ne blieben un is ne bleben , Vadder kummt wedder « , sagte Störtebeker bestimmt und ging davon . Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und jeden Abend : » Schree doch ne , Mudder , gläuf doch ne , wat Vadder weg is ; de is ne weg , de kummt wedder « , aber er erreichte damit nur , daß sie noch heftiger weinte . Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch : sein Vater würde ihn auslachen , wenn er kam , meinte er mißmutig . Jeden Tag , der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe versank , lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser . Er wriggte weit hinaus , bis hinter Blankenese , und wartete und wartete . Immer waren seine Augen im Westen und suchten die Elbe ab , suchten den Ewer , suchten den Vater . Große Dampfer mahlten an ihm vorbei , und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten , aus dem Fahrwasser zu gehen , aber er dachte : ich habe hier ebensoviel Recht wie ihr , und kümmerte sich nicht darum . Die Dünung warf den Kahn wie eine Nußschale auf und ab : Störtebeker ging nicht vom Fleck . Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam , wriggte er hin und fragte nach seinem Vater . » Hest Vadder ne sehn , Jannis ? « » Höh , Blankneeser , hett H.F. 125 ne bi di fischt ? « aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat , nach Hause zu schippern , den er aber nicht befolgte . Zuletzt kannten ihn alle . » Kiek , dor is wedder Klaus Mees sien lütten Jungen « , sagten die Schiffer zu den Knechten , wenn sie den Kahn in Sicht bekamen . Bei Wind und Wetter , bei Nebel und Sonnenschein , bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater . Starr blickte er nach Westen , wo immer wieder Segel erschienen , wo immer wieder Schiffe auftauchten . Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei sein , einmal mußte er ihn doch hergucken können ! So viele Schiffe ! » Is keen Breef van Vadder kommen ? « , fragte er abends , denn sie konnten ja auch nach der Weser gesegelt sein , wenn es gerade so gepaßt hätte . » Junge , gläufst du noch jümmer , wat Vadder wedderkummt ? « fragte Gesa bekümmert . » Ganz gewiß gläuf ik dat , Mudder ! Vadder kummt wedder ! « Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte , kam hinter Schulau ein grüner Ewer in Sicht , der ganz so aussah wie der seines Vaters . Er dachte , er wäre es , und eine große Freude kam über ihn , daß ihm die blanken Tränen in die Augen traten . Hastig zog er seinen Draggen auf , den er ausgeworfen hatte , und wriggte dem Ewer entgegen , so schnell er nur schippern konnte . Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war , wollte er sich barfuß ausziehen , damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam , dann wollte er die Flagge aufsetzen , die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte , und so lange rufen und winken , bis sein Vater ihn gewahr wurde . Und dann wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern helfen , wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern , wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken , wie er immer getan hatte . Ach , - er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord : als er aber bis Wittenbergen gekommen war , sah er einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um . * * * Alle Fischerleute , Seefischer und Elbfischer haben den Jungen draußen auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden . Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den Laden , wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom oder Wind konnte . Alle ermahnten ihn , nicht wieder so weit zu fahren , sondern am Bollwerk zu bleiben : sein Vater könne nicht wiederkommen , nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen . Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht : mit der nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater . Oft hungerte ihn , er zitterte vor Frost , wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte , aber er wriggte immer wieder , immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen . Sein Vater kam wieder : von dieser Hoffnung ging er nicht ab , - und er wollte der erste sein , der ihn gewahr wurde . Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln , und der Aalkorb verrottete im Gras , denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben . Kluß , die alte Krähe , lag eines Morgens tot im Kasten : sie war verhungert ; er grub sie im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke . Die Kaninchen verschenkte seine Mutter an andere Knaben , weil er sich nicht mehr darum bekümmerte ; gleichgültig ließ er es geschehen , denn es war ihm einerlei geworden , ob er Viehwerk hatte oder nicht : erst mußte sein Vater wieder da sein , erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen ! Dann kam auch all das andere wieder an die Reihe . In der gewissen Zuversicht : diese Tide kommt Vater ! - lief er nach seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese . Gesa , die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war , merkte zuerst nichts von diesen weiten Fahrten , sie dachte , er wäre am Westerdeich zugange , und achtete nicht sonderlich darauf , ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht zum Essen kam , denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher , wie in tiefen , schweren Träumen . Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam , weil es nebelig geworden war und er sich auf der Elbe , zwischen Cranz und Wittenbergen verirrt hatte . Da wachte sie auf und rief und suchte , sie klopfte den Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden . Als sie ihn nirgends finden konnte , jammerte sie den Deich entlang . Da hörte sie von den Fischern , wie ihr Junge seine Tage verbrachte , daß er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete . Sie erschrak sehr , und es fiel ihr schwer aufs Herz , daß sie sich in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte . Wenn er nun ertrunken war ! Gott im Heben , gib ihn mir wieder , betete sie , ich will ihn dann nicht mehr aus den Augen lassen ! Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen auf die Suche , obgleich es so dick geworden war , daß sie einen Kompaß mitnehmen mußten , wenn sie nicht verbiestern wollten . Sie segelten und ruderten hin und her , bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das stille , tote Wasser , aber es war nichts zu hören , noch zu sehen . Sie wollten es schon aufgeben , da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem Neß . Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen , aber er sprang aus dem Boot , machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein nach Hause , denn er war doch kein kleines Kind mehr , das getragen werden muße ! » Morgen kummt Vadder gewiß « , tröstete er seine Mutter , als er sich das klamme Zeug auszog , sie , aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster Aufregung nicht , was sie machen , ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte : packte ihn ins Bett , begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm Kamillentee , obwohl er sagte , daß ihm gar nichts fehle . Sie lag die ganze Nacht schlaflos , horchte auf seinen Atem und erschrak , wenn er einmal hustete . Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld daran , daß sie nicht einschlafen konnte . Sie riß sich schwer ab , dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele , das ihr als eine heilige Pflicht , als eine Aufgabe von Gott erschien : den Jungen vom Wasser abzubringen , zu verhüten , daß er mit seinem Kahn ertränke , zu verhindern , daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode käme wie sein armer Vater , dafür zu sorgen , daß er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte ! Dazu war sie von der Geest in dieses Fischerhaus gekommen , sie erkannte es jetzt : um das Geschlecht der Mewes vor dem Untergange zu bewahren , um es wieder landfest und lebendig zu machen ! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt : sie fühlte es und hörte es , was sie hatten sagen wollen : ich habe verspielt , Gesa , nun tu du das deine , daß der Junge es einmal besser habe ; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters , laß ihn nicht nach See ! Das hatte ihr Mann sagen wollen , das war es gewesen ! » Jo , Klaus , dat will ik « , flüsterte sie vor sich hin , » du schallst dien Rauh hebben ! « Starr richtete sie sich iaus den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich . Sie wußte , daß es schwer halten würde , daß sie streng und hart sein mußte , denn der Junge saß voll von diesem Seegift , wie sie es nannte , und war ein Trotzkopf sondergleichen , aber ihr zähes , niedersächsisches Blut übernahm es . Sie wollte sich um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten , um ihn dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren . Das war ihre Lebensaufgabe nun ! Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen , hatte sie nicht vermocht , aber der Junge , der noch so jung war , mußte noch zu biegen und zu lenken sein , wenn ein fester Wille dahinter stand . Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen , sie konnte es nicht ... Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind , ein Kampf um die See . Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt , bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte . Als seine Mutter dann aber weiterging und davon sprach , daß sein Vater nicht wiederkommen konnte , daß er auf dem Grunde der See lag , da richtete er sich wieder auf und sagte , das sei nicht wahr , sein Vater sei nicht weg , sie wüßten alle nichts davon ! Sein Vater käme wieder : dabei blieb er , und davon ging er nicht ab . Der Ewer könne nicht umkippen , und sein Vater könne nicht ertrinken : er glaubte es nicht , und wenn sie es auch alle zusammen sagten ! Gesa hatte ihm streng untersagt , wieder nach dem Fahrwasser zu schippern , aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah , da dachte er , sein Vater müßte gewiß kommen , und er müßte ihm entgegenfahren . Und als seine Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte , da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder weg , um seinen Vater zu holen . Wenn er den Ewer mitbrächte , würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten : mit dem Gedanken tröstete er sich , als er die Reihe der Segel absuchte . Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen und kam deshalb erst spät am Abend zurück . » Klaus , worüm büst du nu wedder wegschippert ? « fragte Gesa erregt , » wullt du ober Burd fallen , oder schöt de Dampers di inne Grund jogen ? « Störtebeker pustete den Kaffee , der zu heiß war , und biß von seinem Brotknust ab , ohne etwas zu erwidern . » Junge , du Eegenbuck ! Wat büst du förn Jungen ! Dien Mudder hett di woll gor nix mihr to seggen ? « fragte sie bebend . » Du weeß doch ganz god , wat ik up Vadder teuft hebb « , erwiderte er geruhig und setzte abweisend hinzu : » Nu lot mi doch tofreeden , Mudder ! « Da konnte Gesa sich nicht mehr halten , der Zorn überschrie alles andere in ihr , und sie schlug ihn sehr . Er stand still und ließ sich schlagen , weder wehrte er sich , noch lief er weg , noch schrie er : fest biß er die Zähne aufeinander , um keinen Laut von sich zu geben . Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk zurück , so daß er nicht entkommen konnte , aber den Morgen darauf flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe . Wie wünschte er seinen Vater herbei ! Wenn er doch käme , der grüne Ewer ! Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock ! Aber sein Vater kam nicht , und er mußte schließlich doch zurückwriggen . Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen , nur aus der Elbe getrunken hatte er , und war sehr hungrig . Triefend von Regen , stand er auf der Schwelle und guckte seine Mutter an , die schon bei der Lampe saß , als wenn er sagen wollte : nu hau mi man wedder ! * * * Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage fest . Streng achtete sie darauf , daß ihn niemand mehr Störtebeker nannte , daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde : sie ging selbst zu dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter , damit es den Kindern verboten würde , den Jungen Störtebeker zu nennen : aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem , was sie wollte , denn nun riefen die Jungen erst recht Störtebeker . Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen . Mit geschlossenen Augen hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein Brett , das zwischen den Kurrbäumen steckte , so daß es regelmäßig knarrte . Sie trat näher , und als sie sein glückliches Gesicht sah , fragte sie ihn weich : » Wat schall dat denn , Klaus ? « Er schüttelte erst heftig den Kopf , als wenn er nicht gestört werden wollte , dann aber besann er sich und sagte leise : » Mok de Ogen ok mol to , Mudder ! « - » Wat schall dat denn , Junge ? « - » Moks doch mol to , Mudder , och man to ! « - » Ik hebbs jo all to , Klaus . « - » Ganz fast ? « - » Jo , ganz fast ! « - » Denn sünd wi up See , Mudder « , sagte er verträumt , » kannst hürn , wat dat boben unsen Kupp gnarrt ? Dat deit de Gaffel , wenn de Eber oberholt , Mudder ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut , Mudder , gliek möt wi intehn , denn schallst mol sehn , wat denn een Leben ward , wat denn de Meben anflegen kommt ! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen sehn ? Dor slöpt he jümmer inne Fohrt , Mudder ... Kiek , dor steiht Kap Horn ! Paß up , gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up , - dat hürt sik up See veel beter an as an Land , Mudder , ne ? ... Hein Mück schillt Kantüffeln , gliek gift brodte Schullen , de scheut ober smecken ... Kannst sehn , Mudder , dor achter dat Land , dat hoge , rode ? Dat is Hilchland « So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu . Gesa saß auf dem Kurrbaum , der die eingeschnitzten Zeichen H.F. 125 trug , und hörte zu , während ihre Augen sich verdunkelten . » Woneem is Vadder denn ? « fragte sie zuletzt erschüttert . » Vadder ? « rief er verwundert , » Vadder ? De steiht hier jo bi uns ant Rur , de hett jo de Wacht ! Hür mol , wat he lachen kann ! « Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück , er aber saß noch lange und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen . * * * Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen , immer war er dann auf See bei seinem Vater . Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser . Ungeachtet aller Schelte und Schläge brach er immer wieder aus ; sie konnte nichts mit ihm aufstellen . Die Elbfischer , denen sie ihre Not geklagt hatte , machten Jagd auf ihn wie auf ein Wild und vertrieben ihn , wo sie ihn sahen , er ging ihnen aber immer wieder durch die Maschen . Sein Trotz wuchs : was Eisen in ihm gewesen war , hatte sich zum Stahl gehärtet , und gewisser als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr . Zuletzt , als er sich gar nicht mehr retten konnte , als die Hunde von allen Seiten nach ihm schnappten , beschloß er , nach der See zu schippern und seinen Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen : wenn er ihn gefunden hatte , wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen . Er tat nun einige Tage , als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte , so daß Gesa neue Hoffnung schöpfte , heimlich aber rüstete er sich für die Flucht aus . Er suchte sich eine große Kruke her und füllte sie mit Wasser , damit er auf der See etwas zu trinken hätte , er packte seinen Aalkorb zurecht , damit er sich unterwegs Fische fangen könnte , er zog ein altes Segel vom Boden und legte es zusammengerollt unter die Ducht , damit er nachts unterkriechen und schlafen könnte . Als er soweit fertig war , wartete er auf einen günstigen Augenblick , und als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte , nahm er den Kompaß von der Wand , steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe hinunter . Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große Brote , damit er etwas zu leben hatte , dann wriggte er unverzagt weiter , der See entgegen , und weil es Ebbe war und er Achterwind hatte , kam er schnell vorwärts , bis über die Lühe hinaus . Als es Flut wurde und der Abend kam , suchte er an der Nordkante in einem Priel Unterschlupf , mitten im Schilf , und kroch in das Segel hinein , denn er war fröstelig . Schlafen konnte er aber nicht , und als Hochwasser war , stand er wieder auf und schipperte emsig weiter . Bis Krautsand war er schon gekommen : da ereilte ihn sein Verhängnis ; als es Tag geworden war , entdeckte ihn ein nachbarlicher Elbfischer , der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch : er sprang ins Boot und verfolgte ihn , bis er ihn gefangen hatte . Störtebeker bat und biß , aber es half ihm nichts , der Elbfischer band den Kahn hinter seine Jolle und brachte ihn den andern Tag , als er den Bünn voll hatte , nach Finkenwärder zurück . Diesmal ging es nicht so gnädig ab , denn der Jäger kam dazwischen und brauchte den Stock , als wenn er einen Jagdhund oder ein Stück Vieh vor sich hätte . Störtebeker schrie doch einmal auf , dann aber schwieg er wieder beharrlich und dachte : wenn Vadder man hier wür , de wull jo god ! Den Tag darauf schloß Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern Ende des Deiches bringen . Und sagte , sie hätte ihn einem Fischer verkauft , der ihn mit nach See genommen hätte . » Wat kannst du bloß den Kohn verkäupen ? « rief er heftig , » de hürt mi to , un dor hett nüms wat ober to seggen as ik , kannst Vadder frogen ! « Als er sie aber dann nach dem Fischer fragte , gab sie keine klare Antwort , so daß ihm die Sache muffig vorkam ; er fragte die Jungen und suchte und spähte so lange , bis er sein Schiff entdeckt hatte . Ohne jemand zu fragen , machte er es los und brachte es nach dem Neß zurück . Und fing wieder an , seinen Vater zu suchen , denn sein Vater mußte ja wiederkommen ! Felsenfest stand seine Hoffnung . War da niemand , den diese Treue rührte ? Wohl nicht , denn die Frauen bestärkten Gesa in ihrer Strenge , und die Elbfischer griffen ihn , wo sie seiner habhaft werden konnten . Es war ein Jammer , wie sie mit dem armen Jungen umgingen , der seinen Vater nicht vergessen konnte ! Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern , wo es kein Wasser und kein Boot gab , und hoffte , daß er dort auf der Heide seinen Vater und die See , die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde . Der alte Heidjer und die Großmutter freuten sich , den Enkel endlich einmal bei sich zu haben , tischten ihm auf und versprachen , gut auf ihn zu passen , als Gesa sich wieder auf den Heimweg machte . Störtebeker ließ sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen , er ging mit nach dem Moor , er sah die Bienenkörbe nach , er lernte Buchweizen dreschen , er trank Ziegenmilch , er suchte sich Brombeeren , er kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land : dann aber fiel ihm plötzlich ein , daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte ; da sprang er kopflängs von dem Schimmel herab , auf dem er saß , und lief in Sprüngen weg , ohne Mütze und alles , fragte sich durch das Alte Land nach der Fähre an der Süderelbe , ließ sich von Paul Müller übersetzen , raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still , denn er konnte keinen Ewer sehen . Erst wollte er wieder nach der Geest zurücklaufen , dann aber getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus . Gesa fuhr auf , als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der Elbe gucken sah , dann aber konnte sie nicht an sich halten , und sie schlug ihn , daß er blutete . Als nachmittags der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren kam , erbost über die Flucht und den Trotz des Jungen , schlug auch er auf ihn ein . Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen , aber Gesa sagte , das hülfe doch nichts : sie wolle ihn hier behalten : er solle in den Keller gesperrt werden , und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen . Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen . Da saß er im Gefängnis , denn das Fenster war vergittert . Er versuchte , den Kopf durch die Eisenstangen zu stecken , aber es ging nicht . Der Jäger , der gerade unter dem Fenster entlang ging , drohte ihm mit dem Flintenkolben und sagte grimmig : » Wi wöt di woll mörr kriegen , du Dickkupp ! « Als er weg war , setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine Kartoffelkiepe und weinte bitterlich , denn er wußte sich nicht mehr zu helfen . » Hilp mi doch , Vadder ! « schluchzte er , » hilp mi doch ! Kumm doch wedder ! « Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See , um seinem treuen Jungen beizustehen , ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord , auf den Ewer und nach See zu nehmen . Kein Kap Horn tröstete ihn , und kein Seemann kam , ihm die Hände zu lecken . » Hilp mi doch , Vadder ! « ... Letzter Stremel . Jahre sind vergangen , seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer geblieben ist . Wir kurren in der Gegenwart . * * * Herbst ist es , windstarker , wolkengewaltiger Herbst , der die Blätter von den Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat . Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven ( die nichts mit Liebe zu tun hat , sondern ihren Namen von der » Olive « bekommen hat , einem haverierten und abgeschlachteten Schiff , das zuerst den Anleger bildete ) liegt die Austernflotte und macht sich zum Auslaufen klar . Da liegen die neun Kutter , die Dohrmann , der große Austernhändler , für den Winterfang angenommen hat . Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen , die hansischen Farben mit den hamburgischen Türmen , die am Finkenwärder Deich die Todesflagge genannt wird . Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefährlichste Fischerei , weil sie in die stürmischen Monate fällt , und weil die Austernbänke so weit draußen liegen , inmitten der Nordsee , meilenweit von Helgoland . Da ist keine Reede und kein Hafen zu erreichen , wenn das Wetterglas fällt : alle Stürme müssen draußen ausgeklüst werden . Nur die neuesten , größten und seetüchtigsten Kutter können sich des Austernkurrens unterfangen . Nur die verwegensten und mutigsten Seefischer , die jungen und starken , können diese Fischerei betreiben : aber auch sie würden sich nicht dazu hergeben , wenn sie nicht verdienen müßten , und wenn die Austern nicht so gut lohnten . Die Zeiten sind schwer geworden , seitdem die Fischdampfer groß geworden sind : Winter und Sommer muß der Fischermann kurren , wenn er noch bestehen will , die Notwendigkeit , die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn in die Stürme hinein . Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge . Der Tod steht aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer . Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der stärkste von ihnen . Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp , bunte Bänder und grüne Blätter , - so neu ist er . Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig , Landrat Teßmar , Farewell , Senator von Melle , Süllberg , Fairplay und Providentia , so heißt er Klaus Störtebeker . In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck : Klaus Störtebeker Finkenwärder . Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern , so weht ihm eine deutsche Flagge von der Besan , denn der junge Fischer ist wie sein Vater und zieht keine fremde Fahne auf . Dohrmann muß ihn so fahren lassen . Der schöne , schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes . Dem jungen Klaus Mewes ! Ja , Seele dem jungen Klaus Mewes gehört er , dem kleinen Klaus Störtebeker , aus dem sie einen Geestbauer , einen Schuster , einen Zimmermann und was nicht alles machen wollten , und aus dem doch nur eins werden konnte , in dem doch nur eins steckte : ein Seefischer ! Allen zum Trotz hat er den Weg nach dem Wasser gefunden und ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater . Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff . Mit dem ersten Kutter ist er bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei eingebüßt . Nun liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern fischen . Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen , die doch manches Schiff unter den Füßen gehabt haben , vor dem großen , herrlichen Fischerkutter stehen , betrachten die glänzenden Masten , das blinkende Deck , den ragenden Bug , und loben den Baumeister , der ihn zusammengeklopft hat , und den Schiffer , dem er gehört und der mit ihm nach See gehen kann . * * * Die Kajüte ist groß und hoch , denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren und ist hochgewachsen . Drei Sprüche zieren sie . Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne , goldene Spruch aus dem Ewer : Hilpt mi , Sünn un Wind , hilpt mi bit Fischen ! Ik heet Klaus Mees un bün van Finkwarder . Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll : Kap Horn - und die letzte Koje schmückt das trotzige Wort : Finkwarder blifft Finkenwarder un geiht ne van de See ! * * * Da kommt der junge Klaus Mewes . Er kommt vom Kriegshafen herüber , von den Torpedobooten her . Er hat seinen Leutnannt besucht . Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel voneinander . » Klaus Mewes , wenn ich