die Fläche hinauslaufen , damit sie uns alle mit einem Male treffen können , « sprach er mit traurigem Tone . Man konnte nicht einen Augenblick verkennen , daß selbst die Stürmischen dieser Insurgenten keineswegs zu etwas Durchgreifendem entschlossen waren . Die Gelegenheit schien ihnen zwar bequem , ihre schlechten Dienstverhältnisse zu den eingebornen Herren des Landes besser zu gestalten , und viele waren der Meinung , daß Polen bestehen könne , ohne daß sie selbst in so tiefer Abhängigkeit von den Edelleuten lebten , aber es war doch selbst in diesen mehr ein romantisches Tappen nach größerer persönlicher Freiheit , als ein klares Bewußtsein . Und sobald die allgemeine Gefahr des gemeinschaftlichen Vaterlandes einen Augenblick dringend wurde , verschwanden alle jene Halbgedanken wie die kleinen Wünsche eines Gefangenen vor dem großen Begriffe der Befreiung . Während es in der Versammlung eine Zeitlang völlig still war , und die Bauern gedankenvoll vor sich hinsahen , wendeten auch Hedwig und Valerius ihre Blicke von den Spalten , und sahen sich gegenseitig an , um einander die Verwunderung über solch eine Szene auszudrücken . Sie waren beide in einer großen Spannung , und es war natürlich , daß sie heftig zusammenschraken , als plötzlich der Laden aufgerissen wurde , der sich auf der andern Seite der Hütte befand , ein langer Bart zum Vorschein kam , und eine unheimliche Stimme mit eulenartigem , weitschallendem Tone rief : » Joel , wo bist du ? « Wie der Sturmwind stürzten die Bauern herbei , und in einem Nu lag der Mann , dem jene Stimme gehörte , niedergeworfen am Feuer unter der Wildraufe , und fünf , sechs Büchsen waren auf ihn angeschlagen . » Ein Spion , ein Spion ! « schrie alles durcheinander . » Ein Jude , ein jüdischer Spion ! « brüllte die Menge gleich darauf , als der Schein des Feuers auf ihn gefallen war . Es war Manasse , Manasse in seinem langen schwarzseidenen Kaftan . Das totenbleiche Gesicht sah ängstlich auf die drohenden Feuerröhre , und mit hastiger Stimme rief er : » Ich bin kein Spion , ich bin der ehrliche Jude Manasse - wo ist mein Sohn Joel ? « schrie er hinterdrein mit kreischender Stimme . » Drückt ab , « stürmte Slodczek , » er hat uns behorcht ; er verrät uns an die Edelleute . « » Im Ringe des Schmiedes wird nicht geschossen , « sagte Magyac , und warf gleichmütig frisches Holz ins Feuer . Die Gewehre senkten sich . Manasse benützte diesen Augenblick zu seiner Verteidigung : » Ich habe nichts gehört , nichts , nicht ein Wort hab ' ich gehört ; von jener Seite bin ich gekommen , um zu suchen meinen armen Sohn Joel . Mein Sohn Joel vergießt für euch sein Blut , er ist Soldat , mein Joel , sie haben ihn vom Pferde geschossen bei Grochow , vom Pferde , das ich ihm selber gekauft ; totgeschossen lag es neben ihm , das schöne Tier , das teure Tier . « » Schlagt ihm den Schädel ein , « unterbrach ihn Slodczek , und ging mit umgekehrter Büchse auf ihn los , » wenn er Geld verdienen kann , verrät er uns doch . « Da riß sich der alte Jude mit der Kraft eines Jünglings aus den Fäusten der beiden Bauern , die ihn festhielten , und die lange , magere Figur streckte sich kerzengerade in die Höhe ; mit der einen Hand riß er sich die schwarze Mütze vom Schädel , die andere streckte er dem andringenden Slodczek entgegen - die dürren Finger zitterten , die dünnen grauen Haare flogen im Winde , er war anzuschauen wie einer jener Propheten , die den Untergang Judas weissagten : » Der Cherem des allmächtigen Adonai falle über