zu tun . Das Ratsamste deuchte uns , hier in der Nähe des Feindes den Tag über im Gebüsch verborgen zu bleiben , bei Einbruch der Nacht aber weiter zu ziehen . Nach welcher Richtung indessen ? Drüben auf dem andern Elbufer hätten wir schwedisch Volk erreichen können . Weil aber Thekla des Schwimmens unkundig , so blieb uns nichts übrig als einstweilen auf dieser Seite des Stromes gen Mitternacht zu ziehen , in der Richtung auf Tangermünde . Nachdem wir diesen Entschluß gefaßt , stellte sich bei Thekla aufs neue des Durstes Plage ein . Da fiel mir bei , an manchen Uferstellen werde unschwer durch Graben Wasser zu erreichen sein . Sie stimmte mir zu , und nun umgingen wir die Stelle , wo der Leichnam lag , fanden auch wirklich stromaufwärts zwischen den Weiden nackten Sand , in dem sich mit den Händen graben ließ . Mühsam war unser Werk , doch schließlich kam Grundwasser , und nachdem es sich geklärt , stillten wir unsern Durst . Aufs neue befiel uns Mattigkeit , und zum Schlafe streckten wir uns nieder . Was hätten wir auch Besseres beginnen können als unsern Kummer zu verschlafen und zugleich Kraft zu sammeln für die nächtliche Wanderung ? Abendkühle weckte uns , grauer Dunst lag auf den Wiesen , die Maikäfer schwirrten . » Diese Käfer « , so scherzte ich wehmütig , » tun uns alles vor ; wohlan , fliegen auch wir davon ! « Nun füllten wir meine Tasche mit Sauerampfer , tranken noch einmal aus der Wassergrube , erfrischten durch Baden unsere Füße und brachten das Schuhwerk in Ordnung . Ich schulterte mein Gewehr , zog den Säbel und ging als Späher an den Rand des Gebüsches . Wachtfeuer glühten in der Ferne , die nächste Gegend schien gefahrlos . Das Weidengebüsch zog weiter und weiter am Strom dahin . Und vorwärts schritten wir gen Mitternacht , uns möglichst im Gebüsch haltend . Erst wie es ganz dunkel geworden , und nur der Sternenhimmel matten Schimmer gab , wagten wir , auf freier Wiese dahinzuschreiten . Hurtig ging unsere Wanderung vonstatten , und alle Gefahren schienen unsern Weg zu meiden . Einmal freilich packte Thekla erschrocken meinen Arm und flüsterte : » Da steht einer ! « Es war aber ein Weidenstumpf . Wir schwiegen lange und vernahmen nur unsern dumpfen Schritt , das Knirschen der Halme und das Gemurmel des Stroms , zuweilen auch eines Fischotters Rascheln , den klagenden Ruf der Unken oder das Krächzen einer Wiesenschnarre . Wachtfeuer sahen wir nicht mehr , wohl aber einen Flammenschein in der Gegend von Wolmirstedt und Neuhaldensleben , auch , sooft wir uns rückwärts wandten , die Glutwolke über meiner eingeäscherten Vaterstadt . Um die Mitte der Nacht stellte sich ein ernsthafter Grund zur Furcht ein . Drüben am andern Ufer begann ein Wolf zu bellen , gleich darauf ein zweiter , und nun ging ein Heulen los , als balgten sich Höllenhunde um eine arme Seele . Es war aber gut , daß sich auf unserm Ufer keine Bestie vernehmen ließ . So ergriff ich denn Theklas Hand und sprach den grimmen Trost : » Nicht bange , liebe Frau ! Nur drüben sind die Untiere . Hüben haben nämlich die streifenden Pappenheimer ihre vierbeinigen Raubbrüder verscheucht . « Beschwerlich ward unser Gang , als wir zur Ohre kamen . Dieser Nebenfluß der Elbe mündet in einem sumpfigen , struppichten Gelände . Nachdem uns dickes Gebüsch geplagt , zogen wir es vor , schnurstraks