vom Leibregiment den Leutnant von Werdeck , eine reckenhafte Figur , mit Hilfe zusammengelegter Gewehre hineingehoben hatten , so trugen auch hier die Füsiliere vom 24. Regiment ihren Hauptmann von Sellin im Triumph in die Schanze . Mancher fiel . Premierleutnant Lommatzsch , an der Spitze seiner Pioniere , erhielt einen tödlichen Schuß , Leutnant von Falkenstein , vom 24. , wurde schwer verwundet , aber schon sechs Minuten nach zehn Uhr war Schanze V in der Front erobert . An dem erbitterten Kampfe , der der Erstürmung der Schanzen auf dem zwischen diesem und dem Sonderburger Brückenkopf gelegenen Terrain folgte , scheint die Brigade Roeder keinen Anteil genommen zu haben . Desto hervorragender war ihre Beteiligung an der Eroberung von Alsen . Die Eroberung von Alsen geschah am 29. Juni 1864 . In der am Tage zuvor in Schloß Gravenstein ausgegebenen Disposition hieß es : » Der Übergang geschieht mittels hundertundsechzig Kähnen und durch den Pontontrain von vier näher zu bezeichnenden Punkten aus . « Unsere Vierundzwanziger hatten innerhalb der Brigade den rechten Flügel . Das I. Bataillon ging in fünfzig Booten vom Südende des Satruper Holzes , das 2. Bataillon in zweiundvierzig Booten von der » Ziegelei « aus über den Alsensund . Ich gebe nachstehend einen Bericht aus den Reihen des 2. Bataillons . » Solange man von Alsen sprechen wird , wird dieser Übergang als ein tollkühnes Unternehmen gelten . Vielleicht barg diese Kühnheit das Geheimnis des Erfolges . Ich , für mein Teil , bei aller Erkenntnis der Gefahren , denen wir entgegen gingen , hatte das vollständigste Gelingen keinen Augenblick bezweifelt . Nun nehmt eine Karte zur Hand , um besser folgen zu können . « Die Disposition für den 29. lautete etwa wie folgt : » Um zwölf Uhr nachts steht alles an den angewiesenen Plätzen . Anzug wie am Sturmtage ; der Mann achtzig Patronen . Schlag zwei Uhr setzt die Brigade Roeder , als Avantgarde , über den Alsensund . Das 1. Bataillon vom 24. Regiment nimmt den rechten Flügel in der Richtung auf Arnkiel , das 2. Bataillon vom 24. nimmt die Mitte , sechs Kompanien vom 64. Regiment nehmen den linken Flügel und steuern auf Arnkiel-Oere . Die ersten Kompanien die das feindliche Ufer erreichen , stürmen die dortigen Schützengräben und Batterien . Wenn dies geschehen , wendet sich das I. Bataillon vom 24. auf das abgebrannte Gehöft Arnkiel , das 2. Bataillon durchstreift die Fohlenkoppel bis zum südlichen Ausgang derselben ; die Vierundsechziger säubern den äußersten linken Flügel an der Augustenburger Föhrde und dringen ebenfalls bis zur Südlisiere der Fohlenkoppel vor . Hier warten Vierundzwanziger und Vierundsechziger weitere Befehle ab . « So das Allgemeine . Nun die Schicksale des 2. Bataillons . Am 28. abends halb zehn Uhr marschierten wir , nach dreimaligem Hoch auf den König , aus der Büffelkoppel . Um eineinhalb Uhr morgens machten wir halt dicht hinter einer am Strande gelegenen Ziegelei . Von hier aus sollten wir übergehen . Die Pioniere und die zu ihrer Hilfeleistung kommandierten Schiffer waren eben damit beschäftigt , die Boote ins Wasser zu bringen . Eine mühevolle und nicht ganz geräuschlose Arbeit . Dennoch blieb am jenseitigen Ufer , welches man auf achthundert Schritt im Dämmer erkennen konnte , alles in geheimnisvoller Stille . Nun , macht euch fertig . Zwei Uhr . Es kam der Befehl zum Einsteigen . Die Leute mußten , da viele unserer Boote nicht hart ans Ufer heranzubringen waren , bis an den Leib ins Wasser . Ein angenehmes Morgenbad . Die Patronen wurden im Brotbeutel um den Hals gebunden . Ungeachtet aller dieser Hindernisse ging das Einsteigen rasch vonstatten . Unserer 6. Kompanie war für diesen Tag ein kurhessischer Offizier , der Oberleutnant von Loßberg , Neffe des General von Canstein , zur Dienstleistung zugeteilt . Drei Minuten nach zwei Uhr schwammen wir auf dem Alsensund . Die 5. Kompanie und ein Teil der 6. hatten die Tete . Unser Boot war unter den vordersten . Wenn wir nach links hin blickten , sah es im Morgendämmer aus , als schwämmen Züge wilder Enten über den Sund . Alles still . Peinlichste Erwartung . Die Ruderer griffen rascher ein . Da mit einemmal brach ein Donnerwetter über unseren Köpfen los . Granaten- , Kartätsch- und Gewehrfeuer begrüßte uns vom anderen Ufer , Fanale brannten auf , und das 1. Bataillon des 60. Regiments , das aufgelöst an der Lisiere des Satruper Holzes stand und von dem Augenblick an , wo wir entdeckt sein würden , durch Schnellfeuer unseren Übergang decken sollte , knatterte jetzt ebenfalls über den Sund hin . Man war von hinten kaum sicherer als von vorn . Trotz aller Gefahr das großartigste Feuerwerk , das ich mein Lebtag gesehen habe . » Hurra , vorwärts , vorwärts ! « Es war zauberhaft . Die Kartätschen plätscherten um einen herum , daß das Wasser hoch aufspritzte . Eine Granate schlug einen Kahn unserer Kompanie in Stücke , eine ganze Wand war weggerissen und im Moment gingen Boot und Mannschaften in die Tiefe . Alles schrie auf und die nächsten Boote wollten retten . Aber » vorwärts ! « donnerte eine Kommandostimme dazwischen . Es stand Größeres auf dem Spiel . Drei ertranken . Andere tüchtige Kerls schwammen glücklich dem Ufer zu . Hut ab vor diesen braven Musketieren . Die 5. Kompanie war die erste am Ufer . Mit Hurra ging es die steile Uferwand hinauf , auf die Schützengräben zu . Was sich wehrte , wurde niedergemacht , andere gefangengenommen . Noch andere wichen auf die Fohlenkoppel und wir hinterdrein . Es war das reine Kesseltreiben . Endlich an der Lisiere hielten wir , um Atem zu schöpfen . Aber fast im selben Moment kam General Roeder zu uns heran und rief uns , rückwärts deutend , zu , erst die Strandbatterie zu nehmen , an der wir in unserem Verfolgungseifer vorbeigestürmt waren , ohne ihrer zu achten . Nun also kehrt ! Wahrhaftig , da krachte es von derselben Uferstelle aus , an der wir gelandet waren , oder doch keine zweihundert Schritt von ihr entfernt , immer noch über den Alsensund hin , als ob wir noch samt und sonders auf dem Wasser schwämmen . Aber es waren die letzten Schüsse . Nach zehn Minuten war die Schanze genommen und drei schwere Geschütze samt einer Anzahl Espingolen , dazu 2 Offiziere und 50 Mann fielen in unsere Hände . Die Gefangenen wurden dem Ufer zugetrieben und dort von den rückkehrenden Booten aufgenommen . Wir schwenkten dann wieder rechts , bis wir unter fortwährendem leichtem Gefecht die Südlisiere der Fohlenkoppel erreichten . Dies war am 29. Juni . Drei Wochen später war der Krieg beendet . Das 24. Regiment im Kriege gegen Österreich 1866 Genau zwei Jahre nach der Eroberung von Alsen , am 29. Juni 1866 , hatten brandenburgische Regimenter einen neuen Ruhmestag : die 5. Division unter General von Tümpling stürmte die Bradahöhe bei Gitschin . Die 6. Division , der unser 24. Regiment angehörte , kam nicht zur Aktion . Auch am 3. Juli , bei Königgrätz , stand die 6. Division unter General von Manstein in Reserve . Sie hielt in der Nähe des Königs , auf dem Höhenzuge diesseits der Bistritz , die Lipahöhe vor sich . Zwischen den Höhen hüben und drüben : Sadowa und der Holawald . Um Mittag , als unsere Lage immer kritischer und das Festhalten des Sadowawäldchens immer fraglicher geworden war , gab sich ein Verlangen kund , mit der noch völlig