und gegen seine Ueberzeugung der Treulosigkeit beschuldigt , um – die Trennung zu beschleunigen ... Ach Gott , wozu denn dieses schmerzliche Grübeln ! – Liebe war es ja noch lange nicht , was sie empfand , ganz gewiß nicht – davor bewahrte sie denn doch – ihr Trachenbergischer Familienstolz – sie konnte sich nur des seltsam warmen Wunsches , seine Freundschaft zu besitzen , augenblicklich nicht erwehren ; aber , war sie nur erst wieder daheim , da lernte sie rasch überwinden ... Sie schloß den Schmuckkoffer auf und verglich noch einmal seinen Inhalt mit dem Verzeichnisse ; ebenso überzählte sie die Geldrollen im Schreibtische – sie hatte nie eine derselben berührt . Sodann versiegelte sie die beiden Schlüssel in einem Kouvert , das sie an Mainau adressierte und auf dem Schreibtische liegen ließ . Die Gegenstände , die sie nicht von fremden Händen betastet wissen mochte , packte sie in einen kleinen Koffer ; alles andere überließ sie zur Nachsendung der Kammerjungfer . Während dieser Vorbereitungen waren nahezu zwei Stunden verstrichen . Sie hob das Rouleau im blauen Boudoir : es war sehr dunkel draußen geworden ; der Schein der hinter ihr stehenden Lampe streckte sich über den Kiesplatz hin und zeigte große , trübe Wasserlachen in jener tummelnden Bewegung , wie sie leicht niederplätschernde Tropfen erregen – der Regen hatte nachgelassen , aber der Sturm kam eben wieder um die Ecke , so wild und johlend , als habe er sich in all den Höfen und Höfchen und offenen Säulengängen des ungeheuren Schlosses verirrt und brause nun , neu ausatmend und befreit , über die weiten Gärten hin . Jetzt war es Zeit zu gehen . Liane vertauschte ihr helles Kleid mit einer dunklen Robe , warf einen schwarzen Samtmantel um und zog die Kapuze über den Kopf . Schmerzlich aufweinend trat sie in Leos Schlafzimmer und legte die Wange auf das Kissen , neben welchem sie bisher jeden Abend wachend und behütend gesessen , bis dem tief und behaglich hingeschmiegten wilden Lieblinge die glänzenden Augen im süßen Schlummer zugefallen waren . Er saß jetzt oben beim Großpapa und ahnte nicht , daß ihre Thränen auf sein Schlummerkissen fielen , daß sie , an der sein ganzes unbändiges Knabenherz vergötternd hing , in stürmischer Nacht das Schloß verlasse , um nie zurückzukehren . Geräuschlos schob die Frau den Riegel an der Thür des blauen Boudoirs weg und trat hinaus , aber bestürzt und geblendet wich sie zurück – sie hatte gemeint in das tiefdunkle Vorzimmer zu treten , und da brannte nun die große Hängelampe am Plafond , und durch die weit zurückgeschlagenen Flügel der Hauptthür quoll das grelle Gaslicht des Säulenganges herein ... Sie setzte den Fuß nicht weiter – in atemlosen Schrecken stand sie da – von Licht überschüttet , hob sich ihr zartes bleiches Gesicht in feenhafter Lieblichkeit aus den schwarzen Samthüllen – aber der harte , fremde Zug , der sich vorhin um ihre Lippen geschlichen hatte , trat verschärft hervor , während die stahlfarbenen Augen , halb verwirrt , halb trotzig zurückweisend , seitwärts die Fensternische streiften , in welcher Mainau mit verschränkten Armen stand . » Du hast mich lange warten lassen , Juliane , « sagte er ruhig , fast eintönig , als handle es sich um eine verabredete gemeinschaftliche Fahrt ins Konzert oder Theater . Dabei schritt er rasch nach der offenen Thür und schlug beide Flügel zu – es war klar , er hatte sie so weit geöffnet , um den Säulengang übersehen