der heiligen Jungfrau sei mit Euch , mein Freund , « antwortete eine Stimme , die mir das Blut in den Adern gleichsam zu Eis erstarrte , denn an seiner Redeweise und seinem Organ hätte ich Bernhard unter Tausenden herauserkannt . » Ich glaubte schon , der Herr Kaplan hätten mein Zeichen nicht bemerkt , und in ' s Haus hineinzugehen , haben der Herr Kaplan mir untersagt , « versetzte Andres in vertraulichem Tone . » Etwas Wichtiges muß es jedenfalls sein , guter Freund , « bemerkte Bernhard , den in Andres ' Worten enthaltenen Vorwurf nicht beachtend , » oder Ihr würdet Euch und mir die späte Störung erspart haben . Aber es schadet nicht ; es war ohnehin meine Absicht , heute Abend noch in Eurer Hütte vorzusprechen . « » Wichtig genug , Herr Kaplan , um den Lohn für meine Dienste noch um ein gutes Stückchen zu erhöhen , « erwiderte Anders zuversichtlich . » Und wollt Ihr , ein so guter Katholik , jeden der Kirche geleisteten Dienst noch besonders bezahlt haben ? « fragte Bernhard vorwurfsvoll , » denkt Ihr nicht daran , daß Ihr durch dergleichen gute Handlungen Euren Schutzpatron dazu bewegt , Fürbitte für Euch einzulegen und dadurch der Euch zuerkannte Aufenthalt im Fegefeuer beträchtlich ermäßigt wird ? « » Das ist Alles recht gut , Herr Kaplan , was helfen mir aber Fürbitten , wenn ich auf Erden wie ein Hund leben muß ? Die Zeiten sind schlecht , die Lebensmittel theuer , und ich habe eine alte Mutter und einen armen unglücklichen Bruder zu ernähren . « » Beruhigt Euch , mein Freund , « lenkte Bernhard ein , » jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth , und Ihr sollt keinen Grund haben , Euch über die Undankbarkeit der Kirche zu beklagen ; aber sagt jetzt , was ist es , das Ihr mir mitzutheilen habt ? « » Was sollte es sein , Herr Kaplan ? Er ist wieder los . « » Wer ist los , mein guter Freund ? « » Nun , wer anders , als der Student Wandel , der abgesetzte Bräutigam vom Fräulein auf der Oberförster . « » O , darum hättet Ihr Euch nicht hierher zu bemühen brauchen , mein lieber Freund , ich wußte es bereits vor vierzehn Tagen aus den Zeitungen . Er wird steckbrieflich verfolgt , und hoffentlich gelingt es den Behörden , den gefährlichen Menschen wieder einzusaugen , oder es gelingt ihm , die Grenze zu erreichen und das Vaterland von seiner gefährlichen Person zu befreien . « » Das mögen der Herr Kaplan freilich gewußt haben , « entgegnete Andres höhnisch , » aber daß er hier ist , haben Sie ganz gewiß noch nicht erfahren . « » Er ist hier ? « fragte Bernhard verwundert , obgleich er diese Nachricht schon längst errathen haben mußte . » Ja er ist hier und ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen – « Was die Beiden weiter sprachen , ging mir verloren , denn bei dem letzten Theil ihrer Unterhaltung hatten sie sich , um sich der Kälte zu erwehren , bereits wieder auf die Oberförstern zu in Bewegung gesetzt , und nur noch , als undeutliches Murmeln drangen ihre Stimmen zu mir herüber . Ich hatte indessen genug gehört ; meine Sinne schienen mich verlassen zu wollen , und erfüllt von grenzenloser Wuth und Verachtung und von Furcht für Johanna preßte ich mein Antlitz in den Rasen . » Mein Gott , mein Gott , ist es denn möglich , kannst Du es zugeben , daß unter dem Mantel des Allerheiligsten die gräßlichsten Schandthaten ausgeübt weiden ? « stöhnte ich verzweiflungsvoll . Da brachte Anton mich wieder zur Besinnung , indem er mir zuraunte , daß