, das nicht bei mir verhallte und von mir bei euch . Und doch liebe ich euch , als wäret ihr ein Bilderbuch meines Lebens , und Mutters und Vaters . Ich liebe euch sehr . Ich liebe euch wie ein Kind . Und ich werde euch , wenn ich ein ganz Alter bin , noch lieben , als wäre ich ein Kind . « Das war jetzt Einharts Art und Einsamkeit . Und er arbeitete daheim auch in den Jahren in derselben Art , wie er an der Grabhöhle seines toten Vaters Schaufel um Schaufel warf , versunken in den Sinn seines Tuns . Und er atmete und schaute und ließ die Zeit ungehört gehen Jahre um Jahre . 2 Einhart war jetzt ein Mann von einigen vierzig Jahren . Er stand ganz allein , mehr wie je . Ein feiner Herr ging er einher , bekannt unter Freund und Feind wegen der Fremdheit und Eigensinnigkeit seiner Bildwerke und wegen seines vereinsamten , eigensinnigen Lebens . Eines Winters kam es ihm inmitten seiner Farbenträume , inmitten auch der Regsamkeit in den Klubs und Koterien der Stadt , in denen er sich manchmal beobachtend und herumprüfend blicken ließ , plötzlich an wie einem Wandervogel , alles Bekannte zurückzulassen und fortzuziehen . Es waren neu allerhand Zerrissenheiten in ihm aufgebrochen und vieles von seinen Erfüllungen zum Zweifel geworden . Die Menschen um ihn deuchten ihm zu bekannt in ihren Stimmen und Bewegungen . Und er selber dünkte sich durch sein eigenes , langes Herkommen eingeschnürt und ermüdet . Er verlangte den freien Horizont des Lebens zu sehen , wie es den Wandervogel fortreißt in den Höhenwind . Er wollte weit ausblicken und aus der Höhe hinab , einmal zu sehen , wo er eine Erfüllung fände , eine Feier , einen Festtag in die Reihe der eintönigen , einsamen Wandertage , die sein Leben jetzt lange hingegangen . So war Einhart nach Antwerpen gekommen , und wohnte dort am Platz der Grüne . Hinter den Hausern des Platzes ragt der Dom . Er überwächst mit seinem breiten Steinleib alle die kleinen Häuser rings . Der Regen fiel an dem Morgen , als Einhart vor die Tür seines kleinen Hotels hinaustrat . Der Turm ragte dunkelgrau in die graue Märzluft . Als Einhart eintrat , war es drinnen still , wie im Grabe . Die Düsternisse der Nischen breiteten sich in Schattendunkel . Die Bilder um den Hochaltar hatten kaum Farben . Eine kaum merkbare Erhellung ging aus den Fenstern , die gen Morgen lagen , und schwebte streifig über den grauen Steinfliesen des Mittelschiffs . Einhart war lange dem einsamen Dämmerklang seines Schrittes unter den Wölbungen hingegeben . Die graue Schattenweite der kalten Raumtiefen umspann ihn , wie wenn die Stille darin eine Schönheit wäre für alle Sinne . Die marmornen Altargestalten schienen ihm lebendige Leiber , ragend , um zu antworten , was seine Seele zu fragen begann . Ein Dom ! Ein grauer Steinleib mit Zacken und Dach , Zinken und Türmen . In dessen Höhle sich Menschen drängen mit Gebeten , mit Gesängen , mit Wehklagen , mit Hymnen zum Lobe . Und den jetzt die ewige Ruhe ausfüllte wie mit dem Schlafe aller erhabenen Herrlichkeiten . Hoch oben begannen sich die bunten Lunetten der Fenster am Hochaltar zu belichten mit blauen und goldenen Scheinen . Die Säulen sprangen aus dem Dämmer lebendiger fühlbar in die Runde . Die Stimmen vereinsamter Beter gaben ein fernes Raunen , ohne daß Einhart seinen Blick aus der Höhe zurücknahm . Ein Dom ! Und wahrhaftig in Stein getürmt von Menschenhand ! Und wahrhaftig erst einmal im Traum gesehen von Menschenaugen ! Das da steht , wölbt sich wie Berge , und gibt ewige , stumme Kunde . Und es kam Einhart so vor , als ob er aus den Wölbungen