sich herzutreiben . Einmal zersprengt , vermochte diese sich nicht wieder zu sammeln , da die sämmtlichen Hauptpunkte besetzt waren . Nach einigen Stunden war die Ruhe wieder hergestellt und zwar – dank der Vorsicht und Mäßigung des Commandirenden – ohne eigentliches Blutvergießen . Es hatte zwar im Getümmel selbst Verwundungen und Verletzungen genug gegeben , aber es war doch nicht zum wirklichen Kampfe gekommen , und jedenfalls hatte das Einschreiten des Militärs seine Wirkung gethan . Die unruhigen Elemente der Stadt waren vollständig eingeschüchtert ; die Excesse wiederholten sich nicht , und während der folgenden Tage wurde die Ruhe nirgends gestört . Man schien der Gewalt zu weichen ; der Gouverneur hatte wieder einmal die Oberhand behalten . – Es war am Morgen nach jener Unterredung mit Rudolph Brunnow , als der Freiherr in das Zimmer seiner Schwägerin trat . Bei der Baronin hatte jene Erkältung doch ernstere Folgen gehabt ; sie war krank , oder behauptete wenigstens , es zu sein , und hatte seit ihrer Rückkehr nach der Stadt kaum das Bett verlassen . Der Freiherr sandte jeden Morgen herüber , um sich nach ihrem Befinden erkundigen zu lassen ; er selbst hatte weder sie noch Gabriele seit den letzten Tagen gesehen , da das junge Mädchen die Krankheit der Mutter zum Vorwande nahm , um nicht bei Tische zu erscheinen . So war denn eine Begegnung zwischen ihnen seit jener stürmischer Unterredung noch vermieden worden . Die Baronin lag mit sehr leidender Miene auf dem Sopha , als ihr Schwager eintrat . Er schien Gabriele , die sich gleichfalls im Zimmer befand , nicht zu bemerken , sondern trat sofort zu ihrer Mutter und fragte in jenem gleichgültigen Tone , mit dem man einer bloßen Form genügt , wie sie sich befinde . „ O , ich habe schlimme Tage verlebt , “ seufzte die Baronin . „ Ich befinde mich sehr schlecht , und die Angst und Aufregung an jenem entsetzlichen Abende , wo man das Schloß stürmen wollte , hat mich vollends krank gemacht . “ „ Ich ließ Ihnen ja eigens melden , daß alle Maßregeln zur Sicherheit des Schlosses getroffen seien , “ sagte Raven ungeduldig . „ Sie wären überhaupt niemals in Gefahr gekommen ; die ganze stürmische Demonstration galt mir allein . “ „ Aber der Lärm , das Anrücken des Militärs , das Schießen in der Stadt ! “ klagte die Dame , „ das alles regte meine Nerven furchtbar auf . Hätte ich doch dem Wunsche des Oberst Wilten nachgegeben und wäre noch einige Tage auf seinem Landsitze geblieben ! Freilich , wie die Dinge jetzt stehen , konnte ich nicht daran denken . Gabriele martert mich förmlich mit ihrem Trotz und Eigensinn . Sie erklärt auf das Bestimmteste , daß sie niemals dem jungen Baron Wilten ihre Hand reichen werde , und droht mir , ihm ein unverhülltes Nein zu geben , wenn ich es bis zu einem Antrage kommen lasse . “ Raven ’ s Blick streifte das junge Mädchen , das stumm und bleich , den Kopf in die Hand gestützt , in einiger Entfernung saß , er richtete aber auch jetzt nicht das Wort an sie . „ Ich bin in der grenzenlosesten Verlegenheit , “ fuhr die Baronin fort . „ Ich habe dem Oberst ganz bestimmte Zusicherungen gegeben , die unmöglich zurückgenommen werden können . Er und sein Sohn werden außer sich sein . Gabriele behauptet , bereits mit Ihnen darüber gesprochen zu haben , Arno . Sind Sie denn wirklich mit diesem Nein einverstanden ? “ „ Ich ? “ fragte der Freiherr kalt . „ Ich habe mich