- von schwerem Ernst war sein Ausdruck , aber fest und klar . Das fauchende , rollende Gelärm des Bahnhofs erfüllte die Ohren und übertäubte jedes Wort . Und so ging ein Traum unter ... Das brausende Leben machte keine Pause - gönnte der Minute dieses Abschieds nicht einmal die Andacht der Stille . Mit der Frage , was die überraschende Ankunft von Viktor Rositz zu bedeuten habe , konnte Sophie sich nicht befassen . Ihre Unruhe war zu groß . Allert hatte sie nicht vom Bahnhof geholt ? Obgleich er wußte , daß er dort noch seinen Bruder einen kurzen Augenblick sehen konnte ? Sollte ihm etwas zugestoßen sein ? Und in der Wohnung hatte Sophie gleich Hausfrauenunruhe . Therese war nicht so leistungsfähig , daß man ihr alles Weitere hätte überlassen können . Sie brauchte Zeit und Sammlung für ihre meisterlichen Kochkünste , und ihre Gedanken waren auf die Regelmäßigkeit des Arbeitsganges eingestellt . In der Küche fand also eine Beratung statt . Und Tulla steckte den Kopf zur Tür hinein und fragte , ob Therese ihr nicht packen helfen dürfe . Aber das war unmöglich - sie mußte doch für das Abendessen sorgen , zu dem der Bruder erwartet wurde . Tulla erklärte dann weinerlich , sie habe noch nie , in ihrem ganzen Leben nicht , selbst einen Koffer gepackt und käme gewiß nicht damit zustande - und es war zum erstenmal ein leiser Ton von Ungeduld in ihrer Stimme . Begütigend versprach Sophie ihr , am späten Abend ihr zu helfen , es würde schon gehen . Und Tulla zog sich zurück , in einem Gemisch von Beschämung und - Erleichterung ... Morgen würde sie ja wieder so viel Bedienung haben , wie sie wollte ... Sophie aber , indem sie nun rasch die Zimmer durchsah , ihre eigenen Sachen auspackte , gestand sich zum erstenmal : Tulla war doch ein recht mühsamer Gast gewesen - immer anspruchsvoll , ohne es zu ahnen - durch ihr bloßes Dasein - reizend - lieblich - eine kleine Prinzessin , die sich darin gefiel , einmal bürgerliches Leben zu kosten - Wo nur Allert blieb ? Sie telefonierte an . Es wurde von der Fabrik aus geantwortet , daß Herr von Hellbingsdorf soeben mit dem Auto zur Stadt gefahren sei . Also gottlob - er war gesund - lag nicht etwa zerschossen und elend danieder . Und wenige Minuten später hatte sie ihn dann auch vor sich - er schien der alte - er tat lebendig und humorvoll wie immer . Er hatte mit dem besten Willen nicht an den Zug kommen können , so sehr es ihn verlangte , Raspe noch die Hand zu drücken ... Da war gerade ein Geschäftsfreund gewesen - es handelte sich um den Abschluß großer Lieferungen . Aber sein Gesicht war bewölkt , trotzdem er von bedeutenden Bestellungen sprach , die erheblichen Gewinn verhießen . Und seine Farben waren unfrisch , ja , versorgt sah er aus - ermüdet - unfroh . Sophie wollte wissen ... » Ach , « sagte er , » Du hast ja keine Zeit , und gleich kommt Tulla herein ... « » Nein , sie kommt gewiß nicht herein . « Sie hatte das bestimmte Gefühl : Tulla wird sich , gleichsam versteckt , in ihrem Zimmer halten , bis ihr Bruder kommt - der bedeutet ihr in ihrem Schmerz so etwas wie einen Schutz , einen Halt ... Und nun fragte sie sich doch laut : » Was kann denn Viktor Rositz von mir wollen ? « Gleichgültig sagte Allert : » Ach - irgend was Taktloses . Sie sind vielleicht auf den