Steinwüste , als hätte ein Erdbeben die Stadt zerstört . Atemlos vor Aufregung , schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus . Ein paar Häuserreihen , und ich stand vor der gesuchten Spelunke . » Cafe Chaos « stand darüber geschrieben . Ein menschenleeres , winziges Lokal , das kaum genügend Platz ließ für die paar Tische , die an die Wände gerückt waren . In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und schnarchte . Ein Marktweib , mit einem Gemüsekorb vor sich , saß in der Ecke und nickte über einem Glas Caj . Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen , was ich wünschte . Bei dem frechen Blick , mit dem er mich vom Kopf bis zu Fuß musterte , kam mir erst zum Bewußtsem , wie abgerissen ich aussehen mußte . Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich : ein fremdes , blutleeres Gesicht , faltig , grau wie Kitt , mit struppigem Bart und wirrem , langem Haar starrte mir entgegen . Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei , fragte ich und bestellte schwarzen Kaffee . » Woaß net , wo er so lang bleibt « , war die gegähnte Antwort . Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter . Ich nahm das » Prager Tagblatt « von der Wand und - wartete . Die Buchstaben liefen wie Ameisen über die Seiten , und ich begriff nicht ein einziges Wort von dem , was ich las . Die Stunden vergingen , und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das verdächtige tiefe Dunkelblau , das den Einbruch der Morgendämmerung für ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt . Hie und da spähten ein paar Schutzleute mit grünlich schillernden Federbüschen herein und gingen in langsamem , schwerem Schritt wieder weiter . Drei übernächtig aussehende Soldaten traten ein . Ein Straßenkehrer nahm einen Schnaps . Endlich , endlich : Jaromir . Er hatte sich so verändert , daß ich ihn anfangs gar nicht wiedererkannte : die Augen erloschen , die Vorderzähne ausgefallen , das Haar schütter und tiefe Höhlen hinter den Ohren . Ich war so froh , nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen , daß ich aufsprang , ihm entgegenging und seine Hand faßte . Er benahm sich außerordentlich scheu und blickte immerwährend nach der Türe . Durch alle möglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen , daß ich mich freute , ihn getroffen zu haben . - Er schien es mir lange nicht zu glauben . Aber , was für Fragen ich auch stellte , stets die gleiche hilflose Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm . Wie konnte ich mich nur verständlich machen ? ! Halt ! Eine Idee ! Ich ließ mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die Gesichter von Zwakh , Vrieslander und Prokop auf . » Was ? Alle nicht mehr in Prag ? « Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum , machte die Gebärde des Geldzählens , marschierte mit den Fingern über den Tisch , schlug sich auf den Handrücken . Ich erriet : alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmännische Kompagnie mit dem vergrößerten Marionettentheater durch die Welt . » Und Hillel ? Wo wohnt er jetzt ? « - Ich zeichnete sein Gesicht , ein Haus dazu und ein Fragezeichen . Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht ; - er konnte nicht lesen , aber er begriff , was ich wollte , - nahm ein Streichholz , warf es scheinbar in die Höhe und ließ es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden . Was bedeutete das ? Hillel sollte auch verreist sein ? Ich zeichnete das jüdische Rathaus auf . Der Taubstumme schüttelte heftig den Kopf . » Hillel ist also nicht mehr dort ? « » Nein ! « ( Kopfschütteln . ) » Wo ist er denn ? « Wieder das Spiel mit dem Streichholz . » Er meint halt , daß der Herr weg ist , und niem ' d weiß nicht , wohin « , mischte sich der Straßenkehrer , der uns die ganze Zeit über interessiert zugesehen hatte , belehrend ein . Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen : Hillel fort ! - Jetzt war ich ganz allein auf der Welt . - - Die Gegenstände im Zimmer fingen vor meinen Augen an zu flimmern . » Und Mirjam ? « Meine Hand zitterte so stark , daß ich ihr Gesicht lange nicht ähnlich zeichnen konnte . » Ist Mirjam auch verschwunden ? « » Ja . Auch verschwunden . Spurlos . « Ich stöhnte laut auf , lief im Zimmer hin und her , daß die drei Soldaten einander fragend anblickten . Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemühte sich , mir noch etwas anderes mitzuteilen , was er erfahren zu haben schien : er legte den Kopf auf den Arm , wie jemand , der schläft . Ich hielt mich an der Tischplatte : » Um Gottes Christi willen , Mirjam ist gestorben ? « Kopfschütteln . Jaromir wiederholte die Gebärde des Schlafens . » War Mirjam krank gewesen ? « Ich zeichnete eine Medizinflasche . Kopfschütteln . Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm . - - - Das Zwielicht kam , eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer konnte ich nicht herausbringen , was die Geste bedeuten sollte . Ich gab es auf . Dachte nach . Das einzige , was mir zu tun blieb , war , in aller Frühe auf das jüdische Rathaus zu gehen , um dort Erkundigungen einzuziehen , wohin Hillel mit Mirjam gereist sein könne . Ich mußte ihm nach . - - - Wortlos saß ich neben Jaromir . Stumm und taub wie er . Als ich nach einer langen Zeit aufblickte , sah ich , daß er mit einer Schere an einer Silhouette herumschnitt . Ich erkannte das Profil Rosinas . Er reichte mir das Blatt über den Tisch herüber , legte die Hand auf die Augen und - - weinte still vor sich hin . - - Dann sprang er plötzlich auf und taumelte ohne Gruß zur Tür hinaus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben und nicht mehr wiedergekommen ; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen , denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit , hatte man mir auf dem jüdischen Rathaus gesagt . Das war alles , was ich erfahren konnte . Keine Spur , wohin sie sich gewandt haben mochten . Auf der Bank hieß es , mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag belegt , man erwarte aber täglich den Bescheid , es mir auszahlen zu dürfen . Also auch die Erbschaft Charouseks mußte noch den Amtsweg gehen , und ich wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld , um dann alles aufzubieten , Hillels und Mirjams Spur zu suchen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich hatte meine Edelsteine verkauft , die ich noch in der Tasche gehabt , und mir zwei kleine , möblierte , aneinanderstoßende Dachkammern in der Altschulgasse - die einzige Gasse , die von der Assanierung der Judenstadt verschont geblieben , - gemietet . Sonderbarer Zufall : es war dasselbe wohlbekannte Haus , von dem die Sage ging , der Golem sei einst darin verschwunden . Ich hatte mich bei den Bewohnern - zumeist kleine Kaufleute oder Handwerker - erkundigt , was denn Wahres an dem Gerücht von dem » Zimmer ohne Zugang « sei , und war ausgelacht worden . - Wie man einen derartigen Unsinn denn glauben könne ! Meine eigenen Erlebnisse , die sich darauf bezogen , hatten im Gefängnis die Blässe eines längst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben , - strich sie aus dem Buch meiner Erinnerungen . Die Worte Laponders , die ich zuweilen so klar in mir hörte , als säße er mir gegenüber wie damals in der Zelle und spräche zu mir , bestärkten mich darin , daß ich rein innerlich geschaut haben müsse , was mir ehedem greifbare Wirklichkeit geschienen . War denn nicht alles vergangen und verschwunden , was ich einst besessen hatte ? Das Buch Ibbur , das phantastische Tarokspiel , Angelina und sogar meine alten Freunde Zwakh , Vrieslander und Prokop ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war Weihnachtsabend , und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten Kerzen nach Hause gebracht . Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem Wachs . Ehe das Jahr noch zu Ende ging , war ich vielleicht schon unterwegs und suchte in Städten und Dörfern , oder wohin es mich innerlich ziehen würde , nach Hillel und Mirjam . Alle Ungeduld , alles Warten war allmählich von mir gewichen und alle Furcht , Mirjam könne ermordet worden sein , und mit dem Herzen wußte ich , ich würde sie beide finden . Es war ein beständiges glückliches Lächeln in mir , und wenn ich meine Hand auf etwas legte , kam mir ' s vor , als ginge ein Heilen von ihr aus . Die Zufriedenheit eines Menschen , der nach langer Wanderung heimkehrt und die Türme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht , erfüllte mich auf ganz sonderbare Weise . Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen , um Jaromir zum Weihnachtsabend zu mir zu holen . - Er habe sich nie mehr blicken lassen , erfuhr ich , und schon wollte ich betrübt wieder gehen , da kam ein alter Tabulettkrämer herein und bot kleine , wertlose Antiquitäten zum Kauf an . Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhängseln , kleinen Kruzifixen , Kammnadeln und Broschen herum , da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand , und ich erkannte es voll Erstaunen als das Andenken , das mir Angelina , als sie noch ein kleines Mädchen gewesen , einst beim Springbrunnen in ihrem Schloß geschenkt hatte . Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir , als sähe ich in einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild . - Lange , lange stand ich erschüttert da und starrte auf das kleine , rote Herz in meiner Hand . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich saß in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln , wenn hie und da ein kleiner Zweig über den Wachskerzen zu glimmen begann . » Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo in der Welt seinen Marionettenweihnachtsabend « , malte ich mir aus , - » und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines Lieblingsdichters Oskar Wiener « : Wo ist das Herz aus rotem Stein ? Es hängt an einem Seidenbande . O du , o gib das Herz nicht her ; Ich war ihm treu und hatt ' es lieb , Und diente sieben Jahre schwer Um dieses Herz , und hatt ' es lieb ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eigentümlich feierlich wurde mir plötzlich zumute . Die Kerzen waren heruntergebrannt . Nur eine einzige flackerte noch . Rauch ballte sich im Zimmer . Als ob mich eine Hand zöge , wandte ich mich plötzlich um und : Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle . Mein Doppelgänger . In einem weißen Mantel . Eine Krone auf dem Kopf . Nur einen Augenblick . Dann brachen Flammen durch das Holz der Tür , und eine Wolke erstickenden heißen Qualms schlug herein : Feuersbrunst im Haus ! Feuer ! Feuer ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich reiße das Fenster auf . Klettere auf das Dach hinaus . Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran . Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe . Dann das gespenstische , rhythmische , schlapfende Atmen der Pumpen , wie die Dämonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind : das Feuer . Glas klirrt und rote Lohe schießt aus allen Fenstern . Matratzen werden hinuntergeworfen , die ganze Straße liegt voll davon , Menschen springen nach , werden verwundet weggetragen . In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase ; ich weiß nicht warum . Das Haar sträubt sich mir . Ich laufe auf den Schornstein zu , um nicht versengt zu werden , denn die Flammen greifen nach mir . Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt . Ich rolle es auf , schlinge es um Handgelenk und Bein , wie ich es als Knabe beim Turnen gelernt habe , und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab . - Komme an einem Fenster vorbei . Blicke hinein : Drin ist alles blendend erleuchtet . Und da sehe ich - - - da sehe ich - - - mein ganzer Körper wird ein einziger hallender Freudenschrei : » Hillel ! Mirjam ! Hillel ! « Ich will auf die Gitterstäbe losspringen . Greife daneben . Verliere den Halt am Seil . Einen Augenblick hänge ich , Kopf abwärts , die Beine gekreuzt , zwischen Himmel und Erde . Das Seil singt bei dem Ruck . Knirschend dehnen sich die Fasern . Ich falle . Mein Bewußtsein erlischt . Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims , aber ich gleite ab . Kein Halt : der Stein ist glatt . Glatt wie ein Stück Fett . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schluß » - - - wie ein Stück Fett ! « Das ist der Stein , der aussieht wie ein Stück Fett . Die Worte gellen mir noch in den Ohren . Dann richte ich mich auf und muß mich besinnen , wo ich bin . Ich liege im Bett und wohne im Hotel . Ich heiße doch gar nicht Pernath . Habe ich das alles nur geträumt ? Nein ! So träumt man nicht . Ich schaue auf die Uhr : kaum eine Stunde habe ich geschlafen . Es ist halb drei . Und dort hängt der fremde Hut , den ich heute im Dom auf dem Hradschin verwechselt habe , als ich beim Hochamt auf der Betbank saß . Steht ein Name darin ? Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weißen Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen : ATHANASIUS PERNATH Jetzt läßt es mir keine Ruhe mehr ; ich ziehe mich hastig an und laufe die Treppe hinunter . » Portier ! Aufmachen ! Ich gehe noch eine Stunde spazieren . « » Wohin , bitt schän ? « » In die Judenstadt . In die Hahnpaßgasse . Gibt ' s überhaupt eine Straße , die so heißt ? « » Freilich , freilich « - der Portier lächelt malitiös - » aber in der Judenstadt , ich mache aufmerksam : ist nicht mehr viel los . Alles neu gebaut , bitte . « » Macht nichts . Wo liegt die Hahnpaßgasse ? « Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte : » Hier , bitte . « » Und die Schenke Zum Loisitschek ? « » Hier , bitte . « » Geben Sie mir ein großes Stück Papier . « » Hier , bitte . « Ich wickle Pernaths Hut hinein . Merkwürdig : er ist fast neu , tadellos sauber und doch so brüchig , als wäre er uralt . - Unterwegs überlege ich : Alles , was dieser Athanasius Pernath erlebt hat , habe ich im Traum miterlebt , in einer Nacht mitgesehen , mitgehört , mitgefühlt , als wäre ich er gewesen . Warum weiß ich denn aber nicht , was er in dem Augenblick , als der Strick riß und er » Hillel , Hillel ! « rief , hinter dem Gitterfenster erblickt hat ? Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt , begreife ich . Ich muß diesen Athanasius Pernath auffinden , und wenn ich drei Tage und drei Nächte herumlaufen sollte , nehme ich mir vor . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Also das ist die Hahnpaßgasse ? Nicht annähernd so habe ich sie im Traum gesehen ! - Lauter neue Häuser . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek . Ein stilloses , ziemlich sauberes Lokal . Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer ; eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten geträumten » Loisitschek « ist nicht zu leugnen . » Befehlen , bitt ' schön ? « , fragt die Kellnerin , ein dralles Mädel , in einen rotsamtenen Frack buchstäblich hineingeknallt . » Kognak , Fräulein . - So , danke . « - - - - - » Hm . Fräulein ! « » Bitte ? « » Wem gehört das Kaffeehaus ? « » Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek . - Das ganze Haus gehört ihm . Ein sehr feiner reicher Herr . « - Aha , der Kerl mit den Schweinszähnen an der Uhrkette ! erinnere ich mich . - Ich habe einen guten Einfall , der mich orientieren wird : » Fräulein ! « » Bitte ? « » Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt ? « » Vor dreiunddreißig Jahren . « » Hm . Vor dreiunddreißig Jahren ! « - ich überlege : der Gemmenschneider Pernath muß also jetzt fast neunzig sein . » Fräulein ! « » Bitte ? « » Ist hier niemand unter den Gästen , der sich noch erinnern kann , wie die alte Judenstadt von damals ausgesehen hat ? Ich bin Schriftsteller und interessiere mich dafür . « Die Kellnerin denkt nach : » Von den Gästen ? Nein . - Aber warten S ' : der Billardmarqueur , der dort mit einem Studenten Carambol spielt , - sehen Sie ihn ? Der mit der Hakennase , der Alte , - der hat immer hier gelebt und wird Ihnen alles sagen . Soll ich ihn rufen , wenn er fertig ist ? « Ich folgte dem Blick des Mädchens : Ein schlanker , weißhaariger , alter Mann lehnt drüben am Spiegel und kreidet seine Queue . Ein verwüstetes , aber seltsam vornehmes Gesicht . Woran erinnert er mich nur ? » Fräulein , wie heißt der Markör ? « Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch , leckt an einem Bleistift , schreibt in Windeseile ihren Vornamen unzählige Male auf die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem Finger rasch wieder aus . Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder sengende Glutblicke zu ; - je nachdem sie ihr gelingen . Unerläßlich ist natürlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen , denn es erhöht das Märchenhafte des Blickes . » Fräulein , wie heißt der Markör ? « , wiederhole ich meine Frage . Ich sehe ihr an , sie hätte lieber gehört : Fräulein , warum tragen Sie nicht nur einen Frack ? oder etwas Ähnliches , aber ich frage es nicht ; mir geht mein Traum zu sehr im Kopf herum . » No , wie wird er denn heißen , « schmollt sie , » Ferri heißt er halt . Ferri Athenstädt . « » So so ? Ferri Athenstädt ! - Hm , - also wieder ein alter Bekannter . « » Erzählen Sie mir doch recht , recht viel von ihm , Fräulein , « girre ich , muß mich aber sofort mit einem Kognak stärken , » Sie plaudern gar so herzig ! « ( Ich ekle mich vor mir selber . ) Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir , damit mich ihre Haare im Gesicht kitzeln , und flüstert : » Der Ferri , der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener . - Er soll von uraltem Adel gewesen sein - es ist natürlich nur so ein Gerede , weil er keinen Bart nicht trägt - und furchtbar viel Geld g ' habt habn . Eine rothaarige Jüdin , die schon von Jugend auf eine Person war « - sie schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf - » hat ihn dann ganz ausgezogen . - Punkto Geld mein ' ich natürlich . No , und wie er dann kein Geld nicht mehr gehabt hat , ist sie weg und hat sich von einem hohen Herrn heiraten lassen : von dem ... « - sie flüsterte mir einen Namen ins Ohr , den ich nicht verstehe . » Der hohe Herr hat dann natürlich auf alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von Dämmerich nennen dürfen . No ja . Aber daß sie früher eine Person g ' wesen ist , hat er ihr halt doch nicht wegwaschen können . Ich sag immer - . « » Fritzi ! Zahlen ! « ruft jemand von der Estrade herab . - Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern , da höre ich plötzlich ein leises metallisches Zirpen , wie von einer Grille , hinter mir . Ich drehe mich neugierig um . Traue meinen Augen nicht : Das Gesicht zur Wand gekehrt , alt wie Methusalem , eine Spieldose , so klein wie eine Zigarettenschachtel , in zitternden Skeletthänden sitzt ganz in sich zusammengesunken - der blinde , greise Nephtali Schaffranek in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel . Ich trete zu ihm . Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin : » Frau Pick , Frau Hock . Und rote , blaue Stern die schmusen allerhand . Von Messinung , an Räucherl und Rohn . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Wissen Sie , wie der alte Mann heißt ? « , frage ich einen vorbeieilenden Kellner . » Nein , mein Herr , niemand kennt weder ihn noch seinen Namen . Er selbst hat ihn vergessen . Er ist ganz allein auf der Welt . Bitte , er ist 110 Jahre alt ! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee . « Ich beugte mich über den Greis , - rufe ihm ein Wort ins Ohr : » Schaffranek ! « Es durchfährt ihn wie ein Blitz . Er murmelt etwas , streicht sich sinnend über die Stirn . » Verstehen Sie mich , Herr Schaffranek ? « Er nickt . » Passen Sie mal gut auf ! Ich möchte Sie etwas fragen , aus alter Zeit . Wenn Sie mir alles gut beantworten , bekommen Sie den Gulden , den ich hier auf den Tisch lege . « » Gulden « , wiederholt der Greis und fängt sofort an , wie ein Rasender auf seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln . Ich halte seine Hand fest : » Denken Sie einmal nach ! - Haben Sie nicht vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt ? « » Hadrbolletz ! Hosenschneider ! « - lallt er asthmatisch auf und lacht übers ganze Gesicht , in der Meinung , ich hätte ihm einen famosen Witz erzählt . » Nein , nicht Hadrbolletz : - - Pernath ! « » Pereles ? ! « - er jubelt förmlich . » Nein , auch nicht Pereies . - Per-nath ! « » Pascheies ? ! « - er kräht vor Freude . - - Ich gebe enttäuscht meinen Versuch auf . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Sie wollten mich sprechen , mein Herr ? « , - der Markör Ferri Athenstädt steht vor mir und verbeugt sich kühl . » Ja . Ganz richtig . - Wir können dabei eine Partie Billard spielen . « » Spielen Sie um Geld , mein Herr ? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor . « » Also gut : um einen Gulden . Fangen Sie vielleicht an , Markör . « Seine Durchlaucht nimmt das Queue , zielt , gickst , macht ein ärgerliches Gesicht . Ich kenne das : er läßt mich bis 99 kommen , und dann macht er in einer Serie » aus « . Mir wird immer kurioser zumute . Ich gehe direkt auf mein Ziel los : » Entsinnen Sie sich , Herr Markör : vor langer Zeit , etwa in den Jahren , als die steinerne Brücke einstürzte , in der damaligen Judenstadt einen gewissen - Athanasius Pernath gekannt zu haben ? « Ein Mann in einer rotweißgestreiften Leinwandjacke , mit Schielaugen und kleinen goldenen Ohrringen , der auf einer Bank an der Wand sitzt und eine Zeitung liest , fährt auf , stiert mich an und bekreuzigt sich . » Pernath ? Pernath ? « wiederholt der Markör und denkt angestrengt nach - » Pernath ? - War er nicht groß , schlank ? Braunes Haar , melierten kurzgeschnittenen Spitzbart ? « » Ja . Ganz richtig . « » Etwa 40 Jahre alt damals ? Er sah aus wie - - « , Seine Durchlaucht starrt mich plötzlich überrascht an . - » Sie sind ein Verwandter von ihm , mein Herr ? ! « Der Schieläugige bekreuzigt sich . » Ich ? Ein Verwandter ? Komische Idee . - Nein . Ich interessiere mich nur für ihn . Wissen Sie noch mehr ? « , sage ich gelassen , fühle aber , daß mir eiskalt im Herzen wird . Ferri Athenstädt denkt wieder nach . » Wenn ich nicht irre , galt er seinerzeit für verrückt . - Einmal behauptete er , er hieße - warten Sie mal , - ja : Laponder ! Und dann wieder gab er sich für einen gewissen - Charousek aus . « » Kein Wort wahr ! « fährt der Schieläugige dazwischen . » Den Charousek hat ' s wirklich gegeben . Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl . von ihm geerbt . « » Wer ist dieser Mann ? « , fragte ich den Markör halblaut . » Er ist Fährmann und heißt Tschamrda . - Was den Pernath betrifft , so erinnere ich mich nur , oder glaube es wenigstens - daß er in späteren Jahren eine sehr schöne , dunkelhäutige Jüdin geheiratet hat . « » Mirjam ! « sage ich mir und werde so aufgeregt , daß mir die Hände zittern und ich nicht mehr weiterspielen kann . Der Fährmann bekreuzigt sich . » Ja , was ist denn heute mit Ihnen los , Herr Tschamrda ? « , fragt der Markör erstaunt . » Der Pernath hat niemals nicht gelebt « , schreit der Schieläugige los . » Ich glaub ' s nicht . « Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein , damit er gesprächiger wird . » Es gibt ja wohl Leut ' , die sagen , der Pernath lebt noch immer « , rückt der Fährmann endlich heraus , » er is , hör ' ich . Kammschneider und wohnt auf dem Hradschin . « » Wo auf dem Hradschin ? « Der Fährmann bekreuzigt sich : » Das ist es ja eben ! Er wohnt , wo kein lebender Mensch wohnen kann : an der Mauer zur letzten Latern . « » Kennen Sie sein Haus , Herr - Herr - Tschamrda ? « » Nicht um die Welt möcht ' ich dort hinaufgehen ! « , protestiert der Schieläugige . » Wofür halten Sie mich ? Jesus , Maria und Josef ! « » Aber den Weg hinauf könnten Sie mir doch von weitem zeigen , Herr Tschamrda ? « » Das schon « , brummte der Fährmann . » Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr früh ; dann geh ' ich zur Moldau hinunter . Aber ich rat Ihnen ab ! Sie stürzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen ! Heilige Muttergottes ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wir gehen zusammen durch den Morgen ; frischer Wind weht vom Flusse