geblieben in meinem stillen Lindenhof . Sie sollten es nur sehen ! Eine hübsche Villa , mit großem Garten und prächtigem Blick auf den Rhein , ein Weingütchen – da wird jetzt geherbstet ! Ich gab meinen Leuten immer ein kleines Fest nach der Traubenlese , da war Tanz und Jubel bis in die Nacht hinein . Und nun – « hier schlug die wehmütige Stimmung des alten Herrn plötzlich um , er wurde zornig , » nun sitze ich hier in dieser blauen Wasserwüste , unter wildfremden Menschen , und soll nach Afrika , in die Wildnis – das halte ich nicht aus ! « » Das brauchen Sie ja auch nicht , « warf Adlau ein . » Warum weigern Sie sich nicht ? « » Weigern ? « wiederholte der Geheimrat , der diese Zumutung unerhört zu finden schien . » Das versuchen Sie einmal bei meiner Tochter ! Sie ist leider sehr nervös und verträgt keinen Widerspruch . Sie wissen freilich nicht , was das bei einer Frau heißt , nervöse Zufälle . « » Nein , und ich würde sie der meinigen auch bald abgewöhnen . « » Ja , Sie waren immer so ein Gewaltmensch , « sagte Rottenstein , » und meine Friedel war ein eigensinniger Starrkopf . Deshalb wäre es auch nicht gut geworden , wenn ihr beide damals – nun runzeln Sie nur nicht so drohend die Stirn , Robert ! Ich bin ja ganz Ihrer Meinung , daß wir das › Einst ‹ vergessen und begraben sein lassen . « » Ich bitte auch dringend darum ! « Die Bitte ward mit solcher Entschiedenheit ausgesprochen , daß der alte Herr ganz verschüchtert wurde . Er stand auf und meinte , es werde ihm jetzt auch zu kühl , er wolle hinuntergehen in die Kajüte . Robert Adlau blieb allein zurück , aber die finstere Falte stand noch auf der Stirn , sie schien nur tiefer zu werden , als er halblaut sagte : » Also sie ist Witwe ! Pah , was geht es mich an ! Wir sind beide fertig miteinander , Frau Baronin von Wilkow ! « – Einige Stunden später landete der Dampfer in Korfu . In unmittelbarer Nähe stiegen die Berge der Insel und des nahen Festlandes auf , sie schienen von allen Seiten aus der Flut emporzuwachsen , ein mächtiger Rahmen für das in südlicher Schönheit leuchtende Landschaftsbild . Immer deutlicher wurden die Häuser und Villen der hellschimmernden Stadt am Ufer , und jetzt stieß ein Schwarm von Booten dort ab , um die Landenden aufzunehmen . Die Reisenden waren sämtlich auf Deck gekommen , unter ihnen auch Geheimrat Rottenstein mit seiner Tochter und Herr Wellborn , der , das Reisebuch in der Hand , mit unendlicher Wißbegierde jeden Berggipfel und jede Meeresbucht studierte . Einige Schritte entfernt stand Adlau und spähte scharf nach den Booten hinüber , die pfeilschnell und zierlich wie Schwalben über die blaue Meeresfläche dahinschossen , allen voran eine größere Barke , die , von zwei Matrosen gerudert , an ihrer Spitze die deutsche Flagge zeigte . Die Insassen , ein stattlicher Mann und eine noch junge , hübsche Frau mit zwei Kindern , schienen gleichfalls an Bord des Dampfers jemand zu suchen . Jetzt flatterte ein weißes Tuch dort , und gleich darauf wurden über die Wellen hinweg jubelnde Grüße ausgetauscht . » Da ist er ! Robert ! – Willkommen , Schwager ! « und ein freudiges » Grüß Gott ! Da bin ich ! « kam von Bord zurück . Der Dampfer hielt , die Schiffstreppe wurde hinuntergelassen , als das Boot eben anlegen wollte , aber Adlau wartete das nicht ab . Kaum die Stufen berührend , schwang er sich mit einem kühnen Satze hinüber in das kleine Schiff , umfaßte die Schwester , schüttelte dem Schwager die Hand und wandte sich dann zu den Kindern , die dem fremden Onkel freudig die Aermchen entgegenstreckten . » Dieser Herr aus Amerika scheint sehr wagehalsiger Natur zu sein , « bemerkte Wellborn , der diese Eigenschaft offenbar nicht besaß . » War das ein Sprung , mit dem er in das Boot hinuntersetzte ! Um ein Haar wäre es umgeschlagen und er selbst wäre ins Meer gestürzt . Man soll das Schicksal nie herausfordern , meinen Sie nicht auch , Herr Geheimrat ? « Der alte Herr betrachtete halb teilnehmend , halb neidisch die Familienscene da unten in der Barke . » Jawohl , der wird empfangen und begrüßt ! « brummte er vor sich hin , » der ist gleich daheim bei seiner Familie , und unsereins muß ins Hotel , wo es natürlich wieder schändliches Essen gibt und Betten , wie – ums Himmels willen , wo ist denn meine Tochter geblieben ? Da schreit mich dieser Mensch in drei verschiedenen Sprachen an , von denen ich keine einzige verstehe ! Was will er denn ? Ich glaube , jetzt spricht der Kerl gar griechisch oder arabisch . Elfriede , so komme mir doch zu Hilfe ! « Der arme Geheimrat , der nur seine Muttersprache redete , stand in der That ganz hilflos vor einem der Kommissionäre der Hotels , die jetzt an Bord kamen , um sich der Reisenden und ihres Gepäcks zu bemächtigen . Er hatte den fremden Herrn vergebens englisch und französisch angeredet und versuchte es nun mit dem Italienischen . Frau von Wilkow war bei jener Begrüßung rasch zurückgetreten , als wollte sie von den Insassen des Bootes nicht gesehen werden , erst auf den Hilferuf ihres Vaters kam sie herbei und gab dem Dienstbeflissenen die nötigen Befehle . Im goldigen Scheine der Mittagssonne lag die griechische Insel vor ihnen wie ein fremdartiger Zaubergarten . Ringsum schlossen sich die Berge , bald in sanft geschwungenen Linien , bald in zackigen Gipfeln wie zu einem Kranze , und um sie her wogte und wimmelte das malerisch bunte Treiben des Hafens . Ueberall südliche Farbenpracht und südliches Leben , berauschend für jedes Auge , aber die Augen der jungen Frau blickten so müde , so gleichgültig darauf hin wie vorhin in die ferne Meeresweite und glitten dann langsam zu jenem Boote mit der lustig wehenden Flagge hinüber , das soeben am Ufer landete . Im Norden war längst schon der Herbst eingezogen , mit kalten Regengüssen und düsteren Nebeltagen , aber hier in Korfu blaute der Himmel über Myrten- und Lorbeergebüschen und in die weiche , warme Luft des Südens mischte sich der Meereshauch , der ihr eine köstliche Frische gab . Ein Tag glich dem anderen in klarer , wolkenloser Schönheit , und die fremden Gaste , die sich hier zusammenfanden , hatten alle Ursache , mit der Wahl ihres Aufenthaltes zufrieden zu sein . Das hatte fast drei Wochen gedauert , aber gestern war ein heftiges Gewitter über die Insel hingezogen und hatte böses Wetter hinterlassen . Draußen auf dem Meere herrschte Sturm , an den Bergen hingen dichte Wolkenschleier und der Regen strömte unaufhörlich nieder . In dem Lesezimmer des Hotels , wo er mit seiner Tochter wohnte , saß Geheimrat Rottenstein . Zum Glück befand sich hier eine deutsche Zeitung , das große rheinische Blatt , das neben der Politik auch allerlei Nachrichten aus der engeren Heimat brachte . Doch das pflegte stets das Heimweh des alten Herrn zu steigern ; er gehörte zu jenen Menschen , die sich nur im engen , vertrauten Kreise wohl fühlen , deshalb hatte ihm auch der Aufenthalt in Berlin , wo sein Amt ihn fesselte , nie recht zugesagt . Als braver Beamter hatte er redlich seine Pflicht gethan , ohne den Ehrgeiz , etwas Besonderes zu leisten , und ohne Neid auf die anderen , jüngeren , die ihn überholten . Als sein Dienstalter ihm eine ausreichende Pension sicherte , hatte er den Abschied genommen und war sehr gerührt und dankbar , als der Staat seine Pflichttreue durch Verleihung des Geheimrattitels anerkannte . Ein hübsches Vermögen , das ihm erst in den letzten Jahren durch Erbschaft zugefallen war , ermöglichte ihm den Ankauf eines Landgutes , wo er sein Alter in Ruhe zu verleben dachte , und einige Jahre lang gab es in der That keinen glücklicheren und zufriedeneren Menschen als den Besitzer von Lindenhof . Aber das ging zu Ende , als seine Tochter zurückkehrte und vorläufig bei ihm ihren Aufenthalt nahm . Sie hatte es verlernt , in der Heimat auszuhalten , und riß den Vater mit hinein in ihr unstetes , unruhiges Reiseleben . Da sie als Witwe über ein bedeutendes Einkommen verfügte , so konnte sie unbeschränkt ihren Neigungen folgen , und Rottenstein war viel zu schwach , um seinem einzigen Kinde , das er zärtlich liebte , einen entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen , obgleich er bisweilen den Versuch dazu machte . Er gab immer wieder nach , aber da er weder Sinn für landschaftliche Schönheiten noch für Kunstgenüsse besaß , fühlte er sich äußerst unbehaglich in der Fremde und kam sich inmitten all der Pracht des Südens wie ein Verbannter vor . Ihm gegenüber , an der anderen Seite des Tisches , saß Herr Wellborn , der sich gerade in der entgegengesetzten Lage befand : er war mit sich und aller Welt zufrieden . Aus den drei Tagen , die er anfangs in Korfu zubringen wollte , waren nun bereits drei Wochen geworden und sein Entschluß stand fest , nicht eher abzureisen , als bis Frau von Wilkow mit ihrem Vater die Insel verließ , um sich ihnen dann selbstverständlich für die Fahrt nach Aegypten anzuschließen . Seiner Auffassung nach gehörte zu dem » höheren Reiseleben « notwendig immer etwas Roman , er hatte sich daher schleunigst in die junge Witwe verliebt und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten , die zwar ziemlich kühl aufgenommen , aber doch wenigstens nicht zurückgewiesen wurden . Auch » dieser Herr aus Amerika « erwies sich als eine äußerst schätzbare Bekanntschaft , obgleich es nicht zu leugnen war , daß er sich bisweilen etwas schroff benahm gegen den jungen Reisegefährten , der seinerseits die Höflichkeit selbst war . Aber diese hinterwäldlerischen Manieren mußte man dem Manne hingehen lassen , der so lange außerhalb der Kultur gelebt hatte und sich offenbar nicht so schnell wieder hineinfinden konnte . Jedenfalls hielt es Herrn Wellborn nicht ab , dem » Hinterwäldler « , der natürlich bei seinem Schwager , dem Konsul , wohnte , einen Besuch zu machen und die Einladungen des gastfreien Hausherrn anzunehmen . Dort lernte man die ganze Gesellschaft der Stadt kennen , und der Verkehr in dem großen Hotel , dessen Gäste aus allen Ecken und Enden der Welt stammten , war gleichfalls höchst anregend und interessant – kurz , der junge Mann schwamm und plätscherte im Strome des Reiselebens wie der Fisch im Wasser . Da es noch früh am Vormittage war , so befand sich außer den beiden Herren niemand im Lesezimmer . Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen , dann legte Wellborn die Zeitung nieder und bemerkte mit einem gewissen Nachdruck : » Es regnet ! « Er hätte nicht nötig gehabt , diese Thatsache erst festzustellen , denn der Regen schlug prasselnd gegen die Fenster . Jetzt blickte auch Rottenstein von seiner Zeitung auf und bestätigte im Tone tiefster Befriedigung : » Ja , es regnet ! Endlich einmal – Gott sei Dank ! « » Aber Herr Geheimrat , das klingt ja , als freuten Sie sich darüber , « sagte der junge Mann vorwurfsvoll . » Alle Welt ist verzweifelt , denn bei diesem Wetter ist natürlich nicht an einen Ausflug zu denken . « » Eben deshalb – da hat man endlich einmal Ruhe . Sonst geht es ja Tag für Tag hinaus nach allen möglichen Orten , wo doch immer nur dasselbe zu sehen ist , blitzblaues Meer und graue Olivenwälder , eins so langweilig wie das andere . Ich wollte , es regnete so weiter , acht Tage lang ! « Mit diesem frommen Wunsche lehnte sich der alte Herr behaglich zurück und blickte mit einer gewissen Zärtlichkeit in die strömende Regenflut . Wellborn schüttelte den Kopf über diese Anschauung und zog sein Wetterglas zu Rate , das er mitgenommen hatte , und von dem er sich überhaupt nur selten trennte . Es war ein merkwürdiges Ding , das schon in der Form von allen anderen abwich , steckte in einem noch merkwürdigeren Gehäuse und wies eine Menge sibyllinischer Zahlen und Zeichen auf , deren Bedeutung wahrscheinlich nur der Erfinder und der glückliche Besitzer kannten . Leider hatte es die für ein Wetterglas etwas bedenkliche Eigenschaft , sich stets im Widerspruch mit dem Wetter zu befinden , und das war auch heute der Fall . » Wie steht denn das Glas ? « fragte der Geheimrat nach einer Pause . » Ausgezeichnet ! Wir werden am Nachmittage herrliches Wetter haben . « Rottenstein zuckte ungläubig die Achseln . » Das haben Sie gestern auch gesagt , als ich nicht mitfahren wollte . Ich traute gleich den Wolken nicht , die da so urplötzlich am Monte Salvatore aufstiegen , aber Sie garantierten uns ja Sonnenschein und dann faßte uns das Gewitter , mitten in den Bergen , im offenen Wagen . Ganz durchweicht kamen wir zurück , und heute meldet sich natürlich mein Rheumatismus wieder . Dafür habe ich mich bei Ihrem berühmten Glas zu bedanken ! « » Aber Herr Geheimrat ! « Der junge Mann nahm eine gekränkte Miene an , » wie können Sie nur das unschuldige Glas für dies gänzlich unmotivierte Gewitter verantwortlich machen ! Auf dieser Insel herrschen abnorme Witterungszustände , mit denen nicht zu rechnen ist . Als wir damals abreisten , in Triest – « » Stand Ihr Barometer auf Sturm – jawohl , und wir haben drei Wochen Prachtwetter gehabt . « » Das kam von der Seereise , « behauptete Wellborn , jetzt aber lachte der alte Herr laut auf . » Nun verträgt das Ding gar die Seefahrt nicht ! Ist es vielleicht seekrank geworden ? « Wellborn war tief beleidigt , er hob sein Glas hoch empor und begann dessen Vorzüge ausführlich auseinanderzusetzen , wurde aber darin durch den Eintritt Robert Adlaus unterbrochen , der den Geheimrat begrüßte , ohne viel Notiz von dem jungen Manne zu nehmen . » Ich komme eigentlich , um Ihnen zu sagen , daß ich in der nächsten Woche abreise , « wandte er sich an den Geheimrat . » Ich gehe mit dem Dampfer nach Triest und von da ohne Aufenthalt nach Hause . « » Sie wollen fort ? So bald schon ? « rief der Geheimrat fast erschrocken . » So bald ? Ich bin lange genug