und Säulen und ragenden Gestalten in Stein , und hinaus in Dach und Zinnen und Türme einen Ruf , eine Anbetung , eine gewaltige Sturmwelle aus Menschenstimmen , eine unerhörte Macht der Seele lautlos vernähme . Hier schien ihm ein Leib gebaut , dessen Seele mehr deuchte , als seine Seele , dessen Stimme bandenloser aufklang , als seine Stimme . Dessen Gewalt ewig stumm und manchmal mit ehernem Munde rufend , sich belebte , in Stürme und Wolken zu hallen , und sich in das große Rufen der Gebirge und der Wüsten einzumischen . Graue , kanadische Schifferknechte traten durch eine Seitentür unter dem holzgetäfelten Chore , darüber die Silberflöten der gewaltigen Orgel , von Engeln umflogen , schwiegen , und trappten langsam und verschüchtert in die tiefe Stummheit . Das Angesicht dem lichtdurchstrahlten Dunkelraume des Hochaltars kindlich staunend entgegen gewandt , warfen sie sich auf die grauen Steine nieder , bald auch die Häupter tief dem Boden zugeneigt . Kanadische Schifferknechte , die im Hafen gelandet waren , harte , rauhe Männer . Und doch scheu wie das Wild , auch vor dem Erhabenen nur heimlich geängstigt , weil immer und immer bedroht nicht von bestimmten Dingen . Sie beteten in sich eingesunken auf Knieen die kleinen Gebete um ihr enges Leben . Umhergeworfen in harter Frohn , wie Wellen im Meere , hörten sie nie das große Rauschen über den Wassern , darein ihr graues Leben verschäumte . Sie baten : » Hilf uns ! Rette uns ! Bewahre uns ! Bewahre uns ewig für uns ! Laß uns nicht aufgehen ! « Der Glanz vom Hochaltar her fiel eine Weile auch auf sie . Es waren rauhe Seelen , die oft fluchten im Sturmstreit . Sie waren in Furcht niedergesunken . Ein Dom ! Wer hört die Symphonien seiner Einsamkeit ? Wer hört die stumme Sprache der Steine , aus der weiten , ewigen Seele gespeist , die einig ist über unzähligen Menschenhäuptern und Menschenwünschen . Ein Dom ! Kein Kirchenlied ! Der steingewordene Ruf des großen Christ . Auch wenn alle Erinnerung verginge , wird ihn der Steinleib beständig rufen . Es ist ein stummer Ruf durch die Zeiten , den die Kanadier noch nicht hören konnten in ihrer Enge . » Sie werden die Religion der Furcht abstreifen , wie eine tote Haut . Dann wird die Religion der Liebe beginnen , die jetzt nur aus den Steinen redet , « dachte Einhart . * * * Dann waren draußen Glocken verklungen , drinnen kaum wie ein dumpfes Klagen und Surren vernehmbar . Einhart war neu auf die Straße hinaus gekommen . Er stand in seiner dunklen Art mit geschärftem Schwarzauge um sich blickend . Aus den Häusern und in den Straßen begannen Maskeraden zu drängen . Der Regen fiel neu . Es dröhnten ferne Pauken . Es schmetterten Trompeten von einer Ecke des Platzes . Eine bunte Bande Musikanten stürmte trappend daher , hinter der sich ein unabsehbarer Schwarm in Narrenflittern und Ritterharnischen ergoß . Einhart hatte die Stille des Domes noch im Ohre wie eine nieausgesungene Feier . Seine blitzenden Augen sahen jetzt in die bunten Lumpen hinein , in das Getümmel , in Geschrei und Gelächter . Der Tag hatte von nun an keine Ruhe mehr . Zu tollem Schwalle drängten sich allmählich die bunten Scharen . Die Menge wuchs und wuchs . Die Häupter schoben sich wie Wellen im Meer . Die Menge trieb um , wie um Pfeiler an Brücken , Kopf an Kopf , die Münder lachend geöffnet , in beständigem Johlen . Der Dom ragte still . Die Musikbanden marschierten am Dom vorbei . Die Masken dahinter durchpatschten die Pfützen . Keiner achtete weiter . » Sie feiern ein Fest , « dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage . Die hereinsinkende Nacht sah die Stadt in enger , fahler Lampenhelle . Der Regen rann . Aus Pflastersteinen und Häuserwänden nahe und fern schienen Laute und Lärm , Lachen und wirre Musik ewig zu dringen . Die halblichten Straßen und blendenden Plätze , die unter finsterer Graunacht lagen , die Cafés und die Wirtschaften waren durchstürmt von belustigten Lärmern . Reihen buntumflitterter Weiber gingen in tollen Sprüngen vorwärts , wie in Prozession . Daß ihre Schatten und Bilder in den Pfützen zuckten , und hinter jedem Weibe sein Schatten nachsprang wie der eigene Tod . Tumultuarische Gesänge quollen aus aller Mündern so hart und dumpf , als wenn auch die Schatten traurig hallten . Irgendwoher grollte fortwährend wie sinnloses Pochen dumpfer Paukenschlag durch die Nacht . Einhart war mit dem Zuge rasender Weiber vorwärts gegangen , die als grünweiße Bajazzi über die blinkenden Pfützen einhersprangen , dem tollsten Paare nach , das den Reigen führte . Aber dann blieb er in einer Nebenstraße stehen , bis der Lärm sich vereinzelte und dann völlig verebbte . Nur zwei junge Frauenzimmer , wie blaue Schwalben gekleidet , tanzten und rasten im einsamen Halblicht ruhelos umeinander , den matten Laut ferner Musik noch erhaschend , der irgend woher in dem grauen Straßenschlund sich verlor . » Sie feiern ein Fest « , dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage , als er in dem matten Laternenlicht weiterlief . Aus einer kleinen Schenke dröhnte hart und schrill eine Orgel wie von Maschinen getrieben . Der Raum war eng , in den Einhart hinein sah . Die Köpfe drinnen standen wie Ähren im Felde . Matrosen , Schifferknechte und lachende , junge Weiber . Man konnte sich nicht umeinander drehen . Inmitten auf kleinstem Raume vor dem schmutzigen Schanktisch schwang sich ein schwitzendes Paar in Wut und Lust . Einhart war in die Nähe des Domes zurückgegangen . Er witterte empor , sah auf , erlöste seine Bedrückung inmitten des treibenden Getümmels durch einen Blick in die graue Nacht . Die finstere Nacht hing tropfend über der Erde , engte die bleichlichten Menschenwege und gab jedem Dinge und jedem Menschen ihr Schattenzeichen . Der Dom lag dunkel aufragend . Die Fenster spiegelten mit blankem Schein wie von Feuer oder wie Silberplatten . Der graue Turm verlor sich in die Nacht . Und aus der grauen Finsternis nieder hallten über die bleichlichten Menschentaumel und das wirre Tosen dumpf und schwer die Stundenschläge . * * * Einhart kam später auch nach Paris . Welche königlichen Plätze und Straßen ! Daß die Menschheit in bekränztem Reigen durch Triumphbögen und Säulen hineinziehe in die Gärten des Lebens . Da sah er ein Idol hochaufgerichtet über der Stadt . Der Mann mit dem Dreistütz und mit untergeschlagenen Armen , in Bronze ragend , auf einsamer Säule hoch über die Dächer in einsamer Luft . Einhart wußte , daß das der Kaiser der Franzosen war . Der einzige Kaiser . Der heimliche Kaiser noch immer . Der jedem drunten in der hastenden Menge heimlich diese Worte zuflüstert : » Mensch ! Du ! Bist ein Kaiser ! Sei kühn ! Habe Mut ! Befiehl ! Blicke wie ein Tiger ! Alle um dich sind Geängstigte ! Sie liegen vor jedem Idole im Staube ! Mach dich zum Idol ! Vergiß es nie ! So tat ich ! Nun stehe ich über allen ! Das ewige Gleichnis vom kühnen Menschenverächter , vor dem ein ganzes Volk in den Staub sank . « Und Einhart stand auch an dem Sarkophage aus rotem Porphyr , darin die Gebeine des großen Triumphators modern . Er sah die zerschossenen Fahnen seiner menschenmordenden Siege , all die