doch wenigstens versucht werden , und ihr mußte alles Andere nachstehen . Am nächsten Tage erfuhr der Prälat aus meinem Munde , was ihm kein Geheimniß mehr sein konnte , denn ich war auch nicht einen Augenblick im Zweifel darüber gewesen , wer statt seines Neffen gemeint war . Er befahl mir zu schweigen mit dem Hinweis darauf , daß hier doch nichts mehr zu retten sei ; noch einmal , zum letzten Male , schlug er mich in die Fesseln des blinden Gehorsams , und ich gehorchte ihm bis zu dem Augenblicke , wo ich durch Sie erfuhr , was auf dem Spiele stand . “ Bruno athmete tief auf und sein Antlitz verdüsterte sich wieder , während das junge Mädchen in athemloser Spannung seinen Worten zuhörte . „ Man wollte mich auch jetzt noch zum Schweigen zwingen ! “ sagte er mit zusammengebissenen Zähnen . „ Hören Sie , Lucie ? auch jetzt noch ! Und mit dieser schmachvollen Zumuthung riß denn endlich das letzte Band entzwei , mit dem mich Gewohnheit und Erziehung an Jene dort knüpften . Wir sind fertig mit einander ! Sie werden mir den Wortbrüchigen , den Meineidigen [ 255 ] nachschleudern mein ganzes Leben lang – ich habe lange genug gezittert vor dem Schreckbilde dieses Wortes , jetzt will ich ihm einmal in ’ s Auge sehen ! “ Lucie hob mit einer raschen Bewegung das Haupt empor . „ Sie wollen sich lossagen ? Auch von Ihrer Kirche ? “ „ Ich muß ! Mir bleibt keine andere Wahl , will ich nicht künftig rechtlos dastehen im Leben . Die katholische Kirche erkennt meine Lossagung nie an , giebt den einmal Geweihten niemals frei , ihr bleibe ich ewig der entflohene , der verfehmte Mönch , welche Stellung in der Welt ich mir auch erobern mag . Es giebt für mich nun einmal keine Freiheit in diesem Glauben und jeder halbe Schritt wird mir zum Verderben . Ich kehre in das Bekenntniß zurück , in dem ich geboren und getauft bin ; mögen es die verantworten , die mich ihm ohne mein Wissen entrissen , die mich blind machten mit ihrer Sclavenerziehung , bis ich selbst der Fessel die Hand bot – ich weiß jetzt , wohin ich gehöre – und wo allein meine Zukunft liegt ! “ Lucie hatte keine Erwiderung auf diesen mit vollster Energie kundgegebenen Entschluß , aber sie widerstrebte auch nicht mehr , als er jetzt ihre Hand ergriff und sie leidenschaftlich zu sich zog . „ Lucie ! In Deinem Glauben bricht mit all den anderen Ketten auch die Fessel , die mich bisher von jedem Glücke schied . Du hast vor mir gezittert , von dem ersten Augenblicke an , wo ich Dir entgegentrat , Du hast mich gemieden und geflohen , hast mich des Furchtbarsten für fähig gehalten , und doch weiß ich ’ s seit jener Stunde gestern im Gebirge , daß es nicht Haß war , der Dich von mir entfernte , daß ich nicht hoffnungslos liebte . Kannst Du einem Manne vertrauen , der sein neues Leben mit einem Wortbruche anfängt , anfangen muß , wenn er überhaupt noch eine Zukunft haben will ? Kannst Du ein Schicksal theilen , das vielleicht emporführt , und vielleicht auch zum Untergange ? Du mußt Dein frohes , sonniges Kinderglück , die sichere Heimath , den Bruder , mußt Alles aufgeben , um mir zu folgen und ich kann Dich nur mit hineinreißen in Kampf und Streit . Sie werden mich ihren Haß fühlen lassen , bei jedem Schritte auf der neuen Bahn , jeden Fuß breit werde ich mir erst erkämpfen müssen , ich hab ’ s nun einmal gewagt und nehme die ganze Last und die ganze Verantwortung auf mich allein ; aber Du , Lucie ? Wirst Du nicht zittern an meiner Seite vor einem solchen Loose und vielleicht