das wirkte , « sagte Gretchen mit einem solchen Ausdruck des Ingrimms , daß Hubert betroffen einen Schritt zurücktrat , aber gleich darauf trat er zwei näher . » Es beglückt mich sehr , daß Sie ein solches Interesse an dem Ergehen meines Onkels nehmen . Auch er interessiert sich bereits für Sie . Ich habe ihm oft von dem Hause und der Familie geschrieben , wo ich eine so liebenswürdige Aufnahme gefunden habe , und er würde mit Freuden hören , daß ich dieser Familie – « Da war er schon wieder so weit . Das junge Mädchen sprang in voller Verzweiflung auf , lief an das gerade offen stehende Klavier und begann zu spielen . Aber sie unterschätzte die Beharrlichkeit des Bewerbers , denn schon in der nächsten Minute stand er neben ihr und hörte zu . » Ah , der Sehnsuchtswalzer ! Mein Lieblingsstück ! Freilich , die Musik vermag es am besten , die Gefühle des Herzens auszudrücken – nicht wahr , Fräulein Margarete ? « Fräulein Margarete fand , daß sich heute alles gegen sie verschworen habe . Es war zufällig das einzige Stück , das sie auswendig wußte , und sie wagte nicht aufzustehen und Noten zu holen , denn die Miene des Assessors verriet , daß er nur auf eine Pause im Spiel wartete , um den Gefühlen seines Herzens Worte zu geben . So ließ sie denn den Sehnsuchtswalzer mit vollster Kraft und im Tempo eines Sturmmarsches über die Tasten hinrasen . Es klang fürchterlich , und es sprang eine Saite dabei , aber der Lärm wurde glücklicherweise so arg , daß er jede etwaige Liebeserklärung übertönen mußte . » Sollte das Fortissimo wohl hier am Platze sein ? « wagte Hubert zu bemerken . » Ich meinte immer , das Stück müsse im schmelzenden Piano gespielt werden . « » Ich spiele es im Fortissimo , « erklärte Gretchen und schlug auf die Tasten , daß die zweite Saite sprang . Der Assessor war etwas nervös ; er fuhr zusammen . » Sie werden das schöne Instrument verderben , « sagte er , sich mit Mühe verständlich machend . » Wozu gibt es Klavierstimmer in der Welt ? « rief Gretchen . Als sie merkte , daß der musikalische Lärm dem Assessor unangenehm wurde , steigerte sie ihn zu einer ganz unglaublichen Höhe und opferte kaltblütig die dritte Saite . Das half endlich . Hubert sah ein , daß man ihn heute nicht zu Worte kommen lassen wollte , und trat den Rückzug an , ärgerlich , aber mit unerschüttertem Vertrauen . Die junge Dame hatte ihn ja damals beim Schnupfenfieber mit so rührender Aufmerksamkeit gepflegt , und heute hatte sie ihn einen bedeutenden Menschen genannt und ihm Mangel an Selbstvertrauen vorgeworfen . Freilich , ihr Eigensinn blieb unberechenbar , aber sie liebte ihn dennoch . Als er fort war , stand Gretchen auf und schloß das Klavier . » Drei Saiten sind gesprungen , « sagte sie wehmütig und doch mit einer gewissen Befriedigung , » Aber ich habe ihn richtig wieder nicht zur Erklärung kommen lassen . Und das übrige kann Papa besorgen . « Damit setzte sie sich wieder an den Nähtisch , holte das Buch hervor und vertiefte sich aufs neue in die Geschichte des Germanentums . – Es war einige Stunden später , als Waldemar Nordeck von L. zurückkehrte , wohin er heute morgen geritten war . Er kam jetzt öfter dorthin ; der Verkehr zwischen dem Schlosse und der Stadt war überhaupt lebhafter geworden . Der Umstand , daß Wilicza gerade die Grenzwaldungen einschloß und daß man der dortigen Bevölkerung am wenigsten traute , machte manche Besprechungen und Verständigungen