Blutzeichen um ihn aufgestellt . Und die zwölf großen , weißen Engel , die das modernde Gebein bewachen . Und er hörte den Heersoldaten in stumpfem Brüten dort die Reveille trommeln : » Rataplan ! Mensch ! Sei kühn ! Habe Mut ! Befiehl ! Alle um dich sind Geängstigte ! Rage auf ! Du ! Kaiser ! Einziger ! Du selber ! « Und Einhart sah dann auf Straßen und Plätzen in jedes Auge hinein und hörte in jeder Seele nur diese eine Stimme . Und er stieg auch auf die Türme von Notre-Dame und war wirklich in tausend Zweifeln . » Die Dome ragen , « dachte er , » aber die Chimären treiben ein wirres Spiel um ihre Türme . Und aus der Tiefe rufen uns starke Stimmen . « * * * In Paris war es , wo er zum Schluß seines Aufenthaltes in ein stilles , weißes Haus draußen über der Seine eingetreten war . Es liegt hoch über dem grünen Fluß an einem grünenden Hange . Ein Rundbau aus Glas . Licht quillt viel herein . Ein Garten voll Blumen umschließt seine Stille . Dort innen stehen in gläsernen Schränken oder auf hölzernen Postamenten tausenderlei Gestalten aus Ton und Stein . Auf Simsen , offen oder verhüllt , ragt dort der Mensch und sein ringendes , rätselgebundenes Leben als ewiges Gleichnis . Dort sah er Schicksal und letzte Begierden in Steinen stumme Sprache sprechen . Dort flüstert der Traum im übervollen Flügelmantel der Schlafenden sein nie erschautes Geheimnis . Und die versunkene , herrliche Athena wirft sich von der Sehnsucht nach einst erfaßt und mit Tränen aufgescheucht über die Trümmer . Dort ragt der stolze Bürger , von der Macht des Triumphators gebeugt . Und das lieblichste Frauenbildnis voll verborgenen Lebens klingt wie ein sanftes Lied zwischen den harten Schicksalsvisionen , die aus andern Steinen sprechen . Dort schlafen Paolo und Franceska wie Lurche im Schlamme der Erde den sinngebundenen Schlaf , aus uraltem Bluttriebe wie mit Polypenarmen nach einander begehrlich tastend in der Düsternis des Grundes . Dort - inmitten dieser Welt aus Steingestalten , darin im Stein über das einzelne Leben hinaus sich ewige , letzte Verschwisterungen der Schicksale offenbarten , also daß Blöcke und Steine rings um ihn Ideen duften wie Blumen ihre Arome , steht ein einzelner Mensch . Keine zerschossenen Fahnen , keine Blutzeichen um sich . Seine - einsame - Schau , seine - großen - Deutungen , dem Erdenklose eingehaucht zum schauenden Erfüllen der Stunde , zum Erhören , zum Erkennen , zum Mitleben aus der Tiefe ins klare Licht , zur Erhöhung des Lebendigen um und um . Ein Einzelner . Kein Triumphator . Kein Bezwinger der Leiber . Ein Sinnenmächtiger . Auguste Rodin . Ein Sinngebärer . Ein Seelenbezwinger . Auch den Dom hat erst einmal im Traum ein solches Menschenauge geboren . * * * Einhart hatte viel gesehen . Er reiste auch durch Italien . Er sah Rom und Florenz . Er sah vielerlei Einzigkeiten . Er sah Naturen in heißer Sonne , achtete auf die fremden Blumen und genoß die Schatten fremder Bäume . Er sah auch die Schneegebirge ragen . Und Menschen in allerlei Kostümen kreuzten seine Wege . Da war es , daß er sich heimzukehren entschloß , weil er nach der eigenen Welt sich noch brünstiger sehnte . » Du erjagst es nicht . Du erjagst nur dich selbst ! « sagte er . 