persönlicher Art daran knüpfen . « » Vor Ihnen muß man sich in acht nehmen « , sagte Georg scherzend , aber nicht ohne einiges Unbehagen . Die leichte Gereiztheit , die er Nürnbergers Überlegenheit gegenüber immer wieder empfand , hielt ihn durchaus nicht ab , den Verkehr mit ihm weiter zu pflegen . Manchmal holte er ihn vom Hause ab , um mit ihm in Straßen und Gärten umher zu spazieren , und wie eine Genugtuung , ja wie einen persönlichen Sieg empfand er es , wenn es ihm gelang , ihn aus den luftdünnen Regionen bittrer Weisheit in die sanftern Gefilde herzlicher Unterhaltung hinabzuziehen . Die Spaziergänge mit ihm waren Georg zu einer so angenehmen Gewohnheit geworden , daß er es wie eine Verarmung seiner Tage empfand , als er eines Morgens die Wohnung Nürnbergers verschlossen fand . Tags darauf kam eine entschuldigende Abschiedskarte aus Salzburg , von einem Ehepaar mit unterzeichnet , einem Fabrikanten und dessen Frau , liebenswürdigen , heiteren Leuten , die Georg einmal durch Nürnberger flüchtig auf dem Graben kennen gelernt hatte . Nach Heinrichs boshafter Darstellung war der gemeinsame Freund von diesem Ehepaar , nach verzweifelter Gegenwehr natürlich , die Stiege hinuntergeschleppt , in einen Wagen gesetzt und gewissermaßen als Gefangener auf die Bahn transportiert worden . Wie Heinrich behauptete , hatte Nürnberger einige Bekannte dieser harmlosen Art , die das Bedürfnis empfanden , sich von dem berühmten Spötter in den wohlschmeckenden Trank des Daseins einige Tropfen Bosheit träufeln zu lassen , so wie Nürnberger seinerseits sich in ihrer bequemen Gesellschaft von den anstrengenden Bekannten aus Literaten- und Psychologenkreisen zu erholen liebte . Das Wiedersehen mit Heinrich hatte für Georg eine Enttäuschung bedeutet . Der Dichter , nach den ersten Begrüßungsworten , hatte wie gewöhnlich nur von sich geredet , und zwar in den Tönen tiefster Selbstverachtung . Er war endlich darauf gekommen , daß er eigentlich kein Talent besäße , sondern nur Verstand , den allerdings in enormem Maße . Was er aber an sich am heftigsten verdammte , das waren die Disharmonien seines Wesens , unter denen , wie er wohl wußte , nicht nur er zu leiden hatte , sondern alle , die in seine Nähe gerieten . Er war herzlos und sentimental , leichtfertig und schwerblütig , empfindlich und rücksichtslos , unverträglich und doch auf Menschen angewiesen ... zuzeiten wenigstens . Ein Subjekt mit solchen Eigenschaften konnte nun seine Daseinsberechtigung nur durch eine ungeheure Leistung erweisen , und wenn das Meisterwerk , zu dem er verpflichtet war , nicht bald , sehr bald in die Erscheinung träte , so war er als anständiger Mensch verpflichtet sich totzuschießen . Aber er war kein anständiger Mensch ... daran lag es eben . Georg dachte : Natürlich wirst du dich nicht totschießen , hauptsächlich , weil du zu feig dazu bist . Er sprach das natürlich nicht aus , war vielmehr sehr liebenswürdig , redete von Stimmungen , denen schließlich jeder Künstler unterworfen sei , und erkundigte sich freundlich nach den äußern Umständen in Heinrichs Leben . Da zeigte sich bald , daß es mit ihm gar nicht so schlimm bestellt war . Er führte sogar , wie es Georg scheinen wollte , ein sorgenloseres Leben als je zuvor . Durch eine kleine Erbschaft war die Existenz von Mutter und Schwester für die nächsten Jahre gesichert ; trotz aller Feindseligkeiten , die gegen ihn am Werke waren , wuchs der Ruf seines Namens von