keinen neckischen Tanz wie um zitternde Zweige - ehrfürchtig streichen die Abgesandten der Sonne an ihr entlang und hüllen den marmorweißen Leib von Santa Maria del Fiore in ein Gewand gesponnenen Goldes . Doch von drüben lockt der Glockenturm mit seinen vielen steingehauenen Menschenbildern die fröhlichen Strahlen , und der andere hoch über dem Wehrgang mit seinem roten , rostigen Kupferhelm . Es ist , als ob die Sonne jauchzte über jeden neuen Fund , und weiter und weiter suchend vordringt . Die Sonne ist gut . Sie küßt nicht nur Berggipfel , Baumwipfel und Kirchentürme , die sich ihr stolz und fordernd und sehnsüchtig entgegenheben , sie streichelt auch mitleidig die ihrer ragenden Häupter durch Feuer und Feindesgeschosse beraubten Trutztürme der Paläste , ja sie wirbt schmeichelnd um die sich grimmig von ihr abwendenden schwarzbraunen Dächer der Häuser und wirft Bündel um Bündel flüssigen Silbers auf die breiten Steinfliesen der Plätze , auf das graue Pflaster der Gassen . Sie liebt diese Stadt mit der fordernden Liebe der Geliebten , mit der hingebungsvollen Treue der Mutter . Und die Stadt weiht sich ihr zum Altar , von dem statt des Geruchs brennender Opfertiere die berauschenden Düfte blühender Rosen gen Himmel steigen . Konrad hatte im ersten Dämmer des Morgens von San Miniato aus , wo er sich dem Traume hingab , daß die hier Schlummernde erwacht sei und neben ihm stünde , das Kommen der Sonne erwartet . Nun stieg er die breite Treppe zwischen hohen Zypressen und blühenden Lilien hinab und ging ziellos durch die erwachende Stadt , bei jedem Schritt mehr überwältigt von der vergangenheitgesättigten Gegenwart . Es waren ja nicht nur berühmte Namen , wie sie das Reisehandbuch dem bildungssüchtigen Europäer vermittelt , die vor ihm auftauchten , es war nicht nur eine Epoche der Weltgeschichte , deren überquellender Reichtum an Form und Gestalt ihm vor Augen trat , - es war die Lebendigkeit fortwirkender Kultur , deren er sich immer deutlicher bewußt wurde . Gab es überhaupt Tote in Florenz ? ! Der Atem dieser Stadt ist der Atem unsterblichen , ewig wirkenden Geistes . Was wäre unsere ganze Kultur ohne sie ? Häuser und Straßen und Plätze vergegenwärtigten ihm immer lebendiger ihre großen Söhne . Es hätte ihn nicht überrascht , dem leidverwüsteten Antlitz Michelangelos , dem ganz zu Geist gewordenen Leonardos plötzlich gegenüberzustehen ; dem scharfen Profile Dantes , dem Spöttergesicht Boccaccios , dem lockenumwallten Haupte Picos , der in ihrer Häßlichkeit prachtvoll schönen Erscheinung des Magnifico zu begegnen . Der Kunst , der Wissenschaft , dem Staat hatten sie ihr Leben geweiht ; aber war es nicht doch die Einheitlichkeit einer umfassenden Idee gewesen , die ihren Werken Gestalt und Dauer verlieh , wuchsen sie nicht aus einem gemeinsamen Boden zu einem Himmel empor ? Er war noch in Grübelei über die Antwort auf diese Frage versunken , als er sich einem freien Platze näherte . Das Denkmal Dantes , das ihm entgegensah - mit all jener frostigen Theatralik , die ein Kennzeichen der modernen italienischen Plastik ist - hätte ihn fast scheu zurückgetrieben , wenn eine altertümliche Kirche dahinter ihn nicht wieder gefesselt hätte . » Santa Croce , « sagte ihm jemand auf seine Frage . Er trat ein . Und unwillkürlich legten sich seine Hände ineinander . Ganz still und menschenleer war es . Achteckige Pfeiler , in ihrer Gestalt so kraftvoll ernst , als wüßten sie um ihre