sie umgekehrt seien und zurück kämen . Mein Schmerz verstummte bei dieser Kunde fast augenblicklich , und mit den Gefühlen eines Tigers , wenn er auf seine Beute lauert , lehnte ich mich noch weiter über den Rand des Grabens , um so viel , wie nur irgend möglich , von der Unterhaltung der beiden schurkischen Genossen zu erfahren . Längere Zeit dauerte es , bis mir ihre Worte verständlich wurden , denn sie gingen nicht nur langsam , sondern im Eifer des Gesprächs blieben sie zuweilen auch ganz stehen . » Ein schönerer Lohn , als das Geld , ist das Bewußtsein , eine der ewigen Verdammniß anheimgefallene Seele gerettet zu haben , « unterschied ich endlich wieder , » und Ihr , mein Freund , dürft Euch rühmen , daß Ihr das Eurige redlich mit zu dem Gott gefälligen Werke beitrugt ; glaubt mir , manche andere Sünde wird Euch deshalb nicht angerechnet werden . « » Und wäre der Lohn noch zehnmal schöner , Herr Kaplan , es ist gegen meine Natur , mich zu einer Arbeit herzugeben , ohne dafür in klingender Münze bezahlt zu weiden . Gebt mir Etwas auf Abschlag , und ich verspreche Euch , der Student soll sich nicht auf eine halbe Meile im Umkreis blicken lassen , ohne von mir gefaßt und nach dem nächsten Gericht transportirt zu werden . « » Die Nachbarschaft der Oberförsterei muß am schärfsten bewacht weiden , « mein guter Freund , » denn es steht zu erwarten , daß er Alles aufbieten wird , eine Zusammenkunft mit dem Herrn Oberstlieutenant zu erlangen . « » Ich denke , der Oberförster will nichts mehr mit ihm zu thun haben ? « » Das bietet keine genügende Sicherheit . Fragt indessen nicht weiter , lieber Freund , sondern gewöhnt Euch daran , vertrauensvoll nur das zu thun , was Euch Gott und die Heiligen durch den Mund ihrer geweihten Diener zu thun heißen , und schon in dieser Well dürft Ihr auf einen entsprechend glänzenden Lohn rechnen . « » Hm , das ließe sich eher hören , « erwiderte Andres brutal . » Euer unglücklicher Bruder ist also nicht zu Hause ? « fragte Bernhard darauf sinnend . » Nein , das arme Geschöpf hat keine Ruhe zu Hause ; heute schon in aller Frühe hat er sich wieder davon gemacht ; es ist nicht seine Schuld , aber er bereitet meiner Mutter und mir doch sehr viel Kummer und Sorgen . Doch warum meinen der Herr Kaplan ? « » Weil ich heute Abend noch von einem Amtsbruder in Eurer Hülle erwartet werde und nicht wünsche , daß Euer armer Bruder in seiner Einsalt darüber spricht . « » Vielleicht der ehrwürdige Vater Sebastian ? « » Derselbe ; wir wollen noch gemeinschaftlich einen Besuch auf der Oberförsterei machen , und um auch mit Euch über – « Was weiter folgte , erstarb wieder in einem undeutlichen Gemurmel . Ich verhielt mich so lange ruhig , bis ich die beiden Verbündeten weiter unterhalb über den Graben springen hörte , und dann Anton ein Zeichen gebend , forderte ich ihn auf , mir nach der Oberförstern hin voranzugehen . Wir wechselten kein Wort mehr mit einander ; ich bewegte mich wie ein Schlaftrunkener dahin , jeder Gedanke an eine Gefahr für mich war verschwunden ; ich hegte nur noch den einen heißen Wunsch , die einzige Hoffnung , Johanna zu sehen , zu sprechen und zu warnen , und hätte ich dafür in der nächsten Stunde in den Kerker zurückgeschleppt werden sollen . Auch Anton beobachtete ein dumpfes Schweigen . Einige Aeußerungen seines Bruders und Bernhard ' s hatte er , trotzdem er so tief lag , verstanden , und instinctartig herausfühlend , daß