eintretenden Sanna , „ pack ’ Deine Sachen auch ! Wir reisen . “ In diesem Moment flog ein kleiner blitzender Gegenstand über den Teppich und blieb zu Army ’ s Füßen liegen ; er hob ihn auf und betrachtete ihn – es war ein kleines goldenes Herz , zerkratzt und blind , und darauf standen die Buchstaben L. E. eingravirt . Er sah lange starr darauf hernieder ; es war ihm nicht möglich , ein Wort zu sagen ; er trat nur zu ihr und hielt ihr das kleine goldene Herz entgegen . Sie heftete die Augen darauf , dann stützte sie sich plötzlich fest aus die Platte des Tisches ; die Röthe verschwand von ihren Wangen , und eine fahle Blässe breitete sich über ihr Gesicht . Kein Laut unterbrach die Stille , nur die kleinen Figuren auf dem Schreibtische klirrten leise ; so fest lehnte sich die bebende Gestalt der Baronin darauf . „ Ich habe kein Recht , Dir Vorwürfe zu machen , “ sagte er endlich und zog die Hand , die den kleinen Gegenstand hielt , zurück , „ Du bist die Mutter meines Vaters , und – es wäre auch nutzlos . Aber ich werde mich doppelt bemühen , an meiner Braut wieder gut zu machen , was Du einst verbrochen an einem jungen , liebreizenden Geschöpf ; wollte Gott , daß es mir gelinge ! “ Er wandte sich , um hinauszugehen . Da trat ihm Sanna in den Weg . „ Was wollen Sie von meiner Herrin ? “ rief sie , „ ich habe das goldene Amulet dem Baron Fritz genommen ; ich allein that es ; meine Signora ist unschuldig . Jagen Sie mich fort , Herr , aber nehmen Sie ihr nicht die Heimath , den einzigen Platz , wo sie ihr Haupt niederlegen kann ! “ Das alte Mädchen war zur Erde geglitten und streckte ihm flehend die Hände entgegen ; in ihren kalten , grauen Augen schimmerte eine Thräne . „ Ich weise Deine Gebieterin nicht fort , “ sagte Army , gerührt von der Treue der alten , harten Person , „ im Gegentheil , ich – “ „ Steh auf ! “ befahl die Baronin erregt , „ und thu ’ , was ich Dir geheißen – kein Wort weiter . Ich gehe noch heute ! “ „ Misericordia ! “ schluchzte die Alte in ihrer Todesangst , und ergriff die Falten des schwarzen Kleides ihrer Herrin , „ lassen Sie mich mitgehen , Signora Eleonora ! Ich sterbe ohne Sie . “ Er sah schmerzlich zu der gebietenden Gestalt hinüber , die da mitten im Zimmer stand , den Kopf stolz zurückgeworfen , scharf und feindselig blickten ihn die schwarzen Augen an , als stände ein fremder Bettler vor ihr , den sie hinausweisen wollte . Er hatte sie immer so geliebt , so bewundert , seine schöne Großmutter ; selbst jetzt , da der Nimbus , mit dem sein Herz sie einst umgab , geschwunden war , selbst jetzt blieb diese Liebe Siegerin ; er vergaß ihre Herrschsucht , ihre Schroffheit ; er sah nur noch die stolze , imponirende Frau , die ihn einst mit abgöttischer Zärtlichkeit erzog . „ Großmama ! “ bat er , und trat ihr einen Schritt näher , „ laß es vergessen sein , was einst geschehen ! Ich biete Dir die Hand , nichts soll Dich hier an Vergangenes erinnern – . “ „ Geh ’ ! “ bedeutete sie kurz , und ihre Hand winkte ihm , in ihrer stolzen und doch so graziösen Weise , den Abschiedsgruß ; „ geh ’ ! Ich will allein sein ; ich habe noch viel zu ordnen . “ Er trat zu ihr . „ Leb ’ wohl ! “ sagte er , „ und wenn Dich jemals das Heimweh treibt , so komme ! Du wirst – “ „ Adieu ! “ fiel sie ein und entzog ihm die Hand , die er an den Mund führen wollte , „ Du hast gewählt . “ Sie wandte ihm den Rücken . [ 858 ] „ O der Fluch , der Fluch ! O mio dio ! “ schluchzte das alte Mädchen , das noch immer , die Hände ringend , am Boden kniete . „ Thörin ! “ hörte er noch seine Großmutter sagen ; dann fiel die Thür zwischen ihm und ihr in ’ s Schloß . 