3 Ein Abend voll sanfter Farbe . Der See weit spiegelnd . Die Gärten und Parks am Uferrande in prachtvoller Fülle und Frische , von weichen Milchtönen umsponnen . So zog der einsame Kahn mit Einhart und einem alten , graubärtigen Schiffersmanne hinaus in die Nacht . Die Wellen gingen rieselnd und gluckend immer um die Planken , und der gleichmäßige Ruderschlag schrob polternd nach , weil die Stangen sich eintönig in ihren Halten am Kahne rieben . Einhart hatte sich in das Boot zurückgelehnt und sah das kleine Fahrzeug mit dem stummen Alten tiefer und tiefer in Dämmer gleiten . Er sah hinein in die mächtigen Berggebilde , die aus dem Dämmer des Sees sich in Abendglut hoben und dann langsam zu kühlem Nachtglanz erblichen . Der Schiffer sah Einhart oft an , ein alter Italiener . Einhart bat , auf umständliche Weise einiges radebrechend , er möchte ein Lied singen . So fuhren die beiden in der langsam dunkelnden Flut . Die rauhe Stimme klang melancholisch . Ein Lied voll Glück und Vergehen mußte es sein . Der Alte sang das Lied mit versunkenem Lächeln . Dem Alten war es lange nicht auf die Lippen gekommen . Lange hatte das Leben kein Lied aus seiner Seele gefordert , nur harte Arbeit und Sichvergessen . Nun deuchte es ihm gut , daß , wenn die Nacht die Schlüfte und Gründe erfüllte , wo die Seewasser tief zwischen den Gipfeln und Rücken im Mittnachtslicht bleichen und dämmern , er aus rauher Kehle seine Töne in das Glucken und Murmeln und Geräusche der Flut mischte . Einhart war auf dem Wege heim . Man sah am Mittnachtshimmel schwarze Fahnen wehen . Wetter voll Drohung zogen über den Gebirgen . Die kleine Laterne , die man am Kiele des Bootes endlich erleuchtet hatte , warf einen spitzen Bootsschatten . Und Einhart , der in die Fahrt hineinsah , mußte es scheinen , als wenn zwei helle Flügel sie über die Dunkelgewässer trügen . Der alte Schiffer kannte die Fahrt . Man mußte den weiten See überfahren . Am anderen Ende , an einem engen Arm , den Gebirgswände fast preßten und erdrückten , lag ein einsames Gasthaus . Aber die Donner aus der Nacht und den Zackengestalten der Berge gegen den fahlen Himmel fingen zu rollen an . Man hörte ein Herandräuen des rauschenden Regens . Er zerstob bald über die beiden im Boote . Blitze begannen ferne zu zucken . Das Wogenspiel erhob sich . Es machte das Boot hastig , wiegte es , belebte den Gang und warf es auf und nieder . Da war das Lied des Schiffers verstummt . Die Blitze zückten näher . Die Finsternis ward tiefdunkel . Die Donner dröhnten aus den Schlünden zwischen den Bergen wieder . Es war tiefe Nacht geworden . Das kleine Licht am Kielende wogte auf und nieder , und die Schatten des Bootes sanken und stiegen und machten die Wasser voll Düsternis und fremder Gestalten . Die Lichtflügel zerrissen in Unruh . Schäume drängten am Plankenwerke auf . Manchmal schlugen Wellen in den Innenraum . Einhart sah auf das Gesicht , das er vor sich hatte . Furcht fuhr nicht in dem Boote mit . Der alte Graubart saß als finstere Silhouette gegen das Laternenlicht , daß Einhart kaum noch seine Züge ahnte . Aber es deuchte ihm , daß der Alte noch immer lachte . Sie hielten trotz hohem Wogendrang die Richtung gut . Alles Bleichgrau aus Himmelshöh war jäh verschwunden . Die fernen Lichter der Ufer waren in Finsternis untergesunken . Es brach weißes Feuer aus der samtnen Schwärze , züngelte wie Schlangen , floß nieder , zerbrach , wie Zersplittern von Bäumen und dumpfes Bellen und Zerkrachen , grollte aufwachend und zerbarst neu in dumpfe , lautlose Erwartung . Rege und jach krochen die bleichglühen Fäden pfeilschnell in der Finsternis hin , fern und hoch , oder nahe . Manchmal ganz nahe jetzt , daß Einhart sich schreckhaft duckte . Das nächtliche Chaos der jagenden Wogen und Wolken auferstand ewig in höllischem Schein , den das Sammetdunkel eben so immer wieder jäh verschluckte . Als wenn die Himmel zerbrächen , barsten