hier gewesen . Meta und mein Schwager wollen mich zwar durchaus nicht fortlassen , aber es bleibt dabei , ich reise . « » Meta ist eben bei meiner Tochter , « sagte Rottenstein , » Ah , Sie wußten das nicht ? Nun , jedenfalls kommen Sie doch mit hinauf und fahren dann mit Ihrer Schwester nach Hause . Sie hat den Wagen zum Abholen bestellt . « Adlau zögerte einige Sekunden , ehe er die Einladung annahm , dann aber sagte er kurz : » Das wird wohl bei diesem Wetter das beste sein . Also gehen wir ! « Die drei Herren brachen auf , denn auch Wellborn benutzte die Gelegenheit , sich anzuschließen . Er hatte die gnädige Frau heute noch nicht gesehen und mußte sich notgedrungen nach ihrem Befinden erkundigen . Möglicherweise hatte ihr die gestrige Regenpartie eine Erkältung zugezogen , die Frau Baronin war eine äußerst zarte Natur und der Süden schützte durchaus nicht vor katarrhalischen Zuständen , aber hoffentlich ... so schwatzte er unausgesetzt weiter , und es störte ihn gar nicht , daß niemand zuhörte , er war dergleichen schon gewohnt . In dem Salon , der die Zimmer der Frau von Wilkow und ihres Vaters trennte und zu ihrer Wohnung gehörte , hatten unterdessen die Damen eine lebhafte Unterhaltung geführt , die Glasthüren waren fest geschlossen . Sonst hatte man vom Balkon aus eine prächtige Aussicht über den Hafen , über den Meeresarm , der die Insel vom Festlande schied , und die jenseitigen Berge ; aber heute verschwand das alles in grauer Nebel- und Regenflut . Auf dem Eckdiwan saßen die beiden jungen Frauen , die zusammen aufgewachsen waren in der sonnigen Rheinstadt , wo Rottenstein mit den Seinigen gelebt hatte , bis er nach Berlin versetzt wurde . Freilich hatte die einstige Mädchenfreundschaft nicht jene Entfremdung überdauert , die später zwischen den beiden Familien eintrat und schließlich jedem Verkehr ein Ende machte . Aber jetzt , nach vollen zehn Jahren , als man sich so unvermutet wiederfand , waren die zerrissenen Fäden wieder angeknüpft und hier wenigstens die alte Vertraulichkeit wiederhergestellt worden . Frau Meta Rahnsdorf , eine hübsche , zierliche Blondine , ungemein lebhaft in Sprache und Bewegungen , war nur zwei Jahre jünger als Elfriede von Wilkow ; sie unterhielt heiter die Freundin , während jene , den Kopf in die Hand gestützt , meistenteils zuhörte . Jetzt aber fragte sie , ohne ihre Stellung zu verändern : » Also du bist glücklich in deiner Ehe , Meta ? Wirklich glücklich ? « Die kleine Frau , der das Glück nur so aus den blauen Augen lachte , fuhr in komischer Entrüstung auf . » Hör , Elfriede , die Frage ist eigentlich eine Beleidigung für meinen Mann . Denkst du , er verstände es nicht , mich glücklich zu machen ? Er hat es meinem Vater hoch und teuer versprochen , als er mich fortführte in das fremde Land , und er hielt Wort . Trotz alledem hatte ich arg mit dem Heimweh zu kämpfen in der ersten Zeit , wenn ich es auch meinem Fritz nicht zeigen wollte , aber dann kamen die Kinder – « » Die Kinder ! « wiederholte Elfriede leise . » Sind sie nicht herzig alle beide , der Bub und das Mädel ? « fragte die Mutter mit strahlenden Augen . » Ja , wenn solch kleines Volk erst anfängt im Hause zu krähen und herumzutappen , dann hat man an anderes zu denken als an die ferne Heimat ! Du weißt das freilich nicht , deine Ehe ist ja kinderlos gewesen . « » Ja – Gott sei Dank ! « Die Worte klangen so schroff , so seltsam bitter , daß Meta