Tag zu Tag ; die klägliche Geschichte mit der Schauspielerin schien endgültig vorbei , und eine ganz neue , erwünscht leichte Beziehung zu einer jungen Dame brachte sogar einige Heiterkeit in sein Dasein . Auch die Arbeit ging gut vonstatten . Der erste Akt des Operntextes war so gut wie fertig und für die politische Komödie vieles aufgezeichnet . Er hatte die Absicht , im nächsten Jahre Parlamentssitzungen zu besuchen , Versammlungen mitzumachen , spielte mit dem eingestandenermaßen kindisch-phantastischen Plan , sich als sozialdemokratischer Genosse aufzuspielen , bei den Führer , Anschluß zu suchen und sich , wenn es anging , sogar als tätiges Mitglied in irgendeiner Organisation aufnehmen zu lassen , nur um im Getriebe einer Partei vollkommen Bescheid zu wissen . Ah , wenn er mit einem Menschen nur einmal fünf Minuten lang sprach , so hatte er ihn ja ganz . Irgendein Wort , dessen Bedeutung ein anderer gar nicht merkte , riß für ihn wie ein Sturmwind die Schleier von den Seelen . Sein Traum war es , in der Operndichtung sich als Meister des Phantastischen , in der Komödie des realistischen Moments zu zeigen und so der Welt zu beweisen , daß er im Himmel und auf Erden gleichermaßen zu Hause wäre . Bei einer spätern Zusammenkunft ließ Georg sich vorlesen , was vom ersten Akt der Oper vollendet war ; er fand die Verse sehr sangbar und bat Heinrich um die Erlaubnis , das Manuskript Anna mitzubringen . Diese konnte dem , was Georg ihr vortrug , nicht viel Geschmack abgewinnen ; er aber , ohne rechte Überzeugung , behauptete , daß sie eben gleichsam die Sehnsucht dieser Verse nach Vertonung spüre , was sie notwendig als Mangel empfinden müsse . Als Georg heute zu Heinrich ins Zimmer trat , saß dieser an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers , der mit Blättern und Briefen überdeckt war . Auch auf dem Pianino und auf dem Diwan lagen beschriebene Papiere aller Art. Ein vergilbtes Blatt hielt Heinrich noch in der Hand , als er aufstand und Georg mit den Worten begrüßte : » Nun , wie gehts auf dem Land ? « Dies war die Art , in der er sich nach Annas Befinden zu erkundigen pflegte , und die Georg jedesmal von neuem als zu intim empfand . » Danke , sehr gut « , erwiderte er . » Ich komme Sie übrigens fragen , ob Sie heute vielleicht mit mir hinauskommen wollen . « » O ja , sehr gern . Die Sache ist nur die , daß ich da eben im Ordnen verschiedener Papiere begriffen bin . Ich könnte erst abends kommen , so gegen sieben . Ist es Ihnen recht ? « » Gewiß « , sagte Georg . » Aber ich störe Sie , wie ich sehe « , setzte er hinzu , indem er auf den übersäten Tisch wies . » Durchaus nicht « , erwiderte Heinrich , » ich ordne ja nur , wie ich Ihnen eben sagte . Es ist der schriftliche Nachlaß meines Vaters . Das da sind Briefe an ihn . Und hier tagebuchartige Aufzeichnungen , hauptsächlich aus seiner parlamentarischen Zeit . Ergreifend , sag ich Ihnen . Wie hat dieser Mann sein Vaterland geliebt ! Und wie hat man ' s ihm gedankt ! Sie haben keine Ahnung , in welcher raffinierten Weise man ihn aus seiner Partei hinausgedrängt hat . Ein verwirrendes Ineinanderspiel von Tücke , Beschränktheit , Brutalität ... echt deutsch , mit einem Wort . « Georg lehnte sich auf . Und er wagt es , dachte er , sich über den Antisemitismus aufzuhalten ? Ist er besser ? Gerechter ? Vergißt er , daß auch ich ein Deutscher bin ... ? Heinrich sprach weiter . » Aber ich werde diesem Mann ein Denkmal setzen ... Er , kein anderer , wird der Held meines politischen Dramas sein . Er ist die wahrhaft tragikomische Mittelpunktsfigur , die mir noch gefehlt hat . « Der innere Widerstand Georgs wuchs . Er bekam große Lust , den alten Bermann gegen seinen Sohn in Schutz zu nehmen . » Tragikomische Figur ? « wiederholte er fast feindselig . » Ja « , entgegnete Heinrich bestimmt . » Ein Jude , der sein Vaterland liebt ... ich meine , so wie mein Vater es getan , mit Solidaritätsgefühlen , mit dynastischer Begeisterung , ist unbedingt eine tragikomische Figur . Das heißt ... er war es zu jener liberalisierenden Epoche der siebziger und achtziger Jahre , da auch kluge Menschen dem Phrasentaumel der Zeit unterlegen sind . Heute wäre ja ein solcher Mensch allerdings ausschließlich komisch . Ja , selbst wenn er sich endlich am erstbesten Nagel aufhinge , ich könnte sein Schicksal nicht anders empfinden . « » Es ist eine Manie von Ihnen « , erwiderte Georg . » Man hat wirklich manchmal den Eindruck , daß Sie überhaupt nicht mehr imstande sind , etwas anderes in der Welt zu sehen als immer und überall die Judenfrage . Wenn ich so unhöflich wäre , als es Ihnen zuweilen zu sein passiert , so würde ich Sie ... Sie verzeihen schon , verfolgungswahnsinnig nennen . « » Verfolgungswahnsinnig « ... , wiederholte Heinrich tonlos und sah an die Wand . » So , also Verfolgungswahnsinn nennen Sie das ... Na ! « Und plötzlich mit zusammengepreßten Zähnen , heftig , fuhr er fort : » Ich will Sie einmal was fragen , Georg , aufs Gewissen fragen . « » Ich höre . « Er stellte sich gerade vor Georg hin und bohrte ihm seine Augen in die Stirn : » Glauben Sie , daß es einen Christen auf Erden gibt , und wäre es der edelste , gerechteste und treueste , einen einzigen , der nicht in irgendeinem Augenblick des Grolls , des Unmuts , des Zorns selbst gegen seinen besten Freund , gegen seine Geliebte , gegen seine Frau , wenn sie Juden oder jüdischer Abkunft waren , deren Judentum , innerlich wenigstens , ausgespielt hätte ? « Und ohne Georgs Antwort abzuwarten : » Keinen gibt es , ich versichere Sie . Sie können übrigens auch einen andern Versuch machen . Lesen Sie z.B. die Briefe von irgendwelchen berühmten , sonst ganz klugen und vortrefflichen Menschen , und beachten Sie die Stellen mit feindlichen und ironischen Äußerungen über Zeitgenossen . Neunundneunzigmal handelt es sich um ein Individuum ohne Berücksichtigung der Abstammung oder Konfession , im hundertsten Fall , wo das übelbehandelte Menschenkind das Unglück hat , Jude zu sein , vergißt der Verfasser gewiß nicht , diese Tatsache zu erwähnen . So ist es nun einmal , ich kann Ihnen nicht helfen . Was Sie Verfolgungswahnsinn zu nennen belieben , lieber Georg , das ist eben in Wahrheit nichts anderes als ein ununterbrochen waches , sehr intensives Wissen von einem Zustand , in dem wir Juden uns befinden , und viel eher als von Verfolgungswahnsinn könnte man von einem Wahn des Geborgenseins , des Inruhegelassenwerdens reden , von einem Sicherheitswahn , der vielleicht eine minder auffallende , aber für den Befallenen viel gefährlichere Krankheitsform vorstellt . Mein Vater hat an ihr gelitten , wie viele andre seiner Generation . Er ist allerdings so gründlich kuriert worden , daß er darüber verrückt geworden ist . « Tiefe Falten erschienen auf Heinrichs Stirn , und er sah wieder zur Wand hin , über Georg weg , der auf dem harten , schwarzledernen Divan Platz genommen