zankte fast nie , er tadelte nur und doch bän ­ digte er die wildesten Buben und löste den verstockte ­ sten Mädchen das Herz , daß sie weinen konnten , wenn der Herr Lehrer sie mit einem vorwurfsvollen Blicke ansah . Der weise , alte Mann hatte den Grundsatz , daß die Liebe des Schülers für den Lehrer ein besserer Sporn sei , als die Furcht , die sich durch Haß und Bosheit an dem rächt , der sie hervorruft . So glich er alle Torheiten , Rohheiten und Grausamkei ­ ten der Bauernerziehung in seinem Dorfe aus , ent ­ wickelte in den Seelen der ihm anvertrauten Schar die Keime des Guten und unterdrückte die des Bösen , und es war eine auffallende Erscheinung , daß seit den fünfunddreißig Jahren , wo er im Orte unterrichtete , die Hochstetter Mädchen und Bursche die gesuchtesten Dienstboten der ganzen Gegend waren . „ Guten Tag , Herr Lehrer “ , schrie die eintretende Schar und ergoß sich mit einem Geräusch über die langen Bänke , wie wenn eine Straße mit Kies be ­ schüttet wird , oder ein Stoß Scheiterholz übereinander fällt . „ St ! St ! “ machte der Lehrer und augenblicklich war es ruhig im Zimmer , man hörte nur noch das Rascheln der aufgeschlagenen Hefte und der Unterricht begann . Da klopfte es leise — so leise , wie nur ein bö ­ ses Gewissen pochen kann , an die Tür und herein trat ein kleines , sauber angetanes Mägdlein von etwa sechs Jahren und blieb mit niedergeschlagenen Augen auf der Schwelle stehen . Eine Schulmappe , so groß , daß man nicht recht wußte , ob das Kind sie mitge ­ nommen , oder sie das Kind , hielt es vor sich hin , als möchte es sich am liebsten dahinter verstecken und der perlende Tau auf seiner Stirne zeigte , daß es sehr rasch gelaufen . „ Ei , Käthchen “ , rief Herr Leonhardt , „ warum kommst Du denn so spät ? Na — tritt nur näher , kleine Missetäterin — es ist das erste Mal seit dem ganzen langen Jahre Deines Schulbesuches , daß Du zu spät kommst . Da muß ja etwas ganz Besonderes geschehen sein ? “ Das also angeredete Käthchen kam langsam heran , während sein kugelrundes Gesichtchen über und über errötete . „ Ich — ich habe in die Beeren gemußt “ , stotterte es und leckte sich noch mit dem lügenhaften Züngelchen das von Heidelbeeren geschwärzte Mäulchen . , ,Ei Käthchen “ , sagte Herr Leonhardt und erhob seinen Zeigefinger — „ das ist sonderbar , Du muß ­ test ? Wer befahl es Dir denn ? “ Käthchen sah , immer röter werdend , zu Boden . „ Sieh mich einmal an , Kind “ , sprach nun der Lehrer ernst — „ ist es wahr , was Du sagst ? “ Käthchen versuchte die braunen funkelnden Schelmenaugen aufzuschlagen — aber ach — das Schuld ­ bewußtsein hing wie ein Bleigewicht an seinen Lidern und zog sie herab . Es vermochte nicht den Herrn Lehrer anzusehen und schüttelte nur leise mit dem Kopfe . „ Käthchen “ , sagte dieser liebevoll — „ Du muß ­ test nicht Beeren suchen , denn ich weiß , wie sehr Deine Eltern darauf halten , Dich in die Schule zu schicken : Du liefst zu Deinem Vergnügen in den Wald , um zu naschen . Du hast heute vielleicht zum ersten Mal gelogen , wie Du zum ersten Mal zu spät zur Schule kommst . Bitte den lieben Gott , daß es auch das letzte Mal sei . “ „ Ach “ , platzte die kleine Sünderin heraus , „ Nach ­ bars Fritz hat mich mitgenommen und