Ueberzeugung führen , so , daß dem Einen zuletzt nichts übrig bleibt , als dem süßen Trost zu entsagen , mit dem geliebten Freunde über den wichtigsten Punkt der Erkenntniß gleichstimmig zu denken . Dann zögert der Mund , das auszusprechen , was schon längst in Beider Herzen bereit lag , und die Hand weigert sich , der Tafel die inhaltschweren Worte einzugraben . Doch muß es geschehen . Höre denn , mein Freund mein Geständniß , und laß mich hoffen , daß der Zwiespalt in unsrer Erkenntniß keinen Zwiespalt in unsern Empfindungen hervorbringen werde . Ich bin ein Christ . Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner Glaubensgenossen feierlich das Bekenntniß jener Wahrheiten und Lehren abgelegt , die längst schon mein ganzes Wesen mit inniger Ueberzeugung ergriffen hatten . Daß es so kommen würde , war mir langst gewiß , und auch dir wird diese Nachricht nicht unerwartet seyn ; aber meines Vaters wegen bleibe dieser Schritt noch so lange verborgen , bis nicht dringende Umstände mein öffentliches Bekenntniß fordern . Das bin ich ihm schuldig . Nun habe ich errreicht , was ich so lange als das Ziel dunkler heftiger Wünsche suchte , das Höchste , Beste , was der Mensch erreichen kann . Ich bin einig mit mir selbst , gewiß über meine Bestimmung in diesem , mein Loos im andern Leben ; jeder Zweifel ist gelöset , und jede Pflicht liegt klar und deutlich vor mir . Um meine Ueberzeugung so viel als möglich in deinen Augen zu rechtfertigen , wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwürfe , die deine letzten Briefe , welche ich in Nisibis empfing , gegen meinen Glauben enthalten . Du schilderst mir in dem ersten derselben mit wahrhaft dichterischem Feuer die Lieblichkeit der griechischen Mythologie , und die schönen Bilder , die sie den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbietet . Nicht fähig , ihren Werth für die Ueberzeugung und Moralität der Menschen auf der jetzigen Stufe ihrer Bildung zu beweisen , bemühst du dich , ihnen einen höhern , bessern Sinn unterzulegen und deutest in diesen Fabeln , was nie darin lag , und was nur Geister , wie der deinige , die denn ohnedies dieses Behelfes nicht bedürfen , hineinlegen können . Warum das , mein Freund ? Die Mythen unserer Voreltern waren in ihrem Ursprung ganz löbliche und nützliche Erfindungen für die Menschheit in ihrer damaligen Lage . Sie enthielten naturgeschichtliche Wahrheiten , in liebliche Bilder verhüllt , die Geschichte der Erde , ihre Revolutionen , den Einfluß der Gestirne , der Jahreszeiten auf ihre Bewohner . So waren sie dem eingeweiheten Priester ehrwürdige Symbole der Alles erzeugenden Natur , dem Laien aber bald nichts anders , als widersinnige Repräsentanten eben so vieler über- oder untergeordneter Gottheiten , die bald einig , bald kämpfend , sich in die Herrschaft der Welt theilten , und so den erhabnen Begriff eines einzigen Schöpfers verdrängten . Das heranreifende Menschengeschlecht entwuchs diesen kindischen Begriffen . Der Weise fing an zu grübeln , die Menge zu spotten ; und nun sind wir dahin gekommen , daß kein verständiger Mensch einen erhebenden Sinn mit diesen Mährchen verbinden , kein Herz durch ihren Anblick zu höherm Schwunge geweckt werden könnte , wenn auch alle schönen Künste sich um die Wette beeiferten , Götterbilder und Tempel mit Allem auszustatten , was die Sinne reizen , die Einbildungskraft vergnügen kann . In wessen Herz strömt jetzt noch ein Tempel , wo die verspottete Gottheit wohnt , heilige Schauer ? Wer fühlt noch etwas Anderes bei dem Anblick eines schönen Götterbildes , als daß es ein treffliches Werk der Kunst sey ? Und selbst diese Künste ! Die Zeiten des Perikles sind dahin , die Jugendblüthe der Menschheit ist vorüber , und mit ihr die Blüthe der Kunst . Kein frisches lebendiges Geschlecht trägt Göttergestalten in seiner Brust , und stellt in Marmor oder Erz dar , was seine Seele begeisternd erfüllt . An den zügellosen Hofhaltungen verächtlicher Wollüstlinge oder blutdürstiger Tyrannen verstummen die Gesänge der heiligen Dichter ; und wie könnte ein Imperator , der im wilden Lager ausgearteter Legionen erzogen wurde , mit Lust und Geschmack den Liedern horchen , die einst einen August entzückten ? Jene Zeiten sind vorbei , und mit ihnen die Fähigkeit , jene Fabeln und Bilder für etwas zu halten , und sie zu verehren . Würdest du wohl die Leidenschaft des erwachsenen Jünglings durch den Aesop oder Phädrus zu zähmen wähnen ? Oder könntest du dich mit der Hoffnung täuschen , die Wuth der empörten Prätorianer mit einer Fabel zu beschwören , wie Minenius Agrippa ? 1 Andere Zeiten erzeugen andere Sitten , andere Menschen , und diese haben andere Bedürfnisse . Eins der ersten des aus Geist und Körper zusammengesetzten Geschöpfes ist Religion . Der Hang dazu liegt in ihm , und äußert sich bei den rohesten Völkern im kindischesten Weltalter . Ihnen genügt die todte Natur nicht , sie beseelen sie , und beten den Geist an , den sie ahnend entdecken . Tiefer als mancher Philosoph , mancher herzlose Spötter wähnt , liegen diese Gefühle in unsrer Brust , und verkünden sich bald als erhabene Gottesfurcht , bald als Neigung zum Wunderbaren , Gespensterfurcht , Glauben und Ahnungen , Träume u.s.w. Der Mensch , seines unsterblichen Gefährtens sich bewußt , sucht diese wunderbare Vereinigung von Geist und Materie überall , ahnet in jeder außerordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines höhern Wesens , als die Folge todter kalter Gesetze , und fühlt sich nirgends allein , wenn Alles um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird . Aber die Dryaden und Hamadryaden , die Nymphen der Quellen , die Satyren und Faunen sind aus den Wäldern entflohen , zum Theil vor der Stimme der Vernunft , zum Theil vor dem Hohngelächter , womit der unüberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt . Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Wälder und in der erhabnen Stille der Natur das Gefühl der allgegenwärtigen Gottheit , die das Moos am Baume mit eben der Weisheit schuf , als das Auge des Beobachters , und den denkenden Geist , der fähig ist , diese Betrachtungen anzustellen . Der einige , allwissende , allmächtige Schöpfer erfüllet das Ganze , sein Hauch schwebt in den säuselnden Lüften um uns , seine väterliche Fürsorge offenbaret sich in dem Instinkte jedes Thiers , dem Bau jedes Nestes . Scheint dir dieser Ersatz zu gering für jene fabelhaften Wesen ? Und warum bemühest du dich , dem Glauben an sie einen neuen Sinn unterzuschieben ? Laß sie entfliehen mit dem Strom der Zeit , der sie der Vergangenheit zuträgt - sie gehören nicht mehr in unser Zeitalter . Ein neues besseres System steht da , die Menschheit soll es ergreifen , oder es ergreift sie mit mächtigem Arm ; denn es ist ein Kind des Geistes der Zeit , und unwiderstehlich wie er . Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten . Das Christenthum , sagst du , ist den Künsten nicht günstig . Ein Theil der Antwort liegt schon im Vorhergehenden . Das Zeitalter ist ihnen ungünstig . Es ist wahr , das Christenthum duldet nicht Bilder und Zeichen desjenigen , der weit über alle Vorstellung , über jeden Begriff erhaben ist . Schließen doch selbst die wilden Germanier ihre Gottheit nicht in Tempel , als in eine unwürdige Beschränkung ein : so darf und muß der Christ auch seinen Gott auf die höchste , reinste Weise verehren . Aber das Rad der Veränderung wälzt sich unablässig fort , und der menschliche Geist steht nie stille . Es werden Zeiten kommen , wo in sicherer Ruhe der thätige Trieb sich erfindend , bildend entfalten wird . Wenn einst nach Jahrhunderten die Stürme vertobt haben , deren Beginn wir nun erleben , wenn alle wilden Nationen , die jetzt über die gesittete Welt hereinzubrechen , und Cultur , Künste , Wissenschaft und Ordnung zu stürzen drohen , sich unter einander bekämpft , verjagt , und blutig aufgerieben haben werden : dann wird in dem allgemeinen Schrecken nur die Religion allein aufrecht stehen , sie wird das Heiligste und Höchste des Menschen bewahren , sie wird dem Uebermuth roher Barbaren Ehrfurcht gebieten , ihre sanfte Macht der wilden Gewalt das Gleichgewicht halten , in die Hallen ihrer Tempel werden sich Künste und Wissenschaften vor dem Sturm retten , und wenn es auf dem müden Erdkreis stille geworden , wird ein schönerer Tag aus ihnen über die neugeborne Welt hervorgehen . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Als das Volk in den ersten Zeiten der Republik einst gegen den Senat und die Reichen aufgebracht war , und sich außer Rom auf einem Berge gelagert hatte , brachte es der Consul Menenius Agrippa durch die bekannte Fabel von dem Magen und den Gliedern des Leibes wieder zur Ordnung , und in die Stadt zurück . 60. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Nicäa , im December 302 . Du willst Nachrichten , Neuigkeiten von mir hören . Was , bei allen Göttern , soll ich dir aus diesem Neste von Stadt schreiben ? Es geht Alles seinen langsamen regelmäßigen Gang fort , und da eine große Anzahl der hiesigen Einwohner Christen sind , so ist dieser Gang so stille und erbaulich , daß Jemand , der aus einem raschern abwechselndern Leben kömmt , hier Gefahr läuft , vor langer Weile zu sterben . Zwei Monate bin ich hier - sie dünken mich zwei Jahre - und bin entschlossen , nicht mehr lange hier zu seyn . Es bereiten sich wichtige Vorfälle im Stillen vor , es sind viele Hände geschäftig . Daß meine Freunde unter der Zahl sind , ist natürlich . Aber nicht allein , was für mich gethan wird , soll mir zum Nutzen gereichen , auch was meine Feinde wider mich zu thun meinen , soll sich unter ihren Händen in Waffen gegen sie verkehren . Man hat mich vom Hofe entfernt , und glaubt mich auch von jeder Einwirkung entfernt zu haben . Ich lasse sie bei dem Glauben , der sie vergnügt und sicher macht , und spiele hier die Rolle des gestürzten Günstlings mit Anstand und Demuth . Galerius kann meiner nicht entbehren , das weiß ich . Constantin haßt mich , und braucht mich vielleicht doch einst . Diocletian ist ein untergehendes Gestirn . Die Christen arbeiten in Geheim für sich , Galerius offenbar gegen sie , der Augustus schwankt , - ein böses Anzeichen bei einem Manne , der sonst den Zweifel nicht kannte . Eine Partei muß siegen . Es kommt nur darauf an , sich die Hände so frei zu erhalten , daß man sie zur rechten Zeit ohne Schande ergreifen kann , und dafür wollen wir sorgen . Du willst wissen , was ich von Galerius Maaßregeln gegen die Christen denke ? Sie scheinen mir , wo nicht ganz zwecklos , doch zweckwidrig . Sollte es möglich seyn , die christliche Religion auszurotten , woran ich je mehr und mehr zweifle , nicht aus