Wolfl Graumann verschwand . Herr Ludwig zog die Hand des Jünglings näher an seine Brust und sah ihm herzlich in die Augen . » Jetzt geh , mein lieber Junge ! Du wirst zum Anfang deiner Reise noch schöne Stunden haben . Das Wetter hat sich ausgetobt , die Sonne will wieder kommen . Reise gut und bleib gesund ! Dein Hofmeister weiß , wie es nach meinem Willen auf der hohen Schule zu Bologna mit dir gehalten werden soll . Sei fleißig und lerne tüchtig ! Das Leben ist eine zweifelhafte Sache , die nur erträglich wird und Wert gewinnt durch Schönheit , Wissen und Kunst . Geh auch verständig mit deiner Jugend um ! Freu dich , vergeude Gold , wenn es dir Spaß macht , aber schone das Beste deiner Lebenskraft ! Tue , was ich selbst zuweilen unterließ : Zügle dein junges Blut ! Aus Erfahrung weiß ich , daß Sturm in den Adern immer Gefahr ist . Man kann nie voraussehen , ob das einer Tugend zuläuft oder einem Laster ! So , lieber Junge ! Und jetzt - « Herr Ludwig zog am Tisch eine Lade auf . Ein leises Knirschen an der Türe . Auch die Vorhänge bewegten sich . Doch niemand kam . Peter Nachtigall hob den Kopf und unterbrach sein träumerisches Saitengezirp durch kräftige Baßklänge . Herr Ludwig , von der Erregung des Augenblicks umfangen , überhörte den klirrenden Wink . Er nahm aus der Lade eine Goldkette heraus , an der ein Taubenblutrubin von seltener Schönheit blitzte . Diese Kette legte er um den Hals des jungen Wieland . » Nimm das ! Als Geschenk zum Abschied . Das ist des heiligen Ludwigs achteckiger Rubin , den ihm ein Engel brachte - sagte man . « Der Herzog fand sein frohes und starkes Lachen . » So kommen des Himmels Güter auf uns irdische Sünder . « » Herr « , stammelte Wieland in Freude , die auch Bestürzung war , » Ihr verschwendet der Güte zu viel an mich Unwürdigen . « » Unwürdig ? Manchmal bist du ' s ! Es fehlt dir an Stolz und Selbstbewußtsein , zu dem du als mein Sohn ein Recht hast . Drum mißfällst du mir oft . Aber ich liebe dich . Zärtlichkeit , die ihren Gegenstand mit Lügen umschleiert , ist Schwäche . Liebe , die jeden Fehler des geliebten Menschen erkennt und dennoch liebt , ist Kraft . « In tiefer Bewegung küßte Wieland die Hand des Fürsten . » Herr - wie soll ich danken - « » Sag Vater zu mir ! Mein Sohn bist du ! Der andre ist mein Erbe , Gott sei ' s geklagt ! « Peter Nachtigall spielte eine sehr lärmende Weise , während die Papageien schrill zu schwatzen begannen . » Du wirst in kommenden Zeiten nicht gut fahren mit meinem Erben , diesem Höckerlein von Gottes Gnaden . Drum hab ich für alle Fälle gesorgt . « Der Herzog sprach immer rascher . » Ich habe dir das Donaumoos verliehen . Die Feste Hohenstein sollst du haben . Auch sind zwölftausend rheinische , sechstausend ungarische Gulden und dreitausend Dukaten bei der Stadt Regensburg hinterlegt für dich . Und zwanzigtausend Gulden liegen bei den Stadtvätern in Lauingen , leider in Landshuter Silber . Die kleine Burghausener Laus versteht sich darauf , mir Nissen in den Pelz zu legen . Aber noch besser versteht sie sich auf schlechtes Münzen . Um den Schaden für dich auszugleichen , hat ich dir zu Straßburg etliche Kostbarkeiten hinterlegt , die meine Schwester an mich verpfändete : die Krone vom Tag , der Königin Schapel mit sechzig Rubinen und zweihundert Perlen , der Königin Rosenkranz und Gürtel . Urkund über alles liegt zu Neuburg bei deinem Großvater Swelher . Nein - du sollst nicht danken ! Ich gebe , weil ich liebe . Laß dich küssen ! Und geh ! « Herr Ludwig faßte den schönen Jüngling mit beiden Händen am Blondhaar , zog ihn ungestüm zu sich her , küßte ihn auf beide Wangen , schob ihn heftig von sich fort , wandte sich ab und trat zum Fenster . Der junge Wieland ging mit glühender Stirn zur Türe . Als er die schweren Vorhänge beiseite schob , erschrak er , daß sein Gesicht sich entfärbte . Peter Nachtigall ließ crescendo die Laute schnurren . Und da wurde Herr Ludwig aufmerksam . Er wandte sich vom Fenster und sah , wie der junge Wieland sich gegen den Türbehang verneigte und mit jagendem Schritt davonging . Der Herzog warf einen fragenden Blick zu Peter Nachtigall hinüber , trat auf die Türe zu und guckte hinter den Vorhang . » Du ! - - Was machst du da ? « Eine hohe , glatte Knabenstimme : » Ich habe der holden Musik deines Peter Nachtigall gelauscht . Freude an schönen Klängen - du weißt doch , das ist das einzige , worin ich dir gleiche . « Dem Herzog stieg es heiß in die Stirne . » Stehst du schon lange da ? « » Schon ein hübsches Weilchen . « Herr Ludwig , gegen das Fenster schreitend , sagte mit unverhehlter Verachtung : » Lungern und lauschen ! Wer auf der faulen Haut liegt , kommt zu bösen Gedanken . « Er drehte das zornrote Gesicht über die Schulter . » In deinem Alter , mit achtzehn Jahren , hab ich meinen ruhmvollen Feldzug gegen Flandern ausgefochten . « » Du hattest gerade Glieder . « Aus den Vorhängen , die sich beiseite schoben , trat in reicher Kleidung ein junger mißgestalteter Mensch hervor , mit großem Kopf , der von dünnen , braunen Haarsträhnen umhangen war , mit kleinem , hinter den Schultern wunderlich gehörntem Rumpf und mit langen , mageren Beinen - ähnlich einem langfüßigen Käfer , der aufrecht schreitet . Aus dem breiten , blassen , immer lächelnden Gesicht sprach eine frühreife Klugheit . Und unheimliche Dinge blitzten in diesen dunklen , spähenden Augen . Das war Prinz Ludwig , den sie den Buckligen und Ludwig Höckerlein nannten , des Herzogs Erbe , der eheliche Sohn seiner ersten Gemahlin Anna von Bourbon . Das Volk erzählte : Als Herzog Ludwig um der Sünden seiner Schwester willen vor einer Meuterei des französischen Adels flüchten mußte , hätte man das Knäblein Ludwig in einem kleinen , engen Maultierkorbe von Paris bis Ingolstadt gesäumt ; bei diesem wochenlangen , gekrümmten Liegen in dem drückenden Kretzen hätte sich das Körperchen des Knaben so häßlich entstellt . Aber die Ärzte des Herzogs wußten es anders . Sie wußten auch , daß der schöne Sohn der Jungfrau Canetta zwei Jahre vor Ludwig Höckerleins Geburt zur Welt gekommen war , ab Herzog Ludwig - damals noch Prinz - die heimatlichen Lande bereiste und an seinem Hals die häßliche französische Narbe noch nicht hatte . Nach dem Wort des Buckligen - » Du hattest gerade Glieder ! « - war langes Schweigen in der Stube . Ludwig Höckerlein blieb unbeweglich neben der Türe stehen , in den Augen die Pein seines entstellten Leibes , seinen