die Beeren schmeckten so gut und da habe ich mich versäumt . “ Die andern Kinder lachten , aber ein Wink des Lehrers brachte sie schnell zum Schweigen , dann fuhr er zu Käthchen fort : „ Sieh , liebes Kind , für das Zuspätkommen erhältst Du ein Kreuz und rückst um Eins auf der Bank hinunter — aber Käthchen für das Lügen rückst Du um Eins in meinem Herzen hinunter , und ich werde Dich nun nicht mehr so lieb haben . Du kannst mich aber versöhnen , wenn Du Dich freiwillig in die Ecke stellst — was ziehst Du nun vor — lieber aus meinem Herzen — oder lie ­ ber eine Viertelstunde in die Ecke ? “ Da brach das Kind in bittere Tränen aus und schluchzte : „ Lieber in die Ecke , lieber in die Ecke ! “ und damit stand es auch schon in dem bezeich ­ neten Winkel und drehte das reizende Gesichtchen der kahlen Wand zu . Der Schulmeister sah der Kleinen mit gerührtem Blicke nach , aber er blieb fest , so weh es ihm tat , denn Lügen bestrafte er immer am schwersten . Der Unterricht nahm seinen Verlauf und nach etwa zehn Minuten rief er das immer noch schluchzende Käthchen zu sich . Das Kind trippelte in großer Freude herbei und er streckte ihm die Hand hin : „ Willst Du mir jetzt versprechen , nie wieder zu lügen , Käthchen ? Willst Du ? “ „ Ja , ach ja — ich will ’ s nie wieder tun ! “ war die zerknirschte Antwort . Da hob der Greis das rosige , kleine Ding in die Höhe und drückte es an sein Herz . — „ O Du lie ­ bes Kindchen — jetzt bin ich Dir auch wieder gut und werde es bleiben , so lange Du ehrlich und flei ­ ßig bist . Und wenn Du je wieder einmal in Ver ­ suchung kommst , irgend Jemandem eine Unwahrheit zu sagen — da denke nur , wie wehe es Deinem al ­ ten Lehrer täte , wenn er ’ s wüßte — und dann sprichst Du ihm zu Liebe die Wahrheit ? Willst Du ? “ „ Ja — ja “ , rief die Kleine aus vollem Herzen , schlang ihre Ärmchen um den Hals des Lehrers und drückte ihn aus Leibeskräften zusammen . Die anderen Kinder begleiteten diese Versöhnungsfeierlichkeit mit der wärmsten Teilnahme — denn alle hatten das braunäugige , rotwangige Käth ­ chen lieb und freuten sich , daß es so gut davonge ­ kommen . „ So “ , sagte der Lehrer , als Käthchen endlich auf seinem Platz saß : „ Nun wollen wir sehen , ob Du Deine Aufgabe recht schön gemacht hast . “ Käthchen zog seine Bücher aus dem finstern Ab ­ grund seiner ungeheuren Schulmappe ans Tageslicht , aber , o weh ’ , „ die Nacht ließ einen schwarzen Flecken zurück “ , sämtliche Hefte waren von den in der Tiefe verborgenen Heidelbeeren gefärbt . Käthchens Bestürzung und der Jubel ihrer Kommilitonen waren un ­ beschreiblich , selbst der Lehrer konnte sich des Lächelns nicht enthalten , als er in das kleine erschrockene Ge ­ sicht sah . „ Na “ , sagte er , „ es mag Dir nun noch hingehen , Du hast heute schon genug gebüßt ! Wenn nur der Inhalt gut ist . “ Er schlug die Hefte auf und freute sich offenbar über die schönen geraden Buchstaben . Nur mit dem Rechenbuche stand es noch schlimm ! „ Käthchen “ , rief Herr Leonhardt : „ wenn ein Pferd vier Beine hat , wie viel haben zwei Pferde ? “ „ Sechs ! “ lautete die zuversichtliche Antwort . „ Käthchen ! wie viel ist zwei mal zwei ? “ „ Acht ! “ Herr Leonhardt warf jenen gottergebenen Blick zum Himmel , wie er nur