Achseln und zeigte hinüber nach der geschlossenen Thür des Arbeitszimmers . „ Sie wissen ja , Signor , daß wir nicht stören dürfen ; Signor Rinaldo hat sich eingeschlossen . “ „ Schon seit heute Morgen , “ murmelte der Capitain . „ Das fängt nachgerade an beängstigend zu werden . Ich muß durchaus wissen , was da vorgefallen ist . “ Er ging an die Thür des Arbeitszimmers und pochte in einer Weise , die nicht überhört werden konnte . „ Reinhold , öffne ! Ich bin es . “ Von drinnen erfolgte keine Antwort . „ Reinhold , ich habe heute bereits zweimal vergebens Einlaß bei Dir verlangt . Wenn Du jetzt nicht öffnest , so nehme ich an , daß ein Unglück geschehen ist , und sprenge in der nächsten Minute die Thür . “ Diese Drohung schien endlich zu fruchten ; man hörte Schritte drinnen im Zimmer . Der Riegel wurde zurückgeschoben , und Reinhold stand vor dem rasch eintretenden Bruder und sagte ungeduldig : „ Wozu die Störung ? Kann ich denn nie allein sein ? “ „ Nie ? “ fragte Hugo vorwurfsvoll . „ Seit heute Morgen bist Du unzugänglich für Jeden , sogar für mich , und Dein Gesicht zeigt , daß Du jetzt eher alles Andere ertragen kannst als das Alleinsein . Diese unglückliche Soirée gestern ! Der Himmel weiß , was da mit Euch Allen vorgegangen ist ! Ella war auf einmal aus dem Saale verschwunden , und ich bin überzeugt , Ihr habt Euch gesprochen . Marchese Tortoni , der gleichfalls unsichtbar wurde , kommt mit einer Miene zurück , als habe er soeben sein Todesurtheil vernommen , und verläßt in der nächsten Minute die Gesellschaft . Dich finde ich in der Galerie in einer Aufregung ohne Gleichen , und Donna Beatrice sieht aus wie das jüngste Gericht , als sie in den Wagen steigt . Ich wette darauf , sie allein hat wieder das ganze Unheil angestiftet . Was hast Du mit ihr ? “ Reinhold verschränkte die Arme und sah finster zu Boden . „ Jetzt nichts mehr – wir sind zu Ende . “ Der Capitain trat in jähem Erstaunen zurück . „ Was soll das heißen ? Du begleitetest sie ja . “ „ Gewiß ! Sie wußte das zu ertrotzen , und da kam es denn endlich zur Entscheidung zwischen uns . “ „ Du hast mit ihr gebrochen ? “ fragte Hugo . „ Ich – nein , “ versetzte Reinhold mit einem bitteren Ausdruck . „ Es war mir ja deutlich genug gesagt worden , daß ich keine ‚ Zweite ‘ opfern dürfe . Beatrice war es , die den Bruch gewaltsam herbeiführte . Warum mußte sie mich auch zu einer Unterredung zwingen , so unmittelbar nachdem mir klar geworden war , was ich um ihretwillen verloren habe . Sie stellte mich zur Rede über mein Denken und Fühlen , und ich gab ihr die Wahrheit , die sie verlangte – schonungslos vielleicht , aber wenn ich grausam war , so hat sie mich zehnfach dazu herausgefordert . “ „ Ich kann es mir denken , wie ich die Biancona kenne , “ sagte Hugo halblaut . „ Wie Du sie kennst ? “ wiederholte sein Bruder . „ Glaube das nicht ! Habe ich selbst sie doch erst gestern Abend ganz kennen gelernt . Es war eine Scene – ich sage Dir , Hugo , auch Du mit all Deiner Energie wärest ihr nicht gewachsen gewesen . Man muß selbst etwas vom Dämon in sich haben , um solch einem Weibe Stand zu halten . Die Stunde drückte das Siegel auf unsere Trennung . “ Es bebte ein dumpfer Groll in den Worten , aber ein Aufathmen , eine Erleichterung verriethen sie nicht . Der Capitain schüttelte den Kopf . „ Ich fürchte , die Geschichte