funkelnden Haß und seine brennende Eifersucht . Der Herzog stand bei dem kleinen Fenster und sah in Mißmut zu , wie die goldschöne Abendsonne aus den verziehenden Wetterwolken blinzelte . In weiter Ferne - von Süden her , wo die Berge lagen - klang zuweilen noch ein Murren des Donners . Herr Ludwig fragte heftig : » Was willst du jetzt ? Bleiben ? Oder gehen ? « Der Prinz lächelte steinern . » Bleiben . Meister Nachtigall hat wieder eine süße Weise gefunden - nach jenem lärmenden Zwischenspiel . « Er ging mit langen , langsamen Spinnenschritten auf den Tisch zu . » Es war nicht lärmend genug . « Sein Gesicht verzerrte sich , während seine Stimme glatt und freundlich blieb . » Ich konnte bemerken , daß heute bei dir ein Schenktag ist . Willst du deinen einzigen Sohn nicht auch bedenken ? « Herr Ludwig fuhr auf : » Deinen ewigen Geldhunger vergnüg ich mit keinem Pfennig . « » Schade ! Einer liebt zu sagen : Geld ist Macht . « Jetzt brannte der Zorn im Herzog . » Mahne mich nicht an diesen Filz ! « » Die Leute sagen , er hätte viel Macht in seinem Schatzturm . « » Meinst du ? « Herr Ludwig wurde ruhig . » Aber frag nicht , wie er zu solcher Macht gekommen . Einer hat Gold aus einem Federbett gestohlen . Als er flüchten mußte , warf er den Raub ins Wasser . Die Goldstücke sanken unter , die Flaumen schwammen . So kommen die Wertlosen obenauf . Ein Witz dies Lebens . « » Ich danke dir . « » Weshalb ? « » In deinem Gleichnis ist eine Hoffnung für die Stiefkinder des Glücks . « Der Bucklige fand ein spielendes Lächeln , das sein Gesicht beinahe männlich machte . » Du bist Gold . Ich bin ein Fläumchen . Wenn ein helfender Wind bläst , will ich fliegen . « Der Herzog sah den Lächelnden forschend an . » Höckerlein ! Du weißt , ich mag dich auch um deiner übelsten Bosheit willen nicht strafen . Ich spreche keinen Verbrecher zum Tode . Soll ich nicht geduldig sein gegen meinen Sohn ? Aber eine Wespe , die stechen will , verscheucht man . « » Oder man beschäftigt sie und legt ihr eine süße Birne hin - süß , auch wenn sie schon ein bißchen faul ist . « Mit einem wunderlichen Schupf des mißförmigen Körpers setzte sich Prinz Ludwig auf die Lehne eines Stuhles , der vor dem Tische stand . » Vater ? « » Was ? « » Gefällt dir die Wickerspacherin noch immer ? « » Welche meinst du ? « Herr Ludwig lachte kurz . » Die Mutter oder die Tochter ? Schön sind beide . « » Welche du willst . « Die Stimme dies Prinzen zitterte von einer dürstenden Gier seines Blutes . » Laß mir die andre ! « Der Herzog wurde heiter . » Höckerlein , du redest Unsinn . Such dir was Eignes ! « » Ich finde nichts . Die Häßlichen mag ich nicht . Die Schönen nimmst du ! « Der Blick des Prinzen glänzte von Bosheit . » Nun bist du schon bald ein Greis . Dich sollte der Liebe genügen . Leidenschaft in deinen Jahren ist noch drolliger als mein Höcker . Laß die Jungen werben ! « Da stieg dem Herzog der Ärger in die Kehle . » Wirb ! Ich selber möchte das erleben , daß dich eine nimmt . Dann wollte Ich versuchen , dich mit ihren Augen au sehen , damit du mir besser gefällst . Du bist mein Sohn . Gott und mein Herz sagen : Ich muß dich lieben . Aber du hinderst mich . « Von diesen heftigen Worten des Vaters