euch , so ihr einem unglücklichen alten Manne ein Haar krümmt , euer Stamm sei verflucht bis ins tausendfachste Glied , euer Land soll wüste liegen , wie das Land zwischen Ägypten und Kanaan , euer Name soll vergessen werden auf ewig , und der Würgengel halte Wache an euren Grenzen bis zum Jüngsten Gericht , so ihr euch vergreift mit frechen Händen an einem Manne des strengsten Gesetzes , an einem der Chassidim , an Manasse , dem Auserwählten des hochgelobten Herrn der Heerscharen . « Dieser Bannstrahl machte einen unerwarteten Eindruck auf die Bauern . Es lag ein religiöses Element darin , das die frommen Katholiken berührte , jener schreckliche Bezug auf ihr Vaterland und dessen Zerstörung , der entsetzlichste Gedanke für den wildesten polnischen Bauer , der Anblick und die erschreckende Zuversicht des Greises , womit er die Worte sprach - alles das erzeugte eine Totenstille . Manasse blieb in derselben Stellung , seine Muskeln schienen ehern geworden zu sein , und die düsteren schwarzen Augen leuchteten wie schauerliche Totenfackeln . » Ich soll euch verraten an eure Herren ! O Adonai , wie lange schon liegt dein Zorn auf uns - bin ich nicht ein tiefer gebeugter Sklave als ihr - wenn der Herr euch schlägt mit der Hand , so tritt er mich mit dem Fuße , wenn er den einen von euch mißhandelt , so beklagen ihn die andern , wenn er mich mißhandelt , so lachen sie , wenn ihr unter die Kugeln lauft , und sie euch treffen , so fallt ihr für euer Land , so fallt ihr als Helden , welche die Nachwelt besingt - wenn wir fallen für euer Land , so ist ein Jude weniger , und das ist gut , sprecht ihr dann - weil ich suche meinen Sohn Joel , der vielleicht schon gefallen ist für euch unter den Kugeln der Russen , schlagt ihr auch den Vater tot - das ist auch gut . Und ich soll euch verraten ! Was hab ' ich zu verraten als größeres Elend denn eures « - Dabei sank er zusammen . Hedwig , die ihn plötzlich verschwinden sah unter der Menge , glaubte , man sei im Begriff , ihn umzubringen , und stürzte hinaus , Valerius , der schon längst auf dem Sprunge gestanden hatte , folgte ihr augenblicklich . Nur die Überzeugung , daß er in diesem Augenblicke eine ebenso verhaßte Erscheinung sein müsse , als der Jude , daß er den Verdacht der Bauern , behorcht zu sein , zur Gewißheit steigern würde , hatte ihn bisher abgehalten . Aber der Moment schien ihm der äußerste , als Manasse vor seinen Blicken verschwand , und er bemerkte es kaum , daß auch Hedwig hinauseilte . Ihr Erscheinen machte die Verwirrung vollständig . - » Ein Edelmann - des Grafen Tochter , « schrie alles durcheinander , und im ersten Angenblicke drängten sich die Bauern alle auf eine Seite zusammen , gleich als ob sie sich fürchteten , oder nur in Masse von nun an handeln müßten . Da erschien auch plötzlich Joel , der mit dem größten Erstaunen die Gruppe betrachtete , die so wenig zu den Liebesträumen passen mochte , aus denen er eben erwachte . Er stürzte zu Manasse und richtete ihn auf ; in den Augen des zerbrochenen Greises leuchtete eine unbeschreibliche Glückseligkeit , als er sah , daß es sein Sohn , sein Joel wäre , der ihn unterstützte . Das Feuer war zwischen den Parteien , nur Magyac saß wie ein unbeteiligter Grenzpflock vor demselben , und somit zwischen den beiden in diesem Augenblick so feindlich gegeneinander gestimmten Heeren . Ein rasches Gemurmel flog durch die Gruppe der Bauern - es sind Kiekis Uniformen - ein braves Regiment - wir sind verloren , wenn sie lebendig den Ort verlassen - warum nicht gar - sie müssen daran . - Die letzte Äußerung kam von Slodezek , der Lärm ward stürmisch , die Masse bewegte sich gegen das Feuer zu , Slodezek voran ; Valerius und Joel zogen ihre Säbel , Hedwig stand unbeweglich , nur ihre Augen glitten bald von Joels Gesicht auf das Antlitz des alten Manasse , bald von diesem auf jenes . Magyac nahm ruhig einen Feuerbrand und hielt ihn dem andringenden Slodezek unter die Nase , daß dieser einen Schritt zurückfuhr . » Diese Leute sind die Gäste des Schmiedes von Wavre , « sprach er und sprang in die Höhe . Slodezek aber , ergrimmt durch den steten Widerspruch , riß ihm den Feuerbrand aus der Faust , schleuderte ihn in die Finsternis hinein und fiel dann mit der größten Heftigkeit über Magyac her . Das Signal war gegeben , der Kampf selbst erzeugt dann bei solchen Gelegenheiten den Kampf , wenn die Parteien kurz vorher noch so unschlüssig gewesen wären . Alles drang auf die beiden Soldaten ein , welche ihre wehrlosen Verbündeten zurückschoben , und sich so gut als möglich zu verteidigen gedachten . Das Handgemenge begann . » Holla , ho ! « rief plötzlich eine donnernde Stimme , und von unwiderstehlicher Kraft fühlten sich die ersten Kämpfer auseinandergerissen . - » Der Schmied , der Schmied , « schrie alles , und er stand wirklich zwischen ihnen . Die Flinte hing ihm auf dem Rücken , seine Hand war ohne Waffe , aber sein Blick genügte , dem Kampfe ein Ende zu machen . Er nahm seine dunkelrote Mütze ab , ein unendlicher Schmerz breitete sich über das gefurchte hartkantige Antlitz - die Hände faltend , sah er mit stierem Auge vor sich hin , und leise sprach er : » Vater Kosciusco , das sind deine Polen . « Diese Worte waren bis zum entferntesten Bauer gedrungen - die erst noch so unbändigen Insurgenten standen mit niedergeschlagenen Augen da . Erst nach einer langen Weile sagte Slodezek halblaut : » Vater Florian , sie haben uns behorcht . « » Was habt ihr für Geheimnisse vor ihnen ? « fuhr der Schmied hastig auf , » sie hassen die Tyrannei so gut wie ihr , sie wollen unseres Landes Freiheit so gut wie ihr , sie beten zu Gott , was ihr bittet . « Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu : » Wir gehen alle nach Warschau , übermorgen abends um sechs finden wir uns vorm Hause des alten Krukowiecki , der heilige Adalbert nehm ' uns in seinen Schutz . « » Magyac voraus , zäume die Pferde und führe sie an den Kreuzweg , dort harrt der Wagen für das Fräulein . « Thaddäus , der den Schmied kannte , wußte , daß Eile nötig sei , und flog wie ein Roß über die Lichtung nach dem Walde zu . Die Bauern grüßten den Schmied mit einer Mischung von Ehrfurcht und Vertraulichkeit , und wohl auch mit einem Rest von Scham , daß sie sich vom heißen , zänkischen Blute zu einer Torheit hatten fortreißen lassen , und zerstreuten sich , hastig über die Lichtung schreitend . Jener gemäßigte Alte sagte mürrisch zu seinem Begleiter , als sie in das Dunkel des Waldes traten : » Der Slodczek macht immer tolles Zeug - ' s ärgert mich aber doch , daß mir die hübschen Pferde entgangen sind , ich witterte sie heut ' abend , als ich durch den Wald nach dem Ringe strich , und ich dachte , einmal heimzureiten - ' s war kein Glückstag heute . « Auch der Schmied brach mit den übrigen auf . Valerius wollte ihn gesprächig machen , er gab aber nur kurze , wenn auch höfliche Antworten . Manasse liebkoste seinen Joel und erzählte ihm , wie er in jener Nacht des Aufbruchs aus dem Schlosse dort angekommen sei , um ihn zu warnen