zuzusenden , da er es morgen einzureichen beabsichtigt . “ „ Nun denn , so werde ich es Dir heute Abend noch mit meiner Unterschrift bringen . Nur in diesem Augenblicke nicht ; ich kann es nicht . “ Der Ton der jungen Frau war seltsam gepreßt , beinahe angstvoll . Ihr Vater schüttelte etwas unwillig das Haupt . „ Das ist eine seltsame Laune , Eugenie , die ich nicht begreife . Warum willst Du diesen einfachen Federzug nicht gleich jetzt in meiner Gegenwart thun ? Indessen , wenn Du darauf bestehst – ich rechne darauf , daß Du mir heute Abend beim Thee das Blatt zurückgiebst ; es ist dann noch Zeit genug , es fortzusenden . “ Er bemerkte nicht das tiefe , erleichternde Aufathmen seiner Tochter bei den letzten Worten , sondern trat an den Erker und blickte gleichfalls hinunter auf die Straße . „ Wird Curt nicht zu mir kommen ? “ fragte Eugenie nach einer augenblicklichen Pause . „ Ich habe ihn nur erst heute Mittag bei Tische gesehen . “ „ Er wird noch müde sein von seiner Reise und wohl etwas ausgeruht haben . – Ah , da bist Du ja , Curt , soeben sprechen wir von Dir . “ Der junge Baron , der in diesem Augenblicke eintrat , mußte wohl darauf gerechnet haben , die Schwester allein zu finden , denn er sagte mit offenbarer und nicht ganz angenehmer Ueberraschung : „ Du hier , Papa ? Ich hörte doch , Du hättest drüben in der Bibliothek eine Conferenz mit unserem Rechtsanwalte . “ „ Wir sind bereits zu Ende , wie Du siehst . “ Curt schien der besagten Conferenz fast eine längere Dauer gewünscht zu haben , indeß er erwiderte nichts , sondern ging zu seiner Schwester und nahm vertraulich an ihrer Seite Platz . Er war in der That erst heute Mittag aus der Provinz eingetroffen ; ein eigenthümlicher , dem Baron im höchsten Grade fataler Zufall hatte es gewollt , daß das Regiment , bei welchem sein ältester Sohn stand , gerade jetzt in die Stadt verlegt wurde , die den Berkow ’ schen Besitzungen zunächst lag , gerade jetzt , wo man alle Beziehungen dort abgebrochen hatte ! Von einem längeren Urlaube des jungen Officiers konnte nicht die Rede sein , da die soeben ausbrechende Bewegung der Arbeiter in dortiger Gegend die ganze Provinz in Aufregung versetzte . Es standen Unruhen und demzufolge das Einschreiten des Militärs zu erwarten – da konnte sich Curt dem Dienste nicht entziehen . Er reiste also ab , mit der gemessenen Weisung des Vaters , in seiner neuen Garnison , wo man natürlich Berkow sehr genau kannte , die bevorstehende Scheidung für jetzt noch zu verschweigen . Der Baron hielt an der Taktik fest , der Welt erst die Thatsache gegenüberzustellen , und im Uebrigen hegte er die stillschweigende Voraussetzung , daß sein Sohn jede persönliche Berührung mit dem einstigen Verwandten möglichst vermeiden werde . [ 269 ] Die Voraussetzung schien auch einzutreffen , wenigstens wurde Arthur ’ s Name in den Briefen nie genannt und die Verhältnisse auf seinen Besitzungen nur sehr beiläufig erwähnt , bis Curt in einer dienstlichen Angelegenheit nach der Residenz beordert wurde . Während der wenigen Stunden seines Hierseins hatte man sich nicht aussprechen können . Bei Tische hatte die Gegenwart einiger Gäste der Familie Zwang auferlegt ; jetzt aber , wo durch die geforderte Unterschrift Eugeniens der sonst streng vermiedene Punkt einmal berührt war , erkundigte sich der Baron auch mit