und so das Entweichen der jungen Frau auch vom Ankleidezimmer aus verhindern zu können . » Du willst noch eine Promenade machen ? « – Er sagte das , vor sie hintretend , mit dem an ihm gefürchteten Sarkasmus , in seinem Blicke aber glomm ein unheimlicher Funke . » Wie du siehst , « versetzte sie kalt – sie bog seitwärts aus , um unbeirrt nach der Thür zu schreiten . » Ein wunderlicher Einfall bei dem Wetter – hörst du , wie der Sturm heult ? Er läßt dich nicht bis an das erste Rasenrundell des Gartens kommen ; darauf verlasse dich ! Die Wege schwimmen – ich warne dich , Juliane ! ... Diese kleine Kaprice wird dir Schnupfen und Rheumatismus einbringen . « » Wozu diese Komödie ? « sagte sie stehenbleibend vollkommen gelassen . » Du weißt sehr gut , daß es sich nicht um › eine kleine Laune ‹ handelt – ich habe dir oben gesagt , daß ich gehe , und du siehst mich auf dem Wege . « » Wirklich ? Du willst so , wie du da bist , im Samtmantel und den Regenschirm in der Hand , bis – nach Rudisdorf promenieren ? « Sie lächelte schwach . » Nur bis zur Residenz – der Zug geht um zehn Uhr ab . « » Ach so ! Köstlich ! Schönwerth hat die Ställe voll Pferde und in der Remise steht eine lange Reihe bequemer und hübscher Wagen . Aber die Frau Baronin zieht es vor , per pedes das Haus zu verlassen , weil – « » In dem Momente , wo ich droben den Saal verließ mit dem Entschlusse , heute noch zu gehen , hörte ich auf , ein Familienmitglied des Hauses zu sein , und entäußerte mich selbst des Rechtes , hier noch etwas zu verfügen – « » Weil es « – fuhr er unbeirrt und den Einwurf kalt belächelnd mit erhobener Stimme fort – » doch gar so herzerschütternd und todestraurig klingen würde , wenn man sich morgen früh in der Residenz erzählte : › Die arme , junge Frau von Mainau ! Man hat sie in Schönwerth dergestalt mißhandelt , daß sie in die Nacht hinaus geflohen ist ; vom rasenden Sturme gegen die Stämme des Waldes geschleudert , ist sie bewußtlos am Wege des Waldes liegen geblieben , das bleiche Duldergesicht und die prachtvollen Goldflechten von Blut überrieselt ‹ « – er vertrat ihr den Weg ; denn sie hatte , tief empört , mit einem Ausrufe des Unwillens eine rasche Bewegung gemacht . » Bei einem so starken , gereiften Geiste , bei einer so gesunden , klaren Anschauung der Dinge , eine solch unglaubliche Naivität , Juliane ! « fuhr er fort . Der Spott war wie weggewischt aus seinen Zügen , von seiner Stimme . » Du denkst wie ein Mann und handelst urplötzlich wie ein erschrecktes Kind . Wenn es gilt , die Wahrheit zu sagen oder anderen zu nützen , bist du heldenhaft und hast die scharfe Schneide eines Dolches in der Zunge – aber der Selbstverteidigung gehst du aus dem Wege , wie der Vogel Strauß , der den Kopf versteckt . – Du fühlst dich schuldlos und fliehst dennoch ? ... Weißt du nicht , daß du mit diesem Schritte das Urteil der ganzen Welt gegen dich herausforderst ? – Eine Frau , die bei Nacht und Nebel das Haus ihres Mannes allein , auf Nimmerwiederkehr verläßt , ist und bleibt – eine Entlaufene ! Dies klingt stark und beleidigend für dein zartes Empfinden , nicht wahr ! ... Allein ich kann es dir nicht ersparen . « Er griff nach ihrer Hand , die bereits auf dem Thürgriff lag , aber ihre Finger umklammerten ihn fest – nur mit rauher Gewalt hätte er sie herabzureißen vermocht . Ein Ausdruck erschien plötzlich auf seinem Gesichte , so eigentümlich gespannt und dabei so wild zornig , daß