Ich dachte auch an Dich , Gretel , daß Du nie solch einen weichlichen Luxus beansprucht haben würdest . Deine hohe , schlanke , keusche Gestalt mit dem flechtengeschmückten Kopfe , sie wäre mir hier in dieser üppigen Umgebung sonderbar erschienen . Nein , hier gehörte eben nur solch eine zierliche Fee hinein , wie sie es war . Jenes Gespräch kam mir wieder in den Sinn , in welchem ich davon schwärmte , wie reizend es sein müßte , wenn mir nach der Heimkehr vom Dienst mein nettes , reizendes Frauchen eine Tasse Kaffee an das Sofa brächte . Ich habe mich müde hingestreckt , und sie sieht mich dann freundlich an mit ihren süßen , blauen Augen . – Ich mußte bitter lachen . Ich hatte ja eine ganze Menge Diener im Hause ! Ach nein , Gretchen , das kam nicht vor , ein solch idyllisches Leben liebte Madame nicht . Unser Haushalt war auf größtem Fuße eingerichtet . Wenn ich morgens um fünf Uhr aufstand und zum Exerzieren ging , servierte mir ein Diener in untadeligen Gamaschen und gleicher Krawatte einen vorzüglichen Kaffee . Wenn ich bestaubt und müde zurückkehrte , empfing mich niemand als der Untadelige . Ich zog mich um und durfte dann in aller Form meiner jungen Frau , die im elegantesten Negligé in ihrem Spitzenhimmel auf dem Diwan lag , einen Besuch abstatten . Dann machte Madame Toilette , und die Garnison und die Einwohner des alten G. wurden in Staunen gesetzt durch ebendiese Toilette und die reizende Equipage . Es wurden die Frauen der Kameraden aus der Kinderstube oder vom Nähtisch aufgescheucht , denn Madame machte Besuche . Häufig war sie zur Speisestunde noch lange nicht zu Hause , und ich hatte die Wahl , entweder allein zu essen oder hungrig in den Dienst zu gehen . Manchmal , wenn ich wartete , um das Vergnügen zu haben , mit ihr zu dinieren , wurde mein Hunger so wütend , daß ich beim Brotempfang die Kerle um ihr Kommißbrot beneidete . Wenn ich dann in unser elegantes Speisezimmer trat , wurde mir versalzene Suppe und verkohlter Braten serviert , und Madame war entweder ausgefahren oder ausgegangen , oder wenn das nicht , so bekam ich Vorwürfe über die unpassende Zeit meines Dienstes , als ob ein Leutnant – aber genug davon ! Unser Salon war kaum einen Abend leer von Besuch , die Einladungen wurden verschwenderisch ausgeteilt . Die Kameraden sämtlicher hier garnisonierenden Regimenter , der benachbarten kleinen Garnisonen und die Edelleute der umliegenden Güter waren zahlreich vertreten . Glänzende Diners , Soupers und Bälle wechselten miteinander ab . Ruth strahlte wie eine Königin inmitten ihres Hofstaates , und ich biß die Zähne aufeinander und suchte mit möglichst freundlicher Miene die Gäste zu empfangen , die meine Frau einzuladen für gut befunden hatte . Bergen und Hanna zogen sich bald gänzlich von diesen Festen zurück . Und als Ruch einst auf einem Kasino-Balle in gar zu unmöglicher Toilette erschien , kam Hanna am andern Tage , machte ihrer Schwester ernstliche Vorwürfe über ihr extravagantes Leben und erklärte ihr , daß sie der Gegenstand des allgemeinen Stadtklatsches geworden , daß es nicht begreiflich sei , wie eine Frau sich so zum Brennpunkt der Aufmerksamkeit machen könne . Ruth soll sich halbtot gelacht und gemeint haben , in Wien sei das noch ganz anders gewesen . Hanna ging unverrichteter Sache und fast betrübt wieder fort . Zum Unglück war dies gerade der Tag , an dem auch ich mir vorgenommen hatte , mit meiner Frau ein