intakten 6. Division von Manstein über das Wäldchen hinaus gegen die Lipahöhe anzustürmen . Aber mit Recht wurde diesem Verlangen gewehrt , und das um zwei Uhr stattfindende Eintreffen der kronprinzlichen Armee bei Chlum und Rosberitz entschied die Schlacht . Es wird erzählt , General von Manstein habe dem König liebevolle Vorwürfe gemacht , die Schlacht ohne ein rechtes Dazutun der 6. Division und speziell der » Düppel-Brigade « , Regimenter 24 und 64 , gewonnen zu haben , worauf der König gutgelaunt geantwortet hätte : » Aber lieber Manstein , Ich kann doch Ihretwegen nicht noch mal anfangen . « Das 24. Regiment im Kriege gegen Frankreich 1870 und 1871 Auch im siebziger Krieg gegen Frankreich gehörte das 24. Regiment zur 6. Division , die jetzt vom Generalleutnant von Buddenbrock kommandiert wurde . Brigadekommandeur war Oberst von Bismarck , Regimentskommandeur Oberst Graf Dohna . Bataillonskommandeure : 1. Bataillon Major von Lüderitz , 2. Bataillon Major Rechtern , Füsilierbataillon Major von Sellin , derselbe , der schon vor Düppel eine Sturmkompanie gegen Schanze V geführt hatte . Die beiden hervorragenden Aktionen der 6. Division während des siebziger Krieges waren Vionville und Le Mans . Vionville . Zwischen neun und zehn Uhr traf die 6. Division Buddenbrock auf dem so berühmt gewordenen Plateau südlich von Flavigny und Vionville ein ; rechts rückwärts stand die 5. Division Stülpnagel im Feuer . Schwere Stunden kamen . Flavigny und Vionville wurden durch mehrere Bataillone der 6. Division genommen , während sich das Regiment 24 in langer Front von den Tronviller-Büschen her , an der alten Römerstraße entlang , bis nach Vionville hin entwickelte . Dem gegen eine feindliche Batterie ( nördlich Vionville ) vorgehenden Füsilierbataillon von Sellin gelang es bei dieser Gelegenheit , unter furchtbaren Verlusten ein Geschütz zu nehmen , das einzige , welches die Franzosen in dem Ringen am 14. , 16. und 18. August verloren haben . Alle Offiziere des Bataillons waren tot oder verwundet , die Fahnenspitze weggeschossen und die Stange in zwei Stücke gespalten . Im verlustreichsten , passiven Feuergefecht kam die Mittagsstunde heran , und glühend strahlte die Sonne auf die ermattende Mannschaft nieder . Unsere Überflügelung , erst durch das französische 6. und im weiteren Bogen durch das 3. und 4. Korps , wurde immer sichtbarer und gefahrdrohender , und keine Reserven waren zur Hand . So , den letzten Schuß im Lauf , wich endlich drei Uhr nachmittags das zusammengeschmolzene Regiment auf Dorf Tronville zu zurück . Ganze Kompanien waren führerlos . Wir hatten 54 Offiziere und 1200 Mann verloren . 53 Le Mans . Nicht so blutig verlief Le Mans . Aber die Strapazen , die dem endlichen Siege voraufgingen , zählen zu den größten , die dieser Krieg unsern Truppen auferlegte . » Wie der ganze Tag « , so heißt es in einem uns vorliegenden Briefe , » so wird uns auch der Abend des 10. Januar unvergeßlich bleiben . Es trat nämlich ein Schneefall ein , wie wir ihn in Frankreich noch nicht erlebt hatten . Die Flocken fielen so groß und dicht , daß wir in wenigen Minuten Schneemännern ähnlich waren . Und so saßen wir denn an demselben Wege , wo die erstarrenden Leichen vieler gefallenen Feinde den tapferen Widerstand derselben kundtaten , um mehrere Feuer geschart , und gedachten mit dankerfülltem Herzen unserer Lieben daheim , ein Gedanke , der in solcher Lage für den Soldaten der süßeste , der liebste ist . Um ungefähr 11 Uhr nachts brachte uns ein Marsch von einer guten halben Stunde hungrig , müde und am ganzen Körper fröstelnd in unsere Quartiere , die wir auf einigen erbärmlichen Fermen , auf Böden oder in den Ställen bezogen , um am Morgen weiter gegen Le Mans vorzugehen . « Dem Kriege folgten die » Tage der Okkupation « . Unser Regiment gehörte jener aus vier Divisionen kombinierten Armee zu , die bis zu völliger Zahlung der Kriegsschuld in Frankreich zu verbleiben hatte . Speziell die Standquartiere der Vierundzwanziger waren Reims , Vitry le Français , Etain , Verdun , von welch letzterem Ort aus sie , nach Abmarsch aller anderen Truppenteile , mit den Vierundsechzigern als letzte Staffel folgten . Am 19. September 1873 zogen sie unter einem Jubel , den selbst ein wolkenbruchartig herniederstürzender Regen nicht hindern konnte , in ihre alte Garnisonstadt Ruppin wieder ein . Rheinsberg Rheinsberg 1 1 Die Kahlenberge . Französische Kolonistendörfer . Einfahrt in Rheinsberg . Der Ratskeller . Unter den Linden . Das Möskefest Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht . Die Eisenbahn zieht sich auf sechs Meilen Entfernung daran vorüber und nur eine geschickt zu benutzende Verbindung von Hauderer und Fahrpost führt schließlich an das ersehnte Ziel . Dies mag es erklären , warum ein Punkt ziemlich unbesucht bleibt , dessen Naturschönheiten nicht verächtlich und dessen historische Erinnerungen ersten Ranges sind . Wir haben es besser , kommen von dem nur drei Meilen entfernten Ruppin und lassen uns durch die Sandwüste nicht beirren , die , zunächst wenigstens , hüglig und dünenartig vor uns liegt . Fragt man nach dem Namen dieser Hügelzüge , so vernimmt man immer wieder » die Kahlenberge « . Nur dann und wann wird ein Dorf sichtbar , dessen ärmliche Strohdächer von einem spitzigen Schindelturm überragt werden . Mitunter fehlt auch dieser . Einzelne dieser Ortschaften ( z.B. Braunsberg ) sind von französischen Kolonisten bewohnt , die berufen waren , ihre Loire-Heimat an dieser Stelle zu vergessen . Harte Aufgabe . Als wir eben genanntes Braunsberg passierten , lugten wir aus dem Wagen heraus , um » französische Köpfe zu studieren « , auf die wir gerechnet . Wie heißt der Schulze hier ? fragten wir in halber Verlegenheit , weil wir nicht recht wußten , in welcher Sprache wir sprechen sollten . » Borchardt . « Und nun waren wir beruhigt . Auch die südlichen Rassegesichter sahen nicht anders aus , als die deutsch-wendische Mischung , die sonst hier heimisch ist . Übrigens kommen in diesen Dörfern wirklich noch französische Namen vor und » unser Niquet « z.B. ist ein Braunsberger . Die Wege , die man passiert , sind im großen und ganzen so gut , wie Sandwege sein können . Nur an manchen Stellen , wo die Feldsteine wie eine Aussaat über den Weg gestreut liegen , schüttelt man bedenklich den Kopf in Erinnerung an eine bekannte Kabinettsorder , darin Friedrich der Große mit Rücksicht auf diesen Weg und im Ärger über 195 Thlr . 22 Gr . 8 Pf . zu zahlende Reparaturkosten ablehnend schrieb : » Die Reparation war nicht nöthig . Ich kenne den Weg und muß mir die Kriegs-Camer vohr ein großes Beest halten , um mir mit solches ungereimtes Zeug bei der Nahse kriegen zu wollen . « Der König hatte aber doch unrecht , » trotzdem er den Weg kannte « . Erst auf dem letzten Drittel wird es besser ; im Trabe nähern wir uns einem hinter reichem Laubholz versteckten , immer noch rätselhaften Etwas , und fahren endlich , zwischen Parkanlagen links und einer Sägemühle rechts , in die Stadt Rheinsberg hinein . Hier halten wir vor einem reizend gelegenen Gasthofe , der noch dazu den Namen der » Ratskeller « führt , und da die Turmuhr eben erst zwölf schlägt und unser guter Appetit entschieden der Ansicht ist , daß das Rheinsberger Schloß all seines Zaubers unerachtet doch am