schien Prinz Ludwig nur das erste gehört zu haben . » Werben ? Ich bin ungeschickt . Es wäre deine Pflicht , mich in die Schule zu nehmen . Du bist sehr erfahren in diesen Dingen . « Der Bucklige drehte das entstellte Gesicht zur Türe hin , durch die der junge Wieland verschwunden war . Dann lächelte er wieder , mit einem Lauern in den Augen . » Ist das wahr , Vater , was die Mägde von dir erzählen ? « » Was erzählen sie ? « » Daß du das Unmögliche wahr machen kannst . Unter den zahllosen Mädchen , die du verführtest , soll auch eine Cisterciensernonne gewesen sein ? « Im Blick des Buckligen war Freude , als er sah , wie tief er den Vater verwundet hatte . Herr Ludwig hob die Faust , als möchte er sie niederschmettern auf die Stirn seines Sohnes . Der Bucklige saß unbeweglich und sah den Vater neugierig an . Mühsam sagte der Herzog : » Ich glaube stark zu sein wider eine Welt . Gegen deine kindische Schamlosigkeit bin ich machtlos . « Er tat einen Gang durch die Stube und blieb beim Erker stehen . » Nachtigall ? Hast du das gehört ? Was der Junge in seiner bösen Knabentorheit schwatzt , ist eine Komödie , daß meine Pariser Fratzenschneider mir keine lustigere vorspielen könnten . « Langsam streckte sich der Bucklige . Seine Zunge , wie die Zunge eines Dürstenden , leckte über die bläulichen Lippen . Und seine Augen brannten . » Ich wüßte dir eine , die noch lustiger wäre . « » Spiele sie ! « schrie Herr Ludwig . In die Wangen des Prinzen stieg eine krankhafte Röte . » Um diese Komödie für deine heiteren Nächte schreiben zu können , müßt ' ich erst wissen , wie es der Oheim Galeaz Visconti machte , als er zu Mailand deinen Großvater Barnabas von der Herrschaft wegschob . Hat er ihn nicht auch im Kerker erwürgen lassen ? « Herr Ludwig stand eine Weile regungslos , in Entsetzen den Sohn betrachtend . Dann drehte er das Gesicht zum Erker . » Schweig , Nachtigall ! « Die Laute verstummte . » Und verhänge die Käfige ! Meine Vögel sollen nimmer singen . Aber bleibe bei mir ! Ich mag nicht allein sein - mit diesem Kind ! « Während Peter Nachtigall mit dunkelroten Tüchern die Käfige verhängte , ging Herzog Ludwig rasch auf den Prinzen zu und schrie : » O du Laus du ! « Er wurde ruhig . Die Kraft seines Lieblingswortes schien den wühlenden Zorn in ihm beschwichtigt zu haben . Ernst , beinahe traurig , sagte er : » Höckerlein ! Laß dich warnen ! Die Geschichte ist ein Schulmeister . Ermuntern soll das Vorbild der Guten . Das Schicksal der Bösen soll abschrecken . « Der Bucklige lächelte fein . » Das ist eine bequeme Lehre für solche , die bös gewesen . Wenn die Maus satt ist , erzählt sie , das Mehl wäre bitter . « Die Augen des Herzogs erweiterten sich . » Was soll das heißen ? « » Ich habe heut in alten Pergamenten gekramt . Da fand ich eine Urkund , in der sich dein Vater eidlich von dir versprechen ließ , daß du ihn zeitlebens ungekränkt bei Gewalt und Fürstentum lassen solltest . « Dem Herzog fuhr eine heiße Blutwelle ins Gesicht . Und freundlich fragte Prinz Ludwig : » Ist diese Urkund eine Fälschung ? « Ein wühlender Kampf im Herzog . » Nein . « » Also hatte dein Vater Ursache , sich das von dir versprechen zu lassen ? Wenn es dich beruhigt , Vater , unterschreib ich dir das gleiche Pergamente . « In der Stube war dumpfe Stille . Verschwommen klang aus den Höfen das Geläut der Jagdhunde und die lärmende Heiterkeit des großen Menschenschwarmes . Sich nach vorne beugend , sagte Herr Ludwig mit zerdrückter Stimme : » Kind ! Sieh meine Augen an ! Sind sie naß ? « Heiter lächelte der Bucklige . » Ich weiß ein Sprichwort : Besser , es weint der Vater als das Kind . Oder heißt es anders ? « Lange schwieg der Herzog . Dann sagte er , äußerlich ruhig , doch mit einem Beben in der Stimme : » Höckerlein ! Mir graut vor deiner Seele . In dir verbindet sich mein Mutwille und meine Gewalttätigkeit mit Vetter Heinrichs Niedertracht und Schläue . In jeder List und Verschlagenheit bist du so wohl unterrichtet wie deine Tante in Frankreich . Du kannst ein Fürst werden , von dem die nachkommenden Geschlechter viel erzählen « » Meinst du , viel Gutes ? « » Nein ! Empörung und Meineid stehen auf deiner Stirne . In seltener Mischung ! Die solltest du fortpflanzen . Um der Rarität willen ! Wirb ! Wirb ! Wirb ! Er wäre möglich , daß eine dich nimmt . Dir fehlen Herz und Bauch , du hast nur Hirn und Geschlecht . Für gesunde Weiber ist das zu wenig . Aber ich habe Weiber kennengelernt , die am kranken Grauen und am körperlichen Widersinn eine Freude hatten . Ein Weib wirst du also finden . Aber keine wird dich mit einem Sohn beschenken . Das Weib , das du zur Mutter machst , wird Katzen gebären . Oder sie müßte dich mit ihrem Koch betrügen . Da gibt es Beispiele . « Herr Ludwig atmete tief . » Böse ? Ja , mein zärtliches Kind ! Man darf böse sein . Wenn das Notwendige nicht im Guten vorwärts will . Aber können muß man ' s. Nicht schwach darf man sein . Wie die kleine Laus von Burghausen . Fäuste muß man haben und Herz und Blut und Knochen ! Und ein Lachen muß man besitzen , das die guten , dummen Menschen versöhnt . Du bist ein armseliger Tropf im schwächlichen Hunger deiner kranken Knabensinne , die faul geworden , ehe sie noch reif wurden . Geh aus meiner Stube ! Flink ! Und greif dir eine von meinen Badmägden , die mir nur die Waden kneten dürfen und die Sohlen schaben ! Geh ! Ich mag dich heut nimmer sehen . « Mit aschfarbenem Gesicht , doch immer lächelnd , machte Prinz Ludwig seinen langsamen , wippenden Käferschritt und verließ die Stube . » Nachtigall , spiele mir was , und laß die Vögel wieder singen ! « Herr Ludwig ging erregt in der Stube auf und nieder . » Drei Kinder wurden mir in Paris geboren und starben jung . Ihre zwei Mütter hatten zu wenig Sonne im Leib , um meine Kinder für das Leben reif zu machen . Nur diesen einzigen , der noch lebt - « Der Herzog sprach den Satz nicht zu Ende . Seine Schritte wurden schneller , und in Zorn murrte er vor sich hin : » Allerlei Kostbarkeiten habe ich aus Paris davongetragen . « Er sah zur Türe hinüber . » Um eine zu viel ! « Ein schwerer Atemzug hob seine breite Brust . » Wahr ist ' s , Nachtigall ! Ich hab viel gesündigt an meinem Haus . « Er deutete nach der Türe . » Der da sieht aus , als sollte er ' s vergelten an mir . « Die Vögel zwitscherten wieder , und Nachtigall spielte die zärtlichste seiner Weisen . Herr Ludwig schüttelte den Kopf : » Laß gut sein ! Mein