paar ernstliche Worte zu sprechen ; ich ahnte nicht , daß Hanna bereits dagewesen . Ich sagte Ruth , die ich unmutig und verstimmt in ihrem Boudoir fand , unverhohlen meine Ansichten über unser Leben , über die Summen , die unser Haushalt koste , über die Ungemütlichkeit , die ein solcher fortwährender Trubel mit sich bringe , und bat sie schließlich , wenn sie nicht meinetwegen sich zu einer stilleren Lebensweise entschließen könne , so möge sie es ihrer Person zuliebe tun . Es müßte diese ewige Unruhe endlich nachteilige Folgen für sie haben . Ruth nahm anfangs meine Worte mit eisiger Ruhe auf . Aber dann fing sie an , sich zu verteidigen . Sie geriet in die höchste Aufregung , warf mir vor , daß sie ein jammervolles , elendes Leben in diesem Neste führe , daß es schrecklich sei , einen Mann geheiratet zu haben , der sich mit seiner Person in den Sklavendienst des Königs begeben , und der noch nicht soviel Freiheit genieße , um mit seiner Frau zu einer anständigen Zeit zu Mittag zu essen . Und nun gönne er ihr nicht einmal die elenden Zerstreuungen , die sie sich hier schaffen könne . Gott weiß , was sie noch sagte , bis ich , um den leidenschaftlichen Affekt , in den sie gekommen , und der sich schließlich in konvulsivisches Weinen auflöste , zu beruhigen , mich vollständig in alles ergab . So ging das Leben weiter . Dann folgten ein paar kurze , stille Wochen , und ich schloß meinen kleinen Sohn in die Arme . Ich glaubte anfänglich , mit seinem Erscheinen müßte auch das Herz der Mutter sich in anderen Bahnen zu bewegen lernen ; ich hatte bis dahin die Mutterliebe als den höchsten Impuls des weiblichen Gemütes betrachtet und baute meine schönsten Hoffnungen darauf . Mit einer Wonne ohnegleichen saß ich in meiner nun so stillen Wohnung , und wenn das Schreien des Kindes zu mir drang , dünkte es mich köstlicher als alle Musik , die sonst durch diese Räume geschallt hatte . Aber ich hatte nicht richtig gerechnet . Die Geburt des Kindes schien auf Ruth nur insofern einen Eindruck gemacht zu haben , als sie die Veranlassung wurde , ein möglichst glänzendes Tauffest zu feiern . Während sie noch im Bett lag , schrieb sie eine Menge Bestellungen an Modehändler und Delikateßgeschäfte und plauderte mit nervöser Hast von den Paten , von der Anschaffung eines massiven silbernen Taufbeckens und anderer Dinge . Tante Bendeleben pflichtete ihrem reizenden Kinde eifrig bei , und so wurde denn die Feierlichkeit mit allem möglichen Pomp in Szene gesetzt . Als dies vorbei war , fing die alte Lebensweise wieder an . Sie tanzte , ritt und fuhr , und meine Bitten , meine Vorstellungen , doch nicht die Pflichten der Mutter zu vergessen , wurden übel aufgenommen , und es kam häufig zu kleinen Szenen . Endlich glaubte ich sie dadurch zu zwingen , daß ich meine Begleitung zu den Bällen und Gesellschaften ablehnte , besonders in der Zeit , als das Kind kränkelte . Das erstemal blieb sie schmollend zu Hause und schloß sich in ihr Boudoir ein , später ging sie allein , und ich hatte nichts gewonnen . Ich glaube , daß ich nicht immer das Rechte getroffen habe , um sie auf bessere Wege zu leiten ; aber ich habe mich wenigstens redlich bemüht , dies zu tun , das weiß der Allmächtige . Mit den Damen der Kameraden hatte sie sich meistens sehr schlecht gestellt . Sie hatte ein mokantes Wesen , und das Kapitel der wirtschaftlichen Tätigkeiten , der Kinderstubenereignisse war ihr