Gedanken gekommen , daß sie Dir Tullas Bild doch noch honorieren müßten . « Im Grunde war es auch ihr gleichgültig . Des Sohnes wichtige Angelegenheiten drängten heran und wollten besprochen sein . Allert saß auf dem Koffer seiner Mutter und sah zu , wie sie , rasch und sacht sich hin und her bewegend , ihre Sachen an den zukommenden Stellen einordnete . Er hatte die Arme verschränkt , und es war eine gewisse Ruhe in seiner äußerlichen Haltung . Die Mutter sah wohl : Bitterkeit , die auf dem Weg ist , sich in die herbsten Enttäuschungen zu fügen . » Dorne ? Ja , Mutter - der ist wieder da . Als ich Sonnabend vormittag in mein Büro trete , sitzt er da - an meinem Schreibtisch - noch flauer , fader , schlapper anzusehen als sonst . Ich kann Dir nicht beschreiben , Mutter , was für ' n Widerwillen mich packte . Bei Gott , in mir kribbelte so was - ich hätt ' ihn schlagen mögen . Na , nachher kam denn das Mitleid - als er mit scheuem Blick , wie ' n mißhandeltes Tier zu mir aufsah ... Und wie er leise sagte : Ich war wahnsinnig - können Sie mir verzeihen - ja , von Sinnen - ich bitte Sie um Verzeihung - ich hab ' Patows Brief gefunden . Gewiß - natürlich - ich bin zu jeder Genugtuung bereit - wenn meine Reue Ihnen keine ist ... Und wie er dann so beschrieb - immer leise vor sich hin - wie er seine Töchter zu seiner Schwester gebracht habe und dann weggereist sei - er wisse nicht wohin - tags in der Bahn - nachts in der Bahn - kreuz und quer - blöde . Oh , das war schrecklich , einen Menschen so reden zu hören ... Und was sollt ' ich da viel antworten . Ich würde die Sache mit Patow besprechen . « » Und was sagte Fritz ? « » Daß der Ehrenrat wohl entscheiden würde , ich dürfe mich mit so ' ner Art Erklärung zufrieden geben . Der Ehrenrat sei ja schließlich eingesetzt , nicht um Duelle zu fördern , sondern um sie , wo möglich , zu hindern . Na , und der Mann war ja tatsächlich sinnlos - was so einer tut und sagt , darf man wohl nicht anders bewerten als die Aeußerung eines Betrunkenen . Aber diese Duellfrage ist ja so nebensächlich « - » Mir nicht ! « sagte Sophie aus Herzensgrund und gab sich erst jetzt zu , daß sie zu viel und mit Sorge daran gedacht hatte . » Das wäre so ' ne kurze Szene gewesen - meinetwegen mit ' nem kleinen Denkzettel - das ist wie Theater : Spannung , Aufregung , Schluß - vorbei . Aber nun ? « Und er brach los . Er stand von seinem burschikosen Sitz auf dem Koffer auf und rannte hin und her in dem vollen Raum und stieß eine Hutschachtel aus seinem Weg und setzte mit Nachdruck einen Stuhl von einer Stelle zur anderen . » Fortan alle Tage - Jahr um Jahr den Mann sehen - sprechen - mit ihm arbeiten ! Meine Arbeit wird mir ja zum Ekel . Und was das gräßlichste ist - Du sollst sehen , Mutter - eines Tages verzeiht er ihr ! Das wetterleuchtete schon durch seinen Gram - die Töchter , die haben geweint , sagte er , - aber es ist nicht das allein - ich hab ' s gespürt , Mutter , als hätt ' er mir ' s haarklein beschrieben - als er heimkam und der Duft ihrer raffiniert gepflegten Person noch in den Zimmern war - als er in die Kleiderschränke hineinsah , wo ihre weißen Flöre hingen und ihre bunten Schuhe standen . Oh , ich hab ' s erraten - er wird sie aufnehmen , wenn sie wiederkommt . Und ob sie