hinsichtlich der zu nehmenden Maßregeln notwendig , und der Präsident wußte zu gut , welche feste energische Stütze er in dem jungen Gutsherrn hatte , um ihn nicht stets mit der größten Zuvorkommenheit aufzunehmen . Auch heute war Waldemar bei ihm gewesen und dort mit einigen der höheren Beamten und Offiziere aus L. zusammengetroffen , und die sämtlichen Herren fanden aufs neue ihre schon früher gehegte Meinung bestätigt , daß der junge Nordeck im Grunde doch eine durchaus kalte unempfindliche Natur sei . Jeden andern würde das gezwungen feindselige Verhältnis der eigenen Mutter und dem eigenen Bruder gegenüber doch wenigstens gedrückt und gequält haben , ihn schien es gar nicht zu berühren . Er war wie immer ernst , zurückhaltend , aber entschlossen und bereit , die einmal gewählte Stellung bis aufs Aeußerste zu behaupten . Waldemar hatte freilich allen Grund , den Fremden diese ruhige Stirn zu zeigen ; er wußte , daß sein Verhältnis zu seiner Mutter das Tagesgespräch in L. bildete und daß die abenteuerlichsten Gerüchte darüber die Runde machten – da galt es ihnen wenigstens nicht neue Nahrung zu geben . Jetzt , wo er sich allein und unbeachtet wußte , stand ein Zug verbissenen Schmerzes in seinem Gesicht , der nicht weichen wollte , und die Stirn war so finster umwölkt , wie sie vorhin klar gewesen . Er ritt im Schritte vorwärts , ohne auf die Umgebung zu achten , und hielt bei einer Kreuzung des Weges fast mechanisch sein Pferd an , um einen Schlitten vorbei zu lassen , der in vollem Galopp herankam und dicht an ihm vorüberfuhr . Normann bäumte sich plötzlich in die Höhe . Der Reiter hatte den Zügel mit so wilder Heftigkeit an sich gerissen , daß das Tier erschrak und einen jähen Sprung seitwärts machte . Dabei geriet es aber mit den Hinterfüßen in einen nur lose vom Schnee verdeckten Graben , der längs des Fahrweges hinlief ; es strauchelte und wäre fast mit seinem Herrn zu Fall gekommen . Waldemar brachte es schnell genug wieder aus dem Graben und auf die Höhe des Weges , aber der leichte Unfall schien ihn , den kühnen unerschrockenen Reiter , gänzlich aus der Fassung gebracht zu haben . Sie fehlte ihm noch vollständig , als er sich dem Schlitten näherte , welcher auf einen Zuruf der Dame stillgehalten hatte . » Verzeihen Sie , Gräfin Morynska , wenn ich Sie erschreckt habe ! Mein Pferd scheute vor der plötzlichen Begegnung mit dem Ihrigen ! « Wanda war sonst schreckhaften Regungen nicht leicht zugänglich ; vielleicht trug weniger der Schrecken als das unerwartete Zusammentreffen – das erste seit drei Monaten – die Schuld an der tiefen Blässe , die noch auf ihrem Antlitze lag , als sie erwiderte : » Sie haben doch keinen Schaden genommen ? « » Ich wohl nicht , aber mein Normann – « Er vollendete nicht , sondern sprang rasch aus dem Sattel , Das Pferd hatte offenbar eine Verletzung an einem seiner Hinterfüße erlitten . Es hielt ihn , wie im Schmerz , emporgezogen und verweigerte das Auftreten damit . Waldemar untersuchte flüchtig den Schaden und wandte sich dann wieder zu der jungen Gräfin . » Es ist nicht von Bedeutung , « sagte er in demselben kalten gezwungenen Tone wie vorhin , » Ich bitte Sie , Ihre Fahrt deswegen nicht zu unterbrechen . « Er grüßte und trat zur Seite , um den Schlitten vorüber zu lassen . » Wollen Sie denn nicht wieder aufsteigen ? « fragte Wanda , als sie sah , daß er den Zügel um seinen Arm schlang . » Nein ! Normann hat