sie erschrak – dennoch sagte sie gefaßt und gelassen : » Vergiß nicht , daß ich dir vor zwei Zeugen Lebewohl gesagt und dich von meinem Weggange unterrichtet habe – von einem › Entlaufen ‹ oder böswilligen Verlassen deines Hauses kann mithin nicht die Rede sein ... Und wenn die bösen Zungen über mich herfallen ? Mögen sie es doch ... Mein Gott , welche Bedeutung hat denn meine Person für die Welt ? Ich bin nicht eitel genug , um vorauszusetzen , sie werde sich andauernd mit mir beschäftigen – sie könnte es auch beim besten Willen nicht , denn ich verschwinde vom Schauplatze ... Und nun bitte ich dich , gib mir den Weg frei ! Lebewohl sage ich dir noch einmal – wir sind beide nicht sentimental . « » Nein – nur ich armer Gesell habe so ein dummes , störrisches Etwas in der Brust , das aufschreit ... « Er trat einen Schritt von der Thür weg . » Der Weg ist frei , Juliane – das heißt : er ist frei für uns beide . Du wirst doch nicht denken , daß ich dich allein vor den Richter treten lassen , der noch dazu Partei nimmt für die Klägerin ? Du willst die Auseinandersetzung mit mir in die Hände deiner Geschwister legen – gut – ich will aber auch dabei sein ... Ich werde den Wagen bestellen , denn ich begleite dich – Ulrike , die Verständige , die Weise soll entscheiden . « » Mainau , das wolltest du wagen ? « rief sie erschreckt – bei der heftigen Bewegung , mit der sie emporfuhr , glitt der Capuchon von ihrem Kopfe ; das halbgelöste Haar quoll wogend , in schweren , glänzenden Ringeln auf den schwarzen Samt – der Regenschirm fiel zu Boden . – Sie verschränkte die Hände und drückte sie gegen die Brust . » Es ist mir viel Weh zugefügt worden in deinem Hause , und dennoch möchte ich dich nie und nimmer vor Ulrikes streng richtenden Blicken stehen sehen , ich – ertrüge es nicht ... Was willst du antworten , wenn sie dich fragt , aus welchem Grunde du die Hand ihrer Schwester verlangt hast ? Du wirst sagen müssen : › Aus Rache gegen eine andere – ich habe die Verlobung mit der Gräfin Trachenberg einzig deshalb in Szene gesetzt , um angesichts des ganzen Hofes der Herzogin einen Dolch in die Brust zu stoßen . ‹ « Er stand vor ihr mit aschbleichem Gesichte – langsam , mechanisch hob er die Rechte , um sie auf der Brust in den halb zugeknöpften Rock zu stecken – sein Schweigen und diese Haltung gaben ihm das Ansehen eines Mannes , der sehr gut weiß , daß er verloren ist , und mit gemachter Ruhe den Verlauf erwartet . – » Und wie dann weiter , Mainau ? « fragte sie unerbittlich . » Du wirst fortfahren müssen : › Darauf habe ich die unglückliche Statistin , die sich anstandshalber nicht so rasch wieder abschütteln ließ , mit Schmuck und kostbaren Stoffen beladen , in mein Haus geführt und ihr ein Verhaltungsprogramm aufgestellt , so ungefähr , wie man eine Uhr aufzieht und von ihr verlangt , daß sie auf der vorgeschriebenen Zeitbahn ihr einförmiges Ticktack pflichtschuldigst abarbeite ... Ich habe gewußt , daß die Seele meines Hauses ein alter , kranker , verbitterter Mann ist ; ich habe gewußt , daß gerade ihm gegenüber das Festhalten an meiner Vorschrift eine Riesenaufgabe sein mußte , daß dazu eine beispiellose Selbstverleugnung , ein völliger Mangel an empfindlichen Nerven , an stolz aufwallendem Blut nötig sei – o , das verstand sich von selber bei der Puppe , die meinen Namen trug , an meinem Tisch aß und das Dach meines Schlosses über dem Haupte hatte . ‹ « – Sie verstummte – atemlos , die Lippen geöffnet , warf sie den Kopf in den Nacken , wie befreit von einer unglaublichen Last , wie erlöst von dem heißen Schmerz , der ihr viele Wochen lang die Kehle zugeschnürt , das Herz zusammengekrampft hatte . » Bist du zu Ende , Juliane ? Und willst du mir vergönnen , Ulriken zu antworten ? « fragte er tonlos , mit einer unbeschreiblichen Sanftheit in der Stimme , vor welcher bisher die Damen » wie die Lämmer gezittert « . » Noch nicht , « sagte die junge Frau hart – jetzt hatte sie genippt an der Rache ; sie fühlte zum erstenmal , daß es süß sei , Wiedervergeltung zu üben , Kälte gegen Kälte , Verachtung gegen Mißachtung zu setzen – es riß sie hin , das berauschende Gift weiterzuschlürfen ; sie ahnte nicht , daß gerade dieses heiße Rachegefühl auf eine andere tiefe , hoffnungslose Leidenschaft schließen ließ . – » Dieser arme Automat mit den ewig stickenden Händen und den Vokabeln auf den Lippen beging bei allem guten Willen dennoch eine Taktlosigkeit – er kürzte sein Debüt im Hause Mainau nicht rasch genug ab , « fuhr sie bitter fort . » Er verpaßte den richtigen Moment , wo er sich mit Anstand zurückziehen konnte , und da mußte er es sich gefallen lassen , daß man zu dem rauhesten Mittel , zu ehrverletzenden Anklagen griff , um – rasch mit ihm fertig zu werden . « » Juliane ! « – Er bog sich über ihr Gesicht und sah in die weit geöffneten Augen , die ihm in der unheimlichen Starrheit höchster Nervenaufregung begegneten . » Wie traurig , daß sich dein reiner Sinn in den Abgrund eines so häßlichen Mißtrauens verirren konnte ! Aber ich bin schuld – ich ließ dich zu lange allein , und wenn ich alles vor Ulriken verantworten will , das kann ich nicht ... Juliane , sieh mich nicht so starr an ! « bat er , ihre Hände gegen sich ziehend ; » diese furchtbare Aufregung muß dich krank machen – « » Darum lasse mich allein – du kannst keinen kranken Menschen sehen . « Sie entzog ihm ihre Hände – ihre Lippen zuckten in trotzigem Weh . Er wandte sich entmutigt ab . Wohin er sich auch wenden mochte , sie hielt ihm grausam einen Spiegel vor , aus welchem ihm sein Charakterbild in häßlichen , unheimlich genauen Strichen entgegentrat ; sie hatte jeden seiner herzlosen Aussprüche sorgsam notiert . Er konnte so glänzend Konversation machen ; für ihn gab es keine Klippe , keine Kluft in der Gesellschaft – er schlug über alles die leichte Brücke des geißelnden Spottes , des funkelnden Witzes – und hier , im Konflikt mit einer ehrlichen , aber durch sein Verschulden herb gewordenen weiblichen Natur , litt er kläglich Schiffbruch , der brillante , weltgewandte Kavalier . Schweigend wollte er die Hand nach dem Klingelzug ausstrecken , um zu schellen , aber die junge Frau wußte es durch eine rasche Bewegung zu verhindern . » Thue das nicht , Mainau ! Ich fahre nicht mit dir , « erklärte sie entschieden , mit finsterem Ernst . » Wozu den häßlichen Streit nach Rudisdorf tragen ? Das dürfte ich schon meinem lieben , scheuen Magnus nicht anthun – er würde unter dem rauhen , lauten Konflikt schwer leiden . Und die Mama ? ... Mit ihr habe ich einen harten Kampf zu bestehen , wenn ich zurückkehre – das verhehle ich mir nicht ; aber ich will ihn doch tausendmal lieber allein auf mich nehmen , als dich dabei sehen . Sie wird sich sofort auf deine Seite stellen – in ihren Augen werde ich bis in alle Ewigkeit die Schuldige sein ; du bist der gefeierte , vielbeneidete Kavalier , der