die Donner und brandeten und schmetterten unaufhörlich jetzt . Bis dann der Regen hart wirbelnd und trommelnd in die tiefdunkle Nachtflut fiel . Wie Perlen , in Menge ausgeschüttet , tanzten und klirrten die Tropfen auf der finsteren Woge um die Bootsplanken . Und die monotone Weise der jankenden Ruderstangen hörte man mitten hinein in die tausend Rätselgeräusche der Wetter . Noch immer in rabenschwarzer Düsternis Blitz um Blitz , wie glühende Peitschen von Göttern geschwungen . Und wilder , rastloser Wogendrang . Und Grollen und Rollen in den Schlüften , Branden und Verhallen . Einhart war Seele und Auge . Und wenn er sich in Wunder verstrickt fühlte , wurden es Seligkeiten aus Farben . Er sah das Geringste in den Spielen des Lichtes und der Dunkelheiten jetzt . Die Wetter erstarben in tausend rätselhaften Geräuschen . Versickernd . Dröhnend in Höhe und Nähe , rieselnd und ungewiß . Das Boot schoß vorwärts . Die Blitze schwiegen , nur matte Scheine noch . Die Ruhe nach dem Regenfall blieb tief . Die Wolken jagten wie schwarze Riesenvögel in Scharen hoch und ließen ein Stück Nachtäther frei , groß , wie ein See , darin zwei Sterne blinkten . Da besann sich der Schiffermann wieder auf sein Lied . Der Gang des Bootes war noch voll Unruh . Das Lied klang jetzt hell und froh . Lichter am Ufer begannen von ferne zu blinken . Eins . Man kam nahe . Noch eins und noch eins . Man glitt jetzt dem Strande nahe vorüber . In der Haustür einer kleinen Strandhütte stand ein Weib und warf einen langen Schatten in die Nacht . Man glitt hörbar . Man sah wieder die Bewegung . Es ging in Eile . Der Alte sang mit rauher , zitternder Stimme , und beflügelte damit seine Ruderschläge . Man war Stunden gefahren . Einhart war ganz in sein altes , lächelndes Staunen verloren . » Was war ich , « dachte er , » so in die Wetternacht eingesunken ? Komme ich je ans Licht zurück ? « Es gingen undeutbare Gefühle in ihm hin , indessen sein Auge frei den Wolken folgte , die in wechselnder Gestalt gegen grünlichen Nachtäther hinjagten . » Ich ? Wer bin ich ? So gar nicht bekannt weder dem alten , singenden Manne vor mir , noch mir selber , noch den Wasserfluten , noch den Wesen im Dämmerkreise , noch gar jenen Gebirgsgipfeln und Bergzacken , die sich jetzt neu aus den Wolken lösen ? « Er war heiter , wie jetzt fast immer . Und die Welt und er selber kamen ihm jede Stunde nahe , wie neue Enthüllung . Und er erstaunte neu , wie er dann endlich unter Menschen trat . Als das nächtige Ufer eine lichte Fläche von silberblinkenden Steinen , sich dehnte . Als Leute mit Laternen sich nahten . Als sie das Boot und den Graubart und auch den eigenen Menschen Einhart aus der Nacht herauslichteten . Als er endlich auf den Beinen einherging und sich leibhaftig wiedersah . Es war ein kleines , italienisches Gasthaus am Strande . Aber es ging darin laut zu . Man spielte in der erleuchteten , offenen Schenkstube und schrie . Einhart fragte nach einem Hotel höher oben , worein bessere Fremde kehrten . Dort saßen zwei junge Frauen einsam an der Hoteltafel , als Einhart eintrat . Die gleich aufmerksam nach ihm herüber blickten . Er war von schier verzehrter Tiefe in dem sicheren Blick seiner Glutaugen , und ganz sanft und sehr für sich die ganze Reise . Er mußte mit dieser Welt , die um ihn in Neuheiten aufstieg , Tag und Nacht fertig werden . Das rauhe , zitternde Lied des Schiffers klang ihm noch in der Seele wider . Schon am andern Tage ging Einhart eine freie , sonnige Bergstraße einsam nach Norden zu . 