19. Der letzte Tag im alten Jahre ! hat er nicht etwas feierlich Wehmüthiges ? Es ist Abschiedsstimmung , die das Menschenherz erfüllt , und ein banges Zurückdenken und Fragen , was gab uns das alte Jahr , wie viel nahm es uns , und was wird das neue bringen ? Freude oder Schmerz , Glück oder herben Verlust ? Es giebt eine Zeit , in der man solche Fragen noch nicht stellt , eine Zeit , in der man glaubt , die Zukunft müsse schöner werden mit jedem Tage , wo der Garten unserer Träume stolze Blüthen in Menge trägt und wo man in seliger Ungeduld auf das Brechen der Knospenfülle wartet , um sich an einer märchenhaften Blüthenpracht zu berauschen ; aber die Zeit vergeht , und Knospe um Knospe fällt welk zur Erde , nur wenige erblühen vereinzelt und zittern , daß auch sie der rauhe Hauch zerstöre , der ihre Schwestern traf . Und wer erst solche Blüthen fallen sah , der steht mit traurig fragendem Herzen an der Pforte eines neuen Jahres und faltet bang die Hände und fragt unwillkürlich , was wird die Zukunft mir bringen ? Werden die Knospen unsrer Hoffnungen welken oder erblühen ? Es ist traurig , wenn junge Herzen schon diese Frage thun müssen , wenn ein Reif im Frühling all ’ diese sonnige , glückverheißende Blüthenpracht zerstört . Es war Nachmittags gegen vier Uhr , als Lieschen die Unruhe nach dem Schlosse trieb ; seit vier Tagen war Army mit dem Vater schon fort , und sie hatte noch keine Nachricht von ihm erhalten . Und heute war Sylvester , ein Tag , der sonst liebe Gäste in ’ s Haus geführt – aber heute ? Der Vater nicht zu Hause , die Mutter so still , die Muhme traurig und Onkel Pastor und die Tante in tiefem Leid um ihren Liebling . Und sie ? Da schritt sie wieder die Allee zum Schlosse hinauf , sie mußte fragen , ob seine Mutter oder Nelly vielleicht Nachricht von ihm hatten ? Der Brief des Vaters war so kurz gewesen ; es habe sich Alles viel verwickelter herausstellt , als er geglaubt , schrieb er , und wann er zurückkäme , sei noch unbestimmt – kein Wort für sie über Army ! Sie mußte heute etwas von ihm hören . – Sie schaute während des Gehens durch das kahle Geäst der Bäume und die Allee hinaus zu dem Portal , das eben auftauchte . Am Himmel hingen schwere , graue Wolken , und eine unangenehm warme Luft zog ihr entgegen ; bei der falben Beleuchtung sah das alte Schloß fast unheimlich düster aus , so leer , so verlassen , ein rechtes Unglücksnest , wie die Muhme sagte . Wie viel Jahre sind gekommen und gegangen über diese alten Dächer , und wie viele werden noch kommen und gehen , und was werden sie bringen ? Es kehrt nimmer wieder , was man einmal verloren , und sie , sie hatte so unendlich viel verloren , den ganzen wundervollen Liebesfrühling ! Von all ’ den schimmernden Blüthen waren nur die Dornen geblieben , die sich in ihr wundes Herz gedrückt , kein süßes Glück an der Seite des geliebten Mannes , nur ein Leben in starkem Selbstvergessen , nur schmerzliches Lächeln , aber keine Liebe für sie . Und deshalb auch kein Brief . Was sollte er ihr auch schreiben ? Sie erinnerte sich , ihre Mutter einst gesehen zu haben , wie sie mit glücklichem Lächeln ein Päckchen alter Briefe öffnete , die in einem Kästchen sorgsam verwahrt lagen . „ Die Briefe Deines Vaters , “ hatte sie gesagt , als das junge Mädchen sie fragte , „ aus der