Gehör ist verdorben , alles klingt mir falsch « . Der Kämmerer Wolfl brachte eine Meldung . Und dann trat ein kleiner , hochbejahrter Mann mit weißem Faltengesicht in die Stube , dunkel gekleidet , mit einer seidenen Schaube : Herzog Ludwigs Geheimschreiber , der Stadtpfarrer Gabriel Gleslin . Ihm folgte ein Laienpriester , vierzigjährig , in langem Schwarzkleid ; eine gesunde , derbe Gestalt war ' s , mit sonnverbranntem Gesicht und groben Fäusten ; doch unter der braunen Haut an Stirn und Wangen war dem Manne das Blut entronnen , eine wehe Angst bettelte in seinen Augen , und seine Fäuste zitterten . Er neigte sich tief . » Wer ist das ? « fragte der Herzog . Gleslin erwiderte : » Einer , der den gnädigsten Herrn um Gnade bitten möchte . « Herr Ludwig betrachtete den Mann , schickte den Meister Nachtigall mit einem stummen Wink aus der Stube und fragte wieder : » Wer ist das ? « » Der Pfarrer von Kösching . « » Sooo ? « Der Herzog nickte heiter . » Von Kösching ? Der , als der Papst den Bann über mich verhängte , so flink seine Kirche schloß , die Lichter ausblies und das Sakrament versperrte ? « » Ich mußte , Herr ! « Der Pfarrer kämpfte um jedes Wort . » Als Priester ! Nach meinem Eid ! « » Sooo ? Und wie hältst du denn sonst deinen priesterliche Eid ? Du bist doch wohl der Pfarrer von Kösching , der eine Kebsin mit drei Kindern in seinem Widum hält ? Hat deine sakramentlose Gemeinde dich verklagt ? « Der Pfarrer schüttelte den Kopf . » Bloß mein Kaplan . Meine Pfarrkinder mögen mich leiden . Mich und - ach , gnädigster Herr , mein Trinle ist so ein gutes , barmherziges Weibl ! « » Gut oder boshaft , das macht für die Weiber keinen Unterschied . Ein Weib zieht immer den kürzeren . Ist sie boshaft , so hilft es ihr nichts . Ist sie barmherzig und geduldig , so geschieht ihr unrecht . « Herr Ludwig wandte sich an Gleslin . » Wie denkst denn du über dieses verbotene Zuckerbrot in den Pfarrhöfen ? « Der Greis schmunzelte . » Da hab ich kein zutreffendes Urteil mehr . In drei Jahren bin ich achtzig . « » Ja , Gleslin , alte Bäcker verstehen sich nimmer auf neues Brot . « Herr Ludwig betrachtete den Inkulpaten . » Jetzt bist du verklagt . Du mußt das Weib mit den Kindern fortschicken aus deinem Widum . Oder ich muß dich strafen . Gesetz ist Gesetz . « In den Augen des Dorfpfarrers irrte eine hilflose Verzweiflung . Er preßte vor der Brust die Fäuste aneinander , daß er weiße Knöchel bekam , und stieß die Worte rauh heraus : » Ich möcht dem Gesetz gehorchen , Herr , und bring ' s nit fertig . In meinem Innern ist beständiger Krieg . Oft lauf ich in meiner Gewissenspein hinaus in den Wald und tu einen Eid um den andern , daß ich umkehren will auf dem Weg meiner Sünden . Und komm ich wieder heim , und treten mir Weib und Kinder entgegen , dann regt sich in mir die Lieb zu ihnen mächtiger als die Lieb zum Guten . Und da muß ich wieder ein Meineidiger sein und bring ' s nit fertig , daß ich mich selber überwind . « Er konnte nimmer weiterreden . Seine Zähne knirschten . Da sagte Herr Ludwig rasch : » Du bist ein Mensch . Sei im übrigen , was du magst ! Ich bin kein Heiliger , der zu richten kam . Drum sag ich dir : Geh hin und sündige ! « Der Mann von