Gutgesinnte eine Nachtwache nicht scheuen , wenn er zu fürchten hat , daß ihn der bloße Schlaf nur um eine Linie von der Deutlichkeit seines Erlebens betrügen könnte . Vielleicht finden Eure Exzellenz , daß ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit überschätze . Mag sein , ich habe jedoch meine Pflicht erfüllt und bin mir keiner Versäumnis bewußt . Ich trage schwere Sorge um Caspar , ohne daß ich ganz zu sagen vermöchte weshalb , aber ich bin nun einmal als Geister- und Gespensterseher auf die Welt gekommen , und mein Auge sieht den Schatten früher als das Licht . Nicht vergessen will ich zum Schluß die Erwähnung , daß mir Herr von Tucher bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden übergab , die Caspar vom Herrn Grafen Stanhope geschenkt erhalten . Ich werde die Summe mit nächster fahrender Post an Eure Exzellenz überschicken . Frau Behold an Frau Quandt : Werte Frau , excusez , daß ich mich schriftlich an Sie wende , was Sie extraordinaire finden werden , da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin , obwohl Sie in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten . Mit großem Etonnement vernehme ich , daß der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim weilen wird , und ich fühle mich gedrungen , Ihnen zum Belehr etwelches über den Sonderling zu eröffnen . Sie wissen doch , daß der Hauser das Wunderkind von Nürnberg war . Lob und Verhätschelei hätten bei einem Haar den Knaben zum Narren gemacht , es ist eben ein tolles Volk dahier . In solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem christlichen Mitleid und , ich schwöre , ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen . Bei aller Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil Angst gehabt , wir aber fürchteten nichts , und der Hauser wurde bei uns wie ein Kind geliebt und estimieret . Übel ist uns das gelohnt worden ; keine Erkenntlichkeit vom Hauser , und noch dazu die böse Nachrede seines Anhangs . Wieviel ärgerliche Stunden , wieviel Verdruß er uns durch seine entsetzliche Lügenhaftigkeit bereitet hat , davon sind alle Mäuler stumm . Nachher freilich hat er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer Liebe an unser Herz geschlossen , aber fruchten tat es nichts , der Lügengeist war nicht zu bannen , immer tiefer versank er in dieses abscheuliche Laster . Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen . Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden , denn ich habs mit meinen eignen Augen gesehen , wie er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter , heute ist sie in der Schweiz in Pension , unziemlich und unmißverstehlich näherte . Nachher zur Rede gestellt , wollt ers nicht wahr haben , und aus Rache hat er mir die arme Amsel umgebrungen , die ich ihm donationieret . Gebe Gott , daß Sie nicht ähnliche Erfahrungen an ihm machen ; er steckt voller Eitelkeit , meine Liebe , voller Eitelkeit , und wenn er den Gutmütigen agieret , ist der Schalk dahinter verborgen , und so man ihm den Willen bricht , ist es mit seiner Katzenfreundlichkeit am Ende . Wieviel wir auch durch sein detestables Betragen zu dulden hatten , Undank und Calomnie , aus unsern Lippen ist keine Klage gefahren , denn warum , man hätt ihm auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben können , und ein Betrüger ist er nicht , nur ein armer Teufel , sehr armer Teufel . Ihnen und dem Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen , wenn ich die Decke lüpfe , unter der er seinen Unfug treibet ; der gegen ihn so gütig gesinnte Graf Stanhope wird gewiß bald zu der schmerzlichen Entdeckung gelangen , daß er eine Schlange an seinem Busen nähret . Wäre der Herr Graf nur zu mir gekommen , dieses aber hat der Pfiffikus Hauser hintertrieben , und aus guten Gründen . Seien Sie nur recht wachsam , gute Frau ; er hatte alleweil Heimlichkeiten , bald da , bald dort versteckt er was in einem Winkel , das läßt auf nichts Gutes schließen . Und nun bitte ich Sie oder den Herrn Gemahl , mir in einiger Zeit Nachricht zu geben , wie sich Ihr Zögling produzieret und was Sie von ihm halten , denn ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Plätzchen in meinem Herzen ein , und ich wünsche nur , daß er tätig an seiner Selbstbesserung arbeite , ehe er in die große Welt entrieret , wo er viel mehr Kraft und Beständigkeit vonnöten haben wird als in unsrer kleinen . Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen , ich bin krank ; der eine Doktor meint , es ist ein Geschwür auf der Milz , der andre nennt ' s eine maladie du coeur . Die große Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht angetan , einem die Laune zu verbessern , Gott sei Lob gehen die Mannsgeschäfte im allgemeinen gut . Bericht Hickels über den vollführten Auftrag der Übersiedlung Caspar Hausers : Ich traf am 7. ds . vorschriftsgemäß in Nürnberg ein , verfügte mich sogleich in die Wohnung des Freiherrn von Tucher , fand aber den Kuranden nicht zu Hause und erfuhr zu meiner Verwunderung , daß er sich den ganzen Nachmittag über aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe , was doch gegen die Vorschrift ist , und daß er sich zur Zeit beim Professor Daumer aufhalte , wahrscheinlich in der Absicht , die Reise zu verzögern und dabei die Unterstützung seiner Freunde zu finden . Denn als ich bei Herrn Daumer vorsprach , wurden zu besagtem Zweck alle möglichen Ausreden versucht , auch gefiel sich Hauser selbst in einigen leicht durchschaubaren Schnurrpfeifereien , was mich aber nicht hinderte , auf der mir erteilten Weisung zu beharren . Eine strenge Inquisition nach seinem Verbleib während des Nachmittags blieb fruchtlos , der Bursche gab die albernsten Antworten von der Welt . Mein entschiedenes Auftreten hatte die Wirkung , daß von einer Verzögerung nicht weiter gesprochen wurde , um neun Uhr war der Wagen zur Stelle , es war großer Zulauf in den Gassen , die Leute , vermutlich insgeheim aufgehetzt , gebärdeten sich einigermaßen revoltant , wurden aber durch meine Drohung , daß ich die Wache aufziehen lassen würde , schnell eingeschüchtert . Dem Kutscher gebot ich Eile , und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild der Stadt verlassen . Während der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe Großhaslach ließ mein Kurand nicht eine Silbe verlauten , sondern starrte ununterbrochen in die Dunkelheit hinaus ; gewiß mag es ihm gar trübselig zumute gewesen sein , da er nun doch erkennen mußte , daß es mit seinen großen Hirngespinsten Matthäi am letzten war . Ich hatte den Sergeanten nach Großhaslach bestellt , und derweil die Pferde gefüttert und getränkt wurden , verfügten wir uns in die Poststube . Hauser legte sich daselbst alsogleich auf die Ofenbank und entschlief . Ich konnte aber des Verdachts nicht ledig werden , daß er sich nur schlafend stellte , um mich und den Sergeanten sicher zu machen und unser Gespräch zu belauschen . In diesem Argwohn bekräftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner Lider , wenn ich in nicht gerade schmeichelhaften Ausdrücken seiner Person erwähnte . Um der Sache auf den Grund zu gehen und zugleich herauszubringen , was es mit dem allerwärts verbreiteten Märchen von seinem steinernen Schlummer für eine Bewandtnis habe , nahm ich meine Zuflucht zu einer kleinen List . Nach einer Weile gab ich nämlich dem Sergeanten einen Wink , und wir erhoben uns leise , als ob wir gehen wollten , und siehe da , kaum hatte ich die Türklinke gefaßt , so schnellte mein Hauser wie von der Tarantel gestochen empor , tat ein wenig wirr und verstört und folgte uns , die wir uns kaum das Lachen verbeißen konnten . Im Wagen fragte mich Hauser plötzlich , ob der Herr Graf noch in Ansbach weile ; ich bejahte , fügte aber hinzu , daß Seine Lordschaft dieser Tage gen Frankreich fahren werde , worauf Hauser einen tiefen Seufzer ausstieß ; er lehnte sich in die Ecke zurück , schloß die Augen und schlief nun wirklich ein , wie ich aus seinen tiefen Atemzügen entnehmen konnte . Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorfälle , es war ein Viertel nach drei , als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngasthof anlangten ; ich hatte diesmal harte Mühe , den Hauser aus dem Schlaf zu bringen , und erst als ich ihn energisch anschrie , entschloß er sich , aus der Kutsche zu steigen . Da nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn Grafen nicht wecken lassen wollte , brachten wir den jungen Menschen in eine Kammer unterm Dach ; ich befahl ihm , sich zu Bette zu begeben , sperrte der größeren Sicherheit halber die Tür von außen zu und hieß meinen Sergeanten , bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu bleiben . Soll ich nun zum Schlusse über die Person und das Betragen des Kuranden ein Urteil abgeben , so muß ich bekennen , daß mir der junge Mann wenig Sympathie oder Mitgefühl abnötigte . Sein verschlossenes , trotziges und hinterhältiges Wesen läßt auf einen , wenn auch nicht verdorbenen , so doch angefaulten und widrigen Charakter schließen . Von wunderbaren Eigenschaften hab ich an ihm nichts beobachtet , als eine in der Tat wunderbare Begabung zur Schauspielerei , was noch milde ausgedrückt ist . Ich fürchte , man wird hiesigenorts manche Enttäuschung an ihm erleben . Binder an Feuerbach : Um des ferneren allem überflüssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen , das in derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag , diene die Nachricht , daß ich bereits genügenden Aufschluß habe über den rätselhaften , vier bis fünf Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers am letzten Nachmittag seines Aufenthalts in hiesiger Stadt . Freilich , dieser Aufschluß ist im Grunde keiner , denn so wenig der Jüngling sich selbst hatte erklären wollen , so wenig erklären die mir bekannt gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise . Ich will mich kurz fassen . Am Morgen nach Caspars Abreise kam der Gefängniswärter Hill zu mir und berichtete , der Hauser sei gestern mittag nach eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten , ihm die Kammer zu zeigen , worin er einst gefangen gewesen . Zufällig war an jenem Tag kein Häftling auf dem Luginsland , und er , Hill , habe nach einigem verwunderten Fragen und Forschen Caspar eintreten lassen . Nachdem er eine Weile grübelnd dagestanden , begab er sich in dieselbe Ecke , wo ehedem sein Strohlager gewesen , hockte auf den Boden und brütete stumm vor sich hin . Dem Hill war das befremdlich , und da alle Versuche , den Jüngling seiner Lethargie zu entreißen , nichts fruchteten , kehrte er in seine Wohnung zurück und machte seiner Ehefrau von dem Vorfall Mitteilung . Sie überlegten gerade , was zu tun sei da kam Caspar von selbst die Stufen herunter und trat in das Zimmerchen , das ihm ebenfalls von früher wohlbekannt war , das er jedoch mit bohrend nachdenklichen Blicken durchmusterte , genau wie er oben in der Zelle getan . Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme Mensch habe den Verstand eingebüßt . Die Frau näherte sich ihm , stellte einige Fragen , erhielt aber keine Antwort . Da fiel sein schweifendes Auge auf die beiden Kinder des Wärters , die auf einem Tritt beim Fenster mitsammen spielten , und plötzlich lächelte er gar wunderlich , schlich sich heran und setzte sich am Rand des über den Boden erhöhten Tritts nieder . Hill tat das Vernünftigste , was er tun konnte , er ließ ihn gewähren und wartete ab , was daraus werden würde . Nachdem sich Caspar also niedergelassen , begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren , als ob er nie im Leben Kinder gesehen hätte ; er beugte sich vorwärts , er studierte förmlich ihre Finger , ihre Lippen , seine heißhungrigen Blicke verschlangen gleichsam jede ihrer Gebärden ; der Frau wurde dabei angst und bang , mit Mühe hielt Hill sie ab , dazwischenzufahren , denn er fürchtete nichts . » Kenn ich doch Hausers sanfte Seele « , so drückte er sich mir gegenüber aus . Auf einmal sprang Caspar auf , streckte die Arme in die Luft , stöhnte , starrte vor sich hin , als sehe er einen Geist , dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur Tür und die Treppe hinunter auf den Platz . Hill folgte ihm