, wo er einen Platz sich erst suchen mußte , der seinen Neigungen entsprach , aber auch seinen Kräften , seinem Können . Es ist heutzutage wahrhaftig nicht leicht , etwas zu finden , und er hatte ja auch in diesem erzwungenen Müßiggang die Kräfte erlahmen lassen . Das Kind würde nie gesunden , aber Doktor May hatte noch bei seinem letzten Besuche gestern gesagt , er habe eine Rassekonstitution , der Kleine , er werde leben bleiben , und vielleicht , wenn die chronische Entzündung vorüber , könne man es versuchen ihn das Gehen an Krücken zu lehren . Und dann hatte er Heinz auf die Schulter geklopft und hinzugefügt . „ Er kann Ihnen auch so Freude und Ehre machen , er hat Kopf , er denkt . – Man muß immer auf Ueberraschungen gefaßt sein im Leben . Hätt ’ ’ s auch nicht geglaubt von meiner Aenne , daß sie ’ mal – na – – guten Morgen Herr von Kerkow ! “ Heute lag der gute alte Mann dort unten starr und kalt ! – Und Aenne kam nach Hause , an sein Totenbett , Aenne , die es zu etwas gebracht hatte im Leben . Heinz aber las , seitdem ihr Name in den Blättern genannt wurde , nie mehr die Rubrik „ Kunst und Wissenschaft “ in der Zeitung . Dies junge zarte Mädchen hatte ihn beschämt , aus eigner Kraft hatte sie sich losgerissen von einem Mann , den sie nicht liebte , hatte sich trotzig auf ihre kleinen Füße gestellt mit einer Sicherheit , die staunenswert war . Ebenso arm und aussichtslos wie er , hatte sie es gewagt , den Kampf mit dem Leben aufzunehmen und – hatte gesiegt er war tot lebendig tot ! Und dazu bemächtigte sich seiner in dieser Einsamkeit zu zweien – er und das kranke Kind – eine unheimliche Angst . Er dachte beständig an die Schwester im Irrenhause , und dann kamen Stunden , furchtbare Stunden , die er mit sich allein durchkämpfte , denn Hedwig mochte er nicht ängstigen durch den Gedanken , daß auch er – ? Das Mädchen that ihm so leid , aber er verstand sie nicht mehr , und sie nicht ihn Sie war womöglich noch niedergedrückter als er . Im Anfange hatte sie noch versucht , ihn zu ermuntern , hatte dies und jenes ihm vorgeschlagen . Ohne es zu wissen , bereitete sie ihm damit nur eine unerträgliche Pein . So knüpfte sie einmal ihre Ratschläge an seine dichterischen Neigungen , denen er sich bereits als Kadett hingegeben hatte . Ob er die Verse noch habe , die er zuweilen heimgeschickt , fragte sie ihn . Sie bewahre mehrere davon auf , ob sie es einmal an ein litterarisches Blatt senden dürfe ? Sie sei überzeugt , es werde reüssieren . Er hatte darauf gelacht wie toll , so toll , daß ihm die Thränen in die Augen getreten waren , hatte sie auf die Schulter geklopft und gesagt . „ Guter Kerl , gieb dir keine Mühe ! “ „ Wenn du die Verse gleich illustriertest , “ war ihre schüchterne Einwendung gewesen . „ Weiter nichts ? Na , laß nur gut sein , mir thut der Kopf ’ weh vom Lachen ! “ Und er sah sie an mit einem Blick , in dem so viel Schmerz und Pein lag , daß sie erschrocken schwieg . Ach , diese Oede ! Diese Wüste , die vor ihm lag , vor ihm , dem Schloßhauptmann von Kerkow ! Wenn endlich die Zeit um sein würde und seine Kräfte verbraucht , dann pensionierte man ihn wahrscheinlich mit dreihundert Thalern . – Das einzige , was ihn noch retten könnte , war ein Krieg , aber trotz all dem Revanchegeschrei von drüben und aller sonstigen drohenden Anzeichen – es blieb Friede . Gott sei Dank , mochte er bleiben ! Um einer verpfuschten Existenz aufzuhelfen , dazu waren doch schließlich die Kriege nicht da ! Und dann das Kind , und wieder das Kind ! Hede besaß solch ’ komische Art , mit dem kleinen Menschen umzugehen , der die ganze verbitterte , gleichgültig ironische