auch wieder – vor mir ? “ Sein Ton war furchtbar ernst geworden bei den letzten Worten , und sie hatten wenig von den beglückenden Verheißungen eines Liebenden , diese Zukunft , wie er sie dem jungen Mädchen ausmalte , dessen Leben bisher in so ganz anderen Bahnen dahingeflossen war . Die düstere , fast dämonische Natur dieses Mannes verleugnete sich selbst in dem Momente nicht , da er um seine Braut warb , aber er warb auch nicht um das Kind mehr , das einst in kindischer Furcht vor dem finsteren Mönche geflohen war . Jene Stunde am Altar , da sein wahres Wesen sich ihr zum ersten Male in seiner ganzen Tiefe enthüllte , hatte auch in ihr das Weib wachgerufen , und die Todesangst der letzten Tage das einmal Erweckte schneller gereift , als es Jahre ruhigen Dahinlebens vermocht hätten . Es war die ganze liebende und unerschütterliche Hingebung des Weibes , mit der Lucie jetzt zu ihm emporblickte und lächelte , während doch zugleich ein paar heiße Thränen in ihren Augen standen . „ Ich hielt Dich gestern noch für schuldig , Bruno ! Ich hatte fast die Gewißheit , daß der Graf von Deiner Hand gefallen sei , und mit dem vollen Bewußtsein davon habe ich damals den Kopf an Deine Brust gelegt und nicht gezittert , als Du mich in den Armen hieltest . Willst Du noch eine andere Bürgschaft ? Ich glaube doch , meine Liebe zu Dir hat in jenem Augenblick die schwerste Probe bestanden ! “ Mit einer leidenschaftlichen Bewegung zog er sie fester in seine Arme , während seine Lippen zum ersten Male die ihrigen berührten . Sie hatte Recht , die Probe war bestanden , und mit der stürmischen , nie gekannten Glückseligkeit , die jetzt schrankenlos aus dem ganzen Wesen Bruno ’ s hervorbrach , bebte wohl noch etwas Anderes durch seine Seele bei diesem ersten Kuß . Er fühlte jetzt erst , daß die Schranke niedergerissen war , die den Mönch , den römischen Priester von den heiligsten und süßesten Banden schied , die die Menschen auf Erden aneinander fesseln , von Weib und Heimath und Familie ! Die nächsten drei Jahre waren so rasch dahingerollt , waren so inhaltsvoll und thatenreich gewesen , wie es die Jahre in unserer Zeit eben zu sein pflegen , wo all die gährenden Elemente empordrängen , um sich im Kampfe , sei ’ s nach innen oder nach außen , Luft und Klärung zu schaffen . Das Drama , welches sich an das einst so hochgeehrte Stift und dessen Bewohner knüpfte , hatte sich doch nicht so schnell verwischen und in Vergessenheit bringen lassen , als man es dort vielleicht gehofft . Hätte es in niederen Kreisen gespielt , es wäre vielleicht möglich gewesen , aber der Name und die Bedeutung des Grafen Rhaneck , die Stellung des Prälaten und dunkle Gerüchte von den wahren Beziehungen des jungen Pater Benedict zu dem Rhaneck ’ schen Hause brachten die Angelegenheit vor das Forum der Residenz und des Hofes , von dort fand es einen Wiederhall im ganzen Lande , und der Umstand , daß der mit so großer Spannung erwartete Proceß in der That nicht stattfand , erbitterte die schon aufgereizten Gemüther auf ’ s Höchste . Die Voraussetzung , daß der Orden dem Lande um keinen Preis der Welt ein Schauspiel gönnen werde , das in jetziger Zeit geradezu vernichtend für ihn wirken mußte , erwies sich als richtig . Man hatte nicht gezögert , dem Abte die formelle Genugthuung zu geben , und den Prior bei der nächsten Vernehmung jedes Wort , das er gesprochen , feierlichst widerrufen zu lassen , aber nur die Wenigsten ließen sich jetzt noch dadurch täuschen , und als der Schuldige in der Nacht , bevor er den Gerichten übergeben wurde , wirklich dem Klostergewahrsam entfloh , als sich jede Nachforschung nach ihm als vergeblich erwies und er verschwunden war und blieb , wahrscheinlich längst in dem Schutze irgend eines fernen Klosters geborgen , da richtete sich der Sturm des allgemeinen Unwillens gegen den Prälaten . Es war unmöglich , ihn der furchtbar erregten öffentlichen Meinung gegenüber zu halten , obgleich der Versuch dazu gemacht wurde . Das Ansehen , ja die Existenz des Stiftes , an dessen Spitze er stand , wurde dadurch auf ’ s Spiel gesetzt , und so entschloß man sich denn endlich widerstrebend , ihn zu entfernen , selbstverständlich nur zu einem anderen Amte , das seinem Range und seinen Verdiensten entsprach . Rom hatte der hohen Kirchenstellungen genug für einen Priester , der sich in seinem Dienste geopfert , und man war dort keineswegs gewillt , auf die fernere Thätigkeit eines Mannes zu verzichten , dessen Geist und Charakter sich von jeher als eine der festesten Stützen der Kirche erwiesen hatten . Er ward all den „ gehässigen Angriffen “ entzogen , um an der Tiber einen neuen Wirkungskreis zu finden , da sich ihm der Bischofsstuhl des Landes , für den man ihn schon früher in Aussicht genommen , nach den letzten Ereignissen doch wohl für immer verschloß . Im Stifte selbst wurde Pater Eusebius durch die Wahl der Mönche zum Abte erhoben , aber es zeigte sich bald genug , was selbst hier in dem streng geregelten Convent die Persönlichkeit eines Einzelnen vermocht hatte . Mit dem Prälaten war auch jener mächtige und trotz alledem großartige Geist gewichen , der es verstanden hatte , dem Kloster ein halbes Menschenalter hindurch die unbedingteste Verehrung zu sichern und es über alle Klippen hinweg siegreich im Kampfe gegen die Neuzeit anzuführen . Der neue Abt , ein mäßig begabter und der römischen Kirche treu ergebener Priester , hatte gleichwohl nicht einen Hauch von der Energie und dem Herrschertalent seines Vorgängers in sich , und war jedenfalls nicht der Mann , die tiefe Wunde zu heilen , welche jene Vorgänge dem Ansehen und der Ehre des Stiftes geschlagen hatten . Der Riß erweiterte sich unmerklich , aber unaufhörlich , das Kloster bestand noch , aber es war vorbei mit der alten Macht und der alten Herrschaft über die Gemüther ; verstand es der jetzige Prälat doch kaum , seine eigenen Mönche zu beherrschen , die , wohl fühlend , daß sie der gewohnten festen Leitung entbehrten , sich allerlei persönliche Uebergriffe erlaubten , die sie früher nie hätten wagen dürfen und die man ihnen jetzt stillschweigend hingehen ließ , sobald sie nur ihr Verhältniß zur Kirche nicht berührten . Auch Schloß Rhaneck lag jetzt einsam und verödet und selbst in den Sommermonaten , die ihm sonst stets den glänzenden gräflichen Haushalt zuführten , wurde es nicht mehr bewohnt . Vielleicht war es das tragische Geschick seines Sohnes oder die Entfernung seines Bruders , vielleicht auch das furchtbare Aufsehen , welches Beides in der Umgegend gemacht , was den Grafen bestimmte , sein Stammschloß fortan zu meiden , er hatte es noch nicht wieder betreten . Der Tod Ottfried ’ s hatte das rein äußerliche Band , [ 256 ] das zwischen ihm und seiner Gemahlin bestand , noch mehr gelockert . Die Gräfin , fast immer kränklich , lebte meistentheils ihrer Gesundheit wegen auf den anderen Gütern , der Graf nach wie vor in der Residenz , sie sahen sich oft wochen- und monatelang nicht , und wenn es wirklich geschah , so fehlte diesen flüchtigen kalten Begegnungen auch die leiseste Spur einer Zuneigung , die freilich niemals in Wirklichkeit bestanden , deren Anschein man aber doch der Welt gegenüber aufrecht erhalten hatte , so lange der Sohn und Erbe Beiden wenigstens noch ein gemeinschaftliches Interesse gab . Jetzt zum ersten Male nach drei Jahren sah Schloß Rhaneck seinen Herrn wieder . Der Graf war unerwartet , allein und nur von einem Diener begleitet , dort eingetroffen , und hatte Befehl gegeben , seine Anwesenheit möglichst zu verschweigen , da er während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes keine der Beziehungen zu der Nachbarschaft wieder aufzunehmen gedenke . Was ihn nach so langer Zeit wieder hergeführt , das wußte Niemand . Rhaneck saß in seinem Arbeitszimmer vor dem Schreibtische , einen geöffneten Brief in der Hand , der soeben aus Rom eingetroffen war . Der Graf hatte sehr gealtert in diesen letzten Jahren , das Haar war grau geworden , das Antlitz tief gefaltet und auch in dem Auge sprühte nicht mehr das alte Feuer , es lag ein bitterer , tief schmerzlicher Zug darin , der einst nicht dagewesen , und er verschwand auch nicht beim Lesen des Briefes . Es waren die festen kraftvollen Schriftzüge des Prälaten , auf denen sein Blick haftete , aber er überflog schnell die Eingangsworte , um desto länger auf einer Stelle zu verweilen , die ihn augenscheinlich am meisten interessirte : „ Ich würde mich über Dein langes Schweigen beklagen , wüßte ich nicht längst , daß eine Entfremdung zwischen uns eingetreten ist , die die Zeit nicht heilen wird . Du hättest mir Alles verziehen , selbst den Tod Ottfried ’ s , den ich unwissentlich verschuldete . Daß ich die Hand an Deinen Bruno legen wollte , verzeihst Du mir nie . Sei ’ s drum ! Jenes unselige Wagniß hat mich mehr gekostet als nur die Liebe meines Bruders ! Was ich von dem Stifte höre , überrascht mich nicht , wenn es mir auch bitter ist , eine Schöpfung verfallen zu sehen , an die ich dreißig Jahre lang die beste Kraft meines Lebens gesetzt habe . Unter Eusebius ’ Regiment war nichts Anderes zu erwarten , und von all den Uebrigen ist Keiner im Stande , Besseres zu leisten . Du weißt , wen ich mir zum Nachfolger ausersehen hatte , wenn ich früher oder später den Bischofsstuhl bestieg . Den Mönchen imponiren und die Zügel der Herrschaft mit einer Hand festhalten , wie die meine war , konnte nur Einer , und der ist jetzt drüben im Lager unserer Feinde ! Du wirfst mir mit Unrecht Haß gegen ihn vor , ich habe ihn nie gehaßt , selbst da nicht , als ich ihn opfern wollte , und in diesen letzten drei Jahren habe ich ihn fast bewundern gelernt . Was ist von unserer Seite nicht versucht worden , ihm die Bahn zu kreuzen , den Weg zu hindern und in der Dunkelheit und Vergessenheit die Gefahr zu begraben , die für uns in diesem Kopfe lag – er wußte Allem die Stirn zu bieten , Alles niederzutreten , was ihm im Wege stand , und jetzt hat er sich zu einer Bedeutung aufgeschwungen , die jeden Versuch , sie ihm noch ferner abzustreifen , thöricht erscheinen läßt . Die – sche Universität war uns von jeher ein Pfahl im Fleische ; daß man ihn dorthin berufen , ihn mit solcher Acclamation dort empfangen konnte , beweist am besten , wie ohnmächtig wir geworden sind in einem Lande , wo sonst Alles in unseren Händen lag . Man konnte uns nicht offener den Krieg erklären , als indem man diesen Mann auf ’ s Schild hob . Ich weiß am besten , was sie an ihm besitzen , denn ich habe diese Kraft wachsen sehen und kann es noch heute nicht verschmerzen , daß sie uns verloren ging . Ottfried war der schwächliche , verweichlichte Sproß seiner unbedeutenden Mutter , Bruno war unser Blut , und wenn er zehnmal in stolzem Trotze den Namen zurückweist , er hat es gezeigt , daß er ein Rhaneck ist ! Wie ich höre , stehst Du im Begriff , nach unserem Stammschlosse aufzubrechen ; ich ahne , was Dich dorthin führt , grade in dem Augenblick , wo Bruno das Siegel auf seinen Abfall drückt und Günther ’ s Schwester zum Altar führt . Aber nimm Dich in Acht vor Deinem Sohne , Ottfried , wenn Du etwa versuchen wolltest , den zärtlichen Vater zu spielen . Ich sage Dir , er kann seine Mutter nicht vergessen , und er wird Dir ihr Andenken wieder ebenso vernichtend in ’ s Antlitz schleudern , wie damals , wo Du zum ersten Male die Arme nach ihm ausstrecktest . Weichherzigkeit war nie der Fehler unseres Geschlechtes ! Du wirfst mir in Deinem letzten Briefe vor , daß ich es war , der im Grunde das Ganze verschuldete ; nun , so solltest Du auch bedenken , daß die Folgen mich am schwersten trafen . Ich entriß den Knaben seiner Heimath und seinem Glauben , um ihn zur Ehre der Kirche und unseres Klosters zu erziehen , und dieser Knabe stürzte mich , vernichtete die Macht des Stiftes und steht jetzt an der Spitze unserer Gegner , bereit , uns den Kampf auf Leben und Tod zu bieten . Ich dachte den angeerbten trotzigen Ketzergeist zu bändigen mit der Priestererziehung , und vergaß , daß ihm der Freiheitsdrang im Blute liegt . Das war mein Mißgriff und wurde mein Verhängniß . Von meinem römischen Aufenthalt kann ich Dir nichts Neues berichten ; auch hier wächst und drängt die Bewegung mit jedem Tage , und mit jedem Tage reißt sie uns ein Stück von dem Boden weg , auf dem wir stehen . Wir stemmen uns dagegen mit der ganzen geschlossenen Macht , die Jahrhunderte lang allen Stürmen getrotzt und die Reformation überdauert hat , aber – ich habe es stets für Schwäche gehalten , sich die Wahrheit zu verhehlen , selbst wenn sie vernichtet – ich fürchte , unsere Zeit ist vorbei ! Im Einzelnen mögen wir noch die Gewalt behaupten , die Weltmacht geht uns verloren – und Dein Bruno ist auch Einer von denen , die sich einst rühmen können , sie uns entrissen zu haben ! “ – Der Graf überflog noch rasch die Schlußworte des Briefes , dann faltete er ihn zusammen und schob ihn von sich . Die Art , wie dies geschah , zeigte zur Genüge , daß die Versöhnung zwischen den beiden Brüdern nur eine äußerliche gewesen war , und daß Rhaneck wenigstens nie das tiefe Grauen überwunden hatte , das er seit jener Zeit vor dem Prälaten empfand . Er stand auf und trat an ’ s Fenster ; es war so einsam in dem Schlosse , so gespenstig öde in all diesen düsteren Räumen und hallenden Gängen , und es war so kalt und leer in den weiten Sälen und Gemächern des gräflichen Palais in der Residenz , das der alternde Mann jetzt ganz allein bewohnte . Der schmerzlich bittere Zug in seinem Antlitz trat schärfer hervor , als er nach Dobra hinüberblickte , wo jetzt das Einzige weilte , was er auf Erden noch liebte – vielleicht hatte der Prälat dennoch Recht gehabt mit seiner Vermuthung . – [ 269 ] Auch in Dobra hatte während der letzten Zeit eine große und tief eingreifende Veränderung stattgefunden . Fräulein Franziska Reich , gegenwärtig Frau Franziska Günther , residirte dort bereits seit länger als zwei Jahren als Gutsherrin an der