ist damit noch keineswegs zu Ende . Diese Beatrice ist keine Frau , die sich in ohnmächtigen Thränen verzehrt . Sei auf Deiner Hut , Reinhold ! “ „ Sie drohte mir mit ihrer ganzen Rache , “ sagte Reinhold finster . „ Und wie ich sie kenne , wird sie das halten . Mag sie doch ! Ich zittere nicht vor dem , was ich selbst heraufbeschwor – mit dem Glücke habe ich ja ohnehin abgeschlossen . “ „ Und wenn jene Trennung unwiderruflich bleibt , glaubst Du nicht an die Möglichkeit einer Versöhnung mit Ella ? “ fragte der Capitain ernst . „ Nein , Hugo , das ist vorbei . Ich weiß , daß sie nicht vergessen kann . In ihrem Herzen spricht auch nicht eine Stimme mehr für mich , wenn sie überhaupt je gesprochen hat . Die Kluft zwischen uns ist zu weit und zu tief ; es führt keine Brücke mehr hinüber . Ich habe die letzte Hoffnung aufgegeben . “ Das Gespräch der beiden Brüder wurde in diesem Augenblicke durch Jonas unterbrochen , der rasch eintrat . Reinhold sah unwillig auf , als der Diener seines Bruders sich erlaubte , sein Arbeitszimmer so ohne Weiteres zu betreten , und Hugo hatte bereits einen Verweis auf den Lippen , als ein Blick auf das Gesicht des Matrosen ihn innehalten ließ . „ Was giebt es , Jonas ? “ fragte er unruhig . „ Bringst Du irgend etwas Besonderes ? “ „ Herr Capitain ! “ – die Stimme des Matrosen hatte ganz und gar ihren sonstigen ruhigen Klang verloren ; sie zitterte hörbar – „ Ich komme eben aus dem Erlau ’ schen Hause – Sie wissen ja , daß ich jetzt oft dahin gehe – der alte Herr ist außer sich ; die ganze Dienerschaft ist auf den Beinen – die Annunziata weint sich die Augen aus , obgleich sie doch wahrhaftig keine Schuld hat – und die junge Frau Erlau nun erst – “ „ Was ist geschehen ? “ fuhr Reinhold in ahnender Angst empor . „ Ein Unglück ? “ „ Das Kind ist fort , “ sagte Jonas verzweifelt , „ schon seit heute Mittag . Wenn sie es nicht wiederfinden , ich glaube , das geht der Mutter an ’ s Leben . “ „ Wer ? Der kleine Reinhold ? “ forschte Hugo , während sein Bruder keines Wortes mächtig den Unglücksboten anstarrte . „ Wie konnte das geschehen ? War er denn nicht unter Aufsicht ? “ „ Er spielte im Garten , wie gewöhnlich , “ berichtete Jonas , „ und die Annunziata war bei ihm . Sie geht nur auf eine Viertelstunde in ’ s Haus – das kommt öfter vor . Als sie zurückkommt , ist die Gartenthür offen , das Kind fort , keine Spur von ihm zu finden . Sie haben schon die ganze Nachbarschaft aufgeboten , die ganze Umgegend durchsucht , aber Teiche oder Gräben , wo der Kleine verunglücken könnte , giebt es ja nicht in der Nähe , und wenn er fortgelaufen wäre , so ist er ja am Ende groß genug , sich wieder zurecht zu finden . Kein Mensch kann sich die Geschichte erklären . “ Die Blicke der Brüder begegneten sich . In Beider Augen stand derselbe furchtbare Gedanke . In der nächsten Minute schon riß Reinhold , leichenblaß und an allen Gliedern bebend vor Aufregung , seinen Hut vom Tische . [ 603 ] „ Ich werde mir die Aufklärung schaffen , “ rief Reinhold aus . „ Weiß ich doch , wo ich sie zu suchen habe . Geh ’ Du voran zu Ella , Hugo ! Ich komme nach – vielleicht schon mit dem Kinde . “ Der besonnenere Capitain ergriff rasch seinen Arm . „ Reinhold , ich bitte Dich , keine Uebereilung ! Noch kennen wir die näheren Umstände nicht . Das Kind kann sich in der That verirrt und , da