jener Gleichgültigkeit , mit der man nach dem Ergehen eines sehr entfernten Bekannten fragt , wie es denn eigentlich auf den Berkow ’ schen Gütern stände . „ Schlimm , Papa , sehr schlimm ! “ sagte Curt , indem er sich dem Vater zuwandte , ohne jedoch seinen Platz neben der Schwester aufzugeben . „ Arthur wehrt sich wie ein Mann gegen das Unglück , das von allen Seiten auf ihn einstürmt , aber ich fürchte , er wird ihm doch zuletzt unterliegen . Er hat es zehnfach schlimmer als seine Collegen auf den übrigen Werken ; all ’ die Sünden , die sein Vater mit einer zwanzigjährigen Tyrannei und Ausbeutung , mit den unsinnigsten Speculationen der letzten Zeit aufgehäuft hat , muß er jetzt büßen . Ich begreife nicht , wie er sich in dem Kampfe noch überhaupt aufrecht erhält . Ein Anderer wäre längst unterlegen . “ „ Wenn die Bewegung ihm über den Kopf wächst , so wundert es mich , daß er noch nicht militärische Hülfe in Anspruch genommen hat , “ meinte der Baron ziemlich kühl . „ Das ist ’ s ja eben , daß er in dem Punkte keine Vernunft annehmen will ! Ich “ – hier brach die ganze aristokratische Rücksichtslosigkeit des jungen Erben von Windeg durch – „ ich hätte längst unter die Kerle schießen lassen und mir mit Gewalt Ruhe geschafft ! Anlaß dazu haben sie ihm wahrhaftig genug gegeben , und wenn ihr Rädelsführer so weiter hetzt , wie er es jetzt Tag für Tag thut , so werden sie ihm noch nächstens das Haus über dem Kopfe anzünden – aber das hilft Alles nichts . ‚ Nein und abermals nein ‘ , und ‚ so lange ich mich noch allein wehren kann , setzt kein Fremder den Fuß auf meine Werke ! ‘ Da helfen weder Bitten noch Vorstellungen . Und , offen gestanden , Papa , man sieht es im Regimente sehr gern , wenn unsere Hülfe nicht verlangt wird , wir haben sie nur zu oft leisten müssen in den letzten Wochen . Auf den anderen Werken war es nicht halb so schlimm wie auf den Berkow ’ schen , und doch hatten die Herren nichts Eiligeres zu thun , als nach Schutz und Soldaten zu rufen und sich mit ihren eigenen Leuten auf den Kriegsfuß zu stellen . Es sind da häßliche Scenen vorgekommen , und wir fahren am schlimmsten dabei . Mit Härte vorgehen soll man nicht , wo es sich nur irgend vermeiden läßt ; seiner Autorität etwas vergeben soll man auch nicht , und doch die Verantwortung tragen für Alles , was geschieht . Darum rechnen es auch der Oberst und die Cameraden dem Arthur hoch an , daß er bis jetzt noch ganz allein mit seinen Rebellen fertig geworden ist und auch ferner mit ihnen fertig werden will , obgleich es gerade bei ihm am ärgsten zugeht . “ Eugenie hörte in athemloser Spannung dem Bruder zu , der sie für ganz unbetheiligt bei der Sache zu halten schien , denn er wandte sich mit der Erzählung ausschließlich an seinen Vater . Dieser dagegen , der schon mit steigendem Mißfallen das wiederholte „ Arthur “ bemerkt hatte , dessen sein Sohn sich bediente , sagte jetzt mit zurechtweisender Kälte : „ Du und Deine Cameraden , Ihr scheint ja sehr genau über Alles unterrichtet zu sein , was da draußen bei Berkow vorgeht . “ „ Die ganze Stadt spricht davon ! “ versicherte Curt unbefangen . „ Was mich betrifft , ich war allerdings ziemlich oft draußen . “ Der Baron fuhr fast in die Höhe bei diesem Geständniß . „ Du warst bei ihm auf seinen Gütern ? Und das sogar öfter ? “ Ob der junge Officier die innere