wiederkommt - das hängt ja bloß davon ab : findet sie einen , der ihr Dasein auf sich nimmt und mit mehr Geld stützen kann - nein , Mutter - so einen Mann kann ich nicht achten . « Nun saß Sophie auf dem Koffer , ganz erschreckt und geschlagen . » Und da ist kein Loskommen - das seh ' ich ... Er sprach von der gemeinsamen Weiterarbeit als etwas Notwendigem . Dieser Brand - und danach die Neuanlagen - so vergrößert - nach seinen Ideen , mit seinem Gelde . Das schmiedet mich an ihn - das ist die Kette , die mich bindet . Er weiß es , er sagt es sich selbst - ganz still und ergeben - daß ich nicht die Mittel habe , ihn auszuzahlen - daß er auch keinen Grund sähe , falls ich die Bitte um Verzeihung annähme , daß doch die gemeinsame Arbeit gedeihe . Und ich kann ihm nicht ins Gesicht sagen - daß ich ihn verachte , daß all sein tüchtiges Wissen ihn mir nicht zum Manne macht ! Männlichkeit erochst man sich nicht auf Universitäten , und sie sitzt nicht im Gehirn - die sitzt im Blut - im Charakter ... Ja , siehst Du , selbst wenn ich ihm nicht verzeihe - Fritz sagt , ich muß es - aber wenn ich vorschütze , als könne ich ' s nicht über mich bringen - selbst das kann ich ja nicht mal zum Vorwand nehmen ... Ich bin an ihn geschmiedet - oder ich muß meine Schöpfung verlassen . « » Hast Du mit Senator Amster über die Sache gesprochen ? « fragte Sophie dazwischen . Ueber Allerts Gesicht flog eine helle Röte . » Nein . Aber « - es wollte ihm nicht rasch von den Lippen - » aber mit Marieluis - ich hab ' es ihr erzählt - wir waren ja dreimal zusammen diese Woche - es ist fabelhaft , wie Fritz in Glück und Festen schwimmt und wie Dory glänzt « - - » Und was sagte Marieluis ? « » Daß sie es mir ganz nachfühlt - daß ich mit dem Manne nicht weiterarbeiten könne - dürfe ... « » Ah « ... sprach Sophie und wartete ... Aber es schien , daß Allert nichts mehr zu sagen habe . So setzte sie denn hinzu : » Das hab ' ich von Marieluis erwartet , daß sie nicht den Nützlichkeits- und Geldpunkt als Hauptsache ansieht . Sie - ja , sie ist von unserer Art und unsern Sinnes ! « » In vielem , Mutter , « sagte er , » in sehr vielem - aber in großen Fragen - in Fragen , die ihr nebensächlich sein sollten und daran sie beinahe ihr Leben hängt - da nicht . « Er strich sich über die Augen , schien plötzlich ganz abgelenkt , als denke er an Gott weiß was , und sagte dann : » Mir scheint , Du hast eingekramt - wir können ja wohl bald essen - ach so - dieser Leutnant Rositz kommt noch - und was ich noch erzählen wollte : ich gehe morgen in die Versammlung - höre Doktor Marya Möller - tja - so is man nun - sie bat - ja - sie bat ... « » Doktor Marya Möller ? « fragte Sophie grenzenlos erstaunt . » Ach nee - Unsinn - kenn ' ich ja gar nicht - Marieluis , die bat - immer wieder bat sie ... « Er war verlegen und setzte hinzu : » Es war nicht ganz männlich von mir , es zu versprechen . « » O doch ! « rief seine Mutter . » Ihr Männer müßt nicht gleich denken , wenn Ihr ' n bißchen Euren Eigensinn lockert , das sei schwach . « » Na denn ... Und kommst Du mit ? « » Aber natürlich ! « Ihre Stimme klang aufjubelnd . Das war ihr ein Zeichen - eine Verheißung - » Um noch ein Wort von Dorne zu sagen , « fügte sie in einer blitzschnellen Ideenverbindung hinzu , » Du zahlst