gen Morgen abzubiegen , um wieder den Ufersand der Elbe zu gewinnen . Hier tat ich den Riemen von meinem Gewehr und befestigte das eine Ende an meinem Gürtel , während ich das andre Thekla zu halten gab , die hinter mir ging . So wateten wir durch den Strom längs des Ufers , und wenn ich auch stets die flachste Stelle suchte , so konnten wir doch in Triebsand und plötzliche Tiefen geraten . Nur langsam kamen wir vorwärts . Wie wir die Mündung des Nebenflusses durchwateten , stieß Thekla einen Angstruf aus , da sie auf einmal bis an den Hals ins Wasser sank . Doch gleich darauf gelangten wir wieder ins Flache und Seichte , wie überhaupt der Wasserstand niedrig war . Nach Passieren der Ohre ging es zunächst wieder im Wasser der Elbe weiter , dicht am Ufer , bis das Zurückweichen der Gebüsche uns einen freien Weg im feuchten Sande darbot . Schon ein paar Meilen lag die Ohre hinter uns , als der Morgen graute , und die Gegend deutlicher ward . Da sah ich auf einer Sandbank im Strome etwas wie Gebälk liegen . Blieb stehen und deutete hin : » Hier beut mir Gott ein Mittel , dich über den Strom zu bringen . « Und sogleich watete ich durch das seichte Wasser auf den Fund los . Es war ein Gefüge von Balken eines abgebrannten Hauses . Ich zerrte es von der Sandbank , wo es gestrandet war , ins Wasser , und es schwamm gut . Nun kam Thekla herbei , und wir rüsteten uns zu dem neuen Unternehmen . Banden die Waffen auf das Gebälk , wo es am höchsten über den Wasserspiegel ragte . Meine liebe Frau befestigte ich am neuen Fahrzeug in derselben Weise , wie an jener Schiffmühle , so uns aus Magdeburg glücklich entführt . Noch ein Bedenken hatte Thekla : » Die Wölfe drüben . « » Die halten sich an die vielen Leichen , so vom Strom angetrieben werden ; haben nicht nötig , mit uns zu raufen . Übrigens kommt uns der Tag zu Hilfe , und ich hoffe , bevor es Abend wird , haben wir schwedisch Volk erreicht , da ist Falkenbergs Schwäherin sicher . « Und ich schob das Gebälk nach der Mitte des Stromes hin . Bald hatten wir nichts mehr unter den Füßen , Thekla hielt einen Balken umklammert , ich aber schwamm und stieß das Fahrzeug vor mir her . So waren wir etliche Minuten vorwärts gekommen , und der Tag war hereingebrochen , als auf einmal stromaufwärts dumpfer Ruderschlag erscholl . Ich schwamm so kräftig ich vermochte , indem ich mir sagte : Schweden sind das nicht , Feinde sind es ! » Johannes ! « raunte Thekla beklommen , weil nun ein großer Kahn erkennbar ward . Bestürzt entgegnete ich : » Tauche unter einem Balken hindurch , daß dein Kopf zwischen das Gefüge kommt , und du versteckt bist ; ich helfe dir . « Zu spät ! Der Kahn schoß gerade auf uns los , und schon sprangen mehrere Männer aus dem Kahn in ein kleines Boot , das an ihm befestigt war . Wie sie herangerudert kamen , legten sie Karbiner auf uns an : » Ergebet euch ! « » Wir sind hilflose Flüchtlinge ! « entgegnete ich . Leise aber , nur für Thekla verständlich , fügte ich hinzu : » Sprich du möglichst gar nicht , und dann mit männlicher Stimme . « Vorn im Boot sah ich einen Offizier stehen , der meinte spöttisch : » Ei , ihr habet ja Feuerrohr und Säbel ; hilflose Flüchtlinge führen kein Gewaffen . Magdeburger Rebellen seid ihr ! Nur heran , ihr Fischlein , und sein willig ! Zappeln hilft nichts . « Und der Feinde