sein . Es war eine schöne und etwas strenge Frühlingsluft gewesen , welche die Nerven anspannt und ein Gefühl in uns weckt , als stehe ein besonderes Glück vor uns . Auf dem Bahnsteig trafen sie einige andre Paare , die gleich ihnen frühzeitig zurückfahren wollten , und war ihnen ein eignes und sehnsüchtiges Gefühl , wie sie so diese heimlich flüsternden und vertraulichen jungen Leute sahen . In dem Zuge , der wegen der Frühe fast leer war , hatten sie ein Wagenabteil für sich , so fuhren sie allein durch das Dunkel nach Hause . Da wurde die Frau von einem neuen bräutlichen Gefühl übermannt , und die Tränen kamen ihr , sie lehnte sich an die Schulter des Mannes , der faßte ihre Hände , und so fuhren sie schweigend . In der Folge entwickelte sich ein Trotz bei der Frau , weil sie ihr Unrecht fühlte , sie behielt ihren Grund , daß sie ihr Leben genießen wolle , solange sie jung war , und sagte auch , daß die Wohnungsverhältnisse Ursache seien , und endlich fand sie sogar , daß ihr Mann , weil er zu sehr an die Partei gedacht , die Familie vernachlässigt habe . Wie sie aber ihrem Manne von allem schrieb , erwähnte sie von diesen Gründen und Ursachen nichts , sondern sagte nur , daß sie den andern lieber gewonnen habe , und als freier Mensch wolle sie sich von ihm trennen und sich mit dem verbinden . Dieser Brief kam gerade in Weilands schönste Hoffnungen und machte ihm einen sehr tiefen Schmerz , denn es war ihm , als sei er plötzlich wie eine Pflanze , die aus der Erde gerissen ist , und nachdem er etwa eine Woche in dieser Stimmung verharrt hatte , wurde ihm in seinem ganzen täglichen Leben so trostlos zumute , daß er dachte , es könne so nicht bleiben , sonst werde ihn der Überdruß zum Trinken verführen , deshalb beschloß er , daß er Deutschland gänzlich verlassen wollte , und nach Amerika gehen , um in eine völlig neue Umgebung zu kommen und hier durch die Arbeit der Anpassung vielleicht neuen Sinn zu kriegen , denn er dachte sich , daß er noch jung war und sein Leben noch nicht verloren zu geben brauchte , weil er es ja immer noch ganz von neuem zu begründen vermochte . Indem er aber vorher noch von seiner Frau und seinem Kinde Abschied nehmen wollte und besonders das Kind noch zum letzten Male sehen , dachte er , erst nach Berlin zu fahren , und zwar war er ja dort ausgewiesen , aber er hoffte , daß die Polizei , wenn er die Reise geheim betreibe , doch nichts von ihm erfahren werde ; und zur besonderen Vorsicht ließ er sich den Bart abnehmen und das Haar schneiden , um weniger leicht erkannt zu werden ; aber gerade diese Vorbereitung erweckte einen Verdacht , denn da er aus irgend einem Grunde für einen besonders gefährlichen Menschen gehalten wurde , so war er sehr genau beobachtet . So kam er in Berlin an und ging die bekannten alten Wege zu seiner Wohnung , die er früher immer mit großer Fröhlichkeit gegangen war , und klingelte an der Tür , und weil ihn seine Frau nicht gleich erkannte auf dem dunkeln Flur , so hieß sie ihn unbefangen eintreten ; da stand er auf der Küchenschwelle , und der Tisch , der damals ganz neu gewesen , hatte auf der Platte seine Farbe verloren durch den Gebrauch ; aber es war eine weiße Gardine vor dem Fenster , und plötzlich wurde ihm so wehmütig zu Sinn , daß er hätte weinen mögen . Seine Frau stand in der äußersten Ecke und sah erschreckt auf ihn hin , und das Kind war auf ihn zugeeilt und hatte » Papa « gerufen , in der Meinung , er sei der