vor den sich immer mehr nach jener Seite ausbreitenden Russen . » Ihr wart fort , ich rannt ' euch nach . Auf dem Walplatz im Walde fand ich einen schwerverwundeten Kosaken . Ich verband ihn , damit er mir den Weg zeige , den ihr eingeschlagen . Er wies hierherzu . - Die letzten , sagte er , seien hierherzu geritten , ein junger Soldat mit schwarzem Haar und Bart sei dabei gewesen . Das war der junge Deutsche . - Gleichgültig , Joel , ich bin gelaufen , ohne zu ruhen , und hab ' dich gefunden . « - Dabei liebkoste er ihn heftig . Sie traten in den Wald , aber eine große Helle in ihrem Rücken veranlaßte sie , noch einmal rückwärts zu schauen . Die Wildraufe und die Hütte standen in lichten Flammen . » Das ist der Feuerbrand , « sagte Hedwig , » welchen Slodczek ins Dunkel warf . « Der Schmied sah traurig nach den lustigen Flammen und sprach leise vor sich hin : » Nun habe ich nicht mehr , wo ich mein Haupt hinlegen könnte , wenn ich gehetzt werde wie der Hirsch . « Er fuhr sich mit der flachen Hand über das harte Gesicht . - » Nun , wie die Heiligen wollen ! Ist ' s doch unserem Herrn Christus nicht besser gegangen . « Er nahm die Mütze zwischen die Hände , und seine breiten , festen Lippen bewegten sich , als spräche er ein stilles Gebet . Das Feuer leuchtete unheimlich über die Heide , sein Strahl hatte in der Einsamkeit nur ein paar Krähen aus dem Schlafe gescheucht , die mit ihrem Grabgesange über die Lichtung flogen . Der Schmied wandte sich mit rascher Wendung in den Wald , die andern folgten dem schweigsamen Führer . 14. Es war einige Tage darauf , als Valerius in seinen Mantel gehüllt durch die Straßen von Warschau strich . Der Mondschein lag mit seinen weichen Blicken über der Stadt , wie eine süße Trauer oder wie eine wehmütige Freude . Die äußeren Dinge fügen sich ja nachgiebig unseres Herzens Wünschen , wir lesen unser Herz in ihren Blicken , und demselben Lichte jauchzt der eine wie einer Hochzeitsleuchte entgegen , während der andere eine Begräbnisfackel darin zu sehen glaubt . Darum sagen manche Leute , es sei nichts wirklich als unser Gedanke . Auch Valerius dachte so . » Wozu quält man sich mit den Äußerlichkeiten , « sprach er in seinem trüben Sinne , » unser eigensinniges Herz macht ja doch daraus , was es will . Wozu trachten wir unablässig , Geschichte zu machen , da wir doch nur kleinen Kindern gleichen , die mit lächerlicher Mühe und Sorgfalt ihr Kartenhäuschen aufbauen - ein leichter Windzug wirft es um . Und wir wissen es nicht , von wannen der Wind kam , noch wohin er geht . Ist es denn wirklich größer , ein Held zu sein , Nationen zu bewegen , Völkerschicksale gestalten zu helfen , als daheim zu bleiben bei den Seinen und ihrem kleinen Glücke , ihren unscheinbaren Freuden Kraft und Tätigkeit zu widmen ? Haben die sogenannten Philister nicht am Ende recht , daß wir uns um keine anderen Dinge kümmern sollen , als um jene , die uns zunächst betreffen ? Während ich kämpfe und ringe für eines Volkes Freiheit , weil ich den Begriff der Freiheit für etwas Großes halte , verschmachten vielleicht die Meinen in Angst und Mangel und Kummer - ist denn nun auch wirklich dieser Begriff der Freiheit größer als alle anderen ? Ist es tugendhaft , alles andere darüber zu vernachlässigen ? Großer Gott ! im nächsten Jahrzehnt ist die Entwicklung der Menschen vielleicht in ganz anderen Kreisen , und mein Treiben ist in den Augen der Erleuchtetsten ein törichtes geworden , und das sogenannte Heldentum ist eine moralische Karikatur ! Und