es kein Italienisch spricht , sich noch nicht wieder zurückgefunden haben . Vielleicht wird es jetzt schon der Mutter wieder zugeführt . Was willst Du thun ? “ „ Meinen Sohn zurückfordern , “ brach Reinhold mit furchtbarer Wildheit aus . „ Das also war die Rache , die diese Furie sich ausgedacht hat . Ella und mich , uns Beide wollte sie mit einem einzigen tödtlichen Streich treffen , aber ich werde sie zu erreichen wissen . Laß ’ mich , Hugo ! Ich muß zu Beatricen . “ „ Das nützt nichts , “ rief der Capitain , den der Ausdruck im Gesichte des Bruders erschreckte , und der sich vergeblich bemühte , ihn zurückzuhalten . „ Wenn Dein Argwohn begründet ist , so wird sie ihre Rolle auch zu behaupten wissen . Du reizest sie nur noch mehr . Wir müssen andere Maßregeln ergreifen . “ Reinhold riß sich gewaltsam los . „ Laß ’ mich ! Wenn irgend Einer , so erzwinge ich von ihr die Herausgabe meines Kindes , und erzwinge ich nichts – nun , so giebt es ein Unglück . “ Er stürmte fort . Die Wohnung Beatricens lag ziemlich weit von der seinigen entfernt ; dennoch legte er den Weg dahin in kaum einer Viertelstunde zurück . Sonst bedurfte er hier keiner Anmeldung ; vor ihm sprangen alle Thüren auf ; war man doch gewohnt , ihn auch hier als Gebieter zu betrachten . Heute versicherte der Diener , welcher ihm öffnete , sehr entschieden , Signora sei für Niemand zu sprechen , auch für Signor Rinaldo nicht , sie sei heftig erkrankt und habe streng verboten – Reinhold ließ den Mann nicht ausreden . Er stieß ihn bei Seite , eilte durch das Vorzimmer und riß die Thür nach dem Salon auf . Dieser war leer , ebenso das daneben liegende Boudoir ; die Thüren der übrigen Gemächer standen weit offen – nirgends die Gesuchte , nirgends eine Spur von ihr ; sie hatte augenscheinlich die Wohnung verlassen . Reinhold sah , daß er bereits zu spät kam , und in dem vernichtenden Bewußtsein dieser Entdeckung fühlte er doch dunkel , daß die Flucht Beatricens ihm ein Verbrechen erspart habe . In seiner jetzigen Stimmung wäre er der Räuberin seines Kindes gegenüber zu Allem fähig gewesen . Sich mit Aufbietung all seiner Willenskraft zur Ruhe zwingend , kehrte er zu dem Diener zurück , der es nicht gewagt hatte , ihm zu folgen , und eingeschüchtert und ungewiß im Vorzimmer stand . „ Signora ist also fort . Seit wann ? “ Der Diener zögerte mit der Antwort . Das Gesicht des Fragenden schien ihm nichts Gutes zu verheißen . „ Marco , Sie werden mir antworten ! Sie sehen , daß ich mich nicht durch den Vorwand zurückhalten ließ , mit dem Sie mich auf Befehl Signora ’ s zu täuschen versuchten . Noch einmal , seit wann ist sie fort und wohin ist sie ? “ Marco war augenscheinlich nicht in das Geheimniß eingeweiht , denn er war auf diese Frage durchaus nicht vorbereitet . Dagegen mochte er einen Theil der Scene belauscht haben , die gestern Abend zwischen seiner Herrin und Signor Rinaldo stattgefunden hatte , und erklärte sich damit den heutigen Auftritt in seiner Weise . Dem heftigen Charakter Beatricens sah es ganz ähnlich , daß sie jetzt auf einige Tage die Stadt verließ , wäre es auch nur , um dadurch die erneuten Aufführungen der Oper Rinaldo ’ s unmöglich zu machen , und daß dieser vor Zorn darüber außer sich gerieth , ließ sich leicht begreifen . Es war ja nicht das erste Zerwürfniß zwischen den Beiden , und alle Zwistigkeiten