ihn allmählich aus und nimmst dazu vorerst meine Ersparnisse . Das weitere findet sich . « Er soll , er muß ein Gefühl der Unabhängigkeit haben , dachte sie - damit ihn der Gedanke an Marieluisens Geld nicht hemmt - » Ich soll Dich berauben ? ! « » Du sollst mich beruhigen ! « Ein kräftiges Klopfen tönte in diesen Wettstreit hinein . » Wenn es nicht das Pochen des Schicksals ist , ist es Theresens Knöchel . Beide klopfen mit gleicher Härte , « sagte Allert . Herr Leutnant Rositz waren da und hatten befohlen , seine Schwester noch nicht zu benachrichtigen , sondern allein erst die gnädige Frau . Aber Sophie hatte in keiner Hinsicht Verlangen nach einer Zwiesprache mit Viktor Rositz und bat Allert , mit nach vorne zu kommen . Tullas Bruder zeigte eine gewisse feierliche Gemessenheit . Er reichte Allert die Hand und betonte , daß es ihm ein Vergnügen sei , auch den älteren Sohn von Frau von Hellbingsdorf kennen zu lernen , für die seine Familie eine unbegrenzte Verehrung und Dankbarkeit empfinde wegen aller Güte , die sie dem Verstorbenen wie auch nun der jungen Tulla bewiesen habe . Es war gar nicht möglich , dies alles konventioneller zum Ausdruck zu bringen , als er es tat . Und dann brachte er die Frage an , ob er in Gegenwart des Herrn Sohnes sprechen dürfe ... Aber Sophie sagte schnell in seine Frage hinein , daß es gar nichts gäbe und nichts an sie herankommen könne , was sie nicht mit ihren Söhnen teile ... Viktor Rositz fühlte sich ein bißchen unfrei . Er dachte : man kennt ja das Terrain nicht ... Saß ihm da in diesem stattlichen Mann , mit dem offenen Gesicht und den beinahe unangenehm klugen Augen ein künftiger Schwager gegenüber ? Mama hatte es bestimmt behauptet : Tulla ist offenbar in einen der Söhne von der Hellbingsdorf verliebt . Der Oberleutnant Raspe war es nicht ! Das stand für Viktor fest . Der Abschied am Bahnhof war bestimmt keiner wie zwischen Verliebten und heimlich Verlobten gewesen . Also war ' s dann der Kaufmann ? Egal , ob der Oberleutnant oder der Kaufmann . Es paßte Mama nicht . Die wollte für Tulla ' n reichen Mann , damit ihr nicht etwa ' ne Offiziersmenage beständig auf der Tasche liege ; und wenn schon ' n Offizier ohne Vermögen , dann doch Garde , aber nicht Linie . Und so Kaufleute ! Fabrikanten ! Die brauchen Kapital . Das wußte Mama - sie kam ja aus der Großindustrie . - Mama hatte gedacht : wenn da Tulla mit den Söhnen ein bißchen flirtet - immerzu - dann langweilt sie sich nicht . Aber was Ernstes ? Und das schien doch aus Tullas Brief an Fiffi - aus dem Fiffi Bezeichnendes mitgeteilt hatte - hervorzugehen . Natürlich , wenn Tulla sich schon gebunden hatte ! Viktor hielt es für undenkbar , daß nicht einer der beiden Hellbingsdorf sich das Goldfischchen gefangen hätte - dann war nichts mehr zu wollen . Er hatte der Mama auch seine Meinung gesagt ! Um Tulla im Moment los zu sein , machte sie sich nicht klar , daß man ein Risiko lief . Na , und da hatte Mama denn gemeint : reise hin , sondiere , und ist es zu spät , handle gleich ab und bereite darauf vor , daß ich nicht sehr freigebig zu sein denke . Das wäre ja eine greuliche Aufgabe gewesen . Denn feindselig und knickerig mochte Viktor durchaus nicht wirken . Aber dieser unerwartete Fund in Papas Archiv erleichterte