Arme griffen nach Thekla und zogen sie aus dem Wasser . Dabei nun geschah ein Zerren an ihrem Gewand , daß es über dem Busen aufriß , und einer der Kerle rief : » Ei , sehet doch , ein Weibsbild ! « » Schonet ihrer ! « flehete ich , indessen man auch mich in das Boot zog . » Seid menschlich , um Jesu willen ! Sie ist mein ehelich Weib . « » Hoho ! Ist das nicht der Tielsch ? Johannes Tielsch ? Maria und Josef , ein wunderlich Wiedersehen ! « - Dem vor mir stehenden Offizier starrte ich ins Gesicht . Es war jener Zetteritz , der mit mir das Hirschbergische Gymnasium besucht und beim Komödiespiel als Teufel mein Widersacher gewesen . Ein Adliger katholischer Konfession . Nicht ohne Hoffnung entgegnete ich : » Herr Ritter Zetteritz ! Ja , ich bin der Johannes Tielsch , Gott hat uns in Eure Hand gegeben , auf daß Ihr uns Gnade erweiset . « Nun hielt Zetteritz den spähenden Blick auf Thekla geheftet und lachte : » Eia ! Immer besser ! « » Seid edelmütig ! « bat Thekla . Höfisch neigte sich Zetteritz vor ihr , eine gefährliche Glut im Blicke : » Um Ihretwillen , schöne Jungfer ! « » Sie ist meine Frau ! « brausete ich auf . » Halt Er das Maul ! « herrschte er mich an . Ein Blitz des Unwillens traf ihn aus Theklas Augen , sie stampfte mit dem Fuße auf : » Und ich bin seine Frau ! « Zetteritz runzelte die Stirn und zuckte die Achseln . Das Boot hatte bei dem großen Kahne angelegt . Zetteritz schwang sich hinein , und wir alle folgten nach . Gleich darauf befahl Zetteritz den Soldaten : » Untersucht den Mann , ob er keine schriftliche Botschaft bei sich hat . Alsdann bindet ihm die Hände , sonsten mag er sich frei bewegen . Der andere da ist ein Frauenzimmer , wie der holde Busen verrät . « Die Soldaten lachten , Zetteritz aber fuhr sie an : » Daß ihr Schweinepelze euch gebührlich benehmet , verstanden ? Korporal , bring Er das Weibsbild unter Deck und schaff Er ein trocken Wams herbei ! Drunten möget Ihr Euch umkleiden , Jungfer . Nehmet nur fürder mit Soldatenhosen fürlieb ; Weibsröcke führen wir halt nicht . Da müsset Ihr schon warten , bis wir in Güstrow sind . « Nun durchsuchte der Korporal meine nassen Kleider , fand mein Geld sowie meine Briefschaften und nahm alles weg . Thekla blickte mich ermunternd an , bevor sie dem Korporal unter das Deck folgte . Zetteritz begab sich zum Vorderteil des Kahns , wo stampfend und wiehernd Rosse stunden . Ich setzte mich auf eine Tonne , da ich Erschöpfung spürte und vor Kälte mit den Zähnen klapperte . Die Ruderer , teils Soldaten , teils auch Schiffer vom Handwerk , hatten sich aufs neue in die Riemen gelegt , und ihre taktmäßigen Rucke trieben den Kahn hurtig stromabwärts . Wie zum Hohn huben auch jetzt die Soldaten jenes Lied an : » Ein Schifflein sah ich fahren - Kapitän und Leutenant - Darinnen waren verladen Zwei Fähnlein brave Soldaten . Kapitän , Leutenant , Fähnderich , Sergeant , Nimm das Mädel bei der Hand - Soldaten , Kameraden ! « Ich verbiß meinen Gram und suchte Rat . Unser Leben mochte nicht ohne weiteres bedroht sein . Theklas weibliche Reize indessen bildeten in dieser Gefangenschaft für uns beide eine Gefahr . Hier war List und Nachgiebigkeit angebracht . Um meines lieben Weibes willen nahm ich mir vor , alle Demütigung zu ertragen und Zetteritz nicht von neuem zu reizen . Nach einer Weile trat er