neue Vater , aber dann hatte es seinen Irrtum erkannt und war vor dem fremden Manne erschreckt zurückgelaufen und versteckte jetzt sein Gesicht in der Schürze der Mutter . Das erschütterte ihn mehr wie das Entsetzen seiner Frau , daß sein Kind sich vor ihm fürchtete , da rief er mit schluchzender Stimme : » Sehe ich denn aus wie ein Verbrecher , daß ihr vor mir Angst habt ? « Aber die Frau starrte ihn nur immer besinnungslos an , und das Kind machte das Köpfchen etwas los und blickte scheu zurück ; da kamen ihm die Tränen , und er wagte nicht , einen Schritt vorzusetzen . In diesem Augenblick traten Schutzleute durch die Flurtür herein , die in der Aufregung der beiden offen geblieben war , und einer legte die Hand auf Weilands Schulter und erklärte ihn für verhaftet wegen Bannbruchs ; zerstreut sah er dem bärtigen Mann ins Gesicht , dann schrie er laut den Namen seiner Frau , der kamen jetzt auch große Tränen über die Wangen , aber sie stand noch immer gelähmt . Vor der Tür draußen sammelten sich neugierige Hausbewohner , ein Murmeln und die befehlende Stimme eines Schutzmannes wurde gehört . Da wendete sich Weiland langsam um und ging die Treppe hinab mit den Männern , die ihn verhaftet hatten , und die Knie zitterten ihm , und seine Frau mit dem Kind waren oben in der Küche . Wie er zwischen den Polizisten aus der Haustür auf die sonnenhelle Straße trat , in deren Mitte ein Pferdebahnwagen fuhr , da flüsterten Leute hinter ihm , er sei betrunken ; da ergriff ihn eine unbändige Wut und eine sinnlose Verzweiflung , daß er sich auf den einen Mann stürzen wollte . Wie er eben die Bewegung begann , hörte er eine scharfe und schneidige Stimme rufen : » Achtung ! « Das durchzuckte ihn , und das alte , bekannte Schlagwort , das er selbst vielhundert Mal gerufen , kehrte in ihn : » Laß dich nicht provozieren . « So ging er denn ruhig mit , nur die Fäuste hatte er geballt . Er wurde wegen des Bannbruches zu einigen Wochen Gefängnis verurteilt , und während dieser Zeit hoffte er immer , daß ihn seine Frau noch einmal mit dem Kinde aufsuchen werde , aber die schämte sich und so nahm der Mann von Deutschland Abschied mit Bitterkeit im Herzen . Aber als er vom Schiff aus New York erblickte , wo sich über dem breiten Lager der gewöhnlichen Häuser wie gewaltige Türme des Mittelalters die Riesenbauten erhoben , die mit ihrer obersten Galerie die Wolken streifen und deren Wände doch blitzen von spiegelnden Fensterscheiben , denn nur aus Eisen und Glas sind sie erhoben , da war es , als ob in ihm Begeisterung , Kraft und neue Freude erwachten . Und wie er durch die breiten Straßen ging , wo die Menschen sich rücksichtslos drängten mit willensstark geradeaus gerichteten Blicken und jeder ein Ziel verfolgte und Mut und Hoffnung hatte , da richtete sich auch seine Haltung , nicht in der militärischen Art wie zu Hause , sondern nach amerikanischem Wesen , und ein Einheimischer sah wohl verwundert den Einwanderer mit dem kleinen Bündel an , der gar nicht aussah wie ein gewöhnliches Grünhorn . Und es glückte ihm , daß er gleich Arbeit bekam in seinem Geschäft , und schon nach einem halben Jahre , wie er sich an das Neue gewöhnt hatte , rückte er zu einem Meisterposten auf , dann wurde sein Ehrgeiz immer lebendiger , und nicht lange währte es , da mußte ihn sein Herr , der einst gleich ihm als armer Schustergeselle eingewandert war , mit am Unternehmen beteiligen , und nun hatte er den Weg frei vor sich , der ihn einst zum Reichtum führen mußte . Ganz sonderbar schnell hatte er sich seiner Sprache entwöhnt und waren alle seine Manieren amerikanisch geworden , und weit , weit in den Hintergrund traten ihm seine jugendlichen Bestrebungen und die Erinnerung an Weib und Kind , denn nur zuweilen im Traum kam es ihm , daß er die alten Zeiten sah . Später heiratete er eine amerikanische Frau , die ein schlankes und stolzes Wesen war mit offenem Gesicht , die ihm erschien wie eine Königin , trotzdem sie nur Buchhalterin gewesen war in seinem eignen Unternehmen , und so bereitete er mit die neue Gesellschaft vor , die freilich ganz andrer Art ist wie die einst von ihm geträumte , und die einmal unbarmherzigen Krieg führen wird gegen uns Altväterliche . In Hans begann jetzt allmählich ein Gefühl der Einsamkeit , denn die Jahre waren vorüber , wo man die Vorstellung hat von vielen unbekannten Freunden , die man nur anreden müßte , auch verliert am Ende der Jünglingsjahre das Bewußtsein gemeinsamer Überzeugungen seine Bedeutung , das leicht Menschen zur Freundschaft zusammenbringt , denn in Wahrheit fängt jetzt das Alter an , wo die Ehe eintreten muß und die erfolgreiche Berufsarbeit , in welcher die Fähigkeiten und Kenntnisse verwendet werden , die suchende Jünglingsjahre erworben haben . Aber weder konnte Hans an eine Ehe denken , auch wenn er eine Liebesneigung gefaßt hätte , denn er vermochte nur eben sich selbst zu ernähren , noch erschien ihm seine Tätigkeit als eine Berufsarbeit für das Leben , denn sein Lehrer hatte es ihm wohl nach seinem Versprechen verschafft , daß er bei einem großen wissenschaftlichen Unternehmen mitbeschäftigt wurde , aber die Arbeit war ihm nur ein gemeiner Broterwerb . Aber welche Tätigkeit er sich aussuchen sollte , das konnte Hans auch nicht sagen , und so machte er sich jetzt oft Vorwürfe , daß er sich früher durch zu vielerlei Interessen zersplittert habe . Derart sah er nun auch andre Dinge in einem grauen und unerfreulichen Schein , die ihn früher glücklich gemacht hatten , die unreife Begeisterung der Jugend war erloschen , und Erfahrung und Verständigkeit hatten noch nicht ein neues Bild der Welt geschaffen ; so wunderte es ihn , wie er in einer Volksversammlung ein ganz neues Bild bekam , wo er eine Rede von Heller hörte , in welcher der gehässig über die höheren Stände sprach und den Arbeitern schmeichelte , und die Versammelten jubelten ihm Beifall ; aber der Hochmut und die kindische Art der Leute tat ihm weh , und weil er selbst ein Mensch mit Ehrfurcht war , so kamen sie ihm vor wie freche Knechte . Da erschien ihm plötzlich der Drang nach Gerechtigkeit und der Wunsch auf Gleichheit als ganz unreif , und er kam sich vor wie das Kind , das den Ozean mit der Nußschale ausschöpfen wollte , weil er einst geglaubt hatte , er könne durch ein Urteil über Recht und Unrecht in diesen gesellschaftlichen Vorgängen eine Einsicht haben , die doch durch den geheimen Lebenstrieb der gesamten Gesellschaft bestimmt werden ; und in Wahrheit hatte er vielleicht die Auflösung und den Tod der Gesellschaft erstrebt durch seinen Drang und seinen Glauben . Ganz neu und unbestimmt kam ihm nun zuerst der Gedanke , daß dieser Maurer oder Zimmermann neben ihm nicht behaglich leben dürfe , wenn er selbst oder ein andrer sollte höher kommen können , nicht zu Behagen , sondern zu höherer Wesenheit , und indem fühlte er plötzlich , daß er diese Menge von dumpfen und