Art des Vaters angenommen hatte , sie wollte ihn behandeln wie die pausbackigen Oberförsterkinder , die noch an Märchen glaubten . Heini liebte die Märchen nicht , „ denn ich weiß besser , daß es keine Zauberer giebt , es geht alles natürlich zu , “ erklärte das fünfjährige Kind . „ Es giebt auch keine guten Feen , denn wenn ’ s solche gäbe , hätte Papa eine zu mir geschickt , die mich gesund machen könnte . Er wollte von Tante Hede „ wirkliche Geschichten “ , und die Qualen , die der Dauphin von Frankreich erlitten , konnte er immer wieder hören . „ Seinen Papa hat man geköpft , “ sagte er , „ ich habe meinen Papa , der kleine Ludwig war viel schlimmer dran als ich , Tante Hede , und war doch ein Prinz ! “ Die Tante , die aus der gesunden Kinderstube des Oberförsters kam , fror es in dieser Atmosphäre von Krankheit , Resignation und Altklugheit . Und doch , das Kind hatte so rührende Züge ! Um seinen Vater nicht zu stören , konnte es stundenlang Schmerzen erleiden , ohne zu klagen , konnte ein Uebelbefinden geradezu verheimlichen . Seitdem Heinz Kerkow von seiner Frau verlassen war und sich gewöhnt hatte , stundenlang in dumpfem Brüten zu verharren , eine Cigarre nach der anderen dabei rauchend , hatte das Kind eine zärtliche Rücksicht für ihn , so , als sei der große Mann der Kranke , der gepflegt und geschont werden müßte . Warum hast du die Dame nicht abgeholt , Papa ? “ fragte er jetzt plötzlich , „ und was ist denn das für eine traurige Mitteilung , die du ihr nicht machen willst ? “ Heinz kam zu seinem Sohn herüber und faßte dessen Hand . „ Mein Junge , du mußt es ja auch wissen , “ sagte er , „ dein guter Onkel Doktor ist gestorben . Er war alt und müde und ruht nun aus – das ist der Lauf der Dinge . “ „ Der Lauf der Dinge “ , sprach Heini nach . „ Als Großtante Gruber starb , sagtest du das auch . “ „ Ja , Heini , das Leben macht müde das Alter ist der Abend , und wenn die Nacht kommt , schlafen wir . “ Heini nickte . „ Ich bin sehr traurig , Papa , ich hatte ihn lieb . “ [ 263 ] „ Ich auch , Heini , sehr lieb , und nun kommt seine Tochter , und Tante Hede sagt ’ s ihr , daß ihr alter Papa schläft . “ „ Kennst du die Tochter , Papa ? “ Heinz streichelte das Blondköpfchen : „ Ja , mein Junge , und du kennst sie auch . “ „ Nein , Papa ! “ „ Doch , Heini ! “ Sie hielt im Sommer das Glas Milch , damit du trinken solltest – erinnerst du dich ? “ „ Ja ! Nun wird sie wieder weinen ; du hättest hinfahren sollen , Papa . “ „ Nein , Heini , ich mag nicht sehen , wenn sie weint . “ „ Kannst du sie denn nicht leiden ? “ Heinz blieb die Antwort schuldig . – Nach Tische , als der Kleine schlief , stand er wieder am Fenster und wartete auf die Rückkehr des Wagens . Er hatte auch den Schloßgärtner holen lassen und ein paar Palmenzweige bestellt , so schön sie da waren . Dann fiel ihm ein , daß er zum Begräbnis gehen müsse – Begräbnisse boten jetzt die einzige Abwechslung in seinem Leben – und da würde er Aenne sehen . Vielleicht schloß er sich auch erst auf dem Kirchhofe an , vielleicht auch vermißte man ihn gar nicht ! Endlich sah er den Wagen heraufkommen längs der Parkmauer , sah ihn über den Schloßplatz rollen und vor dem Hause des Medizinalrats halten . Eine Gestalt stieg aus und verschwand in der Hausthür , der Wagen wandte um und fuhr langsam den letzten steilen Weg hinan . Aenne war heimgekommen ! Arme Aenne , sie hatte den alten Mann so kindlich geliebt und verehrt ! Hede trat bald darauf in das Zimmer , sie hatte verweinte Augen und gab ihm stumm die Hand . „ Sie läßt dir danken für den Wagen , “ sagte sie endlich . „ Wie ist es euch ergangen unterdes ? War