Kösching riß die Augen auf und konnte dieses Wort der Gnade nicht gleich begreifen . Als er es verstand , wölke er sich aufs Knie werfen . Doch Herr Ludwig , mit seiner starken Faust , hielt ihn aufrecht und sagte ruhig : » Ein Pfarrer , der seinen Eid hält , darf nicht knien vor einem , den der Papst in den Bann getan . - Gleslin ! Führ diesen Menschen hinaus ! Das Ding ist erledigt . « Als der Greis wieder in die Stube kam , sagte er : » Der Himmel segne Eure Barmherzigkeit ! « Herr Ludwig schüttelte den Kopf , » Barmherzigkeit ist keine Eigenschaft der Menschen . Die kommt zuweilen , ich weiß nicht , von wo . Vielleicht von dort her , wo der Ewige wohnt , von dem wir alle wissen und den noch keiner gesehen . - Gleslin ! « » Was , gnädigster Herr ? « » Ich glaube : Er lebt ! Und gut ist er . Zu ihm kehrt , wenn ein Körper verdirbt , der menschliche Geist zurück , sei er von Sünden befleckt oder nicht , seien die Werke des Menschen gut oder bös gewesen . « Wieder schmunzelte Gleslin . » Sagt solche Dinge nur zu mir , gnädigster Herr ! Sonst verbrennt man euch wie den Hus . « Der Herzog lachte : » Das Feuer ist für die Kleinen . Wenn ein Ketzer den Purpur zur Entschuldigung hat , dann ist er sicher . « Verstummend hob er den Kopf und betrachtete den Greis , der aus seiner Schaube ein Pergament herausholte . » Gleslin ? Du machst dein Rätselgesicht ? Bringst du was Dummes ? « » Das hat mir vor einer Viertelstunde ein Freund geschickt . « Herr Ludwig las . Dunkel fuhr ihm der Zorn ins Gesicht . » Ach , guck doch ! Die schöne Else rührt ihre weißen Muhmenhände ! Die will wohl meinen Mist auf ihres Bruders Acker fahren ? « Er warf das Pergament auf den Tisch und ging mit jagendem Schritt durch die Stube . » Da muß man zuvorkommen . « » Seid bedächtig , Herr ! Was der Brief da meldet , muß uns wachsam machen . Das geb ich zu . Aber schwören möcht ich , daß der Zollern von diesem Kunkelspiel in seiner Frauenstube keine Kenntnis hat . Seit dem Herbste ist er in seiner Brandenburger Mark - « » Die er von unserm Haus gerissen ! « » Nein , Herr ! Die der König ihm verliehen hat für treue Dienste . Der Zollern hat immer zum König gehalten und ans Reich gedacht - « » Reich ! Reich ! Was Reich ! Mir liegen Paris und Mailand näher als Prag und Wien . Ich bin Fürst auf meinem Boden , will ' s bleiben und wehre mich meiner Haut . « Weil Herr Ludwig die Stimme so zornig schraubte , fingen die kleinen grünen Papageien schrill zu kreischen an . Gleslin ging zum Erker und deckte die dunkelroten Tücher über die Käfige . Die starke Abendsonne , die durch das Fenster hereinfiel , umglänzte den blassen Greis . Immer heißer erregte sich der Herzog . » Meine Haut kann erzählen ! Sieh meinen Kopf an , meine Hände ! Ich will Sühne haben . Und Fritz von Zollern hindert sie mir . Hat er nicht das Gericht wider diesen fahrigen Mörder verzögert , der sich von Bayern nennt ? Hat er ihm nicht die Verzeihung des geldnotigen Königs erwirkt ? « » Solchen Vorschub um der Verschwägerung willen hab ich nie gebilligt . Aber zieht auch in Rechnung , gnädigster Herr , was Ihr ihm getan habt . « » Ich zähle , was mir in die Rechnung paßt . « » Ihr habt ihm vergangenes Jahr seine fränkischen