selbstzufriedenen Menschen haßte . Aber so einsam war er , daß er von dieser Unruhe und Verzweiflung niemand mitteilen konnte , und er hätte auch ein weibliches Wesen haben müssen , dem er seine Gedanken erzählte . So fühlte er sich nun näher hingezogen zu Luise ; die hatte ihr medizinisches Studium beendet und war nach Hause zurückgekehrt , und ihre Absicht war gewesen , nun sich als Ärztin niederzulassen . Aber wie sie das gewollte Ziel erreicht hatte , war plötzlich eine seltsame Müdigkeit und gleichgültiger Sinn über sie gekommen , und sie lebte wochenlang und dann durch Monate untätig , und wie es Menschen in dieser Verfassung geschieht , häuften sich allerhand Schwierigkeiten um sie , als seien sie durch ihre Stimmung herbeigezogen . Hans verspürte nichts von dieser Lage und freute sich nur , daß er ihr manches mitteilen konnte ; aber einmal , bei einem recht gleichgültigen Gespräch sprach sie mit ihrer Stimme , die jetzt müde war , von Zwecklosigkeit . Da tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe ihres Überdrusses und ihrer unerklärten Verzweiflung , und für sich selbst wußte er plötzlich , daß er an demselben Überdruß litt . Und wie er sich nun so umsah nach andern , da fand er , daß ihr Bruder ein glücklicher Mensch war . Den hatte er früher immer verachtet , weil er gar keinen Sinn besaß für die Dinge , die Hans und den andern wichtig erschienen , sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei seiner kleinen Gelehrsamkeit . Eben trat er ins Zimmer , als Luise jene Worte gesagt ; der Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme geschenkt , und er hatte sich dafür schmutzige Trümmer eines alten Buches gekauft , ohne Titel und ohne Schluß , das ein Stück eines im siebzehnten Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen Werkes war ; sein ganzes Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit , liebkosend strich er über den zerfetzten Einband , und Hans wechselte einen schnellen Blick mit Luise , und beide dachten , sie möchten wohl gern solchen Glückes fähig sein , und verwunderten sich , weshalb sie das nicht konnten . Die Ehe von Karl und Johanna hatte sich immer grausiger entwickelt in Haß und Sehnen ; und er gewann bald das heimliche Gefühl des Sieges und wußte , daß er in Kürze frei sein mußte von seiner Kette , und sie war gänzlich ratlos und sah sich von Unverständlichem umgeben . Unmerklich hatte sich eine Wand erhoben zwischen ihnen , deren Wachsen hatte er gesehen und kannte ihre Fugen , sie aber war erstaunt über die neue Mauer , denn ganz plötzlich merkte sie von ihr , dann schlug sie zornig gegen die empfindungslosen Steine , und zuletzt sank sie in sich zurück . Er hatte schon lange geahnt , daß sie ihn nach einiger Zeit vor andern lächerlich machen werde , und nun hatte sie damit begonnen , indem sie über seine Tracht spottete , seine Gangart , seine Art zu sprechen . Und wiewohl sie wußte , daß er sehr litt und sich in ihm Bitterkeit häufte , so fuhr sie doch fort in dieser Weise ; aber der Grund war , daß sie die Mauer einreißen wollte , denn sie verspürte wohl , daß sie ihn gar nicht hatte , weil sie nichts von ihm wußte wegen dieser Mauer , und sie wollte ihn ja verzehren . Auch stellte sie in seiner Gegenwart Betrachtungen über seinen Charakter an . So fühlte er zuzeiten deutlich hinter diesen Roheiten ein Flehen zu ihm , eine Sehnsucht , und einen Willen , der ihn halten wollte ; das machte ihn glücklich durch