doch alles . Dies Testament - das gab ja Handhabe und Möglichkeiten - entlastete Mama im Fall einer ihr nicht zusagenden Heirat Tullas und besonders einer Heirat mit einem Hellbingsdorf ... Viktor kam sich ungeheuer verantwortlich vor und nahm mit ernster Miene Platz . » Wenn Sie , meine gnädige Frau , alles mit Ihren Herren Söhnen teilen , bedaure ich , daß Herr Oberleutnant nicht ebenfalls zur Stelle ist . Er war es , der mir damals in Ihrem Auftrage Papas Mappe brachte , mit dem wertvollen Inhalt - wie sehr würde es gerade ihn interessiert haben , daß ich heute komme , um einen Teil jenes damals Ueberbrachten zurückzuerstatten - nur einen kleinen Teil , « fügte er flink den feierlich langsamen Worten an . » Mir ? « fragte Sophie und schüttelte in vollem Unverständnis leise den Kopf . » Ist es Ihnen erstaunlich ? Ja , es gibt so Sachen - schließlich nicht mal wunderlich - - « Nun hatte er die Verpflichtung zum Feierlichen überwunden und geriet zwanglos hinein in das flotte Tempo seiner gewohnten , fragenden Sprechart . » Nicht wahr ? Gibt es nicht Verhältnisse ... ? Sie kennen Mama nicht ? Aber - ich kann ' s ja wohl ohne Respektverletzung sagen ? Nicht ? Sehr innig war das Verhältnis zwischen Papa und Mama nicht . Das werden Sie wissen ? So hatte Mama keine blasse Ahnung , daß Papa eigenes Vermögen besaß . Viel war es ja nicht ... Woher sollte es auch kommen ? Es war das bißchen Erbschaft von Tante Laura Rositz ... Wir merkten es dann an den Abrechnungen und einem Depotschein im Schreibtisch - und dann kam ja Ihr Herr Sohn mit der Mappe ... Und dann gab es Zank . Wem gehörte das nu ? Mama sagte : ihr . Wir sagten : uns . Ist bei so was nicht immer Zank ? Und es hieß : da muß doch ' n Testament sein . Man fand nichts . Kehrte den ganzen Schreibtisch um - nee - keins zu finden . Glauben Sie wohl ? « Sophie saß ganz still . Eigentlich nicht sehr voll Spannung . Doch aufmerksam . Und auch im Gemüt bewegt , daß ihr der Verlust des Freundes durch diesen Sohn und seinen Bericht wieder so deutlich vor die Seele trat . » Mama ist göttlich ! Da , wo sie hätt ' suchen müssen , suchte sie nicht . Papa hatte eine Art Schrank - inwendig lauter Fächer - Genealogisches . Die Rositz sind ja alte preußische Beamtenfamilie - standesamtliche Scheine - all solche Sachen . Er nannte das sein Archiv . Mama war mit dem Inhalt nicht bekannt . Wie sollte sie ? Nicht wahr ? Bei dem Wort Archiv hat sie bloß immer an den Staat und was Wissenschaftliches gedacht - na , und wir reisten denn bald nach Sankt-Moritz , und es hieß , das Geld von Papa käme denn wohl uns Dreien zu ... Aber nu kamen wir ja Palmsonntag zurück . Und Mama meinte : jetzt müsse alles fort aus den Zimmern . Mama will sie anders einrichten - als Gastlogis . Mama erwartet bald einen wichtigen Besuch - ich glaub ' den Baron Legaire - der will mit Berliner Architekten den Durchbau seines alten Schlosses in der Touraine besprechen . « Viktor räusperte sich . Und fuhr dann fort : » Mama warf die Frage auf , ob das Archiv wohl dem Ministerium auszuliefern sei , und hatte solche kindliche Vorstellung . Da sagt ' ich denn , wir wollten erst mal nachsehen . Und Harald konnte doch alles beurteilen als Jurist ! Und so fand es sich denn : es waren lauter Privatpapiere in dem