sporenklirrend , mit strenger Miene zu mir . Soldatisch stund ich vor ihm auf , und er sprach : » Tielsch , wir sitzen nicht mehr auf einer Schulbank , als Feind ist Er in meine Hand gegeben - wird ja nicht leugnen , daß Er von Magdeburg kommt . « Da ich schwieg , herrschte er mich an : » Antwort ! Sein Verhör hat hiermit begonnen . Und das sage ich Ihm , so Er verlogen ist , will ich schon die Wahrheit herausbringen , oder ich ersäufe Ihn wie einen jungen Hund . Still , halt ' s Maul . Kein Mahnen an unsre Pennälerzeit kann da helfen , also kurz und gut , gesteh Er , wie kommt Er hierher ? und wer ist das Weibsbild ? « Mein Odem ging aufgeregt , doch festen Mutes gab ich die Antwort : » Die Schulbank , auf der wir Virgilium und Horatium lasen , hat uns gemeinsam in die lateinischen Tugenden der Großmut und Gerechtigkeit eingeführt , ganz zu schweigen von dem Christensinne .... « » Laß Er den Christensinn aus dem Spiel ; ein Rebell ist Er wider Christi Kirche . « » Dem Evangelio diene ich , und meiner Vaterstadt Magdeburg hab ich geholfen , ihre Libertät zu verteidigen , wie es einem Patrioten geziemet . Ach freilich , mein gutes Magdeburg ist hin , der Himmel aber hat mich und mein Weib bis zu dieser Stunde behütet und wird uns vollends erretten . Ja , erretten , Herr Ritter , indem er nämlich Euer Herz aufschließet - sei ' s auch nur um meines Weibes willen , das Euch vorhin gebeten , edelmütig zu sein . « Spöttisch lächelnd nickte Zetteritz , schwieg eine Weile und meinte dann : » Nun gut . Er hat wenigstens sein Geständnis abgelegt ; ich werde nun das Weibsbild verhören . « Und er verließ mich und begab sich in den Raum unter Deck , worauf ich mich wieder setzte und in finster Brüten versank . Nach einer Stunde kam der Korporal und gebot mir , ihm zum Herrn Rittmeister zu folgen . Eine schmale Treppe führte unter Deck . In dem engen Raum , so durch ein klein Fensterlein wenig Licht erhielt , saßen bei Thekla um einen Tisch Zetteritz und ein milchbärtiger stutzerhafter Kornet . Bier in Kannen , Brot und Schinken war aufgetragen . Auf einer Laute klimpernd trällerte der Kornet , ein polierter Affe , und blickte vergnügt auf Thekla , die traurig dasaß , mit einem groben Soldatenwams angetan . Zetteritz betrachtete ebenfalls frech genung meine Frau und weidete sich an ihrer Schönheit , wie auch an ihrer Hilflosigkeit und Verlegenheit . Nun wandte sich Zetteritz zu mir : » Setz Er sich in die Ecke , Tielsch , und bedank Er sich bei der Jungfer Gräfin ; sie hat gebeten , daß wir Ihm zu essen geben . Glaub ' s schon , daß Ihm der Magen knurrt . Wohlan , hier steht zu essen , zugegriffen ! Zapf ihm eine Kanne voll Bier , Korporal , und nimm dir selber eine ! Geh aber wieder auf Deck und sorge , daß wir sein inmitten der Strömung bleiben . Sollst auch immer scharf nach dem rechten Ufer spähen ; die Schweden könnten dorten streifen . « Der Korporal stellte mir eine Kanne auf die Bank und trat ab , worauf Zetteritz mit Stirnrunzeln mich ansprach : » Warum isset Er nicht ? Soll ich Ihm etwan aufwarten ? « » Erlaubet , « sagte Thekla hastig , schnitt Brot und reichte mir eine Schnitte nebst Schinken , wobei sie mir einen zärtlichen Blick schenkte , mich zu ermuntern . Während ich meinen grimmen Hunger stillte , klimperte der Milchbart und sang spöttisch : » Nun friß , mein