befriedigte Rache . Ihr dunkler Trieb suchte weiter und äußerte sich in andrer Form , und dachte , daß Karl vielleicht nach irgend einer andern Seite eine starke Neigung hatte , die ihn unangreifbar machte ; deshalb suchte sie mit heftiger Eifersucht in allem , was ihn beschäftigte , und begann Bücher zu hassen , Bekannte zu verfolgen , gegen Gewohnheiten zu schelten , aber fand nichts , das ihr eine Erklärung gab . Da bezwang sie ihre Natur zu Freundlichkeit , zu Entgegenkommen , suchte ihn auf seinem Zimmer auf , indem sie eine andre Absicht vorschützte , und wollte ihn bewegen , zu ihr zu sprechen , ja , sie ging zu ihm , der gebückt über seinem Buche saß , und streichelte ihm die Stirn mit ihrer Hand , und ihre Hand war weich und kühl , und etwas Seltsames floß aus ihr . Aber sein Haß wurde so heftig , daß er sich nicht ruhig halten konnte , und er stand hastig auf und ging fort . Da setzte sie sich und weinte ; und wie er zurückkam und sie mit verweintem Gesicht in seiner Stube fand , mußte er sich zwingen , daß er sich nicht auf sie stürzte , um sie zu töten . So war die Vorbereitung zum Ausbruch . Sie hatte eine große Gesellschaft ihrer Freunde , die ihm alle verhaßt waren , denn er sah in einem jeden von ihnen einen Teil ihres Wesens lebendig vor sich . An jenem Tage erschienen ihm alle Gesichter unnatürlich verzerrt , und wie sie um den runden Tisch sich drängten und verwirrt durcheinander sprachen , da saß er für sich und war zusammengesunken und vergrübelt . So hörte er wie durch einen Schleier eine Weile einzelne Worte aus dem allgemeinen Gespräch , die Johanna mit Krechting wechselte , und langsam wurde es ihm bewußt , daß sie sich auf ihn bezogen , und wie er aufblickte , nahm er einen Blick des Einverständnisses der beiden wahr , das auf seine Kosten ging . Da stand gerade vor ihm ein Tellerchen mit Backwerk , das nahm er und warf es Johanna ins Gesicht . Er warf mit Absicht so , daß es ihr Gesicht flach traf , nicht mit der Kante , damit sie nicht verletzt wurde . Während er das tat , war es ihm , als ob nicht er es sei , der das tue , sondern ein andrer , der ihn gar nichts anging , denn er war ganz ruhig , äußerlich wie innerlich , und wunderte sich , wie er den Teller vor ihrem Gesicht sah . In dem Augenblick , wo er zielte , waren alle stumm geworden und hatten erstarrt auf ihn geblickt . Das Tellerchen traf , und das Backwerk fiel wohl vor ihm auf die Erde , aber das Tellerchen traf sie mitten ins Gesicht . Sie fing es im Herabfallen auf und hielt es in der Hand , ohne Gedanken , indes sie ihn mit großen und erstarrten Augen ansah ; mit einem Male schrie sie laut auf und warf es auf den Boden , als sei es glühend . Er aber erhob sich und ging aus der Tür , machte sich in seinem Zimmer straßenfertig und schritt langsam die Treppe hinunter und aus dem Hause . Alles ließ er dort , und nie kehrte er wieder zurück . Ruhe und Frieden suchte er und etwas , das er nicht nennen konnte . So ging er zu Luise . In ihren Schoß hatte er seinen Kopf gelegt , und langsam stiegen ihm die Tränen in die Augen , denn er hatte nicht sprechen müssen , sondern sie hatte ihn angesehen , und dann hatte er sein Gesicht in ihren Schoß gelegt , und nun streichelte sie ihm die Haare . Ruhig wurde ihm , wie wenn nun alles Meer glatt wäre , und er dachte an nichts , nur fühlen konnte er , und er fühlte , wie Ruhe in sein Herz floß . Dann wußte er , daß er aufstehen mußte , und er stand