zwischen ihnen hatten bisher noch jedesmal mit einer Versöhnung geendigt . In der Voraussicht einer solchen Versöhnung war der Diener klug genug , es mit der doch stets herrschenden Partei nicht zu verderben , und so berichtete er denn , Signora habe bereits heute Morgen in aller Frühe die Wohnung mit dem gemessenen Befehle verlassen , sie jeder Nachfrage gegenüber für krank auszugeben . Sie sei in ihrem eigenen Wagen fortgefahren ; weiter wisse auch er nichts . „ Und wohin fuhr sie ? “ fragte Reinhold athemlos . „ Haben Sie nicht gehört , welche Adresse dem Kutscher zugerufen wurde ? “ „ Ich glaube – die Wohnung des Maestro Gianelli . “ „ Gianelli ! Also auch der ist im Complot . Nun , vielleicht ist er noch zu erreichen . Marco , sobald Signora wieder eintrifft oder auch nur irgend eine Nachricht von ihr , melden Sie es mir sofort ! Sofort ! Ich wiege Ihnen jedes Wort mit Gold auf . Vergessen Sie das nicht ! “ Mit diesem dem Diener wie im Fluge zugeworfenen Befehle eilte Reinhold fort . Marco sah ihm ganz bestürzt nach . Die heutige Scene spielte sich doch viel stürmischer ab als all die vorhergehenden bei ähnlichen Gelegenheiten , und die Aufregung Signor Rinaldo ’ s überstieg auch alles bisher Dagewesene . Was war denn nur vorgefallen ? Der Maestro konnte Signora [ 604 ] Biancona doch unmöglich entführt haben ? Es sah wirklich beinahe so aus . – In der Wohnung des Consul Erlau herrschte begreiflicher Weise die grenzenloseste Verwirrung und Aufregung . Capitain Almbach , der unverzüglich dorthin geeilt war , nahm sich zwar sofort mit größter Energie und Umsicht der noch im vollen Gange befindlichen Nachforschungen an , aber auch er vermochte nichts zu erreichen . Vorläufig stand nur die eine Thatsache fest , daß das Kind spurlos verschwunden war und blieb . Ob es freiwillig den Garten verlassen , ob es hinausgelockt worden war , darüber fehlte jede Vermuthung . Niemand hatte etwas ungewöhnliches bemerkt , Niemand den Kleinen vermißt bis zu dem Augenblicke , wo Annunziata zurückkehrte , um ihn zu holen . Die arme kleine Italienerin löste sich fast in Thränen auf , und doch war sie völlig unschuldig an dem Vorfalle , denn ihre junge Herrin selbst hatte sie in das Haus gerufen . Der Knabe war ja alt genug , um nicht einer unausgesetzten Aufsicht zu bedürfen , und er spielte oft genug allein in dem völlig abgeschlossenen Raume . Noch hatte Hugo es nicht gewagt , dem Verdachte Worte zu leihen , den er mit seinem Bruder theilte und der mit jeder Minute lebendiger in ihm wurde . Er hatte nur leise auf die Möglichkeit eines Raubes hingedeutet und war dabei dem vollsten Unglauben begegnet . Räuber in der Mitte der Stadt , im vornehmsten Theile derselben – unmöglich ! Weit eher war ein Unglück anzunehmen . Man machte sich nochmals , trotz der hereinbrechenden Dunkelheit , an die Untersuchung der Nachbargärten und der sonstigen Umgebung . Inzwischen bemühte sich Erlau vergeblich , seine Pflegetochter zu beruhigen und ihr all die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten auszumalen , die immer noch einen glücklichen Ausgang hoffen ließen ; Ella hörte ihn nicht . Stumm und todtenblaß , ohne eine einzige Thräne zu vergießen , saß sie jetzt an seiner Seite , nachdem sie sich stundenlang an den fruchtlosen Nachforschungen betheiligt , sie zum Theile sogar selbst geleitet