solchen Märtyrern der Ge ­ duld eigen ist ! „ Käthchen , wie viel Finger hast Du ohne den Daumen an Deiner linken Hand ? “ Käthchen zählte mit den Fingern der Rechten die der Linken und brachte glücklich „ Vier “ heraus . „ Und wie viel hast Du an Deiner Rechten ? “ Käthchen zählte wieder mit der Linken die Finger der Rechten und es ergaben sich abermals ohne den Daumen „ Vier . “ „ Gut ! — Wie viel macht das nun zusammen ? “ Käthchen schwieg . „ Wie viel Finger hast Du jetzt an beiden Hän ­ den gezählt ? “ „ Zehn ! “ „ Ohne die Daumen , Kind , ohne beide Dau ­ men ? ! “ Käthchen begann aufs Neue seine schwierige Rechnung . Da klopfte es plötzlich an die Tür . „ Noch ein Spätling ? “ sagte Herr Leonhardt und rief „ Herein ! “ Aber statt eines frischen Kindergesichts erschien ein bleiches Antlitz mit großen schwarzen Augen , er ­ staunt , fast scheu im Kreise umherschauend . Diese Erscheinung verbreitete einen panischen Schrecken um sich her . „ Jesus — die Hartwich ! — Ach Gott , die vom Schlosse ! “ und ähnliche Ausrufe der Furcht ertönten von allen Lippen . Die Kinder fuhren in die Höhe , — die , welche der Eintretenden zunächst saßen , drängten weiter zurück , die Großen rissen die Kleine ­ ren an sich , die Katholischen bekreuzigten sich sogar ! Es war ein förmlicher Tumult , den nicht einmal die Stimme des Lehrers zu beruhigen vermochte . Ernestine sah das Alles , ohne daß sich ein Zug in ihrem regelmäßigen Antlitz verändert hätte . Leonhardt näherte sich ihr ehrerbietig und wollte für die törichten Kinder um Entschuldigung bitten , doch sie unterbrach ihn . „ Im Gegenteil “ , sagte sie leise , „ ich habe mich zu entschuldigen , daß ich durch meinen entsetzlichen Anblick Ihre Schule störte . Ich wollte Ihr Wohn ­ zimmer aufsuchen , um Ihnen die gewünschten Battisttücher zu bringen und da ich im Hause unbekannt bin , geriet ich hier herein . Haben Sie nur die Güte , Herr Leonhardt , mir dieses Päckchen abzunehmen , dann werde ich Ihre Schüler von ihrer Angst befreien . “ Der alte Mann reichte ihr die Hand , doch sie nahm sie nicht . — „ Lassen Sie das — solch ’ eine Freundlichkeit , mir erwiesen , würde Sie um die Ach ­ tung der Kinder bringen . “ „ O , gnädiges Fräulein “ , bat Leonhardt mit Wärme , „ rechnen Sie mir diesen Auftritt nicht an , der mich vielleicht mehr schmerzt , als Sie , denn Sie stehen zu hoch , als daß Sie diese Albernheiten be ­ rühren können , — ich aber schöpfe daraus die bittere Erkenntnis , wie vergeblich das Streben meines gan ­ zen Lebens war ! “ Er hielt inne und ein müder trau ­ riger Blick flog über die kleine , dicht zusammenge ­ drängte Schar . Der kalte Ausdruck in Ernestinens Zügen mi ­ lderte sich bei diesen Worten und jetzt erst betrachtete sie den Greis , der so bescheiden und doch so würde ­ voll vor ihr stand . Seine entzündeten trüben Augen überzeugten sie sogleich , welcher Art die Tragödie sei , von deren Entwicklung jener Unbekannte gesprochen , und eine Regung des Mitleids ergriff sie . „ Wir werden uns später sprechen , Herr Leonhardt “ , flüsterte sie , damit die Kinder sie nicht ver ­ stehen konnten , — „ jetzt lassen Sie mich fort . “ „ Möchte es Ihnen doch belieben , gnädiges Fräu ­ lein , ein wenig zu meiner Frau hinüber zu gehen “ , bat Leonhardt — „ es würde ihr eine so große Freude sein . Sie ist in der gegenüber liegenden Stube . “ „ Das will ich wohl . Ich werde Sie drüben erwarten . “ Sie wollte gehen , aber Leonhardt glaubte , da die Kinder nun ruhiger geworden , sich noch eine Recht ­ fertigung und ihr eine Genugtuung verschaffen zu können und rief die Vordersten an : „ Ihr habt Euch recht blöde und albern vor dem gnädigen Fräulein gezeigt , macht es wieder gut und sagt ihr jetzt artig Lebewohl . “ Die Angeredeten standen , ohne sich zu rühren . Der alte Mann schaute in peinlicher Verlegenheit im Zimmer umher : „ will ihr Keines mir zu Liebe die Hand geben ? “ „ Ich ! “ ertönte Käthchens glockenreine Stimme , und die kleine Beherzte , die Ernestine nur gefürchtet hatte , weil die Andern es taten , trat heran und streckte Ernestine ihr dickes Patschchen und das nasch ­ hafte Mäulchen hin . Ernestine beugte sich nieder , küßte den kleinen schwellenden Mund und sah mit stiller Freude in die offenen , leuchtenden Augen des hübschen Kindes . „ Seht , Ihr Großen “ , sagte der Schulmeister , „ das sechsjährige Mädchen beschämt Euch ! Warum seid Ihr nur so furchtsam — Ihr seht doch Fräulein von Hartwich alle Tage ? “ „ Ja , aber nicht im Zimmer , nur unter freiem Himmel — da kann man davon laufen “ , meinte einer der Älteren höchst scharfsinnig . Ein trübes Lächeln verzog Ernestinens Lippen und sie verließ ohne ein Wort weiter das Schulzimmer . Der Lehrer maß seine Schüler der Reihe nach mit . einem strengen Blick . „ Ihr habt Euch und mich heute mit Schande bedeckt , und ich sehe ein , daß Alles verloren ist , was ich in dieser Hinsicht zu Euch und Euren Eltern gesprochen habe . Ich gebe es auf , gegen Euren Aberglauben und Haß zu kämpfen , dazu bin ich ein zu schwacher , alter Mann . Ich rufe Euch nur noch einmal zu : Richtet nicht — auf daß Ihr nicht gerichtet werdet ! Euern Eltern aber könnt Ihr sagen , daß , wenn , ich über kurz oder lang aus Eurer Mitte scheide , der heutige Vorfall mir das Scheiden recht erleichtern wird ! “ Die Kinder schwiegen sehr betroffen , denn so un ­ zufrieden hatten sie ihren Lehrer noch nie gesehen . Sie senkten ihre Köpfe tief über ihre Bücher und Hefte und wagten fast nicht mehr zu atmen , noch weniger ein Wort der Entschuldigung hervorzu ­ bringen . Der Unterricht nahm diesmal stiller als je seinen Verlauf , und als es zwei Uhr schlug , war es , als gingen die Kinder aus einem Trauerhaus , um eine Leiche zu geleiten , so trübselig und bedrückt schlichen sie sich davon . Kaum aber lag das Schulhaus hinter ihnen , da fiel der Bann von ihnen ab und nun ging es über das arme Käthchen her . „ Pfui , Käthchen , hast Dich von der Hartwich küssen lassen ! Jetzt mag Dich Niemand mehr ! “ „ Etsch , etsch — Käthchen hat einen schwarzen Mund , weil es die Hartwich geküßt hat ! “ „ Brr , Brr — Käthchen , Dir gibt Keiner mehr einen Kuß ! “ — „ Na warte nur , was die Hartwich Dir angehext haben wird ! Morgen werden wir ’ s sehen ! “ Solcher Redensarten mußte das arme Käthchen eine Flut über sich ergehen lassen . Es machte sich aber nicht viel daraus , denn ihm war die Zufrieden ­ heit des Lehrers das Höchste und es war stolz auf seinen Mut , daß es nicht gefürchtet habe , was alle