Herr von Schönwerth , Wolkershausen etc. und ich bin das verarmte Mädchen , das kaum Anspruch auf eine Stiftspfründe hat – was liegt da näher , als daß ich nicht verstanden habe , mich in die Verhältnisse zu schicken und meine beneidenswerte Stellung würdig einzunehmen ? « – welch ein bitteres , herzzerreißendes Lächeln flog um ihre Lippen ! – » Aber aus eben diesen Gründen wird Mama auch alles aufbieten , die völlige Trennung zu verhindern , und dagegen verwahren wir uns doch beide – « » In der That , Juliane ? « – Er lachte zornig auf . – » Widerstrebt es mir nicht , da rauh und gebieterisch zu nehmen , wo man mir durchaus nicht geben will , da könnte ich allerdings nichts Besseres thun , als die Entscheidung in die Hände der Mama zu legen – so aber muß und soll Ulrike die höchste Instanz bleiben ... Ich werde nicht ein Jota von meiner großen Schuld leugnen . Ich werde ihr erzählen , wie die fürstliche Kokette mit mir gespielt , wie sie mich durch ihren Treubruch zu dem gemacht hat , was ich geworden bin – zum frivolen Spötter , zum gewissenlosen Frauenverächter , zu einem zerfahrenen , ruhelosen Flüchtling , den die ungesühnte tiefe Demütigung seines Mannesstolzes in den Taumel unwürdiger Genüsse gehetzt hat . Ulrike soll wissen , daß ich , wenn auch längst kein Funken von Neigung mehr für die Treulose hegend , dennoch unausgesetzt nach einer eklatanten Genugthuung gelechzt habe – vielleicht vermag sie besser als du sich in die Seele eines tiefgereizten und gekränkten Mannes zu versenken ... Ich werde ihr sagen : › Es ist wahr , Ulrike , ich habe deine Schwester in der That heimgeführt , um die Herzogin zu züchtigen und meine Rache zu kühlen , aber auch , um der wahnsinnigen Leidenschaft dieser Frau für mich , die mich anwiderte , Schranken zu setzen . ‹ « Er schwieg für einige Sekunden , als hoffe er auf ein ermutigendes Wort , aber die Lippen der jungen Frau bewegten sich nicht – sah es doch fast aus , als erstarre sie gegenüber diesen Enthüllungen . » › Das junge Mädchen , das ich beim ersten Begegnen kaum mit einem halben Blicke angesehen , war mir gleichgültig , ‹ « fuhr er mit bewegter Stimme fort . » › Hätte ich damals den Eindruck der Schönheit , des Geistes empfangen – ich wäre sofort zurückgetreten – ich wollte keine innere Fessel wieder auf mich nehmen und suchte nur einen sanften , weiblichen Charakter mit dem Wunsche , daß er sich als repräsentierende Hausfrau , als geduldige Pflegerin des grilligen Onkels und meines Knaben in die gegebenen Verhältnisse hineinleben möge – ich war ein grausamer Egoist ... Der Reisetrieb erwachte aufs neue in mir – ich sehnte mich hinaus nach Abenteuern aller Art , auch nach denen mit – schönen , pikanten Frauen – ich war wie mit Blindheit geschlagen ... Die weiße Rose aus Rudisdorf zeigte mir allerdings schon am ersten Tage einen scharfen Dorn , der mich erschreckte – ich stieß auf einen unbändigen Stolz ... Aber sie war auch klug und mir an Geistesschärfe weit überlegen – sie verstand es , ihre körperliche Schönheit , ihren hochgebildeten Geist in die Nonnentracht der strengsten Zurückhaltung zu hüllen – es fiel ihr nicht ein , auch nur einen Finger zu rühren , um den Mann zu gewinnen , der sie verschmäht , mißachtet hatte ... Und so ging ich neben ihr , kalt , spöttisch , über sie hinwegsehend , und nur manchmal durch einen aufsprühenden Blitz erschreckt ... Ich müßte über den Humor der Nemesis lachen , wäre er nicht