sich am Fuße beschädigt und hinkt bedeutend . Es ist ihm schon schmerzhaft genug , nur aufzutreten . Er kann unmöglich noch einen Reiter tragen . « » Es sind noch zwei Stunden Wegs nach Wilicza , « bemerkte Wanda . » Die können Sie doch nicht zu Fuß und im langsamen Schritt zurücklegen . « » Es wird mir doch nichts andres übrigbleiben , « versetzte Nordeck ruhig . » Mindestens muß ich mein Pferd bis zum nächsten Dorfe führen , wo ich es abholen lassen kann . « » Aber dann wird es dunkel , ehe Sie das Schloß erreichen . « » Das thut nichts ; ich kenne den Weg . « Die junge Gräfin warf einen Blick auf den Weg nach Wilicza , der sich schon nach einer kurzen Strecke im Wald verlor ; sie wußte , daß diese Waldumgebung ihm blieb bis in die unmittelbare Nähe des Schlosses . » Wäre es nicht besser , Sie bedienten sich meines Schlittens ? « sagte sie leise , ohne aufzublicken . » Mein Kutscher kann Ihr Pferd ja inzwischen nach dem Dorfe bringen . « Waldemar sah sie betroffen an ; das Anerbieten schien ihn aufs höchste zu überraschen . » Ich danke . Sie fahren jedenfalls nach Rakowicz ? « » Der Umweg über Rakowicz ist nicht groß , « fiel Wanda hastig ein , » und von dort aus können Sie das Gefährt allein benutzen , « Die Worte klangen seltsam gepreßt , beinahe angstvoll . Waldemar ließ langsam den Zügel niedergleiten . Es vergingen einige Sekunden , ehe er antwortete : » Ich thue doch wohl besser , direkt nach Wilicza zu gehen . « » Ich bitte Sie aber , das nicht zu thun , sondern mit mir zu fahren . « Diesmal sprach die Angst so unverkennbar aus Wandas Stimme , daß die Weigerung nicht erneuert wurde . Nordeck übergab dem Kutscher , der auf den Wink der Herrin abgestiegen war , das Pferd mit der Weisung , es möglichst schonend nach dem bezeichneten Dorfe zu führen , wo es abgeholt werden würde . Er selbst bestieg den Schlitten , aber er schwang sich auf den hinten befindlichen Kutschersitz und ergriff die Zügel . Der Platz neben der jungen Gräfin blieb leer . Die Fahrt ging in tiefem Schweigen vor sich . Das Anerbieten war so einfach und selbstverständlich ; die Ablehnung wäre seltsam , ja beleidigend gewesen zwischen zwei so nahen Verwandten , aber die Unbefangenheit hatten die beiden längst verlernt , und dies unerwartete Wiedersehen raubte ihnen den letzten Rest davon . Waldemar wendete seine Aufmerksamkeit ausschließlich den Zügeln zu , und Wanda hüllte sich fester in ihren Pelz , ohne auch nur einmal den Kopf umzuwenden . Man stand bereits im Anfange des März , aber der Winter schien diesmal gar nicht weichen zu wollen . Kurz vor dem Scheiden ließ er noch einmal all seine Schrecken los über die arme Erde , die schon dem ersten Frühlingshauche entgegenharrte . Ein tagelang andauerndes Schneegestöber hüllte sie aufs neue in das Leichengewand , das sie mühsam abgestreift hatte . Wieder starrte die Landschaft in Schnee und Eis , und Sturm und Kälte stritten miteinander um die Oberhand . Der Sturm und das Schneetreiben hatten sich zwar seit heute morgen gelegt , aber trotzdem war es ein so trüber , kalter Winternachmittag , als stehe man noch im Dezember . Die Pferde griffen kräftig aus , und der Schlitten schien auf der glatten Bahn zu fliegen , aber der eisige Hauch dieses winterlichen Märztages lag auch auf den beiden Insassen , die in ihrem Schweigen beharrten . Sie waren seit jener Stunde am Waldsee zum erstenmal wieder allein , und so düster melancholisch