Zeit , da wir noch Braut und Bräutigam waren . “ Welche Seligkeit dabei aus den Augen der Mutter leuchtete ! Lieschen preßte die Hände auf die Brust und schritt rasch weiter . Jetzt trat sie aus der Allee und lenkte ihre Schritte über den freien Platz , da hielt ein Wagen vor der Seitenpforte . Ein Wagen , wie kam ein Wagen hierher ? Sollte Army – ? Aber nein , dann wäre ja auch der Vater gekommen . Sie schüttelte den Kopf , als sie um das Gefährt herum ging ; es war ein jammervoller alter Kasten , jedenfalls ein Fuhrwerk aus dem Dorfe . Sie ging in ’ s Schloß und blieb im Corridor plötzlich stehen ; es schien ihr , als höre sie Stimmen und Tritte . In dem langen gewölbten Gange dunkelte es bereits , nur auf die breite Treppe , die nach oben führte , fiel ein mattes Licht durch die Fenster des Treppenhauses , das mit der großen Halle in Verbindung stand ; wieder schritt sie zögernd weiter . „ Ihr habt es ja nicht anders gewollt , “ hörte sie die etwas schroffe Stimme der alten Baronin sagen , „ Thränen finde ich jetzt bei Gott gänzlich überflüssig , Cornelie . “ Lieschen vernahm gleichzeitig ein Rauschen von Kleidern und leichte Tritte ; auf der obersten Stufe erschien eben die alte Baronin , sich halb zurückwendend zu ihrer Schwiegertochter und Nelly . Sie war in einen ehemals gewiß kostbaren Sammetpelz gehüllt , und das stolze Gesicht schaute unbewegt wie gewöhnlich aus einem schwarzen Spitzenshawl , den sie sich um den Kopf gewunden hatte . „ Es ist die Sorge um Sie , Mamachen , “ sagte die jüngere Baronin , „ bei diesem Wetter ! Und Sie sind so von den Unbequemlichkeiten des Reisens entwöhnt . “ Reisen ? Sie wollte reisen ? Einen Moment zog ein helles Gefühl der Freude in Lieschen ’ s Herz . „ Die nothwendigen Consequenzen Eurer Handlungsweise , Cornelie , “ ertönte es wieder , „ indeß sorge Dich nicht ! Noch bin ich nicht so gebrechlich , daß ich – – “ „ Es ist zu schnell gekommen , Mama , zu schnell . “ „ Zu schnell ? Ich habe mit Ungeduld die Augenblicke gezählt ; ich wäre am liebsten noch in derselben Stunde abgereist . “ „ Es wird mir namenlos schwer , Sie ohne eine Verständigung scheiden zu sehen . “ „ Ich meine , die Verständigung habe ich am meisten gesucht , man wollte mich aber nicht verstehen . Denkst Du , mir wird es leicht zu gehen ? Ich fühle das Traurige in diesem Moment mit aller Gewalt , so jammervolle Zeiten ich auch hier verlebt habe . Aber bleiben unter den Bedingungen , die mir der zukünftige Herr auf Derenberg stellte , bleiben , um ein Leben zu führen , wie er es mir bot , um den Preis , meine Grundsätze seinen neuen durchaus nicht aristokratischen Gesinnungen zum Opfer zu bringen – nimmermehr ! Ich bin noch aus der alten Schule : Noblesse oblige ! “ „ Sie geht meinetwegen , “ flüsterte Lieschen . „ Ich glaube , Army reiste ab , in der sicheren Hoffnung , Sie noch wieder zu finden , Mama , “ bat die Schwiegertochter . Die alte Dame lachte plötzlich laut auf . „ Dio mio ! “ rief sie . „ Er weiß sehr wohl , daß er mich nicht mehr hier findet , und es ist gut so ; ich will ihn nicht wieder sehen . Er weist ein Anerbieten zurück , das ihm eine glänzende Carriere öffnet – – “ „ Ich weiß , “ unterbrach die Schwiegertochter , „ der Herzog – “ „ Kein Wort mehr ! “ fiel die alte Baronin ein ; sie schritt vollends die Stufen hinunter . „ Bleiben Sie ruhig , Frau Baronin ! “ sagte da eine bebende Stimme , und Lieschen beugte sich aus der Dämmerung zu ihr hinüber . „ Bleiben Sie , es ist noch nicht zu spät ; wenn es so steht , so – so gebe ich Army die Freiheit zurück ; ich wußte ja nicht , daß sich noch ein Weg zu seiner Rettung aufgethan – – “ Sie verstummte und griff mechanisch nach dem geschweiften Geländer der Treppe . Die dunkle Gestalt der alten Dame vor ihr wich erschrocken zurück ; Nelly aber war mit einem Sprunge neben der Braut ihres Bruders und ergriff ihre Hand . „ Was sprichst Du da , Lieschen ? “ fragte sie , „ was willst Du thun ? “ „ Das hätten Sie sich früher überlegen sollen , mein Kind , “ sagte die alte Dame scharf , „ jetzt dürfte Ihre bessere Einsicht zu spät kommen . “ „ Ich habe ihm helfen , ihn retten wollen , “ erwiderte Lieschen tonlos , „ aber niemals wollte ich seinem Glücke im Wege stehen . – O , es ist gewiß noch nicht zu spät , Frau Baronin ! “ rief sie flehend , als die alte Dame mit dem unnachahmlich stolzen Zurückwerfen des Kopfes an ihr vorüber schritt . „ Bleiben Sie , bis er kommt , gnädige Frau , sagen Sie ihm , er habe keinerlei Verpflichtungen gegen mich ! Ich selbst gebe ihn frei , damit er anderswo das Glück finde , das ich ihm ja doch nicht geben kann . Er liebt mich ja nicht . – O , bleiben Sie , bleiben Sie ! “ Die alte Dame schüttelte die kleinen bebenden Hände nicht ab , welche den Sammet ihres Mantels erfaßt hatten ; sie stand wie angezaubert und sah in das schöne Gesicht , das so verstört zu ihr aufblickte in der dämmerigen , unheimlichen Beleuchtung [ 859 ] des vergehenden Wintertages . Ihre Züge veränderten sich nicht ; nicht eine Spur von Mitleid mit dem geängstigten Kinde leuchtete aus den schwarzen Augen ; nicht ein Wort kam über ihre Lippen ; sie ließ sie die Angst auskosten bis auf den letzten Tropfen . Da schallte ein eiliger , wohlbekannter Tritt durch die Halle , und dort unten in der Dämmerung des Ganges erschien eine schlanke Männergestalt . Das junge Mädchen sah ihr mit trockenen brennenden Augen entgegen – er kam noch ? Sie sollte ihn noch hier finden ? Mußte ihr denn diese Stunde noch schwerer gemacht werden ? Als wollte sie Nichts mehr sehen , um stark zu bleiben , schlug sie die Hände vor das Gesicht . „ Was geht hier vor ? “ tönte jetzt seine Stimme hastig und wie aufgeregt in ihr Ohr , „ meine Braut weint ? “ Seine Braut ! Wie namenlos weh ihr dieses Wort that – wäre sie doch fort von hier , tausend Meilen weit , um dieser Qual zu entgehen ! „ Sie ist vernünftiger als Du , “ erwiderte die alte Dame , „ noch einmal stehst Du am Scheidewege , denn sie ist bereit zurückzutreten – “ „ Weil Du es ihr plausibel gemacht hast ? “ fragte er grollend zurück . „ Nein , Army , “ unterbrach ihn seine Mutter , „ Lieschen hörte zufällig , daß Großmama – “ „ Was hast Du gehört , Lieschen ? “ fragte er , den Arm um sie legend und sich zu ihr niederbeugend ; wie weich auf einmal seine Stimme klang ! Sie antwortete nicht , aber die Thränen rollten ihr jetzt aus den Augen und flossen ihr über die schlanken Finger herab , die noch immer das Gesicht bedeckten . Sie sah nicht , wie ängstlich er sie anschaute , sie fühlte nur wieder den heißen brennenden Schmerz , daß sie ihn doch noch lassen müsse , daß selbst ein Leben ohne Liebe an seiner Seite noch ein Paradies sei gegen die Leere , die ihr entgegen starrte , wenn sie ihm entsagte . „ Lieschen , “ bat er , „ Du könntest wirklich so – so vernünftig sein , wie die Großmutter eben behauptete ? “ Sie nickte . „ Ja , ja ! “ schluchzte sie , alle Selbstbeherrschung zusammennehmend , „ ich wußte ja nicht , daß der Herzog Dir helfen wollte , sonst – ach , sonst , wäre ich ja niemals hierher gekommen , um – ich glaubte – ich , ich allein könnte Dich retten . “ „ Das kannst Du auch , “ sagte er leise , „ Du allein kannst es , kein Mensch weiter auf der ganzen weiten Welt . “ Er nahm ihr die Hände vom Gesicht und schaute in ihre verweinten Augen . „ Lieschen , wenn Du wüßtest , wieviel ich um Dich gesorgt – “ Sie schüttelte den Kopf . „ Mir schwebten , “ fuhr er fort , „ ja beständig ein paar traurige blaue Augen vor , und eine längst vergangene traurige Geschichte von zwei eben solchen blauen Augen , die vor Kummer und Herzeleid gestorben sind ; es packte mich mit Entsetzen , dachte ich daran , und meine Angst , meine Ahnung war doch nicht grundlos , beinah wäre ich zu spät gekommen – nicht wahr ? “ „ Nein , nein , Army , es ist Mitleid von Dir , Du weißt nicht , was Du hinwirfst , ein glänzendes Leben , eine stolze Carriere – laß ’ mich ! Noch ist es nicht zu spät , “ flehte sie ängstlich . „ Du thörichtes Kind , ich weiß ganz genau , was ich aufgebe , ich weiß aber auch , was ich dafür gewinne – das Beste , das Edelste , das Reinste , was die Welt hat . “ Es war still geworden in dem alten gewölbten Treppenhause , still und dunkel , unten fuhr eben polternd ein Wagen über das Steinpflaster . – Der letzte Tag des Jahres ging zu Ende , was wird das neue bringen ? 20. Die Erde stand im vollsten Frühlingsglanz . Das erste junge Grün schmückte Bäume und Sträucher ; in Erving ’ s Garten blühten Narcissen und Flieder , der Goldregen bog sich über den Zaun , und der Rothdorn hing seine rosa geschmückten Zweige schwer hernieder unter all der Blüthenpracht ; im Parke aber wiegte der laue Wind die jungen Blätter der Lindenbäume und küßte jedes Gräschen auf den weiten smaragdgrünen Rasenflächen , als wolle er ihnen erzählen von neuer Lust und neuem Leben . Und neue Lust und neues Leben verkündete auch der Wasserstrahl , der aus dem alten Sandsteinbecken krystallhell emporstieg , um rauschend und sprühend wieder herabzufallen . Wie einst vor langer Zeit , stand das Portal weit geöffnet , seine massiven gewaltigen Flügelthüren weit aufgethan , als wisse es , daß bald , in wenig Wochen , der glückliche Schloßherr sein junges schönes Weib über die alte Schwelle des väterlichen Hauses führen werde ; von den Stufen der Treppe war der grüne Moosteppich verschwunden , und die beiden alten Bären schauten wunderlich trotzig unter ein paar mächtigen grünen Eichenkränzen hervor , die eine neckische Hand ihnen aus die ehrwürdigen Häupter gesetzt hatte . Die langen Fensterreihen des Schlosses waren geöffnet , nur einige verhüllten dichte Vorhänge , diese Zimmer bedurften nicht der Frühlingssonne , denn ihre Bewohnerin fehlte ; sie war fort , wirklich fort . Keine Wimper hatte gezuckt in dem stolzen Gesichte , als sie an jenem Sylvesterabend den elenden Wagen bestieg , der sie wegführte aus dem Orte , der Jahre lang ihre Heimath gewesen . Kalt und flüchtig hatten ihre Lippen auf der Stirn der Schwiegertochter und Enkelin geruht , wußte sie doch , daß dort oben im dämmerigen Corridor ihr Enkelsohn sich noch im letzten Augenblicke ein Glück gerettet , gegen dessen Schein alles Andere verblich und der ihre Augen blendete – und so schloß sie denn diese einst vielbewunderten Sterne , als sie an dem alten Portale vorüberfuhr , und ballte die feinen Hände , während sich Sanna aufschluchzend auf dem Wagen