so entsetzlich bitter ... Ist es nicht kläglich , Ulrike , daß der Mann , der in unverzeihlichem Dünkel sagen konnte : › Liebe kann ich ihr nicht geben ‹ – nun das Knie vor deiner Schwester beugen und sie um Verzeihung bitten will ? Ist es nicht jammervoll , daß er nun wirbt und fleht um das , was er zuerst schnöde und achtlos weggeworfen ? ... Sie will mich verlassen – von gerechtem Mißtrauen gegen mich erfüllt , versteht sie mich absolut nicht . Ein anderes , geübteres Frauenauge hätte längst erkannt , wie es um mich steht , und milde verzeihend und schonend dem Frevler das schwere Eingeständnis seiner totalen Niederlage erspart – aber sie schreitet unbeirrt weiter , ohne zu erwägen , was sie dabei zertritt , und so bleibt mir nichts übrig , als in klaren Worten auszusprechen , daß ich – geistig und moralisch den Tod erleide , wenn Juliane von mir geht . ‹ « Er war schon bei Beginn seiner Beichte einmal rasch nach dem Fenster zugeschritten – dort stand er noch – kein Blick war auf die junge Frau gefallen . Jetzt wandte er den Kopf nach ihr . Mit der Rechten die Augen bedeckend , tastete sie nach dem neben ihr stehenden Sessel – sie schien vor Bestürzung in sich zusammensinken zu wollen . » Soll der Wagen vorfahren ? « fragte er , näher an sie herantretend , mit entfärbten Lippen , in atemloser Spannung . » Oder hat Juliane mich gehört und will selbst entscheiden ? « Sie verschlang krampfhaft die Finger ineinander und ließ die Hände sinken – stürzte nicht die Decke auf sie nieder bei diesem jähen Umschwunge ? » Nur ein Ja oder Nein – mache der Qual ein Ende ! – Du bleibst bei mir , Juliane ? « » Ja . « – Dieses » Ja « kam freilich wie ein zitternder Hauch von ihren Lippen und doch übte es eine wahrhaft berauschende Wirkung auf den Mann . Mit einem stummen Aufblicke , als werde die Marter einer tödlichen Angst von ihm genommen , hielt er die junge Frau in den Armen – dann löste er den Reisemantel von ihren Schultern und schleuderte ihn weithin auf den Boden . Er küßte sie auf den Mund . » Das ist die Verlobung , Juliane – ich werbe um dich in tiefer , inniger Liebe , « sagte er feierlich ernst . » Nun mache aus mir , was du willst ! Du sollst Zeit und Gelegenheit haben , dich zu prüfen , ob du mich dereinst auch wirst lieben lernen , die du jetzt nur in echt weiblicher Milde und Barmherzigkeit verzeihst ... Wer mir noch vor einem halben Jahre gesagt hätte , daß ein Frauencharakter mich bezwingen würde ! ... Nun , Gott sei Dank , noch bin ich jung genug , um mein Lebensschiff zu wenden und glücklich zu werden ! Sie , so wie ich deine schmiegsame Gestalt jetzt halte , wie sie mich nicht mehr zurückweist mit Händen und Augen , so hingebend bist du nun auch meine – Liane . « Er führte sie in das blaue Boudoir . » Himmel , wie magisch ! « rief er . Sein Blick flog über die glänzenden Wände , um dann wie trunken auf dem lieblichen Antlitze seiner jungen Frau zu ruhen . » Ist das wirklich das verhaßte Zimmer mit den penetranten , erstickenden Jasmindüften und den Polstern der Faulheit ? « Auf dem Tische brannte nur eine Lampe unter rotem Schleier – ein rosiger Schein färbte schwach die Atlasfalten , Mainau hatte früher dieses Zimmer ganz anders , ja feenhaft beleuchtet gesehen – Liane wußte von Leo , daß die Appartements der » ersten Mama « stets in einem Lichtermeer geschwommen hatten . Mit stürmisch klopfendem Herzen sagte sie sich , daß es nur die Morgenröte der neuen