hatte . Obgleich Hugo ihr gegenüber mit keiner Silbe auf jene Möglichkeit hingedeutet hatte , nahmen die Gedanken der jungen Frau doch die gleiche Richtung , und je unerklärlicher das Verschwinden ihres Kindes blieb , desto unabweisbarer drängte sich auch ihr die Erinnerung an das gestrige Zusammentreffen auf , die Erinnerung an den wilden Haß und die glühende Rachedrohung Beatricens , und klar und immer klarer rang sich in ihr die Ahnung empor , daß es sich hier nicht um einen Zufall oder ein Unglück , daß es sich um ein Verbrechen handele . Da kam ein Wagen im vollsten Jagen die Straße herauf und hielt vor dem Hause . Ella , die bei jedem Geräusche zusammenschreckte , in jedem Kommenden einen Boten sah , der Nachricht brachte , flog an das Fenster ; sie sah ihren Gatten aussteigen und in das Haus treten . Wenige Minuten darauf stand er vor ihr . „ Reinhold , wo ist unser Kind ? “ Es war ein Aufschrei der Todesangst und Verzweiflung , aber auch ein Vorwurf , wie er vernichtender nicht gedacht werden konnte . Von ihm verlangte sie das Kind zurück ; trug er doch allein die wahre Schuld , daß es der Mutter entrissen wurde . „ Wo ist unser Kind ? “ wiederholte sie mit einem vergeblichen Versuche , in seinem Gesichte die Antwort zu lesen . „ In den Händen Beatricens , “ entgegnete Reinhold fest . „ Ich kam zu spät , es ihr zu entreißen ; sie hat sich bereits mit ihrem Raube geflüchtet , aber die Spur wenigstens habe ich . Gianelli verrieth sie mir ; der Schurke war Mitwisser , wenn er nicht gar Helfershelfer war , aber er sah wohl , daß es mir Ernst war mit der Drohung , ihn niederzustoßen , wenn er mir den Weg nicht nenne , den sie mit dem Kinde eingeschlagen . Sie sind in ’ s Gebirge geflohen in der Richtung nach A. hin . Ich folge ihnen sofort . Es ist kein Augenblick zu verlieren . Nur die Nachricht wollte ich Dir bringen , Ella . Leb ’ wohl ! “ Erlau , der erschreckt zugehört hatte , wollte jetzt mit Fragen und Rathschlägen dazwischen treten , aber Ella ließ ihm keine Zeit dazu . Die Gewißheit , so furchtbar sie war , gab ihr den ganzen Muth zurück ; sie stand bereits an der Seite ihres Gatten . „ Reinhold , nimm mich mit ! “ bat sie entschlossen . Er machte eine abwehrende Bewegung . „ Unmöglich , Eleonore ! Das wird eine Jagd auf Leben und Tod und , wenn ich das Ziel erreiche , vielleicht noch ein Kampf auf Leben und Tod . Da ist kein Platz für Dich ; das muß ich allein durchfechten . Entweder bringe ich Dir Deinen Sohn zurück , oder Du siehst mich zum letzten Male . Sei ruhig ! Die Möglichkeit der Rettung liegt ja jetzt in den Händen des Vaters . “ „ Und die Mutter soll inzwischen hier verzweifeln ? “ fragte die junge Frau leidenschaftlich . „ Nimm mich mit ! Ich bin nicht schwach , Du weißt es – von mir hast Du keine Thränen und Ohnmachten zu fürchten , wo es Thaten gilt , und ich ertrage Alles , nur nicht die furchtbare Ungewißheit und Unthätigkeit , nur nicht das angstvolle Harren auf eine Nachricht , die tagelang ausbleiben kann . Ich begleite Dich . “ „ Eleonore , um Gotteswillen ! “ fiel Erlau entsetzt ein , „ Welch eine Idee ! Das würde Dir den Tod geben . “ Reinhold sah seine Frau einige Secunden lang schweigend an , als wolle er prüfen , wie weit ihre Kraft gehe . „ Kannst Du in zehn Minuten fertig sein ? “ fragte er rasch . „ Der Wagen wartet unten . “ „ In der Hälfte