hatte . » Wenn das Ihre Auffassung ist « , erwiderte Georg » ja , dann müßten Sie sich doch logischerweise Leo Golowski anschließen ... « » Und mit ihm nach Palästina wandern finden Sie ? Politisch-symbolischerweise oder gar in Wirklichkeit wie ? « Er lachte . » Hab ich denn behauptet , daß ich von hier fort will ? Daß ich irgendwo anders lieber leben möchte als hier ? Insbesondere , daß ich unter lauter Juden existieren möchte ? Das wäre , für mich wenigstens , eine recht äußerliche Lösung einer höchst innerlichen Angelegenheit . « » Das denk ich mir eigentlich auch . Und darum verstehe ich , die Wahrheit zu sagen , immer weniger , was Sie wollen , Heinrich . Im vorigen Herbst auf der Sophienalpe , wie Sie sich mit Golowski herumgezankt haben , da hatte ich doch den Eindruck , daß Sie die Sache viel hoffnungsvoller ansähen ? « » Hoffnungsvoller ? « wiederholte Heinrich beleidigt . » Ja . Da mußte man doch denken , daß Sie an die Möglichkeit einer allmählichen Assimilation glauben . « Heinrich zuckte verächtlich die Mundwinkel . » Assimilation ... Ein Wort ... Ja , sie wird wohl kommen , irgendeinmal ... In sehr , sehr langer Zeit . Sie wird ja nicht so kommen , wie manche sie wünschen nicht so , wie manche sie fürchten ... es wird auch nicht gerade Assimilation sein ... aber vielleicht etwas , das sozusagen im Herzen dieses Wortes schlägt . Wissen Sie , was sich wahrscheinlich am Ende herausstellen wird ? Daß wir , wir Juden , mein ich , gewissermaßen ein Menschheitsferment gewesen sind ja , das wird vielleicht herauskommen in tausend bis zweitausend Jahren . Auch ein Trost , denken Sie sich ! « Er lachte wieder . » Wer weiß « , sagte Georg nachsichtig , » ob Sie nicht recht behalten werden in tausend Jahren . Aber bis dahin ? « » Ja , früher , lieber Georg , wird es wohl mit der Lösung der Frage nichts werden . Für unsere Zeit gibt es keine Lösung , das steht einmal fest . Keine allgemeine wenigstens . Eher gibt es hunderttausend verschiedene Lösungen . Weil es eben eine Angelegenheit ist , die bis auf weiteres jeder mit sich selbst abmachen muß , wie er kann . Jeder muß selber dazusehen , wie er herausfindet aus seinem Ärger , oder aus seiner Verzweiflung , oder aus seinem Ekel , irgendwohin , wo er wieder frei aufatmen kann . Vielleicht gibt es wirklich Leute , die dazu bis nach Jerusalem spazieren müssen ... Ich fürchte nur , daß manche , an diesem vermeintlichen Ziel angelangt , sich erst recht verirrt vorkommen würden . Ich glaube überhaupt nicht , daß solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam unternehmen lassen ... denn die Straßen dorthin laufen ja nicht im Lande draußen , sondern in uns selbst . Es kommt nur für jeden darauf an , seinen inneren Weg zu finden . Dazu ist es natürlich notwendig , möglichst klar in sich zu sehen , in seine verborgensten Winkel hineinzuleuchten ! Den Mut seiner eigenen Natur zu haben . Sich nicht beirren lassen . Ja , das müßte das tägliche Gebet jedes anständigen Menschen sein : Unbeirrtheit ! « Georg dachte : Wo ist er nun schon wieder ? Er ist in seiner Art genau so krank , wie sein Vater es war . Dabei kann man doch nicht sagen , daß er persönlich schlimme Erfahrungen gemacht hat . Und er hat einmal behauptet , daß er sich mit niemandem zusammengehörig fühle ! Es ist ja nicht wahr . Mit allen Juden fühlt er sich zusammengehörig , und mit dem letzten von ihnen noch immer enger als mit mir . Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen , fiel sein Blick auf ein großes Kuvert , das auf dem Tisch lag , und er las darauf die mit großen , römischen Buchstaben geschriebenen Worte : » Nicht vergessen , nie dran vergessen . « Heinrich gewahrte Georgs Blick , nahm das Kuvert in die Hand , auf dessen Rückseite drei gewaltige , graue Siegel zum Vorschein kamen , warf es dann wieder auf den Tisch , ließ wie verächtlich die Unterlippe sinken und sagte : » Diese Sache hab ich nämlich auch heute in Ordnung gebracht . Es gibt solche Tage des großen Reinemachens . Andre Leute hätten das Zeug verbrannt . Wozu ? Ich werd es vielleicht einmal mit Vergnügen wieder lesen . In diesem Kuvert sind nämlich die anonymen Briefe , von denen ich Ihnen einmal erzählt habe . « Georg schwieg . Bisher hatte Heinrich über die Umstände , unter denen seine Beziehungen mit der Schauspielerin geendet hatten , nichts verlauten lassen ; nur eine Stelle in dem Brief nach Lugano hatte darauf hingedeutet , daß er die einst Geliebte nicht ohne innern Schauer wiedergesehen hatte . Fast gegen den eigenen Willen kam es über Georgs Lippen . » Sie kennen doch die Geschichte von Nürnbergers Schwester , die in Cadenabbia begraben liegt ? « Heinrich bejahte . » Wie kommen Sie darauf ? « » Ich habe ihr Grab besucht , ein paar Tage vor meiner Abreise . « Er zögerte . Heinrich sah ihn starr an , mit einem heftig fragenden Blick , der Georg zum Weitersprechen zwang . » Und nun denken Sie , wie sonderbar , seither vermengen sich in meiner Erinnerung immer diese zwei Wesen , von denen ich das eine nie gesehen habe , das andre nur flüchtig , auf dem Theater , wie Sie wissen nämlich die tote Schwester Nürnbergers und ... diese Schauspielerin . « Heinrich wurde blaß bis in die Lippen . » Sind Sie abergläubisch ? « fragte er höhnisch , aber es klang , als fragte er sich selbst . » Durchaus nicht « , antwortete Georg . » Was hat übrigens diese Sache mit Aberglauben zu tun ? « » Ich will Ihnen nur sagen , daß mir alle Dinge , die irgendwie mit Mystik zusammenhängen , im Grund der Seele zuwider sind . Über Dinge zu reden , von denen man nichts wissen kann , ja , deren Wesen es ist , daß man nie und nimmer was von ihnen wissen kann , das scheint mir von aller Art Geschwätz , die auf Erden für Wissenschaft ausgegeben wird , die unerträglichste . « Sollte sie gestorben sein , diese Schauspielerin ? dachte Georg . Plötzlich hielt Heinrich das Kuvert wieder in der Hand , und in dem trockenen Tone , den er gerade dann anzuschlagen beliebte , wenn er bis ins Tiefste durchwühlt war , sagte er : » Daß ich diese Worte hergeschrieben habe , ist kindische Spielerei oder Affektation , wenn Sie wollen . Ich hätte auch wie Daudet vor seine Sappho die Worte hersetzen können : Meinen Söhnen , wenn sie zwanzig Jahre alt sein werden ... Zu dumm übrigens . Als wenn ein Mensch mit den Erfahrungen eines andern das geringste anfangen könnte ! Die Erfahrungen des einen können für den andern manchmal amüsant , öfters verwirrend , aber nie lehrreich sein ... Und wissen Sie , woher es kommt , daß jene beiden Gestalten sich in Ihrem Kopf vermengen ? Ich will ' s Ihnen sagen . Einfach daher , daß ich in einem meiner Briefe für meine einstige Geliebte den Ausdruck Gespenst angewandt habe . So erklärt sich dieses geheimnisvolle Ineinanderfließen . « » Das wäre nicht unmöglich « , entgegnete Georg . Von irgendwoher , undeutlich , kam schlechtes Klavierspiel . Georg blickte hinaus . Auf