, quer über den Lützowplatz , über den breiten Weg . Nun trat sie in die dunkle Allee längs des Kanals . Sie bog ab , nach links , ging mit immer schnelleren Schritten bis hinunter zur Freiarchenbrücke , - dort stand sie zögernd still . Dann ging sie auf die Brücke . In der Mitte blieb sie stehen und beugte sich über die Brüstung . Und auch er stand , wie gefesselt , verborgen in der Dunkelheit . Nachdem sie eine Weile bewegungslos gestanden und ins Wasser gestarrt , ging sie weiter , - bog nun auf der anderen Seite des Ufers nach rechts hinauf . Ihr Gang wurde leichter , sie hastete vorwärts . Jetzt ging sie so schnell , daß er Mühe hatte , ihr zu folgen ; sie lief ja beinahe , hier in der Finsternis . Längst waren sie an jenen Stellen des Kanals vorbei , wo die Böschung weich und niedrig , mit Rasen bewachsen , abfällt ; hier war schon der steinerne Quai , von dem , in bestimmten Entfernungen , Treppen zum Wasser hinunterführen . Und da - auf einmal - da setzte sie über das niedrige Gitter und lief flugs auf die Treppe zu . Ehe er recht begriff , ob er auch richtig gesehen , war sie unten . Er sah im Schein der Laterne die erhobenen Arme , er hörte den klatschenden Aufschlag , mit dem der Körper ins Wasser fiel . Da war auch schon sein Mantel zur Erde geworfen , er folgte ihr , - aber nicht auf dem Wege über die Treppen , er lief direkt über die glatte , steinerne , gewölbte Böschung , lief mit den großen Sprüngen des Militärs und sprang , mit gestreckten Armen , ihr nach . Und kaum schlug er ins Wasser , so sah er auch schon , dicht neben sich , ihren Kopf auftauchen , vollbelichtet vom Schein der Laterne , - sah das Gesicht , - unkenntlich geworden vom Krampf der Todesangst . Sie war ein einziges Mal erst untergetaucht , als er sie erfaßte . In der Sekunde , da sie unter Wasser gewesen und dann wieder an die Oberfläche gekommen war , hatte sie den Himmel gesehen mit den schimmernden Sternen - - - leben , leben ! Da erfaßte sie eine Hand . War das die Rettung ? ! - - - Sie umklammerte seinen Hals , sie umschlang ihn mit den Beinen , und er fühlte , wie sie beide untergehen mußten , auf diese Art. Er rief ihr zu , sich ruhig aufs Wasser zu legen und sich ihm zu überlassen , aber sie umstrickte ihn nur um so wilder . Schon erwog er , ob er nicht zu dem letzten verzweifelten Mittel , das die Rettung möglich machte , greifen und ihr jenen Schlag auf den Kopf geben sollte , der Ertrinkende in Betäubung versetzt und es dem Schwimmer dann möglich macht , sie herauszuziehen . Aber es kam nicht so weit . Plötzlich lockerten sich ihre ihn fest umschnürenden Glieder . Sie war bewußtlos geworden . Da kam es über ihn wie Glück , - nun konnte es gelingen . Neue Kräfte strömten ihm in die Glieder , stählten und streckten sie . Er machte kräftige Tempi mit den Beinen und dem einen Arm , faßte sie mit der anderen Hand im Genick , an den Kleidern , und schleifte sie behutsam übers Wasser . Keinen Augenblick sank ihr Kinn bis in die Flut , so fest und stark hielt er sie hoch . Und sie nahmen alles mit , diese dunklen Wasser , alle Sünden der Vergangenheit . Der Mensch , der da mit zwei Beinen und einem Arm die schwarze Fläche teilte und mit dem anderen Arm seine Beute hielt , dem der Krampf schon langsam in diesen Arm kroch , und der nun glücklich die Stufen wieder erreicht hatte , - für den war dieses nächtliche Bad ein heiliger