten , Charlotten anheim . Der Major und Mittler standen ihr bei . Eduards Zustand war zu bejammern . Wie er sich aus seiner Verzweiflung nur hervorheben und einigermaßen besinnen konnte , bestand er darauf , Ottilie sollte nicht aus dem Schlosse gebracht , sie sollte gewartet , gepflegt , als eine Lebende behandelt werden ; denn sie sei nicht tot , sie könne nicht tot sein . Man tat ihm seinen Willen , insofern man wenigstens das unterließ , was er verboten hatte . Er verlangte nicht , sie zu sehen . Noch ein anderer Schreck ergriff , noch eine andere Sorge beschäftigte die Freunde . Nanny , von dem Arzt heftig gescholten , durch Drohungen zum Bekenntnis genötigt und nach dem Bekenntnis mit Vorwürfen überhäuft , war entflohen . Nach langem Suchen fand man sie wieder , sie schien außer sich zu sein . Ihre Eltern nahmen sie zu sich . Die beste Begegnung schien nicht anzuschlagen , man mußte sie einsperren , weil sie wieder zu entfliehen drohte . Stufenweise gelang es , Eduarden der heftigsten Verzweiflung zu entreißen , aber nur zu seinem Unglück ; denn es ward ihm deutlich , es ward ihm gewiß , daß er das Glück seines Lebens für immer verloren habe . Man wagte es ihm vorzustellen , daß Ottilie , in jener Kapelle beigesetzt , noch immer unter den Lebendigen bleiben und einer freundlichen , stillen Wohnung nicht entbehren würde . Es fiel schwer , seine Einwilligung zu erhalten , und nur unter der Bedingung , daß sie im offenen Sarge hinausgetragen und in dem Gewölbe allenfalls nur mit einem Glasdeckel zugedeckt und eine immerbrennende Lampe gestiftet werden sollte , ließ er sichs zuletzt gefallen und schien sich in alles ergeben zu haben . Man kleidete den holden Körper in jenen Schmuck , den sie sich selbst vorbereitet hatte ; man setzte ihr einen Kranz von Asterblumen auf das Haupt , die wie traurige Gestirne ahnungsvoll glänzten . Die Bahre , die Kirche , die Kapelle zu schmücken , wurden alle Gärten ihres Schmucks beraubt . Sie lagen verödet , als wenn bereits der Winter alle Freude aus den Beeten weggetilgt hätte . Beim frühsten Morgen wurde sie im offnen Sarge aus dem Schloß getragen , und die aufgehende Sonne rötete nochmals das himmlische Gesicht . Die Begleitenden drängten sich um die Träger , niemand wollte vorausgehn , niemand folgen , jedermann sie umgeben , jedermann noch zum letztenmale ihre Gegenwart genießen . Knaben , Männer und Frauen , keins blieb ungerührt . Untröstlich waren die Mädchen , die ihren Verlust am unmittelbarsten empfanden . Nanny fehlte . Man hatte sie zurückgehalten , oder vielmehr man hatte ihr den Tag und die Stunde des Begräbnisses verheimlicht . Man bewachte sie bei ihren Eltern in einer Kammer , die nach dem Garten ging . Als sie aber die Glocken läuten hörte , ward sie nur allzubald inne , was vorging , und da ihre Wächterin aus Neugierde , den Zug zu sehen , sie verließ , entkam sie zum Fenster hinaus auf einen Gang und von da , weil sie alle Türen verschlossen fand , auf den Oberboden . Eben schwankte der Zug den reinlichen , mit Blättern bestreuten Weg durchs Dorf hin . Nanny sah ihre Gebieterin deutlich unter sich , deutlicher , vollständiger , schöner als alle , die dem Zuge folgten . Überirdisch , wie auf Wolken oder Wogen getragen , schien sie ihrer Dienerin zu winken , und diese , verworren , schwankend , taumelnd , stürzte hinab . Auseinander fahr die Menge mit einem entsetzlichen Schrei nach allen Seiten . Vom Drängen