der gelben Mauer drüben lag die Sonne . Viele Fenster waren offen . An einem saß ein Junge , die Arme aufs Fensterbrett gestützt , und las . Von einem andern schauten zwei junge Mädchen hinunter in den Gartenhof . Das Klappern von Geschirr war hörbar . Georg sehnte sich nach freier Luft , nach seiner Bank am Waldesrand . Bevor er sich aber zum Gehen wandte , fiel ihm ein : » Was ich Ihnen noch sagen wollte , Heinrich , Ihre Verse haben auch Anna sehr gefallen . Haben Sie weitergeschrieben ? « » Nicht viel . « » Es wäre hübsch , wenn Sie alles , was vom Text fertig ist , heute mit hinausbrächten und uns vorläsen . « Er stand am Pianino und schlug ein paar Akkorde an . » Was ist das ? « fragte Heinrich . » Ein Thema « , erwiderte Georg , » das mir für den zweiten Akt eingefallen ist . Es soll den Moment begleiten , in dem der merkwürdige Fremde auf dem Schiff erscheint . « Heinrich schloß das Fenster , Georg setzte sich nieder und begann weiterzuspielen . Da klopfte es an die Tür , und unwillkürlich rief Heinrich » herein « . Eine junge Dame trat ein , in lichtem Tuchrock mit roter Seidenbluse , ein weißes Samtband mit einem kleinen Goldkreuz um den Hals . Ein Florentinerhut , rosengeschmückt , beschattete breitkrämpig das kleine , blasse Gesicht , aus dem zwei große , schwarze Augen blickten . » Guten Tag « , sagte die fremde Dame mit einer dunkeln Stimme , die zugleich trotzig und verlegen klang . » Verzeihen Sie , Herr Bermann , ich wußte nicht , daß Sie Besuch haben . « Und sie sah Georg , der sie gleich erkannt hatte , neugierig an . Heinrich war blaß und hatte Falten auf der Stirn . » Ich habe allerdings nicht vermutet ... « , begann er , dann stellte er vor und sagte zu der Dame : » Wollen Sie nicht Platz nehmen ? « » Danke « , erwiderte sie unwirsch und blieb stehen . » Ich komme vielleicht später wieder . « » O bitte « , fiel Georg ein . » Ich war eben daran , mich zu verabschieden . « Er sah , wie der Blick der Schauspielerin im Zimmer umherirrte , und fühlte ein seltsames Mitleid mit ihr , wie man es manchmal im Traum mit Toten fühlt , die nicht wissen , daß sie gestorben sind . Dann sah er noch den Blick Heinrichs auf diesem blassen , kleinen Gesicht mit unbegreiflicher Härte ruhen und ging . Er erinnerte sich jetzt sehr deutlich , wie er sie auf der Bühne gesehen hatte , mit dem rotblonden Haar , das in die Stirn fiel , und den irrenden Augen . So sehen Wesen nicht aus , dachte er , die dazu bestimmt sind , nur einem zu gehören . Und das sollte Heinrich nie gefühlt haben , der sich auf seine Menschenkenntnis so viel zugute tat ? Was wollte er nun eigentlich von ihr ? Eitelkeit war es , die in seiner Seele brannte , nichts anderes als Eitelkeit . Auf der Straße schritt Georg wie durch trockene Gluten . Die Häusermauern warfen den eingetrunkenen Sommer in die Luft . Georg fuhr mit der Pferdebahn den Hügeln und Wäldern entgegen und atmete freier , als er auf dem Lande war . Langsam spazierte er zwischen Gärten und Villen weiter , dann , am Friedhof vorbei , nahm er eine allmählich ansteigende , weiße Straße , die mit einem ihn freundlich anmutenden Namen Sommerhaidenweg hieß und zu dieser sonnigen Spätnachmittagsstunde von Menschen kaum begangen war . Von dem bewaldeten Höhenzug zur Linken kam noch kein Schatten , nur ein mildes Wehen von Lüften , die in den Blättern geschlafen hatten . Zur Rechten senkte der grüne Hang sich abwärts , gegen das länglich dahinziehende Tal , wo zwischen Ästen und Wipfeln Dächer blinkten . Drüben , hinter Gartenzäunen strebten Weinberge und Äcker auf , zu Wiesen und Steinbrüchen , über denen durchglitzertes Gestrüpp und Buschwerk hing . Im Gelände oft verloren , zog als schmale Linie der Weg , den Georg an andern Tagen manchmal zu wandern pflegte , und sein Auge suchte die Stelle am Waldesrand , wo seine Lieblingsbank stehen mochte . Wiesen und Waldeshöhen hielten am Talesende den Blick auf , und im Spiegel der Luft ließen abendliche Fernen mit neuen Tälern und Hügeln sich ahnen . Dieser Landschaft fühlte Georg sich wunderbar vertraut , und der Gedanke , daß Beruf und Wille ihn in die Fremde rief , webte um seine einsamen Spaziergänge schon in diesen Tagen oft Stimmungen des Abschieds , die freilich von Sehnsucht schwerer waren als von Trauer . Zugleich aber regte sich in ihm ein Vorgefühl reichern Lebens . Es war ihm , als bereite sich in seiner Seele manches vor , das er nicht mit sorgenvollen Sinnen aufstören dürfte ; und in den Untergründen seiner Seele , wo heute schon hineinzuhören ihm nicht gegeben war , rauschte es von Melodien kommender Tage . Auch war er nicht müßig geblieben , um die äußern Umrisse seiner Zukunft klar zu ziehen . Nach Detmold hatte er einen höflichdankenden Brief geschrieben , in dem er sich mit Vorbehalt dem Intendanten für den kommenden Herbst zur Verfügung stellte ; auch den alten Professor Viebiger hatte er aufgesucht , ihm seine Pläne eröffnet und ihn gebeten , sich bei vorkommenden Gelegenheiten des einstigen Schülers zu erinnern . Aber auch wenn wider Erwarten im Herbst nirgends eine Stellung für ihn sich fände , war er entschlossen , Wien zu verlassen , sich vorläufig in eine kleine Stadt oder aufs Land zurückzuziehen und in der Stille für sich weiter zu arbeiten . Wie sich unter diesen Umständen seine Beziehungen zu Anna weiter gestalten sollten , darüber gab er sich keine klare Rechenschaft ; er wußte nur , daß sie niemals enden durften . Es schwebte ihm vor , daß er und Anna einander besuchen und zu gelegener Zeit gemeinschaftliche Reisen unternehmen würden ; später übersiedelte sie wohl an den Ort , wo er lebte und wirkte . Doch schien es ihm nutzlos , all dem in die Tiefe nachzugrübeln , ehe die Stunde da war , da sich sein eigenes Schicksal , wenigstens für die Dauer der nächsten Jahre entschieden hatte . Der Sommerhaidenweg lief in den Wald , und Georg nahm den breiten Villenweg , der an dieser Stelle das Tal durchquerend nach abwärts bog . In wenigen Minuten befand er sich auf der Straße , an deren Ende waldesnah , neben bescheidenen , gelben Parterrehäuschen , nur durch die Balkonmansarde mit dem dreieckigen Holzgiebel über jene erhöht , die kleine Villa stand , in der Anna wohnte . Er durchschritt das Vorgärtchen , wo inmitten des Rasens zwischen Blumenbeeten , auf viereckigem Postament , der kleine blaue Tonengel ihn grüßte ; den schmalen Gang , neben dem die Küche lag , das kahle Mittelzimmer , auf dessen Boden durch die schadhaften grünen Jalousien Sonnenlinien hinspielten , und trat auf die Veranda . Er wandte sich nach links und warf einen Blick durchs offne Fenster in Annas Zimmer , das er leer fand . Nun ging er im Garten längs der Fliederbüsche und Johannisbeerstauden nach aufwärts , und schon von weitem sah er Anna unter dem Birnbaum auf der weißen Bank sitzen , in ihrem weiten blauen Kleide . Sie sah ihn nicht kommen , schien ganz in Gedanken versunken . Er