solle morgen um 4 Uhr erscheinen zum bewußten Kopieren . Er verbarg mühsam den ganzen Abend die Stärke seiner Bewegungen . Nr. 34. Inkrustierte Kletten Kopierstunde Um 4 Uhr erschien Walt vor dem General , der wie gewöhnlich lächelnd den Blauäugigen aufnahm . Vergeblich hatte er vor einer Erinnerung an den Brief oder einer Erscheinung der Verfasserin gezagt . Zablocki gab ihm die namenlosen oder nur taufnamigen Briefe auf dem schön geäderten Sekretär samt Schreibbefehlen und ging davon . Mit so sehr ausgesuchten End-Lettern oder Final-Schweifen als nur je aus Paris versandt werden nebst viel schlimmern Polaritäten , z.B. Robespierrischen Schweifen , Culs de Paris , kopierte der Notar und sah sich spät um . Das schöne Kabinett war von den Tapeten zu einer Blumenlaube gemalt , aber voll Blumendüfte , die aus einer wahren kamen , und voll grüner Dämmerung . Die Jalousie-Gitter waren vorgezogen , für ihn ein grüner Schleier eines blendenden Tags ; sogar im Winter grünte ihn dieses Blätter-Skelett der vertrockneten bunten Zeit wie ein Zauber an . » In dem nahen Wandschrank hängt er « , sagt ' er sich , » Winas himmelblaues Kleid , denk ' ich . « Wie auf einer sanftwallenden Wolke saß er und schrieb oft eine briefliche Wendung ab , die sich für seine Lage sehr gut schickte . Es wiegt ' ihn auf und nieder , daß er sich doch mit ihr , mit derjenigen in einer Zimmer-Ebene , unter einem Dache befand , mit welcher er das Trauerband derselben Schmerzen trug und die ihm nach dem Untergang der Freundschaftssonne als stiller Liebes-Hesperus fortschimmerte . Er kopierte mit gespitzten Ohren , weil er ( nicht ohne alle Hoffnung ) in der Furcht dasaß , daß Wina gar ins Kabinett und an einen oder den andern Sekretär fliege , den hölzernen oder den lebendigen . Indes kam nichts . Er überlegte sehr , ob er nicht in den Wandschrank einbrechen und das himmelblaue Kleid als den blauen Äther der fernen Sinne leicht anrühren sollte mit Hand oder mit Mund - als der General eintrat , ihn erschreckte und das Kopieren pries und schloß . So glücklich ging die Schreibstunde und die Gefahr , Wina zu sehen , vorüber , und er wankte heim mit einem Kopfe , der sich ein wenig im Herzen vollgetrunken hatte . Auf den Turmknöpfen und Park-Gipfeln lag noch süßes rotes Sonnenlicht und weckte zugleich das Sehnen und Hoffen der Menschen in und außer Haßlau . Er kopierte den zweiten Tag , stets mit derselben Angst , daß Wina die Türe aufmache . Der dritte aber - wo wieder nichts kam - machte ihn , wie jeden Krieger die Zeit , so mutig und so zum Mann am vierten , daß er in der Tat sich sehnte nach Gefahr . Ganze Nächte mußte jetzt das fromme Mädchen vor seiner Seele stehen - er hatte dabei seinen ewigen Frühling - , bloß weil er einen Plan nach dem andern entwarf und verwarf , wie er noch jetzt , um die Folgen des offnen Briefs zu vergüten , etwan durch die Sanfte für den Grafen wirken könnte . Es wollte ihm aber nie etwas Bedeutendes einfallen . Am vierten Tage hört ' er , unter dem Abschreiben einer schönen erotischen Gestikulation im Briefe , eine weibliche Singstimme , die , obwohl aus dem dritten Zimmer , doch ebensogut aus dem dritten Himmel kommen konnte . Er kopierte feurig weiter ; aber eine Sonnenstadt nach der andern erbaueten in ihm diese Orpheus-Töne , und die Felsen des Lebens tanzten nach ihnen . Er erinnerte sich noch recht gut , was ihm Vult über Winas Singen geschrieben . Als er darauf unter dem