Bewegung bemerkt hatte , die sich bei seinen letzten Worten in den Zügen Eugeniens bemerkbar machte , er schloß ihre Hand auf einmal fest in die seinige , während er seinen unbefangenen Ton beibehielt . „ Nun ja , Papa ! Du befahlst mir ja über die bewußte Angelegenheit noch zu schweigen , und da wäre es doch aufgefallen , wenn ich meinen Schwager völlig ignorirt hätte , zumal in seiner augenblicklichen Lage ; das Hinausfahren war mir ja nicht verboten . “ „ Weil ich glaubte , Dein eigenes Tactgefühl würde Dir dergleichen verbieten , “ rief Windeg im höchsten Grade gereizt . „ Ich setzte voraus , daß Du diese Beziehungen meiden würdest ; statt dessen hast Du sie geradezu aufgesucht , wie es scheint , ohne mir auch nur ein Wort davon zu schreiben . Wahrhaftig , Curt , das ist stark ! “ Curt hätte , um die Wahrheit zu sagen , bekennen müssen , daß er ein directes Verbot gefürchtet und es deshalb wohlweislich vorgezogen hatte , das ganze Vergehen , brieflich wenigstens , zu verschweigen . Er hegte sonst einen unbedingten Respect vor [ 270 ] dem zornigen Stirnrunzeln seines Vaters ; heute aber schien die Gegenwart Eugeniens diesem Respect das Gleichgewicht zu halten . Sein Auge begegnete dem ihrigen , und was er darin sah , mußte ihm wohl die väterlichen Vorwürfe erträglicher machen , denn er lächelte sogar , als er ganz unbekümmert erwiderte : „ Ja , Papa , ich kann doch nicht dafür , daß ich Arthur so lieb gewonnen habe ! Du hättest es auch gethan an meiner Stelle . Ich versichere Dir , er kann von einer ganz hinreißenden Liebenswürdigkeit sein , wenn er nur nicht immer so furchtbar ernst wäre , aber freilich , das steht ihm ganz ausgezeichnet . Ich habe ihm noch gestern beim Abschiede gesagt : ‚ Arthur , wenn ich Dich früher so gekannt hätte – ‘ “ „ ‚ Dich ? ‘ “ unterbrach ihn der Baron mit seiner allerschärfsten Betonung . Der junge Officier warf ziemlich trotzig den Kopf zurück . „ Nun ja , wir sind Du und Du geworden ! Das heißt , ich bat ihn darum , und ich sehe auch nicht ein , warum wir einander nicht so nennen sollen . Er ist ja doch mein Schwager . “ „ Die Schwagerschaft hat ein Ende ! “ sagte der Baron kalt , nach dem Schreibtisch zeigend , „ dort liegt der Scheidungsantrag . “ Curt warf einen nicht allzu zärtlichen Blick auf das bezeichnete Blatt . „ Ja so , die Scheidung ! Hat Eugenie schon unterschrieben ? “ „ Sie ist eben im Begriff , es zu thun . “ Der junge Mann sah wieder seine Schwester an , deren Hand jetzt in der seinigen bebte und deren Lippen zuckten , wie in mühsam verhaltener innerer Qual . „ Nun , ich dächte , Papa , gerade in dem Punkte hätte sich Arthur so benommen , daß jeder Vorwurf und jede Bitterkeit gegen ihn ausgeschlossen ist . Es wäre kleinlich , ihm jetzt nicht volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen . Ich habe nie geglaubt , daß ein Mann sich mit solcher Energie aus seiner Schlaffheit emporraffen kann , wie ich es jetzt an ihm sehe . Was er alles geleistet hat in diesen letzten Wochen , wie er überall zu rechter Zeit und am rechten Orte eingreift , was er schon für entsetzliche Scenen und Conflicte verhindert hat , er allein , mitten unter der rebellischen Menge , blos durch sein Erscheinen und die Macht seiner Persönlichkeit , das muß man sehen , um es zu glauben . Er ist geradezu zum Helden geworden – das sagen