jedes Einflusses auf Ihre Tochter begeben . “ „ Mein Gott , was ist denn vorgefallen ? “ fragte die Baronin , sich erschrocken aufrichtend . „ Hat Gabriele auch Ihnen gegenüber ihren Starrsinn gezeigt ? Ich will doch nicht hoffen – “ „ Lassen wir das ! “ schnitt ihr der Freiherr das Wort ab . „ Die Angelegenheit mit Wilten muß ich allerdings erledigen , schon wegen meiner eigenen Stellung zu dem Oberst . Er würde es mir nie verzeihen , wenn ich seinen Sohn der Kränkung aussetzte , ein Nein zu erhalten , wo er mit Sicherheit auf ein Ja rechnet . Uebrigens ist das Ihre Schuld allein , Mathilde . Sie [ 424 ] werden sich erinnern , daß ich Ihren Plänen von Anfang an fern geblieben bin . Sie hätten sich der Fügsamkeit Ihrer Tochter versichern sollen , ehe Sie bestimmte Versprechungen gaben . Jedenfalls muß die Sache jetzt zur Sprache gebracht werden . Ich fahre von hier aus zu Wilten und werde bei unserer heutigen Conferenz Gelegenheit nehmen , ihm Gabrielens Weigerung mitzutheilen . – Jetzt aber zu dem eigentlichen Zwecke meines Kommens ! Sie sind leidend ? “ „ Ja wohl , sehr leidend ! “ flüsterte die Baronin , indem sie mit dem Ausdrucke der größten Mattigkeit wieder in die Kissen zurücksank . „ So möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen . Der Arzt spricht von nervösen Zuständen und empfiehlt nur Luftveränderung , um so mehr , als der Herbst bei uns sehr rauh und unfreundlich zu sein pflegt . Ueberdies ist bei den jetzigen Zuständen in der Stadt an irgend ein Gesellschaftsleben für die nächste Zeit nicht zu denken . Ich rathe Ihnen daher , die Einladung Ihrer Freundin der Gräfin Selteneck , abzunehmen , von der Sie mir neulich sprachen , und auf einige Wochen mit Ihrer Tochter nach der Residenz zu gehen . “ Gabriele , die das Gespräch verfolgte , ohne sich daran zu betheiligen , bebte bei den letzten Worten zusammen , und ein unwillkürlicher Ausruf entfuhr ihren Lippen : „ Nach der Residenz ? “ „ Ja , “ sagte Raven , sich zum ersten Male zu ihr wendend , mit herber Ironie . „ In Deinen Wünschen liegt das doch gewiß . “ Das junge Mädchen schwieg , aber die matten Züge der Baronin belebten sich plötzlich . „ Wie ? Sie wären mit diesem Besuche einverstanden ? “ fragte sie . „ Ich leugne es nicht , daß ein kurzer Aufenthalt in der Residenz und ein Wiedersehen mit meinen dortigen Freunden und Bekannten mir sehr erwünscht wäre , aber die Rücksicht auf Ihre Wünsche , meine Pflichten als Repräsentantin Ihres Hauses – “ „ Binden Sie in diesem Falle durchaus nicht , “ fiel der Freiherr ein . „ Ich wiederhole Ihnen , daß unter den jetzigen Verhälnissen von Festlichkeiten keine Rede sein kann . Es läßt sich nicht mit Sicherheit bestimmen , ob die Unruhen sich nicht doch wiederholen , und ich möchte Sie nicht zum zweiten Male einer so gefährlichen Angst und Aufregung aussetzen . Ich bitte Sie daher , so bald wie möglich die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen . Wenn Sie zurückkehren , ist hoffentlich Alles geordnet . “ „ Ich füge mich , wie immer , Ihren Wünschen , “ erklärte die Baronin , der die Fügsamkeit diesmal außerordentlich leicht wurde . „ Wir werden in Kurzem reisefertig sein , und auch auf Gabriele , hoffe ich , wird die Zerstreuung wohlthätig wirken ; sie ist jetzt so bleich und still , daß ich wirklich anfange , für ihre Gesundheit zu fürchten . “ Raven schien die letzte Bemerkung zu überhören ; er erhob sich . „ Das wäre also abgemacht . Was Sie etwa noch für die Reise nothwendig halten sollten , steht zu Ihrer Verfügung . Jetzt aber muß ich Sie verlassen , Mathilde ; mein Wagen wartet bereits . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 27 , S. 446 – 450 Fortsetzungsroman – Teil 19 [ 446 ] Raven ging . Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen , als Frau von Harder mit großer Lebhaftigkeit rief : „ Das ist doch endlich einmal eine vernünftige Idee meines Schwagers ! Ich fürchtete schon , er würde uns zumuthen , in dieser aufgeregten Stadt zu bleiben , wo man nicht einmal seines Lebens sicher ist und bei jeder Ausfahrt fürchten muß , von dem Pöbel insultirt zu werden . Mich wundert nur , daß Arno sich um meine Nerven und die Verordnungen des Arztes kümmert . Er pflegt sonst sehr rücksichtslos in solchen Dingen zu sein . Meinst Du nicht , Gabriele ? “ „ Ich meine , daß er uns entfernen will um jeden Preis , “ erwiderte Gabriele , ohne sich umzuwenden . „ Nun ja , “ sagte die Baronin unbefangen . „ Er sieht es ein , daß R. jetzt kein angenehmer Aufenthalt ist , zumal für Damen . Ich sprach ihm allerdings nicht ohne Absicht von der Einladung der Gräfin ; ich hoffte , er würde darauf eingehen , aber damals schwieg er hartnäckig , und so wagte ich es nicht , die Sache weiter zu verfolgen . Wie sehne ich mich , die Residenz wieder zu sehen und all die früheren Beziehungen wieder anzuknüpfen ! Hier ist und bleibt man doch nun einmal in der Provinz trotz all des großstädtischen Ansehens , welches die Stadt sich geben möchte . Aber jetzt müssen wir vor allen Dingen Musterung über unsere Toilette halten . Komm ’ , mein Kind ! Wir wollen überlegen . “ „ Verschone mich damit , Mama ! “ bat das junge Mädchen in mattem , gedrücktem Tone . „ Ich habe jetzt keinen Sinn dafür . Bestimme , was Dir gut dünkt ! Ich füge mich in Alles . “ Die Baronin sah ihre Tochter mit unverhehltem Erstaunen an ; diese Gleichgültigkeit überstieg alle Begriffe . „ Keinen Sinn dafür ? “ wiederholte sie . „ Gabriele , was ist eigentlich mit Dir vorgegangen ? Ich habe diese Veränderung schon während unseres Landaufenthaltes bemerkt , aber seit den letzten Tagen erkenne ich Dich gar nicht wieder . Ich fürchte , es ist auf der Rückfahrt irgend etwas zwischen Dir und dem Onkel vorgefallen , was Du mir verschweigst . Er zürnt Dir offenbar ; er hat Dich ja vorhin kaum angeblickt . Wann endlich wirst Du es lernen , die nöthigen Rücksichten gegen ihn zu beobachten ? “ „ Du hörst es ja , er schickt uns fort , “ sagte Gabriele mit aufquellender Bitterkeit . „ Er will allein sein , wenn eine Gefahr ihn bedroht , wenn ein Unglück ihn trifft – ganz allein ! “ „ Ich begreife Dich nicht , “ erklärte die Mutter ärgerlich . „ Was soll denn dem Onkel drohen ? Ich dächte , er hätte die Empörungsversuche energisch genug niederschlagen , und im schlimmsten Falle ist ja das Militär zu seinem Schutze da . “ Gabriele schwieg , sie hatte nicht an die Gefahr gedacht , aber trotz ihrer Unerfahrenheit in solchen Dingen fühlte sie doch , daß ein Angriff wie der Winterfeld ’ s nicht unbemerkt vorübergehen konnte , und ahnte den heranziehenden Sturm . Sie und die Mutter sollten freilich davor geborgen werden . Deutlicher konnte der Freiherr ihr nicht sagen , daß Alles zwischen ihnen zu Ende sei , als indem er sie nach der Residenz sandte , wo Georg jetzt weilte und wo eine Begegnung mit