näherte sich langsam . Noch immer blickte sie nicht auf . Er liebte sie sehr in solchen Augenblicken , da sie sich unbeobachtet wähnte und auf ihrer klaren Stirn unbeirrt die Gütigkeit und der Friede ihres Wesens ruhten . Sonnenkringel zitterten auf dem Kies zu ihren Füßen . Ihr gegenüber , auf dem Rasen , lag schlafend die fremde Bernhardinerhündin . Das Tier war es , das , erwachend , Georgs Kommen zuerst bemerkte . Es erhob sich , und schwerfällig trappelte es Georg entgegen . Jetzt sah Anna auf , und ein beglücktes Lächeln schwebte über ihre Züge . Warum bin ich so selten da , fuhr es Georg durch den Sinn . Warum wohn ich nicht heraußen und arbeite oben auf dem Balkon unter dem Giebel , wo man die hübsche Aussicht auf den Sommerhaidenweg hat ? Die Stirne war ihm feucht geworden , so heiß brannte noch immer die Spätnachmittagssonne . Er stand vor Anna , küßte sie auf Aug ' und Mund und setzte sich an ihre Seite . Das Tier war ihm nachgeschlichen und streckte sich zu seinen Füßen hin . » Wie gehts , mein Schatz ? « fragte er , indem er seinen Arm um ihren Nacken legte . Es ging ihr sehr gut , wie gewöhnlich , und heute war ein besonders schöner Tag gewesen . Seit dem Morgen schon war sie sich ganz selbst überlassen , denn Frau Golowski hatte wieder einmal in die Stadt fahren müssen , um nach den Ihren zu sehen . Es war wirklich nicht übel , manchmal so völlig allein mit sich zu bleiben . Da konnte man sich ungestört in seine Träume versenken . Es waren freilich immer dieselben , aber sie waren so hold , daß man ihrer nicht müde wurde . Von ihrem Kinde hatte sie sich träumen lassen . Wie sehr liebte sie es schon heute , noch ehe es geboren war . Nie hätte sie das für möglich gehalten . Ob Georg es denn auch verstünde ? ... und da er versonnen nickte , schüttelte sie den Kopf . Nein , nein ... ein Mann konnte das nicht verstehen , auch der beste , der gütigste nicht . Sie fühlte ja das kleine Wesen schon sich regen , spürte das Klopfen seines zarten Herzens , fühlte diese neue unbegreifliche Seele in ihrer atmen , geradeso wie sie den neuen jungen Leib in ihrem blühen und erwachen fühlte . Und Georg sah vor sich hin , wie beschämt , daß sie dem , was nahe war , mit so viel reinern Sinnen entgegenlebte als er . Denn daß hier , von ihm gezeugt , ein Wesen wurde wie er und selbst wieder bestimmt , neuen Wesen Leben zu verleihen ; daß in dem gesegneten Leib dieser Frau , nach dem ihm schon lange nicht mehr verlangte , nach ewigen Gesetzen ein Leben schwoll , das vor einem Jahre noch ein ungeahntes , ungewolltes , im Unendlichen verlorenes war und nun wie ein seit Urzeit vorherbestimmtes zum Licht empordrängte ; daß er selbst sich nun in der geschlossenen Kette von Urahnen zu Urenkeln gleichsam an beiden Händen gefaßt , unentweichbar einbezogen wußte , ... von diesem Wunder fühlte er sich nicht so mächtig aufgerufen , als es fordern durfte . Und ernsthafter , als sie es sonst zu tun pflegten , besprachen sie heute , was nach des Kindes Geburt zu geschehen hätte . In den ersten Wochen behielt Anna es natürlich bei sich , dann mußte man es wohl zu fremden Leuten geben ; jedenfalls aber sollte es ganz nahe wohnen , so daß Anna es zu jeder Zeit ohne Schwierigkeit sehen konnte . » Und du « , sagte sie mit einem Mal ganz leicht , » wirst du manchmal herkommen uns besuchen ? « Er sah ihr in das verschmitzt lächelnde Gesicht , nahm ihre beiden Hände und küßte sie . » Liebste , was soll ich tun ,