der Oberst und die Cameraden , das sagt überhaupt die ganze Stadt . Die Beamten benehmen sich ausgezeichnet , weil er sie überall anführt ; auch nicht ein Einziger ist von den Werken gewichen , aber als ich abreiste , da schienen sie mir denn doch an der Grenze des Möglichen angekommen zu sein . Das Unglück ist nur , daß Arthur sich in den Kopf gesetzt hat , es solle kein Fremder zwischen ihn und seine Leute treten , und daß er das mit eiserner Consequenz durchführt . Ich glaube , wenn es zum Aeußersten kommt , so ist er im Staude , sich mit dem ganzen Beamtenpersonal im Hause zu verschanzen und sich dort bis auf den letzten Mann zu wehren , ehe er uns zu Hülfe ruft . Das sieht ihm ganz ähnlich ! “ Hier zog Eugenie heftig ihre Hand aus der des Bruders . Sie stand plötzlich auf und ging an ’ s Fenster , der Baron dagegen erhob sich mit dem Ausdruck des lebhaftesten Unwillens . „ Ich weiß nicht , Curt , wie Du dazu kommst , eine einfache Frage nach dem Stande der Dinge auf Berkow ’ s Gütern mit einem so überschwenglichen Lobliede auf ihn zu beantworten . Es ist das eine Schonungslosigkeit gegen Deine Schwester , die ich gerade Dir , der sie stets mit so besonderer Zärtlichkeit zu lieben behauptete , am wenigsten zugetraut hätte . Wie Du Dich mit Deiner excentrischen Bewunderung für diesen Mann , die Du in Deiner Garnison ganz offen zur Schau zu tragen scheinst , später dort abfinden willst , wenn die Scheidung bekannt wird , überlasse ich Dir selber . Für jetzt bitte ich , daß dieses Gespräch ein Ende nimmt . Du siehst , wie peinlich es Eugenien berührt . Du wirst mich begleiten . “ „ Nur einige Minuten noch laß mir Curt hier , Papa , “ bat die junge Frau leise . „ Ich möchte ihn etwas fragen . “ Der Baron zuckte die Achseln . „ Nun , dann wird er wenigstens die Güte haben , diesen Punkt nicht weiter zu berühren und Dich nicht noch mehr aufzuregen . In zehn Minuten stehen die Pferde unten , Curt ; ich erwarte Dich dann bestimmt . Auf Wiedersehen ! “ Die Thür hatte sich kaum geschlossen , als der junge Officier an ’ s Fenster zu seiner Schwester eilte und mit unverkennbarer , wenn auch etwas stürmischer Zärtlichkeit den Arm um sie legte . „ Bist Du mir auch böse , Eugenie ? “ fragte er . „ War ich wirklich schonungslos ? “ Die junge Frau hob in leidenschaftlicher Spannung das Auge zu ihm empor . „ Du bist bei Arthur gewesen – Du hast ihn öfter gesprochen , erst gestern noch beim Abschiede – hat er Dir nichts , gar nichts aufgetragen ? “ Curt sah zu Boden . „ Er läßt sich Dir und dem Papa empfehlen , “ sagte er etwas kleinlaut . „ In welcher Art ? Was sagte er Dir ? “ „ Er rief mir nach , als ich schon im Wagen saß : ‚ Empfiehl mich dem Herrn Baron und Deiner Schwester ! ‘ “ „ Und das war Alles ? “ „ Alles ! “ Eugenie wandte sich ab ; sie wollte dem Bruder die bittere Enttäuschung nicht zeigen , die sich in ihren Zügen malte , aber Curt hielt sie fest . Er hatte die schönen dunklen Augen seiner Schwester ; nur war der Ausdruck bei ihm kecker , lebenslustiger , aber in diesem Augenblick – er beugte sich tief zu ihr hinab – verschwand dies Alles vor einem ungewohnten Ernst . „ Du mußt ihm wohl einmal sehr wehe gethan haben , Eugenie , und das in einer Weise , die er noch immer nicht verwinden kann . Ich hätte Dir so gern eine Zeile , ein Abschiedswort gebracht , aber das war