Zauber , wohl heiliger noch , als es die Wasser des Jordans waren , wenn sie die Sünden der Getauften mit sich nahmen und sie fortspülten , ins Meer der Vergessenheit . - - - Er trug sie über die Stufen hinauf und legte sie bei der Laterne , die das Bild ihres Kampfes beschienen hatte , zur Erde . Sie hatte nicht viel Wasser geschluckt . Dennoch reinigte er mit dem vom Taschentuch umwickelten Finger kräftig den Rachen . Dann setzte er sich auf das niedrige Geländer der Rasenfläche und legte die leichte Gestalt quer über seine Knie , auf den Bauch , so daß Kopf und Rumpf nach unten hingen . Das Wasser tropfte ab . Er drückte regelmäßig gegen ihren Rücken . Nachdem er dies rhythmisch einige Minuten lang getan hatte , legte er sie auf die Erde nieder , holte den Mantel , der ein Stück weiter unten so da lag , wie er ihn abgeworfen hatte , schob ihn ihr als Rolle unter den Kopf . Dann führte er ihre Arme langsam nach oben - führte sie wieder zurück und drückte sie kräftig aber schonend gegen den Brustkorb . Zischend hörte er die Luft in die Lungen einströmen . Als er diese Bewegungen etwa dreißigmal ausgeführt hatte , begann sie zu atmen und schlug die Augen auf . Nun zog er den Mantel vorsichtig unter ihrem Kopf weg und hüllte sie hinein . Dann hob er die leichte Gestalt , ohne Mühe , auf seine Arme . Während er mit ihr weiterging , fielen ihr die Augen wieder zu , und er fühlte , wie sie zitterte . Niemand war in der ganzen Zeit durch die nächtliche Allee gekommen . Der Himmel schien glänzend , wie schwärzlich-violettes Glas und wölbte sich über den Bäumen . Der abnehmende Mond lag , als blanke Sichel , schräg zwischen unzähligen Sternen . Die nächste Brücke führte hinüber auf den Lützowplatz . Dort standen Automobile . Er blieb diesseits , im Dunkel , und pfiff . Sofort kam eine Autodroschke heran . Er stieg ein und bettete sie bequem . Keinen Augenblick dachte er daran , irgend jemand zu alarmieren . Er brachte sie zu sich , auf seine Stube , entkleidete sie vorsichtig und hüllte sie in einen Bademantel ; dann trug er sie in sein Bett , rieb ihre eisigkalten Glieder , bis sie warm wurden ; aber er duldete nicht , daß sie sprach . In nassen Kleidern , wie er war , nur mit dem trockenen Mantel darüber , entzündete er einen Spirituskocher auf dem Tisch und kochte Punsch ; sorgfältig hielt er die Tasse an ihre Lippen und ließ sie in kleinen Schlucken davon trinken . Dann hieß er sie schlafen . Erst als er ihre tiefen Atemzüge hörte und ihre Stirn feucht wurde von Schweiß , während die Wangen sich röteten , zog er sich um . Dann trank er ein Glas Punsch und legte sich in warmen , trockenen Kleidern auf das schmale Sofa zum Schlafen nieder . - - - Siebentes Kapitel Erfüllungen » Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit , Sie nimmt mit einer , gibt mit einer ; Ist heute dein Besitz auch kleiner - Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit . « Halm . Olga reiste in dem schlesischen Winter , an das Krankenlager ihres Vaters . Lang und ermüdend war die Nachtfahrt in der dritten Klasse . Während der kleinen Strecke , von der österreichischen Grenze an , war die Reise am unerträglichsten . Seit sie in Deutschland lebte , hatte sie vergessen , daß es solche Eisenbahnwagen gab . In dem schlechtgeheizten , übelriechenden , engen und dunstigen Coupé war sie erst mit einer Schar slovakischer Bauern