Andern scheuten . „ Wenn Ihr so garstig seid , gebe ich Euch auch die Heidelbeeren nicht , die ich Euch mitgebracht “ , drohte es und schlenkerte seine große Mappe sorglos hin und her . Dieser Trumpf verfehlte seine Wirkung nicht , denn die Heidelbeeren konnte man immerhin annehmen , die hatte ja die Hartwich nicht berührt und so genoß die Kleine die Genugtuung , den ganzen Schwarm wieder rasch um sich versammelt zu sehen . — Als Leonhardt bei seiner Frau eintrat , fand er sie mit Ernestinen im freundlichsten Gespräch . „ Mein liebes , gnädiges Fräulein “ , begann er , „ wie sehr schmerzt es mich , daß Sie , die gekommen , um mir wohlzutun , in meinem Hause so beleidigt wurden . Es sind freilich nur Kinder , die Sie eigent ­ lich nicht beleidigen können , aber — “ „ Wie die Alten , so die Jungen , heißt es da “ — unterbrach ihn Ernestine , „ das wollten Sie sagen oder dachten es wenigstens . Nun beruhigen Sie sich , Herr Leonhardt . Ich bin daran gewöhnt , angefeindet oder verlacht zu werden , und dagegen abgestumpft . Seltsam nur ist es , daß ich gerade heute vor zwölf Jahren als Kind einen ähnlichen Vorfall erlebte und zwar in der ersten und einzigen Gesellschaft , die ich je besucht . Von da her schreibt sich meine , wie ich eben wieder sah , berechtigte Menschenscheu . Ich passe nicht unter Menschen und am wenigsten unter das , was man hier zu Lande so nennt ! Sagen Sie , Herr Leonhardt , war es Ihnen denn gar nicht mög ­ lich , dieses Volk etwas aufzuklären ? “ „ Offen gestanden — ich glaube , es wäre mir möglich gewesen , wenn mein Einfluß nicht immer wie ­ der von den Herren Pfarrern aufgehoben worden wäre . Ich vermochte nicht als Lehrer , der neben dem Geist ­ lichen ohnehin der Untergeordnete ist , — dem Aber ­ glauben , der religiösen Unduldsamkeit , worin sie die Bauern bestärkten , das Gleichgewicht zu halten , denn den Bauern ist immer Der die höchste Autorität , dessen Gelehrsamkeit ihre Irrtümer unangefochten läßt . Ein Quacksalber , dessen Heilmethode sich auf Altweibermittel stützt , wird mehr Zutrauen bei ihnen finden , als ein rechter Arzt , dessen Verfahren all ihren diätetischen und medizinischen Vorurteilen widerspricht . Ein Geistlicher , der ihrem Aberglauben , ihren Gehässig ­ keiten noch von religiöser Seite Nahrung und Berech ­ tigung gibt , wird ihnen ein würdigerer , zuverlässigerer Seelsorger sein , als einer , der das Wort Gottes rein und echt lehrt ! So kämpfte ich stets mit ungleichen Waffen , oft in Gefahr , das Opfer ihres Hasses zu werden und meine Stelle zu verlieren . In ruhigen Zeiten ging es noch , wenn nichts vorkam , was den Zwiespalt zwischen uns hervortreten ließ . Seit Sie aber hier sind , mein gnädiges Fräulein , ist der alte Streit wieder entbrannt und ich sehe aufs Neue ein , wie ohnmächtig ich bin . “ „ So bin ich nur gekommen , um Zwietracht in diesem friedlichen Orte zu säen “ , bemerkte Ernestine gedankenvoll vor sich hin starrend . „ Ja , ja — es ist kein Glück mit mir , wo ich weile . “ „ O sagen Sie das nicht “ , rief die Schulmeisterin , Ernestinens Hand fassend , „ ich meine nur — verzeihen Sie einer alten , einfältigen Frau , wenn sie sich erlaubt , Ihnen so etwas zu sagen , ich meine , nur , ein Fräulein , schön und begabt