bog – vorbei , vorbei ! Was wird ihr das kommende Jahr bringen ? Und nun wurde der junge Herr jeden Tag zurückerwartet . Er war bis zur Uebernahme des Gutes auf der Besitzung eines Freundes gewesen , um ohne Zeitverlust sich mit seinem Berufe vertraut zu machen . Da oben in dem kleinen verschlossenen Thurmzimmerchen stand Nelly mit dem alten Heinrich , die beiden runden Fenster waren ebenfalls weit geöffnet , und sie schaute mit glücklichem Lächeln hinaus über den Park , und ihre Blicke blieben an den im Sonnenlichte flimmernden Fenstern der Papiermühle haften , die wie in Blüthenpracht vergraben dalag . „ Schau , Heinrich ! “ rief sie , „ nun weiß ich auch , warum mein Bruder schrieb , wir sollten ihm gerade dieses Zimmerchen in Stand setzen . “ „ O ja , hier ist eine gar schöne Aussicht , “ sagte der alte Mann mit einem verständnißvollen Lächeln in dem gefurchten Gesichte , „ der Herr Baron wird gar nicht wieder hinaus wollen , wenn er erst einmal drinnen wohnt . “ „ Es ist ja aber auch zu wunderhübsch hier ! “ rief Nelly , sich in dem kleinen runden Gemache umschauend , „ wie gemüthlich ! Und die Aussicht ! “ Heinrich schob ein paar altmodische Stühle , die um einen kleinen ovalen Sophatisch standen , zum hundertsten Male zurecht ; „ und nun noch die Eichenguirlanden um die Thür draußen , gnädiges Fräulein ! Dann kann er kommen ; dann ist Alles fertig , um und um . Ich hätte doch nicht gedacht , daß ich das noch erleben sollte , “ schloß er und schüttelte freudig den grauen Kopf , „ es ist wunderbar auf der Welt , gnädiges Fräulein , ja wunderbar . “ – – Auf der Mühle ging scheinbar Alles im alten Gleise weiter , nur die Hausfrau fehlte schon seit vielen Wochen , sie war mit der kranken Bertha des Oberinspectors nach Italien gereist , aber bald würde sie zurückkehren , hieß es , gesund und gekräftigt . Die Muhme aber sorgte sich um ihren Liebling , sie sei auch eine gar zu stille Braut , meinte sie . Halbe Tage lang konnte das Mädchen sinnend und träumend vor sich hinschauen , am liebsten saß sie allein in ihrem Stübchen oben und ließ die Muhme sich plagen mit den gewichtigen Leinwandballen , die sie zum Zuschneiden und Nähen aus den alten Truhen hervorholte . „ Es ist ihr Alles gleichgültig , “ murmelte sie betrübt vor sich hin , wenn ihre Augen über diesen wichtigen Schatz jeder Haushaltung glitten , „ sie hat kein Interesse für ihre Aussteuer ; das arme Kind , sie entbehrt so viel , sie weiß ja nicht , wie es ist , wenn Einen der Schatz so recht von Herzen lieb hat . “ Allabendlich aber , seit jenem Sylvester , falteten sich die alten Hände zum Dankgebet , daß die Baronin fort sei . Und wieder senkte sich so ein Maiabend zur Erde , duftig und mondbeschienen , und wieder saß die alte Frau am Fenster ihrer kleinen Stube , die Hände gefaltet , und sann . Draußen rauschte wieder das Wasser in alter Melodie , die Schwärzwälder sagte dazwischen ihr einförmiges Ticktack und vom Hofe schallte der Gesang der Mädchen . [ 860 ] „ Wo ist nur Lieschen ? “ fragte sie sich . „ Ob er geschrieben hat , wann er kommt ? “ Sie stand auf und trippelte aus der Stube , die Mondstrahlen huschten über das gute alte Gesicht und die schneeweiße Haube . „ Lieschen ! “ rief sie in das Wohnzimmer – keine Antwort , sie schritt zurück durch den dunklen Flur die Treppe hinauf . „ Sie wird doch nicht weinen ? “ dachte sie – sie schaute in das trauliche Mädchenstübchen – nirgend eine Spur von der Gesuchten . Kopfschüttelnd