auf und setzte sich neben sie ; und sie sagte mit gütigem Gesicht , daß er älter geworden war . Wie sie das sagte mit gütigem Gesicht , strömte ihm das Blut zum Herzen , und er sah zwei feine Linien um ihre Mundwinkel . Sie lächelte , wie sie seinen Blick bemerkte und scherzte , daß auch sie nun die Jugend verlassen habe . So plauderte sie weiter , und er wußte , daß ihr das schwer wurde , jetzt so sorglos zu plaudern , und einmal fing er einen besorgten Blick auf , den sie auf sein Gesicht warf ; aber er selbst hätte nichts sagen können , sondern er hörte nur zu , ihrem leisen und freundlichen Wortfall . Von Bekannten erzählte sie und von Bäumen und Blumen . Er liebte eine Bewegung an ihr , wenn sie mit beiden Händen zurück an das Haar faßte . Seine Seele wiegte sich auf ihren Worten , und er schloß die Augen , damit er nur den Klang allein habe . Jetzt wußte er , daß er jeden Tag und jede Stunde an sie gedacht hatte , und daß er zusammengeschreckt war , wenn jemand einmal aus Zufall ihren Vornamen genannt hatte . Und nun saß sie neben ihm mit ihrer Güte und wollte ihm Liebes erweisen in Zartheit . Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt , und wie er eine zufällige Bewegung machte , berührte ihn ihr Kleid . Sie merkte das , und diese Berührung war ihr peinlich , aber sie beherrschte sich und sah ihn mit gutem Lächeln an , und erst eine Weile nachher nahm sie ihr Kleid zusammen und von ihm weg , mit einem entschuldigenden Blick . Dann ging sie zu ihrem Flügel und spielte , und die Töne fluteten langsam heran und schienen groß und umgaben ihn weich und hoben ihn , und er fühlte sie um sich , wie sie weich waren . Dann begannen sie in ihn einzudringen , und mit einem leichten Schauer rührte etwas an sein Herz , und dann noch etwas , da wurde es ihm frei im Haupte und leicht , und es war , als ob alles sich im Herzen befinde , in dem war eine süße Lust , und es verschwand auch alles um ihn , weil es unbedeutend war , und er sah nur , wie Luise spielte , und in ihrem keuschen Nacken kräuselten sich dunkle Löckchen . Von nun an lebte Karl wieder in der Weise wie vor seiner Verheiratung , nur daß auch ihn die Einsamkeit überkam und er viel auf seiner stillen Stube saß , und in seiner Seele bewegte sich herzkränkendes Grübeln , und es war , als sei ihm das Band lockerer geworden , das die verschiedenen Eindrücke , Strebungen und Ausflüsse zu unserm Ich vereinigt , denn hierhin und dorthin begaben sich Teile seines Selbst , und wie von Schmetterlingen flatterte es bunt und willkürlich um sein Haupt . Aber das machte ihn nicht unglücklich , sondern es schien ihm , als ob er zu Frieden und Ruhe wolle , und wie wenn er in einem schweigenden Flusse schwimme und seine Glieder sich lösten in dem Wasser mit leuchtenden Spitzen . In dieser Zeit wurde er vorbereitet auf das Einfließen eines Neuen in ihn , das schon lange sich um ihn geballt hatte . Denn schon seit einiger Zeit war er , was ein wunderlicher Zufall in einer Großstadt scheint , auf seinen Wegen öfters einem Menschen begegnet , der ihm in eigener Art auffiel , vielleicht hätten ihn andere kaum beachtet ; das war ein seltsam linkischer und verlegener Mann , dessen Kleidung nicht absonderlich war und dessen Gesicht , Haltung und Gliedmaßen ebenfalls nichts Merkwürdiges zeigten , und doch war er im ganzen so eigentümlich linkischer und verlegener Art , wie Karl noch nie einen Menschen gesehen hatte . Wie das so geht , schien