Glückseligkeit sei , die dem Mann an ihrer Seite plötzlich alles verkläre . War ihr doch auch , als flimmere es magisch um jeden weißen Azaleenkelch in der dunkelnden Fensternische , ja , als müsse ein Flüstern von dort ausgehen , ein seliges Flüstern der kleinen Blumenseelen , die sie , umstürmt von Kämpfen aller Art , dennoch treu gepflegt , und die nun ihr verschämt schweigendes Glück sehen konnten , besser als er , der sich noch ungeliebt glaubte . » Und nun die einzige und letzte Frage bezüglich des Vergangenen , Liane ! « sagte er , in leidenschaftlicher Bitte ihre Hände an seine Brust ziehend . » Du weißt nun , was mich vorhin droben im Salon so hart , so wahnwitzig ungerecht gegen dich gemacht hat ; du weißt auch , daß ich in Wirklichkeit an eine Schuld deinerseits nie geglaubt – stünde ich sonst hier ? ... Der vergiftende Hauch des verhaßten Schwarzrockes hat dich nicht berühren dürfen – darauf will ich schwören , und doch – ich kann nicht ruhig werden , Liane ! ... Ich habe das Gefühl , als würde mir der Hals zugeschnürt , wenn ich mir , inmitten meines Glückstaumels , den rätselhaften Augenblick vergegenwärtige , wo ich dich mit erschrecktem Gesicht in der halben Dämmerung stehen sah und seine Stimme hörte , die dem Onkel Schweigen auferlegen wollte ... Was führte dich zu so ungewohnter Stunde in den halbdunklen Salon ? « Und sie erzählte ihm mit fliegenden Atem , aber klar und besonnen , alles . Sie beschrieb ihm , wie sie die Fälschung , die sie auf den Wink der Löhn hin vermutet , entdeckt hatte . Bei der Schilderung dieses abscheulichen Betruges , den er unfreiwillig jahrelang begünstigt , stand Mainau wie eine Bildsäule , keines Wortes mächtig – er war auf schamlose Weise düpiert worden ; der intrigante Jesuit hatte ihn spielend am Gängelband geführt , und er hatte agieren müssen , wie es diesem schlauen Kopf beliebte . Und der arme Knabe , den jener Zettel kurz und bündig als Bastard von niedrigster Herkunft bezeichnet und verstoßen , er hatte unter dem furchtbarsten Druck , unter allseitiger Verachtung und Schmähung seine schönsten Kinderjahre hinschleppen müssen ; er war getreten und in den Ecken herumgestoßen worden , in den Ecken des Schlosses , das dem Manne gehört , dessen einziges Kind er gewesen ... Liane meinte , das Knirschen der Zähne zu hören , ein so gewaltsam verbissener Grimm entstellte Mainaus Gesicht – es war aber auch ein allzu jähes Aufrütteln aus dem blindesten Glauben und Vertrauen . Nun kam sie an jenen Moment , wo der Hofprediger Brief und Zettel in das Kaminfeuer geworfen . Schamhaft vermied sie , ihre Lippen mit der Wiederholung seiner leidenschaftlichen Bitten und Klagen zu beflecken ; sie deutete kaum die Motive seiner verbrecherischen Handlungsweise an , und doch war es um Mainaus Selbstbeherrschung geschehen . Er stürmte wie ein Rasender um anstoßenden Salon auf und ab – dann kam er plötzlich herüber und zog die junge Frau in seine Arme . » Und ich ließ dich allein in den Klauen des Tigers , während ich jenes verachtete Weib schützend heimgeleitete ! « klagte er . Sie redete ihm sanft und beschwichtigend zu , und mit diesem Moment begann ihre Mission als Frau , als treue Gefährtin und Beraterin . Doppelt süß klang diese besänftigende Frauenstimme gerade in den Räumen , die einst Zeugen heftiger ehelicher Auftritte gewesen waren . Wie keusch zurückhaltend und doch wie mild stand diese zweite Frau unter dem blauatlassenen