Schimmel , friß ! Und rühre dein Gebiß ! Kannst du nicht mehr die Glieder rühren , So laß ich dich zum Schinder führen . Drum friß , mein Schimmel , friß ! « Zetteritz wandte sich an Thekla : » Also eine Gräfin Schlick ist das Fräulein ! Ei , ei , wie seltsam doch das Schicksal sein Spiel treibt ! Euer Vater war ein hoher Herr , ein reicher , angesehener Herr . Meine Frau Mutter hat ihn wohl gekannt . Wenn wir nach Güstrow kommen , kann sie Euch erzählen , wie sie in ihrer Jugend mit Eurem Vater verkehrt hat . Ja , ja , der stolze Graf Schlick - und solch jämmerlich , unwürdig Ende hat er genommen ! Doch freilich , Rebellion gegen Kaiser und Kirche nimmt mit nichten ein gut Ende . Übrigens waren die böheimischen Anführer unklug , da sie sich mit dem Winterkönige eingelassen . Diese Memme hat ihnen alles verdorben . Euren Vater , Jungfer Gräfin , hätten sie lieber zu ihrem Könige wählen sollen . Der hatte eine Faust ! Das war ein Soldat ! « » Wie schade ! « witzelte der Kornet ; » dann wäre die Jungfer Gräfin jetzo eines Königs Tochter , und an Eures Thrones Schwelle , Prinzessin , würde das Knie Euer Sänger beugen ; denn auf Ehre , alsdann wäre ich lieber böheimisch als kaiserisch . « Dabei neigte er sich mit spöttischer Untertänigkeit ; dann warf er den Kopf zurück , griff in die Saiten und sang , indem er bald Thekla , bald Zetteritz listig anblinzelte : Es ritt ein Knecht wohl durch das Ried , Da hub er an ein wildes Lied , Gar stürmisch tät er singen , Daß Berg und Tal erklingen . Das hört des Grafen sein Töchterlein In ihres Vaters Prachtkämmerlein . Sie flocht ihr Härlein in Seiden , Mit dem Knechte wollte sie reiten . Wie beide nun zum Walde kamen , Das Rößlein möchte Futter haben . » Feinslieb , hie wöllen wir rasten ; Mein Rößlein will fein grasen . « Er spreitet den Mantel ins weiche Gras , Gebot ihr , daß sie zu ihm saß : » Feinslieb , nun mußt du mich lausen , Mein gelbkraus Härlein durchzausen . « Des härmt sich des Grafen sein Töchterlein , Ihre Zähren glänzten wie Edelgestein . Er schaut ihr finster ins Auge : » Was weinest du , schöne Jungfraue ? « » Wie sollt ich nicht weinen und reuevoll sein ? Ich bin ja des Grafen sein Töchterlein ! Hätt ich meinem Vater gefolget , Frau Königin war ich worden . « Da zog der Grobian Knecht sein Schwert Und mähte der Jungfer Häuptlein zur Erd . » Prinzessin , bin ich dir zu schlechte , So reite mit keinem Knechte ! « » Bravo , bravissimo ! « rief Zetteritz und warf Thekla einen Blick zu , dessen Übermut meinen Grimm anstachelte . Dann rollte er mißtrauisch das Auge zu mir : » He Tielsch ! Erklär Er mir eins : Wie gehet es zu , daß Herr Falkenberg , ein Ritter und Würdenträger , seiner Schwäherin , einer Gräfin Schlick , erlauben gekonnt , einen Soldaten zu heuraten , so weder adlig ist noch Offizier ? « Thekla blickte verwirrt , und auch ich stutzte , sammelte mich aber zu der Antwort : » Den Obersten Falkenberg haben wir nicht erst um Erlaubnis gefragt . « Aber Zetteritz hatte unsere Bestürzung über seinen Einwand wahrgenommen und forschte weiter : » Wie denn ? Fand eure Trauung etwan heimlich statt ? Wie konnte das geschehn , da doch in Magdeburg des Kommandanten Schwäherin bekannt war ? Welcher Prädikant hat sich zu solchem Wagnis verstanden ? « Thekla errötete und schwieg . Scharf beobachtend fuhr