der Mann umgekehrt auch für Karl ein gewisses Interesse zu haben , denn er sah ihn immer mit einem gewissen Aufleuchten des Gesichtes aus den andern Menschen auf der Straße hervortauchen . An einem naßkalten Novemberabend etwa gegen neun Uhr , wo die entlegene Straße recht einsam war , traf Karl den Fremden , wie er unter dem aufgespannten Regenschirm mit Verdruß eine kalte Zigarette betrachtete , trat zu ihm und bot ihm seine Streichhölzer an ; der Fremde dankte mit etwas übertriebener Höflichkeit , und dann begann ein Gespräch daraufhin , daß sie sich so oft schon auf der Straße begegnet waren ; und wie ihnen dann die ersten gleichgültigen Worte bald ausgingen , da verspürten sie beide den Wunsch , einander nahe zu kommen , und deshalb setzten sie sich zusammen in eine Wirtschaft ; es stellte sich heraus , daß sie Nachbarn waren . Der Fremde , der sich Roch nannte , wußte das Gespräch bald auf einen Weg zu leiten , den Karl mit großer Freude beging . Er stammte aus einer wohlhabenden und guten Familie und war in wohlerzogenem und bravem Zustande auf die Universität gegangen , um nach dem Willen seiner Eltern Jurisprudenz zu studieren . Es entwickelte sich in ihm damals eine ganz besondere Liebhaberei für Bücher , die fast die Art einer Leidenschaft annahm , über der vernachlässigte er beinahe seine Studien , und um die gewöhnlichen Vergnügungen seiner Altersgenossen und Kameraden bekümmerte er sich gar nicht , so daß er sich zu einem etwas sonderlinghaften Menschen entwickelte . Hierüber war seine Familie nicht sehr vergnügt , die wünschte , daß er sich benehmen solle wie Andere , und ihm auch einige Jugendtorheiten gern verziehen hätte , wenn sie von der gewöhnlichen Art gewesen wären , denn sie befürchteten , daß er als ein wunderlicher Mann später keine glatte Laufbahn haben werde , die ihnen allen als das Erstrebenswerteste erschien . Deshalb wurde er in den Ferien auf Besuch zu einem unverheirateten Oheim geschickt , der in einer kleinen Stadt als Kreisarzt lebte und als ein fröhlicher und allen Lebensgenüssen in Unbefangenheit ergebener Mann bekannt war . Vor dem hätte man ein leichtes Blut wohl sehr gehütet , diesen jungen und allzubraven Mann aber hoffte man durch ihn zu der gewünschten mittleren Art von Führung und Auffassung des Lebens erziehen zu können . Des Oheims Betragen machte aber einen ganz unerwarteten Eindruck auf den Jüngling ; denn der hatte bis dahin ganz treuherzig alles aufs Wort geglaubt , was öffentlich von unserm gesellschaftlichen Leben gesagt wird , und hatte nichts geahnt von den geheimen Veränderungen , durch welche die einzelnen Stände , Berufe , Klassen und Personen diese Meinungen ihren besonderen Bedürfnissen anpassen , und nun machte sich der Oheim , der von altjunggesellenhaftem Zynismus war , einen besonderen Spaß daraus , den jüngferlichen Neffen aus diesen Vorstellungen zu entfernen und begann damit , daß er ihm seine sämtlichen Liebesgeschichten nach der Reihe erzählte . Er war aber ein hochgewachsener schlanker Mann mit schneeweißem Knebelbart , rötlichem Gesicht und blitzenden blauen Augen , der so recht herzhaft aus der Brust heraus zu lachen vermochte über den etwas verkümmerten Neffen . Wie er noch Junge war , wohnte neben seinem Elternhause eine Hebamme , die eine einzige Tochter hatte , in seinem Alter , ein schwarzäugiges , rasches und hübsches Mädchen . Einmal mußte er eine Bestellung ausrichten und traf sie allein in der