4 Heimweh ist eine verborgene Urmacht . Wer weiß , aus welchem Paradiese der Mensch ausgetrieben ? Eine große Fremde ist die Welt . Und es ist ein anderes , sich in dieser Fremde wissend heimisch machen , also daß man darin seine Wege findet . Ein anderes , aus eigener Schöpferfreude dieser Welt Gestalt und Glanz verleihen , in göttlichem Spiele dem ewigen Heimweh Ahnungen von Stillung und Erfüllung zuzutragen . Ist es wahr , daß der Künstler aus seinem zutraulichen Hange zu den Wesen und Dingen dieser einen , weiten Sonnenerdenwelt - er allein - die Fremde der Erdentage vergessen machte , das starre Staunen und Ergrausen vor den Mächten in zartes Mitfühlen und Entgegendrängen verwandelte ? Der Erkenner findet sich zurecht in dieser großen Fremde . Aber der Künstler bildete je und je den Trost , verklärte die ewigen Irrtümer alles Lebendigen in Leidensstufen des Aufgangs , machte aus den Sünden der Seele den großen Preis des Lebens , verriet uns und verrät uns immer neu die innige Bruderschaft zu Stein und Quelle , daß wir in Einöden und Felsengebirgen nicht mehr erzittern , gab den Vögeln unter dem Himmel und den Fischen im Meer Namen und Sprache und schuf Hoffnungen , daß wir mit Augen Paradiese wähnen . So ungefähr war es Einhart im Blute immer lebendig gewesen . Einhart hatte daheim eine richtige Auferstehung gefeiert . Die Zeit der Wanderschaft , die er ein Jahr mit leidenschaftlichem Sinn betrieben , lag jetzt längst hinter ihm . Er war durch die Reichtümer fremder Länder , durch die Fülle wirklichen Weltschauens mit offenem Verlangen hindurch gewandert und hatte Herz und Sinne voller Dränge mit heimgebracht . Und Ahnungen genug . Und sein Blick wurde reich . Seine Freiheit zu bilden , war gewachsen . Auch seine Andacht vor dem Geheimnis allenthalben war groß geworden , und seine mitleidigen Gefühle für die Übermenge derer , die in den Vorhöfen ihrer Sehnsuchten grau in grau wie die zerlumpten Bettelleute vor den Türen der blumengeschmückten Osterkirchen hoffnungslos harren . Alle Dinge weichen zurück in der Zeit . Man weiß zuletzt nicht , ob sie einmal wirklich gewesen ? So ist alles Geschehene nur wie ein Bild , das kleiner und blasser hintreibt und eines Tages nicht ist . Seit Johanna starb , war ein Jahrzehnt und manches Jahr noch vergangen . In solchem Zeitraum bleichen viele Dinge . Und die Luft um manche Seele wird kühl wie Herbstluft . Einhart war nicht Kind noch Jüngling mehr . Seine Stirn hatte Falten , die aus der grabenden Verinnerlichung seines Prüfens sich längst tief eingezeichnet . Seine feinen Lippen lagen streng . Eine tiefe Furche zog sich zwischen der mageren Nase und den herben Mundwinkeln hin , die seinem Gesicht einen Hauch von Gram aufprägte , eine unbestimmte Schicksalsbegleitung , die nie ganz stille wurde , auch wenn seine Augen mit Feuerfunken gütig blickten , und sein Lächeln von sanfter Einfalt über die gelbgrauen Züge huschte . Er war ein wenig grauhaarig geworden . Als er es zufällig entdeckt hatte , hatte er gelacht . Einhart hatte Menschen und Dingen gegenüber eine völlige Ruhe gewonnen . Er hatte sich jetzt ein Lebenlang gewöhnt , Wesen und Ereignisse zu betrachten , wie ein überlegener Zuschauer das Getümmel auf einer Stadtstraße ansieht . Oder öfter noch , wie ein leidenschaftlicher Sammler den schönen , blauen Libellen mit Netz und Nadel nachtrachtet , um sie für seine Schaukästen einzufangen , mag auch solcher Schönheit eigene Seele dabei verhauchen . Einhart war wirklich ein Meister geworden . Wenn Meisterschaft der Name ist nicht für ein rundes , sicheres Können , sondern für das zähe