Heimgehen dieselbe Stimme fortsingend vor sich mit einer Schachtel unter dem Arm auf der Treppe sah und auf jeder Staffel erstaunte und nachdachte : so macht ' es ihm das schlechteste Vergnügen von der Welt , diese Stimme auf der Gasse zu einer andern sagen zu hören , ihre Fräulein - denn es war die Putzjungfer - komme erst nächsten Freitag aus Elterlein zurück - - er spürte ordentliches Sehnen , einmal in seinem Geburtsörtlein zu sein und aus der so heißen Stadt herauszukommen . Himmel , schloß er indes , wenn schon diese Putzjungfer Karyatide der fernen Göttin so singt , wie muß erst diese glänzen , sowohl im Gesang als sonst ! Er wurde unendlich begierig , einem Widerscheine der heiligen Nachbarschaft Winas ins Gesicht zu sehen , überhaupt einer Person , deren göttlichen Geist der Töne er , hinter ihr gehend , anbetete , kurz der Soubrette . Denn er glaubte längst , eine erste Sängerin sei gewiß nicht die letzte Monatsheilige oder eine Sirene ; und eine babylonische Hetäre behalte keine Stimme , gesetzt sie hätte eine besessen ; eine Meinung , die gutmütige Weltleute mehr seiner Unbekanntschaft mit Bühne und Welt zuschreiben sollten als seiner Dummheit . Er mochte kaum drei schnellere Schritte getan haben , um ihr vorzukommen : als er drei Flüche und ein Kotwort vernahm . Er drehte sich heftig um , mit der glänzenden Ordenskette in Händen , die er der anscheinenden Ordensschwester der Sklavinnen der Tugend vom Sing-Halse gerissen ; und in einer dunkeln Allee der Stadt ließ er Tränen fallen , darüber , daß eine solche rauhe Seele eine Singstimme besitze , und daß sie der heiligen so nahe wohne . Hoch aber zog Winas Gestalt in ihrem glänzenden Wolkenhimmel weiter ; und ihm war , als könne nur ein Tod ihn , wie zu Gott , so zur Göttin bringen . Nr. 35. Chrysopras Träumen - Singen - Beten - Träumen Am Freitage darauf , wo Wina wiederkommen sollte , sprang er , ohne an sie zu denken , so innig-vergnügt aus dem Bette in den Tag , als wär ' s ein Brauttag . Er wußte keinen Grund , als daß er die ganze Nacht einen immer zurückflatternden Traum gesehen , wovon er kein Bild und Wort und nichts behalten als einige anonyme Seligkeit . Wie Himmelsblumen werden oft Träume durch die Menschennacht getragen , und am Tageslicht bezeichnet nur ein fremder Frühlingsduft die Spuren der verschwundenen . Die Sonne blitzte ihm reiner und näher , die Menschen sah er wie durch einen Traum der Trunkenheit schöner und werter gehen , und die Quellen der Nacht hatten seine Brust mit so viel Liebe vollgegossen , daß er nicht wußte , wohin er sie leiten sollte . Zu Papier sucht ' er sie anfangs zu bringen , aber kein Streckvers und kein Kapitel gelang . Er hatte einen Tag wie nach einer vertanzten Nacht : man will nichts machen als höchstens Träume , und auch nicht anderes haben - alles soll sanft sein , sogar die Freude - sie soll nicht mit Windstößen an den Flügeln reißen , still sollen die ausgestreckten Schwingen das dünne Blau durchschneiden und durchsinken - nur Abendlieder will der Mensch sogar am Morgen , aber kein einziges Kriegslied , und ein Flor , aber ein hellgefärbter , bezieht und dämpft die Trommel des Erden-Tobens . Walt konnte nichts anders machen - » nur heute kein Instrument , das gebe Gott ! « wünschte er - als einen Spaziergang in das van der Kabelsche Hölzchen , das er einst erben kann , und wo er den entfremdeten Grafen zum erstenmale auf der Erde gesehen . Um ihn flogen , gingen , standen Träume aus tiefen Jahrhunderten - aus Blüten- und Blumenländern - aus Knabenzeiten - ja ein Träumchen saß und sang im spannenlangen grünen Weihnachts-Gärtchen der Kindheit , das sich der kleine Mensch auf vier Rädern am Faden nachzieht . Siehe , da bewegte vom Himmel sich ein Zauberstab über die ganze Landschaft voll Schlösser , Landhäuser und Wäldchen und verwandelte sie in eine blütendicke Provence aus dem Mittelalter . In der Ferne sah er mehrere Provenzalen aus Olivenwäldern kommen - sie sangen heitere Lieder in heiterer Luft - die leichten Jünglinge zogen voll Freude und voll Liebe mit Saitenspielen in die Täler vor hohe goldbedeckte Burgen auf fernen Bergspitzen - aus den engen Fenstern sahen ritterliche Jungfrauen herunter - sie wurden herabgelockt und ließen in den Auen Zelte aufspannen , um mit den Provenzalen ein Wort zu reden ( wie in jenen Zeiten und Ländern , wo die Erde noch ein leichtes Lustlager der Dichtkunst war , und der Troubadour , ja der Conteur sich in Damen höchsten Standes verlieben durfte ) - und ein ewiger Frühling sang auf der Erde und im Himmel , das Leben war ein weicher Tanz in Blumen . » Süße Freudentäler hinter den Bergen « , sang Walt , » ich möchte auch hinüberziehen in das morgenrote Leben , wo die Liebe nichts verlangt als eine Jungfrau und einen Dichter - ich möchte drüben in wehender Frühlingsluft mit einer Laute zwischen den Zelten mitgehen und die stille Liebe singen und schnell aufhören , wenn Wina vorbeiginge . « Darauf kehrte Walt in sein Kämmerchen zurück , fand aber , mit seiner geographischen und historischen Provence in der Brust , so wenig Platz darin , daß er mit einiger Kühnheit - denn die Poesie hatt ' ihn sehr gleich und frei gemacht - in Neupeters Park hinabspazierte , wo er Floren , mit Früchten wie eine Pomona beschwert , in den Wurf kam und die Hand gab . Dem Dichter glänzet die ganze Welt , doch aber eine herzogliche , königliche Krone matter als ein schöner weiblicher Kopf unter Krone und Herzogshut , oder als ein anderer , der nichts aufhat als den Himmel über sich ; er ist bescheiden , wenn er einer Fürstin , und aufgerichtet , wenn er einer Hirtin die Hand gibt ; nur zu den Vätern beider lässet er sich oft gar nicht herab . In einer Laube fand er ein Strumpfhand . Ein italischer Vers - denn Raphaela verstand welsch , obwohl er nicht - und ihr Name war darauf gestickt . Da er an diesem geistigen Morgen merkte , daß er einen provenzalischen Ritter und Poeten zugleich in sich verbinde : so faßt ' er den freien Entschluß , das Strumpfband - denn er hielts für ein Armband - selber Raphaelen , die er brieflesend schleichen sah , mit einigen bedeutenden Worten zu überreichen . Er legte das Band weich vorn auf die flache Hand wie auf einen Präsentierteller und trug es ihr zart mit der Wendung entgegen die er aus vielen andern über weltlichen Arm und Arm aus den Wolken ausgelesen - : er sei so glücklich gewesen , ein schönes Band der Liebe zu finden , eine Sehne an Amors Bogen , gleichsam den größern Ring an schöner Hand , und er wisse nicht , wer glücklicher sei , der , so ihn abzöge , oder der ihn anlegte . Raphaela errötete beschämend-verschämt , nahm das Band , steckt ' es schnell ein und ging stumm fort ; Walt dachte : fast ein gar zu zartes Gemüt ! Er brachte noch viel von seiner Morgenfreude an die Wirtstafel : als er zu seinem Erstaunen da erfuhr - was er schon längst gewußt - , daß an der Juden-Vigilie , am Freitag , die Katholiken fasteten . Er legte Messer und Gabel neben den Teller hin . Keinen Bissen - und wär ' er aus dem Reichs-Ochsen in Frankfurt bei der Kaiserkrönung ausgeschnitten gewesen - hätt ' er noch an die Zunge heben können . » Ich will nicht köstlich schwelgen « , dachte er - betagtes Vakzinefleisch war aufgesetzt - , » in der Stunde , wo eine so wohlwollende Seele wie Wina darben muß . « Wie eine Ehefrau hatte er bei der Gleichgültigkeit gegen eigene Eß-Entbehrungen ein weinendes Erbarmen über fremde . Er dachte nach und fand es immer härter , daß die Kirche auch Nonnen fasten ließe , nicht die Mönche allein ; da es vielleicht schon genug wäre , wenn nur Spitzbuben , Spieler , Mörder nichts Rechts zu essen hätten . Er ging in die Kopierstube zum General , nicht nur mit dem völligen Wunsche , das Mädchen zu sehen , das heute - an seinem romantischen Tage - eine Märtyrin gewesen , sondern auch mit der Gewißheit , sie sei von Elterlein zurück und erscheine . Während er mit unsäglichem Vergnügen einen äußerst frechen Brief einer gewissen Libette , wie er nur aus der moralischen Lutetia28voll Epikurs-Ställe kommen kann , ins reine schrieb - denn er schmeckte in diesen Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen geschwefelten - , so drang aus den halboffenen Zimmern kein Laut in sein Kabinett , den er nicht zu einer Ankündigung einer Erscheinung zitternd machte . Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Töne hier und dort romantisch durchklingen : so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano - Rufe des Generals - Antworten an Wina vor . Endlich hört ' er wirklich Wina selber im nächsten Zimmer mit ihrem Vater vom Singen sprechen . Er glühte bis zur Stirn hinauf und bückte den unruhigen Kopf fast bis an die Feder nieder . Sie hatte jenen innigsten , herzlichsten , mehr aus der Brust als Kehle heraufgeholten Sprachton , den Weiber und Schweizer viel häufiger angeben als andre Leute . Indem der General eintrat und Walt flammend fortkopieren wollte : hatt ' er das Unglück , daß das Mädchen Singnoten aus dem Kabinette fliegend wegholte , ohne daß er vor lauter Zartheit etwas gesehen hatte , wenn man nicht die weiße Schleppe zu hoch anschlagen will . Bald darauf fing im zweiten Zimmer ihre Singstimme an - » O nein doch « , rief der General durch die offnen Türen , » den letzten Wunsch von Reichardt meint ' ich29 . « Sie brach ab und fing den begehrten Wunsch an . » Singe « , unterbrach er sie wieder , » nur die erste und letzte Strophe ohne die ennuyanten . « Sie hielt inne , mit Fingern über den Tasten schwebend , und antwortete : » Gut , Vater ! « Die Verse heißen : Wann , o Schicksal , wann wird endlich Mir mein letzter Wunsch gewährt : Nur ein Hüttchen , klein und ländlich ; Nur ein kleiner eigner Herd ; Und ein Freund , bewährt und weise , Freiheit , Heiterkeit und Ruh ' ! Ach und sie , das seufz ' ich leise , Zur Gefährtin sie dazu . Vieles wünscht ' ich sonst vergebens ; Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens Irgendwo ein Friedens-Tal ; Edle Muß ' in eigner Wohnung Und ein Weib voll Zärtlichkeit , Das , der Treue zur Belohnung , Auf mein Grab ein Veilchen streut . Wina begann , ihre süße Sprache zerschmolz in den noch süßern Gesang , aus Nachtigallen und Echos gemacht - sie wollte ihr liebewarmes Herz in jeden Ton drängen und gießen , gleichsam in einen tönenden Seufzer ; - den Notar umfing der lang geträumte Seelenklang mit der Herrlichkeit der Gegenwart so , daß ihn das heranrollende Meer , das er von fernen rollen und wallen sah , nun mit hohen Fluten nahm und deckte . Der General sah unter dem Singen die Kopie des frechen letzten Briefes mit einiger witziger Heiterkeit auf dem Gesichte durch und fragte lächelnd : » Wie gefällt Ihnen die wilde Libette ? « - » Wie der jetzige Gesang , so wahr , so innig und so tief gefühlt « , versetzte Gottwalt . - » Das glaub ' ich auch « , sagte Zablocki mit einem ironischen Mienen-Glanz , den Walt für Hör-Verklärung nahm . » Was sind so Ihre vorzüglichsten Notariats-Instrumente bisher gewesen ? « fragte der General . Walt gab viele kurz und schleunig an , sehr verdrüßlich , daß er sein Ohr - wie sein Leben - zwischen Gesang und Prosa teilen sollte . Ob er gleich sich so weniger Seelenkräfte und Worte dabei bediente , als er nur konnte : so war für Zablocki doch kein Mensch - weder aus Wetzlar noch Regensburg oder aus irgendeinem schriftstellerischen bureau des longitudes et des longueurs - zu lang , zu weitschweifig , sondern bloß zu abrupt . » Ich glaube « , fuhr Zablocki fort , » Sie machten auch einige Sachen für den Grafen von Klothar ? « » Keine Zeile « , versetzte Walt zu eilfertig ; er war völlig von den schönen Tönen weggespült und begriffs nicht , daß der General , der selber diese schönen Laute vorgeschrieben , sie über platte verhören wollte . » O Gott , wie kann ein Mensch nicht im harmonischen Strome untersinken , sondern daraus noch etwas vorstecken , besonders die Zunge ? Ist das möglich , zumal wenn es einen so nahe angeht wie hier den verwaisten General ? « - Walt glaubte nämlich , der General , der von der Frau und auch von der Jugend geschieden war , habe solche und ähnliche Zeilen wie Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens Und ein Weib voll Zärtlichkeit bloß als Nachtigallen-Darstellungen eigener Seelen-Klagen singen lassen . Es konnte ihn weit mehr rühren - zumal da es auch viel reiner war - , wenn er Ton-Sprüche auf fremde Leiden und Wünsche , als wenn er sie auf eigne bezog ; und darum war ihm der vergebliche Anteil an Zablocki so unlieb . Vult aber , dem er alles vortrug , sprach später den Weltmann mit diesen Worten frei : » Er ist an Hof-Konzerte gewöhnt , mithin an Taub-Bleiben - wie Cremen ist das Weltleben gleich kalt und süß ; - indes hat der Weltmann oft viel Ohr bei wenig Herz ( wie andere umgekehrt ) und behorcht wenigstens die Form der Tonkunst ganz gut . « » Keine Zeile « , hatte Walt eilfertig gesagt . - » Wieso ? « versetzte Zablocki . » Mein Gerichtshalter sagte mir gerade das Gegenteil . « Hier entfuhren Walten die Tränen ; - er konnte nicht anders , die letzten Sang-Zeilen hatten ihn mit- und weggenommen ; die Scham über die unwillkürliche Unrichtigkeit trug weniger bei : » Wahrhaftig « , versetzt ' er , » das meint ' ich eben ; denn die Schenkungs-Akte wurde unterbrochen - die ersten Zeilen schrieb ich natürlich . « Der General schrieb die Verwirrung des gerührtesten Gesichts nicht der schönern Stimme zu , sondern seiner eignen brach gutmütig mit den Abschiedsworten ab , daß er auf einige Wochen das Kopieren einstelle , weil er morgen mit seiner Tochter nach Leipzig auf die Messe reise . Hier hörte das Singen auf ; und Walts kurzes Entzücken . Nr. 36. Kompassmuschel Träume aus Träumen Auf der hellen Gasse war dem aus dem Zablockischen Hause wankenden Notar , als sei ihm etwas aus den Händen gezogen , etwa ein ganzer brennender Christbaum oder eine Himmelsleiter , die er an die Sonne anlegen wollen . Plötzlich sah er - ohne zu fassen wie - die böse Aftersängerin oder Putzjungfer des Generals und vor ihr Wina gehen , in die katholische Kirche . Letztere macht ' er ohne Umstände zur Simultankirche und trat der zarten Nonne nach , um von ihr die Zeile : » Wann , o Schicksal , wann wird endlich « fortsingen zu hören ; denn sein inneres Ohr hörte sie noch ganz deutlich auf der Gasse . Im Tempel fand er sie kniend und gebogen auf den Stufen des Hochaltars , ihr schmuckloser Kopf senkte sich zum Gebet , ihr weißes Kleid floß die Stufen herab . - Der Meßpriester in wunderlicher Kleidung und Bedienung machte geheimnisvolle Bewegungen - die Altarlichter loderten wie Opferfeuer - ein Weihrauchwölkchen hing am hohen Fensterbogen - und die untergehende Sonne blickte noch glühend durch die obersten bunten Scheiben hindurch und erleuchtete das Wölkchen - unten im weiten Tempel war es Nacht . Walt , der Lutheraner , dem ein betendes Mädchen am Altare eine neue himmlische Erscheinung war , zerfloß fast hinter ihrem Rücken in Licht und Feuer , in Andacht und Liebe . Als wäre die Heilige Jungfrau aus dem beflammten Altarblatte , worauf sie gen Himmel stieg , herabgezogen auf die Stufen , um noch einmal auf der Erde zu beten , so heilig-schön sah er das Mädchen liegen . Er hielt es für Sünde , fünf Schritte weiter vorzutreten und der Beterin gerade ins fromme Angesicht zu sehen , obgleich diese fünf Schritte ihn fünf goldne Sprossen auf der Himmelsleiter höher gebracht hätten . Zuletzt zwang ihn sein Gewissen , gar selber - wiewohl er protestantisch dachte - hinter den stillen Gebeten einige eigne leichte zu verrichten ; die Hände waren schon längst gehörig gefaltet gewesen , eh ' er nur darauf gedacht , etwas dazu zu beten . Es ist aber zu glauben , daß in der Welt hinter den Sternen , die gewiß ihre eignen , ganz sonderbaren Begriffe von Andacht hat , schon das unwillkürliche Händefalten selber für ein gutes Gebet gegolten , wie denn mancher hiesige Handdruck und Lippendruck , ja mancher Fluch droben für ein Stoß- und Schußgebet kursieren mag ; indes zu gleicher Zeit den größten Kirchenlichtern hienieden die Gebete , die sie für den Druck und Verlag ohne alle Selbst-Rücksichten bloß für fremde Bedürfnisse mit beständiger Hinsicht auf wahre männliche Kanzelberedsamkeit im Manuskripte ausarbeiten , droben als bare Flüche angeschrieben werden . Wenn nun solche Lichter dort von einem und dem andern Engel des Lichts ausgeschneuzet werden , wenn solche Konsistorialvögel zu völligen Galgenvögeln gerupft im Himmel fliegen : so dürfen verkannte Galgenvögel dieser Art in ihren theologischen Journalen , falls sie droben welche schreiben , mit Recht darauf aufmerksam machen , daß die zweite Welt wunderliche Heiligen habe und noch manche Aufklärung brauche , bis sie so weit vorrücke , daß sie Gebete auf dem Theater und Gebete auf dem Schreibepult , nach einem liturgischen Stilistikum , sozusagen abgeflucht , gleich gut aufnehme . Walt blieb , bis Wina aufstand und vorüberging , um sie anzusehen . Er konnt ' es aber nachher gar nicht begreifen , daß er , als sie in der größten Nähe war , unwillkürlich wie krampfhaft die Augen zugedrückt ; » und was halfs mir viel « , sagt ' er , » daß ich ihr durch drei Gassen hinter ihr nachguckte ? « Er schweifte aus der Stadt hinaus . Es war ihm , als wenn zwei einander entgegenwehende Stürme eine Rose mitten im Himmel schwebend erhielten . Draußen stand ein langes bergiges Abendrot wie ein Nordschein am Himmel und machte Licht . Er suchte jetzt seine alte Sitte hervor , große Erregungen - z.B. wenn er irgendeinen Virtuosen gesehen , und wär ' s auf dem Tanzseile gewesen - dadurch zu nähren und zu stillen , daß er sich frei einen Superlativ des Falls austräumte , wo er die Sache noch millionenmal weitertrieb . Er wagte dreist den herrlichsten Traum über Wina und sich . » Wina ist eine Pfarrerstochter aus Elterlein « , fing er an , » zufällig reis ' ich durch mit Suite ; ich bin etwa ein Markgraf oder Großherzog , nämlich der Erbprinz davon - noch jung ( doch ich bins jetzt auch ) , so bildschön , sehr lang , mit so himmlischen Augen , ich bin vielleicht der schönste Jüngling in meinem Lande , ganz ähnlich dem Grafen - Sie sah mich vor dem Pfarrhause vorbeisprengen auf meinem Araber ; da wirft ein Gott aus dem Himmel den unauslöschlichen Brand der Liebe in ihre arme zarte Brust , als er das Zeichen , einen Erbprinzen auf einem Araber , erblickt . Ich sah sie aber nicht im Galopp . Ich halte mich indes im schlechten Wirtshaus nicht lange auf , sondern besteige ohne Suite den nahen Himmelsberg , wovon man mir versicherte , daß er die schönsten Aussichten des Dörfchens um sich sammle . Und ich fand es auch wahr . Ich komme vor die hinabsteigende Sonne , auf goldnen Bergen der Erde stehen goldne Berge der Wolken ; o nur die glückliche Sonne darf hinter die seligen Gebürge gehen , welche das alte , ewig verlangte rosenrote Liebestal des Herzens umschließen - Und ich sehne mich bitter hinüber , weil ich noch nicht lieben durfte als Prinz , und träume mir Szenen . Da schlägt eine Nachtigall hinter mir so heiß , als zöge sie ihren Ton gewaltsam aus meiner Brust ; sie sitzt auf der linken Schulter der Pfarrtochter , die , ohne von mir zu wissen und mich zu sehen , herauf vor die Abendsonne gegangen war . Und ihre beide Augen weinen , und sie weiß nicht warum , denn sie schreibts den Tönen ihrer zahm gemachten Philomele zu . Ein Wesen seh ' ich da , wie ich noch nie gesehen , ausgenommen im Konzert - doch es ist eben Wina - eine Menschen-Blume seh ' ich , die ohne Bewußtsein prangt und deren Blätter nichts öffnet und schließet als der Himmel . Abendröte und Sonne möchten ordentlich gern näher zu ihr , das Purpurwölkchen wünschte herunter , weil sie die Liebe selber ist und wieder die Liebe selber sucht , sie zieht alles Leben an sich heran . Eine Turteltaube läuft um ihre Füße und girrt mit zitternden Flügeln . Die andern Nachtigallen flattern fast alle aus ihren Büschen und singen um die singende herum . Hier wendet sich ihr Blau-Auge von der Sonne und fällt aufgeschlagen auf mich ; aber sie zittert . Auch ich zittere , aber vor Freude , und auch ihretwegen . Ich gehe zu ihr durch die schlagenden Nachtigallen hin ; wir sind uns in nichts gleich als in der Schönheit , denn meine Liebe ist noch heißer als ihre . Sie bückt ihr Haupt und weint und bebt , und ich glaube nicht , daß allein mein hoher Stand sie so erschüttert . Was gehen mich gefürstete Hüte und Stühle mehr an ? Ich schenke alles dem Gott der Liebe hin ; wenn du mich auch kennst , Jungfrau , sag ' ich , so liebe mich doch . Sie redet nicht , aber ihre Nachtigall fliegt auf meine Schulter und singt . Sieh ! sag ' ich ehrerbietig