zusammengepreßt . An einer Umsteigestelle wurde das Coupé leer . Sie fand aber auch dann keine Ruhe , da ein unaufhörliches Getöse von aneinander klirrenden Metallteilen den Raum erfüllte . In ihrer Verzweiflung rief sie den Schaffner und bat ihn , zu untersuchen , woher dieser wahnwitzige Lärm käme . Der Mann kroch unter die Bänke und probierte an verschiedenen Schrauben herum , dann erklärte er ihr , daß eiserne Bestandteile des Wagens , welche durch Schrauben gehalten würden , lose seien und bei jeder Umdrehung der Räder donnernd an die Schienen schlügen . Im Morgengrauen kam sie an . Die lehmigen , ungepflasterten Straßen waren von dicken Kotwällen verbarrikadiert . Die von Kohlenstaub und Fabrikrauch verdorbene Luft kroch ihr bei jedem Atemzug beißend in die Kehle . Ihre kleine , verschabte Reisetasche in der Hand , eilte sie , mit angstvoll klopfendem Herzen zu Fuß ihrem Vaterhause zu , das ihr noch finsterer als sonst seine trübe Front wies . Die alte Salke wußte , daß sie mit dem Frühzug kommen würde , und preßte wartend den Kopf an die Fensterscheibe . Olga erkannte trotz des Zwielichtes , unter dem wollenen Kopftuch das gespenstig verschrumpfte Gesicht der Alten . Sie winkte hinauf , und gleich antwortete ihr ein deutliches Nicken . Bald hörte sie die schweren , schleifenden Schritte , der Schlüssel wurde knarrend herumgedreht , und das Tor wich zurück , in den finsteren Flur . » Olgaleben ! « - - - Die knochige Hand tastete nach der ihren . » Gelöbt is Gott - Se sind daham ! « - - - Und dann stiegen sie zum Krankenzimmer des Vaters hinauf . Sie erkannte nicht gleich , ob er lag oder saß . Er war in einen tiefen Fauteuil gebettet . Eine Menge Kissen stützten den Rücken , die Beine lagen , in der Höhe des Sessels , ausgestreckt , auf hoch aufgetürmten Matratzen . Seit das Wasser in ihnen war , konnte er sie nicht mehr hängen lassen und hielt es auch liegend im Bett nicht aus . Seine ehemals so lange Gestalt schien zusammengeschrumpft , der Rest seines grauen Haares war schneeweiß geworden und hing lang und wirr unter dem schwarzen Sametkäppchen hervor ; die wie mit einem grauen Hauch überdeckten Augen flackerten hilflos , und alle Züge des Gesichtes verliefen spitz in tiefen Furchen . » Gut , du kommst « , sagte er mit fremder , hohler Stimme . Er faßte krampfhaft ihre Hand und ließ sie eine ganze Weile nicht wieder los . » Ich hätt ' ka Ruh ' gehabt , mei ' Kind , « flüsterte die hohle Stimme , - » wenn du nicht gekommen wärst . « Sie versicherte ihm , während sie sein abgezehrtes Gesicht küßte und die Tränen herunterwürgte , daß sie schon längst gekommen wäre , wenn er sie nur hatte früher rufen lassen . Sie erzählte auch , daß Stanislaus in wenigen Tagen nachkäme . Der Alte nickte nur , apathisch , mit dem Kopf . - Olga sah sogleich , daß die mühevolle Pflege des Schwerkranken von ihr und der alten Salke allein nicht geleistet werden könnte . So besorgte sie einen Wärter . Der war nun Tag und Nacht um den Kranken , gab bei jedem Besuch des Arztes seine Meinung ab und hörte nicht auf , täglich den immer näher rückenden Termin des Endes zu prophezeien . Die alte Salke bemerkte auch , daß er sich Kleinigkeiten aus dem Besitze des Kranken nach und nach aneignete und erzählte es Olga klagend . Auf die Wäsche des Kranken schien er es abgesehen zu haben , die Taschentücher wurden immer weniger . Auch die