jener Herbstabend auch gewesen war , mit seinem fallenden Laub und seinen wogenden Nebelgestalten , damals regte sich doch wenigstens noch das Leben der Natur , wenn auch nur im Sterben , jetzt war auch das zu Ende . Es lag eine Totenstille auf den weiten Feldern , die sich so weiß und endlos ausdehnten . Nichts als Schnee ringsum , so weit das Auge reichte ! Die Ferne verhüllte sich in trüben Nebel , und den Himmel deckte finsteres Schneegewölk , das schwer und träge dahinzog ; sonst war alles starr und tot in dieser winterlichen Oede und Einsamkeit . Der Weg verließ jetzt das freie Feld und bog in die Waldung ein , die bisher seitwärts geblieben war . Auf dem tieferen windgeschützten Waldwege lag der Schnee so hoch , daß die Pferde nur im Schritt zu gehen vermochten . Der Führer ließ die Zügel sinken , die er bisher straff gehalten hatte und aus der schwindelnd schnellen Fahrt wurde ein leises Dahingleiten . Die dunklen Tannen zu beiden Seiten beugten sich schwer unter der Schneelast , die sie trugen . Einer der tief herniederhängenden Zweige streifte Waldemars Haupt , und eine ganze Wolke von weißen Flocken ergoß sich über ihn und seine Begleiterin . Diese wendete sich jetzt zum erstenmal halb nach ihm um und sagte , auf die Bäume deutend : » Durch solchen dichten Forst führt der Weg nach Wilicza ununterbrochen . « Waldemar lächelte flüchtig . » Das ist mir nicht neu . Ich mache den Weg ja oft genug , « » Aber nicht zu Fuße und bei einbrechender Dämmerung ! Wissen Sie es nicht oder wollen Sie es nicht wissen , daß das eine Gefahr für Sie ist ? « Das Lächeln verschwand aus Nordecks Zügen und machte dem gewohnten Ernste Platz . » Wenn ich noch daran zweifelte , so würde die Kugel mich belehrt haben , die neulich , als ich von der Grenzförsterei zurückkam , an meinem Kopfe so dicht vorüberflog , daß sie mir fast das Haar streifte . Der Schütze ließ sich nicht blicken ; er schämte sich vermutlich seiner – Ungeschicklichkeit . « » Nun , wenn Sie bereits die Erfahrung gemacht haben , so ist Ihr stetes Alleinreiten geradezu eine Herausforderung ! « rief Wanda , die es nicht vermochte , ihren Schrecken bei dem Bericht zu verbergen . » Ich reite niemals unbewaffnet , « versetzte Waldemar gelassen , » und gegen einen Schuß aus dem Hinterhalt schützt mich keine Begleitung . Den augenblicklichen Verhältnissen in Wilicza gegenüber ist die Macht der Persönlichkeit überhaupt das einzige , was noch wirkt . Wenn ich Furcht zeige und mich mit Vorsichtsmaßregeln umgebe , ist es zu Ende mit meiner Autorität . Wenn ich fortfahre , den Angriffen allein die Spitze zu bieten , wird man davon ablassen . « » Und wenn jene Kugel getroffen hätte ? « fragte Wanda mit leise bebender Stimme , » Sie sehen doch , wie nahe Ihnen die Gefahr war . « Der junge Mann beugte sich halb über ihren Sitz . » Wollten Sie mich einer ähnlichen Gefahr entziehen , als Sie vorhin auf meiner Begleitung bestanden ? « » Ja , « war die kaum hörbare Antwort . Er schien eine Erwiderung auf den Lippen zu haben , aber wie von einer Erinnerung durchzuckt , richtete er sich plötzlich wieder auf und griff fester in die Zügel , während er mit aufquellender Bitterkeit sagte : » Das werden Sie schwerlich vor Ihrer Partei verantworten können , Gräfin Morynska . « Sie wandte sich jetzt vollständig nach ihm um , und ihr Auge begegnete dem seinigen . » Nein , denn Sie haben ihr offene Feindschaft angesagt . Es lag