Bestimmung , tragen den Dachstuhl , der die schlichte Schönheit seines Gebälks unverhüllt zeigen darf ; durch die hohen , bunten Glasfenster des Chors strömt gedämpftes Licht und umgibt das kühle Grau des Steins , das Braun der Balken mit milder Wärme , während es zugleich aus den tiefen Kapellen ein leises Leben lockt . Die Gestalten an ihren Wänden erwachen . Aber sie sehen nicht hinab zu den Menschen , als bedürften sie ihrer . Denn sie sind weitab von der Welt . Da thront in einfacher Majestät der Sultan , das Antlitz voll ernster Trauer seinen weißgewandeten Priestern zugekehrt , die nicht wagen wollen , was der Mann in der schlichten Kutte des Franziskanermönchs tut , ohne die Pathetik des Heldentums : durch die Flamme zu schreiten . Und dort weinen die Brüder am Totenbette ihres Heiligen - in Leid und Liebe , aber ohne die Geste der Verzweiflung ; denn ihnen ist offenbar , was die Ungläubigen erst von der großen Lehrmeisterin , der Zeit , lernen werden : daß der heilige Franziskus lebt , ob er gleich gestorben ist . Auf der anderen Seite erwartet des Täufers Mutter , still ergeben in ihr gottgewolltes Frauenlos , gestreckt auf weißen Linnen ruhend , die Geburt Johannis , und Frauen , den Körper in faltige Gewänder keusch verhüllt , tragen das schicksalgezeichnete Kindlein dem priesterlichen Segen zu . Am Pfeiler aber steht Ludwig , der heilige König , mit frommem , in sich gekehrtem Blick über die Last der Aufgabe sinnend , die ihm Gott der Herr mit der Krone auf das Haupt gedrückt hat . Das ist weder entfesselte Leidenschaft , noch künstliche Bändigung . Das ist nur die große Ruhe des Frommseins . Konrad wandte sich wieder dem Ausgang zu . Und nun erst sah er die Denkmäler und Grabstätten an den Wänden der Seitenschiffe : Michelangelo und Macchiavelli , Marsupino , Aretino und Dante , - ein Dach überschattet sie , deren Denken und Tun so weit auseinanderging , eine Mauer umspannt sie , die selbst Welten umfaßten : Frommsein . War das die innere Einheit , aus die ihrer aller Stärke wuchs ? Nicht Hingabe an eine Idee , sondern Unterwerfung unter einen Glauben , den christlichen ? » Nein ! « sagte Konrad laut , als ob er vor ihnen allen sein Ketzertum bekennen müsse . Zu den Höhen der alten Etruskerstadt Faesulae zog es ihn hinauf , als ob er da oben das Licht suchen müsse . Verschlungene Wege ging er : zwischen Mauern , durch graue Olivenhaine , an geheimnisvoll lockenden , grün übersponnenen Toren vorüber , während da und dort der Blick sich öffnete , ein Bauernhaus mit gewölbter Loggia , eine Villa mit eckigem Turm erschien . Wie schmiegten sich daheim Dörfer und Gehöfte demütig zu Füßen der Hügel , der Felsen , der Bäume , noch überdies unter spitzgiebelige Dächer versteckt , - hier stand das Haus des Ärmsten aus starken Mauern von gewachsenem Stein stolz auf der Höhe , ein Herr , ein Herrscher . Widersprach nicht die Lehre dieses Wegs unter freiem Himmel der Lehre aus der dämmernden Halle von Santa Croce - vom heiligen Kreuz ? Den steilsten Weg aufwärts , wo zuletzt zwischen den dunklen Stämmen einer Allee von Zypressen das weite Tal lächelnd hindurchschaut , erreichte Konrad die Höhe von Fiesole , und sah die Stadt wieder vor sich , für die jeder Hügel ringsum , als Ausblick zu ihr geschaffen schien . Sie schwamm in einem Meere blendenden Lichts . Die Sonne umschlang sie ganz und versteckte ihre heiße Umarmung unter Silberschleiern . Es war spät am Nachmittag , als