ihm leicht zu ermöglichen war . All die Härte und Heftigkeit , mit der sich Raven dieser Verbindung widersetzte , hatte das junge Mädchen nicht so geschmerzt , als dieses Aufgeben seines Widerstandes dagegen . Er zeigte ihr , daß er jeden Einspruch fallen ließ , daß er ihr volle Freiheit gab , und sie kannte ihn zu gut , um nicht zu wissen , daß die vermeintliche Verrätherin bei ihm nie auf Verzeihung rechnen konnte . Vielleicht hätte Gabriele versucht , ihn zu überzeuge , n wie unrecht er ihr mit diesem Verdachte that ; sein Eisesblick hatte sie zurückgescheucht . Der Blick sagte ihr , daß sie doch keinen Glauben finden werde , und bei diesem Gedanken flammte auch ihr Stolz und Trotz empor . Sollte sie es zum zweiten Male ertragen , daß ihre Vertheidigung nicht gehört , daß sie selbst zurückgestoßen wurde , wie es schon einmal geschehen war ? Nun und nimmermehr ! Die Baronin war weit entfernt , diesen Gedankengang ihrer Tochter zu ahnen . Sie dachte nicht einmal daran , daß sich Assessor Winterfeld in der Residenz befand und daß man ihn eigens [ 447 ] dorthin gesandt hatte , um eine Annäherung zu verhindern . Die Dame hatte jetzt wichtige Dinge im Kopfe , und da sie bei Gabriele so gar kein Verständniß für die Toilettenangelegenheiten fand , klingelte sie ihrer Kammerjungfer und begann eine ausführliche Berathung mit derselben . Es war merkwürdig , wie sehr diese Reise die Lebensgeister der Baronin anzuregen vermochte ihre Krankheit und Mattigkeit schienen auf einmal verschwunden ; sie traf die nöthigen Anordnungen mit einem Eifer und einer Lebhaftigkeit , die schon jetzt den besten Erfolg von dieser „ Luftveränderung “ hoffen ließ . Der Freiherr war unmittelbar , nachdem er seine Schwägerin verlassen hatte , zu dem Oberst Wilten gefahren . Er hatte von jeher freundschaftlich mit ihm verkehrt , und in der letzten Zeit war dieser Verkehr noch enger und vertrauter geworden , wenigstens von Seiten der Wilten ’ schen Familie , die mit vollem Eifer die Verbindung zwischen dem Sohne des Hauses und der jungen Baroneß Harder anstrebte . Heute aber lag in dem Empfange und der ganzen Haltung des Obersten eine gewisse Gezwungenheit , die er sich zwar Mühe gab zu verbergen , indem er lebhafter und angelegentlicher sprach , als es sonst seine Art war . Der Freiherr achtete nicht darauf ; er war von ganz anderen Gedanken erfüllt und nicht in der Stimmung , aus solche Dinge Gewicht zu legen . Er wollte eben das Gespräch auf die Sicherheitsmaßregeln in der Stadt lenken , die noch größtentheils in den Händen des Militärs lagen , als Wilten ihm zuvorkam und mit einer gewissen Hast fragte : „ Haben Sie schon nähere Nachrichten aus der Residenz erhalten ? Sie erwarten ja wohl Antwort auf Ihren Brief hinsichtlich der Winterfeld ’ schen Broschüre . “ Die Stirn des Freiherrn verfinsterte sich auffallend bei der Frage , und es vergingen einige Secunden , ehe er antwortete . „ Ja , “ sagte er endlich . „ Die Antwort ist heute Morgen eingetroffen . “ „ Nun ? “ fragte der Oberst in größter Spannung . Raven lehnte sich in den Sessel zurück , und in seiner Stimme lag ebenso viel Spott wie Bitterkeit , als er erwiderte : „ Man scheint in der Residenz vollständig zu vergessen , daß ich als Vertreter der Regierung in ihrem Namen gehandelt habe , und daß man mein Wirken jahrelang mit allen Kräften unterstützte . Sie hatten Recht , mich vor den Intriguen zu warnen , die