Tabakpfeifen , die auf einem Brett aneinandergereiht waren , verschwanden nach und nach ; und eines Tages war sogar das Gebiß des alten Mannes , daß er sich manchmal noch einsetzen ließ , nicht zu finden . Dieser schwarzhaarige Wärter , mit dem gleichzeitig schlauen und verdrossenen Gesichtsausdruck , mit der kolossalen Hakennase , unter den dichtbebuschten Augen , erinnerte an eine unheimliche Dohle , die hier auf die letzte Beute lauerte . » Weggetragen haben se euch alles , - grad ' wie der do - - - « sagte die alte Salke , mit wiegendem Kopf und blickte Olga vorwurfsvoll an . Dann hob sie die Achseln , spreizte die Finger mit dem Ausdruck von Hilflosigkeit und wiederholte nachdrücklich : » Weggetragen - alles ... « Schwer und bang waren besonders die Nächte . Der Kranke kam fast nicht mehr zu Ruhe . Unablässig verlangte er seine Lage zu verändern , mußte immer wieder vom Bett in den Lehnstuhl und von da wieder zurück getragen werden . Die Tochter stand am Fußende des Bettes . Ab und zu sah er sie mit starren , umflorten Augen an und sagte dann erkennend : » Mei Kind ... « Im übrigen fragte er nach nichts , was ihn sonst interessiert hatte . Mit keinem Wort fragte er nach dem Leben der Kinder , während der letzten Zeit . So ist es , wenn es zur letzten , dunklen Reise geht , dachte Olga , - da hat kein anderer Gedanke mehr Platz . Der alte Mann starb schwer . Angstvoll wehrte er sich gegen den Tod . In den letzten Nächten stieß er immer wieder einen Klagelaut hervor » o je , o je « - dessen dumpfe Monotonie Olga mit Grauen erfüllte . Einmal erfaßte er ihre Hand und sagte : » Verzeih ' mir . « Es überlief sie kalt ; was hatte sie ihm denn zu verzeihen ? Sie küßte die fahle Stirn , auf der die Schweißtropfen perlten und deren eisige Kälte sie mit ihren Lippen fühlte . » O je , o je ! « sagte der Kranke . Es war keine Auflehnung mehr in diesem Klagelaut ; er klang so abgewandt von allem , so wissend hoffnungslos , so sterbensbang ... Als der Morgen dieses Tages graute , floh sie aus dem Krankenzimmer . Sie lief durch das Städtchen , bis hinaus auf die öde Heide und dann im selben Tempo wieder zurück . An diesem Morgen kam Stanislaus an . Der Vater erkannte ihn nicht mehr . Er lebte noch einen Tag und noch einen Teil der Nacht . Die Kinder wichen nicht von seinem Lager . Um jene Stunde , da Tag und Nacht miteinander ringen , führte seine Seele den letzten Kampf . Im Morgengrauen sahen sie , daß eine völlige Veränderung der Gesichtszüge des Kranken eintrat . Die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen , der Unterkiefer sank herab , das Atmen wurde röchelnd , es klang , als ob zwischen zwei Mühlsteinen etwas Sprödes zermahlen würde . Der übermüdete Wärter lag und schlief , die alte Salke saß zusammengebrochen in einer Ecke , und die Tränen strömten endlos aus ihren halbblinden Augen . Endlich stieß der Kranke einen tiefen Seufzer aus , hob noch einmal mit letzter , krampfhafter Anstrengung den Unterkiefer , formte die Lippen , über die ein letzter Laut kam , - ein hohles O , und der Ansatz des Wortes » je « - dann streckten sich seine Glieder , der Atem wurde schwächer , die Augen drehten sich in den Höhlen , - der Kiefer fiel herab . Aus dem unerwartet schneidenden Weh , das durch das Sterben des Vaters über die Geschwister gekommen war , rüttelte sie die Notwendigkeit , eine Menge von Entschließungen