in Ihrer Hand , uns den Frieden zu bieten . Sie erklärten uns den Krieg . « » Ich that , was ich mußte . Sie vergessen , daß mein Vater ein Deutscher war . « » Und Ihre Mutter ist eine Polin . « » Sie brauchen mich nicht mit diesem Tone des Vorwurfs daran zu erinnern , « sagte Waldemar . » Der unselige Zwiespalt hat mir allzuviel gekostet , als daß ich ihn auch nur auf eine Minute vergessen könnte . Er verschuldete schon die Trennung zwischen meinen Eltern ; mir hat er die Kindheit vergiftet , die Jugend verbittert und die Mutter geraubt . Sie hätte mich vielleicht geliebt wie ihren Leo , wenn ich ein Baratowski gewesen wäre wie er . Daß ich der Sohn meines Vaters war , habe ich bei ihr am schwersten büßen müssen . Wenn wir uns jetzt auch politisch feindlich gegenüberstehen , so ist das nur die Konsequenz der Vergangenheit . « » Die Sie mit eiserner Stirn durchführen ! « rief Wanda auflodernd . » Jeder andre würde eine Aussöhnung , einen Ausgleich gesucht haben ; der würde zwischen Mutter und Sohn ja doch möglich gewesen sein . « » Zwischen Mutter und Sohn vielleicht , aber nicht zwischen der Fürstin Baratowska und mir . Sie stellte mich vor die Wahl , entweder Wilicza und mich selber willenlos ihren Interessen dienstbar zu machen , oder ihr den Krieg zu erklären . Ich habe das letztere vorgezogen , und sie sorgt dafür , daß auch nicht einen Tag Waffenstillstand ist . Wenn es nicht noch immer den Streit um die Herrschaft gälte , so hätte sie mich längst schon verlassen ; mir galt ihr Bleiben gewiß nicht . « Wanda gab keine Antwort . Sie wußte , daß er recht hatte , aber es drängte sich ihr unwillkürlich die Gewißheit auf , daß gerade dieser Mann , der allgemein für so kalt und unempfindlich galt , das Verhältnis zu seiner Mutter mit einer grenzenlos tiefen und schmerzlichen Bitterkeit empfand . In den seltenen Momenten , wo er überhaupt sein Inneres aufschloß , kam er immer wieder darauf zurück . Die Gleichgültigkeit der Mutter gegen ihn und ihre unbegrenzte Liebe zu dem jüngeren Sohne war der Stachel gewesen , der sich schon in die Seele des Knaben gesenkt hatte – der Mann konnte das noch heute nicht verwinden . Die kurze Waldstrecke lag bereits hinter ihnen , und jetzt , wo die Pferde ihre Schnelligkeit zurückgewannen , tauchte auch bald Rakowicz auf . Waldemar wollte in den Hauptweg einlenken , der dorthin führte , aber Wanda wies nach einer andern Richtung . » Ich bitte Sie , mich am Eingang des Dorfes aussteigen zu lassen . Ich gehe die kurze Strecke gern zu Fuß , und Sie bleiben auf dem Wege nach Wilicza . « Nordeck sah sie einen Moment schweigend an . » Das heißt , Sie wagen es nicht , in meiner Begleitung in Rakowicz zu erscheinen . Freilich , ich vergaß , daß man Ihnen das nie verzeihen würde . Wir sind ja Feinde . « » Wir sind es durch Ihre Schuld allein , « erklärte Wanda . » Es zwang Sie niemand , uns den Gegner zu zeigen . Unser Kampf gilt nicht Ihrem Vaterlande ; er wird drüben auf fremdem Boden gekämpft . « » Und wenn die Ihrigen siegen auf diesem Boden ? « fragte Waldemar langsam und scharf . » Wer kommt dann zunächst an die Reihe ? « Die junge Gräfin schwieg . » Wir wollen das lieber nicht erörtern . « sagte Nordeck bitter . » Es mag ja eine innere , eine Naturnotwendigkeit sein , die Ihren Vater und Leo in den Streit getrieben hat , aber die gleiche Notwendigkeit treibt mich zum Widerstand . Mein Bruder hat es freilich leichter als