Archiv - von größtem Interesse für unsere Familiengeschichte . Die Rositz sind mal adlig gewesen . Irgendein Vorfahr , der in Not war , hat das von abgelegt . Harald sitzt nu und büffelt sich da ' rein und sagt , wir können es beweisen und dann wieder aufnehmen - ja , und da war denn auch das Testament an seinem ordnungsmäßigen Platz . « Er lachte . » Wissen Sie , was Harald sagte ? Harald sagte : Mama , Du hättst es längst jefunden , wenn ' s an ' ner verrückten Stelle versteckt jewesen wäre , aber an der richtgen haste natürlich nich jesucht - ja so was kann bloß Mama machen . « » Und das Testament ? « fragte Allert . » Was geht es uns an . « » Gleich , gleich , « sagte Viktor Rositz beschwichtigend , denn er nahm an , daß Mutter und Sohn vor Spannung vergingen und sich schon darauf vorbereiteten , Krösusschätze entgegenzunehmen . Da hieß es erst vorweg abwiegeln . » Papa « , berichtete er , » hat in der Hauptsache sein kleines Vermögen Tulla vermacht . Sie soll es ausbezahlt bekommen , wenn sie heiratet . Es sind etwa hundertsechzigtausend Mark . Und Mama sagt : Gut - das ist dann ihre Mitgift - damit muß dann ihr Erwählter zufrieden sein - so lang ich lebe , gibt ' s nicht mehr - sagt Mama . Na , Tulla wird Augen machen ! Sie wissen , reiche Leute denken immer ganz naiv , daß andere Menschen weniger Bedürfnisse und weniger Verbrauch haben als sie , und sind flink bei der Hand mit dem Wort einschränken für andere ! Na - so is Mama eben auch . Und denn is sie eine von den Müttern , die nu mal für Opfer nich zu haben sind - und sie sagt , wo in aller Welt steht denn geschrieben , daß Mütter sich was versagen sollen , bloß damit ' n Schwiegersohn in largere Umstände kommt - « So ! dachte er . Nu wissen se Bescheid - - Weder Sophie noch ihr Sohn begriffen aber im mindesten den Zweck dieser Auseinandersetzung . Doch sagte Sophie freundlich : » Tulla war ein wenig ihres Vaters Liebling , wie oft einzige Töchter « - - Und jetzt glaubte Viktor mit diplomatischer Feinheit alle Vorreden erledigt zu haben . Er ging zu dem über , was seine Zuhörer am meisten anging . » Papa hat auch Ihrer gedacht , meine gnädige Frau . Er hat Ihnen ein Legat von fünfzigtausend Mark vermacht . Ich habe das Testament hier . « Sophie errötete tief . Ihr erstes Gefühl war , mit raschem Blick das Auge des Sohnes zu suchen . Der sah sie herzlich an , nickte leise . - - Sie nahm das Testament . Viktor hatte es etwas umständlich aus seiner Brusttasche geholt . Ihre Hand war unsicher . Ein Frösteln lief ihr über die Haut . Die Schrift eines Toten ! Und im Ohre wachte der Klang seiner Stimme auf . Es war Sophie , als spräche er laut , was sie nun mit tiefer Rührung las : » Meine teure , langjährige Freundin , Frau Sophie von Hellbingsdorf , geborene Freiin von Patow , bitte ich , ein bescheidenes Legat von mir anzunehmen . Durch die Summe von fünfzigtausend Mark beraube ich die Meinen nicht . Ich bin mir auch bewußt , dadurch das Vermögen von Frau von Hellbingsdorf nicht wesentlich zu vermehren . Von ganzem Herzen wünsche ich nur , ihr zu zeigen , daß ich auch in der ernsten Stunde ihrer denke , da ich meinen Nachlaß ordne . « Und geschrieben war dies am Tage vor seinem Zusammenbruch . Vielleicht hatte das Gefühl , daß irgend etwas unheimlich