von ihm nicht zu erlangen . Er wollte mir nie Rede stehen , so oft ich Deinen Namen nannte , aber todtenbleich wurde er jedesmal dabei und wandte sich ab und zog fast mit Gewalt ein anderes Thema herbei , um nur nichts mehr davon zu hören , gerade so , wie Du es machst , wenn ich Dir von ihm spreche . – Mein Gott , haßt Ihr Euch denn so sehr ? “ Eugenie riß sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung aus seinen Armen . „ Laß mich , Curt ! um Gotteswillen , laß mich ! ich ertrage das nicht länger . “ Ein Ausdruck halben Triumphs flog über das Gesicht des jungen Officiers und es klang fast wie ein mühsam unterdrückter Jubel aus seiner Stimme . „ Nun , ich will mich ja nicht in Eure Geheimnisse drängen ! Ich muß jetzt fort . Papa wird sonst ungeduldig ; er ist so schon heut ’ übler Laune . Ich soll Dich wohl jetzt allein lassen , Eugenie . Du mußt ja noch den – den Scheidungsantrag unterschreiben ! Bis wir zurückkommen , wird es wohl geschehen sein . Leb ’ wohl ! “ Er eilte fort . Die Pferde standen in der That bereits unten im Hofe , und der Baron sah ungeduldig nach den Fenstern hinauf . Der Spazierritt gehörte diesmal nicht zu den angenehmsten , denn sowohl der älteste Sohn , als die beiden jüngeren hatten dabei die üble Laune des Vaters zu empfinden . Baron Windeg konnte es nun einmal nicht ertragen , wenn irgend etwas , das den Namen Berkow trug , in seiner Gegenwart gelobt wurde , und da er natürlich bei seiner Tochter das Gleiche voraussetzte , so fand er sie und sich beleidigt , und Curt bekam noch Verschiedenes über seine „ Tactlosigkeit “ und „ Rücksichtslosigkeit “ zu hören . Dieser ließ das aber sehr ruhig über sich ergehen und schien leider nicht die geringste Reue zu empfinden , dagegen bekundete er ein lebhaftes Interesse an dem Ritte selbst , oder vielmehr an der Dauer desselben . Er war so lange nicht in der Residenz gewesen , fand die äußerst belebte Promenade so unterhaltend , und brachte es denn auch wirklich dahin , die Partie so weit auszudehnen , daß die vier Herren erst mit dem Einbruch der Dunkelheit in die Stadt zurückkehrten . Eugenie war inzwischen allein zurückgeblieben . Die Thür war abgeschlossen – sie konnte und wollte jetzt Niemand in ihrer Nähe dulden . Die Wände ihres Zimmers und die alten Familienbilder , die sie schmückten , hatten schon manche Thräne , manche bittere Stunde gesehen , damals , als es sich um die Vermählung der jungen Frau handelte , aber doch keine so schwere wie heute , denn heute galt es den Kampf mit sich selber , und der Gegner war nicht leicht zu überwinden . Dort auf dem Schreibtisch lag das Blatt , in welchem eine Frau die gesetzliche Trennung von ihrem Manne forderte ; nur die Unterschrift fehlte noch daran . War die vollzogen , so war [ 271 ] es auch die Scheidung , denn die Einwilligung ihres Gatten , der Einfluß und die Verbindungen des Barons sicherten der Angelegenheit ein schnelles und erwünschtes Ende . Sie hatte vorhin , in Gegenwart des Vaters , den verhängnißvollen Federzug nicht thun wollen , gethan mußte er doch jetzt werden . Was half der Aufschub einer einzigen Stunde ? Es galt ja gleich , ob das Unabänderliche früher oder später geschah . Aber gerade in dieser einen Stunde war Curt gekommen und hatte mit seiner Erzählung die Wunde wieder aufgerissen , die freilich noch niemals aufgehört