der Tisch ordentlich besorgt ? “ „ Ich glaube – ja – es war alles in Ordnung . “ „ Dann auf Wiedersehen beim Thee , ich will ein wenig ruhen . Sie ging in ihr Zimmer . Sie war Aenne zum erstenmal begegnet , und die Erscheinung des jungen Mädchens , der Zauber ihres Wesens hatte sie gleich gefangen genommen wie die angstvolle Frage in den großen feuchten Augen , als sie ihr entgegentrat , wie die schlichte , gefaßte Art , mit der sie die bittere Nachricht aufnahm . „ Meine arme Mutter , “ hatte sie gesagt mit einem Aufschluchzen und dann mit ihrer halb heiseren Stimme zum Kutscher : „ Nicht wahr , Sie fahren recht schnell ? “ Und während des ganzen Weges nur noch einmal . „ Haben Sie meine Mutter gesehen ? Bekümmert sich denn jemand um sie ? Ach , wäre ich erst daheim ! “ „ Günther befand sich bei ihr , als ich sie verließ , hatte Hede erwidert , aber sehr gepreßt . „ Ach , das ist gut , das ist gut ! “ war die Antwort gewesen , und erst dann kamen die Thränen geflossen . Ja , was war sie neben diesem Mädchen , sie , die arme Hede Kerkow mit ihren fünfunddreißig Jahren ? Er hatte jene geliebt , er liebte sie noch , und sie wunderte sich , daß er andere nicht bemerkte ! Es war etwas wie Ruhe über sie gekommen , die Ruhe , die man einer unabänderlichen Thatsache gegenüber empfindet , ein Strich unter alle ihre thörichten Wünsche und Hoffnungen , die sie sich selbst kaum eingestehen mochte . Nur eines sollte die Vorsehung ihr gewähren – daß sie Heinz dem Leben wieder gewinnen könne . Den alten Herrn hatte man zur Ruhe bestattet . Schon acht Tage waren seitdem vergangen , die Kinder waren noch vollzählig versammelt um die Mutter , die sich in ihrem Jammer nicht zu finden vermochte in das Leben einer Witwe . Der Lieutenant und der Referendar wollten noch über das Weihnachtsfest bleiben , und es gab ja auch noch manches zu besprechen mit der alten Frau , wozu sich bis jetzt der passende Augenblick nicht gefunden hatte . Angenehmes war es natürlich keineswegs . Tante Emilie , die zwölf Stunden später als Aenne in Breitenfels eintraf , gerade noch recht zum Begräbnis – sie hatte doch die kleine Wohnung erst versorgen müssen auf längeres Fernbleiben – war mit Rat und That um die ganz aus den Fugen gekommene Schwägerin bemüht , trotzdem ihr selbst das Herz um den Goldbruder recht weh that . Die alte Frau klammerte sich krampfhaft an ihre Tochter , und Aenne war so mild und geduldig , so tröstend , wie nur sie sein konnte . Sie schlief neben der Mutter , sie hörte das nächtelange Weinen und Jammern und nahm klaglos die Vorwürfe hin , daß sie gefühllos sei , wenn der Jugendschlaf sie überwältigte unter dem Stöhnen der alten Frau . Heute fühlte sie sich , die allezeit Aufrechte , die ja doch selber so heißen Schmerz um den Vater empfand , nach einer ganz durchwachten Nacht aber so müde und ruhebedürftig , daß sie hinausschlich in ihr kleines Stübchen und es Tante und Brüdern überließ , mit der Mutter auf ein paar Stunden allein fertig zu werden . Frau Rat war jetzt in ein neues Stadium , in das der Bitterkeit , geraten . „ Wär ’ ich nur gleich gestorben , “ klagte sie wieder und wieder , „ läg ’ ich auch nur gleich da drunten , dann hätten meine Kinder doch die große Last nicht , die so ein armes , verlassenes , altes Tier verursacht wie ich es bin ! “ Der Lieutenant , der etwas von ihrem Temperament besaß , legte das Wochenblättchen hin , in dem er gelesen , und nervös mit dem Finger seinen Halskragen lockernd , sagte er . „ Von uns hat sich noch keiner beklagt , Mutter , noch keiner gesagt , daß du eine Last bist . „ Du mußt in deinem Schmerz auch nicht ungerecht werden . “ Es war so in der Dämmerung zwischen vier und sechs Uhr , eine Lampe brannte noch nicht , draußen stöberte der Schnee . „ Hat einer von euch gefragt , Mutter , wo wirst du dein Haupt hinlegen ? antwortete sie grollend aus ihrem Lehnstuhl am Ofen . Keiner hat das gethan . Ihr lebt hier so hin , als wäre gar nichts passiert . “ „ Wenn wir das thaten , “ lautete die gereizte Antwort , „ so geschah es überhaupt nur aus Zartgefühl – wir ehrten deine Trauer . Da du nun aber von selbst darauf zu sprechen kommst , Mama , so können wir das Thema gleich erörtern . Wo ist denn Aenne ? “ „ Oben ! “ antwortete Tante Emilie , „ sie schläft ein bißchen , laßt sie doch ! “ Aber in diesem Augenblicke klinkte die Stubenthür und die schlanke dunkle Gestalt des jungen Mädchens glitt wie ein Schatten in das Zimmer . „ Na , da bist du.ja ! “ sagte der Lieutenant , „ wir wollten dich eben rufen ; man muß doch ’ mal darüber reden , was nun werden soll . “ „ Ist Mutter hier ? “ fragte sie , „ in der Dunkelheit kann ich gar nichts sehen . “ „ Wo soll ich denn anders sein ? “ stöhnte die alte Frau aus ihrer Ecke heraus . „ Setze dich nur , Aenne , “ eröffnete der Lieutenant die Unterredung , „ wir brauchen kein Licht . Es ist eben von Mutter die Frage aufgeworfen worden , was nun werden soll mit euch . In diesem Hause werdet ihr ja leider nicht bleiben können , aber in der Nähe , dächte ich , müßte es doch Wohnungen geben ? “ Die Witwe begann bitterlich zu schluchzen . „ Weine doch nicht , Muttel “ , tröstete Aenne . „ Ein Vierteljahr bleibst du jedenfalls noch hier wohnen , und nachher kommst du selbstverständlich zu mir . “ „ Das heißt – du kommst zu Mutter , “ erklärte der Referendar , der bis jetzt geschwiegen hatte . Aenne antwortete nicht . „ Oder willst du etwa , daß sich Mutter noch auf ihre alten Tage an eine Großstadt und eine vier Treppen hoch gelegene Wohnung gewöhnen soll ? “ „ Dann nur lieber gleich tot ! “ erklärte Frau Rat . „ Ach , hätte der Vater mich doch mitgenommen ! “ „ Aber , Mutter “ , bat Aenne , „ werde doch nur erst ruhiger , es ist ja doch heute noch nicht nötig , einen Beschluß zu fassen ! “ „ Ja , ja , ich habe alles vorher gewußt ! Selbst die einzige Tochter ! “ rief sie laut weinend . „ Mutter , “ sagte jetzt das Mädchen mit fester Stimme , „ wenn ich nun verheiratet wäre , würdest du dann auch verlangen , ich sollte hierher nach Breitenfels kommen ? Nicht wahr – dann kämest du doch zu mir , ganz selbstverständlich zu mir . “ [ 266 ] Die alte Frau hörte einen Augenblick zu weinen auf . „ Du bist aber doch noch nicht verheiratet ! “ warf sie ein wie ein eigensinniges Kind . „ Aber ich habe meinen Beruf , Mutter , einen Beruf , dem ich Jahre meines Lebens opferte , der mich ernährt und beglückt , an den ich gebunden bin wie an einen Mann . „ Ach so – das geht natürlich vor ! “ klang es bitter . „ Aber würdest du denn von Robert oder Walter verlangen , daß sie ihren Beruf aufgeben und hier bei dir bleiben ? “ „ Blech ! “ scholl die Stimme des Referendars aus dem Winkel . Der Lieutenant räusperte sich . „ So bist du also auch eine von den Frauenrechtlerinnen geworden , die unser Familienleben verderben ? “ sagte er gereizt . „ Der Beruf der Frau liegt innerhalb der Familie – die Tochter gehört zur Mutter ! “ „ Habe ich das bestritten ? fragte Aenne . „ Bis zu meinem letzten Hauch werde ich ihr gehören , ich kenne keine heiligere Pflicht . Und in dem letzten Brief , den der Vater an mich schrieb , vielleicht unter der Ahnung seines Todes , da steht : ’ Nicht wahr , Aenne , du bleibst mit Mutter zusammen ? ’ Er hätte die Mahnung nicht nötig gehabt , auch ohne sie