Ende kein Zauberschloß sein werde , das jeden Augenblick verschwinden könne , so beschließen wir , vor unserem Besuch ein solennes Frühstück einzunehmen und gewissenhaft zu proben , ob der Ratskeller seinem Namen Ehre mache oder nicht . Er tut es . Zwar ist er überhaupt kein Keller , sondern ein Fachwerkhaus , aber eben deshalb , weil er sich jedem Vergleiche mit seinen Namensvettern in Lübeck und Bremen geschickt entzieht , zwingt er den Besucher , alte Reminiszenzen beiseite zu lassen und den » Rheinsberger Ratskeller « zu nehmen , wie er ist . Er bildet seine eigene Art , und eine Art , die nicht zu verachten ist . Wer nämlich um die Sommerszeit hier vorfährt , pflegt nicht unterm Dach des Hauses , sondern unter dem Dache prächtiger Kastanien abzusteigen , die den vor dem Hause gelegenen Platz , den sogenannten » Triangelplatz « umstehen . Hier macht man sich ' s bequem und hat einen Kuppelbau zu Häupten , der alsbald die Gewölbe des besten Kellers vergessen macht . Wenigstens nach eigener Erfahrung zu schließen . Ein Tisch ward uns gedeckt , zwei Rheinsberger , an deren Kenntnis und Wohlgeneigtheit wir empfohlen waren , gesellten sich zu uns , und während die Vögel immer munterer musizierten und wir immer lauter und heiterer auf das Wohl der Stadt Rheinsberg anstießen , machte sich die Unterhaltung . » Ja « , begann der eine , den wir den Morosen nennen wollen , » es tut not , daß man auf das Wohl Rheinsbergs anstößt . Aber es wird freilich nicht viel helfen , ebensowenig , wie irgend etwas geholfen hat , was bisher mit uns vorgenommen wurde . Wir liegen außerhalb des großen Verkehrs und der kleine Verkehr kann nichts bessern , denn was unmittelbar um uns her existiert , ist womöglich noch ärmer als wir selbst . Durch ein unglaubliches Versehen leben hier zwei Maler und ein Kupferstecher . Der Boden ist Sandland , Torflager gibt es nicht , und die Fischzucht kann nicht blühen an einem Ort , dessen sämtliche Seen für vier Taler Preußisch verpachtet sind . « Wer weiß , wo diese Bekümmernisse schließlich gelandet wären , wenn nicht eine große Festfahne , die von einigen Kindern an uns vorübergetragen wurde , den Klagestrom unterbrochen , uns selbst aber zu der Frage veranlaßt hätte : was ist das ? » Das ist die Fahne vom Möskefest , die man hat reparieren lassen « , erwiderte der andere , dessen gute Laune das Gegenstück zu der Morosität seines Nachbarn bildete . » Der sie trägt , ist Fähnrich Wilhelm Huth , und der ihm zur Rechten geht , heißt General Eduard Netzeband ; sitzt seit Ostern in Quarta . « Diese Bemerkungen machten uns natürlich begierig , mehr zu hören , und so vernahmen wir denn , was es mit dem Möskefeste eigentlich sei . Da diese Feier der Stadt Rheinsberg eigentümlich ist , so darf ich wohl einen Augenblick dabei verweilen . Das Möskefest ist ein Kinderfest , das alljährlich am Sonntage vor Pfingsten gefeiert wird . Möske bedeutet » Waldmeister « ( asperula odorata ) , und in alten Zeiten lief die Festlichkeit einfach darauf hinaus , daß die Stadtkinder frühmorgens in den Wald zogen , Waldmeister pflückten und damit heimkehrend den Altar und die Pfeiler der Kirche schmückten . Erst im Jahre 1757 nahm die Feier einen anderen Charakter an . Am 6. Mai war die Schlacht bei Prag geschlagen worden , und am 20. Mai traf die Nachricht davon in Rheinsberg ein . Es war Sonntag vor Pfingsten , also der Tag des Möskefestes . Die Siegesfreude , vielleicht auch der Umstand , daß der damals schon in Rheinsberg residierende Prinz Heinrich zu dem glücklichen Ausgange der Bataille sehr wesentlich beigetragen hatte , schuf auf einen Schlag die bis dahin rein kirchliche Feier