du das kannst im Angesicht meines letzten Lagers , so will ich dir glauben , daß meine eigenen Augen falsch gesehen haben ! « Klaudine stand wie leblos . Ihre Lippen bewegten sich , aber es kam kein Ton heraus , und plötzlich neigte sie den Kopf wie vernichtet . Die Herzogin sank in die Kissen zurück . » Den Mut hast du doch nicht ! « murmelte sie . » Elisabeth « , rief Klaudine jetzt , » glaube mir ! Glaube mir ! Mein Gott , was soll ich nur tun , daß du mir noch einmal glaubst ! Ich wiederhole es dir , du bist im Irrtum – « » Sei still « , sagte die Herzogin mit verächtlichem Lächeln . Seine Hoheit war eingetreten . » Wie geht es dir , Liesel ? « fragte er herzlich und beugte sich über sie , indem er ihr das feuchte Haar aus der Stirn zu streichen versuchte . » Fasse mich nicht an ! « stieß sie hervor , und ihre Augen wurden angstvoll groß . » Es ist ja bald vorbei « , flüsterte sie dann . Klaudine lehnte fassungslos an der Tür . Der Herzog trat zu ihr und fragte leise und besorgt : » Phantasiert Ihre Hoheit ? « Klaudine , der Verzweiflung die Brust zu zersprengen drohte , preßte den schluchzenden Schrei , der sich ihr entringen wollte , mit dem Tuch zurück und wankte in das Nebenzimmer . Er folgte ihr ängstlich . » Was ist geschehen ? « Die Augen der Kranken richteten sich auf die Tür , durch welche jene beiden verschwunden waren . Der ganze furchtbare , gewaltsam zurückgedrängte Schmerz durchrüttelte sie und verwirrte ihre armen Gedanken . Sie lag mit geballten Fäusten und glühenden Augen . Wie , nicht einmal der Sterbenden wollte sie bekennen ? Und sie hatte es so gut gemeint , sie wollte in ihrem letzten Willen bestimmen , daß sie sich angehören sollten , die beiden , für das Leben . Das sollte die Rache sein für ihr gebrochenes Glück . Und sie , sie – welch ein Abgrund von Schlechtigkeit mußte dieses Geschöpf in sich bergen , das auch jetzt noch den Himmel anrief als Zeugen seiner Unschuld ! Eine wahnsinnige , erstickende Angst legte sich auf ihre schmerzende Brust . Ihr Gemahl kam eben wieder herein , er trat an das Fußende des Bettes und blickte sie seltsam forschend an . Klaudine , die sich gewaltsam gefaßt hatte , trug ein Glas in der Hand . » Trinke , Elisabeth « , bat sie , während sie sich niederbeugte und ihren Arm unter den Kopf der Kranken schob . » Trinke , dir ist so heiß . Es sind die Tropfen , die dir immer so gut bekommen . « Bewegungslos lag die Herzogin , mit fest zusammengepreßten Lippen . Ihre großen Augen hingen mit unheimlicher Starrheit an dem blassen Gesicht des Mädchens und wanderten zu ihrem Gatten hinüber . Das Glas in Klaudines Hand begann zu zittern . » Oh , trinke doch ! « bat sie mit versagender Stimme . Dann ein schriller Aufschrei , und das Glas ward aus Klaudines Hand geschleudert . » Gift ! « schrie die Herzogin gellend und richtete sich im Bette hoch mit dem Ausdruck einer Wahnwitzigen , die Hände verzweiflungsvoll ausgestreckt . » Gift ! Hilfe ! Geht es euch denn noch nicht schnell genug ? « Dann sank sie erschöpft zurück und ein erneuter Blutstrahl überschwemmte das weiße Gewand und das Bett . Klaudine , die in die Knie gesunken war , sprang empor . Auch sie sah aus wie eine Irrsinnige . Mit übermenschlicher Kraft nahm sie sich zusammen , ging zur Glocke und half dann die Kranke emporrichten und an die Brust des Herzogs lehnen , in dessen bleichem Gesicht eine tiefe Erschütterung sich ausprägte . » Liesel « , murmelte er , » aber Liesel – großer Gott ! « Sie lag mit geschlossenen Augen wie eine Sterbende . Und nun ward es lebendig im Zimmer . Mit besorgter Miene stand der alte Medizinalrat vor der Patientin , dann sah er nach der Uhr , fühlte den matten Pulsschlag und schüttelte den Kopf . » Um neun Uhr kann er hier sein , Hoheit « , flüsterte er der weinenden Herzoginmutter zu , » doch bis dahin nur Ruhe , Ruhe , keine Angst zeigen . Es ist am besten , Hoheit bleiben in der gewohnten Umgebung . Ich werde mich einstweilen im Nebenzimmer aufhalten . » Klaudine ! « flüsterte die Kranke , » Klaudine ! « Die Herzoginmutter sah sich nach der Gerufenen um . Sie war verschwunden . In ihrer Angst ging die alte Dame auf den Korridor hinaus und fragte nach dem Zimmer des Fräuleins von Gerold . Aber die Tür war verschlossen und drinnen regte sich nichts . Klaudine war in ihrer Stube zusammengebrochen . Einen klaren Gedanken hatte sie nicht mehr . Dahin war es gekommen , dahin ! Die Welt hielt sie für eine Gesunkene , für die Geliebte des Herzogs , sein eigenes Weib starb in diesem Wahne ! Oh , diese törichte Vermessenheit ihres wahnsinnigen Stolzes ! Und wenn sie die Sterne vom Himmel herunterholen könnte als Zeugen ihrer Reinheit , niemand würde ihr glauben , niemand , die Sterbende nicht und die Lebenden nicht , und jener eine nicht , den sie zurückstieß , als er sie warnte ! Gott allein wußte es , aber Gott tut keine Wunder mehr . Verloren ! Verloren ! Der Schandfleck ihrer Familie war sie geworden , das ganze Land würde mit Fingern auf sie weisen : » Seht , seht , das ist die , um derentwillen unserer armen Fürstin das Herz brach ! « Wer sollte sie retten ? Der Herzog ? Er konnte nicht für sie in die Schranken treten , sie hätten alle getan , als ob sie ihm glaubten , und hätten gelacht hinterher . Wenn sie sterben könnte ! Sie nähme damit den Schimpf nicht von sich , aber sie wäre doch tot , sie würde nichts mehr fühlen . Der kleine Weiher dort unten im Park . – Es ist so still dort und so kühl – so kühl . Dort fände man sie dann vielleicht , und die Menschen würden sagen : » Sie hatte doch noch Ehrgefühl , diese Klaudine , sie konnte nicht leben mit der Schuld auf dem Herzen ! « Und nur einer vielleicht würde sprechen , wenn er an den Sarg trat : » Meine Schwester , mein reiner , stolzer Liebling , ich glaube an dich ! « Und dort drüben in Neuhaus würde ein kleines , dunkles Mädchen seinen Kopf an die Schulter des schönen Mannes schmiegen und eine süße Stimme würde sagen : » Was geht es mich an , Lothar , daß eine deines Stammes auf den Namen Gerold Schande häufte ? Vergiß es , ich liebe dich dennoch ! « Ein paar harte Schläge an die Tür ließen sie emporfahren . » Fräulein von Gerold « , rief die spitze Stimme des Fräuleins von Bohlen , » die Herzoginmutter erwartet Sie ! « Mechanisch schritt sie hinaus , vergessend , daß ihr das Haar gelöst auf den Rücken herabhing und die goldigen Strähne ihr über die Stirn fielen , vergessend , daß sie nur in dem losen Hauskleide war . Wie eine Irre trat sie ein in das noch nicht erhellte Gemach , auf dessen bunten Teppich der Mondschein in zwei breiten schimmernden Streifen lag . » Klaudinel « klang es mild vom Fenster her . Sie kam herüber und verneigte sich . » Setzen Sie sich , Klaudine . « Aber sie machte keine Bewegung , sie blieb wie gelähmt . » Die Herzogin stirbt ? « fragte sie heiser . » Es steht in Gottes Hand , Klaudine . « » Oh , durch mich , durch mich ! « murmelte das Mädchen . Die Herzogin antwortete nicht . » Ich habe eine Frage an Sie zu richten « , begann die alte Dame endlich , » sie ist so seltsam in dieser Stunde , Klaudine , wo der Todesengel vor der Pforte des Hauses steht , aber der , für den ich fragen soll , hat mir zur Pflicht gemacht , es gleich zu tun . Baron Gerold bittet Sie , Klaudine , seinem verwaisten Kinde die Mutter , ihm die Gattin ersetzen zu wollen . « » Hoheit ! « schrie Klaudine auf . Sie trat einen Schritt zurück und stützte sich schwer auf