Wolkenhimmel , der auch auf jenes launenhafte , verzogene Wessen niedergesehen , wenn es bald wie eine kleine Katze geschmeidig zusammengerollt , nichts denkend und träumend , halbe Tage lang zwischen den Polstern geruht , bald als graziöser , schöner , aber bitterböser Engel umhergeflattert war , um Blumen unter dem kleinen Absatz zu zertreten , oder mißliebige weibliche Dienerschaft mit höchsteigenen , aristokratischen Händen zu züchtigen ... Das mochte wohl alles durch Mainaus Seele gleiten – er gab sich dem neuen Zauber überwältigt hin und wurde ruhiger . » Vorhin noch hatte ich nur den Gedanken , dich und Leo sofort nach Wolkershausen zu bringen und dann hierher zurückzukehren , um Schönwerth für immer von dem unreinen Geist zu säubern , « sagte er – freilich diese Töne trugen noch die Spuren des inneren Kampfes mit der leidenschaftlichsten Erbitterung . – » Mir kocht das Blut , wenn ich mir denke , daß dieser Schurke beschützt und gehätschelt droben im Schlafzimmer des Onkels sitzt , während er doch ohne weiteres über die Schwelle , in Sturm und Nacht hinausgestoßen werden müßte ... Aber ich muß mir selbst sagen , es nützt nichts , wenn die rächende Faust des empörten ehrlichen Mannes in diese Fuchsgesellschaft niederfährt ; sie stiebt auseinander , um sich im nächsten Augenblick erstickend über ihm zu schließen ; er ist der Verlorene , und wenn ihm alle Gesetzbücher der Welt zur Seite stehen ... Sieh ' , mein holdes Weib , die erste eklatante Wirkung deines Einflusses – ich will mich mäßigen ; aber diese Mäßigung soll dem Schwarzrock teuer zu stehen kommen . – Auge um Auge , Zahn um Zahn , mein Herr Hofprediger ! Ich will auch einmal den Fuchskopf aufsetzen , um Onkel Gisberts willen , an dessen Kind ich mich schwer versündigt habe ... Der Onkel Hofmarschall ist mit dem Zettel genau so düpiert worden , wie ich – er , mit seinen klugen , scharfen Höflingsaugen , – darin liegt ein ganz klein wenig Trost für mich . « – Sein Glaube an die Rechtlichkeit des alten Mannes war unerschütterlich . Liane zitterte , denn in dem Augenblicke , wo er sich Gabriels annahm , fiel auch der Riegel vor Frau Löhns Lippen – welch schwere , bittere Enttäuschung stand ihm bevor ! – » Wollte ich ihm aber den wahren Sachverhalt mitteilen , er würde mich einfach auslachen und die vollgültigsten Beweise fordern , « fuhr Mainau fort . » Nun werde ich die Sache umkehren ... Liane , so schwer es mir auch wird , wir müssen noch nebeneinander gehen wie bisher . Kannst du dich überwinden , morgen deine Hausfrauenpflichten wieder aufzunehmen , als sei nichts vorgefallen ! « » Ich will es versuchen – ich bin ja dein treuer Kamerad ! « » O nein ! Mit der Kameradschaft ist ' s vorbei – der Pakt , den wir am ersten Tag geschlossen , ist längst null und nichtig , zerrissen , verweht in alle vier Winde . Unter guten Kameraden gilt eine gewisse Toleranz ; aber ich bin ein merkwürdig mißgünstiger Gesell geworden – in dem Falle dulde und gestatte ich nicht . Selbst Leo gegenüber kämpfe ich mit feindseligen Regungen , wenn er so selbstverständlich › meine Mama ‹ sagt , und die Namen › Magnus ‹ und › Ulrike ‹ kann ich von deinen Lippen nicht hören , ohne den häßlichsten Neid zu fühlen – ich glaube , ich kann ihnen nie gut werden , diesen Namen ... Uebrigens sei ohne Sorge – ich wache über dich , wie es dein Schutzgeist nicht besser vermöchte ; nicht auf Sekunden werde ich dich verlassen , bis die Luft rein