Konrad die enge Via Calzaioli durchschreitend heimwärts ging . Da tönte ihm aus der Nebenstraße von der Piazza Vittorio Emanuele aus Lärm und Geschrei entgegen . » A basso il tedeschi ! « gröhlte eine sich überschlagende Knabenstimme , von Jubel umtost . Überrascht trat er näher . » Studenten , « sagte auf seinen fragenden Blick einer der Umstehenden , den die improvisierte Straßenversammlung belustigte wie irgendein anderer Spektakel . Auf einer kleinen Holztribüne tobte ein sehr blasses tiefbrünettes Kerlchen mit lebhaften Gebärden seine stürmische Leidenschaft aus . Er sprach pathetisch von den » geknechteten Brüdern « im Alpenland ; von den » unerlösten Kindern der heiligen Mutter Italien , - Trient und Triest . « Konrad lachte unwillkürlich hell auf : so wenig wußten diese Studenten von der historischen Vergangenheit ! Böse Blicke trafen ihn ; ein feindseliges Gemurmel entstand ; ein leerer Raum bildete sich um ihn her . Betroffen von dem Unerwarteten , verletzt durch ein Geschehen , das das Große , das er eben innerlich erlebte , zu verwischen drohte , wandte er sich langsam zum Gehen . Als Konrad sich dem Palazzo Savelli wieder näherte , hielt ein Auto vor der Türe . So waren die amerikanischen Gäste , die ganz Italien darin » abmachten « , schon da . Ungerufen erschien Giovanni , sobald er in sein Zimmer trat . » Die Frau Marchesa hat heute geweint , « sagte er in vorwurfsvollem Ton . » Bin ich daran schuld ? « frug Konrad , sich zu einem gleichgültigen Lächeln zwingend , während er fühlte , wie nahe Norinas Leid ihm ging . » Ja , « entgegnete Giovanni mit einem fast feindseligen Blick auf ihn . » Der Herr Graf tobte , weil die Frau Marchesa den Herrn Baron abgewiesen hat . « Und nun fiel es wie ein Schleier über des Alten Züge , während er kopfschüttelnd vor sich hinmurmelte : » Was konnte mein Bambino von Monna Lavinia haben wollen ? ! « Konrad stieg das Blut siedend heiß ins Gesicht : war das der Grund ihrer schroffen Abwehr gestern abend , daß man sie zwingen wollte - entgegenkommend zu sein ? ! Zu Giovanni sagte er erregt : » Du hast gehorcht , - ich verbiete es dir ! « Der Alte zuckte zusammen . Dann schob er mit der Linken den Ärmel von seinem rechten fleischlosen Arm weit zurück : viele breite Narben zogen sich über die braune Haut . » Aus diesen Wunden blutete ich für Monna Lavinia , « flüsterte er , » und Blut - Blut bindet ewig ! « » Monna Lavinia starb , Giovanni , « suchte Konrad den Verwirrten mit liebevoller Stimme aus dem Traum zu erwecken . Der aber warf kopfschüttelnd einen verständnislosen Blick auf ihn . » Bambino mio , « sagte er dann , die Hände flehend zu ihm erhoben , » hilf du , daß sie nicht mehr weint ! Ich - ich habe - « und er zog mit verlegenem Lächeln ein abgegriffenes Büchlein aus der Tasche , das er zärtlich streichelte - » für mein Begräbnis , mit vielen Priestern , und Chorknaben und Gesang , allerlei zusammengespart in den langen Jahren - Ihr seid auf Hochseß immer sehr gut , sehr gnädig gewesen zu dem alten Giovanni ! - Die Frau Marchesa - « gequält von der eigenen Verwirrung sah er auf - » ist zu stolz - sie nähme es nicht von mir ! Nur daß sie dem Schurken , dem Battisto die - die goldene Schlange mit den roten Augen wieder fortnimmt ! « Der Alte schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte . » Das Armband ? ! Was ist ' s damit ? ! « forschte Konrad . » Er zeigt ' s in der Osteria drüben - der Hund - er prahlt damit - « Entsetzt umklammerte Konrad des Alten Arm . » Sprich weiter - sprich ! « rief er , während ein gräßlicher Verdacht ihn zittern machte . Die kleinen Augen des Alten leuchteten triumphierend auf . » Mit dieser Faust hab ' ich ihm das Maul gestopft , « sagte er , und fügte , den gebrechlichen Körper aufrichtend und das Gesicht in wildem Haß verzogen , fast kreischend hinzu : » Kalt gemacht hätt ' ich ihn , wenn er noch ein einziges Wort gesagt hätte . « Konrad verstummte . Er wollte nichts mehr hören - nichts . Mit seinen eigenen Augen mußte er sich überzeugen . Als er dem roten Saale näher kam , tönte ihm das laute Geschwätz der Amerikaner schon entgegen . Miß Maud hob die goldene Lorgnette an ihre hellen blauen Augen , als er eintrat . Er verbeugte sich steif . Norina saß sehr gerade auf einem der kleinen dünnbeinigen Stühlchen , die so gar nicht für ihre stolze Größe paßten . Man fühlte förmlich die Distanz , die sie zwischen sich und ihren Gästen aufrecht erhielt . Die kleine Amerikanerin streckte ihm die Hand entgegen und begann mit ihrer hellen modulationslosen Stimme erregt auf ihn einzureden . Sie wollte wissen , ob er auch im Bargello die » entzückenden « Putten Donatellos gesehen habe und im Palazzo Pitti das furchtbar interessante Bildnis Luigi Cornaros ; dann frug sie ihn unvermittelt , ob es wahr wäre , daß er eine wirkliche alte deutsche Ritterburg besäße , und riß die runden Augen vor Entzücken über seine bejahende Antwort noch weiter auf . Konrad bemerkte , wie Carlo Savelli unruhig wurde . Ach so , - er hatte völlig vergessen , daß er dem Vetter seine Hilfe versprochen hatte ! » Kann man Ihre Burg besichtigen ? « forschte Miß Maud , rot vor Eifer . » Sie ist für Fremde nicht zugänglich , « antwortete er schroff , sich im stillen über den Grad der Unhöflichkeit wundernd , den er sich abgenötigt hatte . Carlos dankbarer Blick traf ihn zugleich mit einem Aufleuchten aus Norinas dunklen Augen . Er zwang sich dazu , es nicht zu bemerken . Die Amerikaner rüsteten zum Aufbruch . » Sie haben mir versprochen , Graf Savelli , uns Ihren Palazzo zu zeigen , « erklärte Miß Maud . » Es ist wenig an ihm zu sehen , « sagte Norina , sich erhebend . » Und wohl auch schon zu dunkel , « fügte Konrad rasch hinzu , der ihre Empfindung verstand . » Oh , ich habe gute Augen , « meinte die Amerikanerin , » und - « dabei traf ein langer koketter Blick den jungen Grafen , dem die Freude darüber das Antlitz dunkler färbte - » ich liebe es so sehr , mit meiner Phantasie so wundervolle Räume einzurichten . « Schon öffnete Carlo Savelli die Türe . » Du gestattest wohl , daß ich euch hier zurückerwarte , « sagte Norina kalt und , zu Konrad gewendet , mit sprechender Bitte in den Augen : » Sie wissen ja auch Bescheid - « In diesem Augenblick erschien Battisto . Sein Mund war geschwollen . Er räumte Teller und Gläser fort . Norina würdigte ihn keines Blicks . Eine Empfindung tiefster Beschämung ergriff Konrad . Wie hatte er sie auch nur mit einem leisen Gedanken verdächtigen können ! - Die Amerikanerin war wie ein Wirbelwind . Sie öffnete eigenmächtig alle Türen . Wohltätiges Dämmerlicht verhüllte , was des Verhüllens wert war , und ließ die Räume selbst nur noch gewaltiger erscheinen , so daß Miß Maud ihr zwitscherndes » Wundervoll ! « nicht oft genug wiederholen konnte . Mrs. Vanrosendahl äußerte sich kaum ; nur einmal sagte sie zu Konrad : » Mit einigen tausend Dollars ließe sich hier eine