fast erschrocken aufblickte . » Aber , Elfriede ! « Elfriede preßte die Lippen zusammen , als sei ihr die Antwort wider Willen entfahren . » Das heißt – du darfst mich nicht mißverstehen . Ich meine nur , in diesem Falle hätten wir unser Reiseleben aufgeben müssen , und Wilkows Gesundheit forderte den Aufenthalt in einem südlichen Klima , er ertrug den Norden nicht . « Sie sprach wieder im gleichgültigsten Tone . Die kleine Frau Konsul besaß noch nicht viel Menschenkenntnis , sonst hatte die tiefe Bitterkeit des so jäh hervorbrechenden Ausrufs ihr doch vielleicht zu denken gegeben , so aber sagte sie nach einiger Zeit unbefangen , wenn auch etwas zögernd : » Willst du mir noch immer nicht sagen , was das damals zwischen dir und Robert gewesen ist ? « Elfriede richtete sich heftig empor , man hatte es ihren müden , dunklen Augen gar nicht zugetraut , daß sie noch so aufblitzen konnten wie jetzt , wo sie sich mit einer beinahe zornigen Bewegung frei machte . » Was quälst du mich mit diesen Fragen ? Ich habe dich doch gebeten , mich damit zu verschonen ! « » Ja , du machst es gerade so wie Robert ! « sagte die kleine Frau , mehr erstaunt als beleidigt über diese Zurückweisung . » Der wird auch immer gleich wütend , wenn ich davon anfange , und setzt eine Miene auf , daß ich schleunigst aufhöre . Aber du könntest mir doch beichten , wir sind Jugendfreundinnen . Freilich , ich wurde von euch beiden immer noch als Kind behandelt , weil ich ein paar Jahre jünger war als du , mir wurde nie etwas anvertraut . Aber so klug war ich doch , zu merken , daß die Sache zwischen euch nicht richtig war . « Elfriede machte eine Bewegung der äußersten Ungeduld , es schien , als wollte sie um jeden Preis dies Gespräch abbrechen , aber Meta hielt es hartnäckig fest , sie plauderte weiter . » Als die Nachricht deiner Verlobung aus Berlin kam – Robert war ja damals schon in Amerika – , konnte ich mir die Sache nicht zusammenreimen ; doch du schriebst mir seit jener Zeit überhaupt nicht mehr und Robert schwieg hartnäckig auf jede briefliche Frage . Ich habe mir damals oft genug den Kopf darüber zerbrochen . « » Du hättest dir dein blondes Köpfchen über etwas Besseres zerbrechen sollen , « sagte Elfriede kalt . » Das war wirklich nicht der Mühe wert . « » Nicht ? Nun , weshalb seid ihr beide denn so gereizt bei der bloßen Erinnerung ? « » Weil es nicht angenehm ist , an Kindereien erinnert zu werden , die längst vergessen sind . Du solltest das mir und deinem Bruder wirklich ersparen . « Das klang noch immer sehr ärgerlich . Die kleine Frau schüttelte nachdenklich den Kopf . Sie fand indessen keine Zeit zu weiteren Fragen , denn jetzt wurde die Thür des Salons geöffnet und man hörte Herrn Wellborn draußen bereits schwatzen , ehe noch jemand sich zeigte . Er ließ zwar den beiden anderen Herren den Vortritt , eilte dann aber schleunigst zu der Baronin , um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihr den bereitgehaltenen Strauß blühender Rosen zu überreichen . Er sprach die ganze Litanei seiner Befürchtungen in Bezug auf ihr Befinden nochmals herunter und beglückte dann , nach der beruhigenden Versicherung der Baronin , daß sie ganz wohl sei , Frau Konsul Rahnsdorf mit seiner Unterhaltung . » Hast du es schon gehört , Elfriede , daß Robert in der nächsten Woche fort will ? « wandte sich der Geheimrat an seine Tochter . Elfriede hob die Augen , ein rascher fragender