Achtung für sie - eine solche Abgeschmacktheit wirst du mir nicht zutrauen - sondern weil ich sie zu fest begründet glaube : so müßte es nicht mit offenbarer Gewalt geschehen . Verfolgung , Strafen , Gefahren exaltiren solche Menschen noch mehr , sie machen sie eigensinnig , unüberwindlich . Von innen , in ihren edelsten Theilen müßte diese Secte angegriffen , in sie der Keim des Verderbens gelegt werden , der dann den ganzen Körper langsam vergiften , und zur Auflösung bereit machen könnte . Aber ein solches Mittel wird ein Mensch , wie Galerius , nie ergreifen . Constantin wird eine bedeutende Rolle spielen , die Natur hat ihn dazu bestimmt , er kann nicht untergeordnet bleiben , und es ist ein sicheres Zeichen seines Scharfblickes , daß er es mit den Christen hält , und also den Geist der Zeit für sich hat . Das ist auch wohl bei einem so klugen Mann , wie er , der wahre Beruf zu diesem Glauben . Er sammelt jetzt schon Menschen und Hülfsquellen um sich , die er zu seiner Zeit in Bewegung setzen wird . Ihm können auch Schwärmer nützen , und so hat er einen der entschiedensten , jenen Agathokles um sich , den neulich der Schwindelgeist seiner Kameraden zum Tribun machte . Ich hasse den Menschen aus mehr als Einem Grunde , und nehme mir vor , ihm nächstens einen empfindlichen Streich zu spielen . Es ist eine lächerliche Geschichte , die ich vielleicht in Nikomedien keiner Aufmerksamkeit gewürdigt hätte , die aber dazu dienen soll , mir die lange Weile zu vertreiben . Ich war kaum acht Tage hier , als mir eines Morgens in der Nähe eines Christentempels ein Frauenzimmer begegnet , dessen guter Anstand und tiefe Wittwentrauer meine Blicke flüchtig auf sich ziehen . Sie kommt näher , ich betrachte sie genauer , und obwohl der schwarze Schleier ihr Gesicht halb verbirgt , erkenne ich mit Erstaunen Larissa , die Wittwe des Demetrius , die man schon lange für todt gehalten hatte . Als ich nach Nisibis kam , um den Heerbefehl zu übernehmen , war sie schon abgereiset ; aber ich kannte sie von frühern Zeiten , und war öfters auf Reisen mit ihr zusammengetroffen . Wie sie den Händen der Gothen entgangen , wie sie hierher gekommen , weiß ich nicht ; im Grunde liegt auch nichts daran . Genuß sie ist hier , und lebt im Hause eines gewissen Lysias , eines der angesehensten Bürger dieser Stadt , unter dem Namen Theophania , als Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns . Diese geheimnißvolle Verborgenheit fiel mir auf , denn ich weiß , daß sie die heißgeliebte Jugendfreundin jenes Agathokles war , der Alles , was er auf Erden besitzt , darum geben würde , wenn er erfahren könnte , daß sie lebt , und ihn noch liebt . Ich mußte der Sache auf die Spur kommen , und führte mich unter einem leichten Vorwande bei Lysias ein ; da sehe und spreche ich sie nun täglich , ich stelle mich , als kennte ich sie nicht , begegne ihr mit großer Achtung , schone ihre Vorurtheile , und habe nun schon so viel herausgebracht , daß sie ihren Agathokles für untreu hält , und deßwegen ihre Verborgenheit nicht verlassen will . Das hat sie mir nun freilich nicht so geradezu erzählt , aber ihre Fragen und Erkundigungen sagten mir Alles , was ich wissen wollte . Sie ist leicht zu bethören , wie alle die frommen und arglosen Menschen ihrer Art , aber sie gefällt mir , und ich hätte Lust , sie in mich verliebt zu machen . Schön ist sie nicht , aber , beim Jupiter , kein gemeines Geschöpf . Eine kleine Narbe auf der einen Wange entstellt sie ein wenig , aber ihr Wuchs ist edel , ihr dunkles Auge , das sich langsam unter seidenen Wimpern wendet , hat einen sehnsüchtigen anziehenden Ausdruck , ihre Arme sind vorzüglich schön , überdies ist sie eine Christin , und eine höchst andächtige . Es wäre doch lustig zu sehen , welchen Contrast die irdische Venus mit allen diesen Erhabenheiten machen würde , und zu versuchen , ob es nicht möglich wäre , den phantastischen Jugendgeliebten aus ihrem Herzen zu verdrängen . Der Spaß lohnt wohl die Mühe einer kleinen Vorstellung , und belustigt mich im Voraus . Leb ' wohl ! 61. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso . Nikomedien , im December 302 . Stehlen muß ich die Zeit , liebster Bruder , um dir zu schreiben , und meine alte Schuld abzutragen . Aber du kennst meine Unart . Es kostet mich Mühe , zum Schreiben zu kommen , wenn ich aber einmal anfange , kostet es mich eben so viele , wieder aufzuhören . So wirst du zwar wenige , aber desto längere Briefe von mir bekommen . Wir leben jetzt in einer unruhigen fröhlichen Zeit . Wie Schade ist ' s , daß du nicht Theil daran nehmen kannst ! Feierlichkeiten und Unterhaltungen jeder Art wechseln mit einander ab , Hoffeste , Volksfeste , Hochzeitfeste , Friedensfeste , und deine Schwester spielt bei allen diesen Herrlichkeiten , als Tochter des Proconsuls , und Freundin der armenischen Königin , eine gar nicht unbedeutende Rolle . Ich erscheine fast jeden Tag öffentlich bei irgend einem feierlichen Aufzuge , und ich müßte doch wahrlich kein Mädchen , ich müßte so etwas von einem Stoiker oder Cyniker seyn , wenn es mir nicht eine wahre Angelegenheit seyn sollte , jedesmal in einem so viel wie möglich neuen und passenden Anzug zu erscheinen . Das kostet Zeit , Nachdenken , Arbeit . Rechne dazu die vielen Stunden , welche Gastmahle , feierliche Opfer u.s.w. einnehmen , und du wirst leicht begreifen , daß deiner geschäftigen Calpurnia in ihrem weitläufigen Hauswesen wenig Zeit übrig bleibt . Zuweilen könnte ich wohl ein Stündchen finden , aber bald ist ein Freund , bald Braut und Bräutigam da ; es wird geschwatzt , gescherzt - wer kann dem Reiz der geselligen Freuden widerstehen ? - und so verfliegt der Tag , wie eine Minute . Wenn ich dann Abends müde auf mein Lager sinke , wiederholt Morpheus gefällig die Freuden des Tages in noch schönern Bildern . Ich bin so vergnügt , wie ich seit Langem nicht mehr war , und fühle , daß sich in diesen Freuden , als in meinem eigentlichen Elemente , mein ganzes Wesen auf ' s leichteste und angenehmste entfaltet . Doch ich plaudre in einem fort , ohne zu bedenken , daß du unmöglich wissen kannst , was ich meine . Nun so will ich denn einmal die flatternde Phantasie beim Flügel haschen , und sie zwingen , recht sittsam und ordentlich zu erzählen , wie sich Alles begeben hatte . Vor zwanzig Tagen ungefähr hielten der Augustus , Galerius und Tiridates ihren feierlichen Einzug in Nikomedien . Es war eins der glänzendsten Feste , das ich je , selbst in Rom , gesehen hatte . Die angesehensten Einwohner , alle öffentlichen Autoritäten zogen ihnen im prächtigsten Anzuge und mit feierlichem Gepränge entgegen ; aber Alles verschwand vor der Pracht des ankommenden Hofes . Der Kaiser zwar und Cäsar Galerius machten trotz des ausserordentlichen Schimmers , der sie umgab , nicht viel Effekt , wenigstens nicht auf mich , und ich glaube , halb Nikomedien ( so hoch wird sich wohl das weibliche Geschlecht hier belaufen ) war einerlei Meinung mit mir , was auch die sogenannten Verständigen oder die Schmeichler von ihren bedeutenden Physiognomien , dem Herrscherblick , den Heldenstirnen sagten . Für mich waren es ein paar alte Herren ohne alles Interesse . Desto prächtiger nahmen sich dicht hinter ihnen die Prinzen Constantin und Tiridates aus . So herrlich , so blendend , wie diesmal , hatte ich sie nie gesehen . Sie ritten auf stolzen Pferden mit allem Anstande geschickter Reiter , die Sonne zog blendende Funken aus ihren Rüstungen , und die Helmbüsche wogten auf und nieder , wie sich ihre Pferde tanzend unter ihnen bewegten . Ihre schönen Gestalten waren durch die schimmernden Umgebungen sehr erhoben , und die Stimmen zwischen dem edlen Ernst des blonden Britten , und dem freundlichen Feuer des dunkeln Armeniers getheilt . Nicht weit davon im Gefolge ihrer ersten Offiziere befand sich Agathokles . Auch sein Anzug war prächtig , wie es die Feier und sein Stand forderte , aber ich muß dir aufrichtig bekennen , so wohl er mir damals gefiel , als die Blicke des ganzen Volkes an ihm als Siegesboten hingen , so verschwand er heute gänzlich vor der Schönheit und dem Glanz der beiden Fürsten . Was auch die Philosophen sagen mögen , Schönheit und hohe Geburt sind keine so ganz gleichgültigen Eigenschaften , und wenn sie auch keine Verdienste verleihen , so dienen sie doch dazu , die , welche schon vorhanden sind , in ein blendendes Licht zu stellen . Tiridates mit allen seinen guten Eigenschaften als der Sohn eines Bürgers , der etwa durch Unglück sein Vermögen verloren hätte , würde unser Mitleid erregen , und wir würden uns freuen , wenn ihm der Zufall wieder sein väterliches Gut zurückgäbe . Aber hier ist ein Fürst , der letzte Sprößling eines erlauchten Hauses , an dessen Willen einst das Schicksal von Millionen hing , durch einen Usurpator seines Throns , seiner Rechte beraubt , und verfolgt , nur durch die Treue eines alten Dieners gerettet . Dieser Fürst hat nun sein Reich mit Hülfe seiner Freunde erobert . Er ist wieder König , sein Wille lenkt wieder das Geschick von Tausenden . Wie ganz anders ist dieser Eindruck ! Und wenn das Gemüth durch jene Erzählung vorbereitet ist , den merkwürdigen Mann mit günstiger Stimmung zu betrachten , dann vollendet noch eine schöne Gestalt den Zauber des ganzen Bildes . Wer kann sich dessen ganz erwehren ? Wer wird läugnen , daß der schöne Tiridates als Privatmann , oder der Fürst in alltäglicher Bildung nicht halb so interessant seyn würde ? Das wissen auch die Dichter , und darum stellen sie uns so gern Fürsten , Helden , Götter der Erde dar , lassen sie von großen Schicksalen gebeugt , oder erhoben werden , und schildern sie uns obendrein als vollendete Schönheiten . Gegen Abend kam er mit Agathokles zu mir . Jetzt war der Zauber verschwunden , und in der einfachen friedlichen Toga , im freundschaftlichen Gespräch gewann dieser bald wieder seinen alten Platz neben , oder selbst vor Tiridates in meinem Geiste . Ich fand ihn etwas heiterer als sonst . Die tiefe Schwermuth , die ihn vorher beinahe zu jeder geselligen Freude unfähig machte , hatte sich in einen sanften Ernst verwandelt ; er war freundlich , aber still , und wortarm . Tiridates hatte beschlossen , schon den folgenden Tag nach Synthium zu gehen . Ich erhielt einen Tag Aufschub von ihm , weil ich es nothwendig fand , Sulpicien erst auf diesen Besuch , und das ersehnte Ziel aller ihrer Leiden und Wünsche vorzubereiten . Am dritten Tag reiste er endlich im Gefolge eines Heeres von Sclaven , Pferden und Kameelen , die königliche Brautgeschenke trugen , ab , um seine Braut zu holen . Der Empfang soll ganz so gewesen seyn , wie ich dachte , voll Zärtlichkeit und Achtung auf der einen , voll Entzücken