unverzüglich , denn er schloß mit Recht , daß Caspar in einer bedenklichen Verfassung sei und daß man ihn so nicht sich selber überlassen dürfe . Als er den Burgberg herunter gegen die Füll lief , gewahrte er ihn noch rechtzeitig und konnte ihn im Auge behalten . Caspar eilte nun durch mehrere Gassen , und zwar ganz unsinnig die kreuz und quer , danach über die Glacis und nach St. Johannis hinüber . Hill folgte in einer Entfernung von fünfzig oder sechzig Ellen und hatte auf jede Bewegung Caspars genau acht . Trotzdem es den Anschein ziellosen Gehens hatte , war doch der Schritt des Jünglings so beschleunigt , ja ungeduldig , als wolle er ein vor ihm fliehendes Etwas erhaschen . Es ging nun durch die Mühlgasse , am Ende dieser Gasse breitet sich das flache Feld aus und die Straße verwandelt sich in einen Wiesenweg , der längs der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald hinunterführt . An der Kirchhofsmauer , die so niedrig ist , daß auch ein mittelgroßer Mensch leicht über sie hinwegblicken kann , blieb Caspar jählings stehen , riß den Hut vom Kopf und preßte die Hand gegen die Stirn . Es wird Eurer Exzellenz bekannt sein , eine wie ungeheure Wirkung schon früher einmal bei der Annäherung an den Gräberort an ihm wahrgenommen worden ist . Er schien zu zittern , er atmete mit offenem Mund , seine Züge drückten Grauen aus , die Hautfarbe wurde bleifahl , er sah aus , als könne er sich nicht losreißen , plötzlich aber stürzte er so schnell weiter , daß sein Beobachter Mühe hatte , ihm nah zu bleiben , auch dachte Hill , Caspar müsse ins Wasser stürzen , da er am Flußufer in ein wildes Torkeln geriet . Glücklicherweise wandte er sich gegen den nahen Forst und verschwand alsbald zwischen den Stämmen . Hill hatte Angst , daß er ihm entkommen könnte ; er bemerkte einige Arbeiter , die an einer Erdgrube Sand schaufelten , und forderte sie auf , ihm zu helfen ; drei oder vier gesellten sich zu ihm , und sie drangen verteilt ins Gehölz ; doch Hill selbst war es , der Caspar nach langem Suchen und als er schon höchlichst besorgt wurde , zuerst wieder erblickte . Er sah ihn kniend am Fuß einer mächtigen Eiche , er sah , wie er die Hände aufhob , und hörte ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen : » O Baum ! O du Baum ! « Nichts weiter als diese Worte , und mit solchem Gefühl , wie man ein Gebet spricht , wenn der Geist in höchster Bedrängnis ist . Hill sagte aus , er habe es nicht über sich gebracht , ihn anzurufen , überhaupt hat der einfache Mann bei all diesen Vorgängen ein Zartgefühl und eine Menschlichkeit bewiesen , um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht versagen kann . Die Arbeiter , die er mitgenommen , riefen ihm , er gab ein Zeichen , sie kamen herbei ; Caspar hatte sich indes erschrocken aufgerichtet , blickte die Leute der Reihe nach an , und es schien , als erkenne er Hill nicht . Dieser dankte den Männern und bedeutete ihnen , daß er sie nicht mehr brauche . Von ihm untergefaßt , ließ sich Caspar ohne Widerstand aus dem Forst herausführen ; im Gegensatz zu seinem bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit . Hill fragte ihn , wohin er denn gehen wolle , und nach einigem Zögern antwortete Caspar , er müsse zum Mittagessen zu Herrn Daumer . Da lachte Hill und erinnerte ihn , daß Mittag längst vorbei sei ; als sie vor der Stadtmauer ankamen , begann es schon zu dämmern . Caspar ging jetzt außerordentlich langsam , und trotzdem Hill um vier Uhr auf der Polizeiwache hätte sein sollen , begleitete er ihn noch zu Professor Daumers Haus und wich erst von der Stelle , als sich das Tor hinter seinem Schützling geschlossen hatte . Dies , Exzellenz , die getreue Wiedergabe dessen , was der Mann berichtet hat . Ich habe seine Erzählung , deren Glaubwürdigkeit zu bezweifeln kein Anlaß vorliegt , protokollieren lassen . Aus den Begebnissen selbst weiß ich , wie gesagt , nichts zu machen , auch ist es nicht an mir , den Schlüssen Eurer Exzellenz vorzugreifen . Gestern habe ich mich von Hill zu der Stelle führen lassen , wo Caspar kniend gefunden wurde , denn ich dachte mir , daß da vielleicht etwas Besonderes sei . Es ist , ungewöhnlich bei solcher Stadtnähe , ein friedensvoller Ort ; der Wald ist dicht bestanden , lautlose Einsamkeit fordert zu beschaulicher Stimmung auf . Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und zeigte zum Beweis auf Fußabdrücke und zerwühltes Moos . Sonst habe ich nichts Bemerkenswertes wahrgenommen . Der Polizeisoldat , der durch seine Nachlässigkeit in Caspars Bewachung all dieses verschuldet hat , wurde der verdienten Strafe zugeführt . Lord Stanhope an den Grauen : Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest , obwohl ich zu Weihnachten in Paris sein wollte . Ich sehne mich nach freier Konversation , nach Maskenbällen , nach der italienischen Oper , nach einem Spaziergang auf den Boulevards . Hier sind aller Augen auf mich gerichtet , jeder will teilhaben an mir ; von einer gewissen Hofratsfamilie , die nicht in den besten Verhältnissen lebt , wird erzählt , sie habe eine goldene Stehuhr , ein vortreffliches Erbstück , versetzt , um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu können . Man verdächtigt eine Dame , Frau von Imhoff , uralter Patrizieradel , der näheren Beziehung zu mir , vielleicht nur deswegen , weil die Arme in einer unglücklichen Ehe lebt , an der sich der Klatsch seit Jahren mästet . Scherzhafter Unsinn . Die Dame ist , leider , ein makelloser Mensch . Das übrige Volk ist kaum der Rede wert . Die guten Deutschen sind servil bis zum Erbrechen . Der behäbige Kanzleidirektor , der mit einer sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht , würde mir mit Vergnügen die Stiefel putzen , wenn ichs ihm befähle . Nichts hindert mich , hier eine Art Caligula zu spielen . Zur Sache . Ein äußerer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr vorhanden . Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfüllt . Was verlangt man noch von mir ? Wessen hält man mich noch weiterhin für fähig ? Hat Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wünsche , so wäre es geraten , sie in Bälde vernehmen zu lassen , denn der ergebenst Unterzeichnete ist satt . Die Mahlzeit füllt ihn bis zum Hals , er muß jetzt ans Verdauen denken , Ich gehe mit der Absicht um , in Rom Prälat zu werden oder mich hinter Klostermauern einzusperren , vorher muß ich noch das nötige Schwergeld für den Ablaß beisammen haben ; wenn der Papst kein Einsehen hat , kehr ich in den Schoß der puritanischen Kirche zurück , so bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels enthoben , mir den Bart wachsen lassen zu müssen . Auch in meinem Land gibt es Masken und jedenfalls ein würdigeres Kostüm . Ist der Minister H. in S. , der Pensionist , von allen Vorgängen verständigt und hat man ihn gegen Überfälle gesichert ? An welcher Bankstelle kann ich meinen nächsten Zinsgroschen beheben ? Dreißig Silberlinge ; mit welcher Zahl darf ich die Summe multiplizieren ? Denn auf Multiplikation ist nun einmal mein Leben gestellt . Herr von F. ist vor einigen Tagen nach München abgereist ; dies zur Notiz . Das bewußte Dokument ist , wie ein ranziges Stück Fleisch , von einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen , vorläufig aber noch unzugänglich . Wie hoch normiert man den Preis und , sollten im Kriegsfalle kühnere Maßregeln geboten sein , was billigt man dem jenigen zu , der die Hölle um einen neuen Untertanen reicher machen will ? Ich muß dies wissen , gegenwärtig stellen auch die geringsten Diener des Satans ihre Ansprüche . Wenn Herr von F. so weit kommt , mit der Königin zu verhandeln , wie er beabsichtigt , muß ein geeigneter Repräsentant gefunden werden , um das angefachte Feuer zu löschen ; freilich wird dann das ranzige Stück Fleisch anfangen zu stinken . Dabei fällt mir ein penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein ; wie lautet er doch gleich : » Sie beginnen , mein lieber Graf , zu viel Wert auf das Verruchte und Verfluchte zu legen , sobald es nur einen Anschein von Zweckmäßigkeit und Behendigkeit hat . « Ich nehme diesen Worten die Schminke und lese : es ist unglaublich , was Sie für ein Spitzbube sind . Kennen Sie die hübsche Replik des alten Fürsten M. , als ihn der amerikanische Gesandte ins Gesicht hinein einen Betrüger nannte ? » Mein Lieber , Teurer , « erwiderte der Fürst mit seinem sanftesten Lächeln , » daß Sie doch in Ihren Ausdrücken niemals maßhalten können ! « Ja , halten wir Maß , wenn auch nicht im Tun , so doch im Reden . Wozu Sottisen ? Ein Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann . Wer sich anmaßt , in den Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen , ist ein Philister oder ein Dummkopf , wenn nicht beides . Wer kennt mich ? Wer will mich richten oder formen ? Verrät mich nicht jeder Atemzug ? Verwandte Sterne haben über Ihrer und meiner Wiege geleuchtet . Sie sind ein getreuer Diener . Das ist eine wunderschöne Ausrede . Werfen Sie ab , was Sie bindet , fliehen Sie in eine Einöde , auf das Meer , in die Wüste , zum Pol , auf einen andern Planeten , zu sich selbst und erproben Sie , ob Sie sich noch am Glanz des Himmels und am Schein der Sonne zu freuen vermögen , und wenn das der Fall ist , wollen wir über das Thema weiter verhandeln . Schlagen wir uns in die Nacht wie Wölfe und sammeln wir Mut , denn das Opfer könnte wehrhaft werden . Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge , und ich muß gestehen , daß er es ist , der mich in dieser gottverlassenen Gegend noch immer festhält . Allerdings ohne daß er davon weiß , aber er ist mir in jeder Hinsicht verdächtig geworden , und ich komme mir bisweilen wie ein tauber Musikant vor , der auf einer verstopften Flöte spielen muß . Aber nicht nur dies hält mich , sondern auch noch ein andres , womit ich jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten abholdes Ohr nicht belästigen will . Auf jeden Fall , und dies nun im Ernst , entlassen Sie mich aus der Arena . Ich bin betäubt , ich bin müde , meine Nerven gehorchen nicht mehr , ich werde alt , ich fange an , den Geschmack an Treibjagden zu verlieren ; es erregt meinen Widerwillen , wenn der geängstigte Hase dem bissigsten der Hunde von selbst in die Zähne rennt , ich bin zu sehr Schöngeist , um dies noch ergötzlich zu finden , und ich könnte kaum dafür einstehen , daß ich nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage , die der verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft . Dann aber könnte sich eine merkwürdige Metamorphose begeben , der Hase könnte zum Löwen werden und zurückkehren und die blutgierige Meute müßte zitternd in ihre Hinterhalte schleichen . Doch fürchten Sie nichts : dies sind Zuckungen und Phantasien eines senilen Gewissens . Auch ich bin ein treuer Diener - meiner selbst . Das Werk befiehlt . Unsre Lüste sind die Schergen der Seele . Nur der Dieb , der keine Philosophie im Leibe hat , verdient gehängt zu werden . In meiner Jugend hatte ich Tränen übrig , wenn ich mir den gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete , jetzt bliebe ich ungerührt , wenn man das Kind von der Mutterbrust risse und seinen Schädel am Rinnstein zerschmetterte . Das macht die Philosophie . Wenn sie sich besser bezahlte , wäre ich vielleicht fröhlicher . Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen einen amüsanten Traum erzählen , den ich neulich hatte , eine wahre Gorgo von Traum . Wir beide , ich und Sie , feilschten um eine gewisse Ware ; plötzlich unterbrachen Sie mich mit den Worten : » Nehmen Sie , was ich Ihnen biete , denn wenn Sie jetzt erwachen , bekommen Sie gar nichts . « Ich fand dies Argument göttlich und so wenig zu widerlegen , daß ich in der Tat , mit Angstschweiß bedeckt , erwachte . Genug , übergenug . Mein Jäger überbringt Ihnen diesen Brief , der durch seinen Mangel an Inhalt Ihren Verdruß erregen wird . Das beiliegende Akzept , um dessen Signierung ich bitte , dürfte Sie noch weniger versöhnen . Dem Lehrer habe ich ein Halbjahr im voraus bezahlt . Er ist ein brauchbarer Mann , unbestechlich wie Brutus und lenkbar wie ein frommes Pferd . Wie alle Deutschen hat er Prinzipien , die sein Selbstvertrauen hervorbringen . Gott befohlen , die Nacht will ihren Schlaf . Anbetung der Sonne Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord länger als gewöhnlich in seinen Zimmern . Auch dann vermied er es noch , Caspar rufen zu lassen , und machte erst die tägliche Promenade . Als er zurückkam , ging Caspar vor dem Salon auf und ab ; die Bewegung Stanhopes , als wolle er ihn umarmen , schien Caspar zu übersehen ; er blickte steif zu Boden . Sie traten ins Zimmer , der Lord entledigte sich seines schneebedeckten Pelzmantels und stellte möglichst unbefangen Fragen : wie es Caspar ergangen , wie der Abschied , wie die Reise gewesen und mehr dergleichen . Caspar antwortete bereitwillig , wenn auch ohne Ausführlichkeit , war freundlich und keineswegs bedrückt oder vorwurfsvoll . Dies gab Stanhope zu denken , und es bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite , um die sonderbar kühle Unterhaltung fortzusetzen . Er konnte sogar einen leisen Schrecken nicht unterdrücken , wenn er Caspar ansah , der , ihn mit seinen weinfarbigen Augen fortwährend fremd betrachtete . Es war eine Erlösung , als der Polizeileutnant gemeldet wurde . Stanhope empfing ihn im Nebenzimmer ; sie sprachen dort über eine halbe Stunde leise miteinander . Nachdem der Graf hinausgegangen war , trat Caspar zum Schreibtisch , streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn mit bedächtiger Gebärde auf einen angefangenen , in englischer Sprache geschriebenen Brief ; dann schritt er zum Fenster und blickte in das Schneetreiben . Stanhope kam allein zurück . Er fragte , ob Caspar wisse , wo er untergebracht werden solle . Caspar bejahte . » Es ist am besten , wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin , um dein künftiges Quartier in Augenschein zu nehmen « , sagte der Lord . Caspar nickte und wiederholte : » Ja , es ist am besten . « » Der Weg ist nicht weit , « meinte Stanhope , » wir können zu Fuß gehen ; wenn du es aber wünschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust , die zu erwarten ist , kann ich den Wagen bestellen . « » Nein , « erwiderte Caspar freundlich , » ich gehe lieber ; die Leute werden sich schon trösten , wenn sie sehen , daß ich auch auf zwei Beinen spaziere . « Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring . Erstaunt nahm er ihn in die Hand , sah Caspar an , sah den Ring an , überlegte mit zusammengezogenen Brauen , lächelte flüchtig und wild , dann legte er den Ring schweigend in eine Lade , die er verschloß . Als ob nichts geschehen wäre , zog er den Mantel an und sagte : » Ich bin bereit . « Das Aufsehen in den Gassen war erträglich ; es spielte sich alles in Ruhe ab , das Volk hier war gutmütig und scheu . Über dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrün aufgehängt , in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes » Willkommen « prangte . Quandt trat den Ankömmlingen im braunen Bratenrock entgegen , sonntäglich aussehend , seine Frau hatte einen schottischen Schal umgehängt , damit ihr körperlicher Zustand weniger auffällig hervortrete . Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt , das im obern Flur lag . Der Raum hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand , bot aber sonst ein nettes Ansehen . Über dem altväterisch-bunten Kanapee hing ein schwarzgerahmter Stich ; das Bild stellte ein unsagbar schönes Mädchen vor , das die Arme schmerzlich nach einem Jemand ausstreckte , von dem man gerade noch zwischen Gebüschen die Beine und einen fliegenden Mantel sah . An der andern Wand hingen zwei längliche Deckchen , worauf Sinnsprüche eingestickt waren ; auf dem einen : » Früh auf , spät nieder bringt verlorene Güter wieder « ; auf dem andern : » Hoffnung ist des Lebens Stab von der Wiege bis zum Grab . « Auf dem Sims standen Töpfe mit Winterblumen , und über niedriges Dächerwerk hinweg konnte sich der Blick an einer lieblich geschlossenen Landschaft ergötzen ; schneeweiße Hügel begrenzten in nicht zu großer Weite das ansteigende Tal . Caspar war es beim Hinschauen recht jämmerlich zumute ; er dachte gewisser Vorstellungen von