Seite ihres Gatten . Die alte Jugendliebe hatte bei Beiden schließlich doch gesiegt , wenn dieser Sieg sich auch freilich auf etwas originelle Weise vollzog und jedenfalls keine Spur jener Romantik an sich hatte , an der Luciens Neigung so reich war , die aber Bernhard sowohl als Franziska für sehr überflüssig hielten . Eine jener häufigen Debatten , die , wie gewöhnlich von irgend einem geringfügigen Anlasse ausgehend , sich bis zum hitzigsten Streite steigerten , in dem Fräulein Reich die ganze Heftigkeit ihres heißblütigen Temperaments entfaltete , während Günther seinerseits es sich angelegen sein ließ , sie mit seiner spöttischen Ruhe auf ’ s Aeußerste zu reizen , hatte ganz urplötzlich mit einer Verlobung geendigt . Bernhard hatte mitten im ärgsten Wortgefecht plötzlich seine Hand auf die ihre gelegt und mit seiner ganzen unverwüstlichen Gelassenheit gesagt : „ Franziska , wir müssen endlich einmal dem ewigen Streite ein Ende machen – das Vernünftigste wäre eigentlich , wir heiratheten uns ! “ „ Das nennen Sie dem Streite ein Ende machen ? “ war die in höchster Entrüstung gegebene Antwort gewesen . [ 270 ] „ Sie meinen , er würde dann erst recht beginnen ? Allerdings keine besonders angenehme Aussicht für mich , indessen ich will es einmal darauf hin wagen . Die Hauptfrage ist nur : wollen Sie mich , Franziska ? “ Die mit diesem lakonischen Antrag Beehrte war anfangs noch immer ziemlich entrüstet über die Idee , ihr mitten im Zanke einen Heirathsvorschlag zu machen , ließ sich aber doch schließlich überzeugen , daß es wirklich „ das Vernünftigste sei “ , und Lucie war nicht wenig überrascht , als ihr der Bruder die Erzieherin , die sie eben noch in der hitzigsten Debatte mit ihm verlassen , zehn Minuten später als seine Braut und ihre künftige Schwägerin vorstellte . Drei Monate später hatte Franziska das Regiment in Dobra angetreten , wie es Günther spottweise nannte , indessen war es Thatsache , daß er und ganz Dobra sich nicht schlechter befanden unter diesem Regiment , obgleich die neue Herrin auch als Frau ihr früheres resolutes Wesen nicht verleugnete . Augenblicklich befand sich der Gutsherr in seinem Zimmer und hatte sich dort in die Zeitungen vertieft , als seine Frau eintrat , sehr erhitzt , sehr eifrig , und fast erdrückt von der Last und Wichtigkeit all der Geschäfte , welche Luciens morgen bevorstehende Trauung nothwendig machte , obgleich diese Trauung in aller Stille und nur vor wenig Zeugen stattfinden sollte . „ Es ist vier Uhr , Bernhard ! “ sagte sie mahnend , „ Du wirst Dich wohl jetzt fertig machen müssen , um nach der Bahnstation zu fahren . “ Günther ließ etwas überrascht die Zeitung sinken . „ Ich nach der Bahnstation ? Weshalb ? “ „ Nun , Du weißt doch , daß wir den Herrn Pastor aus der Residenz heute Abend erwarten . Oder willst Du vielleicht einen der Stiftsherren von drüben zu dem feierlichen Acte morgen herüberholen lassen ? Das würde einen schönen Lärm geben , wir erlebten statt der Hochzeit eine neue Auflage der Excommunication ! “ „ Liebes Kind , das Abholen ist Bruno ’ s Sache , “ erklärte Bernhard sehr gleichmüthig . „ Er hat den ihm befreundeten Geistlichen gebeten , die Trauung zu vollziehen , also schickt es sich auch wohl , daß er ihn bei der Ankunft in Empfang nimmt . “ Franziska zuckte die Achseln . „ Bruno ? Als ob der im Stande wäre , jetzt irgend etwas Anderes zu sehen und zu denken als nur seine Lucie , oder auch nur eine Viertelstunde von ihrer Seite fortzugehen , nachdem er heute Morgen erst angekommen ist ! Du wirst wohl selbst hinfahren und den geistlichen Herrn empfangen müssen , er thut es bestimmt nicht und ein Bräutigam ist ja auch immer entschuldigt . “ „ Ja , Bruno ist jetzt wirklich etwas sehr langweilig für alle Anderen ! “ meinte Günther trocken , indem er seine Blätter zusammenlegte . „ Ich weiß nicht , ob es gerade langweilig ist , wenn Jemand seine künftige Frau anbetet – es giebt mehrere Männer , die sich ein Beispiel daran nehmen könnten ! “ sagte Frau Franziska höchst anzüglich . „ Ich hoffe , Du sprachst nur im Allgemeinen ! Oder sollte mir vielleicht diese freundliche Bemerkung gelten ? “ „ Wie Du es nehmen willst ! So viel steht fest , daß ich mich während meines Brautstandes über eine ähnliche ‚ Langweiligkeit ‘ Deinerseits nicht zu beklagen hatte . “ „ Ja , beste Franziska , verzeih ’ , aber Du bist auch nicht – “ „ ‚ Du bist auch nicht darnach , um angebetet zu werden ! ‘ willst Du wohl sagen ? “ unterbrach ihn Franziska neckend . „ Bewahre ! Wie Du mir die Worte auslegst ! Ich meinte nur , ich bin nicht darnach , solche ‚ Langweiligkeiten ‘ zu begehen , und das wirst Du wohl selbst zugeben müssen . Stelle Dir einmal vor , ich wäre Dir zu Füßen gefallen und hätte Dir eine ideal-romantische Scene , so etwa in Bruno ’ s Stil , vorgespielt , ich glaube , Du hättest mir in ’ s Gesicht gelacht . “ Franziska wandte sich ab , um das verrätherische Zucken ihrer Mundwinkel zu verbergen , als sie sich ihren Gemahl in der eben geschilderten Situation vergegenwärtigte , wenn sie auch um keinen Preis zeigen wollte , wie unendlich komisch sie ihr vorkam . „ Du weißt nichts als spotten ! “ entgegnete sie ärgerlich . „ Und sogar der Landrichter sagt – “ „ Schweige mir von dem Landrichter ! Er vergilt die Gastfreundschaft , die er so oft hier in Dobra genießt , auf höchst abscheuliche Weise , indem er überall Verleumdungen , zumal über Dich , ausstreut . Er behauptet öffentlich , Du commandirtest ganz Dobra , mich mit eingerechnet . “ Franziska , die bei den ersten Worten sich sehr kampfbereit aufgerichtet hatte , ließ jetzt beruhigt den Kopf wieder sinken . „ So ? Das ist also die ganze Verleumdung ? “ „ Ich hoffe , Du bist äußerst entrüstet darüber . “ Die Gefragte stieß einen kläglichen Seufzer aus . „ Ich wollte , er hätte Recht ! Du lieber Himmel , ich einen Mann commandiren , der mit jedem Tage unserer Ehe den Despoten mehr herauskehrt ! Wenn ich sehe , wie Lucie diesen starren eigenwilligen Bruno mit einem einzigen Blicke lenkt – “ „ Ich finde , es wird wirklich Zeit , daß Lucie jetzt heirathet ! “ unterbrach sie Günther lächelnd . „ Bruno verdirbt mir sonst mit seiner überspannen Leidenschaft noch den ganzen Hausfrieden . Du ziehst fortwährend Vergleiche , und wenn es auch fraglos ist , daß dieselben stets zu meinem Vortheil ausfallen müssen , so sind sie doch bisweilen etwas unbequem . “ Frau Franziska schien diese letzte Bemerkung ihres Gatten überhören zu wollen . „ Ich habe es nie für möglich gehalten , daß Lucie sich so entwickeln könnte , wie es in diesen drei Jahren der Fall gewesen ist ! “ sagte sie ernster . „ Es ist kaum zu glauben , was er aus ihr gemacht hat und mit welcher Hingebung sie an diesem düstern Manne hängt . Freilich , sie vermag Alles über ihn , und er wird ja jetzt überall als etwas Großartiges und Unerreichbares gepriesen , aber – “ „ Aber Dein Geschmack wäre er nicht ! “ ergänzte Bernhard wieder neckend . „ Sehr begreiflich , da Du mich vorher kanntest . Also gönne ihn Lucien immerhin und tröste Dich mit der unumstößlichen Thatsache , daß Du jedenfalls den besten Mann von Euch Beiden besitzest . “ Das war für Franziska zu viel , sie sprang heftig auf . „ Bernhard , ich glaube , Du bist im Stande , Dir im vollen Ernste Dergleichen einzubilden ! Uebrigens wollte ich Dich bei Gelegenheit des morgenden Festes doch einmal fragen , wer von uns Beiden damals Recht hatte in Bezug auf Luciens sogenannte Liebe zu dem Grafen , die Du so bestimmt behauptetest und die ich so entschieden in Abrede stellte . “ „ Du hattest Recht , liebe Franziska , wie Du ja überhaupt immer Recht hast – wohin willst Du denn auf einmal ? “ „ Aus Deiner Nähe ! Wenn Du anfängst , Complimente zu machen , kann ich stets auf irgend eine kleine Bosheit gefaßt sein . Aber ich wiederhole es Dir , Bruno ist heute zu nichts Vernünftigem fähig ; also mache Dich fertig und fahre an seiner Statt nach E. hinüber . Ich kann nicht all die Last und Sorge auf mich allein nehmen ; Du kannst mir auch dabei helfen ! “ Mit diesen etwas dictatorischen Worten eilte Frau Franziska hinab in die Wirthschaftsräume , während Bernhard wirklich aufstand , seine Zeitungen im Stiche ließ und sich als gehorsamer Ehemann anschickte , den Anordnungen seiner Frau Gemahlin nachzukommen . – Es war am zweiten Tage nach der soeben geschilderten Scene , noch sehr früh am Morgen , als ein leichter offener Wagen auf dem Fahrwege hielt , der nach dem Gebirgsdorf N. hinaufführte . Die Insassen des Wagens waren ausgestiegen , um den Rest des Weges zu Fuße zurückzulegen und unbemerkt das Pfarrhaus zu erreichen , wo sie schon erwartet zu werden schienen , denn Pfarrer Clemens empfing sie bereits an der Thür . Der Greis war noch müder und hinfälliger geworden während dieser letzten Jahre , und sein ganzes Aussehen verrieth , daß ihm die fernere Lebensdauer nur auf Monate , vielleicht nur auf Wochen noch zugemessen war . Er hatte schon längst sein Amt in die Hände eines Caplans niederlegen müssen , und wenn man ihn dem Namen nach noch im Besitze seiner Pfarre ließ und ihm noch einige leichte Amtshandlungen gestattete , so verdankte er diese Vergünstigung nur seinem langjährigen Wirken und der Anhänglichkeit seiner Gemeinde , die von ihrem alten , treu bewährten Seelsorger nicht lassen wollte , vielleicht auch dem Umstande , daß es nicht Viele gab , die sich zu dieser dürftigen Stellung gedrängt hätten . Es war wohl nicht bloßer Zufall , daß dieser Besuch gerade jetzt stattfand , wo der Caplan auf einige Tage abwesend war . In dem Studirzimmer , wo sich sonst täglich die kleine , runde und wohlgenährte Figur dieses Herrn bewegte , dem gutes Essen und Trinken über Alles ging , und der jedesmal seufzte , wenn [ 271 ] irgend eine priesterliche Verrichtung ihn hinausrief , stand jetzt die hohe Gestalt seines Vorgängers . Bruno hatte sich wenig verändert , nur ernster , ruhiger war er geworden , die düstere Gluth des jungen Mönches , dessen Inneres sich so leidenschaftlich gegen die Fesseln seines Standes aufbäumte , war der Festigkeit des Mannes gewichen , der sich bereits im Kampfe mit dem Leben versucht hatte . Die dunklen Locken bedeckten dicht und üppig auch jene Stelle des Hauptes , die einst die Tonsur getragen , und damit schien auch der letzte Rest des Mönchthums abgestreift von der stolzen Erscheinung , der man es nicht mehr ansah , daß sie sich einst im Ordensgewande mit den vorgeschriebenen Zeichen äußerer