ich . Ihm haben Geburt und Familientradition von jeher nur einen Weg gezeigt , und er ist ihn gegangen , ohne Wahl , ohne Zwiespalt – mir ist beides nicht erspart geblieben . Ich vermag es nun einmal nicht , zwischen zwei feindlichen Parteien hin und her zu schwanken und beiden oder keiner anzugehören ; ich muß einer Sache Freund oder Feind sein . Was mich die Wahl gekostet hat , danach fragt niemand . Gleichviel , ich habe gewählt , und wo ich einmal stehe , da bleibe ich stehen . Leo wirft sich mit glühender Begeisterung in den Kampf für seine höchsten Ideale , getragen von der Liebe und Bewunderung der Seinigen ; er weiß , daß sie täglich für sein Leben zittern , und für ihn ist die Gefahr nur ein Reiz mehr bei dem Kampfe – ich stehe allein auf meinem Posten , der mir vielleicht den Tod durch Meuchelmord und sicher den Haß einträgt , den Haß von ganz Wilicza , von Mutter und Bruder und auch von Ihnen . Die Rollen sind doch wohl ungleich verteilt zwischen uns Brüdern . Aber ich bin ja nie durch Liebe und Zuneigung verwöhnt worden . Ich werde das auch jetzt ertragen . Also hassen Sie mich immerhin , Wanda ! Vielleicht ist es das beste für uns beide . « Er hatte inzwischen die bezeichnete Richtung eingeschlagen und hielt jetzt kurz vor dem Eingang des Dorfes , das wie ausgestorben dalag . Sich von seinem Sitze schwingend , wollte er der jungen Gräfin die Hand zum Aussteigen bieten , aber sie lehnte schweigend ab und verließ allein den Schlitten . Ueber ihre festgeschlossenen Lippen kam auch nicht ein einziges Wort des Abschiedes . Sie neigte nur stumm das Haupt zum Gruße . Waldemar war zurückgetreten . In seinem Antlitz erschien wieder der Zug finstern Schmerzes , und seine Hand , welche die Zügel hielt , ballte sich krampfhaft – die Abweisung verletzte ihn augenscheinlich aufs tiefste . » Ich werde das Gefährt morgen zurücksenden , « sagte er kalt und fremd , » mit meinem Danke – wenn Sie ihn nicht etwa auch ablehnen , wie eben diesen leichten Dienst . « Wanda schien mit sich zu kämpfen ; sie hob bereits den Fuß zum Gehen , zögerte aber noch einen Augenblick . » Herr Nordeck . « » Sie befehlen , Gräfin Morynska ? « » Ich – Sie müssen mir versprechen , die Gefahr nicht wieder so herauszufordern , wie Sie es heute thun wollten . Sie haben recht – der Haß von ganz Wilicza gilt jetzt Ihnen ; machen Sie es ihm nicht so leicht , Sie zu treffen – ich bitte Sie darum . « Eine flammende Röte schlug in dem Gesichte Waldemars bei diesen Worten auf . Er warf einen Blick auf das ihrige , nur einen einzigen , aber alle Bitterkeit schwand davor . » Ich werde vorsichtiger sein , « entgegnete er leise . » So leben Sie wohl ! « Sie wandte sich um und schlug den Weg nach dem Dorfe ein . Nordeck blickte ihr nach , bis sie hinter einem der nächsten Gehöfte verschwand , dann schwang er sich wieder in den Schlitten und jagte in der Richtung nach Wilicza hin , die ihn bald wieder in den Wald führte . Er hatte die Waffe aus der Brusttasche genommen und neben sich gelegt , und während er mit gewohnter Sicherheit die Zügel führte , spähte sein Auge scharf zwischen den Bäumen umher . Der trotzige unbeugsame Mann , der keine Furcht kannte , war auf einmal so besonnen und vorsichtig geworden – er hatte es ja versprochen , und er wußte , daß es ein Wesen gab , das jetzt auch für sein Leben zitterte . Rakowicz , der Wohnsitz des Grafen Morynski , konnte sich in keiner Weise mit