Zetteritz fort : » Und was hat Falkenberg hinterher gesagt , wie er es nun vernommen ? He ? « » Nichts davon hat er vernommen , « erwiderte Thekla ; » erst als der Held gefallen , sind wir Eheleute worden . « Zetteritz machte große Augen , stieß einen leisen Pfiff herfür und nickte mit listigem Lächeln . Dann inquirierte er weiter : » Also erst vorgestern seid ihr getraut ? Während des Kriegsgetümmels und in der Plünderung ? Und in der Johanniskirche ? Ei , wie denn ? Habe ich nicht soeben zu hören bekommen , wie ihr nicht bei dem Geistlichen der Johanniskirche und seiner Gemeinde , sondern in einem Versteck , lediglich zu zweien euch befunden ? Da stimmt etwas nicht ! Tielsch , mach Er sich wieder fort ! Ich werde die Gräfin allein befragen . Hernach komme ich zu Ihm , und weh Ihm , so Er Flausen macht . « Ich sprang auf und rang nach Worten : » Ich selber - ich habe die Trauung vollzogen - war mein eigener Priester - vor Gott sind wir Eheleute . « » Hoho « , lachte Zetteritz . » Vor Gott ? Ohne Sakrament ? Sag Er lieber , vor Frau Venus , der Teufelin ! « Das Blut stieg mir zu Kopfe , zumal der freche Milchbart jetzt ein höhnisch-hohl Gelächter anhub . Mit geballten Fäusten hätte ich mich auf die Beleidiger stürzen mögen und stund schwer atmend vor ihnen . Auch Zetteritz war aufgesprungen und maß mich dräuenden Auges , während ihm dunkle Röte ins Gesicht schoß . » Untersteh Er sich ! « rief er hochmütig . Abwehrend trat Thekla zwischen uns . Mich sah sie flehend an , zu Zetteritz aber sprach sie entrüstet : » Herr Ritter ! Wie dürfet Ihr an wehrlosen Gefangenen so Euer Mütchen kühlen ? Meine Frauenehre verletzet ihr ! Tut denn so ein Edelmann ? « Zetteritz mäßigte sich und kehrte ihr genüber den Kavalier heraus : » Halten zu Gnaden , Jungfer Gräfin . Nicht Euch will ich kränken . Mein ritterlicher Schutz ist Euch sicher . Zu bedauern seid Ihr ja ob Eures Mißgeschicks , und daß Ihr obendrein an diesen Tropf geraten , der nach einer Gräfin seine Kommispratzen ausstreckt . « Da erhub sich in mir der Zornteufel so heiß , daß ich aufbrüllend meine Bierkanne dem Verhaßten ins Angesicht schleuderte und , ohne mich von Thekla zurückhalten zu lassen , ihn anpackte und mit ihm rang . Aber der Kornet und die Soldaten , vom Geschrei alarmiert , packten mich von hinten , und schnell war ich gefesselt , daß kein Sträuben etwas half . Während man mich hinauf zum Deck schleppte , hörte ich Thekla rufen : » Gnade , Herr Ritter ! Ihr habt ihn aufgebracht . Er hat Ehre nicht minder wie Ihr ! « » Bindet ihm auch die Füße ! « rief Zetteritz . Das letzte , was ich von Thekla vernahm , war ein Aufschluchzen und das Wort , an das ich lange mit heißer Dankbarkeit zurückdachte : » Er ist mein ehelicher Gatte ! « Wie ein Bündel , ohne daß ich Arme und Füße regen konnte , hatte man mich auf das Deck gelegt , wo scharrend die Rosse stunden , indes die Sonne mir wie zum Hohn gerade ins Gesicht schien , und die Soldaten schimpften : » Ins Wasser mit dem Landstörzer ! Solch Gesindel bringt uns noch die Pest an Bord . Soll man sich mit unnützen Fressern herumplagen ? Und beißen will der Hund auch noch ? Unsern Rittmeister anzugreifen ! Na warte , du Knollfink ! « Der Korporal aber näherte sich mir , und wiewohl er zum Schein ein finster Gesicht machte , raunte er mir die tröstlichen Worte