den Marmorsims des Spiegels . » Ich danke « , sagte sie dann , » ich verlange kein Opfer von ihm . « » Gut ! « erwiderte die alte Hoheit streng . » Sie hatten es jetzt in der Hand , mit einem Schlage alle Lästerzungen verstummen zu lassen , Sie hatten es in der Hand , ein entfliehendes Leben für kurze Zeit zu erhalten , damit es in Frieden scheiden konnte . « » Hoheit ! « stöhnte Klaudine . » Meine arme , unglückliche Tochter ! « seufzte die Fürstin . » Hoheit , mein Leben für die Herzogin « , flehte das Mädchen , » nur diese Demütigung nicht ! « » Ihr Leben ? Nun , das sagt sich ja leicht , Klaudine – « » Oh , daß ich es beweisen dürfte ! « rief sie dann und trat mit gefalteten Händen vor den Stuhl der Fürstin . Sie stand in dem vollen Mondesstrahl , und der zeigte die halberloschenen Augen , das ganze verzweiflungsvolle Bild des Mädchens . Die Herzogin erschrak . » Klaudine ! Aber Klaudine ! « sagte sie begütigend . » Glauben Hoheit denn wirklich , daß ich eine Ehrlose bin ? « fragte sie . » Nein , mein Kind , denn eine solche würde Baron Ge- rold nicht zum Weibe begehren ! « Sie wich zurück . » Darum , nur darum ! « stammelte sie . » Es ist mir sehr schwer geworden , dem Geflüster Glauben zu schenken « , fuhr die Herzogin fort . » Aber , Kind , ich kenne das Leben , ich kenne meinen heißblütigen Sohn , kenne seine Macht über die Herzen der Frauen – und dich , die du vor ihm geflohen , dich weiß ich plötzlich täglich in seiner Nähe ! Kind , Kind , ich glaube es dir , daß du nur die Freundin der Herzogin bist , aber du hast dich vermessen , freventlich mit deinem Ruf zu spielen , du hast nicht verstanden , den Schein zu meiden , und darum erfasse die Hand , die sich dir entgegenstreckt « , setzte die Herzogin dringend hinzu . » Keiner wird es wagen , zu behaupten , daß Lothar von Gerold ein Weib an sein Herz zieht , das nicht rein ist wie die Sonne . Und mein Sohn – niemals würde sein Blick wieder diejenige suchen , die eines anderen Eigentum ist . « » Ich bin fassungslos , Hoheit « , sagte Klaudine . » Du mußt dich fassen , mein Kind , er wartet unten in Bangen und Hoffen . « » Hoheit « , bat Klaudine , » er liebt mich nicht – es ist ein Opfer , das er der Ehre unseres Namens bringt . Ich kann es nicht annehmen . Haben Hoheit Erbarmung mit mir ! « » So bringt ein Opfer ! « rief die Fürstin , gereizt durch den Widerspruch . » Ist es die Ehre nicht wert , ein Opfer zu bringen ? Ist es die nicht wert , die dort drüben mit dem Tode ringt ? « » Hoheit « , flüsterte Klaudine , und ein Gedanke flog durch ihr gemartertes Hirn , » ich will mit Baron Gerold sprechen . « Die Herzogin hatte Erbarmen mit dem verzweifelten Mädchen . » Beruhige dich , dann mag er kommen « , sprach sie mild und führte die Zitternde zu einem Sessel . » Der Herr Medizinalrat ! « sagte Fräulein von Bohlen eintretend . Ihr auf dem Fuße folgte die kleine Gestalt des Arztes . » Hoheit verzeihen mein ungestümes Eindringen « , begann er hastig . » Ich erachte es jedoch für Pflicht , Eurer Hoheit mitzuteilen , daß die erlauchte Kranke sich in größter Lebensgefahr befindet . Hoheit sind durch den Blutverlust vollständig erschöpft , bis auf den Tod . Professor Thalheim schlägt eine Transfusion vor , ich bin nicht abgeneigt , man soll nichts unversucht lassen . Seine Hoheit ist entschlossen , das erforderliche Blut zu geben , jedoch – da es immerhin keine gleichgültige Operation ist – sie kann Folgen haben , die das Leben gefährden , wie Blutvergiftung und dergleichen – so müssen wir von der Person Seiner Hoheit absehen , da auch das Hausgesetz ausdrücklich – « Er stockte . Klaudine war von dem Sessel emporgesprungen und streckte die Hand gegen ihn aus . » Herr Medizinalrat , ich bitte , diejenige sein zu dürfen , die – « » Sie ? « fragte der alte Herr und schaute verwundert in das blasse Mädchengesicht , aus dessen bewegten Zügen ein inniges Flehen sprach , » wahrhaftig , Fräulein von Gerold ? Nun , dann kommen Sie , aber rasch ! Wir haben keine Zeit zu verlieren . Doch – halt – meine Gnädige , ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam , daß wir Ihnen die Pulsader öffnen müssen . « » Ach , lieber Herr Doktor ! « sagte Klaudine mit einem Achselzucken , das bedeutete : wenn es weiter nichts ist ! Und sie eilte ihm voraus , in der Angst , ein anderer könne ihr zuvorkommen . Die alte Hoheit hatte kaum recht verstanden . Transfusion ? Was ist die Transfusion ? Als sie in das Vorzimmer der jungen Herzogin trat , waren die Ärzte bereits um die Kranke beschäftigt . Vor Klaudine stand eine Krankenschwester , die den Ärmel von des Mädchens weißem Kleide zurückstreifte . Die alte Dame legte ihrem Sohne die Hand auf die Schulter . » Adalbert « , fragte sie leise , » Adalbert , was ist das eigentlich ? Der Medizinalrat sagte , sie schneiden ihr die Pulsader auf , um ihr Blut in Lisels Adern zu leiten ? Er nickte zerstreut und wandte kein Auge von dem traurig lächelnden Mädchenantlitz . » Um Gottes willen , Adalbert « , fuhr die alte Hoheit fort , » sollen wir erlauben , daß Fräulein von Gerold – es scheint doch eine gefährliche Sache – « Jetzt sah er sie groß an . » Nicht wahr « , fragte er leise und bitter , » das erfordert etwas mehr Mut , als dazu gehört , aus sicherem Versteck den Pfeil zu schleudern , der ein armes Weib tödlich verwundet oder den Ruf eines schuldlosen Mädchens in den Kot zieht ? Ich kann es nicht verhindern , daß sie sich zu diesem Opfer versteht « , sprach er achselzuckend weiter , » ich am allerwenigsten . Man könnte ja sonst sagen , ich sei mehr für ihr Leben besorgt , als für das meiner Gemahlin . « Die Schwester schloß jetzt die Vorhänge , nur Klaudines weiße schöne Gestalt sah man noch einen Augenblick inmitten des Zimmers . » Von Arm zu Arm , Kollege « , klang eben des Professors Stimme , » es ist sicherer . « Aber der Herzog sah und hörte es nicht mehr , er hatte schon das Zimmer verlassen . Er durchmaß in furchtbarer Erregung das Zimmer der Herzogin , das nämliche , in welchem er Klaudine von seiner Neigung gesprochen . Er hätte Jahre seines Lebens in diesem Augenblick gegeben , um jene Stunde ungeschehen zu machen . » Armes Mädchen , armes Weib ! « Das hatte er nicht gewollt ! Er hatte nach diesem Glück gestrebt mit dem Verlangen eines Menschen , der gewohnt ist zu siegen . Für die schöne Hofdame seiner Mutter hatte er eine aufrichtige starke Neigung gefühlt , sie wies ihn zurück , und er ließ sich zurückweisen . Zum erstenmal beugte er sich vor einem charaktervollen Weibe , und sein Vergehen wurde zum Verhängnis . Wer um Gottes willen mochte Klaudine bei der Herzogin verleumdet haben ? Über die Stirn Seiner Hoheit rann kalter Angstschweiß . » Nur noch so viel Frist « , sagte er halblaut , » um ihr alles zu erklären , nur so viel , daß sie nicht sterben muß in dem Glauben , ich sei schuldig . « Sie hatte ihn vergöttert trotz aller seiner Fehler , trotz aller Kälte , aller Gleichgültigkeit . Er glaubte ihre Augen auf sich gerichtet zu sehen mit dem alten innigen Leuchten , von dem er so oft ungeduldig den Blick gewandt . Sie hatte immer so still dahingelebt , so dankbar für jeden Liebesbrocken , den er ihr zuwarf , so selig über ein zärtliches Wort , so bescheiden in ihren Ansprüchen . Ihre kleinen Fehler , ihre Schwächen , wie gering erschienen sie ihm in dieser Stunde ! Er stand am Fenster still und dachte an den Tag heute vor elf Jahren . Auch damals hatte man um