Wilicza messen . Ganz abgesehen davon , daß die Herrschaft fast um das Zehnfache größer war und allein drei oder vier Pachtgüter von dem Umfange der Morynskischen Besitzung einschloß , fehlten dieser letzteren auch die Waldungen und das prachtvolle Schloß mit seiner Parkumgebung . Rakowicz lag nur eine Stunde von L. entfernt in offener Gegend und unterschied sich wenig oder gar nicht von den übrigen kleineren Edelsitzen der Provinz . Seit der Abreise ihres Vaters lebte Gräfin Wanda allein auf dem Gute . So selbstverständlich unter andern Umständen ihre Uebersiedelung nach Wilicza gewesen wäre , so natürlich erschien es jetzt , daß die Tochter des Grafen Morynski das Schloß mied , dessen Herr eine solche Stellung zu den Ihrigen einnahm , wie Nordeck es that . Schon das Bleiben der Fürstin gab Anlaß genug zur Verwunderung . Diese kam , wie schon erwähnt , sehr oft nach Rakowicz , um ihre Nichte zu sehen , und war auch jetzt auf einige Tage Gast derselben . Das Zusammentreffen Wandas mit Waldemar blieb ihr vorläufig noch verschwiegen , da sie erst am Abend nach der Rückkehr von jener Fahrt angekommen war . Am zweiten Tage nach ihrer Ankunft , in den Vormittagsstunden , saßen die beiden Damen in dem Zimmer der jungen Gräfin . Sie hatten soeben Nachrichten von den Ihrigen empfangen und hielten die Briefe geöffnet in der Hand , aber diese schienen wenig Erfreuliches zu bringen , denn Wanda sah sehr ernst aus , und die Miene der Fürstin war finster und sorgenvoll , als sie endlich die Zuschriften ihres Bruders und Leos aus der Hand legte . » Wieder zurückgeworfen ! « sagte sie mit unterdrückter Bewegung . » Sie waren schon bis an das Herz des Landes vorgedrungen , und nun stehen sie wieder an der Grenze . Noch immer keine Entscheidung , kein nennenswerter Erfolg ! Man möchte verzweifeln . « Wanda ließ gleichfalls das Blatt sinken , das sie in der Hand hielt . » Der Vater schreibt in sehr düsterem Tone , « entgegnete sie . » Er reibt sich fast auf in dem ewigen Kampfe mit all den widerstreitenden Elementen , die er vergebens zusammenzuhalten sucht . Alles will befehlen , niemand gehorchen ; die Uneinigkeit wachst unter den Führern – was soll noch daraus werden ! « » Dem Vater läßt sich allzusehr von dem düsteren Zuge beherrschen , der nun einmal in seinem Charakter liegt , « beruhigte die Fürstin . » Es ist doch am Ende natürlich , daß ein Heer von Freiwilligen , das auf den ersten Ruf zu den Waffen eilt , nicht die Ordnung und Disziplin einer wohlgeschulten Armee haben kann . Das will gelernt und geübt sein . « Wanda schüttelte trübe das Haupt . » Der Kampf währt nun schon drei Monate und auf jedes glückliche Gefecht haben wir drei Niederlagen zu verzeichnen . Jetzt verstehe ich erst die schmerzliche Bewegung des Vaters beim Abschiede ; sie galt nicht der Trennung allein . Er ging schon damals ohne die rechte Hoffnung des Sieges . « » Bronislaw hat von jeher alles im Leben zu schwer genommen , « beharrte die Fürstin . » Ich hoffte mehr von Leos steter Gegenwart und seinem Einfluß auf den Oheim . Er hat noch die volle Spannkraft und Begeisterung der Jugend ; ihm heißt jeder Zweifel an dem Siege unsrer Sache Verrat . Ich wollte , er könnte seine unerschütterliche Siegeszuversicht auch den andern mitteilen – es thut ihnen not . « Sie zog den Brief ihres Sohnes wieder hervor und sah nochmals hinein . » Leo wird trotz alledem glücklich sein , « fuhr sie fort . » Mein