wenn das alles , was ich da denke und zweifle , Ausgeburten meines kranken Leibes sind , warum ist die Welt so schwankend , daß sie immer nur aussieht , wie ich sie haben will ? « Dabei war er immer lebhafter hingeschritten durch die Straßen , und war ohne seinen Willen auf die Weichselbrücke gekommen . Eine große Wasserfläche übt stets einen tiefen Eindruck auf das menschliche Herz : das Wasser erscheint uns wie ein unparteiisches Element neben den anderen irdischen Stoffen , teilnahmslos sieht es wie ein großes ewiges Auge auf den Vorübergehenden , und das Schiff und der Schwimmer und der Sturm berühren nur seine Masse , sein Leben ist nicht zu treffen : es mag darüber hingezogen sein , was da will , dasselbe ewige Auge mit seiner Unerforschlichkeit kehrt immer wieder . Wie schweigende Gottheiten gehen die Wasserflächen an unserem Treiben vorüber , und es bedünkt uns manchmal , als wohnte die tiefste Weisheit in ihnen , und als würden wir sie wiederfinden in einem andern Leben , wo sie unbefangen alles erzählen , was auf dieser Erde vorgegangen ist , die einzigen unbeteiligten Historiker neben den Sternen . Die Sterne können nämlich nur von den heiteren Tagen erzählen ; wenn Nebel und Wolken über der Erde liegen , da sehen sie nichts , und sie steigen dann in der nächsten klaren Nacht herab in die Wasserfluten , um sich erzählen zu lassen , was unterdes passiert sei . In solchen Träumereien schaukelte sich Valerius ' Geist , während er am Brückengeländer lehnte und in die murmelnden Wellen hinabsah , mit denen der Mond und die Sterne hin und her fahrend verkehrten . Die schweigende Natur mit ihrer Ewigkeit in den Zügen übte , wie immer , ihre volle Kraft der Beruhigung auf sein Herz , man glaubt dann unmittelbar vor dem Auge Gottes zu stehen , und die Welt schweigt im Menschen . Es war auch ein schöner Platz damals auf der Brücke , die nach Praga hinüberführt : auf der einen Seite die Festung , welche vor dem Feinde sichert , unter sich den breiten glänzenden Strom , auf der andern Seite die stolzen Paläste , deren lichte Fenster der Weichsel erzählten , wie die Polen alle wieder daheim seien , wie die Freude wieder angesiedelt werde in jenen so lange schweigenden , glanzlosen Häusern . Aus der Stadt her schallte Musik und Gesang , und das Herz des traurigen Valerius mußte endlich aufgehen in milderen Gedanken und Empfindungen . Es fiel ihm ein , daß er auf dem Wege zum Grafen Kicki gewesen sei , der ihn zum Ball geladen , er hoffte fröhliche Menschen zu sehen , und ging eiligst zurück nach der Stadt . In einer engen Gasse sah er eine lichte Hausflur , und fröhliche junge Männergestalten , bald in schmutzige Schafpelze , bald in glänzende Uniformen gekleidet , gingen ein und aus ; die ganze Straße hallte wider von patriotischen Gesängen der Ab- und Zugehenden . Er blieb einen Augenblick stehen , und es schien ihm , als sähe er Magyac eintreten . Neugierig ging er ihm nach und erblickte sich bald in einem großen Saale , in welchem sich zahlreiche Gruppen von Männern befanden . Der Raum war spärlich beleuchtet , und das bunte Durcheinander von lauter männlichen Gestalten , die mit etwas gedämpfter Stimme , aber größtenteils rasch und heftig sprachen , machte einen wunderlichen Eindruck . Valerius drückte sich in eine dunkle Ecke . Er wollte versuchen , ob er sich in diesem ihm ganz neuen Elemente zu orientieren vermöchte . Dicht neben ihm stand eine Gruppe Bauern , sie sprachen leise und unverständlich . In seine Nähe drängte sich ein Mann , bis an die Nase in den Mantel gehüllt , die Mütze hatte er tief in die Augen gezogen - es entstand eine Bewegung im Saale , und auf einer Art Tribüne im Hintergrunde desselben erschien eine Figur . Ein stürmisches Beifallsrufen drang aus mehreren Gruppen , die meistenteils aus Offizieren und jungen Männern bestanden , welche , in feinen Zivilkleidern , den gebildeten Ständen anzugehören schienen . Die Bauern neben Valerius sahen neugierig nach der Tribüne , als wäre ihnen die Erscheinung völlig neu und unbekannt . Der Redner - denn als solchen gab er sich bald kund - war eine schmale , hohe Gestalt , ganz in Schwarz gekleidet ; auf dem Kopfe trug er ein Käppchen von eben dieser Farbe , und sein ganzes Ansehen gewann dadurch etwas Klerikalisches . Die Haltung des Körpers schien von Sorgen oder Studien gebeugt zu sein - da die Gegend , in welcher sich der Redner befand , heller beleuchtet war , als die Tiefe des Saales , so konnte Valerius die Gesichtszüge genau unterscheiden . Es lagen tiefe geheimnisvolle Furchen in dem magern blassen Antlitze , die Nase war spitz und scharf geformt , und die tiefliegenden Augen waren still und fast ohne Bewegung , bevor der Redner zu sprechen begann . Dann aber flogen sie zuweilen hervor mit einem wie unterirdischen Feuer , zuweilen glänzten sie sanft und mild wie die Seele der wohlwollendsten Weisheit . Derselbe Wechsel spielte um den feinen Mund und dessen schmale Lippen : bald schienen Pfeile des tiefsten Hasses aus den Winkeln zu fliegen , bald saß ein Lächeln darauf , das aus dem schönsten Herzen zu kommen schien und von unendlicher Liebe zeugte . Die Stimme war sanft und äußerst wohlklingend , und der Akzent der schönste , welchen Valerius noch in Polen gehört : die schwierigsten Konsonanten zerflossen auf jenen feinen Lippen , und alles schmiegte sich in Wohlklang und Reiz . Der Redner begann mit jener anspruchslosen Einfachheit mächtiger Künstler die Geschichte Polens zu erzählen , die Stimme schien leise und schwach , und da die Erzählung mit den fernsten Jahrhunderten aushob , so fürchtete man , es werde ihr für den eigentlichen Zweck , für die Verhältnisse des Augenblicks keine Kraft übrig bleiben . Aber dieser Glaube war sehr irrtümlich . Die Stimme wurde stärker , wie ein Baum , der immer höher wächst , und so wie dieser immer breiter um sich greift mit seinen Zweigen , so schien auch diese Stimme immer tiefer in die Herzen der fernsten Zuhörer zu greifen . Es war eine Stille im Saale , daß man den Fall einer Nadel gehört hätte ; auf allen Gesichtern war die höchste Spannung zu lesen . Die Bauern neben Valerius schienen kaum zu atmen , und so erreichte die Rede ihren Höhepunkt bis zum Ausbruch der neuesten Revolution , die noch mit den lebendigsten , blutvollsten Worten dargestellt wurde . Da hörte sie plötzlich auf , der Redner machte eine Pause . Der Eindruck war über jenen hinaus , wo der Beifall der Zuhörer losbrechen kann , diese waren selbst über den Raum hinausgehoben , und nicht ein Laut unterbrach die feierliche Stille . Der Redner schien auch diese Art der Anerkennung zu verschmähen , denn mit viel schwächerem , aber noch völlig festem und gewandtem Tone sprach er nun über die neuesten Tage . Im Anfange der Rede waren dem aufmerksamen Zuhörer manche kleine unbedeutende Sätze begegnet , die mit dem folgenden in geringem oder gar keinem Zusammenhange zu stehen schienen . Sie betrafen meist die Verhältnisse der niedrigsten Stände und schienen mehr nebenbei vom Redner hingeworfen zu