Lande verwüstet , habt ihm die Stammburg seines Geschlechtes niedergeworfen . Und immer zögert Herr Friedrich noch , wider Euch in den Kampf zu treten . « » Weil er mich fürchtet . « » Nein , Herr ! Weil er im Reich der einzige ist , der auf die Friedensmahnung des deutschen Königs hört . Und sollte Frau Else , verhetzt von ihrem Bruder , Landshut wider Ingolstadt rüsten , so dürft ihr dessen versichert sein , daß ihr Gemahl solchen Anschlag vereiteln wird . « Nichts an diesen ruhigen Worten des Greises rechtfertigte den maßlosen Jähzorn , in dem Herr Ludwig aufbrauste : » Gleslin ! Bist du mein Rat ? Oder bist du bezahlt vom Fritz von Zollern ? « Dem alten Mann stieg eine dünne Röte ins Gesicht . » Wer und was ich bin , gnädigster Herr , das wißt Ihr so gut wie ich . Aber ich sehe wieder : Es ist ein fahrvolles Geschäft , einem Fürsten die Wahrheit zu sagen . « Rasch faßte Herr Ludwig den Greis an den Schultern und sagte herzlich : » Nimm ' s nicht übel ! Ich hab ' s nicht bös gemeint . Aber vieles brennt und wühlt in mir - « Der Herzog ging zum Erker und blieb in der schönen Sonne stehen . » Herr ! Nun dien ich Euch dreißig Jahre . Viel habt Ihr getan , wozu ich den Kopf habe schütteln müssen . Doch verstanden hab ich Euch stets . Ihr seid mir als Mensch und Fürst noch immer ein helles Gefäß gewesen . Aber sooft Ihr vom Zollern redet , seh ich etwas Dunkles in Euch , das ich nicht begreife . « » Dann schweig davon ! Es könnte auch sein , daß ich heut ein andrer bin als sonst . « Herr Ludwig sah über die Schulter zur Tür hinüber . » Heut ist mir eine Niedertracht des Lebens über das Herz getrampelt . « Er lachte hart . » Vielleicht war ' s auch eine Gerechtigkeit . Man sät , man erntet ! « Jetzt ein Lachen in Heiterkeit . » Guck nur , Gleslin , ich werde noch abergläubisch auf meine alten Tage ! « Nach kurzem Schweigen sagte Gleslin ernst : » Herr ! Soll ich Euch nützlich raten , so laßt mich die Wahrheit sehen ! Warum hasset Ihr diesen festen Mann , den Ihr klugerweise zu Eurem Freunde machen solltet ? « Mit jähem Schritt ging Herr Ludwig auf den Alten zu . » Jetzt bist du beim rechten Wort . Ja , Gleslin ! Diese Landshuter Laus will ich nur zertreten , weil sie für mich ein lästiges Ungeziefer ist . Aber den andern hasse ich . « » Warum ? « Die Stimme des Herzogs wurde rauh . » Ich kann es dir sagen . Aber du wirst es nicht begreifen . « » Warum hasset Ihr ihn ? « » Weil ich nur das Leben habe , in dem ich stehe - solang ich es vor meinen fernen und nahen Feinden zu wahren vermag . Der andre - den du einen festen Mann nennst - nicht mit Unrecht - dieser andre hat gesunde Söhne und hat die Zukunft . Darum hasse ich ihn . Fortleben ! Warum er ? Warum ich nicht ? « » Herr ! « Bekümmert sah der kleine , greise Mann zu seinem stattlichen Fürsten auf . » Solche Gedanken solltet Ihr dem Neid Eures Vetters Heinrich überlassen . Eurer Hoheit sind sie nicht würdig . « Der Herzog ging eine Weile stumm in der Stube auf und nieder . Dann sagte er mürrisch : » Lassen wir ' s gut sein ! Bäslein Else soll spinnen , was sie mag . Ich will ' s überschlafen . Heut hab ich Gift im Ohr und Essig im Herzen . Da ist man kluger Dinge nicht fähig . « Gleslin atmete auf .