Bruder hat endlich seinen Bitten nachgegeben und ihm ein selbständiges Kommando anvertraut . Er steht mit seiner Schar nur zwei Stunden von der Grenze entfernt – und die Mutter und die Braut dürfen ihn nicht auf eine einzige Minute sehen . « » Um Gottes willen , bringe Leo nicht auf solche Gedanken ! « fiel Wanda ein . » Er wäre im Stande , das Unsinnigste , Tollkühnste zu begehen , um ein Wiedersehen möglich zu machen . « » Das wird er nicht , « versetzte die Fürstin ernst . » Er hat den strengen Befehl , nicht von seinem Posten zu weichen , und also bleibt er . Aber was schreibt er dir denn eigentlich ? Der Brief an mich ist sehr kurz und flüchtig ; der deinige scheint desto mehr zu enthalten . « » Er enthält sehr wenig , « erklärte die junge Gräfin mit sichtbarem Unmute . » Kaum das Notwendigste von dem , was uns , die wir unthätig auf die Entscheidung harren müssen , das Wichtigste ist . Leo zieht es vor , mir seitenlang über seine Liebe zu schreiben , und findet mitten im Toben des Krieges noch Zeit genug , sich und mich mit seiner Eifersucht zu quälen . « » Ein seltsamer Vorwurf in dem Munde einer Braut ! « bemerkte die Fürstin mit leisem Spott , » Eine andre würde stolz und glücklich sein , wenn sie selbst in solchen Zeiten noch alle Gedanken ihres Verlobten beherrschte . « » Es handelt sich um einen Kampf auf Leben und Tod , und da verlange ich Thaten vom Manne – nicht Liebesschwüre , « sagte Wanda energisch . Die Stirn der Fürstin runzelte sich . » Er wird es an Thaten nicht fehlen lassen jetzt , wo ihm endlich die Gelegenheit dazu geboten wird – oder meinst du , daß dazu notwendig die Kälte und Schweigsamkeit gehört ? « Wanda erhob sich und trat an das Fenster ; sie wußte , wohin die Worte zielten , aber sie konnte und wollte nicht fortwährend jenen durchdringenden Augen Rede stehen , die stets mit so unerbittlichem Forschen auf ihrem Antlitz ruhten , als wollten sie die geheimsten Regungen des Innern an das Licht ziehen . Die Fürstin hielt auch ihrer Nichte gegenüber an dem Grundsatze fest , den sie bei Waldemar beobachtete . Sie hatte sich einmal ausgesprochen , und damit ließ sie es genug sein , Wiederholungen waren in ihren Augen ebenso nutzlos wie gefährlich . Seit jenem Abend , wo sie es für notwendig hielt , der jungen Gräfin » die Augen zu öffnen « , war kein Wort zwischen ihnen über diesen Gegenstand gefallen , aber Wanda wußte nur zu gut , daß sie seitdem eine unermüdliche Beobachterin hatte , daß jedes ihrer Worte , ja jeder ihrer Blicke vor Gericht gestellt wurde , und das raubte ihr oft genug alle Sicherheit im Verkehr mit der Tante . Diese hatte inzwischen die Briefe ihres Bruders und ihres Sohnes zusammengefaltet . » Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir also in den nächsten Tagen Gefechte unmittelbar an der Grenze zu erwarten , « begann sie wieder . » Was könnte uns dabei Wilicza sein , und was ist es uns jetzt ! « Die junge Gräfin wandte sich wieder um und richtete die dunkeln Augen auf die Sprechende . » Wilicza ? « wiederholte sie , » Tante , ich begreife ja die Notwendigkeit , die dich dort festhält , aber ich wäre der Aufgabe nicht gewachsen . Ich könnte jedes Opfer bringen , nur das eine nicht , Tag für Tag einem Menschen so gegenüberzustehen , wie du jetzt deinem Sohne . « » Das hält auch so leicht kein andrer aus , als wir beide , « sagte die Fürstin mit bitterer Ironie . » Ich gebe dir das Zeugnis ,