und Getümmel waren die Träger genötigt , die Bahre niederzusetzen . Das Kind lag ganz nahe daran ; es schien an allen Gliedern zerschmettert . Man hob es auf , und zufällig oder aus besonderer Fügung lehnte man es über die Leiche , ja es schien selbst noch mit dem letzten Lebensrest seine geliebte Herrin erreichen zu wollen . Kaum aber hatten ihre schlotternden Glieder Ottiliens Gewand , ihre kraftlosen Finger Ottiliens gefaltete Hände berührt , als das Mädchen aufsprang , Arme und Augen zuerst gen Himmel erhob , dann auf die Kniee vor dem Sarge niederstürzte und andächtig entzückt zu der Herrin hinaufstaunte . Endlich sprang sie wie begeistert auf und rief mit heiliger Freude : » Ja , sie hat mir vergeben ! Was mir kein Mensch , was ich mir selbst nicht vergeben konnte , vergibt mir Gott durch ihren Blick , ihre Gebärde , ihren Mund . Nun ruht sie wieder so still und sanft ; aber ihr habt gesehen , wie sie sich aufrichtete und mit entfalteten Händen mich segnete , wie sie mich freundlich anblickte ! Ihr habt es alle gehört , ihr seid Zeugen , daß sie zu mir sagte : Dir ist vergeben ! Ich bin nun keine Mörderin mehr unter euch , sie hat mir verziehen , Gott hat mir verziehen , und niemand kann mir mehr etwas anhaben . « Umhergedrängt stand die Menge ; sie waren erstaunt , sie horchten und sahen hin und wider , und kaum wußte jemand , was er beginnen sollte . » Tragt sie nun zur Ruhe ! « sagte das Mädchen ; » sie hat das Ihrige getan und gelitten und kann nicht mehr unter uns wohnen . « Die Bahre bewegte sich weiter , Nanny folgte zuerst , und man gelangte zur Kirche , zur Kapelle . So stand nun der Sarg Ottiliens , zu ihren Häupten der Sarg des Kindes , zu ihren Füßen das Köfferchen , in ein starkes eichenes Behältnis eingeschlossen . Man hatte für eine Wächterin gesorgt , welche in der ersten Zeit des Leichnams wahrnehmen sollte , der unter seiner Glasdecke gar liebenswürdig dalag . Aber Nanny wollte sich dieses Amt nicht nehmen lassen ; sie wollte allein , ohne Gesellin bleiben und der zum erstenmal angezündeten Lampe fleißig warten . Sie verlangte dies so eifrig und hartnäckig , daß man ihr nachgab , um ein größeres Gemütsübel , das sich befürchten ließ , zu verhüten . Aber sie blieb nicht lange allein ; denn gleich mit sinkender Nacht , als das schwebende Licht , sein volles Recht ausübend , einen helleren Schein verbreitete , öffnete sich die Türe , und es trat der Architekt in die Kapelle , deren fromm verzierte Wände bei so mildem Schimmer altertümlicher und ahnungsvoller , als er je hätte glauben können , ihm entgegendrangen . Nanny saß an der einen Seite des Sarges . Sie erkannte ihn gleich ; aber schweigend deutete sie auf die verblichene Herrin . Und so stand er auf der andern Seite , in jugendlicher Kraft und Anmut , auf sich selbst zurückgewiesen , starr , in sich gekehrt , mit niedergesenkten Armen , gefalteten , mitleidig gerungenen Händen , Haupt und Blick nach der Entseelten hingeneigt . Schon einmal hatte er so vor Belisar gestanden . Unwillkürlich geriet er jetzt in die gleiche Stellung ; und wie natürlich war sie auch diesmal ! Auch hier war etwas unschätzbar Würdiges von seiner Höhe herabgestürzt ; und wenn dort Tapferkeit , Klugheit , Macht , Rang und Vermögen in einem Manne als unwiederbringlich verloren bedauert wurden , wenn Eigenschaften , die der Nation , dem Fürsten in entscheidenden Momenten unentbehrlich sind , nicht geschätzt , vielmehr