es sich um verderbliche Anschläge handle , bemühte er sich , das , was er gehört , in Zusammenhang zu bringen und auf seine Art zu deuten . Kurz vor der Oberförsterei bogen wir von der Straße ab und auf einem Umweg gelangten wir in den Garten . Wohl hatten uns die Hunde bemerkt , wohl hatten sie laut angeschlagen und wohl eilten sie freudig auf uns zu , sobald sie uns erkannten , allein enttäuscht begaben sie sich auf ihre warmen Lager zurück , als ihnen kein Wort des Willkommens , keine einzige Liebkosung zu Theil wurde . Meine Blicke waren auf das Haus gerichtet ; ich betrachtete das erleuchtete Fenster , hinter welchem ich meinen alten , würdigen Vormund wußte , und das Herz klopfte mir , als ob es hätte zerspringen wollen . Er ahnte nicht , wie nah ich ihm sei . Als aber endlich die Rückseite des Hauses vor mir lag und Anton , auf zwei matt erhellte Fenster deutend , mir leise sagte , daß dort Johanna sich aufhalte , mußte ich mich auf den feuchten Boden niedersehen , um nach Fassung zu ringen und mir heilig zu geloben , mich nicht von meinen Gefühlen fortreißen zu lassen und durch eine plötzliche Störung das Leben des armen duldenden Engels zu gefährden . Leise schlichen wir an das nächste Fenster heran . Eine Lampe brannte matt im Innern , und um einen Einblick von Außen zu erschweren , hatte man die durchsichtigen Gardinen niedergelassen . Es war dies ein Glück , denn ich durfte nunmehr , ohne Gefahr bemerkt zu werden , meine Stirne beinah an die Glasscheiben legen . Nach kurzem Zögern faßte ich mir ein Her ; und mich auf die Brüstung lehnend , blickte ich in das Gemach hinein . Todtenstille herrschte in demselben . Anfangs sah ich nur den Lichtschimmer ; denn alles Uebrige erschien durch die Gardinen wie mit einem Nebel überzogen ; doch je länger ich hinüber schaute , um so deutlicher traten die Formen der einzelnen Gegenstände hervor , bis endlich Alles , zwar verschleiert , aber erkennbar vor mir lag . Die Gattin meines Vormundes bemerkte ich zuerst ; sie saß auf einem niedrigen , rohrgeflochtenen Stuhl vor einem Tischchen , auf welchem eine grün verhangene Lampe brannte . In ihren Händen hielt sie ein Buch , in welchem sie eifrig las ; ihr Antlitz hatte sie halb abgewendet , doch wie ehemals thronte auch jetzt noch immer der freundliche , wohlwollende Ausdruck auf demselben , der sich so ansprechend mit einer tiefen , hingebenden Frömmigkeit paarte . Meine Augen rasteten indessen nicht lange auf ihr , unruhig forschte ich weiter , und mit den Blicken der Richtung folgend , in welcher die alte Dame von Zeit zu Zeit ihr etwas gesenktes Haupt emporhob , entdeckte ich endlich Johanna . – Der Athem stockte mir ; ein tiefes , unbeschreibliches Wehgefühl ergriff mich , und indem ich regungslos auf sie hinstarrte , fühlte ich , daß Thräne auf Thräne meinen Augen entrollte . » Ist das Johanna , oder ist es ein künstliches Gebilde aus Alabaster ? « fragte ich mich , indem meine Blicke , wie gebannt , auf der noch immer lieblichen Erscheinung hafteten . » Ist das meine Johanna ? Meine treue , jugendfrische Johanna , die vor zwölf Monaten ihr liebes Antlitz holdselig erröthend an meiner Brust verbarg und mit beseligendem Ausdruck mir ihre Gegenliebe gestand ? « Nein , das war nicht die Johanna von früher , und dennoch , dennoch war sie es , aber verändert , entsetzlich verändert . In einem Stuhl mit hoher Lehne saß sie da ; ein weißes Nachtkleid verhüllte ihren Oberkörper , während eine Decke über ihren Schooß ausgebreitet war . Das Haupt hatte sie zurückgelehnt , die milden , freundlichen Augen geschlossen , als ob sie schlummere . Keine Muskel des bleichen Antlitzes regte sich , und scharf hoben sich die schwarzen Wimpern und Brauen von der weihen Haut ab . Die dunklen , seidenen Locken hatten sich lang ausgereckt und sielen in Wellenlinien zu beiden Seilen von den Schläfen und den eingefallenen Wangen über ihre Brust hernieder , und ihre um ein kleines Crucifix gefalteten Hände ruhten nachlässig in ihrem Schooß . So saß sie regungslos da und ebenso regungslos starrte ich auf sie hin . Die leichten Tüllvorhänge hinderten mich nicht mehr , ich sah sie so deutlich , als ob ich vor ihr auf den Knieen gelegen hätte , und unbewußt , wie um sie nicht zu wecken , hielt ich den Athem an . Plötzlich hustete sie leise , die Oberförsterin blickte erschreckt zu ihr empor . » Johanna , mein Kind , wachst Du ? « fragte sie mit halblauter Stimme . Ein süßes Lächeln flog über die marmorbleichen Hüge der Angeredeten , dann schlug sie als Antwort die Augen auf , schloß sie aber gleich wieder . » Ich habe geträumt , meine liebe Tante , « sagte sie dann mit matter , aber noch immer melodischer Stimme , » ich sah meine Mutter und meinen Vater , meinen Vater , den ich im Leben nicht kennen gelernt habe . Sie winkten mich zu sich und sagten , daß Gott ihnen um meinetwillen vergeben habe . Der Geist meiner Mutter hat seine Gebeine aus den Fluchen des Rheins hervorgeholt , und ich habe Beide von der ewigen Verdammniß gerettet . « » Das hast Du , mein liebes , theures Kind , und Gott wird es Dir lohnen , « versetzte die Oberförstern , lief bewegt . » Ach , wenn mein guter Onkel doch ebenfalls zur Erkenntniß kommen und aus dem Pfade der Sünde umkehren wollte ; wie glücklich , wie selig wollte ich sein , mit all ' meinen Lieben dort oben zusammenzutreffen ! « » Bete für ihn , mein Kind , bete für ihn inbrünstig , wie ich schon seit vielen Jahren gethan , und glaube , Gott wird mit seiner Seele Erbarmen haben und , seiner übrigen vortrefflichen Eigenschaften wegen , ihm seine religiöse Verirrung nicht so hoch anrechnen . « Johanna ' s Lippen bewegten sich , offenbar im Gebet , worauf sie das Crucifix emporhob und es andächtig küßte . » Heilige Maria , Du schmerzensreiche Mutter des am Kreuze Gestorbenen , stehe mir bei ! « sagte sie dann laut und klar , jedoch ersichtlich mit großer Anstrengung , » stehe mir bei , in meinem Bestreben , die sündhaften Gedanken an das Irdische zu verscheuchen ! Heilige Jungfrau , sein Bild , so treu , so schön , so verführerisch , tritt mir immer wieder vor die Seele . Erbarme Dich meiner ; ich sehe ihn mit schweren Fesseln an den Händen , seine Augen wehmüthig auf mich gerichtet ! Heilige Jungfrau , Königin der heiligen Heerscharen , erweiche seinen Sinn , sein Herz ! Lenke ihn in seinen Handlungen , daß er in sich gehe und sich bekehre und mir die Hoffnung bleibt , ihn wenigstens im Himmel wieder zu sehen – der Gedanke an meine Vereinigung mit ihm , war ja so süß – so beseligend – « Ein heftiger Hustenanfall erstickte ihre Stimme . Die Oberförsterin stand auf und ordnete sorgfältig die Kissen , welche der armen Kranken hinter die Schultern geschoben worden waren ; ich aber rang die Hände verzweiflungsvoll , und wenn ich jemals in meinem Leben aus tiefstem Herzensgründe gebetet , dann geschah es in jenem Augenblick , als ich