dort gegen mich gesponnen werden . Ich sehe es erst jetzt , wie unterwühlt der Boden ist , auf dem ich stehe . Vor wenigen Monaten noch hätte man es nicht gewagt , wir eine solche Antwort zu geben . “ „ Wie , man hat doch nicht etwa versucht , Ihnen anzudeuten – ? “ der Oberst hielt inne , er mochte den Satz nicht aussprechen . „ Man hat mir sehr Vieles angedeutet . Allerdings in verbindlichster Form und mit einem ungemeinen Aufwande von Redensarten , aber die Sache selbst bleibt die gleiche . Ich glaube , es wäre den Herren in der Residenz nicht unlieb , wenn ich ginge . Es giebt dort verschiedene Persönlichkeiten , denen ich sehr im Wege bin und die jeden Angriff nach Kräften gegen mich ausbeuten werden . Ich bin aber vorläufig noch nicht gesonnen , ihnen Platz zu machen . “ Oberst Wilten schwieg und sah vor sich nieder . „ Auch die jüngsten Ereignisse hier in der Stadt geben Anlaß zu ernstlichen Differenzen , “ fuhr Raven fort . „ Ich habe deswegen einen lebhaften Depeschenwechsel mit der Residenz gehabt . Man begreift durchaus nicht , daß das Einschreiten des Militärs nothwendig war . Man giebt mir Allerlei anzuhören , von schwerer Verantwortlichkeit , maßloser Erbitterung der Bevölkerung und dergleichen mehr . Ich habe einfach geantwortet : Aus der Ferne lasse sich dergleichen nicht beurtheilen . Ich sei zur Stelle und wisse , was Noth thue , und ich würde genau dasselbe thun , wenn die Unruhen auf ’ s Neue ausbrechen sollten . “ In dem Gesichte des Obersten zeigte sich wieder jene Gezwungenheit , die im Laufe des Gespräches allmählich gewichen war . „ Das dürfte kaum möglich sein , “ bemerkte er . „ Es ist wahr , die Erbitterung ist größer , als wir anfangs glaubten , und ich sagte es Ihnen ja schon früher , man wünscht bei solchen Anlässen die militärischen Maßregeln durchaus zu vermeiden . “ „ Es kommt nicht darauf an , was man wünscht , sondern auf das , was nothwendig ist , “ erklärte der Freiherr mit jener Schroffheit , die bei ihm stets eine große innere Gereiztheit barg . „ So wollen wir hoffen , daß die Nothwendigkeit nicht wieder eintritt , “ sagte Wilten , „ denn ich bin leider – ich wäre gezwungen – mit einem Worte , ich müßte Ihnen meinen Beistand versagen , Excellenz . “ Raven fuhr auf und richtete einen funkelnden Blick auf den Sprechenden . „ Was soll das heißen , Herr Oberst ? Sie kennen doch meine Vollmachten ? Ich kann Ihnen versichern , daß sie noch in ihrem vollem Umfange bestehen . “ „ Daran zweifle ich nicht , aber die meinigen sind beschränkt worden . Ich habe künftig nur den Weisungen meiner Vorgesetzten zu folgen . “ „ Sie haben Gegenbefehl ? “ fragte der Freiherr rasch und heftig . „ Ja , “ war die etwas zögernde Antwort . „ Seit wann ? “ „ Seit gestern . “ „ Darf ich die Ordre sehen ? “ „ Ich bedaure , sie ist nur für mich allein bestimmt . “ Raven wendete sich ab und trat an das Fenster ; als er sich nach wenigen Minuten wieder umwandte , lag eine fahle Blässe auf seinem Gesichte . „ Das heißt also , man bindet mir vollständig die Hände . Wenn die Revolte sich wiederholt und die Polizei zu deren Bewältigung nicht ausreicht , so bin ich machtlos und die Stadt ist preisgegeben . “ Wilten zuckte die Achseln . „ Ich bin Soldat , Excellenz , und muß gehorchen . “ „ Allerdings , Sie müssen gehorchen – ich sehe das ein . “ Es folgte eine sehr unbehagliche Pause . Der Oberst schien nach irgend einer Ablenkung zu