zog sie sich zurück und lenkte unwillkürlich ihre Schritte zu einer andern Thür , leise öffnete sie dieselbe , das Mondlicht füllte den kleinen Raum mit weißem flimmerndem Glanz , und in diesem silbernen Lichte , da stand unbeweglich die holde schlanke Mädchengestalt und schaute zum Fenster hinaus . Wie gebannt blieb die alte Frau stehen und sah zu dem lieblichen wohlbekannten Bilde hinüber , war es denn noch Jugendzeit ? War das denn die Lisett wieder , die dort stand ? „ Er kommt , “ jubelte da eine süße Stimme , „ er kommt . Ich habe das Licht gesehen . “ Und leicht und zierlich war Lieschen an der alten Frau vorübergehuscht und dann wie ein holder Spuk verschwunden . Richtig , da drüben schimmerte ein Licht im Thurmstübchen , die alte Frau stützte sich fest auf das Tischchen am Fenster und starrte hinüber , ihr Jugendtraum war wieder erwacht , „ allgütiger Gott ! “ sagte sie leise und die Hände verschlangen sich , „ träume ich denn , träume ich ? “ Und dann trieb es sie hinunter . Mit zögernden Schritten ging sie aus dem Hause ; der Garten lag im weißen Mondlicht , und berauschender Blüthenduft hauchte sie an ; wie einst in ferner , ferner Jugendzeit wandelte sie weiter , die Nachtigallen schlugen so heimlich , und von jenseits des Weges klang in zitternden Tönen das einförmige Concert der Frösche herüber . Jetzt trat sie auf den Kiesplatz vor der Laube – wirklich , es flüsterte da drinnen , leise schlich sie hinzu und bog die Zweige zurück , da saßen sie neben einander auf der Bank , sie hatte den Arm um seinen Nacken gelegt und ihr Gesicht an seiner Brust verborgen , und er küßte immer und immer wieder ihr braunes Haar und nannte sie mit den zärtlichsten Schmeichelnamem . Und jetzt hob sie ihr Gesicht , und in dem hellen Mondstrahl , der sie streifte , sah die alte Frau ein paar große blaue Augen , die mit dem Ausdruck reinsten Glückes an seinem Antlitz hingen , das sich ihnen entgegen bog . Behutsam ließ sie die Zweige fallen und trat zurück – sie hatte genug gesehen . Leise , leise schritt sie wieder den Weg entlang , und dann und wann wischte sie die Augen mit dem Schürzenzipfel . Unter den Lindenbäumen vor der Hausthür lag tiefes Dunkel , sie setzte sich auf die Sandsteinbank und schaute zum Garten hinüber mit gefalteten Händen und die alten Lippen murmelten ein heißes Dankgebet ; was sie kaum zu hoffen gewagt , es war Wahrheit geworden . Von jenseits des Wassers erklang eine frische Mädchenstimme in all die Frühlingsmelodien hinein , ein helles Kleid schimmerte im Mondlicht , näher und näher kam der Gesang , und deutlich tönte jedes Wort in das Ohr der alten Frau : Die Lieb ’ kommt wie der Frühling leis , Eh ’ man gedacht der losen , Und zaubert an ein welkes Reis die allerrothsten Rosen . Sie weckt die schönste Melodei Im Herzen , das noch eben An keine Ros ’ , an keinen Mai geglaubt mehr hat im Leben . „ Lieschen ! Army ! “ rief sie dann laut in den stillen Garten hinüber , als sie unter den Lindenbäumen stand , „ wo seid Ihr ? “ Keine Antwort – nur die Nachtigallen sangen weiter . „ Laß ’ sie , Nelly , “ sagte eine alte Stimme neben ihr , und eine Hand zog sie nieder auf die Bank , „ laß ’ sie den Mai genießen ! Es gab gar so viele Stürme , eh ’ ihre Rosen erblühen konnten . “ Und das Mondlicht zitterte über den Wipfeln der Bäume , das Wasser rauschte , und „ Gott erhalte ihnen die Rosen und den Mai ! “ flüsterte noch einmal der Mund der alten Frau , „ die Rosen und den Mai ! “