Gottes Strafgericht auf Diejenigen herabflehte , welche zu fluchwürdigen Zwecken kaltblütig einen Engel geopfert hatten . Wohl fragte ich mich , indem ich meine Blicke fest auf das theure , tief leidende Antlitz richtete , ob ich den Jammer verschuldet , doch mein Gewissen blieb ruhig , es klagte mich nicht an . Ich war leichtgläubig gewesen , mein aufflammender Enthusiasmus , mein Sinn für hochfliegende , phantastische Pläne , Alles war mit berechnender Bosheit schändlich mißbraucht worden , um zuerst mich und demnächst Johanna zu verderben , uns Beiden einen schrecklichen Untergang zu bereiten . O , wie brannte mir der Blick Bernhard ' s , den er mir einst an dem Mineralbrunnen zuschleuderte , jetzt plötzlich wieder in die Seele . Und ich hatte ihm getraut , dem Heuchler , der nur darauf ausging , mich aus dem Wege zu räumen , um desto leichteres Spiel bei der armen , schutzlosen Waise zu haben . Ja , ich fühlte es , er , nur er hatte Johanna die traurige Geschichte ihrer Eltern mitgetheilt ; er hatte sich als elendes Werkzeug des verbrecherischsten Fanatismus und persönlicher Rache , mit andern Worten , von Denjenigen benutzen lassen , die einst Johanna ' s Eltern in ' s Verderben stürzten . Indem er aber durch ein teuflisches Gewaltmittel Johanna ' s Gemüth für seine Lehren zugänglich machte und demnächst die Seelen längst Gestorbener angeblich aus der ewigen Verdammniß rettete , hatte er seine Aufgabe meisterhaft gelöst . So dachte ich , indem es immer klarer vor meinem Geiste wurde , und das Gebet , mein Flehen um Gnade für die heißgeliebte Dulderin verwandelte sich in den entsetzlichsten Fluch über ihre Verderber ! – Der Husten hatte nachgelassen , Johanna war erschöpft zurückgesunken , und vor ihr faß wieder die trauernde Pflegemutter , mit ergebungsvoller Theilnahme ihre zarte , hinfällige Schutzbefohlene betrachtend . Meine Augen waren jetzt trocken , aber sie brannten mir im Kopfe und der Schweiß rieselte mir von der Stirn ; ich achtete weder auf Anton , der mich geängstigt und entsetzt anstarrte , noch auf meines Vormundes Lieblingshund , der mir nachgeschlichen war und sich zutraulich zu meinen Füßen niederkauerte . Meine Blicke hafteten fest an dem lieben Engelsbilde , an den geschlossenen Augen , an den eingefallenen Wangen , welche die tödtliche Krankheit mit einem flüchtigen , dunkeln Purpur unheimlich geschmückt hatte . Ihre Lippen öffneten sich wieder , und noch dichter brachte ich meine heiße Stirn an die Fensterscheiben , um mir leinen Laut ihrer trauten Stimme entschlüpfen zu lassen . » Die Tochter ihres Vaters – o , wie sündhaft , an irdische Weissagungen zu glauben – er wird in sich gehen und sein Spiel nicht mehr mit der Vorsehung treiben . Ich war nicht dazu bestimmt , ihn glücklich zu machen , sondern die Sünden meiner Eltern zu sühnen . Welch beseligendes Gefühl : für Andere leiden zu dürfen ! Ach , wäre es mir doch vergönnt , auch seine Schuld auf mich zu nehmen und abzubüßen ! Tante , liebe theure Tante , was kann ich für ihn thun , um ihn auf den Weg des Seelenheils zurückzuführen ? Was in meinen Kräften lag , das ist geschehen ; ich gab meine geringe Habe hin , um ihn aus dem Kerker zu befreien , doch habe ich durch diese irdische Fürsorge die Ruhe meiner Seele noch nicht gewonnen . O , Tante , wenn es mir gelänge , ihn zu belehren , wie sollte die Hoffnung auf ein Wiedersehen vor Gottes Thron mein Gemüth erheben ! Aber er ist fern , er kennt meine Wünsche nicht , nicht mein heißes , inniges Flehen zu Gott und allen Heiligen . Er wird in der Welt umherirren freundlos und liebeleer , und endlich unvorbereitet in seinen Sünden dahinfahren . Armer , armer Gustav , was kann ich für Dich thun ! ? « » Bete für ihn , mein Kind ; vertraue auf die Gnade Gottes und die Fürsprache der Heiligen und bete für ihn und für Dich . Aber mein Kind , schütte im Stillen Dein Herz vor dem Allmächtigen aus und sprich nicht so viel und so laut . Du hast auch Pflichten gegen Dich zu erfüllen . « Ein mehrere Minuten langes Schweigen folgte jetzt . » Wie viel Uhr ist es ? « fragte Johanna , ihre Augen aufschlagend . » Halb zehn , meine Tochter . « » Um zehn Uhr wollte er mit dem ehrwürdigen Vater Sebastian eintreffen , um mich von ihm segnen zu lassen . « » Er wird kommen , baue fest darauf , meine Tochter , denn er sehnt sich nicht minder danach , Dir geistlichen Trost zu gewähren , wie Du , ihn entgegenzunehmen . Seine frommen , erhebenden Worte werden Dich trösten und Gott Dir einen kräftigenden Schlummer senden . « Nach diesen Worten schaute die Oberförsterin mit einer kurzen Bewegung nach der Thür hinüber . Es mußte geklopft haben , denn auf ihr » Herein « öffnete sich dieselbe , und in das Gemach trat mit vorsichtigen Schritten der alte Oberstlieutenant . Ein Lächeln des Willkommens belebte Johanna ' s bleiche Züge , während die Oberförsterin ihrem Gatten die Hand reichte und traurig auf ihren geliebten Schützling deutete . Ja , es war mein Vormund selbst ; er zeigte noch immer die aufrechte , straffe Haltung von früher , allein in seinem Gesicht war eine große Veränderung vor sich gegangen . Der freundliche , joviale Ausdruck , der den alten Krieger so wohl kleidete , war verschwunden und an dessen Stelle ein so tiefer , schweren Gram bekundender Ernst getreten , daß sogar ein unbetheiligter Beobachter nicht auf ihn hätte Hinsehen können , ohne die innigste Theilnahme zu empfinden . Nach der ersten Begrüßung betrachtete er Johanna eine Weile sinnend ; sein langer , weißer Schnurrbart zuckte heftig hin und her und mehrfach fuhr seine Hand nach der Augenklappe , um seine schmerzliche Bewegung dadurch zu verbergen . Dann aber trat er dicht neben Johanna hin und seine Hand behutsam auf ihr Haupt legend , fragte er äußerlich ruhig , wie sie sich befinde . » Viel , viel besser , lieber Onkel , « lautete die mit rührendem Ausdruck gegebene Antwort , » indem meine Seele sich mehr zu Gott hinneigt , schwinden meine körperlichen Schmerzen ; Du glaubst nicht , lieber Onkel , welche treue Stütze die katholische Religion gewährt ; legt sie es doch in die Hand der Menschen , nicht nur für ihr eigenes Seelenheil , sondern auch für das längst Verstorbener Sorge zu tragen . Denke nur an meine armen Eltern , wie glücklich für sie , daß ich ihre Sünden auf meine Schultern nehmen darf . « Der Oberstlieutenant warf einen leeren Blick durch das ganze Gemach , räusperte sich mehrere Male und zupfte an seiner Augenklappe , als wenn er sie hätte abreißen wollen , und dann legte er seine Hand wieder auf Johanna ' s Haupt . » Armes liebes Kind , « sagte er sanft , » laß die Verstorbenen , sie befinden sich bei unserm lieben Herrgott , und da sie ihn von Angesicht zu Angesicht sehen , so ist es ihre eigene Schuld , wenn sie ihm keine guten Worte geben . Kümmere Dich mehr um Deine Krankheit , und nicht um der Pfaffen werd – ich wollte sagen , um