suchen , aber Raven kam ihm zuvor . „ Wenn die Sache so steht , ist die Rücksprache , die ich mit Ihnen nehmen wollte , überflüssig , “ sagte er mit erzwungener Ruhe . „ Bitte , keine Entschuldigung , ich begreife , daß es Ihnen persönlich sehr peinlich ist , aber Sie können es nicht ändern , also brechen wir davon ab ! – Ich möchte noch eine Privatangelegenheit mit Ihnen besprechen . Sie bereiteten mich darauf vor , daß Ihr Sohn eine Bitte an mich richten würde . Lieutenant Wilten hat sich allerdings noch nicht erklärt , und das war in dieser Zeit der Unruhe und Aufregung auch wohl nicht möglich . “ „ Ganz unmöglich , “ stimmte der Oberst bei . „ Ich habe es Albrecht begreiflich gemacht , daß es ein Mangel an Zartgefühl wäre , wenn er Sie jetzt , wo so Vieles auf Sie einstürmt , mit solchen Dingen behelligen wollte . Er ist auch meinen Gründen gewichen ; überdies muß er morgen abreisen . “ „ So plötzlich ? “ fragte Raven befremdet . „ Wohin denn ? “ „ Er geht in einer dienstlichen Angelegenheit nach M. und wird voraussichtlich mehrere Wochen dort bleiben , “ entgegnete der Oberst , der unter dem finsteren , forschenden Blicke des Freiherrn sichtlich verlegen wurde . „ Ich hatte zwar ursprünglich einen anderen meiner Officiere dazu bestimmt , aber ich kann diesen jetzt nicht entbehren , und mein Sohn als der Jüngste ist am leichtesten abkömmlich . Die besprochene Sache kann also vorläufig ruhen ; später , nach Albrecht ’ s Rückkehr , wird sich ja wieder daran anknüpfen lassen . “ Um Raven ’ s Lippen legte sich ein sehr herber Ausdruck , als er erwiderte : „ Ich wünsche im Gegentheil diese Sache jetzt ein für alle Mal zu erledigen . Meine Schwägerin ist leider nicht im Stande , die Hoffnungen zu erfüllen , die sie dem jungen Baron gemacht hat . Sie hat sich überzeugt , daß ihre Tochter doch nicht genug Neigung für ihn besitzt , um sich zu dieser Verbindung zu entschließen , und weder sie noch ich werden irgend einen Zwang auf Gabriele ausüben . “ „ Das würden wir auch niemals zugeben , “ fiel Wilten eifrig ein . „ Nur keinen Zwang , nur keine Ueberredung in solchen Dingen ! Mir freilich wird es sehr schwer , die langgehegte Hoffnung aufzugeben , und mein Sohn vollends wird außer sich sein , aber wenn er auf keine Gegenliebe hoffen darf , so ist es besser , er entsagt bei Zeiten seiner Neigung . Ich werde ihm ernstliche Vorstellungen deswegen machen . “ [ 450 ] „ Thun Sie das ! “ sagte der Freiherr , dem weder der Eifer noch das erleichterte Aufathmen des Obersten bei der Absage entgangen war . „ Ich bin überzeugt , Sie werden einen gehorsamen Sohn finden . “ Er wandte sich zum Gehen . Der Oberst begleitete ihn artig bis zur Thür und wollte ihm dort in gewohnter Weise die Hand zum Abschiede reichen , aber Raven zog die seinige zurück , verneigte sich kühl und verließ das Zimmer . Draußen auf der Treppe blieb er einen Moment lang stehen und warf einen Blick zurück , während er halblaut sagte : „ Also so weit ist es bereits gekommen ! Man sucht die Verbindungen mit mir zu lösen – es müssen doch eigenthümliche Nachrichten sein , die Wilten empfangen hat . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 28 , S. 466 – 467 Fortsetzungsroman – Teil 20 [ 466 ] Als der Gouverneur aus dem Hause trat und im Begriff war in seinen dort wartenden Wagen zu steigen , bemerkte er den Polizeidirector , der soeben die Straße passirte und sich ihm jetzt näherte . „ Soeben wollte ich mich zu Ihnen begeben , Excellenz , “ sagte er , den Freiherrn begrüßend . „ Ich glaubte Sie in dem Schlosse zu finden . “ „ Ich fahre dorthin , “ erwiderte Raven auf den Wagen deutend . „ Darf ich Sie bitten , mich zu begleiten ? “ Der Polizeidirector nahm die Einladnug an , und die beiden Herren stiegen in den Wagen , der den Weg nach dem Schlosse einschlug . Der Freiherr hörte zerstreut auf die Mittheilungen seines Begleiters . Der stolze Mann ertrug mit verbissenem Grimme diese erste Demüthigung , die ihm auferlegt wurde . Man hatte ihn bisher unumschränkt walten lassen und ihm eine Macht eingeräumt , wie sie kein Gouverneur vor ihm besaß , und jetzt , wo er dieser Macht mehr als je bedurfte , jetzt sah er sich auf einmal in all seinen Entschlüssen gehemmt und gebunden . Man entzog ihm den Beistand , auf den er sich stützte und , nachdem er einmal so weit gegangen war , stützen mußte ; man ließ ihn absichtlich allein im Kampfe mit der rebellischen Stadt – Raven wußte sich dieses Symptom zu deuten . Der Polizeidirector hatte einige Minuten lang von verschiedenen [ 467 ] ziemlich unwichtigen Vorfällen gesprochen , die sich im Laufe des gestrigen Tages ereignet hatten . Jetzt aber fuhr er fort : „ Und nun noch eine Mittheilung , die auch Sie überraschen wird , Excellenz . Sie nehmen ja doch Antheil an dem jungen Doctor Brunnow . “ Raven wurde aufmerksam : „ Gewiß , was ist mit ihm ? “ „ Die Sache betrifft ihn allerdings nicht persönlich , geht ihn aber leider nahe genug an . Sie erinnern sich des Herrn , den uns Hofrath Moser gestern Abend als einen Doctor Franz vorstellte ; Sie hatten ja sogar eine längere Unterredung mit ihm . Ist Ihnen dabei nichts aufgefallen ? “ Der Freiherr richtete sich schnell empor ; die Andeutung genügte , um ihm zu zeigen , daß seine Befürchtungen eingetroffen waren und Brunnow sich in Gefahr befand . Es galt jetzt , Ruhe zu zeigen , um diese Gefahr vielleicht noch abzuwenden . Raven nahm seine ganze Kraft zusammen und antwortete mit einem kalten unbewegten „ Nein “ . „ Mir desto mehr , “ sagte der Polizeidirector . „ Ich hatte schon bei jener flüchtigen Begegnung meine Bedenken , die durch einige unabsichtliche Aeußerungen des Hofrathes zum Verdachte wurden , und hielt es für nöthig , Nachforschungen anzustellen . Jetzt , wo nur wenige Fremde in der Stadt sind , war es eine leichte Mühe , das Absteigequartier des angeblichen Doctor Franz aufzufinden . Er war erst vor zwei Stunden in einem Gasthofe der Vorstadt angelangt , hatte sich in größter Unruhe und Aufregung nach dem jungen Arzte erkundigt und war sofort zu ihm geeilt . Der unvorsichtiger Weise im Gasthofe zurückgelassene Koffer trug die Bezeichnung Z. als Abgangsstation ; andere dringende Verdachtsmomente kamen hinzu – kurz es ist kein Zweifel mehr , daß wir es mit dem Vater des Verwundeten , mit Rudolf Brunnow zu thun haben . “ Das alles wurde in demselben ruhigen Geschäftstone berichtet , wie die früheren Mittheilungen , und auch Raven versuchte es , den gleichen Ton festzuhalten , als er erwiderte : „ Das ist vorläufig nur eine Annahme , deren Bestätigung doch erst abgewartet werden muß . Sie können daraus allein nicht gegen den Fremden vorgehen . “ „ Die Bestätigung haben wir bereits , “ sagte der Polizeidirector . „ Doctor Brunnow hat sich bei seiner Verhaftung zu seinem Namen bekannt . “ „ Bei seiner Verhaftung ! “ fuhr der Freiherr auf . „ Sie haben ihn verhaften lassen ? Ohne mich vorher davon zu benachrichtigen , ohne mir auch nur einen Wink zu geben ? “ Der Polizeichef sah ihn mit gutgespielter Verwunderung an . „ In der That , Excellenz , ich begreife nicht – so viel ich weiß , gehören dergleichen Maßregeln ausschließlich in mein Ressort . Wenn ich jedoch gewußt hätte , daß eine vorherige Mittheilung Ihnen erwünscht , so würde ich sie Ihnen unbedingt haben zugehen lassen . “ Raven drückte krampfhaft den Handschuh zusammen , den er noch in der Rechten hielt . „ Und ich würde Ihnen unbedingt von dieser Verhaftung abgerathen haben . Dachten Sie denn gar nicht an das Aufsehen , das sie nothgedrungen erregen muß , an die unausbleiblichen Folgen ? Gerade jetzt , wo die Regierung nur auf das Einlenken , nur auf die Versöhnung bedacht ist , wo ihr alles daran liegt , populär zu sein , und sie beinahe ängstlich jedem Conflicte aus dem Wege geht , gerade jetzt ist nicht die Zeit , diese alten , halbvergessenen Erinnerungen an die Revolution so schonungslos wieder an das Tageslicht zu ziehen . “ Der Polizeidirector zuckte die Achseln . „ Ich habe meine Pflicht gethan , nichts weiter . Doctor Brunnow war zu langjähriger Festungshaft verurtheilt und hat sich derselben durch die Flucht entzogen . Er weiß , daß er bei seiner Rückkehr dem Gesetze verfällt . Er ist dennoch gekommen und muß die Folgen tragen . “ „ Ich dächte , Sie wären lange genug im Amte , um zu wissen , wie oft der Buchstabe des Gesetzes der Nothwendigkeit des Augenblickes geopfert wird , “ sagte Raven mit steigender Heftigkeit . „ Weshalb ist der Flüchtling denn zurückgekehrt ? Die öffentliche Stimme wird in der entschiedensten Weise Partei nehmen für den Mann , der in der Todesangst um das Leben seines einzigen Sohnes , in der Hoffnung , ihn durch seine ärztliche Kunst vielleicht noch zu retten , der eigenen Gefahr trotzte . Brunnow wird zum Märtyrer , dem die Sympathie des ganzen Landes gewiß ist . Glauben Sie , daß uns dergleichen erwünscht ist ? Sie handelten auf einen rein persönlichen Verdacht hin . Sie werden sich wenig Dank damit in der Residenz verdienen . “ Die Heftigkeit dieser Worte ließ sie fast beleidigend erscheinen , aber der Polizeidirector entgegnete ruhig und artig : „ Das müssen wir abwarten . Ich habe nach bestem Ermessen gehandelt und bedauere nur , daß meine Maßregel so wenig Beifall findet . Auf eine Mißbilligung Ihrerseits war ich am wenigsten gefaßt , denn gerade Sie , Excellenz , haben jene Zurückhaltung von Seiten der Regierung , jene Scheu vor Conflicten von jeher als Schwäche verurtheilt und zeigen es jetzt eben wieder der Stadt gegenüber , daß Sie nur von einem rücksichtslosen und energischen Vorgehen Erfolg erwarten . “ Der Freiherr biß sich auf die Lippen . Er fühlte , daß er sich allzu weit habe fortreißen lassen , und fragte abbrechend : „ Doctor Brunnow hat sich also zu seinem Namen bekannt ? “ „ Ja . Er war allerdings sehr bestürzt , als man ihm die Verhaftung ankündigte , faßte sich aber sofort wieder und leugnete nichts ab . Es wäre in diesem Falle auch nutzlos gewesen . Ich habe dafür gesorgt , daß sein Sohn für ’ s Erste noch nichts von dem Vorfalle erfährt , wenigstens hat mir Hofrath Moser versprochen , zu schweigen . Der arme Hofrath ! Er bekam beinahe einen Ohnmachtsanfall , als ich ihm entdeckte , wer der vorgebliche Doctor Franz sei . Er , der so