würde meine Kindesliebe wissen , was sie zu thun hat . Aber ich meine doch , daß diejenige von uns , die nur noch ausruht vom Leben , der andern , die mitten darin steht , wirkt und schafft , die da kämpft um ihre Existenz , sich fügen würde . „ Na also , geh ’ doch nur , “ lamentierte die alte Frau , „ kannst ja gleich gehen , ich habe es dir sofort angemerkt , daß dir der Boden hier unter den Füßen brennt . “ „ Lieber Gott , ich kann doch nichts dafür , daß der Vater uns keine Reichtümer hinterlassen hat , “ sagte das Mädchen . „ Ja , wenn ich recht reich hinterblieben wäre , dann würdest du wohl stillsitzen bei der alten Mutter , aber so ein altes Bettelweib mit fünfhundert Mark Pension – das mag doch allein zusehen , wie es fertig wird ! “ „ Du hast ganz recht , “ sagte Aenne fest , aber merklich heiser , „ eben weil wir arm sind , muß ich hinaus und darf deine fünfhundert Mark nicht noch mit aufessen , sie werden ohnehin kaum für dich langen . Die Stimme erstickte ihr vor Aufregung und sie ging schnell hinaus . Tante Emiliens zur höchsten Empörung gereiztes Organ scholl hinter ihr her . „ Seid ihr denn nur alle ganz von Gott verlassen ? “ rief die alte Dame . „ Ist denn ein Mädchen , weil es nicht geheiratet hat , gerade nur gut genug , um dahin gestoßen und geschubbt zu werden , wohin es die eigensinnige Frau Mutter und die freundlichen Herren Brüder für gut befinden ? Hat sie sich dafür gequält mit ihren Studien , Tag und Nacht , um fortan hier in Breitenfels zu versauern ? Glaubt ihr denn nicht , daß sie an ihrem Beruf hängt , oder habt ihr so wenig Verständnis , so wenig Achtung vor der Kunst ? Glaubt ihr denn , ihr Egoisten , ihr werdet sie vor Armut und Not bewahren können , wenn sie ihre Kräfte jetzt nicht nutzt – ihr beiden armen Teufel , die ihr selbst nichts habt – die ihr nie gegeben , nur immer genommen habt , auch die sauer verdienten Groschen des armen Mädchens ! “ „ Bitte , ereifere dich nicht , “ unterbrach der Lieutenant sie kühl , „ und werde nicht ausfallend ! Wer spricht denn davon , daß Aenne ihr Gelerntes und ihre Kunst nicht ferner verwerten soll ? Ihre Konzertreisen kann sie doch von hier aus ebenso gut machen wie von Dresden aus , das ist meine Meinung . „ Das kann sie nicht ! “ schrie Tante Emilie mit einer Stimme , wie man sie ihr nie zugetraut hätte , „ sie muß in der Kunst leben , sie muß Musik hören , gute Musik ; sie will weiter streben , weiter lernen , das geht nicht hier , und kurz und gut , ich habe das Kind ausbilde lassen und habe infolgedessen auch ein Wort mitzureden ! Aenne geht zurück nach Dresden , und wenn die Mutter vernünftig ist , so folgt sie ihr – wenn nicht , dann bleibt sie allein hier , oder einer von euch quittiert und zieht zu ihr , denn ihr seid ihre Kinder so gut wie Aenne – das habe ich gesagt ! Frau Rat war still vor Entsetzen , auch die beiden Söhne schwiegen ; Walter , der Referendar , murmelte nach einem Weilchen : „ Verrückte Weiberwirtschaft ! “ Als aber plötzlich das Weinen der Mutter aufs neue begann , da kam er leise herüber zu seinem Bruder und flüsterte ihm zu . „ Du , laß uns nur ’ mal fortgehen , ich schnappe hier über ! Und so konzentrierten sie sich beide rückwärts und gelangten unbemerkt auf die Straße . Als Frau Rat aus ihrem Weinanfall wieder zu sich kam , stand Aenne neben ihr . „ Bitte , Mama , setze dich an den Tisch , es ist ein Brief gekommen – Tante bringt gleich die Lampe “ . Und sie nahm freundlich die Hand der Mutter und leitete sie zum Sofa . „ Mein gutes , altes Muttel “ , sagte sie leise und küßte sie . Aber Frau Rat fand sich zu schwer gekränkk , sie erwiderte den Kuß