fürstliche Umgebung schaffen . « Ihre Tochter durchstöberte indessen alle Winkel . Ehe Graf Savelli hindernd dazwischenspringen konnte , hatte sie eine weitere Tür aufgerissen . Helles Licht strömte in den Flur . » Meiner Schwester Zimmer , « sagte der Graf in sichtlicher Verlegenheit . Konrad hätte sich am liebsten rücksichtslos den Eingang wehrend in den Rahmen der Tür gestellt . Aber schon tönte ihm Miß Mauds » Ah « und » Oh « entgegen . Er war genötigt , so sehr er sich davor scheute , sich umzusehen . Es war kein Zimmer . Es war ein Atelier . Kopien alter Meister hingen an den hellen Wänden , stets dasselbe Motiv in seinen hundert Variationen - die Madonna mit dem Kinde - wiederholend , Skizzen italienischer Landschaften , mit einem Mut zur Farbe gemalt , wie er Frauen sonst zu fehlen pflegt , lagen auf schweren , alten Renaissancetischen , oder lehnten in den verblichenen Seidenbezügen hoher , in ihrem Holz vom Alter schwarz gewordener Stühle . Was aber dem Raum seinen eigentlichen Charakter verlieh , ihn wie einen Märchengarten erscheinen ließ , den zu betreten nur Berufenen erlaubt sein dürfte , - Konrad empfand sein Hiersein wie eine Entweihung , und das der Amerikaner fast wie ein Sakrileg - das war die Fülle der Blumen : Aus hohen Vasen und breiten Tontöpfen wuchsen sie empor , von Konsolen und Regalen rankten sie sich hinunter , mit ihren Düften und ihren Farben die ganze Luft erfüllend . Selbst das schwatzhafte Mädchen fand minutenlang keine Worte , bis sie dicht ans Fenster vor die Staffelei trat , die eben erst verlassen zu sein schien . » Sieh nur , Mutter , sieh , « schrie sie auf , » das ist ja fast derselbe Stoff , den wir heute morgen im Palazzo Strozzi gekauft haben ! « Konrad sah , wie Savelli erblaßte und die Zähne in die Unterlippe grub . Er trat näher : wie Mondlicht schimmernde Seide war über die Leisten gespannt , und Blumen voll farbenglühenden Lebens hatte der Pinsel eines großen Künstlers darauf geworfen . Konrad erschrak , war aber rasch wieder Herr seiner selbst . Er lächelte die beiden Damen an und sagte : » So wissen Sie noch nicht , daß die Florentiner Modedamen , soweit sie nur den Pinsel führen können , es als eine Eitelkeitspflicht betrachten , sich die Stoffe ihrer Soireetoiletten selbst zu malen ? Man versteckt dabei sorgfältig das gewählte Muster vor den Augen der Freundinnen , um vor jeder Kopie sicher zu sein . « » Oh , ich verstehe , ich verstehe ! « rief Miß Maud , in die Hände klatschend , » das muß ich auch lernen - gleich ! - , Graf Savelli , Sie werden mir die Adresse eines Lehrers verschaffen - heute noch ! « Mit einem erlösten Aufatmen versprach er es . » Aber Sie müssen eine Bedingung stellen , lieber Vetter , « wandte sich Konrad scheinbar scherzend an ihn , » daß die Damen von ihrem heimlichen Einbruch in das Atelier der Frau Marchesa nichts verraten . Sie würde sicher untröstlich sein . « Miß Mauds Gesicht überzog ein tiefes Rot , und mit dem Ausdruck eines gescholtenen Kindes , das in seiner Natürlichkeit viele seiner Taktlosigkeiten vergessen ließ , schnitt sie des Grafen Antwort ab , indem sie hastig hervorsprudelte : » Ich wollte Sie gerade um dasselbe bitten . Es ist meine Schuld , durchaus meine Schuld , wenn wir hier eindrangen . Die Frau Marchesa würde mich , erführe sie es , noch weniger leiden können , und das wäre mir sehr , sehr unangenehm . « Konrad empfand , wie ein Gefühl von Freude sein Herz erwärmte : so