zu treffen . Sie verkauften den ganzen Besitz dem Prokuristen , der das Geschäft in letzter Zeit allein geführt hatte . Von dem ehemals großen Vermögen war nur noch ein Rest vorhanden , der unbegreiflich gering schien . Stanislaus versuchte es , aus den Büchern über das Zusammenschmelzen des Vermögens Aufschluß zu erlangen , aber , was in den Büchern stand , das stimmte . Er begriff , daß der Verlust in jenen Posten steckte , die hinter den Büchern geblieben waren . Diese Unterschlagungen waren in so vorsichtigen Tritten ausgeführt , daß sie keine Spuren hinterließen , auf denen man ihnen hätte nachgehen können . Und auch von diesem Vermögensrest , der als Buchwert vorhanden war , mußten sie sich , beim Verkauf , noch große Abzüge gefallen lassen . Der Vater hatte ein Testament hinterlassen , des Inhalts , daß bei der Realisierung des Vermögens Olga bis zur Höhe ihrer Versicherungssumme die Erbin sei . Der Rest sollte zwischen ihr und dem Bruder geteilt werden . Diese Summe kam immerhin bei der Erbschaft heraus . Was darüber hinaus jedem als Anteil zufiel , war nicht viel mehr , als Stanislaus für sein Buch eingenommen hatte ; und so sah er , daß er mit seiner Arbeit doch auf einem festeren Grunde stand , als mit der ehemals ausgesprochenen Absicht - zu erben . Nachdem die peinlichen Verhandlungen des Geschäfts- und Hausverkaufes überstanden waren und hier alles aufgelöst war , was sie jemals mit diesem Städtchen verband , nachdem sie auch noch die alte Salke bei einer ihrer Nichten untergebracht und ihr für den Rest ihres Lebens eine bescheidene Leibrente gesichert hatten , zogen sie wieder fort , - und die letzte Spur des Nestes , dem sie entstammten , war nun für sie verweht . Olga fuhr nach Berlin zurück . Stanislaus beschloß , eine Reise durch Deutschland zu machen , um in verschiedenen größeren Städten , wie auch auf dem flachen Lande , statistisches Material über die Lebens-und Sterbeverhältnisse der unehelichen Kinder zu sammeln und besonders unter den verschiedenen Gruppen der Unehelichen zu unterscheiden . Vor allem war es die soziale Gruppe der Stiefvaterfamilie , deren Struktur er untersuchen wollte . Viel Arbeit erwartete sie in Berlin . Ruhiger , sicherer , stärker als früher , nahm sie sie auf . Sie wußte nun , daß sie hier zuhause war . Zum erstenmal hatte sie das Gefühl einer klaren Lebenslage . Bald nach ihrer Rückkehr erhielt sie einen unerwarteten Besuch . Koszinsky und Erika standen zusammen an ihrer Tür , und sie hörte , was sich zwischen ihnen begeben hatte . Sie sah in Erikas freudestrahlende Augen - und erkannte , daß das Wunderbare dicht neben der Finsternis seinen Platz hat . Seit jener Nacht , da Erika in dem schwarzen Wasser des Landwehrkanals den Tod gesucht und auf so wunderbare Art zu neuem Leben bestimmt wurde , waren der Retter und das gerettete Geschöpf verbunden geblieben . Es wäre ihm unsinnig erschienen , sie wieder aus den Augen zu verlieren . Er betrachtete sie wie ein ihm anvertrautes Gut , wie ein letztes Pfand des Schicksals , mit dem es ihn noch einmal erproben wollte ; in seinem schon wie erstorbenen Willen war eine neue Saat aufgegangen , - ihm war , als verpflichtete ihn dieses Vertrauen des Schicksals fest auf sich selbst . Sie wieder fühlte , wie ihr geknebelter , mit den Füßen getretener Liebeswille befreit war . Nun endlich hatte er ein Objekt , das kein Phantom