sein , um einen Teil seiner Zuhörer , die in Schafpelzen und ohne Halstuch gekommen waren , nicht ganz leer ausgehen zu lassen . Aber all die kleinen Sätze wurden in diesem letzten Teil der Rede sorgfältig aufgehoben , zusammengerückt , über-und unterbaut , daß man plötzlich ein massives Gebäude der Volksfreiheit vor sich sah , und im ersten Augenblicke stutzig war , wie es so plötzlich fest in allen Teilen aus der Erde habe wachsen können . Es war aber in diesem Abschnitte der Rede alles so fein schattiert , so schnell und gewandt ausgedrückt , daß das Ganze wie ein Luftschloß vorübergaukelte , und der eifrige Aristokrat hätte es anhören können , ohne zum klaren Bewußtsein zu kommen , wie seine innersten Meinungen hastig mit Erde verschüttet würden . Die Argumente , die historischen Data flogen wie das Weberschifflein und die Einschlagfäden vor den Augen durcheinander , und das Gewebe war fertig , dicht und dauerhaft , ohne daß der Zuhörer Absicht und Weise hatte beachten können . Man konnte in der Stunde darauf den Redner vor Gericht ziehen , und niemand wäre imstande gewesen , anzugeben , auf diese oder diese Weise hat er die Demokratie gepredigt . Und zwischen diesem Schaffen und Bauen der Sätze und Gedanken blitzten die mächtigsten Kugeln auf gegen die Unbilden der Aristokratie ; aber auf Blitz und Knall folgte eine ganz unerwartete Wendung der Rede , die scharfen Augen und Mundwinkel waren wieder sanft und glatt , man glaubte sich getäuscht zu haben , man wurde von neuen Interessen erschüttert , und ein neuer Blitz ward von noch größeren Dingen verdrängt , und die Rede schloß mit einem erschütternden Aufrufe zum Kampfe auf Leben und Tod , so daß man selbst nicht wußte , war die Stimme wieder gewachsen oder nicht , hat der Redner zuviel oder zuwenig gesagt , soll man jubeln oder trauern , hassen oder lieben . Aber durchgeschüttelt und gerüttelt , ja erschüttert war alles bis in das innerste Mark , und der lang verschlossene Atem rang sich bei den meisten stöhnend an die Luft . Der Redner war verschwunden , und Valerius fragte in der Betäubung hastig seinen verhüllten Nachbar , wer da gesprochen , obwohl es schien , als ob der Mann unter seinem Mantel nicht gestört sein wolle . » Joachim Lelevel , « war die Antwort . Lelevel , wiederholte Valerius vor sich hin , gleich als fände er einen alten Bekannten . In der Gruppe der Bauern ward der Name wiederholt , und sie schienen nicht weniger ergriffen zu sein von jener Rede als die Gebildeteren . Man glaubt es nicht , wie fein die geistigen Empfängnisorgane dieses Volkes sind . Die Zeit der Knechtschaft hat sie noch geschärft ; wo das ganze Wort nicht erlaubt ist , da lernt man schnell das halbe verstehen - die breite prunkende Art der Rede , das rhetorische Wesen konnte nur bei den Römern entstehen , der weite Länderübermut liegt darin , und darum hat sich jene Gattung in der neueren Zeit auch vorzüglich auf die Franzosen vererbt . Ein unterdrücktes Volk macht wenig Worte . So erklärte sich auch in diesem Augenblicke Valerius jene auffallende Erscheinung unter der Wildraufe , wo die Bauern soviel wie nichts gesagt hatten , und doch für unberufene Ohren zuviel gesagt zu haben fürchteten . Sie glaubten , auch ihre Auslassungen seien behorcht worden . Das ist ein Hauptunglück der Knechtschaft eines Volkes , daß sie die Unbefangenheit verlieren , daß sie Begriffe , welche ihnen zu sprechen verboten sind , am Ende selbst nicht auszudenken wagen , daß sie mißtrauisch werden . Die Gedanken jener