und zerstörerisch heranschleiche , ihn geängstigt , das Empfinden körperlichen Elends ihn schon bedrückt . Und die Kräfte hatten dann am anderen Tage nicht mehr gereicht ; er vermochte seine Geschäfte nicht zu Ende zu führen ... Sophie erinnerte sich , daß er in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins Geld für Allerts Unternehmen angeboten . Sie wußte auch , wie ihre Gedanken dieses Geld dann umkreisten , wie ihr Herz , ihre Phantasie dem Toten gleichsam den Vorsatz untergeschoben : es ihr für ihren Sohn zu gönnen . Es erschütterte sie , nun zu erkennen : sie habe seinen Wunsch ahnend und richtig gefühlt . Und ganz gewiß hatten alle jene Worte , die er , nicht mehr Herr einer deutlichen Sprache , der Tochter noch zuflüsterte , von diesem Testament gehandelt - waren vielleicht Grüße gewesen - und eine Bitte : sag ' ihr , sie soll mir das nicht verweigern . - Aus dem großen ewigen Dunkel her streckte er noch seine Hand zu ihr aus - so empfand sie es - gerade in der trübsten Lage wollte er ein wenig helfen ... » Kann ich das annehmen ? « fragte sie mit Tränen in den Augen . » Aber , gnädige Frau ... « » Unbedingt , Mutter , « sagte Allert ruhig . Viktor Rositz war doch baff , mit wie wenig Worten das abgemacht wurde . Er hatte viel erwartet : Ausrufe , schlecht verhehlten Jubel , schöne Redensarten , Lobpreisungen des Edelmutes seines Vaters . - - Und er sah nur eine stille Würde , die sich sogar bemühte , die Ergriffenheit zu verbergen . Es imponierte ihm . Guter Geschmack , dachte er . Und er dachte auch an seine Mama . Den Seufzer , der ihm da aufquellen wollte , unterdrückte er . Der Abend wurde überraschend nett . Tulla kam und war aufgeregt vergnügt . Und fand ihren Bruder so wohltuend elegant . Und er brachte die ganze vertraute Atmosphäre mit , die solche Sicherheit gab . Das Leben schien leichter . Es war doch beinahe , als sprächen nicht alle Menschen die gleiche Sprache . Und Viktor war schon bei dem Vorgericht seiner Sache sicher : Tulla hatte mit diesem Allert ganz gewiß kein heimliches Verlöbnis angebandelt . Komische Kerls , diese beiden Hellbingsdorfe : ließen sich ' ne brillante Partie entschlüpfen . Mama konnte mit Knapsen und Knausern drohen , aber die reiche Zukunft blieb . Na , das war Sache dieser Herren ... Und er meinte , daß Tulla sich großartig rausgemacht habe in den Hamburger Wochen und wirklich entzückend sei . Er bekam auch ihr Porträt zu sehen und fand es fabelhaft . Es sei geschmeichelt , sagte er , sonst ein Kunstwerk ersten Ranges . » Geschmeichelt ? « fragte Sophie und sann dem Wort nach . Sie hatte in das feine , dunkeläugige Gesicht vielleicht all ihre eigenen Gedanken und Träume hineingemalt ; das junge Wesen so dargestellt , wie sie inbrünstig hoffte , daß es sich entwickle . - - Dann bat Sophie , das Bild der Familie Rositz übersenden zu dürfen ; auf Wunsch des teuren Verstorbenen sei es gemalt , als Andenken an ihn möchte sie es seiner Gattin und seinen Söhnen widmen . Und Viktor nahm es mit einer ergebenen Verbeugung an . - - Am andern Morgen reisten die Geschwister ab . Sophie geleitete sie an den Zug . Eine tiefe Traurigkeit war in ihr . Nun erst , mit diesem Abschied verlor sie den heimgegangenen Freund ganz und verlor eine schöne Hoffnung . Auch