zu bluten . Und doch hatte ihr Bruder kein Wort , nicht einmal einen Gruß bringen können . „ Empfiehl mich dem Herrn Baron und Deiner Schwester ! “ das war das Ganze . Warum nicht lieber „ Empfiehl mich der gnädigen Frau “ ? Das wäre noch eisiger , noch passender gewesen . Eugenie war an den Schreibtisch getreten , und ihr Auge irrte über die Worte des Schriftstückes hin . Auch dort klang Alles so kalt , so förmlich , und doch wurde damit der Stab gebrochen über die Zukunft zweier Menschen . Aber Arthur hatte es ja nicht anders gewollt . Er war es , der zuerst das Wort der Trennung aussprach , er , der sich zuerst und rückhaltslos in die Beschleunigung fügte , und als sie zu ihm gekommen war und sich bereit erklärte , noch zu bleiben , da hatte er sich abgewandt und sie gehen heißen . Das Blut stieg wieder heiß empor zu den Schläfen der jungen Frau , und ihre Hand griff nach der Feder . Sie war denn doch Weib genug , um zu wissen , wie ihn diese Unterschrift traf , wenn er auch darauf gefaßt sein mußte ; sie verstand es denn doch , auch Blicke zu deuten und unbewachte Momente , in denen er sich verrathen hatte ; aber daß er Herr über diese Schwäche geblieben war bis zum letzten Augenblick , daß er den Wink nicht verstehen wollte , mit dem sie ihm die Möglichkeit einer Versöhnung gezeigt , daß er Stolz gegen Stolz , Schroffheit gegen Schroffheit setzte , das sollte er jetzt büßen und wenn sie selbst zehnfach mitbüßte . – Lieber zwei Menschen unglücklich machen , als bekennen , daß man einmal Unrecht gehabt . Der Dämon des Stolzes bäumte sich wieder in ihr empor mit seiner ganzen verderblichen Macht . Wie oft schon hatte er allen besseren Regungen zum Trotz das Feld behauptet , wenn auch nicht immer zum Segen für sie und Andere . Aber heute mischte sich seine Stimme doch mit einer anderen . „ Arthur wehrt sich wie ein Mann gegen das Unglück , das von allen Seiten auf ihn einstürmt , aber er wird ihm doch zuletzt unterliegen ! “ Und wenn er unterlag , so erlag er allein , allein wie er in dem ganzen Kampfe gestanden , er hatte keinen Freund , keinen Vertrauten , nicht einen einzigen . Wie sehr ihm auch die Beamten ergeben sein mochten , wie sehr die Fremden ihn jetzt bewunderten , nahe stand ihm Keiner ; ein Herz hatte Keiner für ihn , und die Gattin , deren Platz jetzt an seiner Seite war , sie unterschrieb in diesem Augenblicke das Blatt , in dem sie in möglichster Eile nun auch die Trennung von dem Manne verlangte , den sie bereits verlassen hatte und der jetzt Tag für Tag mit dem Untergange rang . Eugenie ließ die Feder fallen und trat vom Schreibtische zurück . Was war denn am Ende Arthur ’ s Schuld gewesen ? Er hatte sich gleichgültig , nachlässig gegen eine Frau gezeigt , von der er geglaubt , daß nur die Aussicht auf seinen Reichthum sie zu dieser Convenienzehe verlockte , und als diese Frau ihn aus seinem Irrthum riß , da trat sie ihm auch zugleich mit einer Verachtung entgegen , die kein Mann erträgt , wenn noch ein Funken von Ehre in ihm ist . Er büßte auch hier die Sünden seines Vaters und hatte sie reichlich gebüßt in dieser kurzen Ehe . Seit jener Unterredung war ihr nichts weiter geschehen , als daß ihr Gatte sich fremd und kalt von ihr zurückzog , aber ihm ? Eugenie kannte am besten den wahren Inhalt dieser drei Monate , die ihrer Umgebung nur die ruhige