Insurgenten waren nicht einmal reif in ihnen geworden , noch weniger hatten sie etwas Vollständiges ausgesprochen , und dennoch glaubten sie zuviel gesagt , die schmerzensreiche Brust viel zu weit geöffnet zu haben . Mit dieser kranken Sagazität und Kombinationsgabe des Verdachtes hatten sie aber Lelevel vollkommen verstanden . Und es mochten wirklich größtenteils dieselben Bauern sein . Bei der Bewegung , welche nach jener Rede unter ihnen entstanden war , erblickte Valerius deutlich das wilde Gesicht des stürmischen Slodczek . Ein anderer Redner war indessen aufgetreten : er war in der Uniform des vierten Regiments , und der Ausdruck seines Gesichts war barsch , unschön , voll Leidenschaft und schlecht verhehlten Grimmes . Er sprach mit wenig Rückhalt herben Tadel aus über die unzureichende Tätigkeit der zeitigen Regierung in Sachen des Krieges und der gesellschaftlichen Umgestaltung , verlangte durchgreifende Reformen gegen die Aristokratie des Landes auf der einen Seite und schonungslose Allgemeinheit der Bewaffnung durch alles Volk , das polnisch spräche . Valerius ward an den Jakobinerklub in Paris erinnert , und als er den Redner verlangen hörte , daß man aufräumen müsse unter all den Leuten , an welchen der leiseste Verdacht des Russentums hafte , da stieg das blasse Angesicht des steinernen Saint-Just vor seinen Blicken auf , und jenes entsetzliche Wort suspect , suspect , das Losungswort der Schreckenszeit , schwirrte um seine Ohren . Diese Erscheinung unumwundener Sprache bei einem allgemeinen Charakter , wie er sich eben an jenem ersten Redner und jenen insurgierenden Bauern herausgestellt hat , darf nicht verwundern . Der Mut ist keinen Gesetzen unterworfen , und jener tollkühne Mut belebte einen großen Teil der damals tätigen polnischen Jugend , die sich im vierten Regimente konzentrierte . Jener Mut übersprang selbst die national gewordenen Eigentümlichkeiten . Diese Rede erregte einen tosenden Lärm , und sie ward eigentlich nicht zu Ende gebracht , sondern der immer höher steigende Sturm übertäubte sie - es lebe Driwiecki - der Name des Redners - es lebe Polen ! brauste der Lärm durcheinander , und besänftigte sich nur zur Regelmäßigkeit , indem er in den donnernden Gesang des bekannten Volksliedes : » Noch ist Polen nicht verloren « überging . Valerius sah die Bauern außer sich vor Bewegung , Tränen liefen ihnen in die Bärte , und sie umarmten und küßten sich stürmisch . Er wollte den Saal verlassen . Unweit der Tür sah er im Dunkeln einen Mann stehen , der abgesondert von allen übrigen dem Sturme der Begeisterung nicht nachzugeben schien . Valerius ging dicht an ihm vorüber . Es war der Schmied . » Gut Nacht , Florian , freust du dich nicht bei solchen Dingen ? « - » Es kommen ernste Zeiten - gute Nacht , Herr ! « Dem Valerius schien es , als folge ihm sein Nachbar , der Mann im weiten Mantel . Als er sich aber vor dem Hause umblickte , gewahrte er nichts . Hastig eilte er nach dem Hause des Grafen Kicki . 15. Auf Flur und Treppen rannten gallonierte Bediente hin und her . Alles war licht und hell , die Musik tönte aus dem Saale - es war ein ganz anderes Element , in welchem sich Valerius wieder fand . Sein empfängliches Wesen nahm auch willig die neuen Eindrücke auf . Seit er das feste Steuer seiner Lebensrichtung verloren hatte , hielt er es fürs Beste , sich dem Leben anzufügen , wie es sich eben darbiete , sein Schifflein schwimmen zu lassen , wie es der Strom treibe . Aber seine Natur widersprach diesem Vorsatze faktisch