die Religion in : Allgemeinen . « Johanna schaute ernst zu ihrem Onkel empor , während ein Blick milden Vorwurfs aus den Augen seiner Gattin ihn streifte . » Onkel , zürnst Du mir ? « fragte Johanna endlich nach Minuten langem Schweigen . » Wie könnte ich Dir zürnen , mein Kind ? Ich zürne Dir nicht , und kämest Du auf den Gedanken , mich auch noch um mein letztes Auge zu bringen . « » Ach , Onkel , wenn Du mich so sehr liebst , dann wirst Du auch auf meine Worte hören , aus meine Worte , die vielleicht die letzten Wünsche einer Sterbenden enthalten . Onkel , Du bist in Deinem Leben vielleicht nie in der Lage gewesen , über die Zukunft nachdenken zu müssen , so wie ich jetzt ; höre daher meine warnende Stimme , kehre um auf dem sündigen Wege , auf welchem Du wandelst , geh ' in Dich , bedenke , Du stehst am Abend Deiner Tage ; aber noch ist es Zeit , und die Freude über einen reuigen Sünder wird im Himmel größer sein , als die über hundert Selige – « » Sprich nicht so viel , mein Kind , ich bitte Dich darum , « unterbrach sie der Oberstlieutenant , vor verhaltenem Grimm und vor Trauer seinen weißen Schnurrbart rücksichtslos zerzausend , » nein , Johanna , Du darfst nicht so viel sprechen , es schadet Dir . Damit Du aber ungestörter bist , werde ich jetzt gehen . Gute Nacht , Schätzchen , sich mich nur nicht so trübe an , ich will mir ja Deine Worte überlegen , über nun sei auch zufrieden . « Und ohne eine Erwiderung abzuwarten , küßte er sie auf die Stirn , und sich dann kurz umwendend , entfernte er sich mit dem ihm eigenthümlichen festen Schritt . Die Oberförsterin weinte still vor sich hin ; Johanna aber hielt ihre verklärten Blicke auf die Thür gerichtet , durch welche der Oberstlieutenant verschwunden war . » Tante , hast Du es gehört ? « sagte sie heiter , » er will sich meine Worte überlegen , und ich weiß , die Folge davon wird sein , daß er sich bekehrt . « » Ich hörte es , meine Tochter , « entgegnete die Oberförsterin kaum vernehmbar und zweifelnd , denn sie kannte ihren Gatten genugsam , um zu wissen , wie seine Worte gemeint gewesen . – Die letzte Scene schien wieder besonders erschöpfend auf Johanna eingewirkt zu Haben , denn sie lehnte sich zurück und schloß die Augen , wie zum Schlaf . Die Oberförsterin trocknete ihre Thränen , und nachdem sie sich überzeugt , daß das Licht Johanna nicht blende , vertiefte sie sich in ihr Gebetbuch , und in dem Gemach wurde es wieder still . » Anton , ich ertrage es nicht länger , « sagte ich leise , indem ich einen Schritt zurücktrat und mich schwer auf meinen treuen Begleiter stützte ; » ich muß Ruhe haben , ich muß meine Gedanken sammeln , irgend einen Plan entwerfen , um den bösen Einfluß der schurkischen Priester zu brechen , oder sie – sie findet ein frühzeitiges , unverdientes , schreckliches Ende . « , » Ja , lieber junger Herr , wir wollen gehen , « versetzte Anton , der mir aufmerksam zugehört , aber den eigentlichen Sinn meiner Worte nicht begriffen hatte . In demselben Augenblick knurrte der Hund , und um das Haus herumeilend , stürmte er gemeinschaftlich mit den andern Hunden bellend und lärmend dem Hofthor zu . » Jemand kommt , « bemerkte Anton ängstlich . » Es werden die beiden Priester sein , « entgegnete ich , mich tiefer in den Schatten der entlaubten Apfelbäume zurückziehend , denn ich erinnerte mich , verstanden zu haben , daß Johanna deren Besuch noch erwartete . » Sie gehen in ' s Haus , « flüsterte