Blick glitt zu Adlau hinüber , dann aber sagte sie mit höflich kühlem Bedauern : » Sie wollen Korfu schon wieder verlassen , Herr Adlau . Ist denn Meta damit einverstanden ? « » Der Bösewicht ist ja nicht länger zu halten , « schmollte Meta . » Fritz und ich haben alles mögliche aufgeboten , aber er thut , als brenne ihm der Boden hier unter den Füßen . « » Ich muß fort , Meta , « sagte der Bruder bestimmt . » Die Zeit der Uebergabe von Brankenberg rückt heran und ich habe noch manches vorzubereiten . Ueberdies habt ihr mir ja im nächsten Sommer einen Besuch versprochen . Es bleibt dabei , ich reise am nächsten Mittwoch , und Mitte November hoffe ich , meinen Einzug in Brankenberg zu halten . « » Mitte November ? « wiederholte der Geheimrat mit einem wehmütig fragenden Blick auf seine Tochter . » Dann sind wir ja wohl in Aegypten ? « » Gewiß , Papa , du weißt es ja , wir gehen direkt von hier nach Kairo . « » O Kairo ! Die Pyramiden ! « rief Wellborn begeistert , » Sie müssen mit hinauf , Herr Geheimrat ! Auf diesen Riesendenkmalen der Vergangenheit zu stehen , das ist so erhebend ! « » Und so unbequem ! « seufzte der Geheimrat , aber der Begeisterte ließ sich nicht stören : » Und dann die Kamele , darauf freue ich mich ganz besonders . Wir werden Wüstenritte unternehmen , wir werden uns tragen lassen von diesem Schiff der Wüste – « » Hören Sie auf , um Gottes willen ! « unterbrach ihn der alte Herr verzweiflungsvoll . » Was mich betrifft – ich möchte am liebsten – « » Was möchtest du lieber , Papa ? « Die Frage klang sehr ruhig , aber der Herr Papa , der so vollständig unter dem Kommando seiner Frau Tochter stand , kannte den Ton . Er hätte sich beinahe zu dem Geständnis aufgeschwungen , daß er weit lieber mit Adlau die Rückreise antreten würde , jetzt aber lenkte er schleunigst ein . » Ich meine nur , daß ich eigentlich doch ein wenig zu alt bin für solche Reisen . « » Aber Papa , du bist ja von einer beneidenswehrten Rüstigkeit und nimmst es noch mit all den Jüngeren auf ! Du liebst nur etwas zu sehr die Bequemlichkeit , aber man darf solcher Schwäche nicht nachgeben . Es war ein Glück , daß ich noch rechtzeitig eingriff , denn du warst auf dem besten Wege , in deinem einsamen Lindenhof vollständig zu versumpfen . « Das hieß den alten Herrn aber an seiner empfindlichsten Stelle treffen , einen Spott über seinen geliebten Lindenhof ertrug er nicht . » Ich werde mit sechzig Jahren doch wohl das Recht haben , zu › versumpfen ‹ ! « sagte er beinahe zornig . » Ich habe mich übrigens sehr wohl bei dieser Versumpfung befunden . « » Das Recht kann Ihnen niemand bestreiten , « stimmte Adlau bei . » Uebrigens würden Sie jetzt Gesellschaft dabei haben , denn ich denke mich in Brankenberg ja ebenfalls dieser angenehmen Beschäftigung hinzugeben . « Elfriede biß sich auf die Lippen , sie fühlte den Seitenhieb , der ihr galt , aber sie lächelte und zuckte nur leicht die Achseln bei der Antwort : » Ich werde den Papa noch vor Ihnen hüten müssen , Herr Adlau , Sie stiften ihn ja förmlich zur Rebellion an ! Zum Glück habe ich sein Versprechen , und er liebt mich viel zu sehr , um mich allein reisen zu lassen . Nicht wahr , Papa ? « Der arme Geheimrat sah gar nicht nach Rebellion aus , und der Appell an seine Vaterliebe stimmte ihn nun vollends weichmütig . Er warf einen Blick auf seine Tochter , die in der That heute bleich und angegriffen aussah , und faltete dann