auf der andern Seite . Sobald Sulpicia sich von dem Freudensturm erholt hatte , wurde sie in einer prächtigen Sänfte von acht reich gekleideten Cappadociern , die in kleinen Absätzen von Andern abgelöst wurden , so schonend und so feierlich als möglich nach Nikomedien gelbracht , und ich empfing sie am Thore des prächtigen Hauses , das Tiridates schon lange gekauft , und mit königlicher Pracht hat einrichten lassen . Hier blieb sie acht Tage bis zu ihrer Vermählung , und diese wurden größtentheils mit Zubereitungen , mit Wahl der kostbarsten Stoffe , Juwelen , Geräthschaften u.s.w. höchst angenehm zugebracht . Am Tage des Friedensfestes , das der Augustus sehr feierlich beging , wurde auch die Vermählung des armenischen Königs vollzogen , und Sulpicia erschien mit einer Pracht , die fast die Augusta und ihre Tochter , des Cäsars Gemahlin , verdunkelte . So will es Tiridates , der nichts unterläßt , wodurch er der Welt die Achtung zeigen kann , mit der er seine Frau behandelt . Seit diesem Tag dauert nun das fröhliche Leben , von dem ich dir im Anfange schrieb , und nichts stört meinen Genuß , als der trübe Gedanke , daß es nicht mehr lange währen , und dann eine tödtliche Leere an seine Stelle treten wird . Tiridates führt seine Frau , so bald die Feste vorüber sind , nach Ecbatana . Sulpicia hat sich ziemlich erholt , und wird im Stande seyn , die Reise ohne Schaden für ihre Gesundheit zu unternehmen . Ihr Gemüth ist beruhigt , und so die erste Quelle ihres Uebels gehoben . Ich hoffe jetzt auf ihre gänzliche Herstellung , aber ich werde ihre Abwesenheit sehr schwer empfinden ; ich werde sie , ich werde Tiridates überall vermissen . Jetzt , wo alle Zweifel verschwunden , alle ängstlichen Spannungen aufgelöset sind , und sein Geist sich ungehindert und frei entfalten kann , kannst du dir keinen Begriff machen , welch ' ein angenehmer Gesellschafter er ist , höchst liebend würdig als Fürst und Mensch . Seine Heiterkeit belebt auch Sulpicien , und unser Umgang ist angenehm und fröhlich . Freilich wird Agathokles hier bleiben ; wird aber sein Ernst , seine wortarme Unterhaltung im Stande seyn , mich für jenen Verlust zu entschädigen ? Ich zweifle sehr . Er ist ein Feind aller lauten Freuden , alles Schimmers , aller öffentlichen Belustigungen ; er war sogar entschlossen , während der Festlichkeiten nach Synthium zu gehen , und dort ganz allein seinen Gedanken und Schwärmereien zu leben . Du mußt gestehen , daß das doch zu arg war ; auch ließen wir ihn diesen trübsinnigen Vorsatz nicht ausführen , und er ergab sich zuletzt unsern vereinigten Bitten und Neckereien . Wie er sich dann betragen wird , wenn unsre Freunde ferne sind , und wieder Alles stille um mich geworden ist , das wissen die Götter ; ich sehe dieser Zeit mit einer Art von Schauer entgegen . Doch weg mit den trüben Gedanken ! Sie sollen mir die gegenwärtige Lust nicht verderben . Und so leb ' wohl , lieber Bruder ! Ich eile zu Sulpicien , um im Umgange meiner Freunde jede düstre Regung zu verscheuchen . 62. Theophania an Sulpicien . Nicäa , im December 302 . Es mag vielleicht unbescheiden von mir scheinen , zu einer Zeit , wo die große Welt mit Allem , was sie Glänzendes verleihen kann , Anspruch auf dich macht , und du den erhabenen Schauplatz betreten hast , auf dem nicht mehr gesellschaftliche Verhältnisse , sondern die Schicksale von Tausenden an dein Herz sprechen , dich an ein unbedeutendes Wesen zu erinnern , das du einmal freundlich aufgenommen hast . Aber wenn ich mich schon gern bescheide , und wohl weiß , daß die Beherrscherin