Oberfläche der Gleichgültigkeit gezeigt und die doch Stacheln in sich bargen , genug , um einen Mann bis auf ’ s Aeußerste zu treiben ; man kann mit jedem Blicke , mit jedem Athemzuge beleidigen , und das war hier geschehen . Mit dem ganzen Hochmuth ihrer Geburt und ihres Standes hatte sie immer wieder versucht , ihn in die Nichtigkeit und Erbärmlichkeit herabzudrücken , wohin er ihrer Meinung nach gehörte . Tag für Tag hatte sie ihre Waffen gebraucht , und nur um so schonungsloser gebraucht , als sie erst sah , daß er verwundbar war , hatte ihm sein Haus zu einer Folter , seine Ehe zu einem Fluche gemacht , um sich an ihm dafür zu rächen , daß sein Vater gewissenlos an ihrer Familie gehandelt . Sie hatte ihn mit vollster Absichtlichkeit dahin getrieben , daß er zuletzt selbst die Trennung verlangte , weil er das Leben an ihrer Seite nicht mehr ertragen konnte – wenn er sich nun endlich aufbäumte und die Hand von sich stieß , die ihn so oft gequält und gepeinigt , wer war da im Unrecht ? Die junge Frau sprang auf von dem Sessel , auf den sie sich geworfen , und schritt in furchtbarer Erregung auf und nieder , wie um ihren eigenen Gedanken zu entfliehen . Sie wußte nur zu gut , was sie von ihr wollten , wohin sie sie drängten ; es gab nur eins , was hier helfen und retten konnte , aber das war ja unmöglich , das konnte ja nicht sein . Und wenn sie das ungeheure Opfer ihres ganzen Stolzes brachte , und es wurde nicht so voll und ganz genommen , wie sie es gab : konnte sie sich nicht getäuscht , nicht falsch gelesen haben in diesen Augen , die sich ihr immer nur auf Augenblicke , und auch dann nur widerstrebend , entschleierten ? Wenn er ihr nun wieder entgegentrat mit jenem Eisesblick , der nach ihrer Berechtigung fragte , da , wo jede andere Frau nur ihre Pflicht erfüllte , wenn er ihr auf ’ s Neue sagte , daß er allein stehen und fallen wolle , wenn er sie zum zweiten Male gehen hieß – nun und nimmermehr ! Eher die Trennung , eher ein ganzes Leben voll Qual und Elend auf sich nehmen , als die Möglichkeit einer solchen Demüthigung ! Die Abendsonne , die die Wipfel der Bäume drüben vergoldete , war längst gesunken ; die Dämmerung senkte sich herab , freilich ohne den heißen menschenvollen Straßen Stille und Kühlung zu bringen . Da draußen in der schwülen Abendluft summte und wogte es noch immer ; unaufhörlich fluthete die Menge auf und nieder und Stimmengeräusch und Wagengerassel drang noch immer im wirren Durcheinander hinauf zu den Fenstern . Aber durch das Alles hindurch tönte jetzt etwas Anderes , erst nur fern , undeutlich , dann immer näher , immer lauter . War es von den grünen Waldbergen hergeflogen und hatte sich seinen Weg gebahnt mitten durch das Brausen der großen , ewig bewegten Residenzwoge bis hin zu der jungen Frau ? Was es war , wußte sie nicht , aber es klang wie das Wehen der Tannenzweige , wie das Waldesrauschen mit seinen geheimnißvollen Accorden , und damit erstand in ihr auch wieder das ganze Frühlingsahnen , das ganze schmerzlich-süße Weh jener unter solchen Tannenzweigen verlebten Minuten . Der Nebel wallte wieder , und der Sturm brauste , und die Bäche rauschten , und aus den grauen Schleiern hervor trat klar und deutlich nur die eine Gestalt , die seitdem nicht wieder von ihr gewichen war im Wachen und Träumen , und schaute sie so ernst und