ein Greuel . Sie machte kein Hehl daraus , daß ihr die Kaffee- und Damengesellschaften im höchsten Grade langweilig seien , und zeigte dies selbst in Gegenwart der Frauen meiner Vorgesetzten so ungeniert , daß sie sich das allgemeine Mißfallen zuzog . Meine Bitten , doch meinetwegen sich gegen diese Damen liebenswürdiger zu zeigen , wurden geringschätzig abgelehnt mit der Bemerkung , sie hoffe nicht , daß in Preußen auch die Frauen der Offiziere unter Subordination ständen . Ich litt sehr unter diesen Verhältnissen , aber sie schien es nicht zu bemerken . Ihre Schönheit , ihr Geist sicherten ihr um so größere Erfolge bei der Herrenwelt , und ich blieb völlig machtlos ihr gegenüber . So standen die Angelegenheiten , da trat Ruth eines Morgens zu ungewöhnlicher Stunde in mein Zimmer . Erregt und hastig teilte sie mir mit , daß sie gezwungen sei , augenblicklich nach Wien zu reisen , weil ihre cidevant Schwiegermutter , die alte Gräfin Satewski , gestorben sei . Sie wollte die Nachricht soeben brieflich erhalten haben . Ich verweigerte meine Einwilligung sofort , weil der Kleine mit fieberglühendem Köpfchen in den Armen der Wärterin lag und unruhig schrie . Ich wünschte , obgleich Ruth sich nicht besonders um das Kind bekümmerte , doch die Nähe der Mutter , in der Hoffnung , daß , wenn es gefährlicher krank werden sollte , die Mutterliebe das flatterhafte , oberflächliche Herz durchdringen , und sie sich der Pflege des Kindes widmen werde . Meine Frau zog sich schmollend zurück . Bald hörte ich , daß die Kammerjungfer das Anspannen bestellte . Ich ging in das Kinderzimmer , der Kleine war ruhiger , und die Wärterin , die ihn singend hin und her trug , meinte , es seien die Zähnchen , die ihn quälten . Da trat Ruth ein , zum Ausfahren gerüstet . » Wo fährst du hin ? « fragte ich , als sie nach einem flüchtigen Blick auf das Kind wieder aus der Tür schreiten wollte . » Nach Bendeleben « , sagte sie nachlässig und mit den Schultern zuckend . » Ich will mir bei meinen Eltern den Rat in dieser Angelegenheit holen , den ich bei meinem Herrn Gemahl nicht finden konnte . « – » Halt ! « rief ich , da ich annahm , daß sie dort von dem Unwohlsein des Kindes nichts erwähnen würde . » Ich begleite dich – einen Augenblick . « Sie schien unangenehm überrascht , konnte jedoch nichts einwenden , und so fuhren wir ab . Als ich in Bendeleben angekommen in den kleinen Salon trat , sah ich Dich , Gretchen , zum ersten Male wieder – so blaß das kleine Gesicht und in tiefer Trauer , schutzlos , ohne Vater und Mutter ! Ich mußte mich unendlich zusammennehmen , um meine Bewegung zu verbergen . Da kam meine Frau schonungslos hervor mit ihrer Anklage , und Dir mußte mit einem Schlage klarwerden , in welch unglücklicher Ehe wir lebten , und wie elend ich geworden war ! – Auf welche Weise sie ihren Willen durchsetzte , hast Du mit angehört . Oh , Gretchen , ich bin schon manchmal recht unglücklich gewesen , aber an jenem Abend , als ich Dich , Deine traurigen Augen sah , und auf der andern Seite die Frau , an die mich törichte Leidenschaft gekettet hatte , da schlug es mit wilden Wellen über mir zusammen – ich war froh , daß sie nicht wieder zur Stadt fuhr , froh , daß sie nach Wien reiste . Wie lange sie blieb und wie wenig sie nach mir und dem Kinde fragte , hast Du wohl gehört . Dann kam sie mit dem festen Entschluß zurück , sich von mir zu trennen . Einmal schrieb sie mir von