wie Sie , sollte nicht hier und nicht so einsam leben . Ach Gott , mein Alter und ich sagten es oft zusammen — wie schade , daß solch ein herrliches Wesen sich lebendig begräbt ! Glauben Sie uns , liebes Fräulein , dabei kommt nichts Gutes heraus . Ich kann mir nun einmal nicht helfen , es ist etwas Unnatürliches und das Natürliche ist doch immer das Beste ! “ Ernestine schwieg und sah vor sich nieder . „ Ich muß hier noch hinzufügen “ , sprach Leon ­ hardt schüchtern , „ daß Sie gerade hier nicht an Ihrem Platze sind ! Sahen Sie wohl je die Statue irgend eines berühmten Gelehrten , Künstlers usw. inmitten eines Dorfes aufgepflanzt ? Gewiß nicht , denn die Dorfjugend würde sie mit Schmutz bewerfen , kein Mensch würde ihre Bedeutung verstehen , sie würde eine Puppe sein , über die man lachte und welche man zum Spaß verstümmeln zu dürfen glaubte . Und Sie , mein Fräulein , setzen sich mit Ihrem feinen Gefühl , in der Fülle und Blüte des Lebens , freiwillig dem Schicksal aus , das solch einer Statue zu Teil würde , wenn man ihr die undankbare Aufgabe übertrüge , die ­ sem rohen Volke die Bedeutung einer großen Idee vor Augen zu führen ? Nein , wahrlich , das können Sie an sich selbst nicht verantworten ! “ Ernestine hing mit Interesse an den welken aber edlen Zügen des alten Mannes . Seine Sprechweise war so ganz anders , als sie von einem einfachen Dorf ­ schullehrer erwartet hatte , daß sie höchst erstaunt war und es sie reizte , sich mit ihm zu messen . „ Ich verstehe Ihr Gleichnis , Herr Leonhardt , und ich fühle mich dadurch geehrt ; aber verzeihen Sie mir , wenn ich sage , daß die Tatsache , auf der es beruht , doch nicht ganz richtig ist , denn ich weiß fast kein Dorf , in welchem nicht Statuen entweder von Christus , der Madonna oder Heiligen aufgestellt sind , und der rohste Bauer ehrt in ihnen die Idee , weil er sie versteht . Würde nun dieser vernachlässigten Klasse das Verständnis auch anderer nicht religiöser Ideen eröffnet , so würde sie dieselben in ihren Trä ­ gern nicht minder ehren als jene ! “ Frau Leonhardt ward bei dieser Wendung des Gesprächs ein wenig beklommen , denn wie ein braver Dienstbote nicht achtungswidrig über seine Herrschaft sprechen läßt , so fürchtete sie als treue Magd ihres Herrn und Heilandes die Art , mit der die Hartwich voraussichtlich von ihm reden würde , und fand es für eine gute Christin nicht wohlanständig , solch ein Ge ­ spräch mit anzuhören . Doch ihr Gatte machte in bescheidener und taktvoller Weise ihrer Angst ein Ende . „ Sie entschuldigen , mein gnädiges Fräulein , ich habe daran wohl gedacht , doch ist das , wie mir scheint , etwas Anderes . Das Volk ehrt in diesen Statuen nicht Ideen , sondern Personen und zwar die höchsten , heiligsten , die es kennt und die es gibt , die Personen seines Gottes und dessen Diener . Wie wir uns auch wohl der Bilder von fern lebenden Ver ­ wandten freuen , die wir , ohne sie je gesehen zu haben , um ihrer Taten willen lieben und verehren , so und noch tausendmal mehr freut sich das Volk eines Ab ­ bildes des ewig unsichtbaren und doch ewig ersehnten Allvaters ! Diese Empfindung , mein gnädiges Fräulein , ist und bleibt meiner Ansicht nach himmelweit verschieden von den Gefühlen der Bewunderung , welche durch das Verständnis der großen Ideen dieser Welt in dem Volke erweckt werden könnten . — Noch aber sind wir nicht so weit , und wer weiß , ob wir je so weit mit denjenigen Klassen kommen sollen , welche für uns arbeiten müssen , damit wir für sie denken können , und welche zu ihrem Glücke nichts weiter bedürfen , als ihren Pflug und ihren Gott ! Alles , was meiner Ansicht nach zu wünschen wäre , ist , daß dieser Gott , in ihrer Vorstellung kein rächen ­ der , zorniger Herr Zebaoth , sondern der liebende , versöhnende Gott des Christentums sei ! — Um nun mein Gleichnis noch einmal auf Sie , gnädiges Fräu ­ lein , zurückzuführen , muß ich wiederholen , daß Ihr Platz nur da ist , wo man Ihre Ideen und Bestrebun ­ gen versteht und Sie auf das Ihnen gebührende Piedestal stellt . Dann werden Sie erst glücklich sein und sich eher mit Ihrem Schöpfer versöhnen , als in der Erbitterung über den , Sie hier umgebenden reli ­ giösen Starrsinn und Irrwahn . Dem Volke sind Sie eine Feindin , weil es Sie für eine Feindin dessen hält , was ihm das Heiligste ist — seines Glaubens . Wer in seinen Augen aus dem Verbande der christ ­ lichen Gemeinschaft schied , der ist ihm aus dem Ver ­ bände der Menschheit getreten , der hört ihm auf , ein Wesen von Fleisch und Blut zu sein . Und wenn es dann nicht alsobald das Strafgericht über einen sol ­ chen , seiner Meinung nach , schweren Missetäter hereinbrechen sieht , so betrachtet es ihn , als der gött ­ lichen Macht entrückt , unter dem Schütze einer anderen : der des Teufels ! Verzeihen Sie meine Offen ­ heit — ich rede diesem kindischen Standpunkt , dieser falschen Auslegung von Gottes gütiger Langmut nicht das Wort , ich halte es nur für meine Pflicht , Ihnen die unausfüllbare Kluft zwischen Ihnen und Ihrer Umgebung zu zeigen . Sie sind nicht nur dem katholischen , sondern auch dem evangelischen Geistlichen unseres Sprengels ein so großes Ärgernis , daß er auf Grund Ihrer Schriften schon durch das Konsistorium Ihre Ausweisung bewirken wollte , und , da ihm dies nicht gelang , beschloß , Sie um jeden Preis durch fortgesetzte Anfeindung von hier fortzutreiben . Sein katholischer Amtsgenosse unterstützt ihn , wie Sie ja schon selbst erfuhren , darin auf das Eifrigste und ich möchte Sie gerne durch diese Warnung vor allen den Unannehm ­ lichkeiten bewahren , die Ihnen hier leider noch drohen . “ Er hielt inne und suchte , mit seinen blöden Augen in Ernestinens unbeweglichen Mienen zu lesen . Sie schwieg und sah unverwandt zu Boden , er faßte ehr ­ erbietig eine ihrer Hände : „ Liebes Fräulein , vergeben Sie mir , wenn ich Sie beleidigte und vielleicht über meine Grenzen ging . Ich bin ein schlichter , ungeschick ­ ter Mann , nicht geübt in den Formen der vornehmen Leute , unter Bauern alt geworden und gewöhnt , meine Ansichten ohne Ausschmückung herauszusagen . Ich halte Wahrheit für die erste Pflicht , aber es sollte mir leid tun , wenn die Ausübung dieser Pflicht Sie wider meinen Willen verletzt hätte ! “ „ Ach Gott — ja — ach Gott , ja ! “ bestätigte die gutmütige Schulmeisterin in wahrer Sorge um den unerklärlichen Ausdruck auf Ernestinens Gesicht . Da sprang diese plötzlich auf , schüttelte den alten Leuten die Hände und sprach ernst , aber