Vorwärtsringen zum eigensten Eigentum , für die ewig ringende Mühewaltung , also daß die Blöcke , die er aus dem Steinbruch brach , manchmal nur halb behauen niederfielen , immer eigenartig genug , aber oft halb begreiflich zuerst , nicht gleich bekannt und geliebt und glatt , daß sie dem herkömmlichen Gefühl oft trotzten . Einharts Meisterschaft lag auch in der Kraft seines Standpunktes . Nie hätte er sich zum herkömmlichen und durchschnittlichen Formwerke je aus seiner Höhe zurück gewandt , den eigenen Blick voll innigster Verwöhnung aussendend , so daß ein Jugendzug in seinen Mienen geblieben , etwas wie Demut , etwas , das wie im Kinde selber immer noch gläubig und traulich das Letzte erwartet . Das kleine , weiße Haus mit den grünen Jalousien , das Einhart gemietet hatte , lag vor der Stadt . Sein großer Atelierraum war jetzt mit mancherlei köstlichen Dingen behangen , feinen , gestickten Seiden und blaßfarbigen Teppichen . Auch zwei antike Grabreliefs hingen da . Bequeme Liegestühle standen auf weichen Tierfellen herum . Und eine Menge gerahmter und ungerahmter Leinwanden waren gegen die Wände gestellt oder ragten auf Staffeleien . Ein kleiner Diener , ein wenig zu kurz geraten in einem sehr langen , blauen Arbeitskittel , Schwenkfeld genannt , der außerdem sechs Finger statt fünf an jeder Hand besaß , ging dienstwillig in Hof und Werkstatt um . Und eine weißhaarige , bebrillte Konditorswitwe versah als Wärterin Küche und Wohnstätte . Und Einhart sah jetzt die Fülle getaner Arbeit mit Zufriedenheit an . Er war verwundert , wie es möglich gewesen , so die Zeit ungehört hingehen zu sehen und nicht zu achten . Es dünkte ihn , daß er in den neuen Werken sich endlich rein gewaschen von aller Absicht . Ganz nur der göttliche Zufall hatte gewaltet . Und der selige Einfall hatte die Gesichte herzugetragen . Er wußte längst , daß es sich nicht erjagen läßt . Daß die Schönheit auch im schaffenden Leben kommen muß , einem selber zum Erschauern , wie die geheimnisvollen , kristallenen Spiegelungen im Wassergrunde hintreiben , indes der Blick verloren in den Waldsee eintaucht . Es war jetzt wirklich nur in freiem Reigen heran gekommen die ganze Zeit . Er hatte allen Ernst völlig abgeschüttelt und lebte neu und neu eine Zeit unmittelbaren Frohgefühles an den Dingen . Die Jahre , die er mit einer vergrabenen Sucht nach dem Sinn gelebt , deuchten ihm überwunden . Die Bilder , die er augenblicklich zu einer Sonderausstellung das erste Mal vereinigen wollte , würden es zeigen , welchen Weg er genommen . Die Frische seiner Pinselstriche war überraschend . Und Einharts Losgebundenheit von aller Überlieferung hatte das ganze Jahr angehalten . Festliche Gefühle , eine Welt der sonderlichsten Einfachheit , schöne Leiber in freien Bewegungen , einfältige , beglückende Landschaften , darin man leben mochte wie auf Paradieswiesen , inniges Menschentum in Ausdruck und Gebärden . Auch manche heimlichen Triebe der Menschenseele offenbarte Einhart in seinen Tafeln mit seltsam herbem Formgefühl . Er sagte viele Male , daß er zu einer reinen Kindsleidenschaft zurückgekehrt wäre . Daß er sich von aller Tiefe , aller Bedeutung , aller Richtung frei gemacht hätte zum einfachen Lieben der Dinge , zu lebendiger Schönheit , zum echten , sonnenhellen Spiele der Kunst . So hatte Einhart nach seiner Heimkehr Sommer und Winter lang einsam gelebt und gearbeitet . Nun begann wieder Frühling zu werden . Als er im Malkittel in seinen Garten trat , darin , wie er einzog , Rosen geblüht hatten , zog ihn jetzt ein Ruch von jungen Veilchen