Wien aus , ich sollte ihr einen Schmuck schicken , den sie dort bei einem berühmten Juwelier modern fassen lassen wollte . Sie gab an , wie ihre Kassette zu öffnen sei , und bemerkte dabei , daß sie ihren Wunsch sehr bald erfüllt zu sehen hoffe . Ich ging in ihr Boudoir , öffnete die große , silberbeschlagene Kassette , die auf dem Tisch neben ihrem Diwan stand – denn Ruth liebte es , in müßigen Stunden mit ihren blitzenden Diamanten zu spielen , wie ein Kind mit seiner Puppe . Ich fand den Schmuck und nahm ihn von seiner dunklen Samtunterlage . Ein Glied des Kolliers war ausgebrochen , und Ruth hatte mir geschrieben , es liege eingewickelt oder in einer kleinen Schachtel in dem zweiten Einsatz des Kastens . Ich hob den ersten Einsatz heraus und suchte zwischen einem Gewirr von Ketten , Perlschnüren und Armbändern , erblickte auch richtig ein weißes Papier , wickelte es auf und fand – Gretchen , was meinst Du wohl ? – fand das Stück aus dem Kollier , gewiß , aber noch etwas – fand ein Stück Papier mit meinen Schriftzügen . Einen Brief an Dich ! – Meine Finger zitterten heftig , als ich das Papier glättete und las . Gretchen , es war der Brief an Dich , auf dessen Antwort ich so vergeblich gewartet hatte – damals kurz vor unserem Bruch . Das Ausbleiben der Antwort hatte mich in jenem Verdacht bestärkt , daß Dein Herz nicht mehr mir gehöre ! – Wie soll ich Dir sagen , was ich empfand , als ich diese Entdeckung machte ! Eine ohnmächtige Wut ergriff mich . Ich habe an jenem Abend heiße Tränen in meinem einsamen Zimmer vergossen über meine Irrtümer , mein verfehltes Leben . Immer und immer wiederholte ich mir den letzten Satz aus Deinem früheren Briefe : » Wilhelm , wenn man Dir je etwas Böses sagen sollte über mich , so wirst Du es nicht glauben . Denn Du weißt ja , daß kein Mensch auf der Welt Dich so treu liebt wie Deine Grete . Ich wäre das elendeste Geschöpf , wenn Du mich einmal weniger lieben könntest als jetzt – aber das ist ja auch unmöglich ! « – An diese einfachen Worte dachte ich immerfort . Dann schwebte mir Dein blasses Gesicht vor mit den traurigen Augen , die mich so fragend , so vorwurfsvoll anblickten . Ein Glück , ein großes Glück , daß sie nicht zu Hause war , die mich um das Teuerste auf Erden betrogen hatte . Gretchen , wie hat sie es nur angefangen , diesen Brief in ihre Hände zu bekommen ? Oh , wieviel Elend hätte es Dir und mir erspart , wäre er richtig bestellt worden ! Und doch , ich konnte ihr nicht allein die Schuld beimessen . Warum war ich so schwach , warum ließ ich mich durch ihre kokette Schönheit blenden ? Ach , ich schäme mich noch , Gretchen , vergib mir ganz , ich habe wirklich schwer gebüßt . Doch weiter . Ruth kehrte zurück , unfügsamer als je , nachlässiger gegen das Kind und mich als früher . Die ganze Reife war überhaupt nur ein Vorwand gewesen . Ich sah aus ihrem Benehmen , wie sehr sie sich danach sehnte , die lästige Fessel abzustreifen . Ihre schönen Augen suchten unablässig nach irgendeinem Vorwande dazu . Wie ein Raubtier erschien sie mir , das jeden Moment zum Sprunge bereit ist . Eines Tages nun kam die erwünschte Gelegenheit . Ruth hatte die Einladung zu einem Diner auf dem Lande angenommen , ich aber abgelehnt . Mir ekelte vor diesem Komödienspiel , ich konnte mich nicht als den glücklichen Ehemann aufspielen , der ich ganz und gar nicht war . Ich saß an meinem Arbeitstisch und schrieb irgend etwas