ergeben die Hände . » Gewiß , mein Kind . Also in Gottes Namen – gehen wir nach Aegypten ! Und wenn Sie nach Brankenberg kommen , Robert , dann grüßen Sie mir auch mein liebes kleines Heim , es liegt Ihnen ja gerade vor Augen ! « » Merkwürdig , daß Herr Adlau gerade jetzt nach dem Norden will , « mischte sich Wellborn in das Gespräch . » Der November und Dezember pflegt ja dort gräßlich zu sein . Weshalb eilen Sie denn so mit der Abreise ? « » Weil in diesem › gräßlichen Norden ‹ Arbeit und Pflichten auf mich warten , Herr Wellborn . Wer kümmert sich denn eigentlich um Ihre Fabrik , während Sie in Aegypten sind ? « » O , das thut mein Direktor , ein sehr tüchtiger Mann , der schon unter meinem Vater alles leitete . Er kann mir ja seine Berichte nachschicken . « Der junge Mann setzte nun seine völlige Ueberflüssigkeit in seiner eigenen Fabrik mit einer beneidenswerten Harmlosigkeit auseinander . Meta verbarg mühsam das Lachen und ihr Bruder sagte mit unverhohlenem Spott : » Ihr Direktor wird die Berichte wahrscheinlich gar nicht für nötig halten , er würde Sie ja nur damit stören . Mir wäre übrigens mit solchen › verständnisvollen ‹ Beamten nicht gedient . Ich will mein Reich selbst regieren . « » Es wird Ihnen noch zu schaffen machen , Robert , dies Reich , « sagte der Geheimrat . » Es hieß in der ganzen Umgegend , Brankenberg müßte verkauft werden , um die Familie vor dem gänzlichen Ruin zu retten , und in der letzten Zeit sei es in der Wirtschaft drunter und drüber gegangen . Man hörte da arge Dinge . « » Ich weiß , « versetzte Robert ruhig . » Eine ganz tolle Wirtschaft , ohne Sinn und Verstand ! Von den reichen Hilfsquellen des Gutes scheint kein Mensch eine Ahnung gehabt zu haben . Ich wußte genau Bescheid , als ich den Kauf abschloß , und habe auch nur den entsprechenden Preis gezahlt . Da heißt es , von Grund aus Ordnung schaffen , und das wird Zeit und Arbeit kosten , aber gleichviel – es ist etwas zu machen aus Brankenberg . « » Mein Gott , weshalb legen Sie sich denn aber eine solche Last auf ? « warf Frau von Wilkow nachlässig ein . » Es gibt doch sicher Güter mit geordneten Verhältnissen , gerade in unserer Rheingegend . « » Gewiß , aber ich hatte keine Lust , mich in ein warmes , bequemes Nest zu setzen , wo alles schon gethan ist . Ich muß schaffen , aufbauen können , muß Freude haben an dem Werdenden und Gewordenen , das ist für mich – doch Verzeihung , gnädige Frau , ich langweile Sie da mit Dingen , die Ihnen ganz fern liegen ! « » Warum gerade mir ? « fragte Elfriede , gereizt durch die scharfe Betonung jenes Wortes . » Weil Sie Ihr Leben in ganz andere Bahnen gelenkt haben , mit vollem Rechte , « sagte Adlau mit einer Artigkeit , die nur mit dem Ausdruck seiner Augen nicht recht stimmen wollte . » Wer sich an die Arbeit gewöhnt hat wie ich , den läßt die Gewohnheit nicht los , auch wenn die Notwendigkeit zur Arbeit vorüber ist . « » Haben Sie das denn an sich selbst erfahren ? « fragte Wellborn mit naiver Verwunderung . » Ich glaubte immer , Sie seien zu Ihrem Vergnügen in Amerika gewesen und hätten als Tourist den Weltteil durchstreift . « » Da sind Sie leider im Irrtum gewesen , Herr Wellborn . Ich hatte nicht das Glück , als Erbe eines reichen Fabrikherrn geboren zu werden , ich bin mit meiner Schwester in einem Pfarrhause aufgewachsen , und ein deutscher Pastor pflegt gewöhnlich keine Schätze aufzuhäufen . Mein Vater gab mir seinen