ihr Leben gebangt , Er sah sich an ihrem Lager , an der Wiege seines Erstgeborenen , sie hatte so blaß dagelegen , nur ihre Augen hatten gestrahlt , trotz aller Mattigkeit hatte sie so stolz gelächelt . Er hatte damals nur kurze Dankesworte gehabt für sie , sein ganzes Interesse war dem Kinde zugeflogen , dem Erben . Sie hatte ja nur ihre Pflicht erfüllt . Er lehnte plötzlich den Kopf an die Scheiben und wischte sich heimlich über die Augen . Wollte man noch nicht berichten , wie es dort drüben stand ? Das ganze Schloß lag wie unter einem unheimlichen Banne . Auf den Gängen brannten die Lampen trübe und standen die Diener mit verstörten Gesichtern , unten saßen die Herren des Hofes beisammen , aber sie sprachen nur flüsternd miteinander . In den Räumen der fürstlichen Kinder blickten sich die Erzieherin und die Wärterin des kleinen Prinzen traurig in die Augen und im Erdgeschoß wisperte die Dienerschaft und erzählte sich grausige Geschichten . Alle wußten , daß noch ein letzter Versuch unternommen wurde zur Rettung der Kranken , der Name des Fräuleins von Gerold war in aller Munde . In Herrn von Palmers Zimmer saß Frau von Berg . Sie war von der durchlauchtigsten Mama geschickt worden , die Prinzessin zu holen . Da hatte sie denn die Gelegenheit benutzt , dem Freunde » Guten Abend « zu bieten , nach dem Stand der Dinge zu fragen und zu vermelden , daß der Baron in Gegenwart der Prinzeß Thekla bei der Herzoginmutter um seine Cousine angehalten habe . Die schöne Frau war einfach fassungslos . » Wenn ich nur die Prinzeß erst glücklich im Wagen hätte ! « klagte sie in dem Gemache auf und ab schreitend , während Herr von Palmer sich nervös im Schaukelstuhl wiegte , » sie macht noch die größten Tollheiten in ihren Bußanwandlungen . « Ja , die Prinzessin , wo war die Prinzessin ? Die alte Leinenschließerin hatte die weiße Frau gesehen . Es war die kleine Prinzeß gewesen ; und daß sie so schwer und gebückt ging , das machte die Seelenangst bei der Nachricht , daß es mit Ihrer Hoheit zum Sterben komme und daß auch Fräulein von Gerold in Gefahr sei . Sie hatte es den abgerissenen Worten der alten Kammerfrau entnommen , als sie aus dem Garten zurückkehrte , in den die Angst sie getrieben , weit , weit dort unten , wo man nichts mehr sah vom Schlosse , in welches das Unglück eingezogen war durch ihre Schuld . Als sie dann mit wankenden Schritten in eins der Gemächer der Herzogin hinging , da hatte der Herzog am Fenster gestanden , und als er sich umwendete , hatte sie in der trüben spärlichen Beleuchtung auf dem schönen , sonst so kühlen , unbewegten Gesichte desselben eine tiefe Erschütterung gesehen , und an den Augen Tränenspuren . Das war mehr , als sie ertragen konnte ! In undeutlicher , verworrener Weise , fast schreiend , klagte sie sich an und gestand alles , indem sie vor ihm auf den Knien lag , seine Hand in der ihren . Er unterbrach sie mit keinem Worte , er tat nur eine Frage , als sie erschöpft schwieg . » Den Brief , Helene ? Wie , um Gottes willen , kamen Sie zu dem einzigen Brief , den ich je an Klaudine geschrieben und der offenbar von der Herzogin völlig falsch verstanden worden ist ? « » Hoheit baten darin , daß Klaudine trotzdem eine Freundin Ihrer Gemahlin bleiben sollte . « » Trotzdem ich Fräulein von Gerold beleidigt hatte – allerdings ! « » Vetter , Vetter , bestrafen Sie mich ! « rief die Prinzessin außer sich , » sagen Sie , was ich tun soll , um wieder gutzumachen – « Er zuckte die Schultern . » Wie kamen Sie zu dem Briefe ? « » Frau von Berg – « stammelte die Prinzessin und sank wie gebrochen zusammen . Der Herzog hob sie empor und geleitete sie zum nächsten Sessel . Dann wandte er sich kurz ab und verließ das Zimmer . 