von Armenien , und die römische Matrone nicht mehr eine und dieselben Angelegenheiten haben können , so würde ich doch selbst der Achtung , die du mir eingeflößt hast , zu nahe treten , wenn ich dich eines unzeitigen Stolzes , und eines übermüthigen Vergessens jener Empfindungen fähig hielte , die dir noch vor einigen Monaten wichtig waren . In dieser schönen Zuversicht wage ich es , noch einmal an dich zu schreiben , und vor deiner Abreise von Nikomedien mein Andenken bei dir zu erneuern . Du stehst nun am Ziele deiner Wünsche . Heil dir , meine geschätzte Freundin ! Und möge die Gegenwart und Zukunft deinem Herzen mit Wucher die Leiden der Vergangenheit lohnen ! Daß ich mich innig deines Glückes erfreut , daß ich warme Gebete für dein Wohl zum Himmel gesandt , wirst du mir glauben ; denn du konntest es voraussetzen . Wenn diese auch vor einem andern Altar , zu einer andern Gottheit emporstiegen , so wird doch , was auch deine Meinung von ihrem Erfolg seyn mag , deine Meinung über die Absicht derselben gewiß richtig seyn . Ja , dauerndes Glück , wie es dein Herz verdient , hat deine Freundin für dich erflehen wollen ; und wenn mein Gebet nicht ganz verworfen wird , so muß es dir wohl ergehen . In meiner Lage hat sich , seit ich Synthium verließ , wenig geändert . Ich lebe still und verborgen . Meine Ansprüche auf Glück in jedem Sinne des Wortes sind längst aufgegeben , ich verlange nichts als Ruhe und Vergessenheit , und das hoffe ich noch zu erreichen . Meine Freuden bestehen darin , daß ich Zeugin der häuslichen Zufriedenheit einer schätzbaren Familie bin , die mich als eines ihrer Glieder betrachtet , und mich mein Alleinseyn in der Welt , so wenig als möglich , fühlen läßt . Ihnen wieder Freude zu machen , ist mir eine süße Pflicht , und so wage ich es , dir eine Bitte vorzutragen , deren ich schon in meinem ersten Brief erwähnte , und deren Erfüllung du mir so gütig zugesichert hast . Es war bald nach meiner Ankunft in Nicäa einmal die Rede von dem feierlichen Tag in Nikomedien , als der Tribun die Siegesbotschaft brachte . Ich erzählte , daß ich eine wohlgelungene Zeichnung dieser Scene gesehen , und mit Vergnügen die Richtigkeit der Umgebungen sowohl als den Ausdruck der Leidenschaft auf den Gesichtern der versammelten Menge bewundert hätte . Mein gütiger Hauswirth , der selbst Kenner und Künstler ist , äußerte den lebhaften Wunsch , dies Blatt zu sehen . Ich schwieg , weil ich die Schwierigkeiten wohl einsah , die seiner Erfüllung im Wege standen ; indessen hielt ich es für meine Pflicht , wenigstens Meldung davon zu machen , und ersuche dich nun , dich für mich , oder vielmehr für den achtungswerthen Lysias bei der schönen Calpurnia zu verwenden , und uns die Zeichnung für einige Tage zu senden . So bald sie gesehen und bewundert seyn wird , soll es mein angelegentlichstes Geschäft seyn , sie so wohlbehalten und schnell als möglich wieder zurückzustellen . Ich fühle wohl , daß meine Bitte etwas unbescheiden ist ; aber ich hoffe , der Zweck derselben wird sie bei Calpurnien entschuldigen , und den Unmuth mildern , der vielleicht in die Seele deiner reizenden Freundin gegen mich entstehen könnte . Leb ' wohl ! 63. Sulpicia an Theophania . Nikomedien , im December 302 . Wenn schon der bloße Anblick deiner Briefe hinreicht , mir ein angenehmes Gefühl zu geben , so ist ihr Inhalt immer von der Art , um mein Gemüth auf ' s anziehendste zu beschäftigen . Der letzte traf mich in einer der seltenen einsamen Stunden , wo ich , müde von Pracht und gehaltlosem Gepränge , mich mit Lust in