Dienstliches oder an Bergen , ich weiß es nicht mehr . Dann flogen meine Gedanken wieder dahin , wo sie jetzt so oft weilten – zu Dir . Ich nahm Dein Bild aus meiner Brieftasche , zog Deine Briefe aus dem Geheimfache des Schreibtisches und versenkte mich mit ganzer Seele in jene wundervolle Zeit , da sie geschrieben worden waren . Ich hatte alles um mich vergessen , als mich die Stimme des Kleinen , der laut und ängstlich schrie , aufschreckte . Ich eilte durch die Zimmer nach der Kinderstube . Es war nur ein blinder Lärm gewesen , der kleine Bursche saß schon wieder lachend auf dem Schoß der Wärterin . An Deine Briefe denkend , schritt ich rasch zurück und gewahrte , als ich in mein Zimmer trat , die Schleppe von Ruths blaßgelbem seidenen Kleide , die eben hinter der dunklen Portiere verschwand . Sofort eilte ich ihr nach und fragte , ob sie mich zu sprechen wünschte . Sie stand im anstoßenden Zimmer in grande toilette . Sie hatte die kleinen Fäustchen geballt und die dunklen Augen waren mit unbeschreiblicher Wut und Verachtung auf mich gerichtet . Sie fing an , ihre Rolle zu spielen , und fürwahr , sie war eine so routinierte Schauspielerin , daß ich mich im ersten Moment täuschen ließ . » Rühr mich nicht an ! « rief sie mir entgegen , » was willst du von mir ? Ich verlange nicht nach dir . « Und mit rauschender Schleppe verließ sie den Salon , wo ich , nicht wissend , was dies bedeuten sollte , zurückblieb . Bald hörte ich sie fortfahren , und erst am anderen Tage sah ich sie in der Kinderstube wieder . Ich hatte den ganzen Morgen Dienst gehabt und sehnte mich nun , in das Gesicht des kleinen , ahnungslosen Buben zu blicken . Mein Gruß blieb unerwidert . Nach einer Weile sagte sie mir , sie habe mit mir zu sprechen , ob ich zu ihr kommen wolle . Ich ging nach einer Stunde in ihr Boudoir . Sie stand am Fenster und zerriß die Spitzen ihres feinen Taschentuches . » Ich habe es nun satt , dieses Leben an deiner Seite « , leitete sie brüsk unser Gespräch ein . » Ich kann es nicht mehr ertragen , mich getäuscht und betrogen zu sehen . Bisher habe ich immer noch geglaubt , daß ich mich vielleicht irrte . Aber seit kurzer Zeit weiß ich bestimmt , daß man mich hintergeht . Ich will zu meinen Eltern fahren und bitte dich , mich zu begleiten . Ich muß Entscheidung haben , noch heute – auf der Stelle , oder ich werde verrückt . « » Sehr gern « , sagte ich , » obgleich ich vorläufig noch keine Ahnung davon habe , was du mit dieser Rede meinst . Ich glaube aber selbst , daß es gut ist , wenn wir die Entscheidung herbeiführen – ich werde das Anspannen bestellen . « Ich ging , mir den Kopf zerbrechend , was sie mit diesem » getäuscht und betrogen werden « gemeint habe . Dann saßen wir stumm nebeneinander im Wagen , wie hätte ich ahnen können , welche Pläne und Intrigen in diesem schönen Kopfe geschmiedet wurden , der mit der Miene gekränkter Unschuld in den weichen Kissen des Wagens lag ? – Auf welche Weise sie den Bruch herbeizuführen suchte , hast Du selbst miterlebt , Gretchen . Dieser geniale Gedanke war ihr gekommen , als sie tags vorher Deine Briefe auf meinem Schreibtisch liegen sah , während ich einen Augenblick zu dem Kinde gegangen war . Sie benutzte sie vor den erschrockenen Eltern als Beweismittel meiner Untreue , und das Mittel verfing , wie Du ja leider selbst mit ansehen mußtest . Wie namenlos gern hätte ich Dich damals , als Du so leichenblaß in dem