verworfen und ausgestoßen worden , so waren hier soviel andere stille Tugenden , von der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen , durch ihre gleichgültige Hand schnell wieder ausgetilgt , seltene , schöne , liebenswürdige Tugenden , deren friedliche Einwirkung die bedürftige Welt zu jeder Zeit mit wonnevollem Genügen umfängt und mit sehnsüchtiger Trauer vermißt . Der Jüngling schwieg , auch das Mädchen eine Zeitlang ; als sie ihm aber die Tränen häufig aus dem Auge quellen sah , als er sich im Schmerz ganz aufzulösen schien , sprach sie mit so viel Wahrheit und Kraft , mit so viel Wohlwollen und Sicherheit ihm zu , daß er , über den Fluß ihrer Rede erstaunt , sich zu fassen vermochte und seine schöne Freundin ihm in einer höhern Region lebend und wirkend vorschwebte . Seine Tränen trockneten , seine Schmerzen linderten sich , knieend nahm er von Ottilien , mit einem herzlichen Händedruck von Nanny Abschied , und noch in der Nacht ritt er vom Orte weg , ohne jemand weiter gesehen zu haben . Der Wundarzt war die Nacht über ohne des Mädchens Wissen in der Kirche geblieben und fand , als er sie des Morgens besuchte , sie heiter und getrosten Mutes . Er war auf mancherlei Verirrungen gefaßt ; er dachte schon , sie werde ihm von nächtlichen Unterredungen mit Ottilien und von andern solchen Erscheinungen sprechen , aber sie war natürlich , ruhig und sich völlig selbstbewußt . Sie erinnerte sich vollkommen aller früheren Zeiten , aller Zustände mit großer Genauigkeit , und nichts in ihren Reden schritt aus dem gewöhnlichen Gange des Wahren und Wirklichen heraus als nur die Begebenheit beim Leichenbegängnis , die sie mit Freudigkeit oft wiederholte : wie Ottilie sich aufgerichtet , sie gesegnet , ihr verziehen und sie dadurch für immer beruhigt habe . Der fortdauernd schöne , mehr schlaf- als todähnliche Zustand Ottiliens zog mehrere Menschen herbei . Die Bewohner und Anwohner wollten sie noch sehen , und jeder mochte gern aus Nannys Munde das Unglaubliche hören ; manche , um darüber zu spotten , die meisten , um daran zu zweifeln , und wenige , um sich glaubend dagegen zu verhalten . Jedes Bedürfnis , dessen wirkliche Befriedigung versagt ist , nötigt zum Glauben . Die vor den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Berührung des frommen Körpers wieder gesund geworden ; warum sollte nicht auch ein ähnliches Glück hier andern bereitet sein ? Zärtliche Mütter brachten zuerst heimlich ihre Kinder , die von irgendeinem Übel behaftet waren , und sie glaubten eine plötzliche Besserung zu spüren . Das Zutrauen vermehrte sich , und zuletzt war niemand so alt und so schwach , der sich nicht an dieser Stelle eine Erquickung und Erleichterung gesucht hätte . Der Zudrang wuchs , und man sah sich genötigt , die Kapelle , ja außer den Stunden des Gottesdienstes die Kirche zu verschließen . Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen . Er lebte nur vor sich hin , er schien keine Träne mehr zu haben , keines Schmerzes weiter fähig zu sein . Seine Teilnahme an der Unterhaltung , sein Genuß von Speis und Trank vermindert sich mit jedem Tage . Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu schlürfen , das ihm freilich kein wahrhafter Prophet gewesen . Er betrachtet noch immer gern die verschlungenen Namenszüge , und sein ernstheiterer Blick dabei scheint anzudeuten , daß er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe . Und wie den Glücklichen jeder Nebenumstand zu begünstigen , jedes Ungefähr mit emporzuheben scheint , so mögen sich auch gern die kleinsten Vorfälle zur Kränkung , zum Verderben des Unglücklichen vereinigen . Denn eines Tages , als Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte , entfernte er es mit Entsetzen wieder ; es war dasselbe und nicht dasselbe ; er vermißt ein kleines Kennzeichen . Man dringt in den Kammerdiener , und dieser muß gestehen , das echte Glas sei unlängst zerbrochen und ein gleiches , auch aus Eduards Jugendzeit , untergeschoben worden . Eduard kann nicht zürnen , sein Schicksal ist ausgesprochen durch die Tat ; wie soll ihn das Gleichnis rühren ? Aber doch drückt es ihn tief . Der Trank scheint ihm von nun an zu widerstehen ; er scheint sich mit Vorsatz der Speise , des Gesprächs zu enthalten . Aber von Zeit zu Zeit überfällt ihn eine Unruhe . Er verlangt wieder etwas zu genießen , er fängt wieder an zu sprechen . » Ach ! « sagte er einmal zu dem Major , der ihm wenig von der Seite kam , » was bin ich unglücklich , daß mein ganzes Bestreben nur immer eine Nachahmung , ein falsches Bemühen bleibt ! Was ihr Seligkeit gewesen , wird mir Pein ; und doch , um dieser Seligkeit willen bin ich genötigt , diese Pein zu übernehmen . Ich muß ihr nach , auf diesem Wege nach ; aber meine Natur hält mich zurück und mein Versprechen . Es ist eine schreckliche Aufgabe , das Unnachahmliche nachzuahmen . Ich fühle wohl , Bester , es gehört Genie zu allem , auch zum Märtyrertum . « Was sollen wir bei diesem hoffnungslosen Zustande der ehegattlichen , freundschaftlichen , ärztlichen Bemühungen gedenken , in welchen sich Eduards Angehörige eine Zeitlang hin und her wogten ? Endlich fand man ihn tot . Mittler machte zuerst diese traurige Entdeckung . Er berief den Arzt und beobachtete , nach seiner gewöhnlichen Fassung , genau die Umstände , in denen man den Verblichenen angetroffen hatte . Charlotte stürzte herbei ; ein Verdacht des Selbstmordes regte sich in ihr ; sie wollte sich , sie wollte die andern einer unverzeihlichen Unvorsichtigkeit anklagen . Doch der Arzt aus natürlichen und Mittler aus sittlichen Gründen wußten sie bald vom Gegenteil zu überzeugen . Ganz deutlich war Eduard von seinem Ende überrascht worden . Er hatte , was er bisher sorgfältig zu verbergen pflegte , das ihm von Ottilien Übriggebliebene in einem stillen Augenblick vor sich aus einem Kästchen , aus einer Brieftasche ausgebreitet : eine Locke , Blumen , in glücklicher Stunde gepflückt , alle Blättchen , die sie ihm geschrieben , von jenem ersten an , das ihm seine Gattin so zufällig ahnungsreich übergeben hatte . Das alles konnte er nicht einer ungefähren Entdeckung mit Willen preisgeben . Und so lag denn auch dieses vor kurzem zu unendlicher Bewegung aufgeregte Herz in unstörbarer Ruhe ; und wie er in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war , so konnte man wohl ihn selig nennen . Charlotte gab ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete , daß niemand weiter in diesem Gewölbe beigesetzt werde . Unter dieser Bedingung machte sie für Kirche und Schule , für den Geistlichen und den Schullehrer ansehnliche Stiftungen . So ruhen die Liebenden nebeneinander . Friede schwebt über ihrer Stätte , heitere , verwandte Engelsbilder schauen vom Gewölbe auf sie herab , und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein , wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen .