nun mein Hirschlein geschlagen tot . Wollt eilen hin , wollt eilen her , Könnt einer mir nur sagen , Daß ich es nicht erschlagen , Daß ich nicht vergossen sein Blut so rot . O böse Jagd ! o böser Pfeil ! Mit liebem Blut gerötet , Mein Freund hab ich getötet , Der um mich verlassen die Freiheit sein . Nicht lachen mehr , nicht singen mehr , Nicht mehr in Wäldern jagen , Still sitzen hier und fragen , Wer hat erschlagen das Hirschlein mein ? O Sonnenschein ! o heißer Schein ! Hier sitz ich an der Quelle , Wo in dem Wasser helle , Das Hirschlein sah sein güldin Geweih . Was rauschet wohl , was blinket fein ? Was brauch ichs dann zu hören , Mein Hirschlein kann nicht kehren , Es ist ja tot und blinket nicht meh ' . Welch hoher Schritt , welch güldner Schein ! Zwei Hörner seh ich blinken , Mein Hirschlein kömmt zu trinken , O Freude groß ! daß ich es noch seh . Hier trat der Jägerbursche mit einer goldenen Leier auf . Flametta hatte ihn als Phöbus maskiert . Flametta , welche den Cyparissus vorstellte , glaubte nach der Wendung ihres Liedes , als sie die Leier blinken sieht , es sei das Geweih ihres Hirschleins . Phöbus : O Cypariß ! du holder Knab ! Dein Hirschlein ist im Walde , Mein hoher Tritt so schallte , Mein güldin Leier gab solchen Glanz . Seit ich dich nicht gesehen hab Und hier bei dir gesessen , Hast du mich schon vergessen , Und flochte dir doch den grünen Kranz . Flammetta nahm hier den grünen Kranz und warf ihn in das Wasser , wobei ihr die schönen langen Haare herabflossen . Cyparissus : Den grünen Kranz will ich nicht mehr , Und bist du nicht mein Hirschelein , Und gehe und laß mich nur allein , So habe ich es doch geschlagen tot . Phöbus : Deins Hirschleins Tod verdrießt mich sehr , Will dir ein andres suchen , In Eich ' und grünen Buchen , Vom Morgen bis zum Abendrot . In heißer Sonn , in kühler Nacht , Will ruhn in keiner Stunden , Bis ich ein solches funden , Damit ich tröste dein ' n bittern Schmerz . Cyparissus : In heißer Sonn , in kühler Nacht , Kannst keins du je erjagen Wie meins , das ich erschlagen , Dem ich durchstochen sein treues Herz . Verlassen hats sein ' n freien Stand , Von selbst kam es gegangen , Ich hab es nicht gefangen , Ein ' n treueren Freund giebt es wohl kaum . Am Halse trugs ein güldin Band , Mit Schellen auch von Golde , Und wenn ich reiten wollte , Legt ich ihm auf ein ' n Purpurzaum . Ihm war vergüldt sein hoch Geweih , Daß mit den vielen Enden Es alles mocht verblenden , Wann es rannte durch den dunklen Wald . Es schien , als obs ein Blitzstrahl sei , In seinen Ohren hinge Von Perlin ganz ein Ringe , So war geziert seine hohe Gestalt . Phöbus : O Cypariß ! Du holder Freund ! Ich geb dir Pfeil und Bogen , Mit Gold ganz überzogen , O höre doch auf betrübt zu sein . Dein schöne Augen sind ganz verweint , Von deinen süßen Wangen Ist ganz das Rot vergangen , Und deine Lippen sind so voll Pein . Komm , geh mit durch den dunklen Wald , Den wilden Schmerz zu kühlen , Will singen dir und spielen , Komm und vergesse dein Hirschelein . Cyparissus : Dein Pfeil und Bogen nur behalt Und in den Wald alleine geh , Denn ich vergeß es nimmermeh , Und sterbe hier voll großer Pein . Will setzen zu dem Hirschlein mich , Am heißen Mittag , wenn alles schweigt , Will ruhen da , Will sterben da , In der Einsamkeit will ich sterben , Meine Gedanken ganz traurig , Will sterben bei dem Hirschelein . Hier verließ Phöbus und Cypariß die Szene . Die Waldhörner spielten eine traurige Weise , und mehrere Stimmen sangen , ohne gesehen zu werden , folgendes Chor : Da saß der Jüngling und weinte , Der Gott konnt ihn nicht trösten , Und mocht nicht , daß er leide . Da macht er ihn aus Liebe Zu einer Trauerweide . Des Baumes Zweig ' sich senken Und scheinen still zu denken Und leis herabzuweinen , Cypressus er nun heißet . Hier war das Fest zu Ende , und alles schwieg still . Die Sonne hatte recht gut dekoriert . Im Anfange schien sie ganz heiß auf den Wasserfall und zog dann mit dem Gesange davon . Sie ging von der Seite des Phöbus , so daß Cypariß nach und nach ganz in den Schatten kam und auch der Saal viel düstrer ward . Achtes Kapitel Wir waren alle durch Flamettens Lied bewegt . Godwi allein äußerte nichts Bestimmtes . Es schien mir überhaupt , als habe er ein ganz eigenes Instrument im Busen , und seine Rührung sei sich stets gleich . Er hat sein Leben einer schönen Erinnerung hingegeben , und was ihn rührt , schlägt diese an , dennoch hat er ein gesundes originelles Urteil . Diese Originalität aber besteht aus einem einzigen großen Eindruck in seinem Inneren , von dem er immer seinem Urteil einen Klang mitgiebt und es so stempelt . Unsere Äußerungen über das Lied Flamettens führten uns zu einem allgemeinen Gespräche über das Romantische , und ich sagte : » Alles , was zwischen unserm Auge und einem entfernten zu Sehenden als Mittler steht , uns den entfernten Gegenstand nähert , ihm aber zugleich etwas von dem Seinigen mitgiebt , ist romantisch . « » Was liegt denn zwischen Ossian und seinen Darstellungen ? « sagte Haber . » Wenn wir mehr wüßten , « erwiderte ich , » als daß eine Harfe dazwischenliegt , und diese Harfe zwischen einem großen Herzen und seiner Schwermut , so wüßten wir des Sängers Geschichte und die Geschichte seines Themas . « Godwi setzte hinzu : » Das Romantische ist also ein Perspectiv oder vielmehr die Farbe des Glases und die Bestimmung des Gegenstandes durch die Form des Glases . « » So ist nach Ihnen also das Romantische gestaltlos , « sagte Haber , » ich meinte eher , es habe mehr Gestalt als das Antike , so , daß seine Gestalt allein schon , auch ohne Inhalt , heftig eindringt . « » Ich weiß nicht , « fuhr ich fort , » was Sie unter Gestalt verstehen . Das Ungestaltete hat freilich oft mehr Gestalt , als das Gestaltete vertragen kann ; und um dieses Mehr hervorzubringen , dürften wir also der Venus nur ein Paar Höcker anbringen , um sie romantisch zu machen . Gestalt aber nenne ich die richtige Begrenzung eines Gedachten . « » Ich möchte daher sagen , « setzte Godwi hinzu , » die Gestalt selbst dürfe keine Gestalt haben , sondern sei nur das bestimmte Aufhören eines aus einem Punkte nach allen Seiten gleichmäßig hervordringenden Gedankens . Er sei nun ein Gedachtes in Stein , Ton , Farbe , Wort oder Gedanken . « » Es fällt mir ein Beispiel ein , « versetzte ich , » verzeihen Sie , daß es die so sehr gewöhnliche Allegorie auf die Eitelkeit der Welt ist . Nehmen Sie eine Seifenblase an , denken Sie , der innere Raum derselben sei ihr Gedanke , so ist ihre Ausdehnung dann die Gestalt . Nun aber hat eine Seifenblase ein Moment in ihrer Ausdehnung , in der ihre Erscheinung und die Ansicht derselben in vollkommner Harmonie stehen , ihre Form verhält sich dann zu dem Stoffe , zu ihrem innern Durchmesser nach allen Seiten und zu dem Lichte so , daß sie einen schönen Blick von sich giebt . Alle Farben der Umgebung in ihr schimmern , und sie selbst steht nun auf dem letzten Punkte ihrer Vollendung . Nun reißt sie sich von dem Strohhalme los , und schwebt durch die Luft . Sie war das , was ich unter der Gestalt verstehe , eine Begrenzung , welche nur die Idee festhält , und von sich selbst nichts spricht . Alles andere ist Ungestalt , entweder zu viel , oder zu wenig . « Hier versetzte Haber : » Also ist Tassos Befreites Jerusalem eine Ungestalt « - » Lieber Haber , « sagte ich , » Sie werden mich ärgern , wenn Sie mir nicht sagen , daß Sie mich entweder nicht verstehen , oder mich nicht ärgern wollen . « » Ärgern Sie sich nicht , « erwiderte er , » denn ich tue weder das eine , noch will ich das andere , aber mit Ihrer Ungestalt des Romantischen bin ich nicht zufrieden , und setzte Ihnen grade den Tasso entgegen , da ich ihn kenne , und leider nur zu sehr empfinde , wie scharf und bestimmt seine Gestalt ist . Das fühle ich nur zu sehr , da ich damit umgehe , ihn einstens zu übersetzen . « » Daß Sie es zu sehr fühlen , ist ein Beweis für mich « , sagte ich ; » die reine Gestalt fühlt man nicht zu sehr ; und nehmen Sie sich in acht , daß Sie es auch den Leser Ihrer Übersetzung nicht zu sehr fühlen lassen , denn nach meiner Meinung ist jedes reine , schöne Kunstwerk , das seinen Gegenstand bloß darstellt , leichter zu übersetzen als ein romantisches , welches seinen Gegenstand nicht allein bezeichnet , sondern seiner Bezeichnung selbst noch ein Kolorit giebt , denn dem Übersetzer des Romantischen wird die Gestalt der Darstellung selbst ein Kunstwerk , das er übersetzen soll . Nehmen Sie zum Beispiel eben den Tasso ; mit was hat der neue rhythmische Übersetzer zu ringen ? Entweder muß er die Religiosität , den Ernst und die Glut des Tasso selbst besitzen , und dann bitten wir ihn herzlich , lieber selbst zu erfinden ; hat er dieses alles aber nicht , oder ist er gar mit Leib und Seele ein Protestant , so muß er sich erst ins Katholische übersetzen , und so muß er sich auch wieder geschichtlich in Tassos Gemüt und Sprache übersetzen , er muß entsetzlich viel übersetzen , ehe er an die eigentliche Übersetzung selbst kömmt , denn die romantischen Dichter haben mehr als bloße Darstellung , sie haben sich selbst noch stark . « » Bei den reinen Dichtern ist dies der Fall wohl nicht , « sagte Haber , » da sie doch noch etwas weiter von uns entfernt sind . « » Nein , « erwiderte ich , » obschon sie etwas weiter von uns entfernt sind , und grade deswegen nicht , weil diese große Ferne jedes Medium zwischen ihnen und uns aufhebt , welches sie uns unrein reflektieren könnte . Die Bedingnis ihres Übersetzers ist bloße Wissenschaftlichkeit in der Sprache und dem Gegenstande , er darf bloß die Sprache übersetzen , so muß sich seine Übersetzung zu dem Original immer verhalten , wie der Gipsabdruck zu dem Marmor . Wir sind alle gleichweit von ihnen entfernt , und werden alle dasselbe in ihnen lesen , weil sie nur darstellen , ihre Darstellung selbst aber keine Farbe hat , weil sie Gestalt sind . « Godwi sagte scherzend : » Nun also , lieber Haber , fangen Sie nur vorher an , sich zu übersetzen , schwerere Kontraktionen wollen wir Ihnen erläutern helfen , und tiefe Stellen , sollten welche vorkommen , müssen Sie erst in Konfessionen ergießen , um sie ans Licht bringen zu dürfen . Denn , übersetzen Sie sich nicht zuerst , so möchte , für alle die Religiosität , den Ernst und die Glut Tassos , liebenswürdiger Atheismus , süße Prosa und jene in den Musenalmanachen so häufige ästhetische Glut , Äther-Glut , Rosen-Glut oder Johanniswürmchen-Glut hervorkommen . « » Die Reime allein schon « , fuhr ich fort , » sind in unserer Sprache nur als Gereimtes wiederzugeben , und ja , sehen Sie , eben diese Reime schon sind eine solche Gestalt der Gestalt , und wie wollen Sie das alles hervorbringen ? Der italiänische Reim ist der Ton , aus dem das Ganze gespielt wird . Wird Ihr Reim denselben Ton haben ? Ich glaube nicht , daß Sie ein solcher Musiker sind , der aus allen Tonarten und Schlüsseln auf ein andres Instrument übersetzen kann , ohne daß das Lied hie und da stillsteht und sich zu verwundern scheint , oder seiner innern Munterkeit nach aus Neugierde mitgeht und sich selbst in dem luftigen ästhetischen Rock , der hier zu eng und dort zu weit , überhaupt seinem Charakter nicht angemessen , so ein Rock auf den Kauf ist , wie einen Geniestreich ansieht oder , wird es blind , wie ein vortrefflicher Adler , dem man eine Papiertute über den Kopf gezogen hat , dumm in einer Ecke sitzt . « Godwi lachte und sagte : » Eine Frage für ein Rezeptbuch - Wie übersetzt man einen italiänischen Adler ins Deutsche ? - Antwort - Recipe eine Papiertute , ziehe sie ihm über den Kopf , so ist er aus dem Wilden ins Zahme übersetzt , wird dich nicht beißen ; ja er ist der nämliche Adler , und zwar recht treu übersetzt . « » Recht getreu , « sagte ich , » denn er sitzt nun unter den deutschen Hühnern recht geduldig und getreu , wie ein Haustier . « » Jede Sprache « , fuhr ich fort , » gleicht einem eigentümlichen Instrumente , nur jene können sich übersetzen , die sich am ähnlichsten sind ; aber eine Musik ist die Musik selbst und keine Komposition aus des Spielers Gemüt und seines Instrumentes Art. Sie erschafft sich da , wo das Instrument , der Tonmeister und die Musik in gleicher Vortrefflichkeit sich berühren . Viele Übersetzungen , besonders die aus dem Italiänischen , werden immer Töne der Harmonika oder blasender Instrumente sein , welche man auf klimpernde oder schmetternde übersetzt . Man versuche es einmal mit dem Petrarch ; wenn mehr herauskömmt als ein gereimtes Florilegium , an dem man die Botanik seiner Poesie studieren kann , wenn mehr herauskömmt als eine officinelle Übersetzung , wenn nicht jedes Sonett ein Rezept an ein Wörterbuch wird , wo man des Reimes wegen immer die Surrogate statt der Sache nehmen muß , statt Zitronensäure Weinstein , statt Zucker Runkelrüben , so will ich den Entschluß aufgeben , sollte ich je lieben , eine Reihe deutscher Sonette zu machen , die keiner ins Italiänische übersetzen wird . « » Den Dante halten Sie denn wohl für ganz unübersetzlich « , sagte Haber . » Grade einen solchen weniger , « fuhr ich fort , » ebenso wie den Shakespeare . Diese beiden Dichter stehen ebenso über ihrer Sprache wie über ihrer Zeit . Sie haben mehr Leidenschaft als Worte , und mehr Worte als Töne . Sie stehen riesenhaft in ihren Sprachen da , und ihre Sprache kann sie nicht fesseln , da ihrem Geiste kaum die Sprache überhaupt genügt , und man kann sie wohl wieder in einen anderen wackeren Boden versetzen . Es kann gedeihen , nur muß es ein Simson getan haben . Transportierte Eichen bleiben sie immer , an denen man die kleinen Wurzeln wegschneiden muß , um sie in eine neue Grube zu setzen . Die meisten anderen italiänischen Sänger aber haben ganz eigentümliche Manieren , die in der Natur ihres Instrumentes liegen , es sind Tonspiele , wie bei Shakespeare Wortspiele ; Tonspiele können nicht übersetzt werden , wohl aber Wortspiele . « » Wie sind wir auf die Übersetzungen gekommen ? « sagte Godwi . - » Durch das romantische Lied Flamettens « , sagte ich . » Das Romantische selbst ist eine Übersetzung « - In diesem Augenblick erhellte sich der dunkle Saal , es ergoß sich ein milder grüner Schein von dem Wasserbecken , das ich beschrieben habe . » Sehen Sie , wie romantisch , ganz nach Ihrer Definition . Das grüne Glas ist das Medium der Sonne . « Neuntes Kapitel Es ging wirklich etwas Bezauberndes mit diesem Becken und seinen Früchten vor , und die Erscheinung war mir äußerst überraschend . Die Früchte , die halb in der Wand verborgen waren , fingen allmählich an zu schimmern . Zuerst erleuchteten sich der Lorbeerkranz mit dem Schmetterlinge und die Trauben , ein dunkles ernsthaftes Grün , das endlich in verschiedene Stimmungen über die umgebenden Früchte zerrann . Dann glühte das ganze Becken in mildem grünen Feuer , und die schillernden Tropfen , die zwischen den Früchten hervordrangen , leuchteten und sammelten die verschiedenen Grade des Feuers in dem Boden des Beckens , das mit grünem Spiegel überzogen die immer gleiche Menge des Wassers mit einer zurückstrahlenden Seele belebte , und in dieser brannte das Ganze noch einmal reflektiert . Wir standen alle erfreut vor dem großen Smaragde , der zu leben schien , und ich empfand in mir einen heftigen Eindruck , eine ganz wunderbare Sehnsucht . » Ich wollte , das Ding schwiege still , erblaßte und verlöre seine Gestalt , « sagte ich , » denn eins allein von diesen könnte ich nicht sagen . Hier ist Ton , Farbe und Form in eine wunderliche Verwirrung gekommen . Man weiß gar nicht , was man fühlen soll . Es lebt nicht und ist nicht tot , und steht auf allen Punkten auf dem Übergange , und kann nicht fort , es liegt etwas Banges , Gefesseltes darin . « » Aufhören wird es bald , « sagte Godwi , » wenn sich nur die Sonne wendet . In der Einrichtung liegt das Schöne , daß es mit dem himmlischen Lichte in Verbindung steht . Wenn die Sonne sich wendet , verliert es sein Leben und stirbt . « Bald wechselte die ganze Beleuchtung gleichsam stoßend , einmal , zweimal , und alles war vorüber . Godwi erzählte uns , daß der verborgene Teil des Kunstwerks von außen der Sonne ausgesetzt sei , die , wenn sie auf einem gewissen Punkte stehe , durch mehrere geschliffene Spiegel , die im Inneren sehr künstlich angebracht seien , das Becken so erleuchte . Sein Vater habe eine Zeitlang viele Künstler um sich gehabt , denen er vieles verdanke , und unter ihren Arbeiten seien auch manche , die ihm selbst wohltäten . Ich fragte ihn : » Warum nur manche , da doch jedes schöne Werk ein allgemeines Gefallen zur Bedingung hat ? « » Mein Vater , « erklärte er , » wollte nicht das Schöne der Kunst , er wollte nur ihre Macht . Sie sollte ihm dienen , denselben Eindruck , den er wollte , ihm auf alle Arten zu geben . Sie sollte ihm etwas , was er gern vergessen hätte und nie vergessen konnte , seinem unerreichlichen Wunsche zum Trotze auf allen Seiten hinstellen . Nehmen Sie an , er habe sich vor Geistern gefürchtet und sie seien oft neben ihm getreten , so sei er nun aus Verzweiflung ein zweiter Faust geworden , habe die Geister zu sich gezwungen , um ihm zu dienen , habe sich unter sie gestürzt , um sie nicht zu fürchten . So ist er mit der Kunst umgegangen ; alles , was er arbeiten ließ , umfaßte einzelne Ideen , von denen eine mich in meiner Jugend schon peinigte , und die mich jetzt , da ich sie kenne , da ich mich kenne , und meine Bestimmung , nur dann und wann rührt . « Hier hielt er ein , und ich durfte ihn nicht fragen , denn mit seiner Rede war sein Schmerz gestiegen ; aber Haber durfte ihn fragen , weil seine Neugierde größer war als seine Schonung ; - » und diese Idee ? « - sagte er . Godwi sah ihn an , und sprach lächelnd : - » und diese Idee habe ich in meinen Worten ganz allein verhüllt , weil ich sie nicht sagen wollte . « » Dies Becken aber , das uns soeben erfreuete , « fragte ich , » wie kam er zu diesem , warum bauete er den wunderbaren Saal , in dem wir sitzen , und das ganze Jägerhaus ? « Godwi erwiderte : » Er tat dieses einer gewissen Kordelia2 wegen , die sich hier aufhielt , und auch hier gestorben ist , einem sehr merkwürdigen Weibe , durch seine so einseitige Anhänglichkeit an die tote Natur , daß es alle Menschen , und besonders die Männer , vermied . Diese Kordelia brachte ihre letzten Jahre hier zu . Sie war ein Jahr vor meines Vaters Abreise nach Italien in meiner Abwesenheit hierher gekommen . Mein Vater ließ ihr dieses Haus nach ihrer Phantasie erbauen . Sie starb unter freiem Himmel , und liegt hier im Walde begraben . Ich erbrach ihren letzten Willen , der nichts enthielt als die Bitte , den versiegelten Schrank in ihrer Schlafstube nicht eher zu erbrechen , bis ihr eigentlicher Name bekannt sei , der immer noch verborgen ist . Dies einzelne Werk , das Becken , kaufte ich von einer emigrierten Familie auf meiner Reise . Es ist von einem Straßburger Künstler aus dem funfzehnten Jahrhundert , der nicht bekannt geworden ist , weil er mit seltsamen , ganz eigentümlichen Zwecken arbeitete . Alle seine Werke sind in einem solchen phantastischen romantischen Stil , und bezeichnen seinen wunderbaren Gemütszustand . Dieses Becken war ihm eigen geblieben , und seine Erben kannten den Gebrauch durch ihn . Da die Wirkung mir gefiel , kaufte ich es , und schickte es meinem Vater , der es Kordelien zur Freude hier anbringen ließ . Zu gleicher Zeit habe ich mancherlei Papiere dieses Künstlers gekauft , die wir einmal miteinander durchlesen wollen3 . « Über diesem war es Abend geworden , und Haber erinnerte an das Heimgehen vor Nacht . » Wenn es Zeit ist , « sagte Godwi , » kömmt mein Jäger von selbst , uns zu rufen . Er kennt unsere gewöhnliche Zeit , und überdies ist Flametta so spröde gegen ihn , daß er sicher früh genug aufgebracht sein wird , und dann wird er uns schon abholen ; es wäre unfreundlich , ihn jetzt zu stören , da er bei dem Apollo uns zuliebe schon so viele Zeit versäumt hat . « » Erzählen Sie uns doch etwas näheres von Flametta « , sagte ich . Er erinnerte aber , ich sei die Rede der Kreuzfahrer noch schuldig , ich möchte diese nur erst sprechen lassen ; denn es wäre äußerst unartig , solche entschlossene Jünglinge länger in der Beratschlagung stehenzulassen . Haber sagte : » Ihr letzter Satz war - « » So schwebte , ruhend die Fittiche , in unentschiedenem Fluge ihr Geschick . « Zehntes Kapitel Drei Haufen standen die Edeln am Ufer des Weltmeers . Nebel lag um sie her , und die Treuen sahen sich kaum untereinander , doch erkannten sie sich immer noch , wenn hie und da ein Wort aller im Enthusiasmus der Redner lauter schallte . Von dem einen Haufen hörte man unaufhörlich die Worte : Kraft , Ideale Natur , Individualität . Von dem andern die Worte : Streben in sich zurück , Selbsterkenntnis , Tiefe , Fülle . Und von dem dritten hörte man : Lebensgenuß , Zurückreißen der Natur in sich , Verindividualisierung . Endlich nun erstand ein Redner aus jedem Haufen . Der Redner der Tapfersten trat hervor , und rief aus : » Dränget euch aneinander , ihr Freunde , ein einziger Wille , ein Phalanx dem Nebel , der uns neidisch einander entreißen will , ich habe ein Wort der Kraft an euch zu reden , welches gleich einem Magnete alle reine eisenhaltige Herzen an sich ziehen und zu einer Individualität vereinigen wird . « Die anderen näherten sich , ihre Redner an der Spitze , und der erste fuhr fort : » Stehet fest , fest meine Freunde ! lasset euch nicht irren - es gilt jetzt - Ihr habt in der Kraft eurer idealen Natur eure Selbsten einer Aufgabe geweiht ; was darf euch berechtigen , sie fallen zu lassen , als die Anschauung ihrer Nihilität - Ich sprach mit euch , da ihr noch schwach waret ; jetzt müßt ihr entern - das nenne ich , mit eigner Kraft eurer Selbst eueren Vorsatz und alle selbstgefundenen Mittel fassen , halten , durchführen ; nur so seid ihr für den heiligen Krieg - oder diesen Gedanken in euren Seelen in den Abgrund der Vergessenheit senken , und alle Wellen eurer alten Gedanken über ihm zusammenschlagen lassen , wie die Wellen des vor uns liegenden Weltmeers über unsre streitglühenden Körper hinschlagen werden ; denn wer dem Weltmeere die Brust nicht bieten mag , der ist kein Sohn seiner Mutter , die es tut , der Erde - O ihr habt mich so oft angestaunt , da ich in objektiver Ruhe unter euch wandelte ; erschrecken werdet ihr , wenn ihr schwach seid , und ich handelnd auftrete . Ergründet schnell eure Subjektivität , und sprechet mit Klarheit , ob ihr fähig seid , mit mir zu handeln ? « Hier hielt der edle Mann ein , einige riefen bravo ! viele murrten , dann sprach ein anderer Redner . Mit der zärtlichen Undeutlichkeit eines menschenliebenden , aber ganz in sich allein zurückkehrenden Gemütes redete er alle an , indem er sich zu dem vorigen Redner wendete : » In der Tiefe deiner Brust bemerke ich eine apriorische Anschauung unsers Zustandes , die du mit Recht als ein Produkt von dir selbst giebst , weil sie falsch sein dürfte für die Intensität vieler , die hier stehen und erkannt haben den Ursitz der Welt , und die einzige Straße nach dem Besitze und der Gabe . Ich spreche daher zu jenen Glücklichen unter uns , deren Wesen dem unendlichen tiefen Milchbrunnen gleicht , von dem ein kindlicher Aberglauben sagt , daß die unschuldigen Kindlein aus ihm herauskommen , - zu jenen spreche ich , welche die Schöpfung in der Brust , in dem reinen tiefen Spiegel ihres Herzens tragen , und welche mit mir die tiefen Worte des begeisterten Helden , der damals so feierlich zu dem Volke sprach , verstanden haben . - Er selbst