dieser Zeit . “ Sie eilte in das Nebenzimmer ; der Consul wollte nochmals verbieten , bitten , beschwören , aber Reinhold schnitt ihm das Wort ab . „ Lassen Sie sie gewähren , wie ich es thue ! “ sagte er energisch . „ Wir können jetzt nicht der kalten Ueberlegung Raum geben . – Ich sehe meinen Bruder nicht hier , und mir fehlt die Zeit , ihn aufzusuchen . Sagen Sie ihm , was geschehen ist , was ich entdeckt habe . Er soll hier unverzüglich die nöthigen Schritte thun , um uns die Hülfe zu sichern , die wir vielleicht brauchen , und uns dann folgen . Wir nehmen für ’ s erste den directen Weg nach A. Dort wird Hugo weitere Nachrichten von uns finden . “ Er wandte sich , ohne eine Antwort abzuwarten , nach der Thür , wo Ella bereits in Hut und Mantel erschien . Die junge Frau warf sich mit einem kurzen , stürmischen Abschiedsgruße an die Brust ihres Pflegevaters , dessen Protest nicht gehört wurde , dann folgte sie ihrem Gatten . Erlau sah vom Fenster aus , wie Reinhold sie in den Wagen hob , ihr dann nachfolgte und den Schlag zuwarf , wie der Wagen mit Beiden im vollsten Galopp davonbrauste – das war zu viel für die noch immer angegriffenen Nerven des alten Herrn , zumal nach der Angst und Aufregung der letzten Stunden ; fast betäubt sank er in einen Lehnstuhl . Kaum zehn Minuten später trat Hugo ein ; er hatte von einem der Diener bereits die plötzliche Ankunft seines Bruders und dessen ebenso plötzliche Abreise mit Ella erfahren ; auf seine hastigen Fragen erst kam Erlau wieder etwas zu sich . Er war außer sich über den Entschluß seiner Pflegetochter , noch mehr aber über die Eigenmächtigkeit ihres Gatten , der sie so ohne Weiteres mit sich genommen hatte . Ankunft , Erklärung , Abreise , das Alles war ja wie im Sturmwinde geschehen ; diese Handlungsweise glich einer förmlichen Entführung . Und was sollte die junge Frau auf einer solchen Reise ? Was konnte da Alles vorfallen , was geschehen , wenn sie nun wirklich diese entsetzliche Italienerin erreichten ? Der Consul war bei dem Gedanken an all die Möglichkeiten , denen sein Liebling ausgesetzt war , nahe daran , zu verzweifeln . Hugo hörte schweigend den Bericht mit an , ohne besonderes Erstaunen oder Entsetzen zu verrathen . Er schien so etwas erwartet zu haben , und als Erlau geendigt hatte , legte er beschwichtigend die Hand auf dessen Arm und sagte ruhig , aber doch mit einem leichten Beben der Stimme : „ Lassen Sie es gut sein , Herr Consul ! Die Eltern sind jetzt auf der Spur ihres Kindes ; da werden sie hoffentlich den Kleinen finden und – sich auch . “ Die steilen Windungen der Bergstraße hinauf , die durch das Gebirge nach A. führte , bewegte sich ein Wagen . Er kam trotz der vier kräftigen Pferde und der ermunternden Zurufe des Führers nur langsam vorwärts . Es war hier eine der schlimmsten Stellen des ganzen Gebirges . Die Insassen des Wagens , ein Herr und eine Dame , waren ausgestiegen und hatten einen Fußpfad eingeschlagen , der den Weg fast um die Hälfte abkürzte , sie standen bereits oben auf der Höhe , während das Gefährt sich noch in ziemlicher Entfernung von derselben befand . [ 605 ] „ Erhole Dich , Ella ! “ sagte der Herr , indem er die Dame in den Schatten der Felswand geleitete . „ Die Anstrengung war zu groß für Dich ; warum bestandest Du auch darauf , den Wagen zu verlassen ? ! “ Die junge Frau hielt