Zimmer standest und mit verstörter Miene und entsetzten Augen die Leute ansahest , die sich von Dir wandten wie von einer Verbrecherin – wie namenlos gern hätte ich Dich schützend in meinen Arm genommen und gesagt : » Fürchte dich nicht , ich bin bei dir ! « Aber ich durfte es ja nicht , noch war ich der Gatte einer anderen . – Als Du das Zimmer verlassen hattest , nahm ich aus meiner Brieftasche jenen Brief von mir , den ich in Ruths Schmuckkästchen gefunden hatte , und sagte mit ruhiger , kalter Stimme : » Hier ist noch ein Brief , der dazu gehört und den du gewiß schmerzlich vermißt hast , um die Sammlung vollständig zu machen ! « Sie wurde einen Augenblick sehr blaß und wußte nicht , was sie erwidern sollte . Ich benutzte den Moment der Ruhe und wandte mich zu Frau v. Bendeleben , die noch immer ganz fassungslos schien . Mit dürren Worten sagte ich ihr , daß Ruth schon vor meiner Verlobung mit ihr gewußt habe , daß ich Dich liebe , daß sie Dich aber bei mir verdächtigt habe , daß sie diesen meinen Brief an sich gebracht und unterschlagen habe , damit ich , vergeblich auf Antwort harrend , zuletzt an Deine Untreue glauben sollte . Daß ich diesen gravierenden Zeugen ihrer Handlungsweise neulich in ihrer Kassette gefunden habe , als ich den Schmuck nach Wien schicken mußte ! » Du siehst , liebe Tante « , fügte ich hinzu , » daß das Hervorziehen dieser Briefe und die Miene der beleidigten , überraschten Gattin eine ganz ausgezeichnete Komödie ist , die sie meisterhaft spielt . Es ist aber eine ganz unnütze Anstrengung gewesen . Hätte Ruth nur noch wenige Tage sich geduldet , so würde ich ihr in aller Ruhe den Vorschlag einer Scheidung gemacht haben . Sie hätte sich viel Aufregung dadurch erspart und nicht nötig gehabt , das Schloß meines Schreibtisches zu ruinieren , indem sie mit einem falschen Schlüssel das Schubfach öffnete , in welchem diese mir so werten Briefe lagen . « Damit näherte ich mich dem Tische , nahm die Briefblätter zusammen und barg sie in der Tasche meines Waffenrockes . » Es sind die Briefe einer Braut an den Verlobten « , sagte ich , » begreiflicherweise keine Lektüre für einen Dritten . « Das leidenschaftliche Temperament Ruths brach aber jetzt in vollstem Maße hervor . Scham über die Entdeckung ihrer Lügen , Wut über meine Ruhe und gedemütigter Stolz ließen sie jede Rücksicht vergessen . Die Worte sprudelten ihr unaufhörlich von den roten Lippen , während in den Augen Tränen des Zornes standen , und die kleinen Hände sich ballten . » Ich hasse dich ! Ich verachte dich ! « das waren Ausdrücke , die in tausendfachen Variationen auf mich geschleudert wurden . Ruhig ließ ich sie austoben und wandte mich wieder zu Frau v. Bendeleben . Ich erwartete von ihr ein Wort der Autorität . Ich habe immer viel von ihrem Verstande gehalten . Aber sie saß immer noch da , die Hände gefaltet auf dem Tische , und schien für die Exaltationen ihrer Tochter kein Ohr und für mich kein Auge zu haben . Endlich warf sich Ruth ihrer Mutter zu Füßen und mit einem Schrei barg sie den Kopf in den Falten ihres Kleides . Da stand sie auf , warf mir einen kalten Blick zu und sagte mit lauter Stimme , so daß Ruths Schluchzen sofort verstummte : » Es ist genug ! Es ist ein Glück , daß es so kommt . Ich sage dir nur eines : wenn Ruth , wie du behauptest , gewußt hat , daß du bereits ein Verhältnis mit der Tochter des Pastors Siegismund unterhieltest , so muß sie