hatte er Norina doch ein wenig schützen können ! Am nächsten Tage kaufte er , was an gemalter Seide noch zu haben war - er erkannte auf den ersten Blick Norinas Kunst - und betrachtete dabei mit einer Empfindung , die zwischen Trauer und Staunen hin und her schwankte , die wundervollen Säle des Palazzo Strozzi : Ein Schloß für ein Geschlecht geborener Herrscher , die den Raum verschwenden durften wie die Wälder der Apenninen , deren Stämme einst in diesen Kaminen glühten , um ihre Füße zu wärmen . Und jetzt ? ! Angefüllt mit kostbarem Hausrat der Väter , aus allen Adelspalästen Italiens zusammengetragen und für fremde Emporkömmlinge zum Kauf gestellt ! » Mögen sie es eintauschen für blanke Münzen , « dachte er , von einem vorübergehenden Gefühl müder Ergebung in das Unvermeidliche beherrscht , » mögen sie ! Niemals werden sie besitzen , was sich nur besitzen läßt , wenn es mit der Erinnerung der Generationen verwuchs . « Kurze Zeit später sah er die goldene Schlange mit den roten Augen wieder am Arme Norinas . Er hatte tagelang vermieden , sie allein zu sehen ; zuweilen , wenn er früh fortging und abends wiederkam , sah er sie überhaupt nicht . Auch sie ging ihm sichtlich aus dem Wege ; und immer wieder , vor allem dann wenn der alte Graf besonders freundlich war , hatte sie Momente einer fast abstoßenden Kälte . In ihm aber wuchs ein Gefühl , wie er es in seiner Zwiespältigkeit selbst nicht verstand : sie erschien ihm fremd und fern - ganz fern , und doch so vertraut , als wäre ihre stolze Seele ein Gefäß von Kristall ; und ihr zu dienen hatte er das Bedürfnis , so wie der Ritter in Kampf und Turnier die Farben seiner Dame trägt , die jeder unedle Gedanke , jede feige Tat beschmutzen , als wären sie seine Ehre ; dabei wurde sein Wunsch immer stärker , so daß er die Gewalt imperatorischen Willens annahm , ihr ein Beschützer zu sein , eine Mauer um sie zu bauen , wie der Rosenzüchter um seinen Garten , und allem zu wehren , das ihr Schaden zu tun vermöchte . Sie identifizierte sich ihm täglich mehr mit der Stadt , um die er auf allen seinen Wegen warb ; nicht , um sie in ihrer Körperlichkeit zu besitzen - welch wahnwitzig törichter Gedanke ! - , sondern um sie in sich aufzunehmen , eins zu werden mit ihrem Geiste , - einem Geiste , der ihm mehr und mehr der des Lebens zu sein schien , das er auch in den Zeiten tiefster Verirrung nie aufgehört hatte zu suchen . Eines Abends - sie waren seit langem zum erstenmal allein miteinander , Norinas Vater , allmählich zu den alten Gewohnheiten zurückkehrend , die er des Gastes wegen geglaubt hatte , aufgeben zu müssen , war in seinem Klub , Carlo begleitete die Amerikaner auf einer Autofahrt - begann er , von seiner » Eroberung von Florenz « , wie er es lächelnd bezeichnete , zu erzählen . Sie hörte aufmerksam zu , in den schön gebauten , schlanken Händen , die ihr Wesen konzentriert zum Ausdruck brachten , - seinen Stolz und seine Vornehmheit , seine Zartheit und seine Kraft - , eine jener kunstvoll feinen Spitzenarbeiten , die heute fast nur noch aus den schwindsüchtigen Fingern unglücklicher Heimarbeiterinnen hervorgehen . » Wie schön es ist , « dachte er , sich mit dem Gefühl einer Stille , die Körper und Seele umgab , in den Stuhl zurücklehnend , » vor einer Frau zu sitzen , die zuhört , während ihre weißen Hände sich rhythmisch bewegen . « Als er vom Suchen des Lebens ein flüchtiges Wort fallen ließ , sank ihr die Arbeit in den Schoß , und sie sah nachdenklich auf . » Wenn ich glauben werde , daß ich zu leben gelernt habe , werde ich zu sterben gelernt haben , erklärte Leonardo einmal , « sagte sie langsam . » In diesem Suchen besteht wohl das Leben , und nur wer nicht sucht , lebt nicht . « Dann zog sie wieder die dünne Nadel durch die Fäden und schwieg . Auch er verstummte . » Neben Norina zu verstummen , ist ein Genuß , « ging es ihm durch den Sinn ; » Schweigen wirkt nicht wie lähmender Druck , sondern wie inneres , weit intimeres Weiterreden . « » Waren Sie schon in der Mediceerkapelle ? « frug sie . Peinlich berührt sah er auf ; das klang ja doch wie - Konversation . » Wiederholt , « entgegnete er , » aber auch dort fühle ich nur Rätsel . Tag und Nacht , Abend und Morgen , welch triviale Bezeichnungen für Sphinxe . « » Also auch Sie empfinden sie als solche ? « meinte sie erfreut und fügte ein wenig zögernd , mit einem leise aufsteigenden Rot in den Wangen hinzu : » Sie lehren vieles vom Leben , wie ja auch die Sphinx der griechischen Sage das Rätsel des Lebens lösen wollte . Ich möchte , falls es Ihnen recht ist , einmal mit Ihnen hingehen . « Mit einer Freude , die zu zeigen er sich nicht scheute , nahm er ihren Vorschlag an , und freier , rückhaltloser , als wäre eine Schranke gefallen zwischen ihnen , sprach er sich aus über alles , was er gesehen und empfunden hatte . Ihre Augen begannen zu leuchten , die Arbeit lag vergessen auf dem kleinen Tisch . » Sie sind ja einer , der erlebt , was er sieht ! « sagte sie freudig überrascht . Dann erzählte er , langsam und mit umwölktem Blick , von der Studentenversammlung und dem Haß , der ihm allzu fühlbar aus ihr entgegengeschlagen war . Sie runzelte die Stirn : » Österreich ist unbeliebt , « meinte sie ; » wir haben zu sehr , besonders hier in Toskana , unter seiner Herrschaft gelitten . Traditionelle Antipathien sind nicht leicht auszurotten . « » Italien ist Österreichs Bundesgenosse wie der unsere , « warf er ernsthaft ein ; » ich verstehe nicht , wie Staat und Stadt solche Aufreizungen zur Treulosigkeit , die im Grunde schon Treubruch sind , dulden können . « Norina lächelte ihn an , halb nachsichtig , halb belustigt : » Wie deutsch Sie sind ! Muß man jugendliche Überschwenglichkeiten so tragisch nehmen ? ! Unsere Regierenden wissen , daß man unserem Volk wie den Kindern billiges Spielzeug lassen muß , damit sie nicht , um sich die Zeit zu vertreiben , als Unreife nach ernsteren Dingen greifen . Freilich « , fügte sie nachdenklicher werdend hinzu , » gibt es Leute , die meinen , daß auch dies Spiel den Kindern schon bezahlt wird . Doch ich glaub ' es nicht , will es nicht glauben ! « Schon vom nächsten Morgen an gingen sie miteinander aus . Norina war die Führende . » Ich will Ihnen zeigen , was mir das Liebste und Tiefste ist , « hatte sie gesagt , ehe sie das Haus verließen . Giovannis altes Gesicht preßte sich an die Scheiben des Küchenfensters , als sie die Steintreppe in den Hof hinunter gingen . Sie bemerkten ihn nicht . Norina führte durch die Museen nicht wie eine Lehrende , die etwa Epochen historisch zusammenfaßt , auch nicht wie ein Kunstliebhaber , der in jedem Saal seine Lieblinge vorweist . Sie zeigte vereint , was sich ihr innerlich durch Fühlen und Erleben verknüpfte . Daher kam es , daß sie häufig , nur um eines einzigen Bildes willen , von einem Museum zum anderen gingen . » Man hat meine Art einmal als echt weiblich bezeichnet , « sagte sie lächelnd , » und eine Freundin von mir meinte , ich müsse mich dadurch beleidigt fühlen . Als ob es nicht gerade das Schönste wäre , zu sein , was man ist . Das Elend so vieler Frauen besteht doch gerade darin , daß sie es nicht sein dürfen . « Sie standen im Botticellisaal der Uffizien . » Kein Künstler hat Seligkeit und Tragik des Weibes so tief empfunden , wie er , « meinte sie . » Schauen Sie diese Madonnen ; es sind nicht die frommen Mägde nordischer Künstler - denken Sie nur an den Van der Goes drüben ! - es sind nicht die Himmelsköniginnen der Alten ; es sind Mütter , die das ganze Mutterschicksal ahnungsvoll vorempfinden - das gräßliche Schicksal , das ihr Fleisch und Blut erbarmungslos von ihnen reißt . Und nun sehen Sie in das Antlitz dieser den Fluten eben entsteigenden Göttin der Liebe und der Schönheit : Sie weiß , mit dem Augenblick , da ihr Fuß die Erde betritt , wird sie Weib - wird sie Madonna . Und Schwerter werden durch ihre Seele gehen ! « Sie schwieg und senkte die Lider tief über die Augen . Bald darauf zeigte sie ihm in der Akademie Giottos thronende Mutter Gottes : » Das ist eine Königin , aber nicht die der Christen , denn Giotto ist , obwohl er einer der Frömmsten und Gläubigsten war , der Antike weit näher als der Kirche . Diese dort ist nicht Christi Mutter , die erst der Sohn krönt , sie ist Demeter , die mütterliche Erde selbst , in sich ruhend , durch sich vollendet . Sie müßte nicht ein Kind , sie müßte viele auf ihrem breiten Schoße halten . « Und mit verklärten Zügen sah sie dann zu Botticellis Primavera auf , als ob sein Frühling in ihr widerstrahle . » Das ist aber das Höchste , « sagte sie leise , » und nur wenigen spreche ich davon . Andere Künstler sehen in keuschen Mädchen die Verkörperung des Lenzes . Hier streut die Frühlingsgöttin ihre Blumen auf den Weg der gesegneten Frau , die Grazien tanzen vor der werdenden Mutter , und der kleine Liebesgott , dessen Pfeil sie so tief getroffen , flattert verheißungsvoll vor ihr her . « » Wer sagte Ihnen das ? « frug Konrad betroffen , dem sich das rätselvolle Bild , dessen Gestalten ihm so zusammenhanglos erschienen waren , plötzlich in seiner Herrlichkeit offenbarte . » Mein Herz , « antwortete sie einfach . Alles Empfinden schien bei dieser kinderlosen Frau ihrer Mütterlichkeit zu entspringen . Sie sprachen auf dem Heimwege von vielem anderen . Aber bei ihr schienen sich Gedanken innerlich immer weiter aneinander zu knüpfen , denn plötzlich sagte sie - einen Satz mitten durchbrechend : » Glauben Sie , bitte , nicht , daß ich so töricht wäre , anzunehmen , ein Künstler , wie Botticelli zum Beispiel , hätte in seine Werke hineingelegt , was ich herauslese . Nein : nur , weil er so reich ist wie die Natur , so unbewußt schaffend wie sie , gibt er wie diese , was wir brauchen . « Zwischen Konrad und Norina entstand eine seelische Intimität , die allmählich zu einer gegenseitigen Einfühlung führte , deren Äußerungen ihnen selbst fast unheimlich erschienen : Der eine setzte unwillkürlich den unausgesprochenen Gedanken des andern fort oder gab einer Empfindung deutlichen Ausdruck , die sich dem anderen noch nicht in Worte hatte fassen können . Aus den Vormittagen , die sie zuerst miteinander zubrachten , wurden lange Tage . Sie bemerkten nicht mehr , was sie im Anfang noch verletzen , ja gegenseitig erkälten konnte , daß der alte Graf sie mit einer gewissen Absichtlichkeit allein ließ ,