25. Die Operation war vorüber . Die Herzogin hatte Farbe bekommen und ihr Puls schlug kräftiger . Das gesunde Lebensblut Klaudines schien ihr neue , frische Kraft verliehen zu haben , es war wie ein Wunder . Sie lag sanft schlafend , wahrend in das geöffnete Fenster der duftige Hauch der Sommernacht wehte und eine tiefe Stille in dem Gemach herrschte . Regungslos saß die Schwester im Schatten des Bettvorhanges , so daß man nur die sanften regelmäßigen Atemzüge der Kranken hörte . Klaudine stand in ihrem Zimmer mit verbundenem Arm . Sie fühlte sich matt . Das war aber nicht allein die Folge des fehlenden Blutes , die ganze Aufregung des Tages machte sich geltend . Ihre Füße wollten sie kaum noch tragen , und dennoch wies sie mit einer an Eigensinn grenzenden Hartnäckigkeit die Aufforderung , sich zu legen , zurück . Sie habe noch mit Baron Gerold zu sprechen , sagte sie , und wünsche dann sofort nach Hause zu fahren . Die alte Herzogin , die ihr vom Bette Ihrer Hoheit in überströmendem Dankgefühl nachgefolgt war , bat wie eine besorgte Mutter , doch heute von dieser Unterredung abzusehen , nach der Operation müsse sie sich schonen , allein Klaudine blieb bei ihrem Verlangen . » Ich tue nichts halb ! « erklärte sie mit ungewöhnlicher Ruhe . Der Professor , den man zu Hilfe rief , wurde fast unangenehm . » Gut « , sagte der durch sein strenges Wesen bekannte Herr , » so mag denn diese Unterredung stattfinden , aber die Fahrt muß unterbleiben . Und nun trinken Sie ein Glas Wein ! « Er hielt ihr mit einer Miene , die keinen Widerspruch zuließ , das Glas an die Lippen . Widerstrebend nippte sie ein wenig . Als sie aber Schritte auf dem Flur hörte , wandte sie das Antlitz der alten Herzogin zu : » Hoheit wollen mir gestatten , allein mit meinem Vetter zu reden ! « Die alte Hoheit zog sich kopfschüttelnd und betrübt zurück . Frau von Katzenstein und der Professor folgten ihr . » Alles Glück mit Ihnen , lieber Baron « , flüsterte die Herzogin draußen dem blassen Manne zu , der sie beim Vorübergehen mit einer tiefen Verbeugung grüßte . Fast ungestüm trat er ein . Er war zuletzt ruhelos im Parke umhergewandert , wo ihn der suchende Diener gefunden hatte . Seine erschreckten Blicke fielen auf die Binde , in der Klaudines Arm hing , auf das lose weite Morgenkleid , auf die halbgelösten Haare und das farblose , entstellte Gesicht des schönen Mädchens . Was ging hier vor ? fragten seine Augen , aber über seine Lippen kam kein Wort , er deutete nur stumm auf den Verband am Arme . » Eine Kleinigkeit « , erwiderte sie , indem sie auf einen Stuhl wies , » nichts weiter als eine winzige Wunde , entstanden durch das Instrument des Arztes , der etwas Blut für die Herzogin brauchte . Kommen wir nun zur Sache , Baron ! « » Und das sagen Sie , als ob es so gar nichts wäre ? « rief er außer sich . » Wissen Sie , daß das gleichbedeutend sein kann mit dem Tode ? « » Sie vergessen , daß eine Autorität die Operation leitete , und – wenn auch – « » Sie haben freilich auch so gar niemand auf der Welt , dem Sie Schmerz bereiten würden , keinen , den Sie vorher fragen mußten : › Darf ich es tun ? Habe ich das Recht , meine Gesundheit , möglicherweise mein Leben , aufs Spiel zu setzen ? ‹ « » Doch « , erwiderte sie , » einen habe ich – Joachim – aber es war keine Zeit dazu . « » Joachim ! « wiederholte er mit der nämlichen Bitterkeit . » Ich , der ich eben um Ihr Leben gebeten hatte für mich , für mein Kind , ich war Ihnen keines Gedankens wert ! « Ihr war es plötzlich , als erfasse sie ein Schwindel , und sie ließ sich erschöpft in den Sessel nieder , neben dem sie gestanden hatte . » Ich wollte ja mit Ihnen darüber reden « , begann sie wieder und sah an ihm vorbei , » ich versprach es der Herzoginmutter . Es soll nicht lange dauern . Sie sind so unsagbar großmütig , Vetter – ich weiß in der Tat nicht , wie ich Ihnen danken soll . Ich könnte es eigentlich nur , indem ich Ihre Großmut zurückweise und – « Er stand unbeweglich und sah sie an . » Und das würde heißen « , fuhr sie fort , » ein Mittel zurückweisen , welches einer Schwerkranken das Leben etwas verlängern könnte . So sagt die Herzoginmutter . Ich darf es also nicht . Vergeben Sie mir ! Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag : verlobt sein , heißt nicht verheiratet sein . Wenn die Herzogin genesen sollte , so – so gehen wir auseinander , wenn sie sterben sollte – natürlich ebenfalls , es gilt ja nur ein Beruhigungsmittel , es ist ein wenig gewaltsam , ich weiß , aber – eine Verlobung ist nur ein Versprechen , und bekanntlich werden nicht alle Versprechen gehalten . Gott weiß , wie oft es geschehen mag , daß zwei sich trennen vor der Ehe , es ist keine Schande – ich – ich – « Sie hatte rasch und immer rascher gesprochen . Jetzt lehnte der blonde Kopf schwach und mit geschlossenen Augen an den Polstern . Er war näher getreten , in seinem Gesichte zuckte es seltsam . » Ich « , begann sie wieder , » ich werde nicht fort können von hier , aber Sie , Lothar , Sie sind frei . Sie finden nach der leider nicht zu umgehenden Veröffentlichung der Verlobung leicht einen Grund , um in irgendeinen fernen Weltwinkel zu gehen , bis – « und sie richtete sich plötzlich empor – » ich spreche dies nicht für mich , bei Gott nicht ! Was liegt an mir ? Mein reines Gewissen genügt mir vollkommen – aber die Ärmste dort drüben – begreifen Sie , Lothar ? « » Wir sollen also ein wenig Komödie spielen ? « fragte er . » Nicht lange ! Nicht lange ! « flüsterte sie , während ihre Augen ihn , wie um Verzeihung bittend , ansahen . Er ergriff plötzlich ihre Rechte mit einer ungestümen leidenschaftlichen Bewegung . » Es sei « , sagte er , » aber Sie sind krank , und vor allem , ehe die Komödie beginnt – « » Lassen Sie sie gleich beginnen « , bat sie , » gehen Sie zur Herzoginmutter und melden Sie , daß ich Ihnen mein Jawort gab . Indessen rüste ich mich zur Heimfahrt . Ich bin so müde , so sterbensmüde . « » Ich werde gehen « , sagte er ruhig , » und Sie werden sich legen , Sie werden nicht nach Hause fahren . « » Ich werde es doch ! « rief sie heftig , » vergessen Sie nicht , daß es eben nur eine Komödie ist , daß Sie sowohl wie ich unseren eigenen Willen vollkommen behalten ! « Er bezwang sich und ging . Klaudine starrte ihm nach wie im Traume . Sie fühlte ihre Kräfte schwinden , fühlte sich so schwach und gedemütigt ! Am liebsten hätte sie sich den Verband vom Arme gerissen und ihr Leben mit dem Blute dahinfließen lassen . Es ward ihr so sonderbar mit einemmal vor Augen , so rot wie Blut , so schwebend und so wogend , als ob ihr Stuhl zu wanken beginne . Sie wollte sich an der Lehne festhalten und griff in die Luft . » Halt ein ! « flüsterte sie , aber in rasendem Wirbel drehte es sich um sie , sie fühlte sich wie hochgehoben , dann empfand sie nichts mehr . Die Schwester , die auf Befehl des Arztes hinübergeschlichen war , fand Klaudine bewußtlos . Mit der lautlosen Sorgfalt ihres Berufes holte sie Hilfe und legte die Ohnmächtige auf den Liegestuhl , wo sie bald wieder zu sich kam . » Es ist nur Erschöpfung , Herr Baron « , sagte der Medizinalrat , den Lothar geholt hatte . » Nichts weiter . Lassen Sie die Kranke ganz ungestört , morgen wird sie wohl und frisch sein . Ich bitte Sie , bei solcher Jugend und Kraft ! Fahren Sie ruhig nach Neuhaus , lieber Baron ! « Herr von Gerald schärfte der Kammerjungfer ein , die Schwester zu rufen , falls ihr bei