dich , bei Gott , sehr geliebt haben , daß sie trotz alledem deine Gattin wurde , du Undankbarer ! Und nun verlaß uns , mein armes Kind bedarf der Ruhe . Bendeleben wird mit dem Justizrat R. sprechen und die Scheidung einleiten . « Ich konnte nicht anders , ich mußte laut auflachen , als ich den Korridor entlang schritt , über diese Auffassung der Angelegenheit . Fürwahr , meine Tante ist eine kluge Frau , das ersah ich aus der geistreichen Wendung , die sie der Sache gab ! Aber der Mann kämpft vergebens mit allen Waffen der Logik gegen die selbstgeschaffenen Ideen einer Frau . Ich versuchte auch nicht , meine Tante eines Besseren zu überzeugen , sondern ging zu dem Baron . Diesen traf ich in feindlichster Stimmung an . Er machte mir die heftigsten Vorwürfe , daß ich so wenig Standesbewußtsein gehabt habe , um ein bürgerliches Mädchen heiraten zu wollen . Er sagte , daß ich durch diese Liebschaft ihn blamiert , seine Tochter unglücklich gemacht habe , und noch verschiedenes , was ich Dir nicht wiederholen will . Auf Dich war man ebenfalls sehr böse , mein Gretchen . Du armes Mädel hättest eben in Deiner Stellung auf dem Schloß kein Herz haben dürfen . Und doch pochten unsere jungen Herzen rascher , als wir einander sahen , und die Liebe , der es ja ganz gleichgültig ist , ob eine Krone über dem Namenszug beider prangt , oder ob diese auf einer Seite fehlt , zog uns zueinander hin . Und das soll ein Verbrechen sein ! Ich schied von meinem Onkel , ohne mich zu einer Verteidigung meiner Handlungsweise herbeizulassen , wie er wohl gehofft hatte . Nur sagte ich ihm , daß ich die Scheidung beantragen und demzufolge mit meinem Anwalt schon morgen sprechen würde . Er stutzte einen Augenblick , und den Eklat fürchtend , schlug er mir eine längere Trennung von meiner Frau vor : sie könne unter dem Vorwande ihrer wankenden Gesundheit längere Zeit auf Reisen gehen , und die Gemüter würden sich dann vielleicht beruhigen . Später sei eine Versetzung in eine andere Garnison möglich , und Ruth werde mir die Täuschung vergeben und ruhiger werden . » Ich habe Ruth nicht getäuscht « , sagte ich , » sie hat mir gar nichts zu vergeben . Ich habe nichts dagegen , wenn sie verreist , kann aber leider den einmal gefaßten Entschluß der Scheidung nicht zurücknehmen , da ich in meiner Ehe zu der festen Überzeugung gelangt bin , daß unser Verhältnis nicht besser , wohl aber immer unglücklicher werden wird . Es ist also das beste für Ruth , das beste für mich , und ich tue , wie gesagt , morgen den ersten Schritt in dieser Angelegenheit . « » Gut « , sagte mein Onkel und verbeugte sich , aber er war leichenblaß dabei . » Ich will nicht hindernd in den Gang dieser traurigen Geschichte eingreifen . Ich werde veranlassen , daß meine Tochter abreist , und werde meinerseits ebenfalls meinen Rechtsanwalt beauftragen – und somit hätten wir uns für jetzt nichts mehr zu sagen , sollt ' ich meinen ? « – » Nichts , Onkel « , sagte ich , nahm meine Mütze und ging . Was nun folgt , kennst Du . Ich brachte Dir mein Kind , die Scheidung wurde eingeleitet , und an jenem Tage , vorgestern , als meine Tante Dir das Kind abnehmen wollte , hatten Ruth und ich morgens die letzten Termine , zuerst bei dem Prediger , der auch unser Kind getauft hatte , dann vor Gericht . Ich trat schweren Herzens in das Zimmer des alten Geistlichen . Es war zwar nur eine leere Formalität zu erfüllen , aber gerade diese