und mehr nicht ; und nehme ihre rechte Hand und drücke sie mit beiden Händen fest an mein Herz . Sie will sie aber mit der linken holen und losmachen ; aber ich fasse und drücke nun auch die linke . So bleiben wir , ich seh ' sie unaufhörlich an , und sie blickt zuweilen auf , ob ichs noch tue . Jungfrau , wie ist dein Name ? sag ' ich spät . So leise , daß ichs kaum vernehme , sagt sie : Wina . Mich durchzittert der Laut wie eine ferne alte Bruder-Stimme . Wina bedeutet Siegerin , antwort ' ich . Sie drückt , glaub ' ich , schwach meine Hand ; die Liebe hat sie erhoben , über Pfarrers- und über Prinzenstand . So blick ' ich sie unaufhörlich an , und sie mich zuweilen - die rufenden Nachtigallen schließen uns ein die blühenden Abendwolken gehen unter- der lächelnde Abendstern geht unter - der Sternenhimmel zieht sein Silber-Netz um uns - wir haben die Sterne in der Hand und in der Brust und schweigen und lieben . Da fängt eine ferne Flöte hinter dem Himmelsberge an und sagt alles laut , was uns schmerzt und freuet : Es ist mein guter Bruder , sag ' ich , und im Dorfe wohnen meine lieben Eltern . « - Hier kam Walt zu sich ; er sah umher , im Flusse ( er stand vor einem ) sank sein Fürstenstuhl ein , und ein Wind blies ihm die leichte Krone ab . » Es wär ' auch zuviel für einen Menschentraum , sie gar zu küssen « , sagt ' er und ging nach Hause . Unterwegs prüft ' er die Rechtmäßigkeit des Traums und hielt ihn so Stück für Stück an den moralischen Probierstein , daß er ihn auf die beste Weise zum zweiten Male hatte . So hält sich die fromme Seele , welche bange schwimmt , gern an jedem Zweige fest , der auch schwimmt . So ist die erste Liebe , wiewohl die unverständigste , doch die heiligste ; ihre Binde ist zwar dicker und breiter - denn sie geht über Augen , Ohren und Mund zugleich - , aber ihre Schwungfedern sind länger und weißer als irgendeiner andern Liebe . Vor Neupeters Hause unten sah er lang zu seinem Fenster auf , seine Zelle kam ihm ordentlich fremd vor und er sich , und es war ihm , als müsse der Notar jede Minute oben herausgucken auf ihn herunter . Plötzlich fing am Fenster eine Flöte an ; er fuhr sehr kurz zusammen , da sein lieber Bruder ihn droben erwartete . Er brachte ihm das Feuer zu , in welches Wina ihr mildes Öl gegossen . Vult war ganz liebreich und freundlich ; denn er hatte unterdessen im Doppel-Roman das neue Stück Gartenland besehen und umschritten , das Walt bisher daran fertig gemacht und gemauert - und hatte da gefunden , daß die grünen Hängbrücken , die vom Herkules-Tempel der Freundschaft wegführten , sehr schön gut gebogen und angestrichen , die Moos-und Rinden-Einsiedelei der ersten Liebe aber , die sich selber noch für einsam und einherzig hält , vortrefflich , nämlich still und dunkel und romantisch angelegt worden , so daß nun nichts weiter mehr fehlte als die Vogelhäuser , Klingel-Häuschen , Satyrs und andere Garten-Götter , die Vult seines Orts und Amts von der Brücke an ausschweifend zu postieren hatte . Er pries gewaltig , wiewohl heute das Lob den Notar weniger entzückte als erweichte . » Brüderlein « , sagt ' er , » kennt ' ich dich und die Macht der Kunst nicht so gut , so schwür ' ich , du wärest schon auf dem elektrischen Isolier-Schemel der ersten Liebe gestanden und hättest geblitzt ; so wahr und hübsch steht jeder Funke da . « Denn Vult hatte bisher , ungeachtet oder vielmehr wegen aller Offenherzigkeit des Bruders , das