in eine militärisch-patriotische Feier um . Und was damals Impromptu war , blieb . Das Möskefest ist ein Soldatenspiel geworden , das die Rheinsberger Jugend aufführt . Früh am Morgen schon ziehen vier Trommler durch die Straßen und schlagen die Reveille , die jungen Soldaten sammeln sich , und so geht ' s mit Musik vor das Haus des » Generals « . Hier dreimaliges Vivat , dem General und seinen Angehörigen ausgebracht , dann zieht alles , militärisch in Sektionen aufmarschiert , in den schönen Boberowwald hinaus , wo nun das Waldmeisterpflücken beginnt . Nachmittags kommen die jungen Mädchen und besuchen mit ihren Angehörigen die mittlerweile zu Turnen und Wettlauf übergegangenen Soldaten in ihrem Waldbiwak , Preise werden verteilt , Pfänderspiele gespielt , und spät am Abend erst erfolgt unter Trommelschlag und Liedersingen der allgemeine Rückmarsch in die Stadt . – Unser Frühstück war abgetan , und wir schickten uns nunmehr an , dem Schlosse , dessen gelbe Rückwände schon überall durch das Baum- und Strauchwerk hindurchschimmerten , unsern Besuch zu machen . Die vertrauliche Mitteilung beider Herren indes , » daß der alte Kastellan um diese Zeit seinen Mittagsschlaf zu halten pflege « , bewog uns , zuvor einen Umweg zu machen und erst noch in die alte Rheinsberger Kirche hineinzusehen . 2 2 Die Rheinsberger Kirche Wir hatten bald guten Grund , uns bei dem Mittagsschlafe des alten Kastellans zu bedanken , denn sehr wahrscheinlich , daß wir ohne denselben an der Rheinsberger Kirche vorübergegangen wären . Und doch ist es ein alter und in mehr als einer Beziehung interessanter Bau . Die erste Anlage desselben datiert weit zurück , und erst 1568 war es , daß er durch Achim von Bredow um zwei Drittel vergrößert wurde . Man kann den Anbau noch jetzt von dem älteren Teile deutlich unterscheiden . Diese Kirche ist der einzige Punkt in Rheinsberg , wo man auf Schritt und Tritt den Bildern zweier völlig entgegengesetzter Epochen , der Bredow- und der Prinz-Heinrich-Zeit begegnet und diesen Gegensatz als solchen empfindet . In Schloß und Park stören die französischen Inschriften nicht , wohl aber hier in der Kirche , darin deutsche Kunst und deutsche Sprache längst vorher Hausrecht geübt hatten . Wir treten durch einen Vorbau von der Seite her ein . Gleich dieser Vorbau , der sein spärliches Licht nur mittelst der offen stehenden Tür empfängt , zeichnet sich durch den angedeuteten Gegensatz aus . Zur Linken , fast ein Vierteil des ganzen Raumes einnehmend , erhebt sich hier ein grau getünchtes Monument , das genau die Form eines aus Backstein aufgemauerten Kachelofens hat . Es ist dies das Grabmal , das Prinz Heinrich dem Andenken seines Violinisten Ludwig Christoph Pitschner , geboren 5. März 1743 , gestorben 3. Dezember 1765 , errichten ließ und trägt folgende Inschrift : Un prince , Ami des Arts , secondant mon Genie – Déjà l ' Ecole d ' Italie A l ' Allemagne mon Berceau Promet un Amphion nouveau : Mais comme j ' avançois dans ma carrière illustre J ' ai vu de mes beaux jours s ' éteindre le flambeau Sans passer le milieu de mon cinquième Lustre ; Muses ! pleurez sur mon Tombeau . Also etwa in freier Übersetzung : Gepflegt , getragen durch fürstliche Gunst , Versprach ich , ausübend italische Kunst , Meiner Heimat zwischen Rhin und Rhein Demnächst ein neuer Amphion zu sein . Doch während ich leuchtend wuchs und stieg , Stieg die Sonne meines Lebens herab . Dem Tode gehört der letzte Sieg Und die Muse weint an meinem Grab . So reimte man damals in Rheinsberg . Dem Pitschnerschen Monument gegenüber aber stehen an der Wand entlang sechs aufgerichtete Grabsteine der Bredowschen Familie , drei Männlein und drei Fräulein , die bis vor kurzem im Schiff der Kirche lagen , und blicken ernst verwundert zu dem Kachelofen hinüber , an dem sie mit Mühe den Namen Pitschner entziffern . Zum Glück verstehen sie nicht französisch , sie würden sonst noch ernsthafter dreinschauen . Wir treten nun in die freundliche , vor kurzem erst restaurierte Kirche . Die Hauptsehenswürdigkeit derselben ist das große , kunstvoll gearbeitete Grabmonument Achims von Bredow , desselben Achim von Bredow , der im Jahre 1568 die Kirche erneute und erweiterte . Es ist ein Denkmal von ganz ungewöhnlichen Dimensionen , das bei wenigstens 10 Fuß Breite gewiß die doppelte Höhe hat . Es beginnt über der Holzeinfassung des Chorstuhls , reicht bis fast an die Decke hinauf , und besteht aus vier klar gegliederten Teilen . Oben das Bredowsche Wappen , zu beiden Seiten von allegorischen Figuren eingefaßt ; darunter zwei Basreliefs , von denen das eine , nach links hin , die Auswerfung des Jonas aus dem Walfischbauche , das andere , nach rechts hin , die Auferstehung Christi darstellt ; darunter in Lebensgröße die Figuren Achim von Bredows und seiner Gemahlin , einer geborenen Anna von Arnim ; und endlich viertens unter diesen beiden Bildnissen folgende Inschrift : O frommer Christ , urtheile mild Der Du anschauest dieses Bild . Fragst Du , wer ich sei im Grab ? Gewesen bin ich und Itzt ab ; Verfolgung , Sorge , Kreuz ohn ' Zahl Die mir begegnet überall Ich ritterlich obwunden hab ' Und ruhe nun in meinem Grab . Auch mit Geduld der Welt Bosheit Hab ' ich ertragen allezeit Nach Gottes Willen , welcher ist Der allerbest zu jeder Frist – Gelobet seyst Du , Jesu Christ . Welch einfach schöne Worte . Die ganze Kernigkeit jener großen Zeit tritt einem daraus entgegen . Wie klein und marklos daneben die französischen Verse , die , seitens eines der Hofpoeten des Prinzen Heinrich , zu Ehren eines Fräulein Elseners ( einer Tochter des damaligen Rheinsberger Geistlichen ) gedichtet und mit dünnen Buchstaben an den Fuß eines Aschenkrugs geschrieben wurden . La vertu , la douceur , les charmes , La firent aimer ici bas ; Aussi voit-on que son trépas A chacun fait verser des larmes . Wir liebten sie , weil sie lieblich vereint Tugend , Sanftmuth und Zauber der Wangen ; Jetzt nun , wo sie hinübergegangen Folgt ihr die Klage und jeder weint . Wir werden noch an anderer Stelle Versen derart begegnen . Inmitten des Parks , der reich daran ist , erfreuen sie ; hier aber , unter deutschen Liedern und Kernsprüchen , stören sie bloß und würden auch dann noch stören , wenn sie bedeutender wären als sie sind . Es zeigt sich deutlich , daß die Kirche der gemiedene Schauplatz der Voltairianer war , ein unheimlicher , gotisch gewölbter Keller , für den es sich nicht verlohnte , wenn eine Elsener oder ein Pitschner starb , eine besonders poetische Kraftanstrengung zu machen . Die Rheinsberger Kirche weist noch eine Reihe kleiner Sehenswürdigkeiten auf , die hier wenigstens in Kürze namhaft gemacht werden sollen . Unter diesen ist ein Kristallglas-Kronleuchter , den die Rheinsberger Jungfrauen hier aufhingen und zum ersten Male mit Lichtern schmückten , als im Sommer 1763 , in Gegenwart des Prinzen Heinrich , das Friedensfest gefeiert wurde . Da begegnen wir weiterhin einem alten , aus gebranntem Ton gefertigten und mit Wappen und Malereien reich verzierten Taufsteine , den drei Geschwister Sparr ( Franz , Anna und Sabina ) der Kirche schenkten , und da fesselt uns drittens eine der Renaissancezeit angehörige Kanzel , die » Jobst von Bredows getreue Witwe « mit allerhand Wappen der Bredows , Hahns und Schulenburgs ausgestattet , der Rheinsberger Kirche stiftete . Gegenüber dieser Kanzel , an der schweren alten Eichentür , die , von dem eingangs beschriebenen Vorbau her , in die Mitte der Kirche führt , stand am Pfingstsonntag 1737 König Friedrich Wilhelm I. , eben erst von Berlin hier in Rheinsberg eingetroffen . Als ein frommer Christ , der nicht leicht einer Predigt vorüberging , war er , ehe er den kronprinzlichen Sohn im Schloß drüben überraschte , zuvor noch in die Kirche getreten . Und das war gut . Aber freilich ein so frommer Herr er war , ein so strenger Herr war er auch , und der alte Geistliche Johann Rossow , der das Glück oder Unglück hatte , den König schon von früher her zu kennen , erschrak beim Anblick Sr. Majestät dermaßen , daß er nur noch fähig war , mit zitternder Stimme den Segen zu sprechen . Worauf der König mit dem Stock nach der Kanzel hinauf drohte , eine Form der Aufmunterung , die begreiflicherweise völlig ihres Zwecks verfehlte . Johann Rossow starb bald nachher infolge des Schrecks . Im übrigen aber muß Rheinsberg und ganz besonders sein Pfarrhaus immer eine gesunde Luft gehabt haben . Von 1695 , bis 1848 , also in mehr als hundertundfünfzig Jahren , finden wir daselbst nur vier Prediger . Noch eines Kindergrabmals sei gedacht . Es stammt ebenfalls aus der Alt-Bredowschen Zeit her und steht rechtwinklig auf das umfangreiche Monument des Achim von Bredowschen Ehepaars , das ich oben beschrieben . Ich würde dieses kleineren Denkmals , das die mittelmäßigen Bildnisse zweier Kinder , eines Mädchens und eines Knaben von drei bis vier Jahren aufweist , an dieser Stelle gar nicht Erwähnung tun , wenn sich nicht , als an einem Musterbeispiele , daran zeigen ließe , wie und woraus Geschichten entstehen . Es wird einem nämlich erzählt , beide Kinder hätten am See gespielt und wären durch einen nicht aufgeklärten Zufall ertrunken . In der Hoffnung auf näheren Aufschluß , unterzog ich mich einer Entzifferung der Umschrift . Und was fand ich ? Das Mädchen war am 25. Februar , der Knabe am 4. März 1586 , also acht Tage später gestorben . Die bloße Datenangabe genügte hier völlig , alles das , was erzählt wird , als ein Märchen erkennen zu lassen . Aber eine Prüfung der Bildnisse selbst ergab mir auch den Ursprung der Fabel . Das lang herabhängende blonde Haar des Mädchens sah täuschend aus wie halbkrauses Lockenhaar , das im Wasser seine Krause verloren hat und nur noch leise gewellt , wie eine kompakte Masse , über den Nacken fällt . Einfach der Anblick dieses Haares , das nur deshalb wie vom Wasser zusammengehalten aussieht , weil es der Steinmetz nicht besser und natürlicher machen konnte , hat der kleinen Erzählung von den im See ertrunkenen Geschwistern die Entstehung gegeben . Ihre größte Sehenswürdigkeit hat die Rheinsberger Kirche seit einem Menschenalter eingebüßt . Es war dies das alte Grabgewölbe , darin sich die Särge der Familien von Eichstädt und Sparr und besonders der Familie von Bredow befanden . Damals war die jetzt zugemauerte Gruft jedermann zugänglich , und nur am Schall des Tritts erkennt man auch heute noch , daß der Boden hohl ist , über den man hinschreitet . Ehe mit der Zumauerung begonnen wurde , schaffte man die druntenstehenden vierzig Särge noch einmal ans Tageslicht und öffnete die Deckel . Und so paradierten sie wochenlang im Schiff der Kirche . Vor demselben Altare , vor dem die Gesichter einiger Bredows in die großen Sandsteinplatten eingegraben waren , standen jetzt die Toten in ihren halbaufgerichteten Särgen und blickten geschlossenen Auges auf ihre eigenen Bildnisse herab . Endlich aber war die Zeit da , wo die Toten wieder in ihre mittlerweile