den starren trostlosen Blick noch immer auf die Bergstraße gerichtet , die sich von der andern Seite in das Thal hinabsenkte , und deren Windungen man zum Theil übersehen konnte . „ Wir waren doch immerhin eine Viertelstunde eher auf der Höhe , “ entgegnete sie matt . „ Ich wollte den Weg überblicken , vielleicht schon – den Wagen entdecken . “ Reinhold ’ s Blick verfolgte dieselbe Richtung , in der gleichwohl nichts zu entdecken war als zwei Männergestalten , dem Anscheine nach Landleute , die , rüstig berganwärts steigend , bald in den Biegungen der Straße verschwanden , bald wieder darin auftauchten . „ So nahe können wir ihnen wohl noch nicht sein , “ sagte er beruhigend , „ obgleich wir seit gestern Abend fast geflogen sind . Du siehst wenigstens , daß wir der rechten Spur folgen . Beatrice ist überall gesehen worden und das Kind an ihrer Seite . Wir müssen sie einholen . “ „ Und wenn es geschieht – was dann ? “ fragte Ella tonlos . „ Unser Knabe ist ja schutzlos in ihren Händen . Gott weiß , welche Pläne sie mit ihm verfolgt . “ Reinhold schüttelte den Kopf . „ Pläne ? Beatrice handelt nie nach Plan oder Berechnung . Der Impuls des Augenblicks allein entscheidet bei ihr Alles . Der Gedanke an die Rache ist in ihr aufgeblitzt , und blitzschnell hat sie ihn auch vollführt , blitzschnell sich mit ihrem Raube geflüchtet . Wohin ? Zu welchem Zwecke ? Das ist ihr vielleicht selbst nicht einmal klar , und danach fragt sie auch im Augenblicke nicht . Sie hat Dich und mich bis in ’ s innerste Herz treffen wollen , und das ist ihr gelungen ; weiter wollte sie ja nichts . “ Er sprach mit tiefer Bitterkeit , aber doch mit vollster Bestimmtheit . Sie standen Beide allein auf der Höhe des Passes ; der Wagen befand sich noch tief unter ihnen und verschwand soeben in der letzten Biegung des Weges . Das Gebirge hatte hier einen schroffen , wilden Charakter ; fast nackt stiegen die starren Felsen empor , bald in mächtigen Gruppen , bald wild zerklüftet und zerrissen . Nur die Aloë wurzelte in den Spalten des gelbgrauen Gesteins , und hin und wieder verstreute ein Feigenbaum seinen dürftigen Schatten . Drüben an der andern Seite des Thales hing in schwindelnder Höhe ein Gemäuer an der Bergwand , ein Schloß oder Kloster , grau wie das Gestein selbst und in der Entfernung kaum von diesem zu unterscheiden . Weiter niederwärts hatte sich am Rande einer Schlucht ein Bergstädtchen eingenistet , das , auf und in den Fels hineingebaut , fast einen Theil desselben zu bilden schien , und dessen ödes verfallenes Aussehen mit der Einsamkeit ringsum harmonirte . Tief unten wälzte sich der breite reißende Strom hin , fast die ganze Weite des Thales einnehmend , sodaß kaum Raum genug für die Straße an seiner Seite blieb . Ueber der ganzen Umgebung aber lag das heiße Sonnenlicht eines südlichen Herbsttages , der an Gluth dem nordischen Hochsommertage nicht das Geringste nachgiebt ; obgleich die Sonne längst ihre Mittagshöhe verlassen hatte , flimmerte es doch noch heiß in der Luft ; grell und scharf beleuchtet hob sich jeder einzelne Gegenstand , fast schmerzend für das Auge , hervor , und das erhitzte Gestein brannte förmlich unter den sengenden Strahlen , denen es unaufhörlich ausgesetzt war . „ Es wäre eine Thorheit , dem Wagen auch nur noch einen Schritt vorauszugehen , “ sagte Reinhold . „ Bei der