formelle Notwendigkeit ist unter Umständen äußerst peinlich . – Kaum hatte ich Zeit gehabt , den würdigen Herrn zu begrüßen , als ein Wagen vorfuhr und gleich darauf die Frau v. Eberhardt hereinrauschte , so schön , so frisch und mit so strahlendem Lächeln , als ob sie einen freundschaftlichen Besuch machen wollte . » Ah , guten Tag , mein Freund ! « rief sie mir in vollkommen unbefangenem Tone zu , begrüßte den Geistlichen , sprach in seine wirklich ergreifende Rede hinein und klappte ihr Sonnenschirmchen auf und zu . Zuletzt gähnte sie ganz herzhaft , indem sie in echt wienerischem Dialekt , den sie manchmal bei besonders guter Laune annahm , bemerkte : » Ja , schaun ' s , Hochwürden , das ist alles recht schön , ' s hilft aber doch nicht , ' s bleibt alles beim alten . Wir haben halt beide keine Lust mehr zueinander – gelt , Eberhardt ? « » Und Ihr Sohn ? « fragte ganz entrüstet über diese leichtfertige Äußerung der Geistliche . » Wollen Sie das Kind , das Gott Ihnen anvertraut hat , nicht lieber unter dem Schutz beider Eltern aufwachsen sehen ? Soll das Kind den Segen eines geordneten Familienlebens entbehren ? Oh , überlegen Sie ! « » Ei , mein Sohn wird von seinem Vater mehr geliebt , als es zehn Mütter imstande wären . Höchstens kann ' s ihm schaden , wenn er sieht , daß von den Eltern eins nach hier strebt , das andere nach dort – es ist besser so . « Sie stand auf und legte ihre Hand auf den Arm des Geistlichen , der sie ganz entrüstet betrachtete . » Leben Sie wohl , Hochwürden ! Haben Sie Dank für Ihre Mühe ! Ich muß jetzt noch einige Besorgungen machen und nachher ist noch Termin – auf Wiedersehen , mein Freund ! « nickte sie mir zu , machte ihre graziöse Verbeugung und war aus der Tür . Der alte Mann stand da mit einem Gesicht , aus dem Ärger und Besorgnis zugleich sprachen . Er hatte gewiß schon manches Ehepaar in dieser Situation vor sich gehabt , hatte schon schmerzliche Reue und häßliche Verstocktheit dabei kennengelernt , aber diese Auffassung war ihm gewiß noch nicht vorgekommen . Er drückte mir nach ein paar Augenblicken des Schweigens die Hand und sagte leise : » Es ist besser so , mein Herr , sie hat recht . « – Vor Gericht ging es ungefähr ebenso . Mein Anwalt beanspruchte das Kind für mich , und sie war sofort bereit – doch das weißt Du ja . Als ich vorgestern nach minutenlanger , schweigender Fahrt neben meiner Tante durch den Korridor des Schlosses schritt , um in das Zimmer meines Onkels zu gelangen , hörten wir Klavierspiel – eine Masurka , so exakt , so schwungvoll , wie eben nur Ruth diesen reizenden polnischen Tanz zu spielen versteht . Ich sah sie im Geiste dasitzen mit blitzenden Augen und dem bezaubernden Lächeln um den kleinen Mund . Frau v. Bendeleben blieb unwillkürlich stehen und preßte die Hand gegen die Brust . Sie war leichenblaß , dann fragte sie den alten Johann , der uns entgegenkam , seit wann die junge Frau zurückgekehrt sei und ob Besuch im Saale wäre . Aber noch ehe der Diener antworten konnte , verstummte das Klavierspiel , und Ruths glockenhelle Stimme trällerte eines jener kleinen französischen leichtsinnigen Chansons , die in heiterer Gesellschaft aus dem Munde einer schönen Frau geradezu berauschend wirken , mit diesen Verhältnissen aber häßlich kontrastierten . Ein langer Triller , der wie schalkhaftes Lachen klang , beschloß den Gesang . Ich kannte dieses Lied zur Genüge , Ruth hatte es oft in