zu : » Ego tibi condoleo , nam et ego addictus sum Augustanae confessioni - will sehen , daß ich Euch freimache . « » Gratias tibi ago ! « raunte ich zurück , worauf sich der Korporal entfernte und hinunter zu Zetteritz ging . Nach einem Weilchen kam Zetteritz mit dem Korporal an Deck und ließ drei Dragoner antreten . Mit gedämpfter Stimme sprach er zu ihnen . Drauf machten sich die drei Kerle an mich heran , und ehe ich ihr Vorhaben erraten konnte , hatten sie mich am Kopf gepackt und meinen Mund geknebelt , so daß ich nicht zu schreien vermochte . Drauf erscholl ein Hornsignal , die Ruderer stellten ihre Arbeit ein , und das Boot , mittels dessen unsere Gefangenschaft zustande gekommen , ward flott gemacht . Mich hub man ins Boot hinunter und legte die Ruder ein . Eine Zögerung entstand noch dadurch , daß der Korporal , an Bord geblieben , den einen Soldaten zu sich heranrief und ihm etwas zuraunte . Hierauf ruderten die Soldaten dem rechten Elbufer zu . Man wollte mich also von Thekla trennen , vielleicht gar umbringen . Das Boot fuhr auf den Sand , man packte mich , warf mich ans Ufer und wollte sogleich wieder wegrudern . Doch der eine Soldat kehrte zu mir zurück und machte sich mit einem Messer über meine Fessel , als wolle er sie lösen . » Zum Henker , was tust du ? « rief ein andrer Soldat und kam heran . » Bist du des Teufels ? Du willst den Rebellen befreien ? « » Wir können ihn doch nicht so hilflos liegen lassen « - antwortete der mitleidige Soldat kleinlaut . Aber der andere stieß ihn rauh von mir weg und rief : » Auf der Stelle packe dich ins Boot ! « Nun gingen die beiden , und bald hörte ich , wie das Boot wieder zum Kahn zurückkehrte , und wie dann nach einem neuen Hornsignal der Kahn weiter fuhr . Immer ferner , dumpfer erschollen die Ruderschläge , bis ich hülflos allein lag . Auf einmal fiel ein Schuß , und ihm folgten mehrere Schüsse . Es mußte zwischen dem Kahn und einer feindlichen Partei ein Gefecht entstanden sein . Indessen war es bald gänzlich still . Ich suchte meine Fesseln zu zerreißen und wälzte mich im Sande . Der Knebel im Munde erschwerte das Atmen , so daß ich Gefahr lief zu ersticken , insonderheit wenn die Empörung über mich kam . Bald lag ich erschöpft zum Sterben . Einmal kam es mir vor , als trabe in der Nähe ein Pferd . Die Dunkelheit brach herein , und nun traten Gesichte vor meine Seele , als solle ich mein ganzes Leben in dieser letzten Nacht noch einmal durchleben . Böses , das ich getan , ängstete mich wie umherflatternder Spuk . Nicht los werden konnte ich den Wahn , ich müsse jetzo für das büßen , was ich dem kaiserischen Soldaten Wenzel angetan . Wie er am Strande des Saaleflusses hatte liegen und stöhnen müssen , verzweifelt , weil er seine Kameraden an mich verraten sollte , so lag ich nun hier am rauschenden Strom hilflos und gefesselt , dem unerbittlichen Gebot des Schicksals untertan . Wenzels anklagende Augen waren auf mich gerichtet , ich hörte ihn mit einem Fingerzeig auf mich sprechen : » Der da hat ' s getan . « Nun erfüllte sich der Fluch , den damals Wenzel im Herzen gen mich geschleudert hatte . Bittere Zähren erpreßte mir die Reue , und ich dachte an meines Vaters Lehre , die Hölle sei kein äußerer Ort , sondern der unselige Zustand unseres Herzens , den wir uns selbst durch Torheit und Sünde