war und sich ihr nicht entzog . Sie ging seit jener Nacht wie eine Verklärte . Der Wahn , den ihr schon der Psychiater ausgetrieben , hatte nun den letzten Boden verloren , und die schwarzen Wasser des Landwehrkanals hatten nicht nur ihn , sondern auch sie gereinigt . Da sie dem Tode so nahe gewesen , genoß sie nun das neugeschenkte Leben mit jedem Atemzug . Sie betrachtete sich als sein Geschöpf , als ihm gehörig , in jedem Sinn . Er hatte nach kurzem , leisen Sträuben , - nach dem schwachen Versuch männlicher Defensive - nach und nach jeden » Widerstand « aufgegeben . Dieses Geschöpf , das er sich da aus dem Wasser gezogen , das sich nun in seinem Leben fest einnistete und den leeren Platz in seinem Schicksal keck besetzte , dieses Geschöpf war ihm offenbar bestimmt . Mehr und mehr schien es ihm , als ob sie ihm auf rätselhafte Weise teuer geworden wäre . Immer wieder tauchte die Erinnerung an das Köpfchen mit dem verzweifelten Ausdruck der Ertrinkenden , das sich damals aus der dunklen Wasserfläche hob , vor ihm auf , und um nichts in der Welt hätte er diesen Ausdruck je wieder an ihr sehen mögen . Wenn sie nur durch ihn und bei ihm glücklich sein konnte - wie sie nicht aufhörte zu beteuern , - so mochte es denn so sein . Und er ertappte sich darauf , wie er manchmal , wenn er , spät nachts , allein von seiner musikalischen Kaffeehaustätigkeit nach Hause kehrte und an sie , - die ihm zugeworfen worden , durch rätselhafte Fügung , - dachte , wie er dann jene Worte vor sich hinsummte , die seine erste Sehnsucht begleitet hatten : - - - » Sieh , da war - meine Chiffre leis ' gezogen . « Mit dieser Kaffeehaustätigkeit waren Erika und Olga gleichermaßen unzufrieden . Eifrig beratschlagten sie zusammen , wie man den Mann aus dieser Lebenslage in eine andere bringen könnte . Olga berichtete , daß sie das schon vergeblich versucht hatte . Sie sagte , ihre Meinung ginge dahin , daß Koszinsky mit seinen großen Sprachkenntnissen sich durch kaufmännische Tätigkeit ganz gut nach und nach eine Stellung im Leben schaffen könnte . Aber es sei vergebene Liebesmüh , ihm in dieser Hinsicht zuzureden , denn er wolle davon nichts wissen . Der Gedanke an eine kaufmännische Tätigkeit Koszinskys schlug sofort bei Erika ein . » Und was wetten Sie , meine Liebe , daß ich ihn dazu bringe « , rief sie und war gleich Feuer und Flamme für diese Idee . Sie gab nicht nach , sie belagerte und bedrängte ihn , sie verfolgte ihn mit Annoncen , die sie aus Zeitungen herausschnitt und die er schließlich , von ihr gedrängt , durch Offerten beantwortete . Sie blieb bei ihm , wenn er sie schrieb und ließ nichts passieren , was nicht » tadellos korrekt « war . Der Erfolg blieb nicht aus . Eine große Zuckerfabrik , die nach dem Auslande exportierte und einen Korrespondenten fremder Sprachen brauchte , stellte ihn in ihre Dienste . Erika jubelte : das hatte sie erreicht ! Und so taten diese beiden , diese Törichten , diese Verirrten , diese beiden Sündhaften und Entgleisten , - so taten sie aneinander , was keiner der Gerechten und Klugen an einem von ihnen vermocht hatte . - - - Da war noch ein anderer Gast , der sich meldete : Werner kam zu Olga als einer , der ihrer bedurfte . Sie erschrak , als sie ihn wiedersah ; es schien , als wäre jeder verbindende Strang zwischen seinen vielfachen Willensstrebungen durchschnitten . Er kam zu ihr , wie ein