vorwurfsvoll an mit den großen braunen Augen . Wer nur einmal einen Kampf durchgekämpft hat , wo sich alle Seelenkräfte anspannen im Ringen eines werdenden Entschlusses , der kennt auch solche Erinnerungen , die auf einmal kommen und da sind , ohne irgend eine äußere Beziehung oder Anregung , aber mit einer Allmacht , der nichts widersteht . Auch Eugenie fühlte sich jetzt umweht von ihnen , fühlte , wie ihr eine Waffe nach der anderen aus der Hand , ein Stachel nach dem anderen aus dem Herzen gewunden wurde , bis zuletzt Nichts mehr zurückblieb , nichts als die Macht jener Stunde , in der sie zum ersten Male empfunden , daß der Haß zu Ende war und an seiner Stelle etwas Neues auflebte , gegen das sie gestritten hatte auf Leben und Tod , und dem sie jetzt dennoch erlag . Es war ein kurzer letzter Kampf zwischen dem alten Dämon , dem herben Stolz , der die einmal empfangene Abweisung nicht verzeihen konnte , und dem Herzen einer Frau , die sich trotz alledem geliebt wußte ; aber die Waldesstimme hatte diesmal nicht umsonst gesprochen ; sie behielt doch zuletzt den Sieg . Das Blatt , das zwei Menschen trennen sollte , die geschworen hatten , einander auf ewig anzugehören , lag zerrissen am Boden , und die junge Frau lag auf den Knieen , das von heißen Thränen überströmte Antlitz emporgerichtet . „ Ich kann nicht ! Ich kann ihm und mir das nicht anthun ; es trifft uns Beide – komme was da will , Arthur , ich bleibe bei Dir ! “ – – – „ Wo ist Eugenie ? “ fragte der Baron , als er eine Stunde darauf in den erleuchteten Salon trat , wo sich seine Söhne bereits befanden . „ Hat man der gnädigen Frau nicht gemeldet , daß wir sie erwarten ? “ fuhr er , zum Diener gewendet , fort , [ 272 ] der soeben den Theetisch in Bereitschaft gesetzt hatte und jetzt im Begriff stand , das Zimmer zu verlassen . Curt kam der Antwort zuvor . „ Eugenie ist nicht zu Hause , Papa , “ sagte er , indem er dem Bedienten winkte , sich zu entfernen . „ Nicht zu Hause ? “ wiederholte der Baron erstaunt . „ So spät noch ausgefahren und wohin ? “ Curt zuckte die Achseln . „ Das weiß ich nicht . Ich war unmittelbar , nachdem ich vom Pferde gestiegen , in ihren Zimmern , fand sie aber nicht mehr dort ; dagegen fand ich das auf dem Fußboden . “ Er zog ein Blatt hervor , und um die Lippen des jungen Officiers zuckte es ganz eigenthümlich , während er sich anscheinend mit dem größten Ernste bemühte , die beiden Hälften möglichst genau zusammengepaßt vor den Vater hinzulegen , der darauf niedersah , ohne irgend etwas zu begreifen . „ Das ist ja der Entwurf des Scheidungsantrages von der Hand des Justizrathes , das Blatt , das ich Eugenie zur Unterschrift übergab ; sie fehlt aber noch immer , wie ich sehe . “ „ Nein , unterschrieben ist das Ding nicht , “ meinte Curt mit der unschuldigsten Miene von der Welt , „ aber mitten durchgerissen . Merkwürdig ! Sieh nur her , Papa ! “ „ Was soll das heißen ? “ fragte Windeg im höchsten Grade befremdet . „ Wo kann Eugenie sein ? Ich werde die Diener fragen ; wenn sie wirklich ausgefahren ist , so müssen sie doch wissen , wohin der Wagen beordert wurde . “ Er wollte die Hand an die Klingel legen , aber schnell ergriff sein Sohn das Wort . „ Ich glaube , Papa , sie ist zu ihrem Manne gegangen ! “ sagte er sehr ruhig . „ Bist Du von Sinnen , Curt ? “ fuhr der Baron auf . „ Eugenie