ihres Kindes nicht . Ein paar Minuten später war das Zimmer erleuchtet und die alte Frau las den Brief mit dick verweinten Augen . Es war ein Schreiben aus der Herzoglichen Kammer , wonach der Witwe des verstorbenen Medizinalrats May das unentgeltliche Wohnungsrecht in dem Hause , das sie bisher mit ihrem Manne inne gehabt habe , durch des Herzogs Gnade bis an ihr Lebensende verliehen sei . „ Doch einer , der Mitgefühl hat , “ sagte sie , „ doch einer ! “ Aenne rührte sich nicht . Sie hatte eine Handarbeit genommen und nähte . Nun war ihre Sache ganz verloren , das fühlte sie . „ Ihr freut euch wohl gar nicht ? “ fragte die Mutter scharf . „ Ach , Mama , “ antwortete Aenne , „ ich kann mir ja denken , wie schwer es sein muß , von einem Ort fortzugehen an dem man so lange Jahre glücklich war ! Jetzt – freilich – wirst du hier bleiben ? “ „ Und du also zu mir kommen ? “ Aenne sah sie nur groß an , und plötzlich mußte die Mutter den Blick senken vor diesen stillen , ernsten Mädchenaugen . „ Es ist deine Pflicht “ , murmelte sie verlegen . „ Ja , Mutter , und sie wird mir leicht werden , denn ich habe dich sehr lieb , “ sagte Aenne herzlich . „ Ich habe keine Kinder gehabt , “ brummte Tante Emilie , „ aber so viel verstehe ich denn doch davon , daß Pflichten immer gegenseitig sind . “ „ Tante ! “ bat Aenne . „ Was hat sie gesagt ? “ forschte Frau Rat mißtrauisch . Das Klingeln der Hausthür enthob Aenne einer Antwort , dann brachte das Dienstmädchen eine Visitenkarte herein . , Dr .. med.Lehmann , praktischer Arzt ’ , stand darauf . Frau Rat wußte von ihm nur , daß er sich vor einiger Zeit im Städtchen niedergelassen hatte . Sie sagte dem Mädchen , sie lasse den Herrn Doktor bitten , einzutreten . Aenne erhob sich , um hinauszugehen , aber die Mutter rief ihr ungeduldig zu , sie solle bleiben Tante Emilie ließ sich indes nicht halten . Doktor Lehmann trat herein , ein junger , etwas untersetzter Herr , dem die Mensurschramme über der linken Wange gut zu der frischen Art seines Auftretens stand und dem es sichtlich schwer fiel , seinen offenen lebenslustigen Zügen den von der Situation geforderten Ernst zu geben . Nach mehreren Höflichkeiten über den Tod des verehrten Herrn Kollegen rückte er heraus mit dem , was er wollte . Er habe gestern abend vom Rentmeister gehört , daß die verehrte Frau Rat hier wohnen bleibe . Nun komme er , zu fragen , ob vielleicht Frau Rat geneigt sei , ein paar Zimmer an ihn zu vermieten . Sie möge ja entschuldigen , daß er schon jetzt , während der tiefen Trauer , danach frage , indessen der nahe Kündigungstermin treibe ihn dazu , und in der untern Stadt seien bereits mehrere Kollegen ansässig , und Frau Rat wisse auch wohl , daß es einem Anfänger immer recht schwer gemacht werde , und so hoffe er – Aenne stand plötzlich auf und ging hinaus . Es war ihr peinlich , zu hören , wie seine Bitte abgelehnt wurde , und daß die Mutter ablehnen würde , glaubte sie bestimmt . Sie setzte sich , in ihren Schmerz versunken , in der Küche auf den Stuhl am Herd , auf dem sie schon als kleines Mädchen so gern gesessen hatte , um in die zuckenden , spielenden Flammen zu schauen sie hatte so oft in Dresden von diesem traulichen Plätzchen geträumt . Heute wanderten ihre Gedanken von hier nach Dresden , in ihr liebes kleines Heim unterm Dach , wo sie so viel gelernt hatte , unter anderem auch , wie man sein thörichtes , sehnsüchtiges Herz bezwingt , wie man zufrieden wird . – Fahr ’ wohl , du schönes Leben voll Arbeit und frischer Schaffenskraft ! Was wird ihre Lehrerin sagen ? Was alle die Konzertunternehmer , denen sie sich verpflichtet hatte auf ein Jahr