Fahrt bergabwärts überholt er uns in den nächsten Minuten . Wir haben ja jetzt den vollen Ueberblick . “ Ella widersprach nicht ; ihr Antlitz trug deutlich genug den Ausdruck der höchsten körperlichen und geistigen Erschöpfung . Diese zwanzigstündige ruhelose Fahrt und dazu die Todesangst im Innern , die immer erneute qualvolle Aufregung , wenn die gesuchte Spur jetzt auftauchte , jetzt wieder verschwand – das war zu viel für das Herz einer Mutter und die Kraft einer Frau . Sie ließ sich auf ein Felsstück nieder , lehnte stumm den Kopf an die Bergwand und schloß die Augen . Ihr Gatte stand neben ihr und blickte schweigend nieder auf das schöne blasse Antlitz , das in seiner tödtlichen Erschöpfung fast beängstigend erschien . Die scharfen Kanten des Gesteins gruben sich tief in die weiße Stirn und ließen rothe Ränder dort zurück . Reinhold schob langsam seinen Arm zwischen den Fels und die blonden Flechten der jungen Frau ; sie schien es nicht zu fühlen , und ermuthigt dadurch , legte er den Arm vollends um sie und versuchte , ihr an seiner Schulter eine bessere Stütze zu geben . Jetzt zuckte Ella leise zusammen und schlug das Auge auf ; sie machte eine Bewegung , als wolle sie sich ihm entziehen , aber sein Blick entwaffnete sie , dieser Blick , der mit so schmerzlicher angstvoller Zärtlichkeit auf ihr ruhte ; sie sah , er zitterte in diesem Augenblicke nicht weniger um sie , als er um sein Kind zitterte . Sie ließ den Kopf wieder zurücksinken und verharrte regungslos in seinen Armen . Er beugte sich tief über sie . „ Ich fürchte , Eleonore , “ sagte er gepreßt , „ Du hast Deiner Kraft allzu viel zugetraut ; Du brichst zusammen . “ Ella schüttelte verneinend das Haupt . „ Wenn ich meinen Knaben wieder habe , dann vielleicht . Eher nicht . “ „ Du wirst ihn zurückerhalten , “ sagte Reinhold energisch . „ Wie ? um welchen Preis ? – das weiß ich freilich noch nicht , aber ich weiß , wie Beatrice zu meistern ist , wenn der Dämon sich in ihr regt . Habe ich ihr doch oft genug gegenübergestanden in Stunden , wo vielleicht jeder Andere vor ihr gezittert hätte , und habe meinen Willen zu erzwingen gewußt . Noch einmal , zum letzten Male werde ich das versuchen , und sollten sie und ich die Opfer werden . “ „ Du glaubst an eine Gefahr , auch für Dich ? “ Es klang wie bebende Angst aus der Stimme der jungen Frau . „ Nicht , wenn ich ihr allein gegenübertrete , nur wenn Du ihr nahst . Versprich mir , daß Du auf der letzten Station zurückbleiben , daß Du Dich nicht zeigen willst , wenn wir sie erreichen ! Bedenke , sie hat in dem Kinde einen Schild gegen jeden Angriff , jede Gewalt unsererseits , und es steht Alles auf dem Spiele , wenn sie Dich an meiner Seite erblickt . “ „ Haßt sie mich denn so sehr ? “ fragte Ella befremdet . „ Ich reizte sie , das ist wahr , aber Du warst es doch , der sie am tiefsten beleidigte . “ „ Ich ? “ wiederholte Reinhold . „ Du kennst Beatrice nicht . Wenn ich jetzt vor sie hinträte als Reuiger , als Zurückkehrender , so wäre es vorbei mit ihrem Haß und ihrer Rache . Ein einziger Schwur , daß ich und mein Weib getrennt sind und es bleiben , daß ich jeden Gedanken an Wiedervereinigung aufgebe , und sie giebt Dir das Kind zurück , ohne Kampf , ohne Widerstand . Wenn ich das könnte , wäre die Gefahr zu Ende . “ Ella ’ s Auge suchte den Boden ; sie wagte es nicht ,