Flüchtiger . In langer , wirrer Rede erzählte er ihr wieder von seiner Leidenschaft . Aber er hatte nicht mehr als einziges Willensziel den Wunsch , verkettet zu bleiben . Die Gunst der schönen Frau hatte ihm nicht die erhoffte Seligkeit gebracht ; denn da war etwas - Dunkles - Ungreifbares . Sie , die er besaß , schien ihm immer wieder in neue , rätselhafte Fernen zu entgleiten . Oft , während er durchglüht , fiebernd , aufgelöst in seiner Leidenschaft , zu ihren Füßen sank , begegnete er , wenn er die Stirn aus den Falten ihres Kleides hob , einem eisigen , in die Ferne gerichteten Blick , der über ihn hinweg sah , weit hinweg . - - - Dabei drängte sie ihn zu einer entscheidenden Aussprache mit ihrem Gatten . Er schreckte davor zurück , weil er wußte , daß , wenn der Ehebruch zwischen ihnen beiden zugegeben würde und als Grund der Scheidung festgestellt war , sie keine Ehe miteinander schließen konnten . » Ich wünsche auch gar nicht , daß der Ehebruch zugegeben wird « , sagte sie , und in ihren irisierenden Augen tanzten geheimnisvolle Fünkchen . » Nein , ich wünsche nur einen endgültigen Abschluß dieser Ehe . Man kann ja die Eifersucht des Barons heraufbeschwören : dann wird er selbst die Scheidung wollen . Bei der Scheidungsverhandlung kann man ja den Ehebruch immer noch in Abrede stellen . « » Meineid ? « flüsterte er und sah sie starren Blickes an . Sie lächelte nur , hob gleichmütig ihre tief abfallenden , romanischen Schultern und strich ihm mit den langen , weißen Händen übers Haar . » Eines Tages wird er dich bei mir attrappieren , mein Guter , - und dann muß die Situation noch anders gelöst werden . « Mehr und mehr empfand Werner den Unsegen dieser Leidenschaft , aber er fühlte sich gebannt , und seine Fluchtversuche endeten kläglich . Da kam Olga zurück nach Berlin . Als er ihr wieder gegenüber saß , in ihr tiefes Auge blickte , ihre reife Seele wieder fühlte , da war ihm zumute , wie jenem Peer Gynt , der sein Kaiserreich , das er verlassen hat , zu spät erkennt . Er kam wieder , öfter und öfter . Der Winter ging zu Ende , da stürzte er eines Abends zu ihr , wie ein Verzweifelter , der den letzten Versuch der Befreiung macht . Er erzählte ihr , daß er manchmal das Gefühl habe , in die Fänge eines abenteuerlichen Fabelwesens geraten zu sein , das mit ihm ein behexendes Spiel trieb . Er dächte schon an Opium oder an Haschisch , denn so ginge das nicht länger . Nur eine Rettung gäbe es für ihn : daß sie ihn wieder aufnähme ! Und nicht nur als Freundin , als teilnehmender Mensch , - nein , - wieder ganz an ihr Herz , - an ihr reines , großes Frauenherz . » Nur du bist meine Zuversicht « , sagte er mit beschwörender Stimme . Da war sie wieder in dem gefährlichen Wirbel , da rauschte und brauste es um sie herum , und sie fühlte , wie es zur Tiefe zog ... Sie beschloß , jede Entscheidung abzulehnen und ihn mit ihrer ganzen Kraft dazu zu bringen , diese Verbindung zu lösen , ohne sich wieder in neue Gefahren zu stürzen ; denn eine Gefahr war für ihn , das wußte sie nun , jede Hingabe an ein anderes , menschliches Ich . Dieser da hätte allein sein müssen . Sie saßen zusammen in ihrem Zimmer ; nebenan stand die Balkontür offen . Es war einer jener ersten , verfrühten Vorfrühlingstage im Februar , denen oft noch Schnee und Regen folgt . Plötzlich , gegen zehn Uhr , abends , hörten sie beide , unten vor dem