bereiten . Oh , daß es mir gelänge , meine guten Geister zu sammeln , daß sie mich beschützten vor den höllischen Dämonen ! Daß mich nur einmal noch das innere Himmelreich begnadete , sei es auch nur wie den Dürstenden Tautropfen laben ! Da kam mir ein tröstlich Bild : Hoch ob den Talen des Riesengebirges war ich auf einmal bei säuselnden Tannenwipfeln , auf die der blaue Himmel warmes Sonnengold herniedergoß . Hoch vom Felsen der Abendburg sah ich die blauen Wogen der Waldberge und die lichten Gefilde des fernen Tieflandes . Das alles war wie strahlende Augen und wie ein Jauchzen . Und ich flehte zum geheimnisvollen Born , aus dem alle Geschicke quellen : Oh , daß mich der verlorene Garten Eden noch einmal umfinge , und ich droben im Bergfrieden weilen dürfte ! Siehe , da stund mein Vater bei mir und sprach : » Gewährt ist dir dein Wunsch ! Wirst zur Abendburg gelangen . « Dann zerflatterte das tröstliche Gesicht , die Sehnsucht nach dem Bergfrieden ward verscheucht , mich schauderte . Ein wiehernd Geschrei vernahm ich , wie von einem geängsteten Pferde . Bald darauf stampfte es im Galopp hinweg , dann heulten Wölfe . So sollte mir denn wohl das elende Los beschieden sein , von Raubtieren zerrissen zu werden . Doch diese Sorge spornte meine Lebenskraft , von neuem wälzte ich mich auf dem Sande , an meinen Fesseln reißend . Auf einmal fühlte ich an der Hand , die mit der andern auf meinem Rücken zusammengebunden war , einen Schmerz , wie von einem Schnitte , und meines Vaters Stimme sprach : » Greif zu ! « Da hielt ich in den Fingern die Schale einer Muschel , wie sie häufig im Elbsande zu finden sind . Am Rande zerbrochen bildete sie eine Schneide , und mir kam der Gedanke , sie als Messer zu brauchen . Mühte mich nun , mit der einen Hand die scharfe Muschel an die Fessel zu bringen und daran zu sägen . Die halbe Nacht hatte ich so zu tun . Endlich nach einem verzweifelten Ruck sprengte ich den Rest der Fessel und konnte die Arme regen . Das erste war , daß ich mir den Knebel aus dem Munde nahm . Dann knüpfte ich die Fesseln auf , mit denen meine Füße gebunden waren , und war nun völlig frei . Halb abgestorben waren die Beine , und ich ward inne , wie bald ich des Todes gewesen wäre . Aber noch waren die Gefahren nicht vorüber . Von Zeit zu Zeit bellten und heulten die Wölfe ganz in der Nähe . Vielleicht , so sagte ich mir , liegt dort vom Gefechte her ein toter Schwede , und weil dann gewiß auch Waffen dabei sind , wird es das Ratsamste sein , die Leiche aufzusuchen . Mit diesem Vorsatz erwartete ich den Tag . Nachdem ich meinen Durst im Strome gelöscht und auch Sauerampfer gegessen hatte , suchte ich im Morgengrauen Waffen wider die Wölfe . In den linken Arm nahm ich ein paar faustgroße Steine und hielt eine harte Baumwurzel in Bereitschaft , die ich als Keule verwenden wollte . Nun beschlich ich die Wölfe , es waren zween , sie fraßen an einem menschlichen Leichnam . Ich warf einen Stein so gut , daß der eine aufheulend zur Seite sprang und mit eingezogenem Schwanz sich trollte . Der andere fletschte die Zähne und sträubte die Rückenborsten . Ohne Zaudern schritt ich auf ihn los , und wie er sich zum Sprunge duckte , traf ihn mein zweiter Stein , gleich darauf auch ein Keulenhieb . Davon brach die Vorderpfote , ihm blieb nichts übrig , als zu kämpfen .