hat sich nicht verstanden , und war nur ein Organ der Religion , wie hätte er sonst nach seinen eignen Worten : Glaubet aber nicht , das Grab Christi sei außer euch , und es stehe zu erlösen im Kriege fanatischer Waffen - in euch selbst ist das Grab des Herrn , von den Sünden des Unglaubens geschändet , nur in euch könnt ihr es befreien , und die äußerliche Tat ist nur gesellschaftlich , in euch ist die Tiefe , die Fülle , die Klarheit , strebet in euch zurück , kommet zur Selbsterkenntnis . Wie hätte er sonst nach diesen seinen Worten hinziehen können in Unendlichkeit und leerem Streben der Individualität ins Universum . Wohin fliehet ihr , ihr Geister ! - in die Unendlichkeit ? Diese Kraft , euch aufzuschwingen , gab euch die Natur - aber sie treibt euch auch in die Endlichkeit zurück - schon die unfreundlichen Wellen dieses Weltmeers tun es , und sind , obschon sehr lange , doch wohl lange noch nicht die Natur - o Freunde , die ihr in euch , wie ich , den Lampenfunken des heiligen Grabes brennen sehet , bleibt zurück , denn das heilige Grab ist in euch - o ! verliert es nicht in den Wellen , weil ihr es erobern wollt . Flattert nicht über die Endlichkeit hinaus , sonst werdet ihr bald , der Unendlichkeit müde , in eure Leerheit zurückkehren - durch inneres Vergraben erwerbet euch das heilige Grab - und schreitet so in ewiger Vertieferung in die Unendlichkeit dieses Grabes . Wo wollt ihr euch aber finden , als in der Endlichkeit ! Wo könnt ihr Kraft anwenden , als in dieser ! - Überfliehet ihr sie , so stumpfen sich eure Kräfte mehr und mehr ab , es ist kein Rückhalt da , der euch festhalte , es ist kein Schiff auf diesem Weltmeere , und euer endloses Streben , eure schwimmenden Arme werden endlich doch in einen Wallfischmagen verendlicht , oder gar endlich als Fischtran auf Schuhen und Stiefeln , oder Fischbein in Schnürbrüsten ( schreckliche Beschränkung schöner Weiblichkeit ! ) verindividualisieret werden . Greifet ein in die Endlichkeit - suchet in euch das Ideal des heiligen Grabes , das eurem Wesen harmoniert ; dieses fasset ganz , und alle Äußerungen , wonach ihr die Unendlichkeit modifiziert , seien euch nach diesem Ideale bestimmt . So könnt ihr das heilige Grab in euch erlösen , und von seiner Fülle , die sich in der Blüte ewiger Herrlichkeit erneuert und füllt , die Wunder auf alle andere durch euch ausströmen lassen . « » Bravo , heiliger göttlicher Ausleger ! « schrieen viele Stimmen mit einem seufzenden sehnsüchtigen Tone . Der dritte Haufen und seine Redner hatten sich währenddem über den Mundvorrat in den Körben der Esel hergemacht , sie lagen umher und schliefen . Pumps , pumps , pumps , tat es drei Schläge ins Weltmeer , die wenigen Anhänger des mutigen ersten Redners stürzten sich hinein . Die Anhänger des zweiten traten dicht zusammen und umklammerten , einer dem andern in den Armen ruhend , die heiligen Gräber ; unter diesen waren jene innigen , dringenden , brünstigen Freunde . Sie zogen wankend feldein , und man hat weiter nichts von ihnen gehört , als in einigen Volksromanzen , welche die Fischer und Schäfer dort singen , allerlei Überbleibsel ihres selbstischen Wahnsinnes . Auch sollen durch ihre fernern Taten fast alle Arten von Aberglauben , fliegende Drachen , Beischlaf des Teufels mit Hexen und besonders das Alpdrücken bei jungen schlafenden Frauenzimmern entstanden