Hause , - Werners Namen rufen . Eine Frauenstimme rief , gedämpft und doch deutlich , zu den erleuchteten Fenstern hinauf : » Werner ! « Und dann klang es noch einmal , stärker : » Werner ! « Er erschrak und wurde totenbleich . Olga trat hinaus auf den Balkon , der im Dunkel lag . Unten , in der einsamen , fast ländlich stillen Straße sah sie , im Schein der Straßenlaterne , die Baronin stehen . Sie trug einen langen Mantel , von weich fließendem , schwarzen Samet . Der weiße Hermelin des Kragens und der breiten Armstulpen leuchtete . Der Kopf war in einen schwarzen Schleier gehüllt , und ihr blasses , großes Heraantlitz schimmerte marmorweiß daraus hervor . Hoch aufgerichteten Hauptes , in befehlender Haltung stand sie unter der Laterne und rief immer wieder zu den erleuchteten Fenstern hinauf - » Werner ! Werner ! « Gebannt stand Olga auf dem finsteren Balkon und starrte hinunter . Dann hörte sie , wie unten das Haustor aufgeschlossen wurde . Die Männergestalt , die heraustrat , blieb im Dunkel stehen . Die Baronin wandte langsam den Kopf und streckte den Arm aus . Olga sah , wie der Mann danach griff und sie an sich riß , dann verschwanden sie beide im Dunkel . Und sie kehrte vom Balkon in ihr leeres Zimmer zurück . - - - Frau Edda , in Wien , rüstete zum Abbruch . Als sie die Katastrophe , die so plötzlich über sie gekommen war , begreifen lernte , - da faßte sie einen Entschluß : sie wollte vergessen . Nicht das Gehirn , nicht die wache Vernunft konnten solch letztes Vergessen üben ; aber in der abgründigsten Tiefe der Seele sollte versenkt und begraben sein , was ihr Leben zerstören mußte , wenn es gespenstig durch ihr Erinnern wandelte ... Sich zusammenraffen , frei von lähmendem Gedenken , - das war das einzige , was sie tun durfte , wollte sie nicht zugrunde gehen . Ihre Lage war schlimmer , als sie im ersten Augenblick ausgesehen hatte . Ihr letzter Rückhalt war ihr Vermögen , welches in der Fabrik ihres Bruders Vinzenz angelegt war . Vinzenz aber machte kein Hehl daraus , daß er in kritischer Lage sei . Eines Tages fuhr er » zur Auffrischung seiner Nerven « wieder einmal mit seinem Automobil davon . Er wollte in zwei bis drei Tagen zurück sein ; er kam nicht wieder . Dafür , an seiner Statt , nach einigen Wochen ein Brief aus Amerika , - wohin er sich » zurückgezogen « hatte . Fabrik und Villa wurden versteigert und der Konkurs über sein Vermögen verhängt . Eddas Geld war fort , wie das vieler anderer . Reisenleitners Frau , Eva , ging fürs erste mit ihrer kleinen Tochter zu ihrer Mutter , die wieder in Genf lebte . Edda sah nun keinen anderen Ausweg als den , zu dem ihr Stanislaus geraten hatte . Sie verkaufte ihre Möbel und den größten Teil ihres Schmuckes . Die Summe , die sie dadurch in die Hände bekam , war ihr einziger und letzter Besitz . Dann bereitete sie sich vor , nach Berlin zu fahren , um da » einen Beruf zu suchen « , wie sie ihren Bekannten erzählte , während sie hilflos und ungläubig den schönen Kopf schüttelte . Pankratius riet ab ; es sei ein hoffnungsloses Experiment . Sie solle hier abwarten , bei ihm und Kathi , bis sich ihr Schicksal - woran er nicht zweifle , - wieder günstig wende . Er hatte sich mit Kathi verlobt ; trotz ihres anfänglichen Sträubens war sie ihm , nach und nach , sanfter entgegengekommen . Sie war ihrer aufgedrungenen Mädchenschaft herzlich müde ... » Mein ganzes