Anton weiter , » der Weg ist frei , kommen der junge Herr , wir wollen in mein Schloß zurückkehren . « » Noch nicht , noch nicht , « erwiderte ich , sobald ich hörte , daß die Hausthür geöffnet und wieder geschlossen wurde , » ich muß die beiden Menschen erst sehen , die meine arme , treue Johanna , Anton verstehe mich recht , das liebe , engelgleiche Fräulein an den Rand des Grabes gebracht haben ; « und so sprechend zog ich ihn nach dem Fenster hin , wo sich auch der Hund bereits wieder eingefunden hatte . Anton , in seiner Besorgniß um mich , folgte nur ungern , er erhob indessen keinen ernstlichen Widerspruch , und gleich darauf befand ich mich auf meiner alten Stelle , durch scharfes Hineinsehen in ' s Fenster meine Augen an die matte Beleuchtung gewöhnend . Es dauerte nicht lange , bis die Thür geöffnet wurde , und leise , wie das Verbrechen unter dem Schütze der Nacht , schritt Bernhard , gefolgt von einem älteren , ebenfalls dem geistlichen Stande angehörenden Herrn , in das Gemach hinein . » Gesegnet sei Euer Eingang und Euer Ausgang , « sagte die Oberförsterin , indem sie sich erhob und den beiden Herren die Hand entgegenreichte . » Friede sei mit Euch , nun und immerdar , « antwortete Bernhard , seine schwarzen , siechenden Augen mit den Lidern halb verschleiernd . » Und mögen Gott und die heilige Jungfrau Maria Euch auf Euren Wegen leiten , halten und beschirmen , « fügte der andere Priester hinzu , indem er zuerst gegen die Oberförsterin und demnächst gegen Johanna das Zeichen des Kreuzes schlug . Die Oberförsterin verneigte sich fromm , Johanna dagegen blieb regungslos sitzen ; aber aus ihren seltsam verzückten Blicken und aus der Art , in welcher ihre um das Crucifix gefalteten Hände krampfhaft zuckten , ging hervor , wie tief das Erscheinen der beiden Geistlichen sie ergriff , und wie schwer die Fesseln waren , in welche diese ihr leicht empfängliches Gemüth zu schlagen und ihren Geist zu verwirren verstanden hatten . » Endlich , « sagte sie kaum verständlich , als Bernhard zu ihr herantrat und ihr mit scheinheiliger Geberde die Hand reichte , » o , wie meine Seele nach Ihnen und Ihren göttlichen Offenbarungen gedürstet hat , « fuhr sie fort , seine Hand andächtig an ihre Lippen führend . Bei diesem Anblick hätte ich vor ohnmächtiger Wuth und unsäglichem Weh laut aufschreien , ihr zurufen mögen , sich nicht durch die Berührung des schwarzen Verbrechers zu beflecken . Doch ich war ja ein Geächteter ; der Ton meiner Stimme hätte sie vielleicht getödtet und mich zum Mörder gemacht . Aber meine Finger umklammerten vor namenloser Qual das Fensterbrett , daß es laut knackte , und Anton , von Entsetzen ergriffen , mir zu Füßen sank und , meine Kniee umklammernd , mich anflehte , doch nicht absichtlich mein Verderben herbeizuführen . Meine Besinnung kehrte bald wieder zurück und zugleich durchströmte mich eine eisige Ruhe . Bis auf den letzten Tropfen hatte ich den Giftbecher geleert ; es gab nichts , gar nichts mehr in der Welt , was mich noch tiefer zu erschüttern vermocht hätte . Aber mein Geist arbeitete schwer , meine Zähne knirschten heftig aufeinander , und Alles , was ich dachte , hoffte und wünschte , wurde zum Nothschrei , zu einem Schrei der Rache und des Fluches , den ich aus tiefstem Herzensgrunde zum Himmel emporsendete . » Theure , überglückliche Tochter , die Sie Gnade gefunden haben vor dem Erlöser , die Sie in der gebenedeiten Jungfrau