Tulla schien ganz außer sich zu sein ... Sie warf sich in die Arme der Frau , die sie förmlich umworben hatte , um durch die Mutter den Sohn zu erobern . Sie hatte sie auch lieb , ja , von ganzem Herzen . Mit einem Male fühlte sie : da war Wärme und Liebe für sie ... Aber sie hatte nicht hinübergekonnt zu diesen teuren Menschen . Und Tulla dachte : ich begreif es nie ! ... Niemals versteh ' ich , warum er schwieg ! - Von neuem kam Verzweiflung über sie . Und sie meinte : dies sei ein Unglück , das ihr das Leben zerbräche . Die Frau aber , an deren Schulter sie weinte , wußte in ihrem erfahrenen Herzen : du wirst dich trösten . Denn sie hatte gestern abend wohl gespürt , wie der Bruder sie rasch hinüberriß in die gewohnten Anschauungen , wie es gleichsam erwachend durch Tullas Wesen ging . Und weiter dachte sie : eines Tages , zurückdenkend , wirst du ihn plötzlich verstehen und dich sehen , wie du bist - oder wenn du nie erkennst , warum er dir entsagen mußte , dann ist eben dein Leben ganz ins Flache hineingeglitten . Der letzte Kuß - das letzte Winken . - Der Zug fuhr davon - rasch - sacht - ein langer , dunkler , beweglicher Körper im bläulichen Dunst des Frühlingsmorgens . Sophie stand noch eine Weile sinnend unter dem Schmerzgefühl einer großen Leere . Wenn eine Hoffnung unerfüllt abstirbt , das ist beinahe wie das Sterben eines Menschen , eine Lücke entsteht , aus ihr heraus scheint einen Entmutigung anzuwehen . Aber da war die Arbeit - Sophie hatte halb zehn eine Sitzung - der uralte Senior der Familien aller Vierbrincks kam dann , von seinem Diener gestützt , die vielen Treppen herauf , immer stolz , dies noch leisten zu können ; immer in der Erwartung , daß Sophie diesen Beweis seiner Jugendfrische mit vielen , bewundernden Worten preise . Sie versuchte vorweg , sich zu sammeln , stellte das feine , kluge , unendlich durchfältete Greisengesicht vor sich hin . - Vergebens - sie dachte zu viel zurück und voraus - Heute abend ! Ja , sie ahnte : diese Stunden heute abend konnten über das Herzensleben ihres ältesten Sohnes entscheiden ... Sie kam an einer Anschlagsäule vorbei und sah ein großes Plakat ... Weiß , nur mit kräftigen , schwarzen Buchstaben bedruckt , stand es voll sachlichen Ernstes zwischen all den bunten Flächen , auf denen sich da ein überschlanker Frauenleib in grasgrünem Kleid auf rotem Grunde verrenkte , dort ein Clownkopf mit knalligen Backen und gelber Spitzmütze vor Behagen über eine neue Zigarettensorte grinste - - Das uneheliche Kind und die sexuelle Aufklärung Vortrag von Doktor Marya Möller Und darunter der Saal , die Zeit , der populäre Eintrittspreis . Und tief am schwarzen Rande , gleich einer Unterschrift : Frauenvereinigung zur Hebung der Sittlichkeit . Ihre Gedanken wurden schwerer . Sie wünschte unwillkürlich , daß Allert dies Plakat nicht zu Gesicht bekäme . Aber man mußte ja darauf gefaßt sein , daß es gerade in seiner Gegend , als Ruf an alle Fabrikmädchen , vielfach angeschlagen werden würde . Und obschon kein Name darauf stand außer dem der Vortragenden , würden für Allert sich all diese Buchstaben zu dem einen Namen formen , und dies ganze Plakat würde ihm entgegenschreien : Marieluis - - - - Sie hörte ihn sagen , was er ihr einmal geantwortet hatte : » Das ist alles