Stube ; da hängte sie sich um seinen Hals , küßte ihn stürmisch ab und bestellte ihn auf den Abend in den Garten , und die war seine erste Liebe gewesen , damals war er zwölf oder dreizehn Jahre alt ; eine Art Rührung huschte über das Gesicht des alten Erzählers , wie er davon sprach . Vor wenigen Jahren kam er einmal wieder in seine Heimat ; und wie er allein durch das Holz ging , begegnete ihm ein sauberes und freundliches altes Mütterchen , die sprach ihn an und fragte , er kenne sie gewiß nicht mehr , und dann nannte sie sich ihm als diese alte Liebste und sagte seufzend , es seien nun fünfundvierzig Jahre vergangen seitdem , nun sei sie lange Großmutter , und da wolle er gewiß nichts mehr von ihr wissen ; aber da sei doch die Jugend noch einmal wieder in ihm wach geworden . Es stand da aber eine schöne alte Buche , die ihre Äste weithin breitete , daß in einem runden Kreise unter ihr kein Unterholz war , sondern nur die gerollten braunen Blätter , zwischen denen einige weiße Blümchen wuchsen . Dem Jüngling tat sich in diesen Wochen ein zauberischer Garten auf voll herrlicher Früchte , die ihn lockten , daß er sie pflücken sollte , nur dürfe er nicht zu zaghaft sein , sondern müsse ohne Furcht den Fuß über die Schwelle setzen ; und so zog eine ganz unbändige und verstandlose Lebenslust in die fast vertrocknete Seele des Jünglings . Es floß aber am Ende des Gartens ein Fluß leise und rasch dahin , der sehr tief war und klardunkles Wasser hatte , und über ihn neigte sich , genau auf der Grenze des Nebengartens , eine alte Weide mit tiefhängenden gelben Ruten , an denen der Frühling kleine helle Blättchen hervorgetrieben hatte . Hier stand der Jüngling oft auf einer vorstehenden Wurzel , hatte den Stamm umfaßt und sah in das still dahinschießende Wasser , denn in seiner Klarheit schwammen kleine Fischchen in einem langen Zuge ; sie schwammen gegen den Strom , und oft standen sie unbeweglich , und plötzlich zuckten sie einmal blitzschnell mit den Schwänzen und flohen auseinander . Diesem Spiel sah er lange zu mit behaglicher Freude und ohne sich Gedanken zu machen ; denn wie der Frühling unsere Sehnsucht erregt und unsre Lust zum Leben , so spendet er uns auch eine süße und träumerische Mattigkeit , in welcher die Stunden rasch dahinfließen mit leisem und gleichmäßigem Rauschen . An einem Nachmittage , wie er an diesen Platz gehen wollte , erblickte er auf der Nachbarseite durch das Gebüsch , das noch licht war , ein Mädchen in hellen und zarten Kleidern , das ganz in derselben Stellung stand wie sonst er selbst , denn sie stand auf der äußersten und unterspülten Wurzel des schrägstehenden alten Baumes und hatte den zarten Arm um den ausgehöhlten Stamm geschlungen und die Gestalt mit dem Köpfchen vorgeneigt , und schaute angestrengt in das lautlos fließende Wasser . Wie sie sein Rascheln hörte , blickte sie sich schnell um , und hatte kornblumenfarbene Augen und ihre Gesichtshaut sah aus wie ein Rosenblättchen , und schien verlegen , und es fiel ihm auf , daß unter der Oberlippe , die etwas zu kurz war , weiße Zähnchen hervorblinkten , das ganz wundervoll reizend erschien . Nun wurden die beiden bald miteinander bekannt , und es zeigte sich , daß sie die Tochter einer Witwe war , deren Mann einen Kaufmannsladen gehabt , die recht ärmlich und allein in dieser kleinen Stadt ihr Leben hinbrachte . Das Mädchen hatte viel gelesen aus den Büchern ihres Vaters , aber nur unsre Klassiker