herzlich : „ Ich danke Ihnen , Sie sind ein braver Mann , Herr Leonhardt ! “ „ O das gute Fräulein , das liebe Fräulein ! “ rief die Schulmeisterin , eine Träne der Rührung abwischend . „ Ich muß jetzt nach Hause “ , sagte Ernestine , den Hut auf ihre schwarzen Flechten drückend , „ aber ich werde Sie wiedersehen . Leben Sie wohl ! “ Als das alte Paar ihr das Geleit bis auf die Straße gegeben und der gedankenvoll Dahinschreitenden nachblickte , fiel es Beiden erst ein , daß sie mit keinem Wort Johannes ’ erwähnt hatte . „ Wie sonderbar ! “ sagte der Schulmeister und holte die Gartenschere , um den wuchernden Zaun vor der Tür ein wenig zu beschneiden . — — Viertes Kapitel . Der Vormund . Als Leuthold am Abend desselben Tages aus der Stadt zurück kam , hieß es , Ernestine könne ihn nicht mehr sprechen , sie fühle sich leidend und habe sich zu Bette gelegt . Er ging leise und behutsam in ihr Studierzimmer . Dort sah er nach , was und wie viel seine Mündel heute gearbeitet hatte . Zu seinem Stau ­ nen fand er nichts . Er schlich in das Laboratorium , auch dort lag Alles wie gestern , die Zeichen , die er vor dem Weggehen zwischen die Gegenstände gelegt hatte , waren unberührt . Was war das ? Seit Jah ­ ren der erste Tag , an welchem Ernestine ganz müßig gewesen . Er suchte , lautlos wie eine Katze durch die Gänge schreitend , die Frau Willmers auf . Sie war eben im Begriff , nach Ernestinens Gemächern zu gehen , um sich auch zur Ruhe zu begeben . Sie sah etwas verschlafen aus und Leuthold faßte sie scharf ins Auge : „ Womit hat sich das gnädige Fräulein heute beschäftigt ? “ Frau Willmers gähnte — sie mußte sich erst ein wenig besinnen : „ Das gnädige Fräulein waren den ganzen Tag sehr unwohl “ , antwortete sie beherzt . „ So , was fehlte ihr denn ? “ „ Ei , was ihr immer fehlt , nur einmal mehr , einmal weniger : Herzklopfen , Ohnmachten , Kopf ­ schmerzen . Ist es denn ein Wunder bei der über ­ mäßigen Anstrengung ? — Sie konnte sich heute kaum aufrecht halten — “ „ Niemand hier gewesen ? “ „ Keine Seele , wer sollte — ? “ „ Kein Brief gekommen ? “ „ Doch , zwei an den Herrn Professor und einer an das gnädige Fräulein , vom Schullehrer . “ „ Was wollte der ? “ „ Er bat das Fräulein um Leinwandläppchen für seine kranken Augen . Sie hat sie ihm auch ge ­ bracht . “ „ Sie selbst ? Weshalb das ? “ „ Sie hatte Langeweile , weil sie nichts arbeiten konnte , — und da wollte sie sich einmal die kranken Augen des Herrn Leonhardt ansehen , — sie meinte , sie könne daran etwas lernen . “ „ Nun , so ist es gut . Wohl zu schlafen , Frau Willmers ! “ „ Wünsche eine ruhsame Nacht , Herr Professor ! “ sagte die kluge Frau und eilte zu Ernestinen , um ihr zu berichten , wie schlau sie ihre Sache geführt und wie sie bei allem Falschen noch immer etwas Richti ­ ges gesagt und so doch der Wahrheit die Ehre gege ­ ben habe . Ernestine saß auf einem bequemen Lehnstuhl und starrte in die Lampe . Vor ihr lag aufgeschlagen ein Buch : Andersens Märchen . Sie konnte nicht lächeln über die Erzählung der Willmers . Es lag für sie etwas unbeschreiblich Bit ­ teres darin . Zum ersten Male , seit sie mit ihrem Oheim zusammen lebte , fühlte sie , daß sie eine Gefangene sei , daß sie beobachtet werde und gehemmt