hinaus ? Ein Weilchen würde es ja gehen von hier aus , aber dann – dann würde es heißen die May schreitet nicht mehr vorwärts , dann wird sie so langsam verschwinden aus dem Gedächtnis der Arrangeure und des Publikums , und dann [ 267 ] fängt die große Oede und Einsamkeit an . Sie würde dann hier Gesangstunden geben , den Töchtern der Oekonomen aus der untern Stadt und von den umliegenden Gütern , die wollen dann Lieder von Abt singen und werden Brahms scheußlich finden und wenn ’ s Glück gut ist , darf sie bei ein paar Konzerten in der Kreisstadt mitwirken . Tante Emilie trat zu ihr . „ Verliere den Mut nicht , Kind ! Man ißt nichts so heiß , wie es gekocht wird . “ Aenne nickte . „ Ich hab ’ ’ s dem Vater versprochen , Tante , und Mutter kann auch nicht immer allein sein , ich dachte nur , sie hätte mich so lieb , daß sie – – aber es ist wahr , es ist ein unbilliges Verlangen von mir gewesen . “ „ Laß nur , “ tröstete die Tante , „ ich bin alt und bleibe bei ihr , und du bist ein verständiges Kind , du gehst allein ins Leben hinaus . Sie werden sich das alles noch überlegen , die Mutter und die dummen Jungen dazu , die haben ’ s doch gern genommen , wenn du ihnen was schicktest , und werden ’ s vermissen . Aenne schüttelte den Kopf . Nein , Tante , ich will der Mutter den Lebensabend nicht verbittern , es war ja nie nach ihrem Sinn , daß ich hinausging , sie hat immer Kummer um mich gehabt . „ Natürlich , du solltest heiraten und thatest es nicht . “ Aenne seufzte . „ Reden wir nicht mehr davon , Tante ! “ bat sie . Nun hörten sie , wie die Stubenthür ging und wie die Mutter den Gast hinausbegleitete . Nach einem Weilchen trat sie in die Küche , es lag auf ihrem Gesicht zum erstenmal wieder ein Ausdruck , der an die thätige wirtschaftliche Frau von früher gemahnte . „ Ich habe die Zimmer vom Vater vermietet , “ sagte sie , „ Neujahr zieht er ein , natürlich – vorbehaltlich der Genehmigung der Herzoglichen Kammer . Aenne erbleichte . „ Vaters Zimmer – vermietet ? “ stotterte sie , „ Vaters Zimmer ? “ „ Mit den Möbeln – was soll man machen , um durchzukommen ? “ Keine der beiden Ueberraschten antwortete ; Aenne verstand ihre Mutter nicht . Eben noch der Kampf um ihr Dasein , jetzt das schnelle Preisgeben der Wohnräume des Verstorbenen an einen Fremden – – „ Es ist doch besser , ich habe einen Schutz im Hause , “ fuhr die Rätin fort , „ als wenn wir Frauensleute so allein wohnen – und sie schalt zum erstenmal wieder auf das kleine Dienstmädchen , weil der Wasserkessel beinahe leer auf dem Feuer stand . In ihrem Herzen war wieder eine Hoffnung aufgegangen – der Doktor hatte Aenne so bewundernd nachgeblickt , als sie hinausging . Aenne aber stieg hinauf in ihr Stübchen ; sie lehnte die Stirn an die Scheibe und Thränen flossen ihr aus den Augen , so daß das einsame Licht in dem Erkerfenster des Schlosses droben zu allerlei Gestalten verschwamm vor ihren Blicken . Und der dort bei dem Lichte saß – der war noch unglücklicher als sie . Und auf einmal erfaßte sie ein thörichtes , riesengroßes Verlangen , neben ihm zu sitzen , den Kopf gegen seine Schulter zu legen und unter Thränen zu sagen : „ Ach , wir beide , Heinz , wir beide – was ist aus uns geworden ! “ Aber dann würde er sie ansehen so gleichgültig und kalt und fremd wie am Begräbnistage . Es fror sie plötzlich , die kleine Aenne May , und sie schlich hinunter in die Wohnstube zu Mutter und Geschwistern und saß da mit wehem Kopf und hörte , wie die Brüder es sehr vernünftig fanden , daß Mutter den Doktor als Mieter angenommen hatte . Und in dieser Nacht weinte die alte Frau nicht , zum erstenmal nicht seit dem Tode